allmählich über die wunderliche Gräfin in Schwang geriet . Die gespenstische Gestalt wuchs , als die leibhaftige Gestalt , da wo sie bisher wenigstens gemutmaßt worden war - das heißt während ihrer Flurbesichtigung in der verhüllten goldenen Kutsche - plötzlich verschwand . Von der Zeit ab sah sie unser Volk im spanischen Habit , Tag wie Nacht , die Schätze ihrer Klause mit Drachenaugen hüten und mit feurigen Waffen verteidigen . Unermeßliche Schätze , je höher die Ziffer gegriffen , desto einleuchtender für das hungernde , lungernde Gesindel , das nur nach Hellern und Kreuzern zu rechnen verstand und niemals einen Heller oder Kreuzer aus der Hand der zähen Alten besehen hatte . Ob die Gräfin von diesem fabelhaften Nimbus um ihre Person jemals Kunde erhalten hat , weiß ich nicht . Ohne Zweifel aber würde er ihr , anstatt widerwärtig , willkommen erschienen sein als sicherstellende Schicht gegen eine beschwerliche oder bedrohliche Welt . Sie hat mit richtigem Blick den östlichen Erkerbau des Schlosses zu ihrer Schlaf- und Schatzkammer ausersehen , weil er , von außen unzugänglich , auch von innen die größtmögliche Sicherheit bot . Handwerker , aus weiter Ferne verschrieben , hatten in die tiefsten Nischen feuerfeste Schränke mit kunstvollen Schlössern eingefügt . Nur durch eine maskierte Schranktür stand der » Goldturm « mit dem Zimmer der alten , vertrauten Kammerfrau und durch dieses mit dem Korridor in Verbindung , auf welchem die beiden abwechselnd Wache haltenden Heiducken die Befehlsvermittler zwischen Turm und Wirtschaft wurden , während die Gebieterin hinter Schloß und Riegel ihr Kredit und Debet buchte oder Dokumente und Barschaften in den geheimen Eisenschränken barg . Sie kränkelte ; die Arbeitskraft minderte und die Arbeitslast mehrte sich . Bald war kein Fortkommen mehr von der gewichtigen Stätte ; denn wenn auch nicht in dem Wundermaße des Volksglaubens , die wohldurchdachten Anlagen trugen nach dem Frieden hundertfältigen Gewinn . Sie hatte während des Krieges den größten Teil ihrer Juwelen in England veräußern lassen , da dieses Opfer einstigen Schimmers bei ihrer Lebensweise am wenigsten in die Augen sprang . Der Erlös davon , meine Freunde , das war der Grundstock ihrer vermeintlichen Wunderschätze ! Ein bescheidener Sparpfennig , der aber zu einem Heckpfennig wurde in einer Zeit , wo der Bodenwert auf ein Minimum herabgedrückt war , wo Gemeinden und einzelne um einen Spottpreis das Besitztum verschleuderten , für dessen Bestellung Menschenhände und Saatkörner mangelten . Binnen eines Jahrzehntes hatte sich das Areal der Reckenburg verdoppelt , binnen eines zweiten vervierfacht . Konnte das Kapital auch nur ratenweise abgetragen werden , schon eine regelmäßige Verzinsung galt in jener goldarmen Zeit als eine vielgesuchte Gunst . Und wie auch in anderer Weise das allgemeine Elend dem Gedeihen des einzelnen in die Hand arbeitete , das zeigt unter anderem die Hungersnot der siebenziger Jahre , wo der Scheffel Roggen auf zwanzig Taler stieg . Kalkuliert , wie da die strotzenden Speicher der Reckenburg - in Staat und Volk die Wirtschaftsmaxime einer schwer beweglichen Zeit - sich leeren und die entleerten Geldtruhen sich strotzend füllen mußten . Wo Tauben nisten , flattern Tauben zu ! » Die ersten hunderttausend Taler kosten Schweiß . Wem aber die nächsten neunmalhunderttausend Schweiß kosten , ist ein Tropf ! « Als die Millionärin der Reckenburg in ihrem letzten Stadium , mit funkelnden Augen , mir dieses Geständnis ablegte , da war sie in Wahrheit die verknöcherte Mumie , deren Herz nur noch in der Wacht über ihre Schätze schlug . Zu der Zeit aber , als sie diese Schätze mühsam erarbeitete , und selber zu der noch , als sie mich zuerst in die Geheimnisse ihres Goldturms einweihte , da war sie die herz- und geistlose Mumie nicht , denn damals schaffte , darbte , sammelte sie für einen Zweck ; richtiger : sie schaffte , darbte , sammelte für eine Person . Und das ist der Grund , aus welchem ich vor Euren Augen , meine Freunde , zwischen den beiden letzten Reckenburgerinnen - längst nicht so genau , wie mich verlangt - die Bilanz gezogen habe . Ihr solltet wissen , was die Frau tat , die Eure Heimat urbar machte ; was die Frau war , welche in keinem Menschenherzen , außer dem meinen , eine Spur und in der zähen Vorstellung des Volkes das Bild eines goldgierigen Dämons hinterlassen hat . Ihr solltet diese Frau in einem guten Lichte sehen , und in welchem besseren hätte ich sie glücklich liebenden Menschen zeigen können , als in dem der unwandelbaren Treue gegen den treulosen Mann , in jenem heimlichen Feuer , welches der Sporn ihres Treibens und Wühlens geworden war . Sie hatte alle früheren Verbindungen harsch abgebrochen und nur mit einem alten Freunde , der am Hofe von Sachsen eine vertrauliche Stellung einnahm , eine Korrespondenz unterhalten , um von dem Schicksale des Unsteten jederzeit in Kenntnis zu sein . Sie wußte daher , daß er schwelgte und schweifte , während sie sich keine Raststunde gönnte , im Eifer das wieder aufzurichten , was er zerstört hatte . Sie wußte , daß er ein verschuldeter Ärmling geblieben , während sie zum zweitenmal die reiche Reckenburgerin geworden war . Hätte er aber , wenn auch nur als Begehrender , sich dem Hause genaht , dessen Ansehen sie so peinlich bewahrte , sie würde , nach dem Triumph dieser Genugtuung , ihn mit Entzücken als Herrn willkommen geheißen , würde ihm noch einmal die Schlüssel ihrer Schatzkammer überantwortet und ihr Werk von vorn begonnen haben , um ihm , auch nach ihrem Abscheiden , eine fürstliche Herrschaft zu sichern . Viele Jahre lang hatte die Hoffnung seiner Heimkehr sie bei ihrer einsamen Arbeit getragen , und sie war eine runzlige Matrone geworden , ehe sich dieselbe erfüllte . Endlich wußte sie ihn im Vaterlande - und die nächste Kunde , die sie über ihn erhielt , war die seiner Vermählung mit einer Ebenbürtigen ! An der Grenze des Alters folgte er , so schien es , einer Wallung wahrhaftigen Gefühls , denn die junge Prinzessin war so arm wie er selbst . Die Kraft , welche so vielen Gefahren und Anstrengungen widerstanden hatte , brach bei diesem unberechneten Schlage zusammen . Ihre Kammerfrau fand die Gräfin bewußtlos am Boden liegend , den verhängnisvollen Brief in der Hand . Ein Hüftbruch , den sie sich bei diesem Falle zugezogen hatte , machte sie für den Rest des Lebens zum Krüppel . Dennoch , nach langer , qualvoller Niederlage , war ihr erster , klarer Gedanke wieder an den ungetreuen Mann . Ja alle ihre Hoffnungen lebten kaum nach Jahresfrist wieder auf bei der fast gleichzeitigen Kunde von seiner Vaterschaft und Verwitwung . Nun mußte er ja kommen , seinem mutterlosen Sohne eine Heimat und eine Erbstätte bei ihr aufzusuchen . Es war die letzte Hoffnung , die ihr der Geliebte täuschen sollte . Der nächste Brief brachte die Botschaft seines abermaligen Entfliehens , der übernächste die seines Todes . Unter den Fahnen Katharinas , seiner Gönnerin , war er in dem Krimfeldzuge von Einundsiebenzig geblieben . Die Gräfin legte Trauerkleider an und niemals wieder ab . Sie war und blieb die Witwe eines Fürsten . Sie schaffte , darbte und sammelte nach wie vor . Von der Flamme , die ihr Leben durchleuchtet hatte , war noch ein Abglanz zurückgeblieben ; sie schaffte , darbte und sammelte für ein armes , ungekanntes , für ein verlassenes Menschenkind . Was sagt Ihr jetzt , meine Freunde , zu der gespenstischen Alten auf Reckenburg ? Viertes Kapitel Der Erbprinz Von dieser langen Liebes- und Leidensgeschichte wußte ich natürlich kein Sterbenswort , als ich mich stolz und wohlgemut in die goldene Karosse schwang , um vor das Angesicht der hohen Repräsentantin meiner Familie , der Witwe eines durchlauchtigen Herrn , geführt zu werden . Vor mir auf hohem Throne ragte Muhme Justines Flügelhaube neben der Allongenperücke des uralten Rosselenkers . Der riesige Heiduck klammerte sich an die ellenlangen Goldquasten über dem Trittbrett hinter mir , und dahin rollte das stolze Gefährt auf der einsamen Straße von Reckenburg . Sie führte in gleichmäßiger Ebene durch dichten Nadelwald , dann und wann das Stromufer berührend . Ich war in einem Frucht- und Laubholztale aufgewachsen , zwischen dessen felsigen Abfällen ein kleiner Fluß sich anmutig wand , und die weniger romantische Region , in welcher ich mich seit zwei Tagen bewegte , hatte mich weidlich gelangweilt . Jetzt aber , in der goldenen Kutsche , heimelte sie mich an wie die interessanteste auf dem Erdenrund ; der ruhige , breite Wasserspiegel imponierte mir , und ich schlürfte mit Behagen den würzigen Tannenduft , den ich bisher durchaus nicht gespürt hatte . Es war ja Reckenburgscher Stammgrund , dem das Arom entströmte ! Nach einer Stunde etwa näherten wir uns der Lichtung , die für den neuen Herrensitz geschlagen worden war . Die Hütten des Dorfes blieben zum Glück vom Walde verhüllt , denn ihre Armseligkeit würde mein stolzes Wohlgefühl um einige Grade abgekühlt haben . Es temperierte sich bereits , als wir , nahe dem Eingangsgitter , auf eine Gruppe zerlumpter , verkümmerter Gestalten stießen , die zu mir gleich einem Meerwunder in die Höhe starrten . Ich hielt sie für Bettler , die ich von jeher als Faulenzer verachtet und mit Widerwillen gemieden hatte . Muhme Justine belehrte mich indessen anderen Tags , daß es die Bauern und Fröner des Dorfes gewesen seien , welche das seit einem Menschenalter nicht mehr geschaute » Böse Ding « der goldenen Kutsche herbeigelockt hatte . Der Riese sprang vom Trittbrett , das wappenprangende Tor zu öffnen und alsobald wieder zu verschließen . Vor meinen Augen dehnte sich die breite Avenue inmitten des sauber gehegten , reichgefüllten Gartens . Im Hintergrunde ragte das Schloß , dessen rötliche Bekleidung die untergehende Sonne mit einem Goldschimmer übergoß . Die weißen Marmorsimse , die hohen Spiegelfenster , die mit Statuen und Vasen gezierte Terrasse , auf deren Rampe wir anhielten , die Säulen des großen Portals , alles das verfehlte seine Wirkung nicht . Ich begriff während dieser Auffahrt die Gleichgültigkeit der Eignerin dieses fürstlichen Besitztums gegen ihre bescheidene Sippe in der Baderei . Aus welchem Begreifen indessen nicht gefolgert werden soll , daß ich etwa gedrückt oder eingeschüchtert meiner vom Glücke reichlicher gesegneten Verwandtin entgegenging . Auch ich war eine Reckenburg , und niemals , denn als geladener Gast , würde ich diese stolze Schwelle betreten haben . Von meinem Heiducken geleitet , bestieg ich die breite Marmortreppe . Jede Tür , die ich passierte , wurde sorgfältig wie hinter einer Gefangenen verriegelt . Ich trat in das lange Vestibül , auf welches die Zimmerflucht mündete . Die goldgerahmten Trumeaus zwischen den Fensternischen , die mythologischen Reliefs und Fresken an der gegenüberliegenden Wand - Ihr geht mit einem gnädigen Lächeln an diesen Kunstgebilden vorüber , hochweise Zöglinge eines anderen Geschmacks , die Einfalt von damals aber , glaubt nur , daß sie Augen machte ! Am Ende des Ganges stand , wachehaltend , der Heiduck du jour , meinem bisherigen Begleitsmann ähnlich wie ein Zwillingsbruder . Schweigend wie jener - alles schwieg , alles war grabesstill in dem Zauberpalast - öffnete er die letzte Tür . Ich betrat ein Vorzimmer , das den einzigen Eingang zu dem vielberufenen Turmbau bildete ( der » östlichen Rotonde « , wie es damals hieß ) . Zur Rechten des Vorzimmers lag der Speisesaal . Diese drei Piecen , » das Appartement Ihrer Hochgräflichen Gnaden « , waren die einzigen , welche jemals in dem weitläufigen Frontbau bewohnt worden waren . Sämtliche Wirtschaftsräume befanden sich im westlichen Flügel . Der Leibwächter hatte mit dem goldenen Knopf seines Stockes dreimal laut an die Turmtür geklopft und sich auf seinen Posten zurückgezogen . Ich war allein und nicht ängstlich , nur neugierig , was weiter über mich verfügt werden würde . Ich legte ab , setzte mich in die tiefe Fensternische und schaute über den Garten hinweg in die düsteren Föhrenwipfel , zwischen welchen das Abendrot verglomm . Inmitten der wunderlichen Baum- und Steinfaxen zu meinen Füßen stiegen und schwebten die Oktobernebel phantastisch auf und nieder ; es war der erste und ich glaube auch letzte Märchenschauer meines Lebens , der mich im Dämmerlicht dieses dunkel boisierten , totenstillen Wartezimmers überrieselte . Eine halbe Stunde mochte auf diese Weise vergangen sein , ich war des Antichambrierens und der romantischen Schauer herzlich müde geworden ; da hörte ich das Zurückschieben eines Riegels , das Dröhnen eines Krückstocks , endlich ein pfeifendes Keuchen auf der Schwelle des Turmgemachs . Meine hohe Gastfreundin war eingetreten . Die Eltern , wenn sie überhaupt um die landläufigen Vorstellungen über ihre einzige Verwandtin Näheres gewußt , hatten mir dieselben wohlweislich vorenthalten . Meine Instruktion lautete einfach : einer hochbetagten , daher wunderlichen , möglicherweise stolzen und ein wenig ökonomischen Würdenträgerin mit Ehrerbietung zu begegnen . Da überlief mich denn nun freilich eine Gänsehaut bei dem Anblick , der sich nach und nach mir gegenüber als eine Menschengestalt entwickelte . O du weiser Prediger des Vergänglichen , ja was ist der Mensch in seiner Herrlichkeit ! Eberhardine von Reckenburg , einst an dem schönheitskundigsten Hofe von Deutschland als Schönheitsgöttin gefeiert , und heute wie ein Sprenkel zusammengekrümmt , mühsam am Krückstocke keuchend , bebend vor innerlichem Frost , wie ein Laub im Novembersturm , das kaum noch handgroße Gesicht in tausend kleine Fältchen eingeschrumpft , gleich einem vergilbten Pergament aus der Klosterzeit ! Und dennoch ! Alles , was jemals unter der anmutsvollen Hülle gelebt hatte , das lebte noch heute unter der runzligen Haut , und die schwarzen Augen funkelten noch heute so mutig , scharf und klug , so heimlich passioniert , wie sie in den Tagen des starken August gefunkelt haben mögen . Ein einziger Blitz dieser durchdringenden Augen , und der heimlichste Winkel , die verborgenste Falte in des armen Patenkindes Seele waren bloßgelegt , insofern nämlich Winkel und Falten in besagter Seele bloßzulegen gewesen wären . Die kleine , unheimliche Gestalt war schwarz gekleidet vom Kopf bis zur Zehe , nach einer Fasson , die wir auf Maskenbällen einen Domino nennen . Über einem schleppenden Untergewande hing ein kurzer , faltiger Mantel , unter dem Kinn mit einer dichten Krause geschlossen . Über der Witwenhaube thronte ein runder Hut mit wallendem Federschmuck . Ich habe die Gräfin späterhin , selbst in den vertraulichsten Situationen , niemals ohne ihren » spanischen « Hut und Mantel , wie auch niemals ohne Handschuhe gesehen und ihre Mode praktisch gefunden . Sie war warm und bequem und verlieh ihr in ihren eigenen Augen eine Würde , die Schlafrock und Kapuze gestört haben würden . Beim ersten Eindruck aber , im Dämmerlicht des geisterstillen Palastes , wird man mir ein gelindes Gruseln nicht übelnehmen . Indessen war ich nicht dauernd auf apprehensive Stimmungen angelegt ; bevor die Gräfin sich in ihrem Lehnstuhle verschnauft , hatte ich meine natürliche Fassung wiedergewonnen . Ich schritt herzhaft auf sie zu , und Handkuß wie Reverenz gelangen in dem korrekten Stile , der einer Reckenburgerin fürstlichem Ansehen gegenüber als Vorschrift galt . Die Gräfin hatte , nach einsamer und etwas harthöriger Leute Art , die Gewohnheit angenommen , Eindrücke oder Einfälle vor sich selber laut werden zu lassen , und dankte ich diesen unbewußten Plaudereien in der Folge manche Enthüllung , die sie mir bewußt nicht gemacht haben würde . Bei ihren heutigen Glossen aber war es ihr jedenfalls mehr als gleichgültig , ob ich sie auffing oder nicht . » Grobschlächtig , aber frisches Blut ! « sagte sie nach einem musternden Blick , mit dem Kopfe nickend . » Eine Weiße ! Wir Schwarzen von jeher feiner und schön . - Leidliche Turnüre . - Wo hast du tanzen gelernt ? « fragte sie darauf , zu mir gewendet . » Bei meinem Vater , gnädige Gräfin , « antwortete ich . Glosse der Gräfin : » Sächsischer Kadett . Gute Schule ! « Zweite Frage : » Verstehst du Französisch ? « » Meine Mutter hat immer Französisch mit mir gesprochen , gnädige Gräfin « » Rezitiere ein paar Sätze . Gleichgültig , was . « Mir fiel just nichts anderes ein als meine letzte Gedächtnisübung ; eine Fabel , den Segen schildernd , der den Nachkommen aus der Arbeit der Greise erwächst . Unbekümmert um das A propos oder Mal à propos dieser Wahl , deklamierte ich meinen octogénaire plantant frisch von der Leber weg von A bis Z. » Ingénuité absolue ! « glossierte denn auch die Gräfin mit einer Lippenbewegung , die wohl ein Lächeln bedeuten sollte . » L ' accent passablement pur ! « setzte sie darauf , den Kopf neigend , hinzu . » Die Mutter als Fräulein viel in Dresden zu Hof . Verständige Erziehung ! - Wir werden Französisch miteinander reden , Eberhardine ! « » Wie Sie befehlen , gnädige Gräfin . « » Du magst mich Tante nennen , « sagte die Gräfin . Während ich , zum Dank für diese Huld , ma tante zum zweitenmal die Hand küßte , meldete der diensttuende Heiduck : » Madame la comtesse est servie ! « » Ein zweites Kuvert für meine Nichte , Jacques ! « befahl die Gräfin . Eberhard und Adelheid , o weise Erziehungsauguren ! Ohne den sauren Schweiß deiner Tanzabende , mein braver Vater , ohne deine Sprachmühen , kluge Mutter , würde die letzte Reckenburgerin Gott weiß in welchem Winkel des Stammsitzes ihrer Ahnen eine Abspeisung gefunden haben , und wie höchlich durfte sie nun mit ihrem Entree zufrieden sein ! So folgte ich denn um die Stunde , wo wir daheim unser Vesper zu verzehren pflegten , meiner neuen Tante zum Souper in den Speisesaal . Seine Ausstattung entsprach dem Prunke des übrigen Schlosses . Es brannte ein silberner Kandelaber , dessen braungelbe Wachskerzen die fast fünfzigjährigen Vorräte anzeigten . Das Tafelservice , wenn auch ein wenig verbraucht , bekundete den gediegenen Ursprung ; dem geringsten Stücke war gleichsam der Stempel des Hauses : das Doppelwappen mit der obligaten Grafenkrone , eingeprägt . Allerdings perlte in den venezianischen Gläsern nur reiner Reckenburger Born , und das japanische Porzellan besah nichts Edleres als rote Reckenburger Grütze . Als Nachkost wurde auf silberner Platte der alten Dame eine Schale ihres Eicheltrankes , der jungen ein Apfel präsentiert . Keine Sorge indessen , Kinder ! Ich hatte während der Reise aus dem heimischen Proviantkober wacker vorgelegt und bin auch späterhin auf Reckenburg allezeit satt geworden , trotz meines damals wie heute noch kräftigen Appetits . Wenn aber , was der Himmel verhüte ! der Eurige im Alter einmal schwach werden sollte , so kann ich Euch mit gutem Grund Grützbrei und Eicheltrank als brave Erhaltungsmittel empfehlen . In Parenthese sei mir an dieser Stelle noch eine zweite Bemerkung gestattet : Wenn kein Mitglied des gräflichen Haus- und Hofstaates jemals freiwillig seinen Dienst verlassen hat , wenn derselbe stets pünktlich und schweigsam im Sinne der Herrschaft verrichtet ward und gleich dieser die Mehrzahl ein Uralter bei demselben erreichte , so ziehe ich unserer Spinnstubenromantik von einer Verhexung der Zunge und Eingeweide die nüchterne Auslegung vor , daß besagtem Personal durch Kost wie Lohn auskömmlich Magen und Mund gestopft worden sei . Das Souper war schweigsam verzehrt worden und in wenigen Minuten abgetan . Während ich der Gräfin in das Vorzimmer folgte , bemerkte ich , wie der Riese Jacques in gewissenhafter Eile die Kerzen des Kandelabers löschte . Die Gräfin entließ mich mit den Worten : » Morgen mittag auf Wiedersehen . Vertreibe dir die Zeit , wie du kannst . Das Vorzimmer steht dir offen und ist immer geheizt . « Ich küßte die dargebotene Hand und ging knicksend nach der Tür . » Du bedarfst keiner Toilettenhilfe , nicht wahr ? « rief die alte Dame mir noch nach . Ich verneinte . » Halte dich vor Schlafengehen nicht auf , verriegle die Tür und lösche das Licht alsobald . « Damit tastete sie sich nach ihrer Klause , deren inneren Türriegel ich noch klirren hörte . Dann geleitete mich Monsieur Jacques , nachdem er auch das Vorzimmer verschlossen hatte , den Korridor entlang bis zu Reckenburgs » neuem Turm « , die » westliche Rotonde « jener Zeit . Er stand durch eine Wendeltreppe mit den Wirtschaftsräumen in Verbindung , und das mir geöffnete Zimmer war das einzige im Frontbau , das ursprünglich zu einem Domestikenraum eingerichtet schien . Denn die Wände waren nur getüncht , der Fußboden roh gedielt , ein Ofen fehlte , und es enthielt als Ausstaffierung nichts als einen Tisch , einen Stuhl , einen Kleiderschrank , das notdürftigste Waschgerät und ein Bett , welches keineswegs Daunen und seidene Polster schwellten . Gegen meine heimische Dachkammer war der Abstich nicht allzu groß : aber freilich an das lachende Mädchenstübchen der kleinen Dorl durfte ich nicht denken . Ich war an strengen Gehorsam gewöhnt ; habe auch jederzeit , wo ich nicht befehlen durfte , gern gehorcht . Ich warf also meine Kleider ab , löschte das Talglicht , das mein Führer zurückgelassen hatte , und schlief , ohne durch eine Spuk- oder auch nur Traumgestalt behelligt zu werden , meine sieben Stunden so ungestört , wie ich sie mein Lebtag immer geschlafen habe und noch heute schlafe . Wer aber mit den Hühnern zu Bett geht , muß mit den Hühnern erwachen . Noch bei Sternenschein war ich munter und bei Tagesgrauen in den Kleidern . Was sollte ich vornehmen ? Auf meine Bitte öffnete der Leibwächter im Vestibül mir die Tür der Seitentreppe und ich stieg hinunter in den Garten . Bald schweifte ich darüber hinaus in Wald und Flur und sah zum erstenmal unter freiem Himmel die Sonne aufgehen , klar und glanzvoll wie ein Gottesauge . Methodisches Spazierengehen war weder ein Bedürfnis noch eine Modesache meiner Zeit , und würde mir heute noch eine gar leidige Erholung dünken . Aber so ungebunden schweifen durch Land und Volk , beobachten die stille Arbeit der Natur , wenn auch die letzte vor der winterlichen Rast , die umbildende der Menschen , Kraft und Widerstand hier wie dort - und das alles auf einem altüberkommenen , heimatlichen Grunde - , es war ein großer Sinn , der mir an diesem ersten Morgen in der Flur von Reckenburg aufgegangen ist , ein ursprünglicher , starker Sinn , der mich lebenslang beglücken sollte . Da gewahrte ich denn zum erstenmal die Bewirtschaftung in einem bedeutenden Dominium ; sah , wie das Holz gefällt und die Flößen nach dem Strome geschleift wurden , sah Kohlen brennen und Torf stechen , die letzten Reste des Grummets , die Spätfrüchte der Felder einheimsen . Ich sah die Äcker für die Wintersaat neu bestellen , die der Stallhaft entlassenen Herden Wiesen und Brachen abweiden , sah des Wildes freies , fröhliches Treiben im umhegten Revier . Ich unterhielt mich mit Hirten , Arbeitern und Aufsehern über einschlägiges Gebiet ; schloß mit dem alten , verständigen Oberförster Waldkameradschaft und machte mich auch den übrigen Beamten bekannt . Das frische , junge Blut , welches den Namen Reckenburg trug und so urplötzlich mit seiner Neugier aus dem schweigsamen Schlosse in die Außenwelt drang , wurde mit freundlichem Vertrauen aufgenommen : und freilich nicht am ersten Tage , aber mit der Zeit schwand auch den armen Dörflern die Furcht , daß diese lebenskräftige Jugend unter dem Grabeshauche des gefeiten Schlosses versteinern werde . Reichere Ernte hatte ich keine Stunde in Christlieb Taubes Schulstube gehalten , heimischer mich keine Stunde in der alten Baderei gefühlt , als bei dieser ersten Wanderung durch die Reckenburger Flur , und wie ich gegen Mittag nach dem Schlosse zurückkehrte , da war es gleich wieder eine gute Botschaft , mit welcher Muhme Justine mir entgegentrat . Hochgräfliche Gnaden waren in der Nacht von einem bösen Gebreste heimgesucht worden , und da die Gliedmaßen Hochdero Kammerfrau sich für die vorschriftsmäßigen Manipulationen zu steif und zitterig erwiesen , waren die der kunstfertigen Reiseduenna zu Hilfe gezogen worden . Meister Fabers Schülerin hatte denn auch im Setzen von Schröpfköpfen und anderweitigen weniger schicklich auszusprechenden Ableitungen zum erstenmal in einem Grafenschlosse eine glänzende Probe abgelegt und hohe Patientin - schneller denn je von ihrer Bedrängnis erlöst - der Helferin den Antrag gestellt , gegen standesmäßiges Salär den Winter auf Reckenburg zuzubringen . - Die treue Seele opferte ohne Bedenken diesem zweifelhaften Anerbieten ihre sichere heimische Kundschaft . Ihre Augen funkelten . Sie fühlte sich als Mittelsperson , um ihre stolzesten Traumgesichte zu verwirklichen . » Denn unter solcherlei Prozeduren kommt ein Mensch zur Räson und wird weich wie Wachs . « So sollte es mir denn auch an einem gemütlichen Austausch nicht fehlen , und noch ein anderer wesentlicher Vorteil stellte sich bald genug heraus . Das der wichtigen Leibwärterin im Seitenbau angewiesene Zimmer grenzte an das meine ; es wurde erleuchtet und geheizt ; ich konnte mich in demselben , nach Absperrung der gräflichen Zone , noch ein paar Stunden ad libitum beschäftigen und brauchte nicht mehr mit den Hühnern zu Bett zu gehen . Das Menü des Diners beschränkte sich keineswegs auf die abendliche Grütze . Heute zum Beispiel gab es , nach einer trefflichen Brühe , ein Hühnchen , das bis auf einen geringen Brustbissen auf meinen Anteil fiel . Zum Nachtisch Äpfel , für die Gräfin gebraten , für mich roh . Es wurde auch Wein aufgestellt . Die alte Dame vertrug aber keine Spirituosen , und von der jungen setzte man voraus , daß sie sie nicht vertrug . Die Flaschen wurden daher unentkorkt abgetragen , um am anderen Tage unentkorkt wieder aufgetragen zu werden , und es ist immerhin möglich , daß es die nämlichen gewesen sind , welche auf der ersten und letzten gräflichen Tafel ihre Rolle spielten . Auch die Zeit des Mahles wurde nicht so knapp gemessen wie die beim Souper ; vielleicht weil es keine Wachskerzen zu löschen galt . Wir saßen wohl noch ein Stündchen uns beim Eichelkaffee gegenüber ; und ich machte mit der Schilderung meines Flurganges einen guten Effekt . » Du hast scharfe Reckenburger Augen , « sagte die Gräfin . » Halte sie offen und berichte mir ehrlich , was du bemerkst . « Mit diesen Worten war das Amt meiner Zukunft eingeleitet : scharf zusehen und ehrlich Bericht erstatten ; dazu im Verlauf die mündliche Vermittelung der Anordnungen und Ausführungen zwischen Turm und Flur , das ist der Inhalt meiner langen landwirtschaftlichen Lehrzeit auf Reckenburg . » Indessen « , so fuhr die Gräfin nach einer Pause fort , » die Zeit für das Freie wird kürzer ; und manche häusliche Stunde möchte dir einsam vorkommen , Eberhardine . Tröste dich damit , daß die Heimat dir mindestens nichts Schicklicheres geboten haben würde . Für die Saison in Dresden sind deine Eltern zu arm , und die geselligen Allüren einer kleinen Stadt würden dich nur verstimmen . Besser einsam sein , als falsch placiert . Im übrigen möchte ich dir selber unter jener bescheidenen Sozietät einen Sukzeß nicht verbürgen , und welchen Genuß gewährt die Gesellschaft mit Ausnahme des Sukzeß ? - Liest du gern , Eberhardine ? « Ich bekannte , daß ich noch gar nichts gelesen , mir die Freiheit zum Lesen aber längst gewünscht habe . » So benutze die Schloßbibliothek , « versetzte die Gräfin . » Sie enthält das Lesenswerte bis um die Mitte des Jahrhunderts . Ich selbst habe nicht den Sinn mehr für Lektüre , auch nicht die Zeit . Schone die Einbände und stelle die Bücher regelmäßig wieder an ihren Platz . Die Ordnung darf nicht gestört werden . Der Katalog macht die Auswahl leicht . Stößt du auf Romane : dir schaden sie nicht . Au contraire ! Verlangst du Neueres oder Deutsches , so wende dich an den Prediger . Persönlich kenne ich ihn nicht , nach seinen Eingaben jedoch scheint er - ein wenig Phantast - aber ein instruierter Mann . Suche ihn auf , halte dich an ihn . In dir ist kein Boden für philanthropische Phantasmen ; zur Betrachtung haben sie immerhin ihren Wert . « So war es denn auch noch ein zweiter Lebensborn , der sich in Reckenburg für mich erschloß , wenn mir auch nicht die natürliche Befriedigung des ersten aus ihm entgegenquoll . In der Bibliothek fand ich - außer genealogischen und heraldischen Sammlungen , die ich unberührt ließ , und Italienern , die ich nicht verstand - zwar lediglich Franzosen , aber das , was eine große Nation in ihrer größten Epoche hervorgebracht hat , würde schon hingereicht haben , eine junge , durstige Seele für lange Zeit zu stillen . Und dazu trat nun noch von vornherein der Pfarrer mit seinen geliebten jungen Deutschen . Am Sonntagmorgen hörte ich ihn predigen , und am Nachmittag klopfte ich an seine Tür . Ich war ein Kind an Lebenserfahrung und aus einem härteren Stoffe geformt als er . Gleichwohl brachte ich schon aus dieser ersten Begegnung in Amt und Haus das bedrückende Vorgefühl einer verfehlten Existenz . Je länger ich ihn aber im Dienste einer leiblich und geistig verwilderten Gemeinde kennen lernte , den milden , sinnvollen Menschen und Christen , dessen Grundneigung auf ein edles Maß und harmonische Bildungen gestellt war , unverstanden , ungeliebt , die liebenswerteste und liebevollste Natur , um so lebhafter fühlte ich in seiner Nähe buchstäblich ein körperliches Weh , und so viel ich persönlich an ihm verlor , ich fand keine Ruhe , bis ich ihn an einen Platz gestellt wußte , wo seine Lehre und sein Vorbild in empfänglicheren Gemütern zünden durften . Und nun zählt zu des Priesters verhallendem Wort die jammervoll leere Hand des Menschenfreundes . Einer , der nur geben , immer geben , unberechnet hätte geben mögen , und der sich mit einer bettelarmen Gemeinde um magere Zinshähne und karge Beichtgroschen streiten mußte , wenn er nur das Dürftigste zu geben haben wollte . Zählt dazu endlich den Mangel eines häuslichen Herdes