ihres Ruhmes . Sobald Regula großjährig erklärt worden war , eröffnete ihre Mutter eine lebhafte Korrespondenz mit der Freiin von Waffenau , in der viel von dem Grafen Ronald die Rede war . Er selbst ließ sich nicht blicken . Nebst den geselligen Verpflichtungen und den frommen Übungen , die sie sich auferlegt hatte , nahm die Abwickelung der Erbschaftsangelegenheit und die Auflösung des Heißensteinschen Geschäftes die Witwe in Anspruch . Sie entfaltete eine staunenswerte Tätigkeit , sie wollte vom kleinsten Detail selbst Kenntnis nehmen , sie ließ sich täglich durch Wenzel Bericht erstatten , verhandelte mit Mansuet , beriet sich mit Schimmelreiter , den sie zu ihrem Sekretär ernannt hatte . Aber seltsam , all die Interessen die sie mit so großem Eifer betrieb , füllten ihre Seele nicht aus . Ein rätselhaftes Etwas , ein Gedanke , nie ausgesprochen , immer zurückgewiesen , immer wiederkehrend , ein quälender Mahner und Bedränger , hielt sie in seinem Banne . Mitten im Gespräche überkam es sie plötzlich , faßte sie mit unsichtbaren Händen , und in ihrer Kehle erstarb der Laut , auf ihrer Zunge das Wort . Ihr glanzloses Auge irrte unstet und ohne Blick umher ; in peinvolles Sinnen versunken , schien sie der Gegenwart und allem , was sie umgab , entrückt . Einmal geschah es , daß Nannette in einer Anwandlung dieser Art sich rasch erhob , geschäftig zu ihrem Schranke eilte , ihn öffnete und unbeweglich vor ihm stehenblieb . Ihre Hände sanken herab ... » Mutter ! « rief Regula , nicht eben liebevoll , » was ist Ihnen , was suchen Sie ? « Nannette wandte sich ihr zu , wie traumverloren , mit dem Gesichte einer Nachtwandlerin : » Den Brief « , flüsterte sie , » um ihn zu verbrennen . Aber - er ist schon verbrannt . « » Welchen Brief , Mutter ? « Nannette legte den Finger auf ihren Mund , sah ängstlich um sich und sprach : » Schweigen ! Schweigen ! « Kurze Zeit darauf fand Regula die bleiche Frau im Halbdunkel in der Mitte des Zimmers stehen ; regungslos wie eine Wachsfigur stierte sie vor sich nieder , und ihre aufrechte Haltung bildete einen unheimlichen Gegensatz zu dem Ausdruck tödlicher Erschöpfung in ihrem Angesichte . Regula näherte sich ihr und fragte mit leisem Grauen : » Mutter , woran denken Sie ? « Die Angerufene erschrak , ein Schauer rieselte durch ihren Körper ; als sie das Auge erhob und ihre Tochter erkannte , beugte sie sich ganz nahe zu ihr und sagte ihr ins Ohr : » An den letzten Blick des Sterbenden . « » Beruhigen Sie sich , beruhigen Sie sich , Sie sind aufgeregt « , ermahnte Regula , führte Nannette zum Sofa und nötigte sie , sich zu setzen . » Ich bin nicht aufgeregt , liebes Kind « , erwiderte die Kranke in kaltem Tone und verzog die Lippen zu einem schwachen Lächeln . » Ich überlege nur , wie schade es ist , daß ich mich damals gegen die Reise Mansuets aussprach und daß ich jenen Aufruf nicht veröffentlichen ließ . Es wäre dadurch nichts verdorben worden , es wäre trotzdem alles gekommen , wie es kam , und - wie edel hätten wir gehandelt ! « » Es kann uns auch jetzt niemand einen Vorwurf machen « , meinte Regula . Nannette schwieg eine Weile , dann sagte sie : » Und der Dank des Sterbenden , mein Kind , - wäre er dann nicht gerechtfertigt gewesen ? « » Scheinbar , Mutter « , sprach Regula . Sie begriff diese seltsame Reue nicht . Frau Heißenstein legte ihre Hand auf die Hand ihrer Tochter . » Scheinbar ... Unterschätze nie den Wert des Scheines . Schein ist alles , was sich nicht greifen , nicht mit Ziffern berechnen , nicht mit der Waage wägen läßt . Ehre , Ansehen vor der Welt - guter Name - wo läge da zwischen Schein und Wesen die Grenze ? - Scheine achtungswert - du bist es ! « fügte sie mit etwas erhobener Stimme hinzu , und Regula wußte ihr nichts zu antworten als : » Sie sind so eigen , Mutter ! « Es wurde immer schlimmer mit Nannette . Der Arzt erzählte jedem , der es hören wollte , im Vertrauen , sie werde schwerlich den Herbst überleben . Regula diese traurige Mitteilung zu machen fehlte ihm teils der Mut , teils die Gelegenheit . Sie wich ihm ängstlich aus , sie fragte ihn höchstens im Vorbeieilen : » Es geht besser , nicht wahr ? « und schlüpfte hinweg , ohne seine Antwort abzuwarten . Ihr lag vor allem daran , sich so lange als möglich über das bevorstehende Unglück zu täuschen , mußte es kommen , so wollte sie davon überrascht werden . Sie war sparsam mit ihren Gefühlen , sie fürchtete - natürlich unbewußt - , eine vor der Zeit geweinte Träne könne auf Kosten der Anstandszähre vergossen worden sein , die im entscheidenden Augenblicke nicht fehlen durfte . Die Zeit kam , in der Nannette das Zimmer nicht mehr verließ , es ging rasch mit ihr zu Ende . Sie hatte sich in ihren letzten Lebenstagen ganz an Bozena geschlossen , die kaum mehr von ihrer Seite weichen durfte . Wurde ein Besuch vorgelassen , so war es der Kranken angenehm , die Dienerin vorstellen und sagen zu können : » Es ist unsere brave Bozena , sie hat die Enkelin meines Mannes zurückgebracht . Sie wissen , das Kind seiner unglücklichen Tochter . « Ein Jahr nach dem Tode Heißensteins kämpfte seine Witwe ihren letzten Kampf . Der Arzt erklärte eines Abends , er werde die Nacht im Hause zubringen . Regula schlich still und verstört umher , immer nur bemüht , sich zu fassen . Sooft sie an das Bett ihrer Mutter trat , winkte diese sie hinweg : » Denn « , flüsterte die Kranke Bozena zu , » es greift sie zu sehr an « . Wie auf eine schweigende Verabredung versammelten sich die Hausgenossen gegen zehn Uhr im Zimmer , das an Frau Nannettens Schlafgemach stieß . Die Lampe stand auf dem Tische , auf dem Kanapee saß Regel , häkelte an etwas sehr Feinem und Kunstvollem und mußte immerfort Maschen zählen . Zu ihrer Rechten hatte der Doktor Platz genommen , beide Arme auf die Lehnen seines Fauteuils gestützt , und betrachtete mit wohlgefälliger Aufmerksamkeit seine wie zur allgemeinen Bewunderung ausgelegten dicken und reich beringten Finger . Der Geistliche , der der Kranken vor acht Tagen auf ihren ausdrücklichen Wunsch die Sterbesakramente gereicht hatte , Mansuet , der gekrümmt wie ein Sprenkel auf einem kleinen Ecksofa saß , und Schimmelreiter , der bereits ein wenig schnarchte , hielten sich im Hintergrunde des Zimmers . Um Mitternacht hörte man Nannette laut und eifrig sprechen , der Arzt und der Priester begaben sich zu ihr , kamen aber sogleich wieder zurück , weil die Kranke , die bei vollem Bewußtsein war , allein mit Bozena zu bleiben wünschte . Mansuet stellte leise dem Doktor eine Frage , auf welche dieser , für alle vernehmlich , antwortete : » Vermutlich bis zum Morgen . « Er setzte sich wieder in seinen Fauteuil und nickte ein . Die andern , selbst der Geistliche , ein noch sehr junger Mann , der bis jetzt wacker mit dem Schlafe gekämpft hatte , folgten seinem Beispiele . Es schlug ein Uhr , die Lampe begann düsterer zu brennen , im Nebenzimmer war es still geworden . Regula lehnte sich zurück , sie kreuzte die Arme , sie schloß die Augen . Kalte Schauer liefen ihr über den Rücken . Ich sollte zu meiner Mutter , dachte sie , ich sollte ... Aber sterben sehen ist fürchterlich , sie hat es schon einmal erfahren . Und sie zögert und verfällt endlich in einen unruhigen Schlummer , aus dem sie plötzlich auffährt . Ihr gegenüber steht Bozena , totenbleich . » Meine Mutter stirbt ! « spricht das Fräulein . » Sie ist tot « , antwortet die Magd mit leiser Stimme ; » kommen Sie . « Sie faßt die Zitternde , Schwankende , und von ihr geleitet begibt sich Regula an das Totenbett ihrer Mutter . Von den Schläfern war keiner erwacht . Weder der Arzt noch der Priester wollten es Wort haben , daß sie im entscheidenden Momente nicht auf ihrem Posten gewesen , und widersprachen denen nicht , die zu erzählen wußten , Nannette sei nach herzzerreißendem Abschied in den Armen ihrer Tochter gestorben . 12 Nun waren sie allein , die altgeborene Regel , die unverwüstlich junge Bozena und das immer fröhliche Röschen ; wohl selten würfelt » seine Majestät der Zufall « größere Kontraste zusammen . Beschirmend waltete der Geist Mansuets über dem seltsamen Kleeblatte . Der Alte war dem Fräulein Heißenstein freundlicher gesinnt seit dem Heimgange Nannettens ; weil sie nicht mehr unter dem schädlichen Einfluß ihrer Mutter stände , meinte er ; in der Tat aber nur deshalb , weil er sich jetzt als Regels Beschützer fühlte . Trotz all ihres Ernstes , all ihrer Weisheit bedurfte sie seines Rates , holte ihn gern ein und befolgte ihn sogar . » Sie hat Heißensteinsches Blut in den Adern , das muß sich nolens volens dokumentieren ! « versicherte Mansuet eines Tages Bozena und dem Sekretär . » Warten Sie nur , geben Sie nur acht : nächstens tut sie etwas für das Kind . « Aber Schimmelreiter schüttelte zweifelnd den Kopf , er sprach : » Sie ist nicht verpflichtet , etwas für das Kind zu tun , also wird sie auch nichts tun . Wie lautet Ihre werte Meinung ? « wandte er sich galant an Bozena . Diese antwortete in der bedachtsamen Weise , die sie seit ihrer Rückkehr angenommen hatte : » Ich hoffe auf ihre Großmut ! « » Prosit ! « sagte Schimmelreiter , dem es infolge eifrigen Bestrebens gelungen war , sich einige von Mansuets Redewendungen anzueignen . » Leichter pressen Sie Himbeersaft aus einer Zitrone als eine großmütige Regung aus dieser Seele . « Bozena schwieg und ließ sich auf keine weitere Erörterung ein . » Sie widerspricht mir nicht gern « , erklärte später der Sekretär Schimmelreiter mit Selbstgefühl . Sie widerspricht überhaupt keinem Menschen mehr , dachte Mansuet . Mißtraut sie uns ? oder ist ihr alles so gleichgültig geworden , daß sie nicht einmal ein Wort dafür einsetzen mag ? Was geht in ihr vor ? ... Gott mag es wissen ! Nach dem Tode der Frau Heißenstein hatte Graf Ronald ihrer Tochter einen teilnahmsvollen Brief geschrieben , aber gekommen war er nicht . All die Arbeit , die er sich aufgebürdet , dürfte ihn abgehalten haben , meinte Regel ; muß er doch die Geschäfte der Beamten versehen , die man in Rondsperg entlassen hatte , weil man sie nicht mehr besolden konnte . Er war jetzt Direktor , Rentmeister , Förster und Wirtschafter in einer Person . Mit eisernem Fleiße mühte er sich ab , um die Armut fernzuhalten von seinem väterlichen Dache . Der alte Graf wollte nicht wissen , wie es um seine Verhältnisse stand . Vermochte Ronald es einmal nicht zu verhindern , daß ein ungeduldiger Gläubiger sich an den Greis drängte , dann wies ihn dieser an seinen Sohn , der die Leitung der Geschäfte allein übernommen habe . Den aber fragte er mit einer gewissen Schadenfreude , wann endlich die Segnungen des von ihm eingeführten neuen Regimes eintreten würden . Daß sein Wohlstand für immer entschwunden sei , daran vermochte er ebensowenig zu glauben als an den Bestand der neuen Staatsordnung . Rondsperg war ja ein Juwel , Rondsperg besaß ja unerschöpfliche Hilfsquellen . Sein Besitzer konnte durch die Ungunst der Zeiten in augenblickliche Verlegenheiten geraten , aber nicht in dauernde . Wäre Ronald auch imstande gewesen , seinem Vater diesen beglückenden Wahn zu rauben , er hätte es nicht getan ; dazu liebte er ihn viel zu sehr . So setzte er denn unverdrossen seine vergebliche Arbeit fort . Ein Entschluß hätte freilich das bevorstehende Unheil wenigstens verzögern und dem Sohne einen Teil des väterlichen Gutes retten können : man hätte Rondsperg verpachten müssen . Aber bei dem alten Grafen fand das Wort » Verpachtung « ebensoviel Anklang wie bei jedem unumschränkten Herrscher das Wort » Konstitution « . Ronald sprach es einmal aus und - niemals wieder . Regula Heißenstein war von diesen Verhältnissen genau unterrichtet . Der ehemalige Direktor von Rondsperg hatte sich in Weinberg ein nettes Haus gebaut und lebte dort in behaglichem Wohlstande . Er traf Schimmelreiter oft beim » Grünen Baum « und sprach gern mit ihm von dem Schauplatze seiner einstigen Taten . Er war ein gutmütiger Mann und bewahrte auch den gnädigen Herrschaften , die er fünfundzwanzig Jahre lang , soviel es irgend an ihm lag , bestohlen hatte , ein freundliches Interesse . Dem Sekretär Regulas gegenüber ließ er es an zarten Winken nicht fehlen , welch ein verdienstliches Werk es wäre , den braven jungen Grafen aus aller Not zu retten , indem man ihm zu einer reichen Heirat verhülfe . » Ein Goldfischchen wie das Fräulein Heißenstein , das wäre halt was für ihn ! « sagte der Direktor mit einem diplomatischen Lächeln . » Ein adeliger , schöner Mann , wie der Graf von Rondsperg , das wäre was für sie ! « erwiderte der Sekretär und schmunzelte auf das verbindlichste . Die beiden Ehestifter machten einen Überschlag der Kosten , die erforderlich wären , um Rondsperg wieder ertragsfähig zu machen , die verpfändeten Grundstücke einzulösen , die eingestürzten Wirtschaftsgebäude aufzurichten , den fundus instructus zu erneuern ; und eine Stunde später teilte schon der Herr Sekretär seinem Fräulein die Ergebnisse dieser Berechnungen mit . Sie nahm seinen Bericht gleichgültig entgegen , wie etwas , das sie gar nicht kümmerte , begab sich aber flugs an ihren Schreibtisch und begann sofort auf eigene Hand eifrigst zu rechnen . Sie fand , zu ihrer lebhaften Befriedigung , daß die Summe , um die sich ' s handeln würde , so ansehnlich sie auch war , doch kaum ein Viertel ihres mobilen Vermögens betrug . Dieses Resultat versetzte sie in so gute und unternehmende Laune , daß sie noch selbigen Tages an Ronald schrieb , um ihm für die Teilnahme zu danken , die er ihr bei Gelegenheit des Todes ihrer unvergeßlichen Mutter ausgesprochen hatte . Ihr Brief war mit all der Zurückhaltung verfaßt , die höchste Wohlerzogenheit einer jungen Dame einem jungen Herrn gegenüber auferlegt ; der Stil wie gedrechselt , die Schrift wie gestochen . Es war ein Muster von einem Briefe und konnte nicht verfehlen , auf Ronald und seine Eltern , denen der Empfänger ihn doch gewiß mitteilen würde , den besten Eindruck hervorzubringen . Eine Danksagung dürfte kaum ausbleiben , und Regula nimmt sich vor , dieselbe nicht unbeantwortet zu lassen . Die Korrespondenz kommt in Gang , es folgt wohl einmal eine persönliche Begegnung . Die Kapitalistin erkundigt sich freundlich nach den Erfolgen der Tätigkeit des Landwirtes . Vertrauen belohnt ihre Teilnahme . Sie - in ausnehmend delikater Weise - bietet Hilfe . Er - nicht minder delikat - zögert anfangs und - gibt endlich nach : » Unter einer Bedingung mein Fräulein ! ... die Hand , von der ich annehme , muß mein werden ! « - » O Herr Graf - Sie mißverstehen - Sie verkennen vielleicht die uneigennützige Absicht ... « - » Kein Wort weiter , Edelste ! ... « Sein Schnurrbart ruht auf ihren Fingerspitzen ; - der Rest ist Schweigen - Soll und Haben finden sich . Während Regula von der Eroberung Ronalds träumte , träumten alle spekulativen Junggesellen und alle noch heiratsfähigen Witwer in Weinberg von dem Glück , die Erbin heimzuführen . Der eine tat es mit mehr , der andere mit weniger Zuversicht ; doch kam jedem , wenn auch nur in einem Augenblicke des Übermuts , der Gedanke , die Heißensteinschen Reichtümer seien bestimmt , von ihm eingeheimst zu werden . Regula sah sich bald von einem Heere huldigender Freier umschwärmt , die nichts so emsig suchten als die Gelegenheit , ihr Beweise der Ehrfurcht und Bewunderung zu geben und den heißen Wunsch an den Tag zu legen , der Alleinstehenden ihren Schutz angedeihen zu lassen und sich ritterlich zwischen sie und die Fährlichkeiten der bösen Welt zu werfen . Das korrekte Fräulein empfing selbstverständlich keine Herrenbesuche ; nur an drittem Orte war sie für ihre männlichen Sklaven zu treffen . Um so eifriger wurde sie von dem weiblichen Anhang ihrer Bewerber , von deren zärtlichen Müttern , Schwestern und Basen belagert . Diese ließen es nicht fehlen an der ausbündigsten Schmeichelei , und Regel sog dieses gefährliche Gift mit immer wachsendem Wohlgefallen ein . Wie schoß jetzt ihre bereits von Frau Nannette zärtlich gepflegte Eitelkeit in die Blüte ! Wie trugen die Verhältnisse dazu bei , ihren Durst nach Lob zu erhöhen ! Sie war die unumschränkte Herrin ihrer werten Person , es galt nicht erst einen bärbeißigen Vater , eine launische Mutter , einen einflußreichen Verwandten zu gewinnen , um sich der Ersehnten nahen zu dürfen . Kein Ausdruck der Ergebenheit ging unterwegs verloren , jedes überschwengliche Wort gelangte unmittelbar an seine richtige Adresse , der Duft jedes Weihrauchkörnleins , das ein frommer Beter um Regulas Minnesold zu verbrennen für gut fand , wurde von der Göttin selbst eingesogen . Ein Jahr nach dem Tode ihrer Mutter konnte Regula schon ebenso viele Briefe , als seitdem Tage verflossen waren , in die Lade legen , in der sie ihre teuersten Erinnerungen verwahrte . Und alle diese Briefe enthielten mehr oder minder unumwunden ausgesprochene Heiratsanträge . Von ihren Bewerbern durfte keiner sich rühmen , daß sie ihm die leiseste Hoffnung gegeben , und keiner sich beklagen , daß sie ihm die kühnste Hoffnung genommen habe . Sie hatte niemals an eine andere Verbindung als an die mit dem Grafen Ronald gedacht , aber dennoch wollte sie von ihren zahlreichen Freiern nicht einen missen . Eine volle Woche hindurch war sie verstimmt , weil ein Witwer von fünfzig Jahren , der überdies Krautwurm hieß , unzufrieden mit der ausweichenden Antwort , die sie ihm erteilte , sich rasch resolvierte und eine andere Wahl traf , die sofort Genehmigung fand . Fräulein Regula hielt es mit dem Futter für ihre Eitelkeit wie Voltaire mit seinem Ruhme : Er hatte davon für eine Million , aber er wollte noch für einen Sou . Seit der Erfahrung , die sie an Herrn Krautwurm gemacht hatte , wurde sie noch vorsichtiger in der Behandlung ihrer Bewunderer . Dennoch gab es einen unter ihnen , den sie mißhandelte ; zugleich der einzige , der Zutritt in ihr Haus erhalten , da er im Laufe der Zeiten Röschens Unterricht in den sogenannten deutschen Gegenständen übernommen hatte . Er war ein blonder , hübscher junger Mann mit dunkelblauen Augen und einem Vollbarte . Ihm war im Leben alles verkehrt gegangen . Er war zum Poeten geboren und wurde Professor der Mathematik , er schwärmte für Schönheit und Güte und - verliebte sich in Regula . Ja , er verliebte sich in sie . Was nicht einmal einem Geizhalse dem reichen Fräulein gegenüber gelang - er brachte es zuwege , oder vielmehr ihn überfiel ' s , wie ein reißendes Tier aus dem Busche den ahnungslosen Wanderer überfällt . Wie es möglich war , daß dieses reizlose Geschöpf eine brennende Leidenschaft erregte - wer kann es begreifen ? Der nicht , der meint , das Entstehen der Liebe bedürfe eines andern Grundes als die Beschaffenheit des Herzens , dem sie entspringt . Was gefiel dem Professor Ludwig Bauer an Regula ? Ihre frostige Höflichkeit ? ihr wächsernes Gesicht ? - Was trieb ihn zu ihr ? Vielleicht nur das Verhängnis , das zu manchem Menschen spricht : Hier ist eine Gelegenheit , tief unglücklich zu werden - ergreife sie ! Hier fließt ein Strom unsäglicher Leiden - stürz dich hinein ! Der junge Professor liebte das Fräulein Heißenstein mit einer grimmigen , stets beleidigten und gekränkten Liebe , die ihm alle Lebensfreude verdarb und die er nur um so hartnäckiger festhielt mit verbissener Treue . Um Regula täglich sehen zu können , bot er sich an , ihrer kleinen Nichte Unterricht im Rechnen und in der Grammatik zu gehen . Die Tante ging sehr gern auf diesen Vorschlag ein . Sie fürchtete ohnedies , es könne auffallen , daß » ein ungebildeter Kommis « der alleinige Führer des nun schon achtjährigen Kindes auf den Pfaden der Wissenschaft sei . Hingegen geriet ganz Weinberg in Bewunderung , als es bekannt wurde : ein Professor des Gymnasiums bringe jetzt in eigener Person der kleinen Waise die vier Spezies bei und führe sie am Ariadnefaden seiner Weisheit durch das Labyrinth der Endungen . Es ist erstaunlich ! - Und was das kosten mag ! Ja , Fräulein Heißenstein ist eben jederzeit und immer , man kann nur sagen : großartig ! Allabendlich Schlag sechs Uhr trat Professor Bauer in das Speisezimmer , wo Röschens Lehrtisch in einer Fensternische aufgeschlagen war und wo sie ihn seufzend erwartete , aber nicht seufzend aus Ungeduld . Sein erstes Wort lautete regelmäßig : » War Fräulein Tante nicht da ? Wird Fräulein Tante nicht kommen ? « Und kam sie nicht , dann hatte Röschen eine schlimme Stunde . Erschien sie aber , so beeilte er sich zu sagen : » Es ist gut , du warst sehr brav , du bist fertig . « Ei , wie rasch sie in diesem günstigen Falle ihren kleinen Lehrkram zusammenräumte , sich in einen Winkel des Zimmers verkroch und auf ihre Schreibtafel statt Ziffern Herren und Damen zeichnete , mit unförmig großen Köpfen und unglaublich dünnen Armen , an deren Enden fünf Stängelchen hingen , die sich für Finger ausgaben . Sobald Ludwig Bauer die von ihm Angebetete erblickte , wurde er entweder mürrisch oder verlegen . Ein nicht erhörter Liebhaber ist selten liebenswürdig , er tut gewöhnlich das möglichste , um seine Sache zu verschlimmern . Von seinen Gefühlen zu sprechen war dem Professor selten erlaubt , um Regulas stets zur Abwehr bereite Tugend nicht unter die Waffen zu rufen . Versuchte er es aber , sich angenehm zu machen , indem er interessante Dinge vorbrachte , die den gebildeten Geist des Fräuleins mit neuen Erkenntnissen schmücken sollten , dann kam er meist am schlechtesten an . Regula empfand einen wahren Abscheu vor allem Wissen , das sie nicht selbst besaß , und hatte bei den Erörterungen des Professors eine Art , den Mund zu verziehen , zerstreute Blicke umherzuwerfen und mit fast geschlossenen Lippen zu sagen : » Warum nicht gar « , die ihn jedesmal auf das grausamste beschämte . Zu andern Zeiten wieder benahm sich Bauer höchst stürmisch und ungebärdig . Röschen konnte sich eines Tages nicht genug darüber wundern , daß ihre Tante so gar keine Angst vor ihm zu haben schien , sondern sein heftiges Gezänke mit Ruhe , ja mit einem Lächeln der Befriedigung anhörte . » Stimmen Sie sich herab , stimmen Sie sich herab , Bester ! « sagte sie . Sie sagte » Bester « zu einem Menschen , der schrecklich böse war - Röschen konnte darauf schwören . Der Professor stand auf , machte einen Gang durch das Zimmer , trat vor Regula hin , kreuzte die Arme und sprach : » Ich bin Ihnen so gleichgültig wie der Hund , der dort über den Platz läuft ... Sie haben kein Herz , Fräulein ! « Regula warf einen Blick auf das Kind , das in der Ecke des Zimmers spielte , und entgegnete in ermahnendem Tone : » Sie wissen nicht , was Sie reden ! « » Nicht ? ... Bin ich Ihnen etwa nicht gleichgültig ? ... Antworten Sie mir ! « rief der arme Professor , in einem Atem flehend und drohend . » Sie könnten es mir werden , wenn Sie so fortfahren - Freund « , säuselte das Fräulein und schlug züchtig die Augen nieder . » Wäre das nicht traurig ? ... Freundschaft ist so schön - denken Sie an Jean Paul ... Ich möchte Sie nicht verlieren ... « » Fräulein , Fräulein ! - o Fräulein ! « war alles , was er hervorbrachte im Sturme seiner Gefühle . Regula richtete sich kerzengerade auf , murmelte etwas von Anmaßung und Tyrannei , die sie sich verbitten müsse , und machte eine verabschiedende Handbewegung . » Oh ! « stöhnte Ludwig , gerade wie Othello : » Oh ! - Oh ! - « und stürzte zur Tür hinaus . Röschen hatte sich in ihrer Angst hinter einen der hochlehnigen Sessel gekauert und erwartete , ihre Tante werde sich gleichfalls in Sicherheit zu bringen suchen . Sie machte ihr schon Platz neben sich : » Komm hierher ! « flüsterte sie , fürchtend , der wütende Professor könnte wiederkehren . Aber für das Kind war heut ein Tag der Überraschungen . Statt besorgt zu scheinen , sah die Tante dem Enteilenden mit einem triumphierenden Blicke nach und versuchte sogar , ein Liedchen zu trällern ; aber das mißlang ihr , denn sie hatte weder Gehör noch Stimme oder vielmehr beides falsch und ungehorsam , und wenn sie singen wollte : » Der Eichwald brauset , die Wolken ziehen « , geriet sie jedesmal in die Melodie von : » Robert - Robert , mein Geliebter ! « Ungefähr um dieselbe Zeit sah Mansuet den guten Schimmelreiter mit ganz verstörtem Gesicht aus dem Zimmer Bozenas treten . Er nahm im Gehen eine neue schwarze Krawatte von seinem Halse ab und ersetzte sie durch die dunkelgrau und grün quadrillierte , die er gewöhnlich trug . Als er an Weberlein vorüber sollte , machte er , um ihm auszuweichen , einen so großen Bogen , als die Breite des Ganges irgend erlaubte . Aber das half ihm nichts . Sein Freund schritt resolut auf ihn zu , nahm vertraulich seinen Arm und sprach : » Na , wissen Sie ' s jetzt ? Sie hat nein gesagt , versteht sich ? « Schimmelreiter sah noch immer um sich mit Blicken , starr und gläsern , wie die eines Menschen , der eben einen großen Schrecken gehabt hat . Grenzenloses Erstaunen , die höchste Bestürzung malten sich auf seinem runden Gesichte . Plötzlich blieb er stehen , faßte Mansuets beide Hände , und indem er sich zu dem kleinen Manne niederbeugte , flüsterte er ihm zu : » Sie hat , denken Sie , sie hat nein gesagt - denken Sie sich das ! « Und nun ließ er Mansuets Hände los und rang die seinen wie ein Trostloser . Der Alte redete ihm zu : » Beschwichtigen Sie sich . Wissen Sie was ? - Machen Sie sich nichts daraus . « Der abgewiesene Freier mußte zugeben , daß er nicht leicht etwas Klügeres tun könnte . - Aber freilich , gleich das Klügste zu tun , wer trifft das so leicht ? Überdies würde die Sache damit noch nicht abgetan sein . Das Schlimmste kommt nach ! das Gerede der Leute . » Alle Leute werden es erfahren ! « jammerte Schimmelreiter . » Was fällt Ihnen ein ? « fragte Mansuet . » Die Bozena schwatzt nicht , und außer ihr weiß es niemand . « Der Sekretär gestand , das Fräulein wisse es , ihr habe er pflichtschuldig gemeldet , er gehe mit dem Gedanken um , » sich zu verändern « . Freilich ohne ihr mitzuteilen , auf wen seine Wahl gefallen sei . » Dann ist ja alles vortrefflich ! « sagte Weberlein , » dann gehen Sie gleich und nehmen eine andere . « Diese Äußerung rief , so brutal sie schien , durchaus keine Entrüstung bei Schimmelreiter hervor , er meinte vielmehr , das sei zu überlegen , kam jedoch alsbald wieder auf die Katastrophe zurück , die jetzt seine ganze Seele erfüllte . » Aber , die Bozena ! ... Begreifen Sie die Bozena ? Begreifen Sie , daß sie mich ausgeschlagen hat ? Sie hätte doch wirklich ein Glück mit mir gemacht . So eindringlich habe ich es ihr vorgestellt ! - Es nützte nichts . Sie wird niemals heiraten , behauptet sie . Ich lasse nicht nach mit Fragen : Warum ? warum ? Ob sie ihr Herz an einen gehängt hat , den sie nicht kriegen kann ? - Ob sie gar so hoch hinaus will ? -Nein ! nein ! sagt sie . Was also hält Sie ab ? sag ich . Und sie darauf : Ein unübersteigliches Hindernis . - Das immer bleiben wird ? - Immer . - An dem nichts zu ändern ist ? - Nichts . Lassen Sie es jetzt gut sein , Herr Sekretär . - Und ich hätte es sollen gut sein lassen . Aber da reitet mich der Teufel , daß ich nicht schweigen kann , daß ich noch frage : Wenn das unübersteigliche Hindernis nicht wäre , würden Sie mich dann nehmen ? - Glauben Sie es , oder nicht ... Sie antwortet mir : Wenn Sie es durchaus wissen wollen : auch dann nicht . Ja : Auch dann nicht , hat sie gesagt . Und jetzt möchte ich wissen , sie ist ja gut , tut niemandem gern weh - warum sie nicht lieber geschwiegen - warum sie nicht lieber eine ausweichende Antwort gegeben hat ? « » Jede andere hätt ' s getan - aber sie ? sie sagt nur die Wahrheit , aber die ganze . Sie ist wahr wie der Tag « , erwiderte Mansuet . 13 So manche gutmütige Frau in Weinberg meinte , Fräulein Regula sei freilich ein Engel und Bozena freilich die bravste Magd unter der Sonne , aber dennoch könne man das Schicksal des zwischen den