der leichtlich noch ein drittes in sich schloß , gebührte . Hieß das aber , - um nur den Anlaß aufzuführen , der sozusagen dem Fasse den Boden ausschlug , - hieß das aber den faktischen Besitzern beider Werben die schuldige Ehre antun , wenn die Tochter mit den beiden Enkeln herbeieilt , den letzten Segen der verlöschenden Mutter zu empfangen , der Herr Eidam jedoch bleibt seelenruhig zu Hause , als ginge ihm die Sache keinen Pfifferling an , entschuldigt sich nicht einmal wie in früheren Zeiten mit Manövern und Paraden , erscheint auch nicht beim feierlichen Begängnis und schenkt sich sogar , so gut wie sein Herr Vater Exzellenz , die schriftliche Kondolenz , an welcher doch selber die gräflichen Nachbarn auf Bielitz es nicht fehlen lassen ! Nun aber war die Frau mit dem guten Herzen tot . Es fehlten hier ihre sänftigenden Tränen , dort die heimlich nachhelfende Hand . Hier wie dort steigerte wechselseitig Ursache die Wirkung , Wirkung die Ursache der Abneigung bis zur Erbitterung , bis zur Verwilderung und schließlich bis zum Bruch . Als der junge Herr schuldenhalber den Dienst quittieren mußte , lachte er über die Zumutung , auf dem Gute , dessen Erbherr er nominell noch war , abhängig von seinem widerwärtigen Schwiegervater und unter dessen Augen ein knappes Bauernleben zu beginnen . Bei Nacht und Nebel war er seinen Gläubigern und unleidlichen Familienbanden entwichen ; es ging die Rede , daß durch Vermittlung seines Vaters ihm in russischen Diensten eine förderliche Stellung erwirkt worden sei . Die Ehe wurde gerichtlich geschieden . Seine Gattin hatte diesem Schritte , zu welchem ihr Vater seit Jahren gedrängt , bis zum Äußersten widerstanden . Nicht , daß der Zauber , der ihr junges Herz berückt , auf die Dauer sich gegen Gleichgültigkeit und Zügellosigkeit behauptet hätte : Brigitte Mehlborn war keine Romanheldin . Nicht , als ob sie sich über die Gründe getäuscht hätte , welche nach bürgerlichem und selbst nach christlichem Recht eine Scheidung gestatteten : Brigitte Mehlborn hatte ein scharfes Auge , Ungehöriges an Menschen und Zuständen zu sehen und zu sichten . Aber Brigitte Mehlborn gehörte zu den spröden Naturen , welche den einmal erwählten Standpunkt behaupten gegen Freund und Feind . Eben weil sie nicht mehr liebte , wurde es ihr leichter , Lieblosigkeit zu ertragen als sich über sie zu beschweren ; eben weil sie ihre Klageberechtigung kannte , scheute sie deren demütigendes Eingeständnis ; und so geschah es , daß , während der schuldige Gatte nach einer vollgültigen Befreiung , die er nicht beanspruchen durfte , drängte , die schuldlose Gattin in eine solche erst dann willigte , als es galt , ihr mütterliches Alleinrecht gegen jedweden Anspruch zu wahren . Nicht dem Vater , der kein Verlangen danach trug , dem Vater des Vaters , der Verlangen danach trug , entzog sie durch eine gerichtliche Scheidung die Obervormundschaft über die Kinder , die nur auf diese Weise ihr ausschließliches Eigentum werden konnten . Aus dem gleichen Grunde entzog sie diese Bevormundung aber auch ihrem eigenen Vater , über dessen Sphäre sie sich erhoben hatte nicht erst durch ihre Ehe , sondern durch einen eingeborenen Bildungstrieb , den späterhin ein stark herausgeforderter Widerstandssinn nur stachelte . Vater und Tochter hatten jetzt die nämlichen Feinde ; sie konnten aber nicht mehr die nämlichen Freunde haben . Johann Mehlborn war , in jachem Rücklauf der spät entwickelten Magnatenschrulle , über deren Ursprung hinweg zum alten zähen Bauerntrotz zurückgekehrt . Er würde , hätte er die Macht dazu besessen , aus republikanischer Tugend niemals einen Königsthron gestürzt , und kommunistische Weltverbesserer , die zurzeit auch im deutschen Vaterlande einen stillen Anhang fanden , würde er , mochten sie Professoren oder Schneider heißen , ohne Gnade zu Galgen und Rad verurteilt haben . Aber alles , was Edelmann hieß , das haßte Johann Mehlborn trotz einem Robespierre . Ehre und Macht der Gesellschaft gipfelten für ihn , wie einst für die Helden des Bundschuhs , wenn auch aus anderen Gründen , in dem Stande , der die Scholle bebaut und sein Geld in Eisentöpfen vergräbt . Er aß nicht mehr mit der linken Hand , sondern aus der Faust , wie sein Vater , der Großknecht , es getan , trug Schmierstiefeln und im Winter einen Schafspelz , bediente sich » französischer « Redensarten nur , wenn ihm im ehrlichen Werbener Deutsch keine volkstümlich genug klingenden einfielen , und würde sich des » Amtmanns « mit Freuden entäußert haben , wenn ihm die Regierung das schöne Geld , das er ihm gekostet , zurückerstattete . Hätte er es durchzusetzen vermocht , würde seine Brigitte den Namen Hartenstein oder mindestens das schnöde Adelszeichen vor ihm abgelegt und als ländliche Wirtin auf ihrem Erbhofe gewaltet haben ; ihre Kinder würden als Bauernenkel erzogen worden sein , und das leichte Patrizierblut würde sich zu dauerhaftem Arbeiterblut verdichtet haben . Aber er vermochte es nicht durchzusetzen . Seine Brigitte war die Erbin seines harten Kopfes ; sie beharrte bei Namen und Titel und übersiedelte als Wirtschafterin auf ihres Vaters Hof so wenig , wie sie als Dame des Hauses in den Palast ihres Schwiegervaters übersiedelt war , sondern zog in die den Familiengütern benachbarte Universitätsstadt der Provinz . Wie Vater Mehlborn keine tragfähige Krume seines Ackers unbebaut ließ , so hätte sie jede geistige Faser in ihren Kindern entwickeln mögen , und hier fand sie ausgiebige Bildungsmittel für sie . Für ihre eigene Person aber fand sie hier einen Boden , in welchem sich leichter Wurzel schlagen ließ als in dem kalten , schweren des Nordens ; fand die Ansprüche an das äußere Leben so bescheiden , wie sie sie finden mußte , wenn sie auch nach außen hin sich Geltung verschaffen wollte . Da sie Erziehungsgelder von ihrem Schwiegervater nicht annahm , ihr erbitterter Vater aber jegliche Unterstützung verweigerte , sah sie sich auf ihr mütterliches Erbteil beschränkt und trug kein Bedenken , das Kapital anzugreifen , weil die Zinsen für ihre Zwecke nicht ausreichten . Es wurde ihr leicht , sich in schicklicher Mitte von Hartensteinschem Übermaß und Mehlbornschem Untermaß zu halten ; ein alter Name , eine reiche Erbaussicht woben einen gewissen Nimbus um ihre Person und ihr Haus ; im Kreise ihrer neuen Lebensgenossen wurde Brigitte von Hartenstein unbestritten gefeiert als eine » bedeutende « Frau , die einzige Eitelkeit , für die sie empfänglich war . Sie hat es wahrscheinlich niemals erfahren , daß ihr alter Freund in der Pfarre es gewesen , dem sie das aus der Not helfende mütterliche Erbteil zu danken , und daß er um dieses Erbteils willen die Gunst seines Patrons in spe verwirkt , auch manches kleine Scharmützel mit seiner Hanna zu bestehen hatte . Auch Dezimus ist hinter das Geheimnis erst gekommen , lange nachdem er es als einen Segen erkannt , die Schutzherrschaft seines Vizepaten wider Wissen und Willen verscherzt zu haben . Die Sache hatte sich aber also zugetragen : Als Mutter Rosine das ersehnte letzte Stündlein nahen fühlte , ließ sie an einem Tage , wo sie ihren Amtmann fernab auf einem großen Viehmarkte wußte , den treuen Seelsorger an ihr Lager entbieten , um , nachdem sie das heilige Abendmahl aus seiner Hand empfangen hatte , die Bitte an sein Herz zu legen , daß er ihren letzten Willen aufsetze und denselben hinter ihres Amtmanns Rücken gerichtlich dingfest mache . Zwar wolle sie ihrem Amtmann , da er nun einmal seinen Kopf daraufgesetzt , nicht zuwider sein und ihr Eingebrachtes ihm ganz allein verschreiben , so wie die selige Frau Exzellenz mit ihrem Gute es an den Herrn Exzellenz getan . Ihre liebe Brigitte sei ja ihres Johann einziges bißchen Fleisch und Blut , was könne ihr durch die Verschreibung entgehen ? Heiraten wolle ihr Amtmann nicht wieder , weil das schöne Werbensche Anwesen nicht zerkleinert werden solle , und in der Hand ihres lieben Schwiegersohnes würden die paar Tausend Mütterliches seiner Frau ja doch verdunsten wie Wasser auf einem heißen Stein . Mit dem Eingebrachten sollte ihr Amtmann also seinen Willen haben ; von ihrem Ersparten aber habe sie , Mutter Rosine , diesem und jenem eine kleine Zuwendung zugedacht , um welche die gute Frau Pastorin wisse , ihr Amtmann aber nicht früher wissen solle , bis sie , Mutter Rosine , unter der Erde sei . Und dazu gehöre eine Verschreibung , welche sie allein nicht fertigbringe . Pastor Blümel lehnte nicht nur dieses Ansinnen ab , sondern redete ihr auch das Testamentsvorhaben aus . Der Großteil ihres Vermögens gebühre dem Gesetze nach der Tochter , und gesetzlichen Ordnungen entgegen zu verfügen , mache selbst unter den nächsten Angehörigen fast allemal böses Blut . Amtmann Mehlborn sei reich , weit reicher , als seine Gattin mutmaße ; auf etliche Tausend Taler mehr oder weniger könne es ihm nicht ankommen , während sie unter Umständen der Tochter zu einer Wohltat zu werden vermöchten ; sie habe einen klugen Kopf , und bis zu ihrer Großjährigkeit in Jahr und Tag bleibe das Vermögen ja ohnehin in des Vaters Hand . Die Mutter solle der gesetzlichen Ordnung daher ihren Lauf lassen , etwaige besondere Wünsche ihrem Manne anvertrauen und sich auf deren redliche Erfüllung verlassen . In der Hauptsache leuchtete dieser Freundesrat der guten Frau ein . Sie hatte zu der Verschreibung sich überhaupt ja bloß , um Ruhe zu haben , entschlossen ; nur gegen die letzte Versicherung schien sie Bedenken zu hegen , nickte indessen auch hierzu schließlich mit dem Kopfe , richtete sich im Bett in die Höhe und kramte tief aus dem Stroh eine tönerne Sparbüchse hervor , in deren Spalt sie hastig noch einen Papierschein , den sie unter ihrer Jacke verborgen gehalten hatte , klemmte . Die Büchse wollte sie dem Pastor absolut aufnötigen ; seine liebe Frau wisse schon , was sie zu bedeuten habe . Und der Mann der lieben Frau wußte es auch . Es war ja die Gevatterbüchse , mit welcher die Frau Patin manches Mal vor den Ohren ihrer guten Freundin geklappert hatte , um ihr den wachsenden Inhalt bemerkbar zu machen ; auch manches Mal , wenn sie vor ihren Augen wiederum einen Taler hineinsteckte , den Taler » einen Heckepfennig für ihre Patenkinder « genannt . Denn Mutter Rosine ließ es sich nun einmal nicht nehmen , daß sie , obgleich nur für einen der Täuflinge in das Kirchenbuch geschrieben , für beide das Christengelübde ausgesprochen habe , wie sie ihre Patenpflichten denn auch allezeit für beide in der herkömmlichen Weise betätigt hatte . Selbstverständlich , daß Pastor Blümel die Annahme des heimlichen Patengeschenkes noch viel entschiedener ablehnte als die Abfassung eines heimlichen Testamentes . Das Hin- und Widerreden hatte die Kranke merklich erschöpft ; die Tochter , welche der alte Freund schon vor einigen Tagen herbeigerufen , langte nur noch rechtzeitig an , der Mutter die Augen zuzudrücken . Der Amtmann aber hatte über einem , allerdings vorteilhaften Ochsenhandel den letzten geeigneten Moment für die Verschreibung verpaßt ; er mußte das gesetzliche Kindesteil auszahlen , will sagen sich des Schraubstockes begeben , durch welchen er die Scheidung der freiherrlichen Ehe , einschließlich des Gutsverkaufs , erpreßt haben würde . Von mündlich vorgebrachten letzten Erdenwünschen und Auslieferung der Patenbüchse war keine Rede . Die geheime Unterredung mußte dem Amtmann aber doch zu Ohren gekommen sei , denn er hatte seitdem auf die Freunde in der Pfarre einen argen Zahn . Frau Hanna empfand und verstand vollkommen , daß ihr Konstantin nicht anders , als er gehandelt , hatte handeln können . Sie war eine ehrenhafte Ehefrau . Sie hatte aber auch ein Mutterherz , und darum zwickte sie heimlich , ja dann und wann auch wohl vernehmlich , der Unwille über den entschlüpften Heckepfennig . Die Patenbüchse hatte gar zu getröstlich vor ihren Ohren geklappert . Nicht um ihres Röschens willen ; der Inhalt würde ungeteilt dem Dezem zugute gekommen sein . Erlebte sie es denn nicht Jahr für Jahr , wie ohne Kopfzerbrechen sich Töchter versorgen ? Aber ein Sohn , der das Brot erwerben lernen soll , welches Frauen nur zu backen und zu verzehren brauchen ! Ihr braver Junge ! Der reiche Mann hatte die arme Waise ihres Notpfennigs schnöde beraubt . Dabei blieb sie , und wenn Vater Blümel dagegen einwendete , der Tod sei der Kranken zuvorgekommen , ehe die Wünsche ausgesprochen wurden , dann rief seine Hanna aufgebracht : » Konstantin , Konstantin ! die Menschheit kennst du , aber den Menschen kennst du nicht . Warum geht der Amtmann dir aus dem Wege , sucht , statt wie sonst bei uns , Rat und Tat bei allerlei fremdem Volk ? Warum schneidet er unserem guten Jungen ein Gesicht , schimpft ihn einen zudringlichen Bengel und gibt ihm einen Rippenstoß ? Versündige dich nur einmal an einem Unschuldigen , und du wirst ganz gewiß sein Feind geworden sein , - das heißt , wenn du ein Mehlborn bist , « setzte sie lachend hinzu , und ihr Konstantin konnte in der Stille des Herzens ihr nicht gänzlich unrecht geben . Die Tochter war übrigens nicht besser als die einstigen Freunde mit dem Amtmann daran , obgleich ihr kein Unrecht durch ihn widerfahren und obgleich sie notgedrungen die Scheidung endlich beantragt hatte . Sie hatte nachher den Vater nur für so lange Zeit wiedergesehen , als erforderlich war , ihm ihre getroffenen Einrichtungen auseinanderzusetzen und das mütterliche Erbteil in Empfang zu nehmen . Sein Zorn , seine Drohungen prallten an ihr ab , wie ihre Vernunftsgründe an ihm ; er aber erboste sich über sie , und sie erboste sich nicht . Ärger lag so wenig wie Nachgiebigkeit in ihrer Natur . Sie tat , wie sie überzeugt war , ihre Pflicht . Sie würde ihn öfter besucht haben , aber er lud sie nicht ein ; er betrat niemals ihr Haus , selbst wenn er in ihrem Wohnorte Geschäfte hatte . Sie schrieb ihm lange Briefe , aber es war zweifelhaft , ob er sie nur las ; jedenfalls beantwortete er sie nicht . Nach allem Vorhergegangenen , - und dazu gehörte , daß durch einen Zufall der schmähliche Anlaß von seines Sohnes Tod dem Vater erst nach Jahren kund geworden , da die Tochter ihn doch von Haus aus gekannt und schweigend hingenommen , - hatte sie es gründlich bei ihm verschüttet , weil sie während der Scheidungsverhandlungen nicht die Abtretung des Gutes von ihrem Schwiegervater durchgesetzt ; eine Forderung , die bei einiger Nachgiebigkeit ihrerseits schwerlich auf Widerstand gestoßen wäre . Aber warum ihre intimste Angelegenheit mit der eigennützigen ihres Vaters verquicken ? Was verschlug ihr der Besitz von soundso viel hundert Morgen altheimischen Landes ? Sie hatte auf dem elterlichen Hofe sich niemals zu Hause gefühlt ; sie dachte an nichts weniger , als ihre Kinder zu Landwirten zu erziehen , und kaum hätte etwas ihr unverständlicher sein können , als daß der alte Bauer , ihr Vater , jetzt mehr denn je nach dem Besitztitel als nach einem Racheakt an dem verhaßten Geschlechte trachtete . Sie , Brigitte , hegte keine Rachegedanken und keinen Haß gegen eine Familie , mit welcher sie ein für allemal abgeschlossen hatte , nachdem sie ihre mütterliche Freiheit gegen jener Ansprüche durchgesetzt . Im Guten wie im Schlimmen dachten Vater und Tochter nur an sich selbst ; eine Einigung war daher nicht abzusehen . Der Pachtkontrakt von Hochwerben lief in diesem Jahre zu Ende , und keine der beiden Parteien hatte bis in den Sommer hinein einen Schritt zu seiner Erneuerung oder Kündigung getan . Der General offenbar nicht , weil er die erstere für unvermeidlich erachtete . Er hätte heute ja leichtlich die doppelte Pachtsumme erzielen können ; aber das Inventar eignete dem Amtmann , und die Schuldenlast war nicht abzuschütteln . Wohl oder übel , es mußte alles beim alten bleiben . Der Amtmann dahingegen war entschlossen , endlich kurzen Prozeß zu machen . Zu Michaelis kündigte er die Hypothek . Voraussichtlich hatte er dadurch gewonnen Spiel ; trotzte aber sein Widerpart , kam es zur öffentlichen Versteigerung , nun so erstand es Johann Mehlborn ; freilich mit schwerem Verlust ; denn den Spottpreis der Pachtung und die hohen Prozente konnte die beste eigene Bewirtschaftung nicht ersetzen . Aber er hatte seinen Willen und hatte seine Rache , und Wille und Rache sind schon das Risiko eines Geldopfers wert , zumal wenn das Opfer ein so unwahrscheinliches ist wie in gegenwärtigem Falle . Seitdem er diesen Entschluß gefaßt hatte , betrachtete Johann Mehlborn das Werbensche Hauptgut als sein unbedingtes Eigentum , war aber seltsamerweise der Aufenthalt daselbst ihm verleidet . Er wandelte , vorläufig nur in Gedanken , die Säle des Schlosses zu Kornböden , das Pächterhaus samt guter Stube zu Gesindekammern um und übersiedelte in Wirklichkeit schon vor der Ernte mit seiner Wirtschaft auf das Talgut . Das dortige Wohnhaus hieß nicht ein Schloß ; kein Edelmann hatte jemals in ihm gefaulenzt und gepraßt ; unter der dortigen Kirche ruhten keine ritterlichen Gebeine , nur die seiner Rosine und ihres Hannes , an welchen letzteren er Tag und Nacht mit wurmendem Grimme zurückdachte , nicht mehr als an einen seiner Standesehre sich opfernden Kavalier , sondern als an einen von einem Junker gemordeten redlichen Bauernsohn . Ja , um den Preis des eigenen Lebens hätte er den zurückgesetzten Erben wieder lebendig machen mögen , seitdem die vorgezogene Erbin sich in schnödem Hochmut von dem Vater abgewendet hatte . Und wahrlich ein hoher Preis wäre es nicht gewesen , den er für die Erweckung des guten Jungen gezahlt haben würde . Johann Mehlborn hatte keine Freude am Leben mehr als höchstens die , anderer Lebensfreude zu verkümmern und vergällen . Sobald er nur erst Herr beider Werben hieß , würde er sich willig in die Gruft zu seiner Rosine und ihren Hannes haben tragen lassen . Es war in der Morgenfrühe nach einem gestrigen Unwetter , dem der erwähnte Regenbogen folgte , nicht der erste , welcher vor Dezems Augen , aber der erste , welcher vor seiner Seele sich als neues Himmelswunder aufbaute . » Was ist das ? « hatte er staunend gefragt , als er , nachdem gegen Abend die Sonne sich durch das chaotische Gewölk gerungen , eine bunte Brücke , über den Fluß hinweg , sich vom Zornberge bis zum Hünengrabe spannen sah . Der Vater , welcher , bis die herrliche Erscheinung sich verzogen , schweigend mit gefaltenen Händen am Fenster gestanden hatte , schlug die Heilige Schrift auf und las das Kapitel von der Sündflut und dem Friedensbunde Gottes mit der geretteten Menschheit . » Und wenn es kommt , daß ich Wolken über die Erde führe , soll man meinen Bogen sehen über den Wolken . « Das war die Antwort auf des Dezem Frage . Und gewiß eine herzbewegliche Antwort ! Der närrische Dezem hätte nun aber gern auch noch gewußt , wie der liebe Vater im Himmel es anfange , seinen Friedensbogen zwischen den schwarzen Wolken in aller Geschwindigkeit so schön bunt anzumalen und in ebensolcher Geschwindigkeit ohne Farbenspur wieder auszulöschen ? Und auf diese Fragen blieb Vater Blümel die Antwort schuldig . Als er aber nach dem Abendsegen sich an das Klavier setzte - Vater Blümel war bis an sein Lebensende ein eifriger Musikant - und des alten Gellert Lied von der Ehre Gottes in der Natur zum Vortrag brachte , da geschah es zum ersten Male , daß der arme Dezem an aller Menschenweisheit irre ward . Denn nun sah er die Sonne , die nach der Mutter Sagen sich nicht rühren sollte , in des Vaters Sang aus ihrem Zelte geführt werden und ihren Weg laufen gleich als ein Held . Daß dem Hirtenjungen von Werben für eine Sonne solch ein Heldenlauf weit schicklicher als das Stillestehen dünkte , wird jedes Kind begreiflich finden . Er hatte wiederum eine ruhelose Nacht , und da der andere Tag ein Sonntag , also keine Schule war , der Himmel aber so rein , als hätte niemals ein schwarzes Wolkenheer auf ihm gelagert , rannte er , den letzten Bissen des Morgenbrotes noch im Munde , hinaus auf das Hünengrab . Das Hünengrab , hart an der Pfarrgartenmauer , wurde ein Erdaufwurf genannt , wie die Gegend unter gleichem Titel verschiedentliche aufzuweisen hat . Ob wirklich Heldengebeine darunter eingescharrt waren , hatte bis dato niemand untersucht . Unmöglich wäre es just nicht , da diese Landschaft seit grauer Vorzeit der Tummelplatz wilder Entscheidungen gewesen ist . Pastor Blümel achtete indessen dafür , daß lediglich alte Steinbruchreste auf diesen Punkten zusammengehäuft worden seien . Weil das Hünengrab aber in die nördliche Ebene hinein eine noch weitere Aussicht als selbst das Pfarrhaus bot , hatte der Pastor seinen schmalen Gipfel geebnet , ein paar Ebereschenbäume darauf gepflanzt und eine Ruhebank unter ihnen angebracht , auf welcher jeder , der fremd des Weges kam , gern eine Umschau hielt . Auf diesem Hügel , der ihm gestern wie ein Pfeiler der wundersamen Wolkenbrücke vorgekommen war , dachte der arme Dezem nun allen Ernstes irgendein geheimnisvolles Überbleibsel aus Gottvaters Bau-oder Malkasten aufzufinden ; da jedoch ringsumher nichts zu entdecken war als allbekanntes Himmelblau und Erdengrün , setzte er sich auf die Bank , mit dem löblichen Entschluß , auf seiner Schiefertafel , die er zu diesem Zwecke mitgebracht , Kantor Beyfußens Exempel für die nächste Rechenstunde zu lösen . Wie manchem bedeutenden Helden , im Widerstreit von Stimmung und Pflicht , geschah es nun aber auch dem bescheidenen dieser Geschichte , daß der Stimmung der Obsieg blieb . Für die Exempel war immer noch Zeit . Zuvörderst galt es auf der leeren Tafelseite das Phänomen , das ihm so gewaltig im Kopfe rumorte , sich durch eine Illustration zu vergegenwärtigen und zu verdeutlichen . Das aber machte er so : Quer über die Tafel zog er einen doppelten Strich , auf denselben schrieb er » Fluß « ; zwischen krausen Schnörkeln über dem Flusse stand zu lesen : » Wolken « . Hart am Fluß , in dessen Mitte , trug ein Haus die Inschrift » Pfarre « und in einem ihrer Fenster ein dicker Punkt das Wörtchen » Ich « . Am äußersten Tafelende war der städtische Kirchturm nicht zu verkennen ; ob aber das Gesicht , welches mit einer Strahlenglorie umstrichelt , Gottvater oder Mutter Sonne zu benennen sei , darüber grübelte der Künstler eine Weile und entschied sich endlich , die Frage offen zu lassen , wie er demgemäß auch auf die Brücke , welche am entgegengesetzten Ende hoch oben den Fluß überspannte , mit lateinischen Lettern malte : » Regenbogen oder Friedensbogen « . Trotz dieses Entweder-Oders , so viel hatte er über seiner Arbeit doch glücklich ausgeklügelt , daß das zweideutige Strahlenantlitz über dem Turm das Farbengebilde hervorgezaubert haben müsse und daß dieses mit der Glorie jener Strahlen erloschen sei . Und das war für den Anfang genug . » Was ist das ? « fragte er , selber strahlend vor Freude , indem er seinem Röschen , das im rosa kattunenen Sonntagskleide einhergetänzelt kam , sein stolzes Kunstwerk vor die Augen hielt . » Dummes Zeug ! « antwortete Röschen lachend und beachtete das Nachbild so wenig , wie sie gestern das Vorbild beachtet hatte . Sie trug im Schürzchen einen Haufen Blumen , die ihr Papa zu einem Kranze geschnitten hatte : denn Kränzebinden war Röschens Lust weit mehr als selber » Puppens spielen « , geschweige denn Stricken oder am Kinderrädchen spinnen . Kein Tag , solange es Blüten gab , verging , daß sie nicht ein Prachstück der Gärtnerkunst geliefert und eines der alten Großvater-oder Großmutterbilder in der Wohnstube damit geschmückt hätte . Im Winter aber half sie sich mit Efeublättern , welche ihr Mus auf der Gartenmauer pflücken mußte , und mit Blumen , welche die geschickten Fingerchen aus farbigen Papierstreifen zusammenkniffen . Wo das Röschen waltete , ging es bunt und lustig zu ; am lustigsten aber in ihres Dezem Herzen . Er war aus einem Hüter des Schwesterchens Handlanger geworden , allezeit willig in Arbeit und Spiel . Mutter Hanna sagte manchmal ärgerlich : » Der Junge wird dem Prinzeßchen noch einmal die Strümpfe stopfen müssen ! « Dazu kam es indessen nicht . Mutter Hanna stopfte Prinzeßchens Strümpfe lieber selbst . Auch heute ließ der Dezem auf Röschens Geheiß seine Schilderei im Stich , um sich neben sie auf einen Stein am Fuße des Hügels zu hocken . Er pflückte ihr Zweige vom Zaun , reichte ihr die Blumen zu und erwies sich wieder einmal als der klägliche Stümper , welcher er in der Botanik geblieben war , trotz der täglichen Übungen auf dem Gartenbeet und beim Kränzebinden . » Mus , eine Nelke ! « Und er reichte ein Löwenmaul . » Dummer Mus , eine lila Levkoie neben den blauen Rittersporn ! das schändet sich ja ! Mus , fix ! hole dort die Gänseblümchen ! Und drüben am Rain die Kornblume ! Fix , Mus , fix ! « Und Mus ließ sich schelten und rannte und pflückte und tat alles , was das Strudelköpfchen ihm hieß , mit so viel Vergnügen , daß er sämtliche Himmelsprobleme darüber vergaß . Der Kranz war eben fertig geworden , als die Glocken zum ersten Male läuteten . In einer Stunde hieß es zur Kirche gehen . Die Kinder hatten in ihrem Eifer und über dem Geläut nicht bemerkt , daß auf dem Feldwege , der von der Landstraße zum Dorfe führte , eine herrschaftliche Equipage sich genähert hatte , daß seine Insassen ausgestiegen und von der entgegengesetzten Seite auf das Hünengrab gestiegen waren , während der leere Wagen weiter nach dem Dorfe fuhr . » Gefällt es dir hier , Lydia ? « hörten Mus und Ma jetzt eine kräftige Männerstimme fragen . Sie fuhren auf und schauten in die Höhe . Da oben stand ein mächtig großer Herr mit schneeweißem kurzem Lockenhaar und einem schneeweißen Schnurrbart , dessen Spitzen fast die Ohrläppchen berührten . Ein weißes , achtzackiges Kreuz war auf den blauen Zivilüberrock geheftet ; den hohen , runden Hut hatte er abgenommen , denn erhitzt , wie er von dem Aufstieg schien , trocknete er sich mit seinem Taschentuche die Stirn , die glatt und rosig wie die eines Kindes glänzte . Und neben dem alten Herrn stand ein Mädchen - nein , wohl schon ein Fräulein - in der Größe zwischen Röschen und Dezem , aber von so ruhig ernsthafter Haltung , daß es wohl ein paar Jahr mehr zählen mochte als die beiden . Unter dem breitrandigen Strohhut hing das mattblonde Haar , in zwei dicke Zöpfe geflochten , bis zu den Knien hinab ; nicht nach Kinderart und auch nicht nach der Mode der Zeit reichte dahingegen das weiße Kleid weit über die Knöchel . Als sie den langen weißen Schleier zurückschlug , blickte Dezimus in ein Gesicht so schneeig , wie er noch kein Menschenantlitz gesehen hatte . Die lichte Gestalt auf der Höhe , wo er im Geiste noch immer den Friedensbogen eingesenkt sah , kam ihm schier vor wie ein Engelsbild . Sie hatte bei der Frage des alten Herrn still den Kopf geneigt und richtete nun die großen Augen , dunkel wie Hyazinthenblüten , aufmerksam das Tal entlang , während ihr Begleiter aus ihrer Hand einen Gegenstand nahm , fast so lang wie ein Spazierstock , aber bei weitem dicker . Dezem dachte an die Posaunen , auf welchen in des Vaters großer Erbbibel die himmlischen Heerscharen Halleluja blasen ; Röschen dachte an die Blaserohre , mit welchen die Dorfjungen nach den Spatzen schossen ; da der alte Herr aber die Posaune oder das Blaserohr statt an den Mund vor das rechte Auge führte und also bewaffnet gleichfalls die Gegend nach allen Seiten musterte , da Dezimus überdies am Ende des Instruments eine Glasscheibe blinken sah , war er schlau genug , auf eine Art von Riesenbrille zu schließen , mit deren Hilfe irgend etwas Außerordentliches zu erspähen sei . Vermochte sein Pastorvater doch die feine Schrift , welche mit bloßen Augen er selber bei Tage nicht unterschied , durch seine Brille die halbe Nacht hindurch ohne Anstrengung zu lesen , und gehörte seines Pastorvaters Brille doch auch zu den Weltwundern , über welche der Hirtensohn sich stille Gedanken machte . Er hatte mehrmals durchzuschauen versucht , aber nichts als grauen Nebel wahrgenommen . Nun brannte er vor Begierde , es mit dem großen Rohr zu versuchen . » Du , Mus , « flüsterte Röschen ihm in das Ohr , indem sie ihn an den Haaren zupfte , » du , Mus , der Herr da oben , das ist unser General ! « Und alsobald hüpfte sie , flink wie ein Eichkätzchen , den Hügel hinan , machte höflich , wie alle Pastorkinder von Papa und Mama erzogen wurden , vor dem alten Herrn einen tiefen Knix , reichte ihm den Kranz und sagte dreist : » Da , Herr General ! « Der Herr nahm das Rohr vom Auge und legte es hinter sich auf die Bank . » Woher kennst du denn den General , kleine Maus ? « fragte er mit einem freundlichen Blick auf das hübsche , muntere Kind . » Am Bart und am Stern , Herr General ! « So gut verstand das kleine Pfarrröschen sich auf die Menschen schon zu Anfang ihres zweiten Stufenjahres . Wo hätte ihr großer Wiegenbruder wohl so viel Witz und so viel Mut hergenommen ? Er drückte sich verstohlen um den Hügel herum und erreichte die Höhe von der entgegengesetzten Seite , den Herrschaften im Rücken . Der alte Herr lachte belustigt , hob die Kleine unter den Armen in die Höhe und küßte sie herzhaft ab , was sie sich ohne Sträuben gefallen ließ , trotz des gewaltigen Barts . » Sag mal , Kind , ist das Haus dort zwischen den Bäumen das Gut ? « fragte er darauf . » Nein