bei den Alpenrosen , bei den Gemsen , und wie weit es noch hinauf ist bis zum Schnee . Aber die gute Kiefer ist dich keine Tochter der Alpen , balde faßt sie der Schwindel und sie bückt sich angstvoll zusammen und kriecht mühsam auf den Knien hinan , mit ihren geschlungenen , verkrüppelten Armen immer weiter vorgreifend und rankend , die Zapfenköpfchen neugierig emporreckend , bis sie letztlich in den feuchten Schleier des Nebels kommt und in demselben planlos umherirrt zwischen dem Gestein . Auf einem der niedergestürzten Felsblöcke dieses letzten Tales des Waldlandes steht ein Kreuz . Es ist unbeholfen aus zwei rohen Holzstücken gezimmert ; es hängt stellenweise noch die Rinde daran . Still steht es da in der verlorenen Öde ; es ist , wie die erste Kunde von dem Welterlöser , welche der heilige Bonifaz vormaleinst in den deutschen Wildnissen aufgepflanzt hat . Die Eidechse schlüpft auf dem Felsengrunde dahin ; ein Reh trippelt heran mit seinen schlanken Füßen und blickt mit hochgehobenem Kopf und klugen Augen zu dem Kreuzbilde empor . Es will ihm schier bedünken , das Ding sei nicht so geradewegs gewachsen auf dem Stein ; es hebt ängstlich an , hin und her zu lugen , es schwant ihm von jenem schrecklichen Wesen , das schlank wie ein Baum auf zwei Beinen einherzieht und den knallenden Blitzstrahl schleudert nach ihm , dem armen , harm- und wehrlosen Tiere . Des Entsetzens voll schlägt es seine Beine aus und eilt von dannen . Ich habe schon mehrmals nach der Bedeutung jenes Kreuzes gefragt . Seit Gedenken steht es auf dem Stein , kein Mensch kann sagen , wer es aufgestellt . Der Sage nach sei es gar nicht aufgestellt worden . Alle tausend Jahre flög ein Vöglein in den Wald und das brächte ein Samenkorn mit aus unbekannten Landen . Alle anderen Körner seien bislang verloren gegangen , oder man wisse nicht , sei die Giftpflanze mit der blauen Beere , oder der Dornstrauch mit der weißen Rose oder ein anderes Schlimmes oder Gutes daraus entwachsen . Das letzte Korn aber habe jenes Vöglein auf den Klotz im Felsentale gelegt , und daraus sei das Kreuz entsprossen . Man gehe zuweilen hin , um davor zu beten ; manchmal habe das Gebet daselbst schon Segen gebracht , manchmal aber sei auch ein Unglück darauf gekommen . Man wisse also auch vom Kreuze nicht , ob es zum Heile oder zum Unheile sei . Den Einspanig sehe man noch am öftesten im Felsentale und er verrichte seine Andacht vor dem Bilde ; aber man wisse auch vom Einspanig nicht , ob er Gutes oder Schlimmes bedeute . Nach mehreren Tagen der Wanderung bin ich wieder einmal zurückgekehrt in mein Haus an der Winkel . Mehrmals über das Kreuz im Felsentale und den Einspanig nachdenkend , hab ' ich im Winkel ein weniges erfahren . Erstlich , wie ich eintrete in das Haus , wundere ich mich daß , daß meine sonst recht gutmütige Hauswirtin heute gar aufgebracht ist . Die Sache soll so gewesen sein : am Försterhause geht der Einspanig vorüber . Die Haushälterin schaut just zur Tür hinaus und denkt : Ei , wenn sich nur mit diesem seltsamen Menschen einmal ein kleines Plaudern anheben ließ , daß eins doch ein bißchen was von ihm erfahren könnt ' . Und kaum er so zufällig sein Haupt gegen die Tür wendet , lädt sie ihn artig ein , an der Bank ein wenig abzurasten . Er tut ' s , sie bringt ihm eilig Milch und Brot herbei und frägt ihn in ihrer Weise : » Ihr guter Mann Gottes , wo kommt Ihr denn her ? « » Von dem Felsentale hernieder , « ist die Antwort . » Ihr Närrchen ! « ruft das Weib aus , » das soll ja so viel eine böse Gegend sein . Da oben im Felsental ist die Welt mit Brettern verschlagen . « Darauf der Einspanig : » Wo ist die Welt mit Brettern verschlagen ? Gar auf keinem Fleck . Die Berge gehen weit , weit zurück hinter den Hochzahn , dann kommen die Hügelländer , dann kommen die Ebenen , dann kommt das Wasser . Viele tausend Stunden breitet sich das Wasser , dann kommt wieder Land mit Berg und Tal und Hügeln , und wieder Wasser , und wieder Land und Wasser und Land und Land - « Hat ihn die Haushälterin unterbrochen : » Jesus , Einspanig , wie weit denn noch ? ! « » Bis heim , bis in unser Land , in unseren Wald , in das Winkel , in das Felsental . - Ehrsame Frau , gibt Euch Gott Flügel und Ihr fliegt fort gegen Sonnenuntergang , und fort und immerfort , der Nase und der Sonne nach , so kommt Ihr eines Tages von Sonnenaufgang her geflogen gegen Euer friedsam Haus . « Darauf die Hauswirtin : » O du Fabelhans , fable wen andern an , ich bin die Winkelhüterin . Die Milch schenk ' ich Euch und redlicher alter Leut ' Wort dazu : es ist ein Fleck , da ist die Welt mit Brettern verschlagen . So ist der alte Glauben und in dem will ich leben und sterben . « Der Mann soll darauf gesagt haben : » Weib , Eueren alten Glauben hoch in Ehren ! Aber ich bin den Weg schon gegangen , gegen Niedergang hin und von Anfang her . « Und dieses Wort hätte das Weib vollends erbittert ; » Du bist eine Lugentafel ! « soll sie gerufen haben , » auf dich hat der Teufel seinen Heimatschein geschrieben ! « Und hierauf sei der Mann kopfschüttelnd davongezogen . Das gute Weib muß schon schwer auf mich gewartet haben , um sich weiters Luft zu machen . Als ich nach Hause komme , ruft sie mir über den Gadern ( Bretterzaun ) her entgegen : » Mein Eid , mein Eid ! Was es doch auf der lieben Erde Gottes für Leute gibt ! Jetzund glauben sie gar nimmer ans End ' der Welt ! Ich aber sag : unser Herrgott hat ' s recht gemacht , und ich bleib ' bei meinem alten Glauben , und die Welt ist mit Brettern verschlagen ! « » Freilich , freilich Winkelhüterin ! « gebe ich bei und steige über die Bretter des Hausgaderns : » Wohl richtig - mit Brettern verschlagen ! « Und so bleiben wir beim alten Glauben ! Bei den Holzern Daß doch der Wald , wie er sich so hinbreitet über Höhen und Täler - unabsehbar , wie er daliegt , grün und dunkel und weiterhin duftig blauend am sonnigen Sehkreis - der stille , unendliche Wald - daß er doch auch seine Feinde hat ! Wie ist das eine schöne , säuselnde , rauschende , brausende allebendige Ringmauer , schützend vor dem wüsten Unfrieden draußen ! Aber - Waldfried ist gestorben . Im Forste braust der Sturmwind , schlägt manchem jungen Tannling den lustig winkenden Arm weg , bricht manchem trotzigen Recken das Genick . Und in der Tiefe rauscht und schäumt in weißen Gischten und Flocken - wie ein brandender Wolkenstrom - der Wildbach , und wühlt und gräbt und nagt das Erdreich von den Wurzeln , immer weiter und weiter hinein , daß der wuchtige Baum zuletzt schier in der Luft dasteht und sich oben mit starken Armen nur noch an den Nachbarn hält , um nicht zusammenzubrechen , endlich aber doch niederstürzt in das Grab , das ihm jenes Wasser heimtückisch gegraben hat . Jenes Wasser , welches er durch seinen Nebeltau gestärkt , durch seine dichte Krone vor dem Lechzen des Windes geschützt , durch seine Schatten vor dem zehrenden Kusse der Sonne bewahrt hat . - Und auf den luftigen Wipfeln hackt der Specht , und unter den Rinden frißt die Borke , und das Sägerad der Zeit geht allerwege , und die Späne fliegen - im Frühlinge als Blüten , im Herbste als gedörrte Nadeln und Blätter . Es geht ewig zu Ende und im Ende keimt ewig der Anfang . Da naht nun der Mensch mit seiner Zerstörungsgier . Da schallt das Schlagen und Pochen , da surrt die Säge , da klingt das Beil auf das Stemmeisen im dunkeln Grunde ; - wenn du oben hinblickst über das stille Meer der Wipfel , so ahnst du es nicht , welchen es angeht . Aber das Stemmeisen und der Keil dringen tiefer und tiefer ; da schüttelt einer der Hundertjährigen sein hohes Haupt , er weiß doch gar nicht , was die Menschlein wollen da unten , die kleinen , possierlichen Wesen - er kann nicht begreifen und schüttelt wieder das Haupt . Da geht ihm der Stoß ins Herz ; - unten knistert es , schnalzt es , und nun wankt der Riese , knickt ein , rauschend und pfeifend in einem weiten Bogen kreist er hin , mit wildem Krachen stürzt er zu Boden . Leer ist es in der Luft , eine Lücke hat der Wald . Hundert Frühlinge haben ihn emporgehoben mit ihrer Liebe und Strenge ; jetzt ist er tot , und die Welt ist und bleibt ganz auch ohne ihn - den lebendigen Baum . Still stehen die zwei , drei Menschlein , sie stützen sich auf den Beilstiel und blicken auf ihr Opfer . Sie klagen nicht , sie jauchzen nicht , eine grausame Kaltblütigkeit liegt auf ihren rauhen , sonnverbrannten Zügen ; ihr Gesicht und ihre Hände sehen auch aus wie von Fichtenrinden . Sie stopfen sich ein Pfeiflein , schärfen die Hacken und gehen wieder an die Arbeit . Sie hauen die Äste von dem hingestreckten Stamme , sie schürfen ihm mit einem breiten Messer die Rinde ab , sie schneiden ihn vielleicht gar in klafterlange Stücke ; - und nun liegt der stolze Baum in nackten Klötzen . Der Holzhauer denkt nicht daran , kann nicht daran denken , nur daß er sich , wenn der » Meisterknecht « nicht zugegen , ein wenig auf den weißen Stock mit den Jahresringen setzt und wieder ein Pfeifchen stopft , oder - wie das bei den Waldleuten schon eine absonderliche Gewohnheit ist - sich gar einen Ballen Tabak in den Mund steckt , um einen halben Tag an ihm zu kauen . Das Tabakkauen ist dem Holzschläger ein eigener Genuß , es ist ihm , wie er sagt , das halbe Essen und dreiviertel Arzenei . Die Baumstämme werden in diesen Gegenden zumeist zu Kohlen verwandelt und zu diesem Zwecke zu Scheitern oder längeren Stücken , » Dreilingen « ( drei hackenstiellangen Strünken ) zerkleinert . Die Kohlen werden entweder zu Wagen , oder wo der Weg zu elend ist , auf den Rücken der Pferde oder Halbpferde hinausbefördert zu den Hammerwerken der Vorgegenden . Nur die schönsten Stämme werden als Bauholz verwendet . Die Buchen und Ahorne und andere Laubhölzer , wie sie hier wachsen , werden am wenigsten benützt , nur daß sie ihr Laub für Streu und Lagerstätten liefern ; sonst bleiben sie sich selbst überlassen , bis sie inwendig verfault , ausgehöhlt , nach und nach absterben und zusammenbrechen . Dann entstehen schwammartige Auswüchse auf den vermodernden Strünken , und es kommt der Pecher oder der Wurzner , schlägt die Auswüchse los , mörsert sie platt , beizt sie ein und bereitet so den Feuerschwamm . Der Holzhauer weiß freilich nichts von der Schönheit der Wildnis . Dem Holzhauer ist der Wald nichts anderes als dem Bauer das Feld , auf dem er erntet . Aber er erntet für andere . Wie ist das ein langes Tagwerk von der Morgenfrühe bis zur Abenddämmer , eine einzige Ruhestunde nur zu Mittag . Während der Waldteufel sein eigener Herr , ist der Holzhauer der Herren Knecht . - Was die Nahrung anbelangt , so ist der Holzschläger ein Geschöpf , das sich von Pflanzen nährt ; außer er wäre ein tüchtiger Wilderer und ließe sich nicht erwischen . Doch schwelgt er in der Einbildung und nennt seine Mehlnocken gerne nach den Tieren des Waldes . So genießt er zum Frühstück , zum Mittagsmahle , zum Abendbrot nichts als Hirschen , Füchse , Spatzen , und wie er seine Mehlnudeln schon tauft . - Mich hat ein junger Mann eines Freitags zu einem » Hirschen « eingeladen . Ei , denke ich , der hält den Fasttag nicht , das ist sicher der Evangelischen einer , die von den Bauernkriegen her in den Alpen zurückgeblieben sein sollen . Aber jene » Hirschen « sind harmlose Mehlküchlein gewesen . Achtzehn Groschen Arbeitslohn des Tages , das ist schon eine gute Zeit ; mancher Wäldler hat sich davon ein Häuschen , Weib und Kind und eine Ziege angeschafft . Das ist dann ein eigener Herd , da kommt zu dem Mehlgerichte noch eine fette Ziegenmilchsuppe , und zu der Suppe ein Häuflein schreiender Rangen - da geht ' s schon hoch her ! Indes ist der Aufwand in der Waldhütte nicht übertrieben . Es wird zum Glücke von braven Familienvätern nicht viel verlangt . » Jo , won ma ' s holt hot , Kon ma lebn noch sein Gschmock , Für die Kinder a Brot Und für mih an Tabok ! « heißt ein Lied des Waldhäuslers . Andere freilich , und wohl die meisten , ertränken ihr Erworbenes und ihre anspruchslose Zufriedenheit im Branntwein . Solche Junggesellen wohnen zusammen zu Dutzenden in einer einzigen Hütte , kochen ihr Mahl an einem gemeinsamen Herd , der in der Mitte der Klause steht . An den Wänden ringsum sind die Strohlager aufgestellt . In jeder Hütte haben sie einen » Goggen « und einen » Thomerl « ; der Gogg ist ein Holz- und Eisengestell auf dem Herde , welches die Kochpfannen über dem Feuer hält - es sind deren oft ein Halbdutzend um die Flammen aufgerichtet . Der Thomerl ist ein Mensch , der aber auch Hansl oder Lippl , oder wie er will , heißen kann , aber gewöhnlich einen großmächtigen Kopf , hohe Achseln und kurze Füße hat , der die Hände gerne bis zu den Knien hinabhängen läßt und allweg grinst und lächelt , ohne daß er selbst weiß , warum . Er ist das Stubenmädchen , der Küchenjunge , der Holz- und Wasserträger , allfällig der Ziegenhirt , die Zielscheibe für ledige Späße und - die Hausehre . Jede ordentliche Holzknechthütte muß einen Thomerl haben . Ferner sind in der Holzknechthütte in irgendeinem Winkel , unter irgendeiner Diele stets geladene Kugelstutzen verborgen . Der Werktagsanzug der Holzschläger hat keinen ausgeprägten Grundzug ; er ist zum Teile ein zerfasertes Lodengewebe , zum Teile ein mattfarbiges Strickwollenzeug , zum Teile eine hornähnliche Lederrinde , alles mehr oder minder mit Harz überklebt , ausgiebig den inneren Menschen verdeckend . Das Wahrzeichen aber ist der hohe , gelblich grüne Hut mit dem Federbusche . Der Federbusch muß wohl in Ordnung sein , daran hängt , weiß Gott , eine Wilderer- oder Liebesgeschichte oder ein » saggerisch Raufen « . Aber wenn einmal die Kirchweih kommt ! - Die Kirchweih muß es sein , denn Sonntage gibt ' s hier nicht , fehlt ja doch des Sonntags Herz - die Kirche . Zur Kirchweih ziehen sie hinaus zu den ferneren Orten , und da sind sie angetan , diese rauhen Waldmenschen , mit Frack und » Zylinder « ; - ' s ist kaum zu glauben . Aber der Frack ist ja aus grobem Loden , mit grünem Tuche verbrämt ; ganze Bäumchen aus grünem Tuche geschnitten , prangen am Rücken über den Schößen und an den Ärmeln , und große Messingknöpfe leuchten in die Ferne , und ein mächtig hoher Stehkragen bildet die Feste um den Kopf , auf welchem nun der ebenfalls aus groben Haaren , aber mit einem breiten grünen Bande und funkelnder Messingschnalle , breitkrempige , oben weit ausgeschweifte Zylinder sitzt . Bis in die Alpenwildnis herein also die welsche Mode gedrungen ! Zum größten Teile sind es gutmütige Menschen ; gereizt aber können unglaublich wild werden . Da hebt ihr Blut an zu brausen , wie ein Sturmwind im Forst , und der kleinste Funken leidenschaftlicher Erregung wird zu einem Waldbrande . Die Augen dieser Waldmenschen , so tief sie stecken mögen hinter den Brauen , sind klar und glühend . Deutlich ist die Gutherzigkeit darin zu lesen und der Jähzorn . Aber fromm sind sie , schier verdächtig fromm . Jeder hat sein Weihwasserfläschel und sein Anhängsel an der Brust ; jeder betet seinen Rosenkranz , mit Einschließung » aller armen Seelen im Fegfeuer , und zur Erlangung von Geld und Gut , so nutzlos vergraben ist in der Erden « . Und jeder hat in seinem Leben zum mindesten ein Gespenst gesehen . Wie ich diese Leute bis jetzt kennen gelernt habe , ist ihnen ein blutiger Raufhandel etwas Gewöhnliches , schier Selbstverständliches , ein Totschlag nichts so Seltenes . Hingegen Diebstähle kommen nicht vor . So sind sie in den Hochwäldern . Der Holzbauer wird geboren unter dem Baume , sein Vater gibt ihm - möcht ' ich schier sagen - fast eher den Axtstiel in die Hand , als den Löffel , und anstatt nach dem Zulp greift der Kleine nach der Tabakspfeife . Wer Tabak nicht zu kaufen vermag , der macht sich ihn aus Buchenblättern . Just sonderliche Armut ist ihnen nicht angeboren . Die stille Freude kennen sie kaum ; sie fahnden nach gellender Lust . Selbst der Schmerz greift nicht recht an . Wenn einer sich mit dem scharfen Beil in das Bein fährt , so sagt er , es tät ein bißchen » kitzeln « . In wenigen Tagen ist alles wieder heil . Haut sich einer unversehens einen Finger weg , so ist das zuwider , des - Tabakfeuerschlagens wegen . Tannenharz und Pechöl , und ein alter Beinbrucharzt und Zahnbrecher sind in dieser waldschattigen Welt die ganze medizinische Fakultät . Heimweh ist , wenn sie hinauskommen , ihr Seelenleid . Heimweh die Heimatlosen ? - Das Leid heißt Sehnsucht nach den Waldbergen , in welchen sie einmal den Jahreslauf durchlebt . Der schwarze Mathes Im Hinterwinkel steht die unheimliche Hütte . Ich bin vor kurzem in ihr gewesen und hab ' den Raufbold Mathes , den Menschen mit der herben Schale gesehen . Es ist ein kleines , hageres Männchen , liegt hingestreckt auf einem Mooslager und hat Arm und Kopf in Fetzen gewunden . Er ist arg verletzt . Die Fenster der Klause sind mit Lappen verdeckt ; der Mann kann das Licht nicht vertragen . Sein Weib , jung und anmutig , aber abgehärmt zum Erbarmen , kniet neben ihm und netzt ihm mit Holzapfelessig die Stirn . Sein Auge starrt sie fast leblos an , aber sein Mund mit den weißen Zähnen ist , als wollte er lächeln . Der Mann riecht stark nach Pechöl . Als ich eintrete , hocken ein blasser , schwarzlockiger Knabe und ein helläugiges Mädchen zu seinen Füßen und diese Kinder spielen mit Moosflocken . » Das wird ein Gärtelein , « sagt das Mädchen » und da baue ich weiße Rosen an ! « Der Knabe bildet aus Hölzlein ein Kreuz und ruft : » Vater , jetzt weiß ich es : ich mache den Holdenschlager Freithof ! « Die Mutter erschrickt und verweist den Kleinen das gellende Geschrei ; der Mathes aber sagt : » Je , schreien magst sie schon lassen ; den Freithof wird auch noch einer brauchen . Aber , eines , Weib , laß dem Lazarus seinen Jähzorn nicht gelten . Um des Herrgotts Willen , nur das nicht ! Du schweigst ? Du willst mein Wort nicht halten ? Meinst etwan , du verstündest es besser , als ich ? du ! ich sag ' dir ' s , Weib mach ' mich nit wild ! « Die Lappen reißt er von den Armen und will sich aufrichten . Das Weib sagt ihm liebreiche Worte und schiebt ihn sanft zurück . Mehr noch aber schiebt die Schwäche und er sinkt auf das Lager . Die Kinder sind aus der Hütte gewiesen worden , und auf dem sonnigen Wiesenplane bin ich eine Weile bei ihnen gewesen und habe mich mit ihnen unter Spielen und Märchenerzählen ergötzt . Ein paar Tage später komme ich wieder hinauf . Da geht es dem Kranken ein gut Teil schlechter . Er kann sich nicht mehr aufrichten , wenn die Wut kommt . Was ihm denn eigentlich fehle ? » So viel geschlagen ist er worden , « hat mir das betrübte Weib mitgeteilt . Ich bin anfangs durch die Kinder eingeführt worden und genieße im Hause des Mathes einiges Vertrauen . Ich gehe öfters hinauf ; ich will allzumal auch das Elend im Walde kennen lernen . Einmal , als der Mathes in einem ruhigen Schlummer liegt und ich neben dem Lager sitze , atmet das Weib schwer auf , als trüge sie eine Last . Dann sagt sie die Worte : » Ich getrau ' mir ' s wohl zu sagen , auf der Welt gibt es keine bessere Seel ' , als der Mathes ist . Aber wenn ein Mensch einmal so gepeinigt worden von den Leuten , und so niedergedrückt und so schwarz gemacht , wie er , so müßt ' er kein frisch ' Tröpfel Blut im Leib haben , wollt ' er nicht wild werden . « Und ein wenig später fährt sie fort : » Ich wüßt ' zu reden , ich hab ' ihn von Kindeszeit auf gekannt . « » So redet , « habe ich entgegnet , » in mir habt ihr einen Menschen vor Euch . « » Lustig ist er gewesen , wie ein Vöglein in den Lüften ; hell zuckt hat alles an ihm vor lauter Freud ' und Lebendigkeit . Und er hat ' s damalen noch gar nicht gewußt , daß er zwei großmächtige Meierhöf ' erben sollt ' ; hätt ' s auch nicht geachtet ; am liebsten ist ihm die Erden Gottes gewesen , wie sie daliegt im Sonnenschein . - Wartet nur , ' s ist nicht allerweg ' so fortgegangen . « Und nach einer weiteren Weile fährt das Weib fort : » In seinem zwanzigsten Jahr herum mag ' s gewesen sein , da ist er einmal mit einer Kornfuhr in die Kreisstadt gefahren . Das Fuhrwerk hat ein Überreiter ( Gendarm zurückgebracht ; der Mathes ist nicht mehr heimgekommen . » Oho ! Heimgekommen schon ! « unterbricht sie der Kranke , und will sich heben . - » Es ist nichts Unrechtes , das du erzählst , Weib , aber wissen wirst es nicht recht , bist ja nicht dabeigewesen , Adelheid , wie sie mich erwischt haben . Ich erzähl ' s selber . Wie ich in der Stadt mein Geschäft fertig hab ' , geh ' ich ins Wirtshaus , daß ich mir ein wenig die Zunge netz ' . Auf dem Kornmarkt , müßt ' Ihr denken , wird das Red ' werk trocken , bis der letzte Sack vom Wagen geschwätzt ist . - Wie ich in die Wirtsstuben tret ' , sitzen ihrer drei , vier Herren bei einem Tisch , laden mich ein , daß ich mich zu ihnen setz ' und mit ihnen Wein trink ' . - Freundlich sind die Herren gewesen , eingeschenkt haben sie mir . « Der Mann unterbricht sich , um Atem zu schöpfen ; sein Weib bittet ihn , daß er sich schone . Der Kranke hört es nicht und fährt fort : » Von den Welschen haben sie erzählt , die in Ewigkeit keine Ruh ' geben wollen , und von den Kriegszeiten und dem lustigen Soldatenleben ; und gleich darauf fragen sie wieder , wie das Korn geraten , was der Scheffel koste . Ich bin lustig worden , hab ' meine Freud ' gehabt , daß sich mit weltfremden Leuten so schön über allerhand plaudern läßt . Da hebt einer das Glas : unser König soll leben ! - Wir stoßen an , daß schier die Gläser springen ; ich schrei dreimal lauter als die andern : der König soll leben ! « - Der Kranke bricht ab , es zittern ihm die Lippen . Nach einer Weile murmelt er : » Mit diesem Ruf ist mein Unglück angegangen . - Wie ich wieder fort will , springen sie auf , halten mich fest : oho , Bursch , du bist unser ! - Unter die Werber bin ich geraten . Fortgeführt haben sie den jungen , noch gar nicht ausgewachsenen Menschen ; - unter die Soldaten haben sie mich gesteckt und verkauft bin ich gewesen . « Mit den knochigen Fingern zerballt der Mathes eine Moosflocke . » Gräm ' dich nicht , Weib , « stößt er hervor , » bin schon besser . Mit meinen letzten Worten will ich das Gezücht ' noch niederschlagen . Das kann ich wohl sagen : auf weitem breiten Feld bin ich nicht so wild gewesen , wie dazumal . - Heim hätt ' ich mögen , heim hat ' s mich zogen mit schweren guldenen Ketten . Und einmal , mitten in der stürmischen Winternacht bin ich fort und heimzu geflohen . Im Rainhäusel hab ' ich mich aufgehalten bei meiner alten Base . Und jetzt haben mich meine eigenen Landsleute verraten . Auf einmal sind die Überreiter da , daß sie mich fangen . Just , daß ich noch aus dem Häusel und in den Wald hinaufhusch ' und denk ' , wenn sie mich überlistet haben , so überlist ' ich sie wieder . Zwei große Fanghunde haben umhergeschnuppert , aber ich bin durch den Bach gelaufen und in demselben eine gut Läng ' hinan , daß die Äser meine Spur haben verloren . Und die Überreiter im Häusel haben alles durchstöbert ; ins Bettstroh und ins Heu haben sie gestochen mit ihren Messern , die Höllteufel , und die ganze Hütte hätten sie schier umgestürzt . Wie sie mich aber nicht haben gefunden , hat einer sein Brennscheit meiner alten Base auf die Brust gesetzt : auf der Stell ' sag ' , wo er ist , oder ich schieß dich nieder wie einen Hund ! - Ja , da ist er gewesen , und wo er jetzt ist , das kann ich nicht sagen . - Vor die Tür hinaus haben sie drauf das Weibel geschleppt , drei Gewehrläuf ' sind auf ihre Brust gerichtet und insgeheim haben sie ihr zugemunkelt : aber gleich schrei , so laut du kannst : geh nur her , Hiesel , die Überreiter sind lang ' schon wieder davon ! Willst es nicht tun , wirst morgen begraben . Von all dem hab ' ich im selbigen Augenblick nichts gewußt , wie ich so im Dickicht versteckt bin . Hab ' aber lang gelauert und gemeint , es wäre hell erlogen , daß sie mich fangen . Da hör ' ich die Base rufen : geh her , Hiesel , die Überreiter sind lang ' schon davon ! - Ich spring ' auf und der Hütte zu , da seh ' ich das Weibel die Händ ' über den Kopf zusammenschlagen , da hör ' ich schon das Lachen und ich steh ' mitten drin unter den Überreitern . Herrgotts Kreuz ! da bin ich wohl nach meinem Taschenfeitel gefahren ! Hat mir aber einer den Kolben an den Arm geschlagen . - Und ein paar Tag darauf geht ' s über mich los . - Die funfzig Rutenstreiche damalen haben den Teufel in mich hineingeschlagen . - Mein zerfetzter Rücken ist mit Essig und Salz eingewürzt worden , der Heilung wegen . Es hat Eil ' gehabt . Der Welsche ist ins Land gefahren , wie der bös ' Feind . Da bin ich freilich auch in die Hitz ' gekommen und hab ' drein gefeuert . Ein ' einzige Pulverladung hab ' ich noch gehabt , wie der Feind ist zurückgeworfen ; für dieselbig ' Kugel hätt ' ich noch wen andern gewußt ; bei uns herüben auf hohem Roß . Aber das nicht , das nicht ! hab ' ich mir gedacht , Aug ' in Aug ' ist gescheiter . Und nachher bin ich wieder durchgegangen in die Heimat . « » Und wenn Ihr Eure Heimat so geliebt , warum habt Ihr nicht für sie streiten wollen ? « unterbreche ich ihn , » warum seid Ihr davongegangen ? « » Mag sein , daß es eine Schurkerei gewesen , « sagt der Mathes , » mag sein . Oder ' leicht - mag ' s auch nicht sein . « » Mag das sein , wie es will , « ist meine Antwort , » ich kenne einen Mann , der hat nicht nur nicht für sein Land gestritten , sondern gegen . « » Ich bin in meiner Heimat nicht verblieben , « fährt der Mathes fort , » mein Eigentum hab ' ich im Stich gelassen und hab ' mich , daß sie mich nimmermehr finden , in diese hinterste Wildnis verkrochen . - Gehetzt , gehetzt , Herr Jesus ! Und dahier bin ich erst das wilde Tier worden . Mein Weib , du weißt es . « Ein stöhnender Aufschrei war es gewesen ; aber die Worte sind wie im Entschlummern gelallt . Er schweigt und schließt die Augen . Wie ein letztes Auflodern und ein Verlöschen . » Für einen Hascher haben ihn die Leut ' gehalten , da er ist zurückgekommen , « setzt das Weib fort , » Groschen und Pfennige haben sie zusammengeworfen in einen Hut und ihn denselbigen Hut wollen schenken . Dafür hätt ' der Mathes bald ein paar totgeschlagen ; er will nichts geschenkt haben . Wie ihn darauf die Leut ' zu Dutzenden verfolgt , ist er