einem in hergebrachter Weise , nach der Väter Sitte , in nützlicher Tätigkeit durchlebten Tage . Es ist so still um mich her , im Hause wie vor dem Fenster , und die weite dunkle Welt ringsum hat ein so gutes Gewissen , und nur mir ist unruhig zumute , als wäre es mit meinem Gewissen nicht so ganz in der Ordnung . Ich bin aufgeregt , nervös , nenne es , wie Du willst , nur laß mich mit Dir plaudern ; schlafen kann ich nicht . Du hast ja früher , als Dein Major noch nicht Dein Major war , oft genug meinen närrischen Kopf an Deiner Brust gehalten und Dir nächtlicherweile kuriose Dinge erzählen lassen ; - warte nur , morgen im Sonnenschein , wenn Dir diese Bekenntnisse einer blutenden Seele zu Händen kommen und Du betroffen , kopfschüttelnd , mitleidig , verstört Dich hindurchwindest und Deinen klaren Verstand an jedem Ausrufungszeichen und Fragezeichen hängen lassen mußt , will ich schon meine Genugtuung haben und über Dich lachen - auch wie in vergangenen schönen Tagen ! Augenblicklich kann ich nicht lachen , und eine tolle Ballmusik , ein klingelnder , schwirrender , dummer Walzer käme mir gerade recht , und daß die Nachtigallen - wir sind ja gottlob über den Johannistag hinaus - bereits still geworden sind im Garten , ist mein Glück . Ich glaube , dieser Vogel brächte mich in dieser Nacht um , wenn er plötzlich und ganz gegen die Naturgeschichte wieder anfinge , unter meinem Fenster zu singen . Ist es denn wahr , daß ich von Rechts wegen ein so böses Gewissen haben sollte ? Was habe ich getan ? Was habe ich nicht getan ? Bin ich nur krank ? Sind es nur meine Nerven , welche das Kopfkissen , das allen guten und gesunden Kindern so sanft ist , mir verleiden ? Ich komme nicht dahinter , wie sehr ich mich quäle und abmühe , das Rätsel zu lösen und zu Bett gehen zu können . Kind , ich bin verdrießlich und unzufrieden mit mir . Nicht deshalb , weil ich seit dem Frühling nicht an Dich schrieb ; denn ich weiß , daß Du solches Schweigen nach Verabredung als ein Zeichen meines Wohlergehens zu nehmen hast . Auch nicht deshalb , weil die Zeit der goldenen Freiheit vorüberging , weil die Herrschaft nunmehr wieder am Faden zieht und der Hänfling aus der blauen Luft herniedermuß , um aus gnädiger Hand mit Mohnsamen gefüttert zu werden und im vergoldeten Käfig Betrachtungen über das Gelbwerden der Blätter anzustellen . O nein , ich kann ja meinen Frühling und Sommer jetzt in Wasserfarben aufs Papier bringen und habe dem Onkel Bumsdorf mein Ehrenwort gegeben , ihm die neue Brennerei samt dem restaurierten Kuhstall und ihn - den Oheim - zwischen beiden in Öl zu liefern . Da habe ich schon meine Rettungsmittel vor dem nessun maggior dolore - doch Dich , Bevorzugte , hat man nicht bereits in zartester Jugend mit der Nase in die italienische Grammatik gestoßen , und so weißt Du auch nicht , daß es nach Dante Alighieri keinen größern Schmerz gibt , als sich im Unglück glücklicherer Zeiten zu erinnern . Sollte letzteres wahr sein und die italienische Grammatik also mittelbar die Schuld meiner augenblicklichen Stimmung tragen ? O Kind , unter der Voraussetzung , daß Dein Major , der Major aller Majore , nicht durch das schmalste Hinterpförtchen oder Seitentürchen in den geheiligten Bezirk meiner Jungfernconfessions eingelassen werde , will ich mit Dir darüber schwatzen . Keinen Blick darf er aber drauf tun ; versprich es mir und riegele ihn ein in der Kinderstube ! Nun sehe ich Dich schon , wie Du stehst , mit dem Federwedel Deinen Nippestisch in Ordnung hältst und wie der Briefträger Dir meinen Brief bringt . Ich höre den kleinen Freudenschrei , welchen Du ausstößest - ach Gott , lege den Flederwisch nicht zur Seite , stäube mich auch ein wenig ab mit Deiner linden Hand ; ich habe es sehr nötig , und Du verstehst es ! Ach Gott , wäre ich doch auch solch eine Schäferin aus Meißen oder wenigstens so vernünftig , verständig und gut wie Du ! In beiderlei Art wäre mir geholfen , und auf beiderlei Art ließe sich das Leben mit Genuß tragen . Übrigens hast Du das Gutsein auch leichter gehabt als andere Leute . Das Schicksal hat Dich auf weichen Händen getragen und Dich in weiche Hände gelegt . Grüße mir Deinen Major , doch lasse ihn nur noch ein Weilchen hinter Schloß und Riegel bei den Kleinen : später wird er um so mehr den Liebenswürdigen spielen ! Ja , sie haben Dir Wiegenlieder gesungen Dein ganzes schönes Leben durch : ich aber bin unter dem Lärm einer Quadrille geboren ; die Klarinette ist mein Instrument , und dabei fällt mir eine Bitte ein : wenn Du mich überlebst , so leid es nicht , daß man mich mit Pauken und Trompeten zu Grabe bringe : ich habe genug davon gehabt , ehe ich die ersten weißen Atlasschuhe durchschleifte . Gott segne Dein gutes Gemüt , Emma , und lasse Dich das Deinige in Ruhe genießen : ich weiß , Du tust mir zu jeder Stunde auf , wenn ich an Dein Fensterlädchen klopfe . Sieh , hier sitze ich zu Deinen Füßen , wie Bettina auf ihrer Schawell in der Frau Rat Stube , und geduldig wirst Du Sinn und Unsinn durcheinander anhören müssen . Bist Du etwa nicht meine Frau Rat , und zwar meine junge ? Und daß Du meine junge Frau Rat bist , das soll nicht bloß Deinem Major zugute kommen , sondern andern Leuten auch . Ich habe freilich auch noch eine alte Frau Rat , und in deren Stube hab ich gleichfalls ein Schawellche , hinter den sieben Bergen , in der Katzenmühle - aber wie kann ich der Frau Klaudine sagen , was ich doch sagen muß ? Das leiseste Wort würde unter ihren stillen Augen wie der gellendste Schrei sein . Was soll ich ihr sagen ; sie sieht mit ihren Zauberaugen ja doch tief in den Grund aller Dinge ! Ich fürchte mich vor ihr - vor ihr ! Ist es nicht das allerschlimmste , sich vor der Liebe eines Menschen , vor einer solchen Liebe fürchten zu müssen ? ... Was habe ich gestern unter den Garben und Erntekränzen getan ? Rate ! ... Auf dem Bauche - o Himmel , kann ein Hoffräulein sich natürlicher und abscheulicher ausdrücken , und was würde meine Prinzeß dazu sagen ? - habe ich gelegen im Kreise der Schnitter und Schnitterinnen , und Richard den Dritten habe ich gelesen und bin gewillt , ein Bösewicht zu werden Und feind den eitlen Freuden dieser Tage . Was habe ich heute getan , Emma ? Mein Herz habe ich begraben und die Welt angenommen , wie sie ist : ich habe das Buch meiner Hoffnungen und Träume abgeschlossen und mich in das Unabänderliche ergeben ! Friedrich hat geschrieben , und meine gnädige Mama hat geschrieben , und beide haben mich an mein Wort gemahnt . Der Wechsel , den ich ausstellen mußte und mit meinem Herzblut unterzeichnete , ist fällig ; ich bin fällig mit Leib und Seele , und so werde ich abgeholt mit dem zwölften Schlag der Mitternacht . O man ist sehr pünktlich ! Friedrich hat liebreich und verständig geschrieben , die Mama sehr pikiert ; aber beide sagen ein und dasselbe , nur daß die Mama doch immer am wahrsten , wenn auch sehr grob ist . Sie nennt mich kurz und gut eine alte Jungfer , eine überreife Pflaume - mögen auch ihr sämtliche Oberhofmeisterinnen Europas die Natürlichkeit des letztern Bildes verzeihen ! - und beklagt sehr fein , aber auch sehr boshaft , daß sie mir leider damit nichts Neues sage . Die arme Mutter ! So viel Verdruß muß ich ihr bereiten , daß ich sie dadurch sogar witzig mache ; daß sie aber recht hat , das weiß Gott , und niemand kann ' s ihr streitig machen . Ich bin allmählich eine alte , alte Jungfer geworden , und da ich eine arme Jungfer immer war , so bleibt am Ende wenig Erfreuliches von der närrischen Nikola Einstein für Sinn und Gemüt der Welt übrig . Ich wundere mich auch an jedem jungen Morgen darüber , was den Herrn von Glimmern bewegen könne , so hartnäckig auf der Einlösung der Verschreibung meiner nichtigen Person zu bestehen . O Emma , Emma , wie anders könnte doch das alles sein , wie anders müßte es von Rechts wegen sein ! Da könnte sich selbst ein Hoffräulein zu Tode weinen : ja gerade ein Hoffräulein - ein Hoffräulein erst recht ist hier vor allen andern Erdenweibern befugt , sich über die Erbärmlichkeit in einem feuchten Gewölk zu erheben . Was habe ich getan , daß mir grad in mein Leben ein so großes Fragezeichen gesetzt ist ? Ich habe immer noch meine Stunden , in welchen ich mich für ein ganz braves und ehrliches Mädchen halte ; das sind meine schlimmsten Stunden , denn in ihnen muß ich am tiefsten über jenes Fragezeichen nachdenken , und es hilft doch nichts . Hier läßt mich alles im Stich , das eigene Herz , auch Du und die Frau Klaudine ! Es ist aber zu guter Letzt noch einmal ein schöner Sommer gewesen , und ich hoffe , den Duft und Glanz davon tief in die Zukunft hinüberretten zu können . Manchmal hab ich gedacht : Nikola , mit dem Winter kommt der Tod , sei gescheit , steh früh auf und gehe nicht zu früh zu Bett : trage zusammen , was du greifen und schleppen kannst ; verhocke nicht den letzten Sonnenschein im Schmollwinkel : rette , was du retten kannst ! Dann habe ich den Shakespeare zu Hause gelassen und bin mit dem armen Hölty zu Walde gezogen . Der Hölty stammt aus der Tante Bumsdorf Bibliothek und ist in himmelblauen Sammet eingebunden , und der Schnitt war einmal vergoldet . Ich habe das Buch nicht immer aufgeschlagen ; allein das Bewußtsein , es in der Tasche zu tragen , genügte auf des Onkels Bumsdorf doppelschürigen Wiesen . Es sind Tage gewesen , in denen ich die ganze geheimnisvolle Naturempfindung des Kindes wiedererlangte , in denen Auge und Nase aus korrumpierten Sklaven der Gesellschaft zu freien Bürgern des wahren Reichs Gottes wurden . Wäre das alles aber auch nur ein Zeichen von Gesundheit gewesen ! Ach , die Frau Klaudine hat ' s wohl gewußt , was es bedeutete . Siehst Du , Emma , die Mühle , die alte Mühle in der Wildnis und die alte Frau in der Mühle , die halten mich wach und lassen mich nicht zur Ruhe kommen . Das Rad ist freilich längst zerbrochen und kann mir nicht im Kopf herumgehen ; aber die Geister der Zeit , die nicht mehr ist , umschweben das Dach und kauern auf der Schwelle der morschen Hütte , und was soll ich gegen sie tun ? Es zieht mich hin , es reißt mich zurück , ich sträube mich mit aller Kraft ; aber ich werde durch den Wald gezogen und geschoben : ich möchte mich an allen Büschen und Zweigen halten , aber sie geben nach und lassen mir ihre Blätter , ihre Rinde in den Händen ; weiter muß ich ! Und es ist keine wilde , keine harte , unwillige , zornige Gewalt , der ich anheimgegeben bin - mein eigener Wille ist in den Mächten außer mir : alle meine Neigungen , all mein Sehnen und Wünschen wohnen bei der Greisin in der Katzenmühle , und da bin ich wieder in der Katzenmühle , sitze zu Füßen der Mutter , ja , der Mutter , und für mein Haupt ist keine Ruhestätte als in ihrem Schoße . - Die Bäume des Waldes und unser Gärtchen , welches vor allen Gärten aller Weltteile mir köstlich und wundervoll ist , blicken in unser niederes Fenster , und einmal ist auch ein Reh gekommen , um hineinzugucken . Da ist es gut sein , da läßt sich ganz leise sprechen von dem , was eigentlich hätte werden müssen , wenn alles unter den Menschen mit rechten Dingen zuginge . Kein Kornblumenkranz ist so blau wie unsere Phantasien , bis auf einmal die Dämmerung da ist und der Wald anfängt , kühl zu atmen . Wie kann die Frau Klaudine auch dann noch mir die Haare mit einem Lächeln aus der Stirn streichen ? Ich muß fort , und alle schönen Farben erblassen . Ich reite heim auf meinem Schimmel , und zur linken Seite des Weges begleitet mich eine Stimme , die sagt ganz eintönig : Er ist tot , er ist tot ! Und zur rechten Seite ist eine andere Stimme , dicht am Boden hinkriechend , und sie sagt ebenso tonlos : Zehn lange Jahre , zehn lange Jahre ! Weiter wissen sie nichts ; aber verwunderlich ist ' s eben doch nicht , daß ich häufig atemlos auf sehr atemlosem Gaule auf dem Bumsdorfer Hofe anlange und daß der Oheim dann mit bedenklichem Kopfschütteln um seinen vielgeliebten Prospero herumsteigt und imstande ist , mir eine längere Vorlesung über die Behandlung der Pferde , und vorzüglich seiner Pferde , zu halten . Was sind das für Leute , die dort bei Euch jenseits der Berge wohnen , was kümmern sie mich , was habe ich mit ihnen zu schaffen ? Vor einer Stunde , in der Katzenmühle , auf dem Schemelchen zu den Füßen der Frau Klaudine hatten sie freilich keine Bedeutung für mich ; aber sie zwingen mich schon , an ihre Wirklichkeit zu glauben ! Sie haben ebenso starke Hände wie die Geister , die mich durch den Wald zur Mühle ziehen ; ach , aber wenig von meinem eigenen Willen ist bei diesen Mächten , welche auch kein Widerstreben dulden und hart , zornig und spottend mich aus dem geheimsten Versteck hervorzerren . Wie haben sie diese Herrschaft über mich erlangt ? Sie sagen , sie haben das Recht , mich mit sich zu nehmen : sie pochen auf ihre Rechte und behaupten , was ihnen noch daran gefehlt habe , das sei ihnen längst von mir freiwillig hinzugelegt , und wenn ich dann eine Nacht den Kopf mit beiden Händen gehalten habe , so bleibt mir kein Zweifel mehr : sie reden die Wahrheit ! Friedrich hat aus Paris geschrieben , einen sehr hübschen und geistreichen Brief , der mir sehr allerliebste Höflichkeiten und Schmeicheleien sagt und mich hoffentlich , wenn er mir nach einem Dutzend Jahren wieder in die Hände fällt , recht ergötzen wird . ' s ist zwar nicht ganz die Regel , daß ein solcher Brief an der Stirn das Motto : Illusions perdues ! führe ; aber die Tatsache steht doch einmal fest : wir sind ein paar verständige , kühle , gesetzte Personen und sehnen uns beide nach Ruhe . Friedrich freut sich ungemein auf unsern Haushalt , und seine Pläne und Vorschläge in betreff desselben haben meine ganze Billigung . Er meint , unsere gesellschaftlichen Verpflichtungen würden sich leicht um ein bedeutendes verringern lassen : man habe gewiß das Seinige getan , um andern das Dasein angenehm zu machen , und man könne nunmehr mit gutem Gewissen eine Rosenhecke , aber immer eine Hecke , um sein eigenes Behagen ziehen . Einverstanden ! Er mag das alles so einrichten , wenn es wirklich seine Absicht ist ; ich verlange weiter nichts , als so oft wie möglich eine Tasse Tee mit Dir , Emma , hinter jener Hecke trinken zu dürfen , und verpflichte mich jedenfalls , der Welt kein außergewöhnliches Ärgernis zu geben . Wenn ich Dich , mein Kind , nicht hätte , so würde ich die Hochzeit noch immer einige Monate hinauszurücken suchen : aber Deinetwegen soll sie zu Anfang des Winters stattfinden , und mit diesem Briefe an Dich trägt der blöde Hans zwei andere Schreiben , die besser stilisiert und klarer sind als dieses , nach Nippenburg zur Post . Es hat mir eine gewisse Befriedigung gewährt , die Erlaubnis , glücklich gemacht zu werden , in tadellosester Prosa zu erteilen , und ich habe zum erstenmal in meinem Leben auf einem Linienblatt geschrieben . O Emma , liebe , gute Emma , hilf der armen Nikola in all ihrem Glück und habe Geduld mit ihr , denn ihre Anfechtungen sind groß , ihre Kräfte sind schwach , ihr Kopf ist dumm , und kein Häslein im Felde führt während der Jagdzeit ein so zitterig-schreckhaftes Dasein wie Klymene in ihren Brauttagen . In der vergangenen Nacht habe ich besser geschlafen als in dieser , aber fast noch häßlicher geträumt , und zwar aus Alexander von Humboldts Ansichten der Natur . In diesem schönen Buche , welches Dein verständiger Major Dir sicherlich in einem behaglichen Winter vorgelesen hat , wird geschildert , wie irgendwo in Mittel- oder Südamerika , an irgendeinem großen Strome die Alligatoren während des heißen Sommers im Schlamm eintrocknen , um erst in der Regensaison von neuem zu erwachen . Die Sache ist sehr anschaulich ausgemalt ; die Schollen bersten mit Krachen und springen in die Höhe , wie das gepanzerte Untier sich aus seiner langen Siesta erhebt . Es gähnt entsetzlich , es reibt sich die Augen ; vor allen Dingen erwacht es mit einem ausgezeichneten Appetit , und so hat es mir zwischen zwei und drei Uhr morgens ein helles Angstgeschrei entlockt und mich hochauf aus meinen Kissen gejagt ; Du aber , mein Kind , schau nach in Deinem Traumbuche und sage mir bei unserm ersten Zusammentreffen , was es bedeuten kann . Ich habe überhaupt angefangen , in den letzten Zeiten sehr tropisch zu träumen , den Grund davon aber kann ich selber angeben . Es ist kein Zweifel , der wilde Mann aus Afrika trägt die Schuld . Das Gerücht von diesem wilden Mann wird wohl auch bereits zu Euch in Eure Residenz gedrungen sein , und wie ich Euch kenne , habt Ihr ihn sicherlich recht lustig zerpflückt und zerfasert , ehe Ihr ihn gleich Eurem andern Spielzeug beiseite warfet . Da er aber zu meinen sehr guten Freunden gehört und durch seine Heimkehr aus der Gefangenschaft viel dazu beigetragen hat , meinen Willen in den des harten Schicksals mit besserm Humor zu beugen , so muß ich ihn doch noch Eurer guten Meinung und Eurem Wohlwollen empfehlen , denn er hat beide in der nächsten Zeit vielleicht recht nötig . Mein Freund nennt sich Leonhard Hagebucher und wurde vor beinahe vierzig Jahren in Nippenburg geboren . Fast zwölf Jahre hat er am Mondgebirge in der Sklaverei gelegen , und zu Anfang dieses Sommers ist er in seines Vaters Hause hier zu Bumsdorf wieder angelangt , merkwürdigerweise weniger stumpfsinnig und vertiert als manche unserer geschätzten Bekannten , die nie die Grenzlinie unserer guten Gesellschaft überschritten . Ich habe natürlich sogleich das innigste Verhältnis zu ihm angeknüpft ; denn niemals ist ein Mensch so zur rechten Zeit für die Stimmungen und Zustände eines andern eingetreten wie dieser Mann der Wüste für die meinigen . O Emma , zehn oder zwölf Jahre hat dieser Hagebucher unter der Peitsche des Negers ausgehalten , und nun ist er wieder da , als ob ihm nichts geschehen sei , und genießt alle Segnungen der Zivilisation und Nippenburgs ! Zwölf Jahre hat er sich gleich dem tapfersten Helden gegen die Affen und Ungeheuer gewehrt , und sie haben sein mutiges , ausdauerndes Herz nicht untergekriegt , obgleich er ganz allein - zwölf lange , lange Jahre ganz allein zwischen ihnen steckte . Er sagt , die Mohren hätten sich noch ertragen lassen , aber die Mohrinnen seien schlimm gewesen ; o Emma , Emma , und eine gewisse Madam Kulla Gulla sei ihm fast zuviel geworden ! Er erzählt sehr gut , denn er hat während seines Erzählens noch die Schultern zu reiben . Das ist alles so anschaulich , und tröstlich ist ' s auch , daß einem jeden die Hoffnung unbenommen bleibt , er werde noch einmal irgendwo sitzen und die Historie von seiner Gefangenschaft und seiner Befreiung zum besten geben wie dieser Herr Leonhard Hagebucher . Ja , Du mein süßes Herz , ohne diesen wilden Mann aus Afrika müßten Mama und Friedrich doch noch ein wenig Geduld haben ; aber jener hat allerlei vom Mondgebirge heimgebracht , was unsereins in seinen kleinen Nöten und Ärgernissen trefflich gebrauchen kann ; und daß jetzt Nippenburg und Bumsdorf ihn nach Recht , Verdienst und Gebühr behandeln , kräftigt mich gleichfalls nicht wenig in meiner Ergebung . ' s ist ein unnützer Vagabund , mein armer Afrikaner , schon in seiner frühsten Jugend taugte er wenig , und von der Schule ist er sehr bald fortgelaufen . Wenn er zu Lande und zur See mancherlei versucht hat und sogar die Landenge von Suez mit durchgraben half , so hat er doch niemals einen Begriff davon gehabt , wie ein verständiger Mensch für sein Glück und sein Wohlbehagen sorgt . Und als endlich die Baggaraneger ihn an die Leute von Tumurkieland verkauften , kam er wahrlich nicht zum erstenmal als Handelsartikel auf den Markt der Welt . Jetzt ist Nippenburg seiner auch längst wieder überdrüssig , und vor vierzehn Tagen hat sein Papa ihn gleichfalls aus dem Hause geworfen , weil man ihn , den Alten , des Sohnes wegen aus dem Goldenen Pfau warf . Jedermanns Hand ist wider meinen Freund , und jedermann macht sich selbstverständlich ein Verdienst daraus und hebt sich höher darum in seinen Schuhen ; mir aber ist der arme Sünder unschätzbar als mein guter Kamerad ; denn was für einen Anspruch kann er darauf machen , sanfter angefaßt zu werden als seinesgleichen ? Ich habe vielen Verkehr mit diesem Herrn Hagebucher gehalten , zuerst in seines Vaters Haus , dann auf manchem Spaziergang in Wald und Feld ; und auch bei der Frau Klaudine sind wir in den beiden letzten Wochen häufig zusammengetroffen . Wir haben uns gegenseitig recht ausgesprochen und merkwürdige Beobachtungen und Erfahrungen zum besten gegeben und beiderseitig dadurch gewonnen : sich totzustellen in der Hand des Fatums ist unter allen Umständen das vernünftigste und bequemste . Die Frau Klaudine versteht ' s am besten ; aber auch Leonhard Hagebucher und Nikola Einstein sind auf gutem Wege , die Kunst zu lernen . Also , Frau Emma , ich heirate , da man es so haben will , und traue mir zu , als Frau von Glimmern meine Rolle mit allem Anstand durchführen zu können . O sie sollen schon nichts merken von der wirklichen Nikola von Einstein ! Die ist tot und tief begraben für alle , welche auf ihrer Hochzeit tanzen ; ganz still liegt sie in der dunkeln sichern Tiefe , blickt nur durch halbgeschlossene Augenlider unter dem schweren Stein schläfrig hervor und denkt : nur schlau muß der Mensch sein und so tot wie möglich , dann läßt sich das Leben schon tragen . Was meint die Frau Majorin ? Ist das keine behagliche Vorstellung ? Morgen fange ich an , meine Kisten , Kasten und Schachteln zu packen , und beginne auch mit meinen Abschiedsvisiten , deren ich eine große Menge abzustatten habe in Bumsdorf und der Umgegend . Mancher alten dickköpfigen Weide , den Mühlbach entlang , hab ich mein Kompliment zu machen ; mancher luftigen Berghöhe , manchem lieben Winkelchen , manchem stillen Pfade und manchem alten Felsblock hab ich Lebewohl zu sagen . An Menschen und Tiere darf ich eigentlich gar nicht denken , und am vernünftigsten wär ' s , ich schliche mich bei Nacht und Nebel weg aus ihrer Mitte und suchte , mit den Schuhen in der Hand , den Nippenburger Posthof zu erreichen . Es wäre aber doch unrecht gehandelt , und der Oheim würd ' s mir nie verzeihen . So will ich denn , wie es sich gebührt , in die Runde gehen , und ich habe es ja nötig genug , daß jeder mir verspreche , die arme Nikola nicht zu vergessen . Und zum letztenmal sollen mich Oheim , Tante und Kusinen durch alle Ställe und Vorratskammern , durch Gemüsegarten und Blumengarten und um den Fischteich führen , und niemandem soll ' s verwehrt sein , mir nach Nippenburg zur Post das Geleit zu geben . Wie ich von der Katzenmühle und der Frau Klaudine loskomme , weiß ich in dieser Stunde noch nicht . Mein ganzes besseres Wesen ist plötzlich außer mir , ist ein Wesen für sich , das mich mit drängenden Armen umfaßt und herzzerreißend bittet : Bedenke dich , bedenke dich , Nikola ! O es ist keine gegeringe Kunst , sich totzustellen , und es wird wohl eine geraume Zeit vorübergehen , ehe ich der Frau Majorin berichten kann , wie ich sie in der Mühle mit dem zerbrochenen Rade übte ! Es ist immer noch dunkel über dem Garten vor meinem Fenster , allein der erste Hahn hat sich doch bereits in Bumsdorf gerührt , und Nikola geht zu Bett in dem befriedigenden Gefühl , auf eine dreitägige Migräne mit Sicherheit rechnen zu können . Grüße Deinen Major , Alte , und küsse Deine Kinder in meinem Namen ; schreibe mir jedoch unter keiner Bedingung , ich kann keinen Brief gebrauchen . Hörst Du , hörst Du , Emma , ich will keinen Brief haben ! Sei also gut und lieb wie immer und behalte morgen Deine Meinung für Dich . Da kräht der Hahn zum zweitenmal , und gradeso krähte er zu Jerusalem im Palasthofe des Hohenpriesters Kaiphas ; ich ziehe die Bettdecke über den Kopf - einen Brief nehme ich ganz gewiß nicht an ! Nikola von Einstein « Zwölftes Kapitel Der blöde Hans , der Simpel des Gutshofes und des Onkels Bumsdorf auserwählter Liebling und Sündenbock , humpelte in der heiligen grauen Frühe richtig mit der Korrespondenz seiner Gebieter und Gebieterinnen gen Nippenburg , und es bekam im regelrechten Verlauf der Stunden der Dynast seine Zeitung und die Frau Majorin Emma in der Hauptstadt das wilde , tränenreiche Schreiben Nikolas , auf welches sie nicht antworten sollte Was sie also darüber dachte , in welcher Weise sie ihren Major an ihrer Angst und ihrem Zorn teilnehmen ließ , bleibt uns daher fürs erste ein Geheimnis . Später werden wir schon erfahren , wie nicht nur die Frau Emma , sondern auch manche andere Leute sich zu diesen Angelegenheiten stellten ; aber noch hält uns die Provinz ein ganzes Kapitel hindurch , und wir haben nicht die Absicht , gleich dem Fräulein von Einstein die Augen zuzukneifen , die Zähne aufeinanderzusetzen und uns kopfüber in den Strom zu stürzen , ohne zu wissen , wohin die Wellen uns tragen werden . Wir gehen langsam ins Wasser , nachdem wir uns vorher sorgsam abkühlten ; wir halten unsere Kräfte zusammen , denn wir kennen unsere Aufgabe und wissen , daß es leichter ist , sich treiben zu lassen , als jene Stelle am andern Ufer , nach der wir vor Beginn des Wagnisses so sehnsüchtig hinblickten , tief atmend , aber siegreich zu erringen , gar nicht zu gedenken , daß wir den Kurs des Fräuleins von Einstein wie aller andern fest dabei im Auge behalten müssen . » So ! Das ist gradso gut , als ob du zum zweitenmal das Mondgebirge zwischen dich und das süße Vaterland geschoben hättest ! « hatte der Vetter Wassertreter , den Riegel seiner Türe vorschiebend , zu dem Afrikaner gesprochen , und es war in der Tat so . Zum andern Male befand sich Leonhard Hagebucher auf dem besten Wege , um zu einem Mythus für Nippenburg und Bumsdorf zu werden : Dschebel al Komri hatte ihn wiederum in seine Schatten aufgenommen , und nicht viele Leute konnten sagen , was aus ihm geworden war . Nippenburg befand sich , seit jener verhängnisvollen Katastrophe im Goldenen Pfau , noch immer in einer dumpfen Aufgeregtheit . Seltsame Gerüchte über spätere Vorgänge im Hause des Steuerinspektors zu Bumsdorf durchkreuzten einander , es bildeten sich Parteien und Gruppen , welche die Ereignisse von sehr verschiedenartigen Standpunkten aus betrachteten und besprachen . Der Onkel Schnödler , zu Boden gedrückt durch die qualvolle Last seines bösen Gewissens und die auf seinem silberhaarigen Scheitel immer mehr sich häufende allgemeine Verachtung , wankte durch die Gassen des Städtchens und suchte , gleich andern , viel klügern Burschen und größern Philosophen , auf den Pflastersteinen und in den Mienen der guten Freunde die ihm in so schnöder Weise abhanden gekommene stupide Beschaulichkeit des Daseins vergeblich . Leonhard Hagebucher war und blieb verschwunden , und nur das Gerücht konnte ihn dann und wann erhaschen . Man wollte ihn in dunkler Nacht an den Häusern hinschleichend ertappt haben ; an einem sehr nebeligen Morgen hatte er aus dem Fenster des Vetters Wassertreter geniest , und die Tante Klementine Mauser , die gegenüber gute Wache hielt , wollte » zur Gesundheit ! « gesagt haben . Auf fernen Bergen und in den Wäldern der Umgegend sollte er häufig umherstreifen , und daß er in Gesellschaft des Wegebauinspektors die fürstliche Landstraße nicht selten unsicher mache , war durch nicht ganz unglaubwürdiger Zeugen Mund den Bürgern und Bürgerinnen von Nippenburg zur Gewißheit gemacht worden . Wie er aber seine Aus- und Eingänge bewerkstelligte , ohne von Hunderten gesehen und kommentiert zu werden , blieb ein Rätsel , erschien jedermann als eine unaussprechlich heimtückische afrikanische Wüstenpraxis und zeugte jedenfalls von einem sehr verstohlenen Wesen und einer großen Kunst , » hinter den Leuten wegzulaufen « . Laufen wir ebenfalls hinter den Leuten weg . Wie immer tropfte mit leisem Klingen das Wasser , welches das ferne geschäftige , brausende , sausende , pfeifende und rasselnde Fabrikgetriebe für die Katzenmühle noch übrigließ , über das schwarze , nutzlose Rad , und jeder reinlich perlende Tropfen war ein Flüchtling , der nur