geschmort werden und sehr gut schmecken . Im Hafen war die Sache natürlich anders . Jeder Kapitän sorgte dann für frisches Gemüse und Fleisch , schon um die Leute gesund zu halten . An Getränken gab es Kaffee , Tee , Branntwein , Rum und Wasser , das in Tanks und Fässern mitgenommen wurde . War aber auf diese Weise das Leben des Seemanns sehr hart und einfach , so war es andrerseits auch für einen von Haus aus kräftigen Körper sehr gesund . Robert wurde von Tag zu Tag stärker und gewandter ; er zeigte sich den Anforderungen des harten Borddienstes durchaus gewachsen und konnte sich in die Gemeinschaft der Matrosen gut einfügen . Als der spanische Hafen Ferrol erreicht war , ging er mit den andern in der fremden Stadt spazieren . Die alte Jacke aus Peter Vollands Hinterzimmer hatte ihm Kapitän van Swieten gegen einen neuen Seemannsanzug vertauscht , aber Geld bekam er nicht in die Hand , und ebensowenig durfte er allein von Bord gehen . Immer begleitete ihn einer der älteren Matrosen . » Onkel Mohr « , fragte er eines Tages seinen alten Freund , » wann wirst du denn endlich Urlaub nehmen , um die Stadt anzusehen ? « Der Matrose schüttelte den Kopf . » Nie , mein Junge . « » Und warum nicht ? « forschte Robert . » Weil mein Fuß überhaupt die Erde nicht wieder betreten soll . « Der Junge schwieg , dann aber sah er treuherzig in das Gesicht des alten Mannes . » Onkel Mohr , gehört auch das mit zu deiner Geschichte ? « Der Greis beugte sich über seinen jungen Schützling . » Hinter Ferrol « , murmelte er , » wenn die Fahrt fast zu Ende geht , wenn - die Stunde schlägt ! « Der Schiffbruch Der Hafen war verlassen , die Küste in der Ferne zurückgeblieben , und die » Antje Marie « segelte wieder auf hoher See . An Bord aber regte sich geheimnisvolles Leben . Robert sollte erfahren , was Peter Volland meinte , als er von den doppelten Böden und verschiebbaren Planken des Schiffes sprach . Man hatte feine Weine geladen und verschiedene andere Waren . Das alles befand sich teils in der Kajüte , teils war es im Logis aufgestapelt , während noch unzählige teure Waren aus den Schränken und Kisten der Kajüte hervorkamen , um dann in anderen Räumen verstaut zu werden . Das ganze Schiff glich einer großen Jahrmarktsbude , in der alles Mögliche ausgebreitet daliegt , um die Schaulust der Käufer zu reizen . Hier prachtvoller flandrischer Samt , dort Brüsseler Teppiche , Mechelner Spitzen und die Seidenwaren Frankreichs . Feiner Battist , Stickereien und Schleier wechselten mit teuersten Sorten echten Champagners und Burgunders , mit Blumenzwiebeln von Harlem und den Ölgemälden alter berühmter Meister . Und nun ging man an das » Stauen « all dieser Dinge . » Hast du es noch nicht gewußt ? « fragte der alte Mohr . » Wir treiben als Hauptverdienst den Schmuggelhandel , aber laß du dich dazu nicht brauchen . Wenn sie dich abfassen , so wirst du bestraft , und es kommt in deine Schiffspapiere . Ist auch außerdem kein ehrliches Geschäft . « » Was sollte ich denn dabei tun ? « fragte der Junge erstaunt . » Hm , die zollpflichtige Ware an Land bringen , entweder eine Bootsladung bei Nacht und Nebel den Mittelsmännern zuführen , oder einzelne Dinge an deinem Körper in die Stadt schaffen . Dafür gibt es freie Tage und ein paar Taler Heuer mehr , aber es ist doch nichts Gutes , und du solltest dich lieber heraushalten . « » Onkel Mohr « , fragte nach einer Pause der Junge , » tust du es auch nicht ? « Der Alte strich mit der Hand durch das weiße Haar . » Ich , Kind ? - Ja , ich tue es , obwohl ich das Land nicht betrete , aber mit mir ist es etwas anderes , als mit dir . Ich will schon dafür sorgen , daß du frei ausgehst . Im Augenblick mußt du freilich mithelfen , das läßt sich nicht ändern . « Kapitän van Swieten erschien an Deck . Der alte Holländer in seiner altfränkischen , nicht gerade seemännischen Tracht ließ sich selten ohne sein Glas Grog sehen , gewöhnlich glänzte sein breites Gesicht vor trunkener Röte . Er ließ durch den Untersteuermann jedem Matrosen eine Flasche Wein geben , auch Robert erhielt eine , obwohl er nicht so recht wußte , was er damit anfangen sollte . » So , Kinder « , schmunzelte der Kapitän , » nun macht euch dran . Zuerst die Flaschen verstauen . Das andere findet schon leichter seinen Platz . Also weg mit den Kohlen , damit wir fertig sind , ehe Kuba in Sicht ist . « Ein beifälliges Murmeln der Matrosen antwortete dem » Alten « . Die Champagnerpfropfen knallten in die sengende Mittagshitze hinein , und die geleerten Flaschen flogen den tanzenden Korken nach ins Meer , nur der Obersteuermann sah äußerst verdrießlich in das weinrote , behäbige Gesicht des Kapitäns . » Hättest auch nicht jedem Kerl eine ganze Flasche schenken sollen « , brummte er . » Ein Glas voll wäre genug gewesen . « Van Swieten blinzelte vertraulich . » Die Steinkohlen fallen dann aber so verteufelt leicht - oder schwer , wenn du willst - einmal aus Versehen an die unrechte Stelle , und meistens gerade dahin , wo Champagner liegt « , schmunzelte er . » Kennst das nicht , Renefier , und übrigens bin ich Kapitän , wie du weißt , und kann auf meinem Schiff das tun , was mir richtig scheint . Die Pfennigfuchserei schätze ich nicht , daher habe ich überall , wohin ich komme , gute Freunde , das solltest du dir merken . « Der Obersteuermann nickte grimmig . » Bis nach Havanna , van Swieten , dann trennen wir uns « , sagte er . » Ich bin kein dummer Junge , der sich mit einer Schattenherrschaft begnügt . « Van Swieten zuckte die Achseln . » Das ist deine Sache , Renefier . Jetzt brauche ich aber alle Hände , um die Steinkohlen fortzuschaffen . « Die Matrosen schaufelten abwechselnd , bis eine Luke zum Vorschein kam , unter der ein hübsches , tiefes Versteck lag . Mit lustigem Gesang packten dann die Leute , von Hand zu Hand arbeitend , sorgfältig die Champagnerflaschen auf das Heu in den Verschlag , und als alles gefüllt war , wurden in die entstandenen Lücken die Blumenzwiebeln gestreut , so daß jeder Fußbreit Raum bedeckt war . Als zuletzt der Kohlenvorrat wieder über der Luke lag , besichtigte van Swieten das Ganze und schmunzelte sehr vergnügt . » Nun laßt die Spürnasen kommen « , sagte er , » mir soll ' s recht sein . Sind schon seit sechzehn Jahren daran vorübergelaufen , also werden sie es wohl auch diesmal tun . « Dann kamen die Spitzen und Teppiche an die Reihe . Hier ließ sich ein Brett verschieben und dort eins , hier war ein verborgenes Schränkchen und da sogar mehrere . Tausende von Talern hätten nicht ausgereicht , um den Wert all dieser versteckten Gegenstände bar zu bezahlen . - Robert staunte , als er sah , wie planmäßig die Sache betrieben wurde . Jetzt erst begriff er , weshalb damals Peter Volland , der Wirt der Hamburger Matrosenschenke , so besorgt war , den betrunkenen Koch der Verhaftung zu entziehen . Van Swieten konnte ja für sein Schiff nur eingeweihte Leute brauchen und wäre in der größten Verlegenheit gewesen , wenn er ohne den Spanier hätte absegeln müssen . Und das wußte auch Georg , der falsche Freund , als er ihn dem Heuerbaas in die Hände spielte , alles war verabredete Sache , und er , Robert , der Betrogene . Doch tat es ihm nicht leid . In Havanna fand sich bestimmt ein anderes Schiff , auf das er übergehen konnte , um in strengere , aber ehrlichere Verhältnisse zu kommen - wenn nur der alte Mohr nicht gewesen wäre ! Ihn wollte er so ungern verlassen . Er suchte den alten Matrosen und fand ihn mitten in bunten Seidenstoffen auf den Knien , wie er ein Stück nach dem andern in den Verschlag packte , der an der Hinterwand der Kajüte angebracht war . Das meiste war schon verstaut . Robert trat zu dem Alten . » Onkel « , fragte er leise , » wie lange haben wir noch bis nach Kuba ? « » So acht Tage ! « sagte der Matrose . » Warum fragst du mich ? « Robert errötete . » O - ich meine nur so « , antwortete er verlegen . Der Alte sah ihn an . » Dir gefällt das nicht « , sagte er nach einer Pause , » und du hast recht , mein Junge . Willst du in Havanna von Bord gehen ? « » Mit dir , Onkel ! « rief der Junge . » Gehst du nicht , so bleibe ich auch . Du bist von allen der einzige , den ich gern habe . « Mohr erhob sich , nachdem er die letzte Planke wieder eingefügt hatte , von seinen Knien . » Ich habe dich auch lieb « , antwortete er , » und darum sollst du fort , mein Junge . Brauchst ja von dem , was du hier gesehen hast , keinem Menschen zu erzählen , weil der Verräter immer eine jämmerliche Rolle spielt . Aber um keinen Preis darfst du hier einrosten , vielleicht sogar selbst ein Schmuggelhändler werden und später noch Schlimmeres - nein , nein , die Mannschaft der Antje Marie ist für dich kein gutes Beispiel , du mußt hier fort , und ich helfe dir dabei . « » Wird auf jeder Reise geschmuggelt ? « fragte nach einer Pause der Junge . » Immer . Das Geschäft ist jetzt aber sehr schlecht geworden . In früheren Jahren , als wir den aufständischen Chinesen Waffen und Munition lieferten , war es bedeutend besser . Damals verdienten wir Geld wie Heu - der Kapitän wenigstens . Ich selbst habe nie mehr genommen , als ein Matrose für seine Arbeit überall bekommt . « » Gar nichts von den Sonderzulagen für das Schmuggeln ? « » Gar nichts , aber trotzdem besitze ich ein hübsches Sümmchen , und das soll dir gehören , mein Junge . Laß dich nach Hamburg hin anmustern , reise nach Hause und bitte deinen Vater um Verzeihung , das ist es , was ich wünsche , was du mir versprechen mußt . Wenn du einwilligst , wenn du versprichst , vor deinem Vater Abbitte zu tun , dann - hat sich ein Stückchen Bestimmung erfüllt , dann würde ich glauben , auch für mich eine sehr gute Botschaft gehört zu haben . Die letzte auf Erden ; willst du sie mir bringen , willst du nach Hause reisen und dich mit deinem Vater versöhnen , ehe du wieder zur See gehst ? « Robert fühlte , wie ihm das Herz schlug . Recht hatte der Alte , aber - wenn ihn sein Vater nicht wieder fortließ ? Wenn er noch einmal gezwungen wurde , auf dem Tisch zu sitzen und zu nähen ? Der Matrose las den Gedanken von seiner Stirn . » Kannst ja schon in Liverpool oder Le Havre schreiben « , sagte er . » Aber denke nicht , daß der Vater hart sein würde , unmöglich könnte er es , wenn du freiwillig zurückkehrst . « In Roberts Augen standen Tränen . » Ich möchte tun , was du sagst , Onkel Mohr « , flüsterte er . » Ich möchte , daß die Eltern ganz mit mir einverstanden wären , aber - weglaufen müßte ich zum zweitenmal , wenn sie hart blieben . « Der Alte lächelte . » Komm mit « , winkte er . » Ich will dir zeigen , daß meine Worte mehr als ein leerer Schall sind . Du sollst dein Erbteil sehen . « Er ließ den Jungen in die Schiffskiste blicken , in der sich eine ziemlich große Anzahl holländischer und spanischer Münzen befand . » Das alles ist für dich « , sagte er leise , » aber du mußt tun , worum ich dich gebeten habe , nicht wahr , Junge ? Es kommt der Tag , wo du mir für unser heutiges Gespräch dankbar sein wirst , darauf verlasse dich . « Robert gab gerührt und mit dem festen Vorsatz , es zu halten , das verlangte Versprechen . Dann reichte ihm der Alte die Flasche Champagner , die er selbst bei der Verteilung heute bekommen hatte . » Trink es in den nächsten Tagen , « sagte er freundlich . » Und du , Onkel Mohr « , fragte der Junge , dem der unbekannte , schäumende Wein ganz besonders gut gefallen hatte , » warum willst du nicht ? « Der seltsame Mann schüttelte den Kopf . » Ich trinke keinen Alkohol « , antwortete er . » Laß dir ' s gut schmecken . « Und dann ging er fort , wie es seine Gewohnheit war , wenn ihm ein Gespräch peinlich zu werden schien . Robert hatte längst erkannt , daß irgendein großes Unglück auf dem Alten lasten müsse , aber er wagte nicht , noch einmal danach zu fragen . Mohr würde ja bestimmt Wort halten und ihm alles freiwillig erzählen . Die Waren hatten jetzt fast alle ihren Platz gefunden , und während der folgenden Tage mußte das ganze Schiff von oben bis unten gescheuert werden . Der Obersteuermann wetterte und fluchte an Deck herum , als wolle er alles nachholen , was ihm während der ganzen Reise an unumschränkter Herrschergewalt verloren gegangen war . Die Matrosen murrten so laut , daß es sogar der Kapitän bemerkte , und ein fast vollständiger Bruch zwischen den beiden war die Folge davon . Van Swieten hatte , wie das sehr häufig geschah , zuviel getrunken . Er war daher in streitlustiger Laune und wollte vor allen Dingen sein Ansehen als Kapitän des Schiffes gewahrt wissen . Ihm gehörte die » Antje Marie « , er war Herr an Bord , und niemand durfte ihm widersprechen . » Geh in deine Kajüte , Renefier « , rief er mit lauter Stimme dem Obersteuermann zu . » Geh und schlafe oder tue , was dir Spaß macht . Deines Postens bist du enthoben , - du paßt nicht auf mein Schiff und noch weniger zu meinen Leuten . « Der Steuermann wurde blaß wie eine Wand , aber er beherrschte sich doch und verließ schweigend das Deck , nur als der Kapitän im Vorraum der Kajüte nahe an ihm vorüberging , fragte er leise : » Van Swieten , hast du dir deine Worte gut überlegt ? Hast du an meiner Stelle einen Mann zur Verfügung , der den Standort aufnehmen kann , und der es versteht , eine Höhenberechnung aufzustellen ? - Besinne dich , ehe es zu spät ist . « Der Kapitän schlug mit der Hand in die Luft . » Unsinn « , rief er , » das kann ich alles selbst , und der Untersteuermann kann es auch . Ich habe ihm schon deinen Posten übertragen , und du sollst dich nirgendwo mehr hineinmischen , hörst du . Ich brauche willige Kerle , die vor dem Teufel nicht bange sind und die den Taler gern verdienen , ohne lange zu fragen , womit , aber keine Scheuerweiber , die an nichts anderes als an Sand und Seife denken . « Der Obersteuermann zog sich sehr verletzt zurück , und der Kapitän ging in seine Kajüte , um den letzten Rest nüchternen Bewußtseins mit Grog hinunterzuspülen . Der zweite Steuermann , ein wenig tatkräftiger Mensch , konnte sich kaum durchsetzen , so daß an Bord vollständige Unordnung entstand . Nur die notwendigsten Arbeiten wurden vorgenommen , sonst aber lagen die Leute in ihren Kojen und spannen wechselweise ein » Garn « , wie der Seemann das Erzählen einer Geschichte nennt . Das Wetter blieb günstig , der Wind schwach und die Sterne sichtbar , es ereignete sich also nichts Besonderes . Nur Mohr schüttelte den Kopf . » Noch einen Tag und eine Nacht « , murmelte er , » dann müssen wir den Hafen erreicht haben ! - Seltsam , seltsam ! « » Mohr « , sagte ein anderer , » gib auch einmal etwas zum besten ! Du hast von deiner Vergangenheit noch nie gesprochen , also tue es jetzt . « Der Alte sah über das Wasser , und sein tiefliegendes Auge glühte fast unheimlich . » Ich hätte heute abend ein Garn gesponnen , auch ohne eure Aufforderung , Kameraden « , antwortete er . » Aber ob ihr meine Geschichte unterhaltend finden werdet , weiß ich nicht . « Die andern rückten näher , und die kurzen Pfeifen wurden angesteckt . Mohr zog den Jungen näher zu sich heran . » Morgen früh werden wir die blauen Berge von Kuba aus der Ferne wie Schatten auftauchen sehen « , sagte er , » morgen scheint für mich zum letzten Mal die Sonne , - darum hört alle , was ich euch zu erzählen habe und haltet euch daran . « Niemand widersprach ihm . Sie kannten ja alle den Geisterseher , der oft in dunklen Nächten so unheimliche , angstvolle Worte murmelte , der sich im Schlaf von einer Seite zur andern warf und träumend schluchzen konnte wie ein geängstigtes Kind . » Der Klabautermann sitzt auf seiner Brust und drückt ihn « , hatten dann wohl einige heimlich erschauernd gesagt , während andere den Kopf schüttelten . » Die Nachtmahr ist es , das bleiche Gespenst , sie will mit ihm würfeln um sein Herzblut , und er kann sich ihrer nicht erwehren - - « Sie kannten ihn darum widersprach keiner . Mohr senkte den Kopf in die hohle Hand . » Ich war mit zwanzig Jahren ein lustiger , übermütiger Junge « , begann er seine Geschichte , » der sich weder vor Gott noch vor dem Teufel fürchtete und dahinlebte , als dauerten Jugend und Gesundheit ewig , nur um alle Freuden des Daseins in vollen Zügen zu genießen . Das Seemannsleben gefiel mir nicht mehr , weil die Zeit der Arbeit und der Entbehrungen so lang war , die Freudentage im Hafen aber sehr kurz , und besonders , weil ich an Bord gehorchen mußte wie ein Schuljunge . Das konnte gerade ich am allerwenigsten , das erregte immer meinen Jähzorn und stürzte mich in viele Verlegenheiten . Einmal habe ich dem Kapitän , der mir ein verweisendes Wort sagte , eine Ohrfeige gegeben und dafür als Meuterer die ganze Reise in Eisen gelegen , aber alles das konnte mich nicht zur Besinnung bringen . Ich ging also von Bord und legte mich einstweilen in meines Vaters Haus vor Anker . Der Alte war Wirt , lebte mit einer bejahrten , mürrischen Schwester ganz allein und sah mich höchst ungern kommen . Einen erwachsenen Sohn zu füttern , der noch obendrein jeden Augenblick mit den Gästen Streit anfing und es meistens vorzog , die besseren Weine und Kognaks selbst auszutrinken , anstatt die Gäste freundlich zu bedienen , das liebte er wenig . Hätte ich Flaschen spülen , Kegel aufsetzen und Bier abzapfen wollen , hätte ich bei der alten Tante den Küchenjungen gespielt und ihr Schoßhündchen gestreichelt , dann wäre alles gut abgelaufen , so aber wurde das Verhältnis zwischen mir und meinem Vater immer schlechter , bis ich zuletzt den ganzen Tag auf der Bank lag und rauchte oder trank , mit mir selbst und der Welt vollständig zerfallen . Sollte ich nachgeben ? Wieder ein Schiff suchen , mich von meinen Kameraden auslachen lassen und der Tante , die den Alten aufhetzte , das Feld räumen ? Es ärgerte mich , nur daran zu denken , aber der gegenwärtige Zustand konnte nicht länger dauern . Es mußte bald anders werden , das sah ich wohl , da mir auch der Vater niemals Geld geben wollte . Es ist genug , daß ich einen Taugenichts ernähre , sagte er mir einmal . Du solltest dich schämen , von deinem alten Vater noch Geld zu verlangen . Ich gebe dir nichts , und wenn du keinen Anzug mehr anzuziehen hast und keine Schuhe an den Füßen . Damals zerschlug ich in meiner wilden Wut alles , was mir im Weg stand , die Flaschen und Gläser , die Fensterscheiben und die Rohrstühle , ich tobte wie ein wildes Tier im Käfig und ging erst fort , als kein heiles Stück mehr zu finden war . Drei Tage lang trieb ich mich umher , aß rohe Feldfrüchte , hungerte und schlief hinter den Zäunen , dann kehrte ich zurück , um nicht ins Gefängnis zu kommen , aber es war ein elendes Leben , das ich führte , mir selbst zur Last . Der Alte sagte nichts ; er fürchtete wohl einen ähnlichen Auftritt und ließ mich daher tun und treiben , was ich wollte . Die Tante machte es ebenso , sie ging im weiten Bogen um mich herum und nahm ihr Hündchen auf den Arm , sobald ich im Zimmer erschien . Das ärgerte mich aber viel mehr , als wenn mir die beiden das Leben täglich zur Hölle gemacht hätten ; ich wurde so grimmig , so verbissen , - oh , ich kann euch nicht sagen , wie . Du hängst dich auf , dachte ich bei mir , dann hat alles ein Ende . Gerade vor der Kammertür der Tante , damit sie sich erschreckt . Den Nagel schlug ich auch richtig in die Mauer hinein , aber weiter kam es nicht . Man hält doch am Leben fest , und wenn es noch so elend ist . Um diese Zeit , gerade an meinem Geburtstag , kam einmal ein Mann in die Schenke , der mit allerlei Kleinigkeiten , unter anderem auch mit Lotterielosen handelte . Ich lag wie gewöhnlich auf der Bank hinterm Ofen , heute noch schlechter gelaunt als sonst . Es war ja mein Geburtstag , aber kein Mensch kümmerte sich darum , niemand hatte mir ein freundliches Wort , einen Glückwunsch gesagt , obwohl es der Alte ganz genau wußte . Das ärgerte mich rasend . Ich dachte wieder an den Nagel über der Kammertür . Da trat der Mann zu mir und hielt zwischen den Fingern ein schmutziges , zerknittertes Blatt . Kauft der Herr kein Los ? fragte er schmeichelnd . Gerade das letzte , also das Glückslos , weil man immer das beste bis zuletzt aufhebt - Nummer 26 ! Es durchfuhr mich sonderbar . Heute an meinem Geburtstage wurde mir das Los angeboten , dessen Nummer die Zahl meiner Jahre angab . Wie merkwürdig ! Ich stand auf und zeigte das Papier dem Alten . Vielleicht ist es ein Wink des Schicksals , flüsterte ich . Vielleicht bringt es mir Glück . Er zuckte die Achseln und wusch seine Gläser , ohne zu antworten . Das brachte mich schon auf , weil es die anderen Gäste sahen . Der Losverkäufer schlich mir nach . Sie sollten es nehmen , drängte er . Die Ziehung ist schon in vierzehn Tagen , und die Nummer bringt Glück . Hab ' schon einmal auf Sechsundzwanzig das große Los gehabt . Wäre doch herrlich , so viel Geld , nicht wahr ? Mir stieg das Blut heiß zu Kopf . Vater , sagte ich mit lauter Stimme , seid so gut und leiht mir die paar Taler , ich will es kaufen . Der Alte zögerte . Er murmelte etwas , das ich nicht verstand , aber er griff endlich doch in die Kassenschublade und zählte das verlangte Geld auf den Tisch , alles ohne ein Wort zu sagen . Er hatte Angst vor mir , das war ganz sicher . Er und ich , wir sprachen von der Sache nicht weiter , und das Los blieb in meiner Tasche . Die vierzehn Tage vergingen wie alle anderen , ich las und trank , rauchte oder schlief und war immer schlecht gelaunt . An den Gewinn dachte ich schon längst nicht mehr . Da erschien eines Abends der Händler wieder , als gerade das Gastzimmer Kopf an Kopf besetzt war . Er winkte mir schweigend , ihm zu folgen . Gewonnen , flüsterte er , als wir draußen vor der Tür standen , gewonnen ! Ich habe das Geld mitgebracht . Wieviel lassen Sie mich verdienen , wenn ich es gleich auszahle ? Hinter uns erschien in diesem Augenblick wie ein schwarzer Schatten der Alte . Was gibt ' s ? fragte er , hat das Los gewonnen ? Der Mann hob warnend den Finger . Pst ! flüsterte er , nicht so laut , die anderen merken es . Das schöne Geld könnte gestohlen werden . Es ist eine große Summe , und ich bin ein geschlagener Mann , wenn mich Diebe überfallen . Nachher wollen wir alles besprechen , wenn die Gäste fort sind . Er ging voran in das Zimmer , und ich folgte ihm , halb berauscht vor Freude . Also endlich sollte meine Erlösungsstunde schlagen , endlich sollte ich wieder Geld besitzen , viel Geld , wie der Mann gesagt hatte ! - Ach , dieses Gefühl , diese rasende Freude . Ich trank und trank , bis meine Augen die Dinge ringsumher nicht mehr mit Sicherheit unterscheiden konnten . Ich wollte das langweilige Dorf verlassen , mit dem schnell erworbenen Reichtum in eine größere Stadt ziehen und dort durch Leihgeschäfte mühelos immer mehr Geld verdienen , ich schmiedete Pläne über Pläne , und in allen spielte mein Vermögen die Hauptrolle . Karten und Würfel gingen von Hand zu Hand , ich trank und verlor viel Geld , aber ich lachte darüber . Was machte das aus , da ich ja reich war ! Aber wieviel mochte es nur sein ? - Heute blieben auch die Gäste länger als sonst . Ungeduld brannte in allen meinen Adern . Mitternacht war vorüber , als endlich die letzten halbbetrunkenen Bauern abzogen . Jetzt waren außer mir selbst nur noch mein Vater und der Händler im Schenkzimmer . Die Tante saß nickend in der Küche . Wieviel ist es ? fragte flüsternd der Alte , und : wieviel ist es ? wiederholte ich zitternd vor Begier . Der Mann sah von einem zum andern . Zwanzigtausend harte Taler , raunte er . Habe es ja gesagt , die Sechsundzwanzig ist eine Glücksnummer . Was soll ich haben , wenn ich das Geld gleich auszahle anstatt in sechs Wochen ? Mir flirrte und flunkerte es vor den Augen . Tausend Taler ! rief ich sofort . Das ist fürstlich bezahlt , also zahl das Geld aus ! Da legte sich eine Hand auf meine Schulter . Langsam , langsam , rief der Alte , was geht es dich an , wieviel ich dem Händler geben will ? Du ? Ich starrte ihn an , unfähig , mehr als das eine Wort herauszubringen . Natürlich , bestand er , das Geld gehört mir , ich habe das Los bezahlt und kann zehn Zeugen bringen , daß ich die Wahrheit sage . Heißer rann es durch meine Adern . Mir hast du das Geld geliehen , schrie ich , und du kannst es zurückerhalten , sobald mir das Geld ausbezahlt ist . Gib her , Mann , hier hast du das Los und tausend Taler sind für dich ! Der Mann griff nach dem Papier . Ein solches Trinkgeld bot ihm bestimmt niemand , am wenigsten aber der habsüchtige Alte . Er stand deshalb ganz auf meiner Seite und begann hastig die Kassenscheine auf den Tisch zu zählen . Dann machte er sich davon , so rasch ihn die Füße trugen . Der Vater legte seine Hand auf das Geld . Mir gehört es , raunte er , und ich werde es behalten . Ergib dich im Guten , oder - Ich sah ihm aus nächster Nähe ins Auge . Oder ? zischte ich . Du wanderst morgen ins Gefängnis . Ich habe das Los bezahlt , ich bin hier im Dorf als anständiger Mann bekannt , ich betreibe ein ehrliches Handwerk , du aber bist ein Tagedieb und Herumtreiber , der jetzt auch noch seinen alten Vater bestehlen will ! Die Habgier mußte ihn völlig verblenden , mir so drohend gegenüberzutreten . Ein Schein nach dem andern verschwand in seinen Taschen . Und da , Kameraden , da war ' s um mich geschehen . Er hatte das Wort stehlen ausgesprochen , hatte meine Ehre tief verletzt . Ich ergriff einen schweren Hammer , der zufällig auf dem Tisch lag - - « Der alte Matrose hielt einen Augenblick inne . Kalter Schweiß perlte von seiner Stirn , die Stimme klang kaum verständlich - Unter den Leuten herrschte Totenstille - - » Vor meinen Augen war alles rot , wie zuckende Blitze « , fuhr er nach einer Pause fort . » Ich weiß nur noch , daß mir die völlige Besinnung erst später zurückkehrte . Und da war ich nüchtern auf einen Schlag . Vor mir am Boden lag mit gespaltenem Schädel mein Vater , und seine gebrochenen Augen schienen starr zu dem Mörder aufzusehen . Langsam rann das Blut über die Kassenscheine , die er im Fallen mit sich vom Tisch gerissen hatte . Alles war totenstill um mich herum , nur ein eintöniges leises Geräusch hörte ich , ganz leise wie das Ticken einer Uhr . Es war Blut , das langsam über die Stufen der Kellertreppe hinabtropfte und in mir ein eisiges Grauen wachrief