der Städte wurde durch einberufene deutsche Schulmänner reichlich erweitert und in den meisten Kantonen an eine große Zwillingsschule verteilt , welche aus einem Gymnasium und einer Realschule bestand . Bei der letzteren brachte mich die Mutter nach mehreren Beratungen und feierlichen Gängen unter , und die Leistungen meiner bescheidenen Armenschule , aus welcher ich halb wehmütig und halb fröhlich schied , erwiesen sich bei der Aufnahmeprüfung so genügend , daß ich neben den Zöglingen der guten alten Stadtschulen vollkommen bestand . Denn diese wohlhabenden Bürgerkinder waren nun ebenfalls auf die neuen Einrichtungen angewiesen . So fand ich mich plötzlich in eine ganz andere Umgebung versetzt . Statt wie früher der bestgekleidete und vornehmste meiner Mitschüler zu sein , war ich in meinen grünen Jäckchen , welche ich aufs äußerste ausnutzen mußte , nun einer der unansehnlichsten und bescheidensten , und das nicht nur in Betracht der Kleidung , sondern auch des Benehmens . Die Mehrzahl der Knaben gehörte dem altherkömmlichen Bürgerstande an ; einige waren vornehme feine Herrenkinder , und einige hinwieder stammten von reichen Dorfmagnaten ; alle aber hatten ein sicheres Auftreten und Gebaren , entschiedene Manieren und einen fixen Jargon im Sprechen und Spielen , vor welchem ich blöde und unsicher dastand . Wenn sie sich stritten , so schlugen sie sich gleich mit raschen Bewegungen ins Gesicht , daß es klatschte , und mehr Mühe als das neue Lernen machte mir das Zurechtfinden in diese neue Umgangsweise , wenn ich nicht zuviel Unbilden erleiden wollte . Ich erkannte nun erst , wie mild und gutmütig die Gesellschaft der armen Kinder gewesen war , und schlüpfte noch oft zu ihnen , die mich mit wehmütigem Neide von meinen jetzigen Verhältnissen erzählen hörten . In der Tat brachte jeder Tag neue Veränderungen in meine bisherige Lebensweise . Seit alter Zeit war die Jugend der Städte in den Waffen geübt worden , vom zehnten Jahre an bis beinahe zum wirklichen Militärdienste des Jünglingsalters ; nur war es mehr eine Sache der Lust und des freien Willens gewesen , und wer seine Kinder nicht wollte teilnehmen lassen , war nicht gezwungen . Nun aber wurden die Waffenübungen für die sämtliche schulpflichtige Jugend gesetzlich geboten , so daß jede Kantonsschule zugleich ein soldatisches Korps bildete . Mit den kriegerischen Übungen war das Turnen verwandt , zu welchem wir ebenfalls angehalten wurden , so daß einen Abend exerziert und den andern gesprungen , geklettert und geschwommen wurde . Ich war bisher aufgewachsen wie ein Gras , mich biegend und schmiegend , wie jedes Lüftchen der Lebensregungen und der Laune es wollte ; niemand hatte mir gesagt , mich grad zu halten , kein Mann mich an See und Fluß geführt und da hineingeworfen , nur in der Aufregung hatte ich ein und andern Sprung getan , den ich mit Vorsatz nicht zu wiederholen vermochte . Mein Temperament aber hatte mich nicht dazu getrieben , wie etwa die Söhne anderer Witwen , da ich keinen Wert darauf legte und viel zu beschaulich war . Meine jetzigen Schulgenossen hingegen bis auf den kleinsten herab schwammen alle wie die Fische im See herum , sprangen und kletterten , und hauptsächlich wohl nur ihr Spott nötigte mich , mir einige Haltung und Gewandtheit zu erwerben , da sonst mein Eifer bald erkaltet wäre . Aber noch viel tiefer sollten die Veränderungen in mein Leben einschneiden . Ich trieb mich in einer Genossenschaft herum , welche sämtlich mit einem mehr oder minder genugsamen Taschengelde versehen war , teils aus häuslicher Wohlhabenheit , teils auch nur infolge herkömmlichen Brauches und sorgloser Prahlerei der Eltern . An Gelegenheit , Ausgaben zu machen , fehlte es noch weniger , da nicht nur bei den gewöhnlichen Übungen und Spielen auf den entlegenen Plätzen Obst und Backwerk zu kaufen üblich war , sondern auch bei größeren Turnfahrten und militärischen Ausflügen mit klingendem Spiel es für männlich galt , sich in den entfernten Dörfern hinter Brot und Wein zu setzen Dazu kamen noch die Ausgaben für allerhand Spielereien , welche in der Schule abwechselnd Mode wurden unter dem Vorwande nützlicher Beschäftigung , ferner der lehrreiche Besuch aller fremden Sehenswürdigkeiten , von welch allem sich regelmäßig entfernt halten zu müssen einen unerträglichen Anstrich von Dürftigkeit und Verlassenheit verlieh . Meine Mutter bestritt mit gewissenhaftem Sinne alle die ungewohnten Ausgaben für Lehrmittel , Instrumente und Material und gab mir hierin sogar für eine gewisse Verschwendung Raum . Mit den feinen Zirkeln des Vaters durchstach ich das schönste Papier in der Klasse ; jede Gelegenheit nahm ich wahr , ein neues Heft zu errichten , und meine Bücher waren immer dauerhaft gebunden . Allein in allem andern , das nur entfernt unnötig schien , beharrte sie eigensinnig auf dem Grundsatze , daß kein Pfennig unnütz dürfe ausgegeben werden und daß ich dies frühzeitig lernen müsse . Nur für die Hauptausflüge und Unternehmungen , von denen wegzubleiben ein zu großer Schmerz für mich gewesen wäre , gab sie mir ein kärgliches Geld , welches jedesmal schon in der Mitte des frohen Tages aufgezehrt war . Dabei hielt sie mich in weiblicher Unkenntnis der Welt nicht etwa in der Abgeschiedenheit zurück , wie es sich zu ihrer strengen Sparsamkeit geschickt hätte , sondern ließ mich meine ganze Zeit in der Gemeinschaft der anderen zubringen , mich nur unter lauter wohlgezogenen Knaben und unter der Aufsicht des großen , angesehenen Lehrerpersonales wähnend , während gerade dadurch das Mitmachen und Vergleichen unvermeidlich wurde und ich in tausend Verlegenheiten und schiefe Stellungen geriet . In der Einfachheit und Unschuld ihres Gemütes und ihres Lebenslaufes hatte sie keine Ahnung von dem unheilvollen Giftkraute , welches falsche Scham genannt wird und in den frühesten Tagen des Lebens um so mehr zu wuchern beginnt , als es von der Dummheit der alten Menschen eher gehätschelt und gepflegt als ausgereutet wird . Unter tausend Jugendfreunden und Mitgliedern von Pestalozzi-Stiftungen gibt es vielleicht keine zwölf , welche aus ihren eigenen Erinnerungen sich noch auf das Abc des kindlichen Gemütes besinnen und wissen , wie sich daraus die verhängnisvollen Worte bilden , und man darf sie eigentlich nicht einmal darauf aufmerksam machen , sonst werfen sie sich sogleich auf dieses Gebiet und errichten darüber ein Statut . Auf Pfingsten ward einst ein großer jugendlicher Feldzug angeordnet ; sämtliche kleine Mannschaft , einige hundert an der Zahl , sollte mit klingendem Spiel ausrücken und , über Berg und Tal marschierend , die bewaffnete Jugend einer benachbarten Stadt besuchen , um mit derselben gemeinschaftliche Paraden und Übungen abzuhalten . Es herrschte eine allgemeine Aufregung , gemischt aus der Freude der Erwartung und aus der Lust der Vorbereitung . Kleine Tornister wurden vorschriftsmäßig bepackt , Patronen wurden so viele als möglich über die bestimmte Zahl angefertigt , unsere Zweipfünderkanonen sowie die Fahnen bekränzt , und überdies ging unterderhand das Gerede , wie unsere Nachbaren nicht nur schmucke und gedrillte Soldaten , sondern auch aufgeweckte und lustige Zecher und Kameraden wären , daß es also nicht nur gelte , sich möglichst blank und strack zu halten , sondern jeder sich gut mit Taschengeld zu versehen hätte , um den berühmten Nachbaren auf jede Weise die Stirne zu bieten . Dazu wußten wir , daß dort die weibliche lugend ebenfalls teilnehmen , festlich gekleidet und bekränzt uns beim Einmarsche begrüßen und daß nach dem gemeinschaftlichen Mahle getanzt würde . Auch in dieser Hinsicht waren wir nicht gesonnen , uns etwas zu vergeben ; es hieß , jeder solle sich weiße Handschuhe verschaffen , um beim Balle ebenso galant als militärisch zu erscheinen , und alle diese Dinge wurden hinter dem Rücken der Aufseher mit solcher Wichtigkeit verhandelt , daß es mir angst und bange ward , allem zu genügen . Zwar war ich einer der ersten , der die Handschuhe aufzuweisen hatte , indem meine Mutter auf meine Klage aus den begrabenen Vorräten ihrer lugend ein Paar lange Handschuhe von feinem weißem Leder hervorzog und unbedenklich die Hände vom Abschnitt , welche mir vortrefflich paßten . Hingegen in betreff des Geldes lebte ich der betrübten Aussicht , jedenfalls eine gedrückte und enthaltsame Rolle spielen zu müssen . In solchen Betrachtungen saß ich am Vorabend der Freudentage in einem Winkel , als mir plötzlich ein Gedanke durch den Kopf fahr , ich das Hinausgehen der Mutter abwartete und dann zu dem Möbel eilte , das mein kleines Schatzkästchen barg . Ich öffnete es zur Hälfte und nahm unbesehen ein großes Geldstück heraus , das zuoberst lag ; die anderen rückten alle ein klein wenig von der Stelle und machten ein leises Silbergeräusch , in dessen klangvoller Reinheit jedoch eine gewisse Gewalt ertönte , die mich schaudern machte . Schnell brachte ich meine Beute zur Seite , befand mich aber nun in einer sonderbaren Stimmung , die mich scheu und wortkarg gegen die Mutter werden ließ . Denn wenn der frühere Eingriff mehr die Folge eines vereinzelten äußern Zwanges gewesen und mir kein böses Gewissen hinterlassen hatte , so war das jetzige Unterfangen freiwillig und vorsätzlich ; ich tat etwas , wovon ich wußte , daß es die Mutter nimmer zugeben würde ; auch die Schönheit und der Glanz der Münze schienen von der profanen Verausgabung abzumahnen . Jedoch verhinderte der Umstand , daß ich mich selbst bestahl zum Zwecke der Nothilfe in einem kritischen Falle , ein eigentliches Diebsgefühl ; es war mehr etwas von dem Bewußtsein , welches im verlornen Sohne dämmern mochte , als er eines schönen Morgens mit seinem väterlichen Erbteil auszog , es zu verschwenden . Am Pfingsttage war ich schon früh auf den Füßen ; unsere Trommler , als die allerkleinsten auch die muntersten Bursche , durchzogen in ansehnlichem Haufen die Stadt , umschwärmt von marschbereiten Schülern , und ich beeilte mich , zu ihnen zu stoßen . Meine Mutter hatte aber noch gar viel zu besorgen ; sie füllte meinen Tornister mit Eßwaren , hing mir ein artiges Reisefläschchen um , mit Wein gefüllt , steckte mir noch hie und da etwas in die Taschen und gab mir gute Verhaltungsregeln . Ich hatte längst mein Gewehr auf der Schulter und die Patrontasche umgehängt , worin auch mein großer Taler steckte , und wollte mich endlich ihren Händen entreißen , als sie ganz verwundert sagte , ich werde doch etwas Geld mitnehmen wollen ? Hierauf nahm sie das bereits Abgezählte hervor und unterwies mich , wie ich es einzuteilen hätte . Es war zwar nicht überreichlich , aber doch anständig und vollkommen hinreichend und selbst für unvorhergesehene Fälle berechnet . In einem Papiere war noch ein besonderes Stück eingewickelt , welches ich in dem gastfreundlichen Hause , wo ich einquartiert würde , den Dienstboten zu geben hätte . Wenn ich die Sache recht betrachtete , so war dies auch die erste Gelegenheit , wo eine solche Ausstattung eigentlich notwendig schien , und die Mutter ließ es also nicht an dem Ihrigen fehlen . Aber nichtsdestominder war ich überrascht ; ich geriet in die größte Verlegenheit und Aufregung , und indem ich die Treppen hinunterstieg , drangen mir seltenerweise Tränen aus den Augen , daß ich sie hinter der Haustür abtrocknen mußte , ehe ich auf die Straße trat und zu dem fröhlichen Haufen stieß . Der allgemeine Jubel hätte in meinem Gemüte , welches durch die liebevolle Sorge der Mutter bewegt war , einen um so empfänglichern Grund gefunden , wenn nicht der Taler in der Tasche mir wie ein Stein auf dem Herzen gelegen hätte . Jedoch als sich die ganze Schar zusammenfand , das Kommando ertönte und wir uns ordneten und abzogen , wurden meine düsteren Gedanken gewaltsam unterdrückt , und als ich , zur Vorhut eingeteilt , schon auf den freien Höhen ging unter dem morgenfrischen Himmel und der lange Zug schimmernd und singend , mit wehender Fahne , sich zu unsern Füßen heranbewegte , da vergaß ich alles und lebte nur dem Augenblicke , welcher , Perle für Perle , von der glänzenden Schnur der nächsten Erwartung fiel . Wir führten ein lustiges Vorhutleben ; ein alter Kriegsmann , in fremden Diensten ergraut und nun dazu verwendet , uns kleinen Nesthüpfern das Handwerk beizubringen , leitete uns an zu allerlei Schabernack und ließ sich unablässig bestürmen , aus unsern Feldflaschen zu trinken , was er mit scharfer Kritik des Inhaltes tat . Wir waren stolz , keinen der Schulmänner bei uns zu haben , welche die große Kolonne begleiteten , und hörten andächtig die Kriegsabenteuer , so uns der alte Soldat erzählte . Zur Mittagszeit machte der Zug in einem sonnigen unbewohnten Talkessel halt ; der wilde Boden war mit vielen einzelnen Eichen besetzt , um welche sich das junge Volk lagerte . Wir Leute der Vorhat aber standen auf einem Berge und schauten zufrieden auf das fröhliche Gewühl hinunter . Wir waren still geworden und schlürften den stillen glanzvollen Tag ein ; der alte Feldwebel lag froh an der Erde und blinzte in den ruhevollen Horizont hinaus , über blaue Ströme und Seen hin . Obgleich wir noch nichts von landschaftlicher Schönheit zu sagen wußten und einige vielleicht in ihrem Leben nie dazu kamen , fühlten wir alle doch ganz die Natur , und das um so mehr , als wir mit unserm Freudenzuge eine würdige Staffage in der Landschaft bildeten , selbst handelnd darin auftraten und daher der empfindsamen Sehnsucht untätiger Naturbewunderer enthoben waren . Denn ich habe erst später erfahren und eingesehen , daß das müßige und einsame Genießen der gewaltigen Natur das Gemüt verweichlicht und verzehrt , ohne dasselbe zu sättigen , während ihre Kraft und Schönheit es stärkt und nährt , wenn wir selbst auch in unserm äußern Erscheinen etwas sind und bedeuten ihr gegenüber . Und selbst dann ist sie in ihrer Stille uns manchmal noch zu gewaltig ; wo kein rauschendes Wasser ist und gar keine Wolken ziehen , da macht man gern ein Feuer , um sie zur Bewegung zu reizen und sie nur ein bißchen atmen zu sehen . So trugen wir einiges Reisig zusammen und fachten es an ; die roten Kohlen knisterten so leis und angenehm , daß auch unser graue und rauhe Führer vergnügt hineinsah , während der blaue Rauch dem Heerhaufen im Tale ein Zeichen unseres Aufenthaltes war ; trotz der mittäglichen Sonnenhitze schien uns die erhöhte Glut des Feuers lieblich ; wir verlöschten es ungern , als wir abzogen . Gar zu gern hätten wir einige Schüsse in die stille Luft gesandt , wenn es nicht streng untersagt gewesen wäre ; ein Knabe hatte schon geladen und mußte den Schuß kunstgerecht wieder aus dem Gewehre ziehen , was ihm so peinlich war als einem Schwätzer das Unterdrücken eines Geheimnisses . Im Scheine des Abendgoldes sahen wir endlich die befreundete Stadt vor uns , aus deren mit Blumen und grünen Zweigen bekleidetem altertümlichen Tore die so wie wir gerüstete Jugend uns entgegentrat , umgeben von den schaulustigen und freundlichen Eltern und Geschwistern . Ihre Artillerie löste uns zu Ehren eine Anzahl von Schüssen ; wir betrachteten mit kritischem Auge , wie die kleinen Kanoniere neben der Mündung mit ebenso zierlicher Verrenkung sich zurückbogen , wenn die Lunte sich dem Brander näherte , und nach dem Schusse ebenso hampelmännisch sich mit dem Wischer auslegten , wie das alles bei uns üblich war . Noch mehr Ursache zur Eifersucht gaben uns die hübschen Perkussionsgewehre , womit unsere Kameraden einherzogen , da wir selbst nur alte Steinschlösser hatten , welche sich dann und wann erlaubten zu versagen . Die Regierung dieses Kantons stand ein wenig im Geruche , in ihrem aufgeweckten Sinne für alles Gute und Schöne manchmal mehr Aufwand zu machen , als sich mit haushälterischer Bedächtigkeit vertrüge , und harte demgemäß für ihre Schuljugend solche neue Waffen beschafft zu einer Zeit , wo dergleichen erst bei größeren Militärstaaten in der Einführung begriffen waren . So hörten wir denn , während unsere Freunde uns wohlgefällig erklärten , wie bei ihnen während der Ladung die Bewegung von » Pulver auf Pfann ' « nun wegfiele , unsere erwachsenen Begleiter heimlich einen bedächtigen Tadel über solchen Aufwand aussprechen . Doch waren wir endlich ermüdet und gaben uns willig den Einladungen der Familien hin , welche sich so eifrig um unsere Beherbergung stritten , daß unsere ganze Schar in ihren offenen Armen so schnell verschwand wie ein flüchtiger Regenschauer im heißen durstigen Erdreiche . Wir sahen uns nun vereinzelt in die Mitte häuslicher Wirtlichkeit versetzt als Gegenstand festlichen Wohlwollens und belohnten diese Gastfreundschaft dadurch ; daß wir , als ob wir in Feindesland wären , beim Schlafengehen unsere Flintchen mitnahmen und neben die großen Gastbetten stellten , welche zu ersteigen wir alle unsere Turnerkünste aufbieten mußten . Das Fest des andern Tages erfüllte alle Erwartungen . Der Wetteifer ließ beide Parteien bei den Übungen gleich wohl bestehen ; gegen die Perkussionsgewehre unserer Nebenbuhler aber hatten wir einen andern Trumpf auszuspielen . Indem ihre Artillerie nämlich nur blind zu schießen gewohnt war und keine Kugeln kannte , schoß die unserige so geschickt nach dem Ziele , daß das bei solcher Gelegenheit stehende Sprichwort : » Die Kleinen machten es wahrlich besser denn die Großen ! « diesmal nicht ganz unrichtig war und die Nachbaren dem ernsthaften Richten der Geschütze verwundert zuschauten . Ein großes Festmahl , welches einige tausend junge und alte Menschen vereinigte , wurde auf einer grünen Wiese eingenommen . Beliebte Jugendfreunde hielten Tischreden und trafen in denselben das Rechte , indem sie , anstatt uns in hohlem , frühreifem Ernste zu halten , in reinem Humor den Ton unschuldiger Fröhlichkeit anstimmten , ihr Alter vergaßen , ohne kindisch zu tun , und uns dadurch desto leichter lehrten , die Freude nicht ohne Witz zu genießen . Darauf zog eine Reihe feiner Mädchen aus dem Tore an uns vorbei auf einen geebneten Rasenplatz und lud uns mit Gesang zu Spiel und Tänzen ein . Sie waren alle weiß und rot gekleidet und entfalteten sich in der lieblichsten Blüte vom kindlichen Lockenkopfe bis zur angehenden Jungfrau ; hinter dem weiten Kranze ragte manch weibliches Haupt in reifer Schönheit , um die zarten Pflänzlinge zu überwachen und bei guter Gelegenheit selbst noch ein bißchen jugendlicher über den Rasen zu schlüpfen , als in sonstigen Tagen erlaubt war . Hatten doch die Männer ihrerseits die Gelegenheit auch ersehen und die Lust der Kinder bereits zu ihrer eigenen Sache erklärt und schon mit mancher Flasche besiegelt ! Unsere tapfere Schar näherte sich in dichtem Haufen dem flüsternden Kreise der Schönen , keiner wollte recht der vorderste sein ; unsere Sprödigkeit ließ uns fast feindlich und düster aussehen , während das Anziehen der weißen Handschuhe ein weitgehendes Flimmern und Schimmern verursachte . Doch es zeigte sich nun , daß die Hälfte der Handschuhe überflüssig war , indem wir in zwei verschiedene Teile zerfielen , in solche Knaben nämlich , welche größere Schwestern zu Hause hatten , und in solche , welche dieses angenehme Glück nicht kannten . Die ersteren zeigten sich alle als zierliche Tänzer , welche bald gesucht und ausgezeichnet wurden , indessen die letzteren wie ungeleckte Bären über den Rasen stolperten und nach einigen mißlungenen Abenteuern sich aus den Reihen stahlen und bei den Trinktischen zusammenfanden , wo wir mit energischem Gesang ein wildes Soldatenleben führten , als rauhe Krieger und Weiberfeinde , und uns gegenseitig einzubilden suchten , daß die Mädchen doch häufig nach unserm tüchtigen Treiben herüberschielten . Unser Zechen bestand zwar mehr in einer bescheidenen Nachahmung der Alten und überwand den natürlichen Widerwillen gegen Unmäßigkeit nicht , der noch in jenem Lebensalter liegt ; doch bot es hinlänglichen Spielraum für unsere kleinen Leidenschaften . Der Weinbau dieser Landschaft war bedeutender und edler als bei uns ; daher hatten unsere jungen Nachbaren schon eine entschiedenere Färbung in ihrer Fröhlichkeit und vertrugen ein stärkeres Glas Wein als wir , so daß sie ihren Ruf vollkommen rechtfertigten . Da galt es nun , sich hervorzutun ; ich gab mich diesem Bestreben ohne Rückhalt hin , meine wohlversehene Kasse verlieh mir die nötige Sicherheit und Freiheit , und dieser folgte alsobald eine gewisse Achtung meiner Umgebung . Wir durchzogen Arm in Arm die Stadt und die Lustplätze vor derselben ; das schöne Wetter , die Freude , der Wein regten mich auf und machten mich geschwätzig und ausgelassen , keck und gewandt ; aus einem stillen und blöden Fernesteher war ich urplötzlich ein lauter Tonangeber geworden , der sich in übermütigen Bemerkungen und Erfindung von Schwänken erging und welchen die übrigen Wortführer , die sich bisher wenig aus mir gemacht , sogleich anerkannten und hätschelten . Die Eigenschaft als Fremder , der neue Schauplatz erhöhte noch die Stimmung . Es ist schwer zu entscheiden , was größer war , ob meine Redseligkeit , mein Freudenrausch oder meine erwachte Eitelkeit ; kurz , ich schwamm in einem ganz neuen Glücke , welches am dritten Tage womöglich noch zunahm , als wir heimwärts zogen und die allseitige Zufriedenheit sowie die freiere Ordnung und Haltung eine neue Reihe fröhlicher Auftritte veranlaßten . Als ich mit Sonnenuntergang das Haus meiner Mutter betrat , bestaubt und sonnverbrannt , die Mütze mit einem Tannenreise geschmückt , die Mündung des Gewehrchens und der eigene Mund prahlerisch von Pulver geschwärzt , da war ich nicht mehr der gleiche , wie ich ausgezogen , sondern einer , der sich mit den kecksten Führern der Knabenwelt in verschiedene Verabredungen und Versprechungen eingelassen hatte zur Fortsetzung des begonnenen Tones . Hauptsächlich sollten die tanzkundigen Feintuer und Weichlinge , wie wir sie nannten ! verhindert werden , uns bei der einheimischen Schönheit etwa in den Schatten zu stellen ; wir wollten daher ihren zierlichen Künsten ein derbes militärisches Wesen , kühne Taten und allerlei Streifereien und Unternehmungen entgegensetzen zur Begründung eines bedenklichen Ruhmes . Voll von diesen Ideen und noch voll der durchlebten Freude , die ich sowenig erschöpft hatte als sie mich , fühlte ich mich in der besten Laune und erging mich in unserm Hause in lauten Erzählungen und prahlerischem , barschem Wesen , bis ich durch einige magische Witzkörner , die meine Mutter in die unbescheidene Brandung warf , für einmal zu Ruhe und Schlaf gebracht wurde . Vierzehntes Kapitel Prahler , Schulden , Philister unter den Kindern Meine neuen Freunde ließen mir nicht Zeit , aus meiner Verirrung zu kommen ; schon der nächste Tag , an dem ich , selbst eine Art von Größe , in der renommiertesten Gesellschaft unserer Stadt zu sehen war , weckte alle neuen Erinnerungen wieder ; die Nachklänge des Festes gaben Gelegenheit , den Rest meiner Barschaft anzubringen und dagegen erneute Lorbeeren einzutauschen . Für einen der nächsten Sonntage wurde ein großer Spaziergang verabredet , welcher wieder eine Demonstration gegen die Feinspinner werden sollte . In meinem Leichtsinn hatte ich nicht bedacht , woher ich die nötigen Mittel nehmen wolle , also auch keinen Vorsatz gefaßt ; als aber der Augenblick da war , griff ich wieder in den Schrein , ohne etwas anderes zu fühlen als das zwingende Bedürfnis und eine Art dunklen Entschlusses , daß es das letzte Mal sei . So ging es den ganzen kurzen Sommer hindurch . Die veranlassende Laune war längst verflogen , die Teilnehmer hatten sich dem ordentlichen Lauf der Dinge wieder gefügt ; auch über mich hätten Maß und Bescheidenheit ihre Herrschaft wiedergewonnen , wenn nicht eine andere Leidenschaft aus der Sache erwachsen wäre , nämlich die des unbeschränkten Geldausgebens , der Verschwendung an sich . Es reizte mich , jeden Augenblick die kleinen Herrlichkeiten , wonach jedes Alter gelüstet , kaufen zu können ; immer hatte ich die Hand in der Tasche , um mit Münzen hervorzufahren Gegenstände , welche Knaben sonst eintauschen , kaufte ich nur mit barem Gelde , gab solches an Kinder , Bettler und beschenkte einige Gesellen , die meinen Schweif bildeten und meine Verblendung benutzten , solange es ging . Denn es war eine wirkliche Verblendung . Ich bedachte im mindesten nicht , daß die Sache doch ein Ende nehmen müsse ; nie mehr öffnete ich das Kästchen ganz und übersah das Geld , sondern schob nur die Hand unter den Deckel , um ein Stück herauszunehmen , und überdachte auch nie , wieviel ich schon verschleudert haben müsse . Ich empfand auch keine Angst vor der Entdeckung ; in der Schule und bei meinen Arbeiten hielt ich mich nicht schlimmer als früher , eher besser , weil keine unbefriedigten Wünsche mich zu träumerischem Müßiggange verleiteten und die vollkommene Freiheit des Handelns , welche ich beim Geldausgeben empfand , sich auch im Arbeiten durch eine gewisse Raschheit und Entschlossenheit äußerte . Zudem fühlte ich das dunkle Bedürfnis , das unsichtbare Unheil , welches über mir sich sammelte , durch sonstige Pflichterfüllung einigermaßen aufzuwiegen . Jedoch trotz allem befand ich mich jenen ganzen Sommer hindurch in einem unheimlichen und peinvollen Zustande , dessen Erinnerung , verbunden mit derjenigen an den blauen Himmel und Sonnenschein , an die stillen grünen Waldschenken , in welche wir uns zu heimlichen Gelagen verkrochen , eine seltsame Empfindung wachruft . Meine Genossen mußten längst gemerkt haben , daß es mit meinem Gelde nicht mit rechten Dingen zugehe ; aber sie hüteten sich sorgfältig , einen Verdacht zu äußern oder die leiseste Frage an mich zu tun ; vielmehr stellten sie sich , als ob sich alles von selbst verstünde , waren mir stillschweigend behilflich , die auffälligen blanken Silberstücke umzuwechseln , ohne in Erörterungen einzugehen , und als die Herrlichkeit ein Ende nahm , wandten sie sich ganz trocken und unbeteiligt von mir , ganz wie erwachsene brave Geschäftsleute , welche in aller Seelenruhe auch den Gewinn der Unredlichen an sich bringen , ohne über den Ursprung desselben Forschungen anzustellen . Dies vorausgeahnte Benehmen drückte mich um so mehr , als ich bald bemerkte , daß sie sich sonderbar gemessen gegen mich betrugen und nur wärmer wurden , wenn ich wieder ein Geldstück auf die Straße brachte , daneben aber sich anderweitig über mich zu besprechen schienen . Während jedoch die kleinliche und gewöhnliche Art der Mehrzahl keine heftige und leidenschaftliche Trennung bedingte , sollte mir die energische Selbstsucht eines einzigen und der daraus entspringende Haß Kummer und Leiden bereiten , wie sie wohl selten in diesem Alter sich zeigen . Derselbe war ein kleiner Bursche mit kleinen regelmäßigen Gesichtszügen , mit zierlichen Sommersprossen ganz bedeckt . Er besaß einen frühreifen Verstand , lernte fleißig und genau , bestrebte sich gegen ältere Leute , besonders gegen Frauen , in wohlgesetzten , altklugen Worten auszudrücken und galt daher für einen ordentlichen , höchst brauchbaren Jungen . Er war fast in allen Übungen geschickt , durch Aufmerksamkeit und Ausdauer , und brachte alles , was er unternahm , auf eine niedliche Weise zustande . Meierlein , so hieß er , besaß aber kein tieferes Talent ; in seinen verschiedensten Unternehmungen war nie etwas Neues oder Eigenes sichtbar , sondern er brachte nur das gut zuwege , was er sich vorgemacht sah , und ihn beseelte nur ein unablässiges Bedürfnis , sich alles Erdenkliche anzueignen . Deshalb konnte er ebensowohl eine vollkommene und reinliche Papparbeit hervorbringen als über einen Graben setzen oder Ball schlagen oder mit einem Steinchen eine bezeichnete Stelle an einer Mauer treffen , alles durch langsame und anhaltende Übung ; seine Schulhefte waren korrekt und in bester Ordnung , seine Schrift klein und zierlich , besonders seine Zahlen wußte er ausnehmend angenehm und rundlich in Reihen zu setzen . Seine vorzüglichste Gabe aber war eine gewisse Fähigkeit , mit verständiger Besprechung alles zu überspinnen , Verhältnisse auszuklügeln und mit vielsagender Miene Aufschlüsse und Vermutungen aufzustellen , welche über unser Alter hinausgingen . Dabei stets ein zuverlässiger und kurzweiliger Gesell , gesucht und nützlich , fing er wenig Streit an , focht aber einen solchen höchst hartnäckig aus , und er blieb um so respektierter , als er immer wohlbedächtig auf der Seite stand , wo das wirkliche oder erlogene Recht sich behauptete . Er war anderthalb Jahre älter als ich , hatte sich indessen enger an mich geschlossen als alle übrigen , so daß wir eine besondere Freundschaft pflagen und jeden freien Augenblick zusammensteckten . Er ergänzte mich vortrefflich und sagte mir daher sehr zu . Meine Unternehmungen gingen immer auf das Phantastische , Bunte und Wirksame aus , während er durch Genauigkeit und Sorgfalt der mechanischen Arbeit meinen flüchtigen und rohen Entwürfen Zweck und Ordnung verlieh . Meierlein ließ mein Geheimnis ebenso vorsichtig bestehen wie die anderen , obwohl es für seine verständige Aufmerksamkeit noch weniger eines sein konnte ; doch ließ er nicht ebenso zwischendurch seine Einsicht ahnen , sondern bestrebte sich vielmehr , mich von den zu leichtsinnigen Ausgaben abzuhalten und meine Wünsche auf scheinbar nützliche und gute Dinge zu richten mit gesetzten Worten , was dem Verkehr mit ihm einen soliden Anstrich gab . Nur für sich selbst war er mit noch größerm Eifer bedacht als die übrigen , und sich nicht begnügend mit meiner unmittelbaren Freigebigkeit , errichtete er mit großer Einsicht ein Schuldverhältnis zwischen mir und ihm , indem er sich haushälterisch aus meinem Gelde eine kleine Kasse ansammelte , aus welcher er mir , wenn ich augenblicklich nicht über mein Kästchen konnte , mäßige Vorschüsse machte , die wir gemeinsam verbrauchten und die er in ein niedlich angefertigtes Büchelchen eintrug , dessen Seiten mit Soll und Haben ansehnlich überschrieben waren . Überdies wußte er mir eine Menge kindischer Gegenstände zu verkaufen , deren Betrag er fleißig in sein Buch setzte . Seine Gewandtheit in den verschiedensten Übungen verwertete er ebenfalls ; er war mein dienstbarer Dämon , der alles konnte und alles in Angriff nahm , was wir wünschten , aber jede Dienstleistung durch kleine Münzsorten in meinem Schuldregister bezeichnete . Auf Spaziergängen reizte er mich stets , seine Geschicklichkeit auf die Probe zu stellen : » Soll ich mit diesem Steinchen jenes dürre Blatt treffen ? « sagte er , und ich erwiderte : » Das kannst du nicht ! « - » Willst du mir einen Batzen schuldig sein , wenn ich es tue ? « - » Ja ! « und er traf es und erschwerte unter den gleichen Bedingungen die Aufgabe manchmal dreimal