ihm hatte es schon auch weh getan , die hinter seinem Rücken an den ihm verhaßten Hansjörg , den elenden Schneider , geschriebenen Briefe zu lesen . Das aber gestand er seinem Kinde jetzt nicht mehr zu . Mit Überlegung , nicht im Ärger wollte er geredet haben , während er sonst sogar seinen berechnetsten Reden und Handlungen etwas Unwillkürliches , einen Schein von Herzlichkeit zu geben suchte . Es schien ihm ein Trost , sich selbst einzureden , daß notwendig alles zum Biegen oder Brechen habe gebracht werden müssen . Erst als er selbst sich das einmal glaubte , war er wieder ruhig und kalt genug zum Rechnen . Nur war ihm , wie sonst gewöhnlich , jeder menschliche Trieb , jedes Bedürfnis und jede Regung des Hasses und der Liebe nichts weiter als eine Naturkraft , die er beliebig einspannen und zu seinen Zwecken ausbeuten zu dürfen meinte . Er tat das um so ruhiger , weil er glaubte und erfahren haben wollte , daß es eigentlich jedermann so mache , nur daß mancher nicht klug genug sei , um viel damit zu gewinnen , wenn nicht sein besonderer Stand , seine Stellung ihm seine Opfer locke . An Beweisen fehlte es ihm nie , wenn seine Tochter das Gegenteil behauptete . Doch pflegte er ihr nicht von dem Pfarrer zu erzählen , der seine Mutter zur Erbin des Vaters gemacht hatte , um dessen Vermögen so seinen Zwecken dienlich zu machen ; auch nicht von der geld- und namensstolzen Stigerin , die ihm nie einen freundlichen Blick gegönnt hatte , bis er den Hansjörg für ihren unbeholfenen Jungen zu den Soldaten brachte . Das alles gab ja ihm selbst zu sinnen und konnte ihn noch jetzt so ärgern , daß er meinte , es passe nicht für Mädchen , die nun einmal zum Singen und Lachen und zu einem frohen und erfreulichen Leben geschaffen seien . Wenn daher Zusel ihm vormalte , wie schön das Leben desjenigen dahinfließe , der wie ein Wiesenbächlein immer nur die nächste Gegend in seines Innern Spiegel aufnehme , so sagte er , daß er nur einen Menschen kenne mit dieser Gemütlichkeit , die aber ihn selbst und Weib und Kind höchst unglücklich mache , nämlich den Andreas , seinen Töchtermann . Angelika , die allerdings bei ihren Basen das ängstliche Sorgen und Rechnen habe satt bekommen können , werde vermutlich einmal Abwechslung gewünscht haben . Wenigstens sei ihr , das habe sie oft gestanden , kein Leben schöner vorgekommen als eines , welches immer nur dem gegenwärtigen Augenblick gehörte . Drum sei ihr Hans mit seinem leichten Humor ganz der Rechte gewesen . Sie habe sich wenig drum gekümmert , ob er aus Schwäche oder Kraft , aus Überlegung oder Dummheit entstand , bis sie vom Widerstand der alten Stigerin auf diese Frage gebracht worden sei . Die Zaghaftigkeit des Burschen habe auf Angelika zurückgewirkt und ihr Betragen gegen ihn verändert . » Das « , meinte der Krämer , der jetzt viel öfter als sonst auf die Geschichte kam , » das , nicht etwas das Geschwätz der Weiber , hat die beiden getrennt . Ich kenne Hansen , er kann , wenn ' s ihm einmal ernstlich drum ist , recht verteufelt eigensinnig sein , selbst der alten Stigerin gegenüber . Hat er doch den Jos , den sie ihr Lebtag niemals leiden konnte , ins Haus gebracht und darin behalten können . Und ich hätte doch gedacht , er sollte es noch eher durchsetzen , wo sich ' s um ein liebes Mädchen handelte . Und weißt du « , konnte der wohlberechnende Mann dann plötzlich fragen , » wer dem Andreas am ähnlichsten wäre , wenn er in seinen Verhältnissen steckte ? « » Nein , wer ? « » Der Hansjörg . « Wenn der Krämer auch hundertmal so fragte , so ließ Zusel ihn doch immer selbst antworten , ja sie konnte sich ' s nie erwehren , daß sie bei Nennung dieses Namens zusammenzuckte . Der Krämer aber schien das gar nicht zu bemerken und fuhr ruhig fort : » Leute , die der Stunde leben , können sich bald selbst für nichts Rechtes mehr halten , dann folgt dem Genusse der Katzenjammer , den man , wie ein Trinker , wieder mit Trinken vertreibt . Wer nicht das Leben für ein Ganzes ansieht , der zerschlägt den schönsten Wandschrank , um ein glattes Brett zu einem Melkstuhl zu bekommen , den er gerade braucht . Just so ist der Andreas . Die Angelika aber hat so viel unter den berechnenden Basen und besonders unter Hansens Unentschlossenheit gelitten , daß ihr der Leichtsinn , die Raschheit ihres jetzigen Mannes eine Weile recht wohl gefiel . Jetzt aber ist sie unglücklich und verachtet ihn . Sie geht wieder zu weit , und gerade der trotzige Stolz , den sie ihn sehen läßt , nimmt ihm noch den Glauben an sich selbst , treibt ihn aus dem Haus und macht ihn schlecht . « » Was wäre denn da noch zu machen ? « fragte Zusel traurig . » Sicher nichts , als eine gute Lehre für sich selbst daraus zu nehmen . Über den Andreas hat niemand Gewalt , nicht einmal er selbst . Da schätze ich mir einen Hans , der vor- und nachgibt , auch dem Hausfrieden ein Opfer bringt , wenn es sein muß . Könntest du ihm im Ernste etwas Böses nachreden ? « Zusel antwortete nicht , denn sie wußte nur zu gut , wie leicht hier auch der vorsichtigste Widerspruch den sonst so gelassenen Krämer leidenschaftlich machte . Dieser wurde immer dringlicher , denn er fürchtete , daß Hans bald nach der Heldentat am Osterfest einen zweiten Anlauf nehmen werde , und dann sollte der Erfolg ihn nicht wieder abschrecken . Der Krämer sah wohl , wie ungern Zusel noch von Hansjörg reden hörte , drum stellte er ihn immer wieder dem Stighans gegenüber . Wenn sie immer nur an diese beiden dachte , so glaubte er seiner Sache sicher zu sein . Hatte er es doch schon so weit , daß das Mädchen , wenn auch wider Willen , zuweilen den Wunsch verriet , den wunderlichen Stighans etwas genauer kennen zu lernen . Schon als der Geliebte ihrer jetzt so unglücklichen Schwester war er ihr immer bedeutender , je Schlimmeres man von dem Andreas zu erzählen wußte . Nun verbreitete sich durch des Gerichtsboten Weib die Nachricht , der Stiger habe Hansjörgen Geld geschickt und es ihm möglich gemacht , schon in wenigen Wochen auf Urlaub heimzukommen . Den Krämer ärgerte das um so mehr , weil er , wie er nun einmal war , es nicht Hansens Gewissensunruhe wegen der Verschacherung des armen Burschen , sondern einzig und allein Dorotheens Einflusse zuschrieb . Zum Glück und Trost für ihn hatte die Nachricht auch seine Tochter ganz anders zu stimmen vermocht . Das Mädchen hatte ein Gefühl , als ob es , die leichtesten Sommerkleider tragend , in der größten Winterkälte stehe und sich nicht zu regen vermöge , wenn es sich - ohne Liebhaber dem Treulosen gegenüber dachte . Ja , jetzt auf einmal wünschte sich Zusel einen Liebhaber , wenigstens dem Namen nach . Jetzt wollte sie nicht mehr traurig , nicht mehr ruhig sein . Jammerschade , daß es im Sommer , zur Zeit der strengen Feldarbeiten , gar keine Hochzeitsfeierlichkeiten gab . Sie wäre gewiß dabei gewesen und hätte mit dem Nächstbesten gelacht und getanzt bis zuletzt . Oft und oft klagte sie , daß es gar so still im Dorfe zugehe und daß die schöne Jahreszeit nichts als Arbeit für die jungen Leute bringe . Der Krämer lächelte . Beide waren jetzt wieder einig , und im schönsten Frieden redeten sie wohl täglich vom Stighof und seinen Bewohnern . Der Krämer hatte immer wieder etwas ausgekundschaftet , was , wie unbedeutend es auch sein mochte , dennoch ihm und zuweilen auch der Zusel wichtig war . Aus einer Menge solcher Kleinigkeiten brachte der Krämer endlich heraus , daß zwischen Knecht und Magd sich eine ernstliche Liebschaft anzuspinnen beginne . Das nun wäre ihm ganz das Rechte gewesen , denn er sorgte schon immer , daß Dorothee den Hans sowohl als die alte Stigerin am besten kennen und am Ende ihm gar noch einen Strich durch seine wichtigste Rechnung machen möchte . Diese Sorge quälte ihn besonders , seit er , obwohl er die Gunst der wunderlichen Alten gewann , doch immer umsonst die Magd aus dem Hause zu bringen versucht hatte . Dorotheens Liebelei mit dem Sohne der Schnepfauerin aber war der strengen Frau gewiß recht von Herzen zuwider und Hansen auch , wenn allenfalls das Mädchen ihm nicht ganz gleichgültig sein sollte . Zusel aber wollte an diese Liebschaft nie glauben . Sie kenne nun die Leute aus dieser Verwandtschaft , sagte sie . Da sei jedes Wort , jeder Blick berechnet , und aus Berechnung mache man mit dem Jösle nicht viel Wesens . Hansjörg - jetzt redete sie zum erstenmal selbst und unaufgefordert von ihm - , Hansjörg habe oft den Wunsch ausgesprochen : Wenn sie doch arm wäre ! - da er ihr dann zeigen wollte , wie wenig er sich ums Geld kümmere und was er für sie zu tun imstande sei . So habe der Falsche gesagt , der sie dann um einige Taler so schmählich verraten . » Zum Glück « , fiel der Krämer ein , » hat er dich nur in die Hände deines Vaters gegeben . « Das Mädchen ging seufzend in die Küche . Dort war es jetzt überhaupt viel häufiger als sonst und überraschte den Krämer sogar einmal mit der Behauptung , daß man eigentlich gar keine Magd im Hause brauchen würde . Sie hatte mehrmals gesehen , wie gut Dorotheen die Arbeit anstehe in der sauberen Schürze und mit zurückgerollten Ärmeln . Das trieb sie zuerst in die Küche . Dann aber hatte sie , die früher bei ihrer Näharbeit den Tag kaum herumbrachte , gar bald auch ihre Freude und Kurzweil an der Arbeit selbst , so daß sie ernstlich die leichtere Hausarbeit allein zu verrichten wünschte . Der Krämer , welcher meinte , das Mädchen wolle sich so nun als Bäuerin ein Ansehen geben , damit auch nicht ganz fehlschoß , gab lächelnd und mit der einzigen Widerrede nach , daß man die gute Magd nicht gleich aus dem Hause jagen könne , sondern ihr erst künden und sechs Wochen Zeit lassen müsse , wie es früher wörtlich ausgedingt worden sei . Das tat er denn auch wirklich , tröstete aber die fast zu Tode erschrockene alte Jungfer damit , daß er lächelnd sagte , gar so ängstlich brauche sie sich nicht um einen anderen Dienst umzusehen ; den Winter über beziehe sie den Lohn fort , das Essen verdiene sie daheim auch , und wenn der nächste Frühling komme , vielleicht noch früher , könne man wieder miteinander reden . Die Magd sah große Veränderungen im Hause voraus . Sie machte eine wichtige Miene , während sie ein kleines Trinkgeld einsteckte , und versprach , wie ein Grab zu schweigen , ohne daß der Krämer das gerade von ihr verlangt oder gefordert hatte . Man sieht , der Krämer konnte der Zusel auch Opfer bringen und dabei noch sorgen , daß Reue wegen einer augenblicklichen Laune ihr nicht lange weh tun mußte . Die Zusel aber war noch nicht recht zufrieden , denn sie hätte am liebsten gleich jetzt alles allein übernehmen mögen . Sie konnte es kaum erwarten , bis endlich die zweite Heuernte begann . Sie mußte ins Freie , mußte sich regen und etwas tun . Nicht der um sie besorgte Vater , aber das Rauschen der Sensen hart vor ihrem Hause weckte sie schon früh am Morgen . Dann eilte sie hinaus , begann selbst zu mähen und kam sich viel größer vor , wenn sie die von ihr gemähte Strecke übersah . Es war erst August , aber ihr kamen diese Tage kürzer vor als gewöhnlich die im Winter . Bald nahm sie auch an den Gesprächen der angestellten Tagwerker lebhafteren Anteil . Selbst ein Gespräch vom Arbeiten kam ihr nicht mehr langweilig vor , und sie plauderte selbst so lebhaft mit , als ob sie dabei ganz Neues beobachtet und gedacht hätte . Am muntersten aber und gerade ausgelassen war sie am Freitag vor der Kirchweih . Einem rosenroten Morgen folgte ein ungewöhnlich heißer Vormittag . Die Berge , die man jeden Augenblick noch näher rücken zu sehen meinte , schienen alle zu lächeln , nur die zackigen Felsen schauten etwas düster drein . Und immer größer wurden die dunkeln , geisterhaft ins Tal herabschauenden Köpfe . Auf dem grünlich-roten Flor , der sich von einer Spitze zur anderen zu ziehen begann , zogen feuerrote Rosse kohlschwarze Wasserfäßchen ob das Tal herein . Hart nebeneinander beigten sie sich auf , und ein heftiger Sturmwind band sie plötzlich haufenweise zusammen und hing sie an hochaufragende Felsenköpfe fest . Das Tosen der Ach war mehr ein Pfeifen oder Schreien zu nennen . Das Mittagsläuten , vom eiskalten Wind auseinandergeworfen , war einem Sturmsignale viel ähnlicher als einer Mahnung zu Ruhe und Andacht . Und wer auch hätte jetzt Zeit gehabt zum Ruhen und Beten ? Der Pfarrer und sein Amtsgehilfe waren wohl die einzigen im Dorfe , welche sich vor dem drohenden Gewitter heim unters schützende Dach flüchten konnten . Männer , Weiber und Kinder , Krankenpfleger und Handwerker waren wie rasend dran , das am Vormittag so herrlich dürr und fest gewordene Heu noch unterzubringen , bevor der Regen es verdarb , daß nicht nur die Arbeit einer halben Woche , sondern auch die beste Kraft des lieblich duftenden Futters verloren ginge . Hier rasselten leere , dort knarrten und ächzten schwerbeladene Wagen , die , wie vom Sturme getrieben , dem geräumigen Heustadel zuschwankten . Das war ein Rennen und Jagen überall , ein Durcheinander von Befehlen und Erwiderungen , die nur noch der Eingeweihte deutlich fand , wie die Rufe des Seemanns beim Sturm . Kein Mensch ging noch seinen gewohnten Schritt . Selbst Stighans war aus der Fassung gekommen . Es jagte - oder wie man hier sagt , wenn beim Heuen ein Gewitter droht - jeuchte auch ihn so sehr als einen . Im Sprung brachte er ein Fuder heim , welches der Knecht denn doch gar zu breit und zu hoch geladen hatte . Noch hart vor dem engen Stadeltor , welches wohl für ein nicht so bedeutendes Anwesen gebaut war , knackte ein Rad , und der Wagen leerte seine allzu große Last gerade da ab , wo beim Regen , der schon näher und näher kam , auch die lange Dachrinne auszuleeren pflegte . Die , welche Hansen das Futter heimbringen halfen , wollen ihn sogar leise fluchen gehört haben , während er fortlief , um einen schon zum dürren Heu gezogenen Wagen zum Umladen einer Last zu holen , die er schon gerettet glaubte und die nun , hart vor dem Stadeltore , nicht nur schwer von der Dachtraufe bedroht , sondern auch seiner ferneren Tätigkeit ein Hindernis war , welches durchaus zuerst auf die Seite geräumt werden mußte . Andere erlebten ähnliches . Da zog einer zwei aneinander gebundene Wagen auf einmal zu seinem Heu und hatte dann die Heugabel vergessen , ohne welche durchaus nichts zu machen war ; dort nahm einer aus Versehen den Wagen seines Nachbarn weg - die Aufregung , der Lärm wuchs mit jedem neuen Donner , der minutenlang durch die Berge rollte . Mancher Zuschauer hätte da seinen Spaß gehabt , aber es gab eigentlich keine Zuschauer mehr , seit der Pfarrer sich in seine hinter der Kirche zwischen Bergen versteckte Wohnung geflüchtet hatte . Selbst des Krämers Zusel tat heute mit , und zwar so streng als eine . Selbst als die ersten großen Tropfen auf den neuen Strohhut fielen , der zu ihrem glühenden Gesichtchen so prächtig stand , ließ sie sich nicht aus dem Felde treiben , wo sie bei ihrer Verteidigungs- und Rettungsarbeit bei dem rauschend dürren Heu weit mehr Freude als sonst beim Zusehen hatte . Mit einem flinken Heuer aus einer anderen Gemeinde wollte sie ausharren bis zuletzt . Und wirklich fuhren die beiden erst mit einem kaum halb geladenen Wagen heim , als es um sie dunkler und dunkler zu werden begann und der Nebel auf sie herabhing , daß sie immer hart an einer Schneewand zu stehen schienen , über die ein mächtiger Wasserfall zischend und brausend herunterstürzte . Tropfnaß kam Zusel heim , die schwarze , glänzende Juppe und der neue Strohhut waren verdorben ; dennoch hatte man das Mädchen lange nie so froh und aufgelegt zu jeder Neckerei gesehen als jetzt . Während einige vom Barometer redeten und bedauerten , daß man ihm mehr als der unheilverkündenden Morgenröte geglaubt habe , hatte Zusel , die jetzt wieder trocken gekleidet , frischer und schöner war als je , nur von ihren und des Heuers Heldentaten zu erzählen . » Das war herrlich , und ich hätte noch gern eine Weile fortmachen mögen « , sagte sie mit der Fröhlichkeit eines vom munteren Spiele heimgekommenen Kindes . » Schade nur , daß es gar nicht mehr ging . Aber wir beide , ich und der Heuer , haben uns tapfer gewehrt , drum müssen wir schon noch übermorgen mitsammen Kirchweih halten und auch auf dem Tanzplatze die letzten sein . Nicht wahr , Heuer ? « Daß der Heuer ja sagte , versteht sich wohl von selbst . Es war der größte Augenblick , den der Bursche erlebte , wie eine gute Meinung er auch schon früher von sich selbst gehabt haben mochte . Eine ganz neue Welt tat sich vor ihm auf , und bald stand er mitten unter tausend schönen Hoffnungen , so daß ihn selbst der Krämer nicht in die Wirklichkeit zurückzurufen vermochte , wie alltäglich kühl er auch sagte : » Nun , nun ! Man muß noch nicht glauben , daß alles schon angebunden sei , was einem einmal etliche Schritte nachläuft . Mädchenlaunen sind übernächtig , und wer ihnen traut , dem kann es gehen wie dem , der über ein schnell entstandenes Eis fährt . Doch ich gönne der Zusel den Spaß , und der Heuer ist wohl klug genug , um selbst ganz richtig über die Sache zu denken . « Mit diesen Worten , nur so im Vorbeigehen flüchtig hingeworfen , glaubte sich der Krämer schon im voraus sicherstellen zu müssen gegen allerlei , was im stolz aufgerichteten Köpfchen des Heuers vielleicht sich zu regen begann . Er konnte sich den raschen Entschluß des wunderlichen Mädchens nur erklären , wenn er als gewiß annahm , was er sich und ihm wünschte . Wenn Zusel jetzt einmal neben Hansen vorbeiging , so redete sie ihn immer ganz besonders freundlich an ; ja in der Woche vor der Kirchweih blieb sie wohl auch auf der Gasse neben ihm stehen , als ob sie erwarte , nun müsse er vom nächsten Sonntag anfangen und sie wenigstens um ein Tänzchen bitten . Der Krämer nahm das um so gewisser an , da sie nie die beste Laune von ihm zu holen schien . Tanzen aber wollte Zusel durchaus , das hatte sie schon lange gesagt , und nun sollte wohl auch noch Hans ein wenig geärgert werden . Dazu nun war der Heuer ganz der Rechte . Er stand gar zu niedrig , als daß dieser Spaß mit dem etwas eiteln Menschen für mehr als eine Spielerei gehalten werden durfte . Als daher der Krämer nach seinem Zuspruch Zusels spöttisches Lächeln zu bemerken glaubte , war ihm wieder so wohl wie einem armen Sünder mit dem Beichtschein in der Tasche . Seine Freundlichkeit gegen den Heuer machte , daß diesem der Kamm noch mehr schwoll und er am Samstag mit den vom Krämer angestellten Heuerinnen kaum noch reden mochte . Wer den alten Mann seinen Laden für die Kirchweih herrichten sah , so bedächtig und sicher , der ahnte nicht , wieviel anderes dieser starre Kopf unterdessen rechnete . Aber es mußte gut gehen , die Zahlen schienen zu stimmen , denn über sein hartes Gesicht flog zuweilen etwas wie ein Lächeln . Ja , ja , er hatte schon viel gewonnen . Das Mädchen war wenigstens aus seiner Starrheit , aus dem unverfolgbaren Difteln und Grübeln heraus . Allerdings mußte Zusels toller Streich viel zu reden geben , doch damit war vielleicht mehr zu gewinnen , als im schlimmsten Falle verloren ging . Daß der träge Hans sich am Karsamstage selbst wegen Eierschalen umgesehen hatte , war eine Tat gewesen , wie billigerweise wenigstens in diesem Jahr keine zweite mehr von ihm verlangt werden konnte , wenn es nicht gelang , ihn mit Gewalt zu treiben . Das aber sollte nun geschehen und geschah auch ziemlich sicher durch die Laune seines Kindes . Ja , es stimmte alles so gut , daß der Krämer seine Zusel für ein verteufelt kluges Mädchen zu halten begann . Die Eifersucht oder nichts mehr mußte wirken . Das war ganz klar , nun erfuhr man jedenfalls , woran man mit dem närrischen Burschen sei . Hans war gewohnt , sich alles auf halbem Wege entgegenkommen zu sehen ; nun aber sollte er sich wenigstens so rühren und regen lernen um das hübscheste und eines der reicheren Mädchen wie gestern um sein vom Gewitter bedrohtes Heu . Immer siegesgewisser begann der Mann sich Hansens langes Gesicht vorzustellen , wenn der Angelikas Schwester mit dem fremden Heuer auftreten sehe . Stolz , Neid , Mitleid , alles mußte sich regen und den Burschen neben seiner armen , bleichen Magd keine frohe Minute mehr erleben lassen . Und wenn ' s nun gleich zünden sollte , wenn es ihn mit Gewalt zu Zusel trieb , dann war ja der Heuer eben der rechte Mann , den man jeden Augenblick wieder ganz ruhig fallen lassen durfte , ohne daß dabei etwas zu fürchten war . Und wenn Hans wirklich und wider alles Erwarten sich gar nichts abtrotzen ließ , wenn er noch länger Dorotheens Narr sein wollte und die alte Stigerin das litt , nun , dann war das Mädchen darum noch nicht unglücklich . War er doch mit dem Hansjörg endlich so weit , daß das Denken an ihn der Zusel lästig zu werden begann und sie eine Zerstreuung suchte . Ja , Hansjörg war nun doch glücklich weg . Das war dem Krämer jetzt genug , und freudig hoffte er , daß der morgige Tag etwas Gutes bringen werde , während Zusel sich von der Ungeduld eines tanzlustigen Mädchens nicht mehr das mindeste anmerken ließ . Neuntes Kapitel Die Auer Kirchweih Wer , der im hinteren Bregenzerwalde jung war , hätte sich noch nie beim Arbeiten , beim Essen und selbst beim Geldzählen unterbrechen lassen , wenn unvermutet von der Auer Kirchweih die Rede war ? Wie ein mächtiger Zauberspruch ruft dieses Wort eine ganze Reihe froher und trüber Bilder wach , die wohl auch den gestandenen Mann und die fleißige Hausmutter noch länger beschäftigen , als sie andere gern glauben ließen . Kaum dürfte je ein Menschenleben hier so arm gewesen sein , daß keine Auer Kirchweih darin liebe , süße Hoffnungen geweckt oder zerstört hätte . Kommt , ihr Väter und Mütter unter der Strecke Himmelsbläue , die man hier sieht , und sagt , ob es nicht eine Kirchweih war , wo ihr euch zuerst als Pärchen öffentlich zeigtet , wo ihr einmal recht seelenvergnügt sein konntet oder euch zum allererstenmal recht grausam ärgern mußtet ! Wer wäre wohl so geld- und freundesarm , daß er selbst heute nichts kaufen , niemanden beschenken und erfreuen könnte ? Das alte Bäschen dort strickt nicht nur darum die Wochen vorher so fleißig , um eine Kirchweih zu vergessen , sondern auch um dem Schwesterkind an diesem Tag etwas kaufen und damit eine Freude machen zu können . Die Stände ( Buden ) der aus ganz Vorarlberg und noch weiterher gekommenen Krämer sind den ganzen Tag derart belagert , als ob da um halbe Preise verkauft würde , obwohl vielmehr das gerade Gegenteil der Fall zu sein pflegt . An diesem Tage wird mancher noch unerfahrene Vogel gerupft ; am meisten aber scheint man es auf die ziemlich vollen Beutelchen der Sennen abgesehen zu haben , die dieses Fest gewissermaßen als das ihrige betrachten , weil sie da die Erzeugnisse der Alpenwirtschaft zu verhandeln pflegen . Man erkennt sie schon an den Hüten als Älpler , da auf diesen neben den Rosmarinstengeln der Geliebten auch die seltensten , zu dieser Zeit nur noch auf den höchsten Bergen wachsenden Frühlingsblumen zu stecken pflegen . Die Sennen sind neben den großen Alpenbesitzern die Helden des Tages . Aber diese Ehre ist eben nicht umsonst . Man scheint sie dafür herzunehmen , daß sie , die den ganzen Sommer nie aus der Alp kamen , nun schon seit Monaten kaum einem Menschen einen Kreuzer verdienen und gewinnen ließen . Manchem geht in seinem Eifer , zu geben und zu erfreuen , beinahe der halbe Sommerlohn drauf . So wird denn der schäbige Eigennutz der Wirte und Krämer zum dunkeln Hintergrund , von dem sich die Gutmütigkeit der Festgäste um so schöner abhebt . Es ist die Freude am Umgang mit Menschen und an ihren Werken , die die Bewohner der einsamen Alpen unvorsichtig macht , wo sich ' s ja doch nur um Kreuzer und Batzen handelt . Die wohlbeleibten Käse- und Butterhändler , die , von Sennen und Alpenbesitzern umgeben , beim Kaufhause stehen , der Schellengießer , bei dem die Älpler für den Tag der Heimfahrt sich einrichten , und auch die Tuch- und Lederhändler wissen davon zu erzählen , daß diese Leute schon noch rechnen können , sobald ihr gutes Herz nicht mehr mit im Spiel ist . Auf dem Platz unter der Kirche , rechts und links , wird den ganzen Tag hindurch gehandelt und gelärmt , daß kein Mensch mehr etwas hört vom Tosen der Ach , die sich hart neben dem Platze zwischen niedergestürzten Trümmern des hochaufragenden Fluhfelsens dem Schnepfauer Walde zuwälzt . Die sagenumwobene Kanisfluh und die stolze Liggsteinpyramide schauen ernst und still auf das bunte Getriebe herunter . Doch was kümmern die tausend Geschäftigen hier die ernsten Berge mit ihren dunkeln Tannen und den wunderbaren Sagen ? Nur die buschigen , wunderbar duftenden Bergblumen und Alpenrosen auf den Hüten der Sennen vermögen die Blicke der Mädchen zu fesseln , die immer ungeduldiger auf die Tanzstunde warten . Beinahe unerträglich wird nachmittags nach der Vesper die Lage derjenigen , die den Ihrigen noch nicht gesehen oder doch noch nicht gesprochen haben , obwohl ihnen ihre Brüder und Freundinnen schon vor einer Weile sagten , daß » seine « Geschäfte bereits abgetan seien und » er « nun jeden Augenblick kommen müsse . Ihre Ungeduld hinter einem Lächeln verbergend , stehen die Wartenden dutzendweise auf dem etwas erhöhten Eingang zur Brücke , welche über die Ach führt , und überblicken immer wieder mit einem leisen Seufzer verstohlen den Platz , während sie , scheinbar die Lustigsten , mit jedem Vorübergehenden ein recht lautes Gespräch anzufangen suchen . Bei diesen stand heut ' auch des Krämers Zusel in aller Pracht und Herrlichkeit , noch schöner , frischer , als da sie zum erstenmal als Biggel auftrat Sie hatte beinahe ihre Freude am Ärger ihrer ehemaligen Schulgefährtinnen , den die immer ungeduldiger Wartenden ihrem Scharfblicke vergebens zu verbergen suchten . Warum auch trauten diese Tröpflein einem Mannsbild und banden ihre Hoffnungen , ihr Glück , die ganze Zukunft an seine Launen fest ? Früher freilich - noch als unerfahrenes Kind - hätte auch sie lange so hier stehen und , ihre De- und Wehmut hinter einem bittersüßen Lächeln so gut als eben möglich verbergend , auf ihn warten können . Nun aber war das denn doch überwunden ... Statt nur gezwungen zu lächeln , konnte sie lachen über ihren guten Heuer , den sie nicht eine Minute lang aus dem Auge verlor . Dort drüben stand er bei einigen Bekannten und drehte sich auf den hohen Absätzen der noch gestern abends geflickten Stiefel herum , daß die silberne Uhrkette flog , an welcher sich - wie Neider und Spötter behaupteten - in wohlverwahrter Tasche ein neugewachsener Erdäpfel befinden sollte . Sei dem nun , wie ihm wolle , die silberbeschlagene Tabakspfeife war entschieden nur entlehnt . Der Heuer aber wußte sich damit zu stellen , daß einem ordentlichen Bäuerlein beinahe angst neben ihm werden mußte . Die Blicke aber , die er dann der Zusel drüben vor der Brücke zuschießen ließ , waren denn doch wieder so demütig bittend , daß man es wirklich bewundern mußte , wie diese nur im Kopfumdrehen wieder so streng und stolz und kalt werden konnten . Alles Drängen und Drücken brachte ihn nicht weg von seinem Platze zwischen der bereits heisern Obsthändlerin und dem Laden des Buchbinders , mit dem er zuweilen um den Preis eines silberbeschlagenen Gebetbuches stritt und sich schließlich , als der Buchbinder nachzugeben begann , in seiner Verlegenheit noch derart erhitzte , daß er von dem in den nahen Bergen schon furchtbar tosenden Herbststurme nichts bemerkte , bis das Fluchen des Buchbinders und der übrigen Krämer ihn auf ein Naturereignis aufmerksam machte , welches jetzt gerade recht kam , um seine Geldnot zu verbergen . Die Berge waren schon ganz dunkel , wie glühend rot auch die Abendsonne über den Schnepfauer Wald , der immer näher und näher zu kommen schien , hereinleuchten mochte . Jetzt war alles ganz still , dennoch schien ein gewaltiger Sturmwind alles und alle zu erfassen und zu drehen . Die Krämer begannen so schnell als möglich einzupacken , denn es nahm wohl nur noch der Wind etwas von ihrer Ware mit . Viele Bauern eilten zum Pfarrer und baten ihn , die