Der Professor bog sich wieder über seine Arbeit ; aber der Gedankenfluß , den vorhin die Bürgersfrau unterbrochen , ließ sich nicht sofort wieder in die rechte Bahn lenken . Er rieb sich verdrießlich die Stirne und trank ein Glas Wasser - vergebens . Endlich warf er , ärgerlich über die Störungen , die Feder auf den Tisch , nahm den Hut vom Nagel und ging die Treppe hinab . ... Hätte der Mohrenkopf , der als Tintenwischer seinem gelehrten Herrn seit Jahren gegenüberstand , den großen grinsenden Mund noch weiter aufzureißen vermocht , er hätte es sicher gethan , und zwar vor Erstaunen - da lag die Feder , dick angefüllt mit frischer Tinte , und der unglückliche Mohr lechzte vergeblich nach dem Naß und dem gewohnten Vergnügen , mit seinem Kleide ihre vielvermögende Spitze blank zu putzen - unerhört ! Der peinlich pünktliche Mann war zerstreut . » Mutter , « sagte der Professor , im Vorübergehen das Wohnzimmer betretend , » ich wünsche ferner nicht , daß du mir das junge Mädchen mit Aufträgen hinaufschickst - überlasse das Heinrich , und ist er einmal nicht da , so kann ich schon warten . « » Siehst du , « entgegnete Frau Hellwig triumphierend , » dir ist schon nach drei Tagen diese Physiognomie unerträglich ; mich aber hast du verurteilt , sie neun Jahre lang um mich zu dulden ! « Ihr Sohn zuckte schweigend die Achseln und wollte sich entfernen . » Der frühere Unterricht , den sie bis zu des Vaters Tode erhalten , hat völlig aufgehört mit ihrem Eintritte in die Bürgerschule ? « fragte er , sich nochmals umwendend . » Was das für närrische Fragen sind , Johannes ! « rief Frau Hellwig ärgerlich . » Habe ich dir nicht ausführlich genug über diesen Punkt geschrieben , und ich dächte auch gesprochen bei meinem Besuche in Bonn ? ... Die Schulbücher sind verkauft worden , und die Schreibehefte habe ich in derselben Stunde verbrannt . « » Und was hat sie für Umgang gehabt ? « » Was für Umgang ? ... Na , eigentlich nur den mit Friederike und Heinrich ; sie hat es ja selbst nicht anders gewollt . « Jener grausam boshafte Zug erschien in dem Gesicht der Frau , infolgedessen sich die Oberlippe leicht hob und einen ihrer Vorderzähne sehen ließ . » Ich habe es natürlich nicht über mich gewinnen können , sie an meinem Tische essen zu lassen und in meiner Stube zu dulden , « fuhr sie fort ; » einmal war und blieb sie das Wesen , das sich zwischen deinen Vater und mich gedrängt hat , und dann wurde sie ja immer unausstehlicher und hoffärtiger . Ich hatte ihr übrigens ein paar Töchter aus christlichen Handwerkerfamilien ausgemacht , mit denen sie umgehen sollte ; aber du weißt ja , daß sie mir erklärt hat , sie wolle nichts mit den Leuten zu schaffen haben , das seien Wölfe in Schafskleidern und dergl .... Na , du wirst in den acht Wochen , die du dir selbst aufgebürdet hast , schon noch dein blaues Wunder sehen ! « Der Professor verließ das Haus , um einen weiten Spaziergang zu machen . Am Nachmittage desselben Tages erwartete Frau Hellwig mehrere Damen , meist fremde Badegäste , zum Kaffee . Er sollte im Garten getrunken werden ; und weil Friederike plötzlich unwohl geworden war , so wurde Felicitas allein hinausgeschickt , um alles vorzurichten . Sie war bald fertig mit ihrem Arrangement . Auf dem großen Kiesplatze , im Schutze einer hohen Taxuswand stand der schön geordnete Kaffeetisch , und in der Küche des Gartenhauses zischte und brodelte das Wasser im Erwarten seiner Umwandlung zu dem allgeliebten Mokkatranke . Das junge Mädchen lehnte an einem offenen Fenster des Gartenhauses und sah wehmütig sinnend hinaus ... Da draußen duftete , grünte und blühte es so lustig und harmlos in die blaue , stille Luft hinein , als habe nie ein verheerender Herbststurm an den Zweigen gerüttelt , nie der Winterfrost seinen tötenden Krystall um vergehende Blumenhäupter gesponnen . Vor Jahren hatte es ebenso farbig geleuchtet auf Büschen und Beeten für ihn , dessen warmes , weiches Herz nun in Staub zerfiel , für ihn , der seine helfende , stützende Hand überall anlegte , wo es galt - bei seinen emporsprossenden Blumen , wie bei Menschenhilflosigkeit und Elend ... Die jungen Blumenaugen da allerorten lächelten jetzt ebenso fröhlich in andere , kalte Gesichter , und die Menschen sprachen nicht mehr von ihm ... Hierher hatte er sich und die kleine Waise gerettet vor den vernichtenden Blicken und der schneidenden Zunge da drin in der Stadt - nicht allein zur lustigen Sommerzeit ; wenn draußen der Frühling noch mit dem Winter rang , da prasselte hier im weißen Porzellanofen ein tüchtiges Feuer ; ein dicker Teppich auf dem Boden wärmte die Füße , die Büsche drückten ihre Knospenansätze gegen die erwärmten Scheiben , auf denen einzelne verwegene Schneeflocken rettungslos zerschmolzen , und über den weiten , noch wüsten Gartenplan guckte der halbbeschneite Berg herein mit dem wohlbekannten Pappelkreise auf der Stirn ... traute , liebe Erinnerungen ! Und da drüben standen die Nußbäume ; die kaum entwickelten Blätterzungen hingen in diesem Augenblicke müßig und unbewegt , wie trunken vom goldenen Sonnenlichte , überander ... Was hatten sie einst dem Kinde alles zugeflüstert ! Süße , selige Verheißungen von Welt und Zukunft , Träume , so klar und schattenlos , wie der unbewölkte Himmel droben - und dann war es plötzlich dunkel und dräuend über dem schuldlosen Haupte des Spielerskindes geworden , ein greller Blitz der Erkenntnis hatte die Blätterzungen zu Lügnern gemacht . Näher kommende Männerstimmen und das Knarren der Gartenthür schreckte Felicitas aus ihrem trüben Grübeln auf . Durch das nördliche Eckfenster konnte sie sehen , wie der Professor in Begleitung eines anderen Herrn den Garten betrat . Sie schritten langsam dem Hause zu . Jener Herr kam seit einiger Zeit öfter zu Frau Hellwig ; er war der Sohn eines sehr angesehenen , der Familie Hellwig befreundeten Hauses . Im Alter mit dem Professor gleichstehend , hatte auch er seine Erziehung in dem Institute des strenggläubigen Hellwigschen Verwandten am Rhein erhalten . Beide waren dann , freilich nur für kurze Zeit , Studiengenossen auf der Universität gewesen , und wenn auch völlig verschieden in Charakter und Anschauungsweise , hatten sie doch stets freundschaftlich zu einander gestanden . Während Johannes Hellwig fast sofort nach Beendigung seiner Studienzeit den Lehrstuhl bestiegen , war der junge Frank auf Reisen gegangen . Erst vor kurzem hatte er sich auf Wunsch seiner Eltern herbeigelassen , sein juristisches Examen zu machen ; er war nun Rechtsanwalt in seiner Vaterstadt und harrte der Dinge und Klienten , die da kommen sollten . Wie er so näher schritt , war er eine fast vollkommen schöngebildete Männererscheinung - ein geistreiches Gesicht über schlank und edel geformten Gliedern . Vielleicht hätte dieser sehr zierliche Kopf mit der feinen , etwas weich verlaufenden Profillinie einen weiblichen Eindruck gemacht ; aber so , wie er getragen wurde , fest und sicher auf den Schultern und unterstützt von entschiedenen , wenn auch sehr eleganten Bewegungen der gesamten Gestalt , ließ er diesen leisen Tadel nicht aufkommen . Er nahm eben die Zigarre aus dem Munde , betrachtete sie aufmerksam und schleuderte sie dann verächtlich von sich . Der Professor holte sein Etui hervor und bot es ihm . » Ei , Gott bewahre ! « rief der Rechtsanwalt , indem er mit komischer Gebärde beide Hände abwehrend ausstreckte . » Es könnte mir doch nicht einfallen , die armen Heidenkinder in China und Gott weiß wo noch zu bestehlen ! « Der Professor lächelte . » Denn so wie ich dich kenne , « fuhr der andere fort , » hältst du jedenfalls mit unbestreitbarem Heroismus dein Kasteiungswerk aus der Jugendzeit fest , das heißt du bestimmst dir täglich drei Zigarren , rauchst aber konsequent nur eine , während das Geld für die beiden anderen in deine Missionssparbüchse fließt ! « » Ja , die Gewohnheit habe ich noch , « bestätigte mit ruhigem Lächeln der Professor ; » aber das Geld hat eine andere Bestimmung - es gehört meinen armen Patienten ohne Unterschied . « » Nicht möglich ! ... Du , der starre Vorkämpfer pietistischen Strebens , der getreueste unter den Jüngern unseres rheinischen Institutsdespoten ! Befolgst du so seine Lehren , Abtrünniger ? « Der Professor zuckte die Achseln . Er blieb stehen und streifte nachdenklich die Asche von seiner Zigarre . » Als Arzt lernt man anders denken über die Menschheit und die Pflichten des einzelnen ihr gegenüber , « sagte er . » Ich habe stets das eine große Ziel im Auge gehabt , mich wahrhaft nützlich zu machen ; um das zu erreichen , habe ich vieles vergessen und verwerfen müssen . « Sie schritten weiter , und ihre Stimmen verhallten . Allein auf dem Kieswege , den sie wandelten , lag die Sonne träge und brütend , sie kehrten , in ihr Gespräch vertieft , fast instinktmäßig zurück unter die Akaziengruppe , die ihre Zweige über den am Hause hinlaufenden , mit breiten Steinplatten belegten Weg hing und ihn kühl und schattig machte . » Streite nicht ! « hörte Felicitas den Professor ein wenig lebhafter als gewöhnlich sagen . » Daran änderst du nichts ... Genau , wie vor so und so viel Jahren , langweile ich mich entweder entsetzlich , oder ich ärgere mich in weiblicher Gesellschaft ; und - das kann ich dir sagen - mein Verkehr als Arzt mit dem sogenannten schönen Geschlechte ist auch durchaus nicht geeignet , meine Meinung zu erhöhen ... Welch ein Gemisch von Gedankenlosigkeit und Charakterschwäche ! « » Du langweilst dich in weiblicher Gesellschaft , sehr begreiflich ! « eiferte der junge Frank , unter dem Eckfenster stehen bleibend . » Suchst du doch geflissentlich die geistig einfache , um nicht zu sagen , einfältige ... Du verabscheust die moderne weibliche Erziehung - in mancher Hinsicht freilich nicht ohne Grund - ich bin auch kein Freund von geistlosem Klaviergeklimper und gedankenloser , französischer Plapperei , aber man muß das Kind nicht mit dem Bade verschütten ... In unserer Zeit , wo der menschliche Geist fast täglich neue , ungeahnte Bahnen betritt , wo er mitwirkt , schafft und genießt bei dem mächtigen Aufschwunge , den das Menschengeschlecht nimmt , da wollt ihr das Weib womöglich hinter die mittelalterliche Kunkel , in den Kreis und zugleich in den engen Ideengang ihrer Mägde zwingen - das ist nicht allein ungerecht , es ist auch thöricht . Das Weib hat die Seele eurer Söhne in den Händen , in einem Stadium , wo sie am empfänglichsten ist , wo sie die Eindrücke wie Wachs aufnimmt und gerade so unverwischbar durchs ganze Leben trägt , als wären sie in Eisen gegraben ! ... Regt die Frauen an zu ernstem Denken , erweitert den Kreis , den ihr Egoisten eng genug um ihre Seelen zieht und welchen ihr weibliche Bestimmung nennt , und ihr werdet sehen , daß Eitelkeit und Charakterschwäche verschwinden ! « » Lieber Freund , den Weg betrete ich ganz sicher nicht ! « sagte der Professor sarkastisch , indem er langsam einige Schritte weiter ging . » Ich weiß wohl , daß du eine andere Ueberzeugung hast - du meinst , das alles erreiche man müheloser durch eine fromme Frau ... Mein sehr verehrter Professor , auch ich möchte keine unfromme Lebensgefährtin - ein weibliches Gemüt ohne Frömmigkeit ist eine Blume ohne Duft . Aber seht euch wohl vor ! Ihr denkt , sie ist fromm , mithin besorgt und wohl aufgehoben , und während ihr sie vollkommen und sorglos gewähren lasset , erwächst euch eine Tyrannei in eurem Hause , wie ihr sie von einer weniger frommen Frau nun und nimmer ertragen würdet . Unter dem Deckmantel der Frömmigkeit schießen leicht alle im weiblichen Charakter schlummernden schlimmen Neigungen auf . Man darf grausam , rachsüchtig und auch ganz gehörig hochmütig sein und im blinden Zelotismus Schönes und Herrliches verdammen und zerstören - alles im Namen des Herrn und im sogenannten Interesse des Reiches Gottes . « » Du gehst sehr weit . « » Gar nicht ... Du wirst schon noch einsehen lernen , daß auch der erwägende Verstand gehörig geklärt und ausgebildet und das Gemüt der Humanität zugänglich gemacht sein muß , wenn die Frömmigkeit der Frau wahrhaft beglückend für uns sein soll . « » Das sind Ziele , auf die ich gar nicht Lust habe , loszusteuern , « erwiderte der Professor kalt . » Meine Wissenschaft beansprucht mich und mein Leben so völlig - « » Ei - und die dort ? « unterbrach ihn der Rechtsanwalt leiser , während er nach dem Eingange des Gartens zeigte . Dort hinter der Gitterthür erschien die Regierungsrätin in Begleitung ihres Kindes und der Frau Hellwig . » Ist sie nicht vollkommen die Verwirklichung deines Ideals ? « fuhr er mit nicht zu verkennender Ironie fort . » Einfach - sie erscheint stets in weißem Mull , der ihr , nebenbei gesagt , vortrefflich steht - fromm , wer wollte das bezweifeln , der sie in der Kirche mit den schwärmerisch emporgerichteten schönen Augen sieht ? Sie verabscheut alles Wissen , Denken und Grübeln , weil es dem Wachstum ihres Strickstrumpfes oder ihrer Stickerei hinderlich sein könnte - ist eine standesgemäße Partie , denn diese Gleichheit gilt dir ja auch als unerläßlich zu einer guten Ehe - enfin , man bezeichnet sie allgemein als diejenige , welche dich - « » Du bist boshaft und hast Adele nie leiden mögen , « unterbrach ihn der Professor gereizt , » ich fürchte , lediglich aus dem Grunde , weil sie die Tochter des Mannes ist , der dich sehr streng gehalten hat ... Sie ist gutmütig , harmlos und eine vortreffliche Mutter . « Er schritt auf die langsam näherkommenden Damen zu und begrüßte sie freundlich . 14 Es dauerte nicht lange , so war der Kiesplatz belebt von anmutigen Frauengestalten , die , meist in hellen Musselin oder Gaze gehüllt , wie weiße Sommerwolken auf und ab schwebten . Die dunklen , steifen Taxuswände gaben einen vortrefflichen Hintergrund für diese graziösen , leichtbeschwingten Wesen ; silberhelles Lachen und lebhaftes Geplauder schollen durch die weiche Luft , dann und wann unterbrochen durch eine der sonoren Männerstimmen . Der geladene Kreis war bald vollzählig , man gruppierte sich um den Kaffeetisch , und die Arbeitskörbchen wurden hervorgeholt . Auf einen Wink der Frau Hellwig schritt Felicitas mit dem Kaffeebrett über den Kiesplatz . » Mein Wahlspruch ist : Einfach und billig ! « hörte sie die Regierungsrätin in munterem Tone sagen , als sie näher kam . » Ich trage grundsätzlich im Sommer keinen Stoff , der mich über drei Thaler kostet . « » Sie vergessen aber , meine liebe Regierungsrätin , « widersprach eine andere junge , sehr geschmückte Dame , während ihr boshafter Blick über die gerühmte einfache Toilette glitt , » daß Sie auf diesem billigen Stoffe eine Menge gestickter , mit Spitzen garnierter Einsätze tragen , die den Wert der Robe selbst mindestens um das Dreifache übersteigen . « » Bah , wer wird diesen Duft nach prosaischen Thalern berechnen ! « rief der junge Frank , belustigt den feindlichen Blick auffangend , den beide Damen austauschten . » Man sollte meinen , er trüge die Damen himmelwärts , wären nicht - ja wären nicht zum Beispiel solche dicke , goldene Armbänder , die unzweifelhaft wieder zur Erde niederziehen müssen ! « Sein Auge haftete mit sichtbarem Interesse auf dem Handgelenke der nicht weit von ihm sitzenden Regierungsrätin ; es zuckte wie unwillkürlich zurück , und eine hohe Röte bedeckte für einen Moment Stirne und Wangen der jungen Witwe . » Wissen Sie , meine Gnädige , « sagte er , » daß mich dieses Armband seit einer halben Stunde lebhaft beschäftigt ? ... Es ist von prächtiger , uralter Arbeit . Was aber meine Wißbegierde ganz besonders reizt , das ist die mutmaßliche Inschrift , dort inmitten des Kranzes . « Das Gesicht der Regierungsrätin hatte bereits wieder seine zartrosige Farbe ; ihre sanften Augen blickten ruhig auf , während sie unbefangen die Armspange löste und ihm hinreichte . Felicitas stand in diesem Augenblicke hinter dem Rechtsanwalt . Sie konnte bequem den Schmuck in seinen Händen sehen ... Seltsam , es war bis in die kleinsten Einzelheiten derselbe Armring , der im Geheimfache der alten Mamsell lag und ohne Zweifel eine geheimnisvolle Rolle im Leben der Einsamen spielte ; nur war er hier von weit geringerem Umfang , er umschloß ziemlich eng das feine Handgelenk der jungen Frau . » daz ir liebe ist âne krane , Die hât got zesamme geben ûf ein wünneclichez leben ! « las der Rechtsanwalt geläufig . » Merkwürdig , « rief er , » die Strophe hat keinen Anfang ... Ah , es ist ja ein Bruchstück aus den Minnesängern , und zwar aus dem Gedicht , Stete Liebe von Ulrich von Lichtenstein ; die ganze Strophe lautet in der Uebersetzung ungefähr : Wo zwei Lieb ' einander meinen Herziglich in rechter Treu ' Und sich beide so vereinen , Daß die Lieb ' ist immer neu , Die hat Gott zusammengeben , Auf ein wonnigliches Leben . Dieses Armband hat unzweifelhaft einen treuen Kameraden , der ihm eng angefügt ist durch den Anfang der Strophe , « bemerkte er lebhaft angeregt . » Ist das Seitenstück nicht in Ihrem Besitze ? « » Nein , « entgegnete die Regierungsrätin und bückte sich auf ihre Arbeit , während der Schmuck von Hand zu Hand ging . » Und wie kommst du zu dem sehr merkwürdigen Stück , Adele ? « fragte der Professor herüber . Wieder stieg eine leise Röte in das Gesicht der jungen Dame . » Papa hat es mir vor kurzem geschenkt , « antwortete sie , » Gott weiß , von welchem Altertümler es stammt ! « Sie nahm den Schmuck wieder in Empfang , legte ihn um den Arm und richtete dabei eine Frage an eine der Damen , wodurch das Gespräch sogleich eine andere Wendung erhielt . Während die Aufmerksamkeit aller auf das interessante Armband gerichtet gewesen war , hatte Felicitas die Runde um den Tisch gemacht ; man hatte sich rasch bedient , ohne die Trägerin des Kaffeebrettes weiter zu beachten . Sie ging ebenso unbemerkt , wie sie gekommen , nach der Küche zurück . Auf Bitten der kleinen Anna , die sich auf dem schattigen Wege neben dem Hause tummelte , blieb sie einen Moment stehen , griff , Haupt und Oberkörper elastisch zurückbeugend , mit hochgehobenen Armen in die niederhängenden Aeste der zunächststehenden Akazie und versuchte , einen Zweig für das Kind zu brechen ... Für eine tadellos gebaute weibliche Gestalt kann es nicht leicht eine vorteilhaftere Stellung geben , als die , in welcher das junge Mädchen für einige Augenblicke verharrte - der Rechtsanwalt nahm plötzlich seine Lorgnette , er war ziemlich kurzsichtig ; diese zwei dunklen Männeraugen , die mit sichtlichem Erstaunen auf der jugendlichen Gestalt unter der Akazie hafteten , wurden scharf beobachtet und zwar von der scheinbar sehr eifrig stickenden Regierungsrätin . Nachdem Felicitas ins Haus gegangen war , ließ der junge Mann das Glas fallen - er hatte offenbar eine hastige Frage auf den Lippen , mit welcher er sich an Frau Hellwig wenden wollte , aber die junge Witwe schnitt ihm sofort das Wort ab ; sie verlangte Aufklärung über einen Unfall , der ihm auf einer seiner Reisen zugestoßen war , und brachte ihn somit geschickt auf ein Thema , das er selbst sehr gern berührte . Später erhob sie sich geräuschlos und schritt hinüber nach dem Gartenhause . » Liebe Karoline , « sagte sie , in die Küche tretend , » es ist nicht nötig , daß Sie drüben bedienen ... Ah , ich sehe , da ist ja ein Kaffeewärmer , das macht sich vortrefflich ... Füllen Sie die Kanne mit heißem Kaffee ; ich werde sie mitnehmen und das Einschenken selbst besorgen - es ist so gemütlicher für die Gäste und - aufrichtig gesagt - Sie sehen zu erbärmlich aus in dem verwaschenen Kattunkleidchen . Wie mögen Sie sich nur in diesem kurzen , abscheulichen Rocke vor Männeraugen sehen lassen ! Es ist geradezu unanständig - fühlen Sie das nicht selbst , Kind ? « Der geschmähte Rock war der beste des jungen Mädchens , ihr sogenannter Sonntagsrock . Freilich war er verwachsen und bereits ziemlich mißfarben ; aber er war tadellos sauber gewaschen und gebügelt ... Daß ihr nun auch das noch zum Vorwurf gemacht wurde , worein sie sich stets stillschweigend und klaglos gefügt hatte , machte sie bitter lächeln ; aber sie schwieg - war doch jedes verteidigende Wort überflüssig und hier geradezu lächerlich . Als die Regierungsrätin an den Kaffeetisch zurückkehrte , war ein Gespräch , das sie vorhin zu vereiteln gesucht hatte , bereits im vollen Gange . » Auffallend schön ? « wiederholte Frau Hellwig rauh auflachend . » Pfui , mein lieber Frank , was soll ich von Ihnen denken ! ... Auffallend , ja , das gebe ich Ihnen eher zu ; aber auffallend , wie ein Mädchen nicht sein soll ... Sehen Sie sich doch dies blasse Gesicht mit den liederlichen Haaren genauer an ! Diese herausfordernden Mienen und leichtfertigen Bewegungen , diese Augen , die respektablen Leuten unverschämt und dreist ins Gesicht starren , - das sind Erbstücke einer elenden , zuchtlosen Mutter . Art läßt nicht von Art , und was hinterm Zaune geboren ist , das wird sein Lebtag nicht ehrbar ... Ich hab ' s erfahren ; neun Jahre lang hab ' ich mir keine Mühe verdrießen lassen , dem Herrn eine Seele zuzuführen - dies verstockte Geschöpf hat alle meine Sorgfalt zu schanden gemacht . « » Ach , Tantchen , das ist ja nun bald überstanden ! « begütigte die Regierungsrätin , während sie Kaffee einschenkte und herumreichte . » Noch einige Wochen , und der böse Störenfried verläßt dein Haus für immer ... Ich fürchte leider auch , daß der gute Same auf steinigen Boden gefallen ist - ein edler Zug steckt ganz gewiß nicht in einer Seele , die , undankbar genug , bisher nur danach gestrebt hat , die Fesseln der Moral und guten Sitten abzuwerfen ... Uebrigens wollen wir , die wir das Glück haben , von gesitteten Eltern abzustammen , nicht zu streng mit ihr ins Gericht gehen - der Leichtsinn steckt ihr im Blut ... Wenn Sie in Jahr und Tag wieder auf Reisen gehen , Herr Frank , « wandte sie sich scherzend an den Rechtsanwalt , » so kann es sich schon ereignen , daß Sie unter einem fremden Himmelsstriche Tantchens ehemalige Hausgenossin als Grazie auf dem Seile oder im Zirkus bewundern dürfen . « » So sieht sie nicht aus ! « sagte plötzlich der Professor in seinem ruhig entschiedenen Tone . Er hatte bis dahin konsequent geschwiegen ; sein Widerspruch , der sehr mißbilligend klang , mußte daher doppelt auffallen . Frau Hellwig wandte sich jäh und zornig nach ihrem Sohne , und die Augen der jungen Witwe verloren für einen Moment die stereotype Sanftmut ; gleich darauf schüttelte sie jedoch gutmütig lächelnd den Lockenkopf und öffnete die Lippen , ohne Zweifel , um Liebes und Freundliches zu sagen ; aber sie wurde verhindert - ein lautes Weinen Aennchens scholl über den Kiesplatz , und infolgedessen , was die Regierungsrätin im Umdrehen erblickte , stieß sie selbst einen Schrei des Entsetzens aus . Das Kind lief , so schnell es sein schwerfälliger Körper gestattete , auf seine Mutter zu ; in der angstvoll emporgestreckten Rechten hielt es krampfhaft ein Päckchen Schwefelhölzer fest , das Röckchen aber stand in hellen Flammen . Wir sagten , die Mutter stieß einen Schrei des Entsetzens aus , zugleich irrte ihr verstörter Blick über die eigene , leicht feuerfangende Toilette - wie geistesabwesend , mit tödlich erblaßtem Gesichte streckte sie abwehrend ihre Hände dem Kinde entgegen und war mit einem Sprunge hinter der schützenden Taxuswand verschwunden . Die in » Duft « gekleidete Damengesellschaft zerstob wie eine aufgescheuchte Taubenschar unter lauten Angstrufen nach allen Richtungen hin ; nur Frau Hellwig erhob sich tapfer zur Rettung des Kindes , und die beiden Herren sprangen sofort hinüber ; allein sie kamen zu spät . Felicitas stand bereits da , sie breitete ihre Kleider aus , schlug sie eng um das brennende Kind und suchte die Flammen zu ersticken - sie waren zu mächtig ; der dünne Kattunrock des jungen Mädchens fing selbst Feuer , es züngelte gierig an ihr empor . Rasch entschlossen preßte sie das Kind in ihre Arme , flog durch den Grasgarten den Damm hinauf und warf sich in den vorüberrauschenden Mühlbach . Todesgefahr und Rettung hatten sich in wenige Augenblicke zusammengedrängt ; ehe die beiden Herren nur die Absicht des fortstürzenden Mädchens begriffen , war das Feuer bereits gelöscht . Sie betraten den Damm in dem Augenblicke , als Felicitas , wieder aufrechtstehend und das triefende Kind auf dem rechten Arme haltend , mit der Linken in die Zweige eines Haselstrauches griff , um sich gegen das hier mit großer Gewalt vorüberschießende Wasser zu halten . Mit den Herren zugleich erschien die Regierungsrätin auf dem Damme . » Mein Kind , rettet mein Aennchen ! « rief sie in verzweiflungsvollen Tönen , es sah aus , als wolle sie schnurstracks in das Wasser laufen . » Mache dir die Schuhe nicht naß , Adele , du könntest leicht den Schnupfen bekommen , « sagte der Professor mit beißender Ironie , während er rasch hinabstieg und Felicitas beide Hände bot , um sie zu stützen ; aber er ließ sie langsam wieder sinken - das erst völlig ruhige Gesicht des jungen Mädchens hatte sich plötzlich verwandelt , eine tiefe Falte grub sich zwischen ihren Brauen , und jener tödlich kalte , feindselige Blick , den er bereits kannte , traf sein Auge . Sie reichte ihm , das Gesicht abwendend , die kleine Anna hin und schwang sich dann , die Hand des Rechtsanwalts mit einem schwachen Lächeln der Dankbarkeit ergreifend , auf den Damm . Der Professor trug das Kind in das Gartenhaus , entkleidete es mit Hilfe der jammernden Mutter und forschte nach den mutmaßlichen Brandwunden , aber es war , wunderbar genug , fast unverletzt ; nur die linke Hand , von welcher , wie es selbst weinend erzählte , das Feuer ausgegangen war , zeigte Brandspuren . Die Kleine hatte , während die Regierungsrätin in der Küche gewesen , unbemerkt die Schwefelhölzchen vom Herde genommen ; beim Anzünden draußen im Garten war ein Zeugstreifen , den man infolge einer kleinen Schnittwunde um ihren Daumen gewickelt , in Brand geraten ; sie hatte die Flamme am Kleide abzustreifen gesucht und dadurch das Unglück herbeigeführt . Die geflüchteten Damen kehrten nun auch sämtlich zurück . Ein Gemisch von Wehklagen und Glückwünschen für die Mutter des geretteten Kindes strömte von all den zarten Lippen , und der » arme Engel « wurde mit Liebkosungen überschüttet . » Aber , beste Karoline , « sagte die Regierungsrätin mit sanftem Vorwurfe zu dem jungen Mädchen , das , bang auf das Ergebnis der Untersuchung harrend , in ihrer Nähe stand , » konnten Sie denn Aennchen nicht ein wenig draußen im Garten überwachen ? « Der Vorwurf war zu ungerecht . » Sie hatten mir wenige Augenblicke zuvor verboten , das Haus zu verlassen , « entgegnete Felicitas finster , mit einem ihrer durchdringenden Blicke auf die Frau , während das Rot der Entrüstung in ihre Wangen stieg . » So , ei warum denn das , Adele ? « fragte Frau Hellwig verwundert . » Mein Gott , Tantchen , « antwortete die junge Witwe , ohne jedwedes Zeichen der Verlegenheit , » das wirst du leicht begreifen , wenn du dir dies Haar ansiehst ... Ich wollte ihr und uns den üblen Eindruck ersparen , den Nachlässigkeit stets hervorrufen muß . « Felicitas griff bestürzt nach ihrem Kopfe ; sie war sich bewußt , ihr Haar mit ängstlicher Sorgfalt geordnet zu haben ; aber der Kamm , der nie recht fest sitzen wollte in den dicken , widerspenstigen Wellen , war entschlüpft - er lag höchstwahrscheinlich im Mühlbache . Das aufgelöste , wundervolle Gelock wogte wie ein Glorienschein um Wangen und Schultern , noch bestreut mit einzelnen Perlen des aufgepeitschten Wassers . » Ist das alles der Gesamtausdruck Ihrer Dankgefühle für die rettende Hand , die Ihr Kind unversehrt durch Feuer und Wasser getragen hat , meine Gnädige ? « fragte der Rechtsanwalt scharf - sein Auge hatte bis dahin fast unverwandt auf Felicitas geruht . » Wie mögen Sie nur so ungerecht von mir denken , Herr Frank ! « verteidigte sich die junge Witwe tief gekränkt . » Ein Mann wird freilich nie recht das Mutterherz begreifen lernen ; es zürnt im ersten Augenblicke wider Willen denen , die ein Leiden des geliebten Kindes hätten verhüten können , wenn es auch dankbar anerkennt , daß sie ihr Versehen durch die schließliche Rettung gesühnt haben ... Meine teure Karoline , « wandte sie sich an das junge Mädchen , » ich werde Ihnen den heutigen Tag nie vergessen ... Könnte ich doch in diesem Augenblicke schon beweisen , wie dankbar ich Ihnen bin ! « Rasch , als ob sie einer plötzlichen Eingebung folgte , löste sie das Armband und reichte es Felicitas hin . » Da nehmen Sie vorläufig - es ist mir sehr wert ; aber für die Rettung meines Aennchens könnte ich das Liebste freudig opfern ! « Felicitas schob tief verletzt die Hände zurück , die ihr den Schmuck um den Arm legen wollten . » Ich danke , « sagte sie mit jenem stolzen Zurückwerfen des Kopfes , welches die demutsvollen