wurzeln hier . Wir welken und sterben . « - Und mit edler Wehmut blickte er hinaus in die blaue Flut . Aber Kamilla hatte nicht die Stimmung , diesen weissagerischen Worten eines Königs über sein Volk nachzusinnen . » Warum seid ihr gekommen ? « fragte sie mit Härte . » Warum seid ihr über die Berge gedrungen , die ein Gott als ewige Marken gesetzt hat zwischen euch und uns . Sprich , warum ? « - » Weißt du , « sprach Athalarich , ohne sie anzublicken , wie mit sich selber und für sich selber fortdenkend , » weißt du , warum die dunkle Motte nach der hellen Flamme fliegt ? Wieder , immer wieder ! Von keinem Schmerz gewarnt ! bis sie verzehrt ist von der schönen , lockenden Feindin ? Aus welchem Grund ! Aus einem süßen Wahnsinn ! Und solch ein süßer Wahnsinn ist es , ganz derselbe , der meine Goten aus den Tannen und Eichen hinweggezogen hat zu Lorbeer und Olive . Sie werden sich die Flügel verbrennen , die törichten Helden . Und werden doch nicht davon lassen . Wer will sie drum schelten ? Sieh um dich her . Wie tief blau der Himmel ! wie tief blau das Meer ! und darin spiegeln die Wipfel der Pinien und die Säulentempel voll Marmorglanz ! und fern da drüben ragen schön gewölbte Berge und draußen in der Flut schwimmen grüne Inseln , wo sich die Rebe um die Ulme schlingt . Und drüber hin die weiche , die warme , die kosende Luft , die alles erhellt . Welche Wunder der Formen , der Farben trinkt das Auge und atmen die entzückten Sinne ! Das ist der Zauber , der uns ewig locken und ewig verderben wird . « Die tiefe und edle Erregung des jungen Königs blieb nicht ohne Eindruck auf Kamilla . Die tragische Gewalt dieser Gedanken ergriff ihr Herz : aber sie wollte nicht ergriffen sein . Sie wehrte sich gegen ihre weicher werdende Empfindung . Sie sagte kalt : » Ein ganzes Volk gegen Verstand und Einsicht vom Zauber angezogen ? « und kalt und zweifelnd sah sie ihn an . Aber sie erschrak : denn wie Blitze loderte es aus den dunkeln Augen des Jünglings und die lang zurückgehaltne Glut brach plötzlich aus den Tiefen seiner Seele : » Ja , sag ' ich dir , Mädchen ! « rief er leidenschaftlich . » Ein ganzes Volk kann eine törichte Liebe , einen süßen , verderblichen Wahnsinn , eine tödliche Sehnsucht pflegen so gut wie - so gut wie ein einzelner . Ja , Kamilla , es gibt eine Gewalt im Herzen , die stärker als Verstand und Wille , uns sehenden Auges ins Verderben reißt . Aber du weißt das nicht ! Und mögest du ' s nie erfahren . Niemals . Leb wohl ! « Und rasch wandte er sich und bog rechts vom Tempel in den dichten Laubgang von rankendem Wein , der ihn sofort vor Kamilla wie vor den Fenstern des Schlosses verbarg . Sinnend blieb das Mädchen stehen . Seine letzten Worte klangen seltsam fort in ihren Gedanken : lange sah sie träumend ins offne Meer hinaus und mit wundersam gemischter Empfindung , mit verwandelter Stimmung , kehrte sie endlich wieder dem Schlosse zu . Achtes Kapitel . Noch am nämlichen Tage fand sich Cethegus bei den Frauen ein . Er war in wichtigen Geschäften von Rom herbeigeeilt und kam soeben aus dem Regentschaftsrat , der in des kranken Königs Gemach gehalten wurde . Verhaltner Zorn lagerte auf seinen herben Zügen . » Ans Werk , Kamilla , « sprach er heftig . » Ihr säumt zu lang . Dieser vorlaute Knabe wird immer herrischer . Er trotzt mir und Cassiodor und seiner schwachen Mutter selbst . Er verkehrt mit gefährlichen Leuten . Mit dem alten Hildebrand , mit Witichis und ihren Freunden . Er schickt Briefe und empfängt Briefe hinter unsrem Rücken . Er hat es durchgesetzt , daß die Königin nur noch in seiner Gegenwart den Rat der Regentschaft beruft . Und in diesem Rat kreuzt er all unsre Pläne . Das muß aufhören . So oder so . « - » Ich hoffe nicht mehr , Einfluß auf den König zu gewinnen , « sagte Kamilla ernst . - » Weshalb ? hast du ihn schon gesehen . « Das Mädchen überlegte , daß sie Athalarich versprochen , seinen Ungehorsam nicht an die Ärzte gelangen zu lassen . Aber auch sonst widerstrebte es ihrem Gefühl , die Begegnung dieses Morgens zu entweihen , zu verraten . Sie wich daher der Frage aus und sagte : » Wenn der König sich sogar seiner Mutter , der Regentin , widersetzt , wird er sich nicht von einem jungen Mädchen beherrschen lassen . « - » Goldne Einfalt ! « lächelte Cethegus und ließ das Gespräch ruhen , solang das Kind anwesend war . Aber insgeheim trieb er Rusticianen , zu veranlassen , daß ihre Tochter den König fortan häufig sehe und spreche . Dies ward möglich , da sich dessen Befinden jetzt rasch besserte . Und wie äußerlich , wurde er innerlich zusehends männlicher , fester und reifer : es war , als ob das Widerstreben gegen Cethegus ihm Leib und Seele kräftige . So verbrachte er bald wieder viele Stunden in den weiten Anlagen des Gartens . Dort war es , wo ihn seine Mutter und die Familie des Boëthius in den Abendstunden häufig trafen . Und während Rusticiana die Huld der Regentin mit voller Freundschaft zu erwidern schien und aufmerksam ihren vertrauenden Mitteilungen lauschte , um sie wörtlich dem Präfekten wiedererzählen zu können , wandelten die jungen Leute vor ihnen her durch die schattigen Gänge des Gartens . Oft auch bestieg die kleine Gesellschaft eine der leichten Gondeln in jenem Hafen und Athalarich steuerte wohl selbst eine Strecke ins blaue Meer hinaus , nach einer der kleinen , grünbuschigen Inseln , die nicht weit vor der Bucht lagen . Auf dem Heimweg aber spannte man die purpurnen Segel auf und ließ sich von dem frischen Westwind , der sich bei Sonnenuntergang zu erheben pflegte , langsam und mühelos zurücktragen . - Oft waren es auch der König und Kamilla allein , die , nur von Daphnidion begleitet , sich dieser Wanderungen im Grünen und auf den Wellen erfreuten . Wohl sah Amalaswintha darin die Gefahr , dadurch die Neigung ihres Sohnes , die ihr nicht entgangen war , zu steigern . Aber vor allen andern Erwägungen segnete sie dankbar den günstigen Einfluß , den dieser Umgang augenscheinlich auf ihren Sohn übte : er wurde in Kamillas Nähe ruhiger , heiterer , und war dann auch weicher gegen seine Mutter , der er sonst oft heftig und schroff gegenübertrat . Auch beherrschte er sein Gefühl mit einer Sicherheit , die bei dem reizbaren Kranken doppelt befremdete : und endlich würde die Regentin , im Fall sich diese Liebe ernster geltend machte , sogar einer Verbindung nicht abgeneigt gewesen sein , die den römischen Adel völlig zu gewinnen und jedes Andenken einer unseligen Bluttat auszulöschen versprach . - In dem Mädchen aber ging eine wundersame Wandlung vor . Täglich mehr fühlte sie ihren Groll und Haß schwinden , wie sie täglich klarer die edle Zartheit der Seele , den schwungvollen Geist , das tiefe , poesiereiche Gemüt des jungen Königs sich entfalten sah . Nur mit Anstrengung konnte sie gegen diesen wachsenden Zauber sich immer wieder das Schicksal ihres Vaters als Talisman ins Andenken zurückrufen : immer mehr kam sie dazu , unter den Goten und Amalern , die jenes Schicksal herbeigeführt , mit Gerechtigkeit zu unterscheiden : immer bestimmter sagte sie sich , wie unbillig es sei , Athalarich um eines Unglücks willen zu hassen , das er nur nicht verhindert hatte und wohl schwerlich hätte verhindern können . Längst hätte sie ihn am liebsten völlig freigesprochen : aber sie mißtraute dieser Milde : sie scheute sie wie eine schwarze Sünde gegen Vater , Vaterland und eigne Freiheit . Mit Zittern nahm sie wahr , wie unentbehrlich dies edle Menschenbild ihr wurde , wie mächtig sie sich sehnte , diese melodische Stimme zu hören und in dies dunkle , sinnige Auge zu blicken . Sie fürchtete die frevelhafte Liebe , die sie sich nur schwer noch verhehlen konnte , und die einzige Waffe , mit der sie sich noch dagegen wehrte , der Vorwurf seiner Mitschuld an des Vaters Untergang , wollte sie sich nicht entwinden lassen . So schwankte sie in wogenden Gefühlen , desto unsichrer , je rätselhafter ihr Athalarichs geschlossene Sicherheit blieb . Sie konnte ja nicht daran zweifeln , daß er sie liebe , nach allem was geschehen - aber doch ! Nicht eine Silbe , nicht ein Blick verriet diese Liebe : jene Äußerung , mit der er sie damals am Venustempel rasch verlassen , war das bedeutsamste , ja das einzige bedeutsame Wort , das ihm entschlüpfte . Sie ahnte nicht , was die hochwogende Seele des Jünglings durchgekämpft und durchgelitten , bis seine Liebe zwar nicht erlosch , aber entsagte , und noch weniger , in welch neuem Gefühl er die männliche Kraft solcher Entsagung gefunden . Ihre Mutter , die ihn mit aller Schärfe des Hasses beobachtete und darüber das eigne Kind zu überwachen vergaß , schien noch mehr erstaunt über seine Kälte . » Aber Geduld , « sprach sie zu Cethegus , mit dem sie oft hinter Kamillas Rücken Beratung pflog , » Geduld , bald , binnen drei Tagen , wirst du ihn verwandelt sehen . « - » Es wäre Zeit , « meinte Cethegus ; » aber auf was vertraust du ? « - » Auf ein Mittel , das noch nie getäuscht hat . « » Du wirst ihm doch kein Liebestränklein brauen ? « lächelte der Präfekt . - » Allerdings , das werd ' ich tun ; das hab ' ich schon getan . « - Jener sah sie spöttisch an : » Auch bei dir solcher Aberglaube , bei der Witwe des großen Philosophen Boëthius ! In Liebeswahn sind alle Weiber gleich ! « » Nicht Wahn und Aberglaube , « sagte Rusticiana ruhig . » Seit mehr als hundert Jahren lebt das Geheimnis in unsrer Familie . Ein ägyptisch Weib hat es dereinst am Nil meine Ureltermutter gelehrt . Und es hat sich bewährt . Kein Weib unseres Hauses hat ohne Erhörung geliebt . « - » Dazu braucht ' s keinen Zauber , « meinte der Präfekt : » ihr seid ein schönes Geschlecht . « - » Spare deinen Spott . Der Trank wirkt unfehlbar , und wenn er bis heute nicht wirkte - « - » So hast du wirklich - Unvorsichtige ! wie konntest du unvermerkt ? « - » Am Abend , wann er vom Spaziergang oder von der Gondelfahrt mit uns zurückkommt , nimmt er einen Becher gewürzten Falerners . Der Arzt hat es ihm verordnet : es sind Tropfen arabischen Balsams darin . Der Becher steht immer bereit auf dem Marmortisch vor dem Venustempel . Dreimal schon gelang es , den Trank hineinzuschütten . « - » Nun , « meinte Cethegus , » es hat bis jetzt nicht sonderlich gewirkt . « - » Daran ist nur deine Ungeduld die Ursache . Die Kräuter müssen im Neumond gebrochen werden - ich wußte das wohl . Aber , gedrängt von deinen Mahnungen , versucht ' ich ' s schon im Vollmond und du siehst , es wirkte nicht . « - Cethegus zuckte die Achseln . - » Aber gestern nacht trat Neumond ein . Ich war nicht müßig mit meiner goldnen Schere und wenn er jetzt trinkt - « - » Eine zweite Locusta ! Nun , mein Trost sind Kamillas schöne Augen . Weiß sie von deinen Künsten ? « » Kein Wort zu ihr ! Sie würde das nie dulden . Stille , sie kommt . « Das Mädchen trat ein in lebhafter Erregung , die lieblichen Wangen gerötet , eine Flechte des dunklen Haares war losgegangen und spielte um den feinen Nacken . » Saget mir , ihr , die ihr klug seid und menschenerfahren , sagt mir , was soll ich denken ? Ich komme aus dem Schiff . O , er hat mich nie geliebt ! der Hochmütige , er bemitleidet , er bedauert mich ! Nein , das ist nicht das rechte Wort . Ich kann es mir nicht deuten . « Und in Tränen ausbrechend , barg sie das Haupt am Halse der Mutter . - » Was ist geschehen , Kamilla ? « fragte Cethegus . - » Schon oft , « begann sie tiefaufatmend , » spielte ein Zug um seinen Mund , sprach eine Wehmut aus seinem Auge , als sei er der tief von mir Gekränkte , als habe er uns edel zu vergeben , als habe er mir ein großes Opfer gebracht - « - » Unreife Knaben bilden sich immer ein , es sei ein Opfer , wenn sie lieben . « Da blitzte Kamillas Auge , sie warf den schönen Kopf zurück und wandte sich heftig gegen Cethegus : » Athalarich ist kein Knabe mehr und man soll ihn nicht verhöhnen . « Cethegus schwieg , ruhig die Augen senkend . Aber Rusticiana fragte erstaunt : » Hassest du den König nicht mehr ? « - » Bis zum Tode . Man soll ihn verderben , nicht verhöhnen . « » Was ist geschehen ? « wiederholte Cethegus . - » Heute stand jener rätselhafte , kalte , stolze Zug deutlicher als je auf seinem Antlitz . Ein Zufall äußerte ihn in Worten « . Wir waren eben gelandet . Ein Käfer war ins Wasser gefallen : der König bückte sich und zog ihn heraus : das Tierchen aber wehrte sich gegen die mildtätige Hand und biß mit den Zangen des Kopfes in den Finger , der ihn hielt . » Der Undankbare , « sagte ich . - » Oh , « sprach Athalarich , bitter lächelnd , und er setzte den Käfer auf ein Blatt : » man verwundet die am meisten , die am meisten für uns getan . « Und dabei flog sein Blick mit stolzer Wehmut über mich dahin . Doch rasch , als ob er zuviel gesagt , schritt er kalt grüßend hinweg . » Ich aber « , und ihre Brust wogte , ihre fein geschnittenen Lippen schlossen sich - » ich aber trage das nicht mehr . Der Stolze ! er soll mich lieben - oder sterben . « - » Das soll er , « sagte Cethegus kaum hörbar , » eins von beiden . « Neuntes Kapitel . Wenige Tage darauf wurde der Hof durch einen neuen Schritt des jungen Königs zur Selbständigkeit überrascht : er selbst berief den Rat der Regentschaft , ein Recht , das bisher nur Amalaswintha geübt . Die Regentin war nicht wenig erstaunt , als ein Bote ihres Sohnes sie in dessen Gemächer beschied , wo der König bereits eine Auswahl der höchsten Beamten des Reiches um sich versammelt habe , Goten und Römer , unter diesen Cassiodor und Cethegus . Dieser hatte zuerst beschlossen , auszubleiben , um nicht durch sein Erscheinen das Recht anzuerkennen , das sich der Knabe herausnahm : ihm ahnte nichts Gutes . Aber ebendeshalb besann er sich bald eines andern . » Ich darf der Gefahr nicht den Rücken , die Stirn muß ich ihr bieten , « sprach er , als er sich zu dem verhaßten Gang anschickte . Er fand in dem Gemach des Königs alle Geladenen bereits versammelt . Nur die Regentin fehlte noch . Als sie eintrat , erhob sich Athalarich - er trug eine langfaltige Abolla von Purpur , die Zackenkrone Theoderichs glänzte auf seinem Haupt und unter dem Mantel klirrte das Schwert - von seinem Thronsessel , der vor einer durch einen Vorhang geschlossenen Nische stand , ging ihr entgegen und führte sie zu einem zweiten höheren Stuhl , der aber zur Linken stand . Als sie sich niedergelassen , hob er an : » Meine königliche Mutter , tapfre Goten , edle Römer ! Wir haben euch hierher beschieden , euch unsern Willen kundzutun . Es drohten diesem Reiche Gefahren , die nur wir , der König dieses Reiches , abwenden konnten . « Solche Sprache hatte man aus diesem Munde noch nicht vernommen . Alle schwiegen betroffen , Cethegus aus Klugheit : er wollte den rechten Augenblick abwarten . Endlich begann Cassiodor : » Deine weise Mutter und dein getreuer Diener Cassiodor « - - » Mein getreuer Diener Cassiodor schweigt , bis sein Herr und König ihn um Rat befragt . Wir sind schlecht zufrieden , sehr schlecht , mit dem , was die Räte unsrer königlichen Mutter bisher getan haben und nicht getan . Es ist höchste Zeit , daß wir selbst zum Rechten sehn . Wir waren dazu bisher zu jung und zu krank . Wir fühlen uns nicht mehr zu jung und nicht mehr zu krank . Wir künden euch an , daß wir demnächst die Regentschaft aufheben und die Zügel dieses Reiches selbst ergreifen werden . « Er hielt inne . Alles schwieg . Niemand hatte Lust , nach Cassiodors Beispiel zu reden und dann zu verstummen . Endlich fand Amalaswintha , die diese plötzliche Energie ihres Sohnes gleichsam betäubt hatte , die Sprache wieder : » Mein Sohn , dies Alter der Mündigkeit ist nach den Gesetzen der Kaiser « - - » Nach den Gesetzen der Kaiser , Mutter , mögen die Römer sich richten . Wir sind Goten und leben nach gotischem Recht . Germanische Jünglinge werden mündig , wann sie das gesammelte Volksheer waffenreif erklärt . Wir haben deshalb beschlossen , alle Heerführer und Grafen und alle freien Männer unsres Volkes , so viele ihrer dem Rufe folgen wollen , aus allen Provinzen des Reichs zur Heeresschau zu laden nach Ravenna . Mit dem nächsten Sonnwendfest sollen sie eintreffen . « Überrascht schwieg die Versammlung . » Das sind nur noch vierzehn Tage « , sprach endlich Cassiodor . » Wird es möglich sein , in so kurzer Frist noch die Ladungen zu besorgen ? « - » Sie sind besorgt . Hildebrand , mein alter Waffenmeister , und Graf Witichis haben sie alle bestellt . « - » Wer hat die Dekrete unterschrieben ? « fragte Amalaswintha , sich ermannend . » Ich allein , liebe Mutter . Ich mußte doch den Geladnen zeigen , daß ich reif genug , allein zu handeln . « » Und ohne mein Wissen ! « sprach die Regentin . - » Und ohne dein Wissen geschah es , weil es sonst gegen deinen Willen geschehen mußte . « Er schwieg . Alle Römer waren ratlos und wie betäubt von der plötzlich entfalteten Kraft des jungen Königs . Nur in Cethegus stand sogleich der Entschluß fest , jene Versammlung zu verhindern , um jeden Preis . Er sah den Grund all seiner Pläne wanken . gern wär ' er mit aller Wucht seines Wortes der vor seinen Augen versinkenden Regentschaft zu Hilfe gekommen : gern hätte er schon mehrere Male in dieser Verhandlung das kühne Aufstreben des Jünglings mit seiner ruhigen Überlegenheit zu Boden gedrückt : - aber ihm hielt ein seltsamer Zufall Gedanken und Zunge wie mit Zauberbanden gefesselt . Er hatte in der Nische hinter dem Vorhang Geräusch zu vernehmen geglaubt und scharfe Blicke darauf geheftet : da bemerkte er unter dem Vorhang durch , dessen Fransen nicht ganz bis zur Erde reichten , die Füße eines Mannes . Freilich nur bis an die Knöchel . Aber an diesen Knöcheln saßen Beinschienen von Erz eigentümlicher Arbeit . Er kannte diese Beinschienen , er wußte , daß sie zu einer vollen Rüstung gleicher Arbeit gehörten , er wußte auch in unbestimmter Gedankenverbindung , daß der Träger dieser Rüstung ihm verhaßt und gefährlich : aber es war ihm nicht möglich , sich zu sagen , wer dieser Feind sei . Hätte er die Schienen nur bis ans Knie verfolgen können ! Gegen seinen Willen mußte er die Augen immer und immer wieder auf jenen Vorhang richten und raten und raten . Und das bannte seinen Geist jetzt , - jetzt , da alles auf dem Spiele stand . Er zürnte über sich selbst , aber er konnte Gedanken und Blicke nicht von der Nische losreißen . Der König jedoch fuhr , ohne Widerstand zu finden , fort : » Ferner haben wir die edeln Herzoge Thulun , Ibbas und Pitza , die grollend diesen Hof verlassen , aus Gallien und Spanien zurückgerufen . Wir finden , daß allzuviele Römer , allzuwenig Goten uns umgeben . Jene drei tapfern Krieger werden mit Graf Witichis die Wehrmacht unsres Reiches , die Festen und Schiffe untersuchen und alle Schäden aufdecken und heilen . Sie werden nächstens eintreffen . « Sie müssen sogleich wieder fort , sagte Cethegus rasch zu sich selbst . Aber seine Gedanken fuhren fort : Nicht ohne Grund ist jener Mann dadrinnen versteckt . » Weiter « , hob der königliche Jüngling wieder an , » haben wir Mataswinthen , unsre schöne Schwester , zurückbeschieden an unsern Hof . Man hat sie nach Tarent verbannt , weil sie sich geweigert , eines betagten Römers Weib zu werden . Sie soll wiederkehren , die schönste Blume unsres Volkes , und unsren Hof verherrlichen . « » Unmöglich ! « rief Amalaswintha : » Du greifst in das Recht der Mutter wie der Königin . « - » Ich bin das Haupt der Sippe , sobald ich mündig bin . « » Mein Sohn , du weißt , wie schwach du warst noch vor wenigen Wochen . Glaubst du wirklich , die gotischen Heermänner werden dich waffenreif erklären ? « Der König wurde rot wie sein Purpur , halb vor Scham , halb vor Zorn ; eh ' er Antwort fand rief eine rauhe Stimme an seiner Seite : » Sorge nicht darum , Frau Königin . Ich bin sein Waffenmeister gewesen : ich sage dir , er kann sich messen mit jedem Feind : und wen der alte Hildebrand wehrfähig spricht , der gilt dafür bei allen Goten . « Lauter Beifall der anwesenden Goten bestätigte sein Wort . Wieder gedachte Cethegus einzugreifen , aber eine Bewegung hinter dem Vorhang zog seine Gedanken ab : Einer meiner größten Feinde ist es , aber wer ? » Noch eine wichtige Sache ist euch kundzutun « , begann der König wieder , mit einem flüchtigen Seitenblick nach der Nische , der dem Präfekten nicht entging . Etwa ein Anschlag gegen mich ? dachte er . Man wollte mich überraschen ? Das soll nicht gelingen ! - Aber es überraschte ihn doch , als plötzlich der König mit lauter Stimme rief : » Präfekt von Rom , Cethegus Cäsarius ! « Er zuckte , aber rasch gefaßt , neigte er das Haupt und sprach : » Mein Herr und König . « - » Hast du uns nichts aus Rom zu melden ? Wie ist die Stimmung der Quiriten ? Was denkt man dort von den Goten ? « » Man ehrt sie als das Volk Theoderichs ! « - » Fürchtet man sie ? « - » Man hat nicht Ursach , sie zu fürchten . « - » Liebt man sie ? « - Gern hätte Cethegus geantwortet : Man hat nicht Ursach ' , sie zu lieben . Aber der König selbst fuhr fort : » Also keine Spur von Unzufriedenheit ? Kein Grund zur Sorge ? Nichts Besonderes , das sich vorbereitet . « » Ich habe nichts dir anzuzeigen . « - » Dann bist du schlecht unterrichtet , Präfekt - oder schlecht gesinnt . Muß ich , der in Ravenna kaum vom Siechbett ersteht , dir sagen , was in deinem Rom unter deinen Augen vorgeht ? Die Arbeiter auf deinen Schanzen singen Spottlieder auf die Goten , auf die Regentin , auf mich , deine Legionäre führen bei ihren Waffenübungen drohende Reden . Höchstwahrscheinlich besteht bereits eine ausgebreitete Verschwörung , Senatoren , Priester an der Spitze : sie versammeln sich nachts an unbekannten Orten . Ein Mitschuldiger des Boëthius , ein Verbannter , Albinus , ist in Rom gesehen worden ; und weißt du wo ? im Garten deines Hauses . « Der König stand auf . Die Augen aller Anwesenden richteten sich erstaunt , erzürnt , erschrocken auf Cethegus . Amalaswintha bebte für den Mann ihres Vertrauens . Aber dieser war jetzt wieder völlig er selbst . Ruhig , kalt , schweigend sah er dem König ins Auge . » Rechtfertige dich ! « rief ihm dieser entgegen . » Rechtfertigen ? gegen einen Schatten ? ein Gerücht , eine Klage sonder Kläger ? Nie ! « - » Man wird dich zu zwingen wissen . « Hohn zuckte um des Präfekten schmale Lippen . » Man kann mich ermorden auf bloßen Verdacht , ohne Zweifel - wir haben das erfahren , wir Italier ! - nicht mich verurteilen . Gegen Gewalt gibt es keine Rechtfertigung , nur gegen Gerechtigkeit . « - » Gerechtigkeit soll dir werden , zweifle nicht . Wir übertragen den hier anwesenden Römern die Untersuchung , dem Senat in Rom die Urteilsfällung . Wähle dir einen Verteidiger . « - » Ich verteidige mich selbst « , sprach Cethegus kühl . » Wie lautet die Anklage ? Wer ist mein Ankläger ? Wo ist er ? « - » Hier « , rief der König und schlug den Vorhang zurück . Ein gotischer Krieger in ganz schwarzer Rüstung trat hervor . Wir kennen ihn . Es war Teja . Dem Präfekten drückte der Haß die Wimper nieder . Jener aber sprach : » Ich , Teja , des Tagila Sohn , klage dich an , Cethegus Cäsarius , des Hochverrats an diesem Reich der Goten . Ich klage dich an , den verbannten Verräter Albinus in deinem Haus zu Rom zu bergen und zuhehlen . Es steht der Tod darauf . Und du willst dies Land dem Kaiser in Byzanz unterwerfen . « » Das will ich nicht « , sprach Cethegus ruhig ; » beweise deine Klage . « - » Ich habe Albinus vor vierzehn Nächten mit diesen Augen in deinen Garten treten sehen « , fuhr Teja zu den Richtern gewendet fort . » Er kam von der Via sacra her , in einen Mantel gehüllt , einen Schlapphut auf dem Kopf . Schon in zwei Nächten war die Gestalt an mir vorbeigeschlüpft : diesmal erkannt ich ihn . Als ich auf ihn zutrat , verschwand er , ehe ich ihn ergreifen konnte , an der Tür , die sich von innen schloß . « - » Seit wann spielt mein Amtsgenoß , der tapfre Kommandant von Rom , den nächtlichen Späher ? « - » Seit er einen Cethegus zur Seite hat . Aber ob mir auch der Flüchtling entkam , - diese Rolle fiel ihm aus dem Mantel : sie enthält Namen von römischen Großen und neben den Namen Zeichen einer unlösbaren Geheimschrift . Hier ist die Rolle . « Er reichte sie dem König . Dieser las : » Die Namen sind : Silverius , Cethegus , Licinius , Scävola , Calpurnius , Pomponius . - Kannst du beschwören , daß der Vermummte Albinus war ? « » Ich will ' s beschwören . « - » Wohlan , Präfekt . Graf Teja ist ein freier , unbescholtener , eidwürdiger Mann . Kannst du das leugnen ? « » Ich leugne das . Er ist nicht unbescholten : seine Eltern lebten in nichtiger blutschänderischer Ehe : sie waren Geschwisterkinder , die Kirche hat ihr Zusammensein verflucht und seine Frucht : er ist ein Bastard und kann nicht zeugen gegen mich , einen edeln Römer senatorischen Ranges . « Ein Murren des Zornes entrang sich den anwesenden Goten . Tejas blasses Antlitz aber wurde noch bleicher . Er zuckte . Seine Rechte fuhr ans Schwert : » So vertret ' ich mein Wort mit dem Schwert « , sprach er mit tonloser Stimme . » Ich fordere dich zum Kampf , zum Gottesgericht auf Tod und Leben . « - » Ich bin Römer und lebe nicht nach eurem blutigen Barbarenrecht . Aber auch als Gote : - ich würde dem Bastard den Kampf versagen . « - » Geduld « , sprach Teja und stieß das halb gezückte Schwert leise in die Scheide zurück . » Geduld , mein Schwert . Es kömmt dein Tag . « Aber die Römer im Saale atmeten auf . Der König nahm das Wort : » Wie dem sei , die Klage ist genug begründet , die genannten Römer zu verhaften . Du , Cassiodor , wirst die Geheimschrift zu entziffern suchen . Du , Graf Witichis , eilst nach Rom und bemächtigst dich der fünf Verdächtigen , durchsuchst ihre Häuser und das des Präfekten . Hildebrand , du verhafte den Verklagten , nimm ihm das Schwert ab . « - » Halt , « sprach Cethegus , » ich leiste Bürgschaft mit all meinem Gut , daß ich Ravenna nicht verlasse , bis dieser Streit zu Ende . Ich verlange Untersuchung auf freiem Fuß : das ist des Senators Recht . « » Kehr ' dich nicht dran , mein Sohn , « rief der alte Hildebrand vortretend , » laß mich ihn fassen . « - » Laß , « sprach der König , » Recht soll ihm werden , strenges Recht , doch nicht Gewalt . Laß ab von ihm . Auch hat ihn die Klage überrascht . Er soll Zeit haben sich zu verteidigen . Morgen um diese Stunde treffen wir uns wieder hier . Ich löse die Versammlung . « Der König winkte mit dem Zepter : in höchster Aufregung eilte Amalaswintha aus dem Gemach . Die