, oder eines jener verblichenen Portraits von Esther ' s Freunden , die nach der Testaments-Vorschrift an ihren Plätzen verbleiben mußten . Verließ sie diese Zimmer , so begegnete ihr auf der Treppe bald die schleichende Katze , bald das altersgraue Windspiel , bald der schwerfällige Mops des verstorbenen Fräuleins , oder es kam ihr gar Mamsell Marianne entgegen , die , in das obere Stockwerk des Seitenflügels verwiesen , aus demselben nur herunterstieg , um hier und da mit mißvergnügten Blicken die beginnende neue Einrichtung und das erneute Leben im Hause zu betrachten und krittelnd zu mustern . Angelika konnte sich eines Schreckens nicht erwehren , wenn Mamsell Marianne , die es abgelehnt hatte , in die Dienste der neuen Haushaltung zu treten , plötzlich wie aus der Erde gewachsen vor ihr stand . Dieses Wesen , das nicht Herr , nicht Diener war , das kein Mitlebender sein wollte und das man doch nicht verbannen konnte , verleidete der Baronin das Haus nur noch in höherem Grade , während die neue Dienerschaft eine wirkliche Furcht vor Mamsell Marianne empfand und von dem Glauben nicht abzubringen war , daß es überhaupt in dem Hause nicht richtig sei , und daß Fräulein Esther allnächtlich , ja , selbst bis zum hellen Tage , in demselben umgehe . Der Eine wollte es gesehen haben , wie das Fräulein noch im Morgengrauen auf dem Lehnstuhle am Kamine gesessen und ihre Hunde und Katzen um sich gehabt habe ; ein Anderer wollte ihr begegnet sein , wie sie mühsam athmend um Mitternacht nach der Stube von Mamsell Marianne hinaufgestiegen war , und daß es ihre Bilder wie mit unsichtbaren Händen an den Mauern festgehalten , als man sie habe abnehmen wollen , um sie nur zu säubern , das ließen sämmtliche Arbeiter und Dienstboten sich nicht ausreden . Angelika schämte und schalt sich , wenn sie solchen Gerüchten Gehör gab . Aber sie selbst konnte ihr Auge nicht von den verschiedenen Bildern der Tante abwenden , und je öfter sie auf denselben verweilte , um so lebendiger erschienen sie ihr . Es war ihr , als ob das Bild ihr mit seinen großen , schwarzen Augen folgte ; es ließ ihr selbst im Schlafe keine Ruhe . Sie konnte sich des Gedankens nicht erwehren , daß die Tante noch in ihrem Hause weile und daß sie mehr Herrschaft in demselben besitze , als Angelika und ihr Gemahl . Indeß diese unheimlichen Empfindungen begannen theilweise zu weichen , je weiter die Erneuerung der Einrichtung gedieh , und Angelika und der Baron beeilten sich , sie zu vollenden . Diese Beschäftigung war den Eheleuten heilsam . Die kleinen gemeinsamen Sorgen und Mühen für ihren Haushalt führten sie auf die natürlichste Weise zusammen . Der Baron konnte dabei die angenehme Erfahrung machen , daß es seiner Frau an Umsicht und Gewandtheit nicht gebreche . Der sichere Besitz , die berechtigte Liebe zeigten sich ihm bald als etwas sehr Bequemes , und die Jugend und Schönheit seiner Frau erfreuten ihn doppelt , da man sie nach ihrem Eintritte in die Gesellschaft und in die große Welt auch in dieser auszeichnete und bewunderte . Sein Herz , sein Verstand , sein Ehrgeiz und seine Eitelkeit fanden sich in gleichem Maße durch seine Frau befriedigt ; er gefiel sich darin , sich der Wahl zu rühmen , die er getroffen hatte , und sich ein Verdienst aus den Eigenschaften seiner Erwählten zu machen . Dazu kam er hier in der Residenz in eine Gesellschaft , die ihm vertraut und lieb war und in der er lange mit Erfolg gelebt hatte . Der Menschenkreis , der sich am Hofe und um den Hof bewegte , war ihm bekannt . Wie in einer zweiten Heimath empfingen ihn dort die Genossen seiner früheren Jahre , so männliche als weibliche , mit Vergnügen , und daß er eben jetzt noch zu dem eigenen reichen Besitze das ansehnliche Vermögen und Haus seiner Tante ererbt hatte , in welchem seine junge Frau die Wirthin machen sollte , gereichte ihm bei seinen Freunden nur zum Vortheil . Der Baron hatte ausgebreitete Verbindungen in allen Kreisen der Gesellschaft , er fand in jedem derselben etwas , das einer oder der andern Seite seines Wesens entsprechend war , und Angelika sah sich dadurch bald in eine endlose Reihe von Zerstreuungen gezogen , die ihr jedoch , nachdem der erste Rausch der Ueberraschung vorüber war , schon darum keinen Genuß gewährten , weil dieselben sie von ihrem Manne fern hielten , auch wenn sie beide daran Antheil nahmen . Sie war überhaupt in ihren Anlagen und Neigungen eigentlich der völlige Gegensatz von dem Wesen ihres Gatten . Sie war weder eitel noch vergnügungssüchtig , sondern eine ganz innerliche , zum Ernst und Nachdenken geneigte Natur . Für ein abgeschlossenes Leben in der Familie erzogen und durch geistige Bildung für die Genüsse einer beschaulichen Zurückgezogenheit vorbereitet , war es eben die Bildung des Barons gewesen , welche das junge Mädchen zuerst an ihm schätzen lernte , und als Angelika seine Braut geworden war , hatte sie nach dem Ausspruche ihres Verlobten eine häusliche Ehe wie die ihrer Eltern mit ihm zu führen gehofft . Von dem Allem wurde ihr das Gegentheil geboten , und ihre Liebe für ihren Mann ließ sie dies als einen Nachtheil betrachten . Die Menschen , unter denen sie zu leben hatte , waren ihr kein Ersatz für den stillen Verkehr mit ihrem Gatten ; sie waren und blieben ihr fremd , und der unter ihnen herrschende Ton war nicht danach angethan , einem jungen , reinen Weibe Beifall abzugewinnen . Wenn sie ihr Mißfallen an den freien Sitten äußerte , von denen sie sich umgeben sah , wenn sie es als eine Demüthigung und eine Unwürdigkeit empfand , wie man sich vor den beiden erklärten Maitressen des Königs beugte und die Frauen , welche die gleiche Stellung ohne diesen Titel einnahmen , mit besonderem Eifer suchte und mit besonderer Zuvorkommenheit behandelte , so stimmte der Baron ihr darin bei ; aber er gab ihr daneben zu bedenken , daß die Welt nicht überall ihrem Vaterhause gleichen könne , daß man nicht überall die strengen Grundsätze desselben voraussetzen und als Maßstab nehmen dürfe . Er forderte Duldsamkeit von Angelika , und er vergaß , daß die Jugend nicht duldsam sein kann , weil nur die Erfahrung jene Nachsicht mit der Schwäche des Menschen und jene Weltklugheit erzeugt , die in den meisten Fällen schon ein Abweichen von dem Moralgesetze in sich schließt . Angelika hätte von sich selbst abzufallen geglaubt , wenn sie duldsam gegen das Unrecht gewesen wäre , und sie konnte nicht aufhören , sich die Frage vorzulegen , was ihren Gatten bewogen haben möge , eben jetzt , da sie seine Frau geworden war , mit ihr eine Gesellschaft aufzusuchen , deren Sittenlosigkeit so offenkundig war , und in welcher keine ihr bekannte Ursache sein Verweilen forderte . Er büßte dadurch in ihren Augen einen Theil der Würdigkeit ein , unter welcher er ihr bisher erschienen war , und sie wußte es ihm keinen Dank , daß er sie ruhig der galanten Bewerbung der Männer überließ , daß er ihr im Vertrauen auf ihre Jugend große Freiheit für ihr Handeln gewährte , ja , es schien ihr dies eine Gleichgültigkeit zu verrathen , welche sie betrübte . Was man daneben in der zur Gewohnheit gewordenen Leichtfertigkeit jener Tage , selbst im Beisein der jungen Frau , von dem früheren Leben und von den Abenteuern des Barons bald erzählte , bald errathen ließ , verstimmte oder verletzte sie eben so sehr . Sie sah , daß er auch jetzt noch um die Frauen bemüht war , daß sie seine Huldigungen mit Vergnügen aufnahmen , daß sie ihm mit Zuvorkommenheit begegneten und daß er sich daran erfreute ; und sie hatte leider Niemanden in ihrer Nähe , der es ihr begreiflich gemacht hätte , wie viel dem älteren Manne , ganz abgesehen von seiner angeborenen Neigung zur Galanterie , daran gelegen sein mußte , seinem jüngeren Weibe darzuthun , daß er auch anderen Frauen noch zu gefallen und überall noch Beifall zu erringen vermöge . Indeß jedes Alter trägt seine Bedingungen in sich , und der glänzenden Erscheinung , welche der Baron noch immer in der Gesellschaft machte , stand die unausbleibliche Abspannung in der Ruhe des Hauses bedenklich gegenüber . In Gegenwart von Fremden stets heiter angeregt , überfiel ihn oft plötzlich eine tiefe Niedergeschlagenheit , wenn er sich mit Angelika allein befand , und mehrmals , wenn er sich von ihr unbeachtet glaubte , nahm sie einen Ausdruck von Kummer und Schmerz in seinen Mienen wahr , vor dem sie erschrak . Mit all der Liebe , welche sie für ihn hegte , bemühte sie sich , den Grund dieses Wechsels zu erkennen , aber dieses gutgemeinte Bestreben verbesserte den Zustand nicht , sondern machte den Baron in der Regel nur noch trüber , ja , es beunruhigte ihn offenbar . Er zwang sich dann zu einer Heiterkeit , welche ihn ermüdete , ohne Angelika zu täuschen , und wie sehr sie es sich wegzuleugnen wünschte , konnte sie es sich nicht verbergen , daß sie nicht den ihr gebührenden vollen Antheil an dem Leben ihres Mannes besitze . Sie sah , daß er einen Kummer hatte , den er ihr verschwieg ; ihn erheiterten Vergnügungen , für welche ihr der Sinn gebrach , ihn zogen Menschen an , von denen sie sich zurückgestoßen fühlte ; er suchte Gesellschaft , sie wünschte ihn für sich allein zu haben , und der Gedanke , daß sie ihm jetzt ferner stehe , als vor ihrer Hochzeit , drängte sich ihr oftmals entmuthigend auf . Sie wurde dadurch irre an sich selbst . Sie beneidete die Frauen , welche er ihr als seine früheren Bekannten bezeichnete , welche es so trefflich verstanden , ihn bei guter Laune zu erhalten , und doch mißfielen sie ihr , doch mißfiel ihr selbst die spielende Weise , in welcher ihr Gatte mit ihnen verkehrte . Eine Abneigung gegen den Hof , gegen die große Welt und gegen die Frauen in derselben erfüllte Angelika ' s Herz . Sie waren es , davon hielt sie sich überzeugt , welche zwischen ihr und ihrem Manne standen ; auf sie , auf Eine von ihnen mußten sich die Erinnerungen und das Geheimniß beziehen , die den Freiherrn bedrückten , und die Frage , ob eine der Damen dieser Gesellschaft und welche von ihnen Pauline heiße oder eine Verwandte dieses Namens habe , war stets die erste , die ihr bei jeder neuen Begegnung mit fremden Frauen in den Sinn kam . Der Baron bemerkte die Veränderung , welche sich in Angelika ' s Seele vollzogen hatte , aber er fand es nicht gerathen , sich gegen sie darüber zu äußern . An ein Uebel , dem man keine Abhülfe zu bringen im Stande ist , müsse man , meinte er , nicht rühren , und da er sich ohnedem der Hoffnung hingeben durfte , daß die Zeit ihm für seine Reue Linderung bringen , daß er allmählich aufhören werde , daran zu denken , wie Pauline umgekommen sei , und daß Angelika ihn dann gleichmäßiger finden und die alte volle Hingebung sich zwischen ihnen wieder feststellen werde , so war er nur darauf bedacht , seiner jungen Gemahlin so wenig Zeit als möglich für ihr einsames Brüten und Grübeln frei zu lassen . Die Residenz war damals voll von Fremden , denn der König liebte das Vergnügen und war nichts weniger als schwierig in der Wahl desselben . An einem Hofe aber , an welchem die größte Unsittlichkeit und ein phantastischer Wunderglaube sich die Hand reichten , an dem jeder ernste Gedanke gemieden und jedes Spiel mit dem Geheimnißvollen eifrig aufgesucht wurde , konnte es nicht fehlen , daß ein betäubender , hastiger Lebensgenuß als die höchste Aufgabe der Gesellschaft angesehen wurde . Feste folgten den Festen , kleine , vertraute Zusammenkünfte füllten die Pausen aus , und innerhalb der großen , bunt durch einander wirbelnden Gesellschaft , die sich um den König gebildet hatte , trugen die verschiedenen engeren Zirkel jeder ein besonderes Gepräge , je nach der Person , die in ihnen hervorragte . Ein solcher kleiner Zirkel , in welchem der Baron seit langen Jahren heimisch war , kam an jedem Dinstage bei einer seiner entfernten Verwandten , der immer noch schönen Frau von Uttbrecht , zusammen . Sie hatte viele Reisen gemacht , sprach fremde Sprachen mit großer Leichtigkeit und galt bei aller Welt für eine ausgezeichnete , geistvolle und dabei höchst liebenswürdige Frau , weil sie ganz ohne eigene Ansichten , ganz ohne bestimmten Charakter und darum im Stande war , sich der Meinung eines Jeden gefällig anzupassen . Freigeistig und devot , leichtfertig und splitterrichterisch , je nach der Stimmung derer , mit welchen sie eben verkehrte , hatte sie sich in den letzten Jahren , wie sie es nannte , einer Beschäftigung mit ernsten Dingen hingegeben , und der große Gedanke von einer nothwendigen Wiedergeburt des Menschen zu seiner eigenen Erlösung und zur Veredlung der ganzen Menschheit , welcher damals angefangen hatte , die Geister edelgesinnter Menschen zu bewegen , war auch in den Sälen der Frau von Uttbrecht auf das Register der beliebten Unterhaltungen gesetzt worden . Da man aber sehr gesellig war und da Frau von Uttbrecht vollends das Alleinsein nicht ertragen konnte , so dachte man sich auch die Selbsterlösung nicht als eine That , die der Mensch an sich allein und allmählich zu vollziehen habe , sondern man verband sich zu Gemeinschaften , man legte einander seine Schwächen und Fehler , so weit man es für gut befand , in schriftlichen Bekenntnissen vor , man vereinte sich , wenn sich eben ein begeistertes Gemüth in dem Kreise befand , zu Gebeten für den Irrenden , und man umarmte sich in gerührter Erhebung , wenn man des überirdischen Glückes gedachte , dessen die befreiten Seelen einst theilhaftig werden müßten . Man war viel zu aufgeklärt , um nicht gegen die Rosenkreuzer und Illuminaten , viel zu gut protestantisch , um nicht gegen die Jesuiten und , wenn keine Katholiken in der Gesellschaft waren , auch gegen den Katholicismus zu eifern . Man glaubte aber an den Mesmerismus , man war , wie der Baron selber , von der geheimnißvollen Wechselwirkung der Menschen auf einander überzeugt , und fast Jeder versicherte , mancherlei Erfahrungen in dem eigenen Leben und in dem Leben seiner Freunde gemacht zu haben , die auf geheimnißvolle Kräfte in der Menschenseele schließen ließen , und vor denen man sich respectvoll einer Prüfung enthielt , da sie , wie man behauptete , keine befriedigenden Erfolge gewähren konnte . Angelika liebte Frau von Uttbrecht nicht . Die Gefühlserregtheit , die unablässige Beobachtung aller seelischen Zustände , wie dieselbe sie an den Tag legte , kamen ihr zu absichtlich und deßhalb beängstigend vor . Sie war von aller Ueberspannung , von allem Aberglauben frei , und bei dem gesunden Sinne ihres Vaterhauses waren ihr religiöse Zweifel eben so fremd geblieben , als überschwängliche Gefühlsseligkeit und Mysticismus . Man hatte auf Schloß Berka in herzlicher Liebe und Eintracht ein ruhiges Leben geführt , hatte die Pflichten gegen einander , ohne darüber viel nachzudenken , in Freundlichkeit geübt , an jedem Tage das Nothwendige vollbracht , hatte sich daneben an den Werken der großen Dichter , deren hell leuchtendes Doppelgestirn damals strahlend an dem Horizonte Deutschlands aufgegangen war , mit dankbarer Erhebung erfreut , und wenn man sich dann am Ende der Woche sagen konnte , daß man in der Familie das Seinige geleistet habe und daß den Bewohnern der Güter , wie den Dienstleuten des Hauses , das Zukömmliche nicht gefehlt , so war man an den Sonn-und Feiertagen heiter und zufrieden , und mehr oder weniger gesammelt in die Kirche gegangen . Der wöchentliche Gottesdienst hatte einen Theil des gewöhnlichen Familienlebens ausgemacht , wie die würdige Haushaltung , wie die ausgebreitete Gastfreundschaft und die stattliche Repräsentation , die man eben auch als etwas sich von selbst Verstehendes zu betrachten gewohnt war . Angelika hörte es daher nur mit Widerstreben an , als Frau von Uttbrecht , nachdem man eines Abends , an welchem man ebenfalls bei ihr versammelt war , eine Weile von den gleichgültigsten Dingen gesprochen hatte , plötzlich von der Erbauung zu reden anfing , welche sie in dem einsamen Gebete finde . Wenn ich dem Heilande alle Falten meines Herzens eröffne , sagte sie , damit er klar hineinschauen kann , wenn ich mir alle meine Fehler deutlich mache und ihn anflehe , mich von ihnen zu erlösen , so erwächst mir daraus eine wahrhaft himmlische Ruhe . Nach solchen Momenten habe ich die beglückendsten Träume . Fast immer sehe ich dann meine gute Mutter vor mir , aber nicht hinfällig und krank , wie sie in den letzten Jahren unter uns geweilt hat , sondern jung und schön , und doch ohne alle Erdenschwere , ohne die starke Farbe , welche in der Sinnenwelt den Dingen anhaftet . Ich sehe sie auch nicht eigentlich mit dem körperlichen Auge . Es ist eine feinere , edlere Art der Wahrnehmung . Der Geist berührt den Geist , und wäre es nicht zu kühn , so würde ich sagen : so müssen die Jünger den Heiland erkannt haben , als er nach seiner Auferstehung wieder unter ihnen zu wandeln begann . Und spricht sie zu Ihnen ? fragte einer der Anwesenden . Ja , Gottlob ! rief Frau von Uttbrecht und hob die schönen , reich beringten Hände andächtig gefaltet empor , während ihre seelenvollen Augen sich dankbar gen Himmel richteten . Ja , Gottlob , sie spricht zu mir , aber ihre Rede ist mir oft im ersten Augenblicke nicht deutlich . Später erst habe ich es bisweilen an meinen Erlebnissen erkannt , daß es Worte der Verkündigung gewesen sind , die sie zu mir geredet hatte . Wenn aber meine Seele sich nicht ganz frei gerungen hat , so vermag ich die Selige nicht zu erschauen , und nur in einer Ahnung , in gewissen unbeschreiblichen Gefühlen kann ich dann empfinden , daß sie auch ungesehen in Liebe neben mir verweilt . Man pries Frau von Uttbrecht glücklich , solch feiner Empfänglichkeit fähig zu sein . Jeder gab danach seine geheimnißvollen Beobachtungen zum Besten , nur der Baron schwieg , bis man ihn ausdrücklich aufforderte , sich über seine Ansicht von diesen Materien auszusprechen . Er wich Anfangs einer bestimmten Antwort aus . Ich finde es auffallend , sagte er , daß Sie fast Alle diese besonderen Wahrnehmungen den allgemeinen Wahrnehmungen als etwas davon ganz Verschiedenes oder gar als etwas Uebernatürliches entgegensetzen . Und sind sie das nicht ? Sind sie nicht etwas von unserem gewöhnlichen Leben völlig Getrenntes , etwas durchaus Uebernatürliches ? fragte eine der Damen . Gewiß nicht ! erwiederte der Baron . Der Kurzsichtige könnte die Beobachtungen des Fernsichtigen mit dem gleichen Rechte als übernatürliche Wahrnehmungen bezeichnen . Wenn das Wort Uebernatürlich nur bekunden soll , daß ein bestimmtes Etwas über das Maß der Fähigkeit einer bestimmten Menschennatur hinausgeht , so giebt es unzählige übernatürliche Dinge für den Einzelnen . Wollen Sie mit jenem Worte aber andeuten , daß es wahrnehmbare Erscheinungen giebt , welche der Menschennatur im Allgemeinen nicht zugänglich sind , so müssen wir uns vor Allem dahin verständigen , daß es keine allgemeine , keine abstracte Menschennatur giebt , wohl aber Menschen von den verschiedensten Begabungen , denen also auch ein sehr verschiedener Grad der Wahrnehmungen zuzuerkennen sein wird . Das Gespräch bewegte sich in dieser theoretischen Weise eine Weile fort . Alle Anwesenden betheiligten sich daran , und da man sich zwischen lauter Lehrsätzen und Problemen hielt , ohne einander feste Anhaltspunkte zu bieten , so blieb es jedem überlassen , sich die Lehren auf seine Weise auszudeuten . Angelika allein hatte nichts zu sagen , nichts mitzutheilen . Der Baron bemerkte das , und weil ein Schweigender in der Mitte einer Gesellschaft von Erzählenden sich in doppeltem Sinne im Nachtheile befindet , so lenkte er aus dem Bereiche der Geisterwelt geschickt in das Alltagsleben ein und hatte bald das Gespräch auf die völlige Umwandelung gebracht , die er genöthigt gewesen sei , in dem von seiner Tante ererbten Hause vorzunehmen . Er wollte seiner Frau damit die Gelegenheit geben , sich geltend zu machen und aus der Vereinsamung hervorzugehen . Weil sie sich aber in einer ihr ganz fremden Atmosphäre befand , fühlte sie sich verwirrt und befangen , und wußte sich nicht gleich zurecht zu setzen . Frau von Uttbrecht gewann dadurch Zeit , die Bemerkung zu machen , sie wundere sich , daß der Baron und seine Frau , die beide doch fein organisirte Menschen wären , es über sich gewonnen hätten , die Heimath einer Gestorbenen so schnell und so gewaltsam zu verändern , und sie damit für die Gestorbene zur Fremde zu machen . Angelika wurde stutzig . Sie wußte , wie großen Werth ihr Gatte auf das Urtheil ihrer Wirthin legte , und wünschte also nicht , ihr offen zu widersprechen ; sie wollte dieselbe auch nicht gern an ihrer feinen Organisation und Empfindung irre werden lassen , und bemerkte also nur freundlich , es sei doch sehr natürlich , daß man es sich bei aller Liebe und Ehrfurcht für seine Vorfahren in den vier Wänden behaglich zu machen suche , in denen man zu leben habe . O , natürlich ist ' s gewiß , versetzte Frau von Uttbrecht darauf , indem sie sich langsam fächelte und mit ihren halbgeschlossenen Augen träumerisch umhersah , natürlich ist ' s gewiß , in so fern als die Natur grausam und unbarmherzig ist . Der Mensch aber , der denkende und empfindende Mensch , der es weiß , daß er selbst sterblich ist , sollte nicht so grausam sein wie die Natur , sollte nicht so unbarmherzig gegen seine Todten sein wie jene . Ich könnte nicht in diesen Räumen leben , wüßte ich , daß meine verklärte Mutter sich hier in ihrem Hause nicht mehr heimisch fühlte . Der Baron nahm diese Aeußerung nicht gut auf . Unbarmherzigkeit und Egoismus , das sind zwei schlimme Fehler , sagte er , und wir , die wir uns derselben nach Ihrer Meinung jetzt schuldig gemacht haben , müßten versuchen , uns gegen Ihre Anschuldigung zu vertheidigen , wenn ich mich nicht überzeugt hielte , Cousine , daß es mit Ihrem Ausspruche so ernstlich nicht gemeint war . Sie irren sich , bester Vetter , es war mein völliger , auf innerste Ueberzeugung gegründeter Ernst ! entgegnete Frau von Uttbrecht , und ich bin gewiß , daß einst eine Stunde kommen wird , in der Sie mir beipflichten und Ihre Härte selbst bereuen werden . Aber von welcher Härte sprechen Sie , liebe Cousine ? fragte Angelika , mehr und mehr betroffen von dem Ernste , mit welchem Frau von Uttbrecht ihre Behauptung aufrecht erhielt . Von der Härte , welche Sie und Ihr Herr Gemahl gegen die arme Tante Esther begangen haben , indem Sie dieselbe so gewaltsam der irdischen Fortdauer beraubten , die sie sich in einem richtigen Drange ihrer armen Seele , dort , wo sie gelebt hat , zu sichern gewünscht . Jung und lebensfrisch , wie Sie es sind , beste Angelika , hätten Sie der armen , alten Verwandten wohl die Zeit vergönnen mögen , sich allmählich von dem Orte loszulösen , mit welchem lange Gewohnheit und innige Vorliebe sie verbunden hatten . Wäre mir das Haus der Tante zugefallen , nicht einen Stuhl hätte ich verrücken lassen . Ich hätte mich beschieden , ihr Gast zu sein , bis irgend ein Zeichen es mir kund gegeben hätte , daß ihr Geist sich von dem Hause abgewendet habe und daß mir damit ein freies Schalten in demselben wohl verstattet sei . Sie sprach das völlig wie einen Vorwurf und einen Tadel aus . Angelika , viel jünger als ihre Wirthin , wagte nicht , ihr entgegen zu treten , und wartete darauf , ob der Baron es nicht für sie thun werde . Indeß zu ihrem größten Erstaunen sagte er : Es bestimmt zu leugnen , daß die menschliche Seele sich nur allmählich von dem Körper und von der Körperwelt loslöse , möchte unmöglich sein . Und ohne mich zu der Zahl unserer modernen Geisterseher zu rechnen , räume ich ein , daß ein Reich der Mitte , daß ein über den Tod fortgesetzter Zusammenhang der Geschiedenen mit den Lebendigen denkbar ist , aber .... Das glaubst Du , das glaubst Du , lieber Franz ? rief Angelika mit erschreckendem Erstaunen . Ich habe ganz unleugbare Beweise dafür in meinem Leben gehabt ! antwortete er ihr mit großer Sicherheit und Bestimmtheit . Angelika verstummte , denn sie stellte ihren Mann hoch über sich und war es nicht gewohnt , ihm entgegen zu treten , wo er so bestimmt eine Meinung geäußert hatte . Frau von Uttbrecht aber fragte , ob der Freiherr seine Erfahrungen nicht mittheilen könne . Unmöglich ! versetzte er , und es kam Angelika vor , als überlaufe ihn ein Schauer , denn er zuckte zusammen bei seinen eigenen Worten . Die Anwesenden mußten das auch bemerkt haben ; es entstand eine Pause , die Gespräche nahmen eine andere Richtung , und man ging zeitig auseinander , ohne noch einmal auf die vorher angeregten Gegenstände zurückgekommen zu sein . Siebentes Capitel Wären Aeußerungen wie diejenigen , welche Angelika bei Frau von Uttbrecht vernommen , in dem Hause ihrer Eltern , in den Tagen ihrer glücklichen Unbefangenheit an sie herangekommen , so würde sie dieselben nicht sonderlich beachtet oder sie als die Erzeugnisse einer thörichten Phantastik von sich abgewiesen haben . Jetzt aber , in einer auf das Romantische und Phantastische gerichteten Umgebung , wirkten sie beängstigend auf sie ein , und als sie vollends aus dem Munde ihres Gatten eine Annahme bestätigen hörte , die sie noch vor Kurzem als Ausgeburt des Aberglaubens verspottet haben würde , war es ihr , als lege sich ein unsichtbares Netz um sie . Sie hätte den Baron um Auskunft , um Erklärung bitten mögen , und wagte nicht , es zu thun . Sie wollte nichts wissen , was sie beirren , nichts hören , was sie an der vorurtheilsfreien Einsicht ihres Gatten zweifeln machen konnte . Sie wollte an keine Wunder glauben , weil ihr dies als eine Folge des Katholicismus erschien , den sie zwar respectirte , da es der Glaube ihres Mannes war , den sie aber für ihr Theil nicht zu bekennen sich innerlich vorgenommen hatte ; denn sie war fest entschlossen , ihren protestantischen Glauben und die Aufklärung ihres Vaterhauses in sich zu erhalten . Und doch überlief es sie eiskalt , doch blickte sie ängstlich um sich , als sie bei der Heimkehr den Fuß in das Gemach setzte , in welchem Fräulein Esther sich gewöhnlich aufgehalten hatte , und das jetzt Angelika ' s Wohnzimmer geworden war . Sie war froh , daß sie an diesem Abende nicht mehr lange in demselben zu verweilen brauchte , denn es war Zeit sich zur Ruhe zu begeben . Sie war müde und benommen von dem Halblichte und von den starken Wohlgerüchen , welche immer in den Zimmern der Frau von Uttbrecht herrschten , und an die Unterhaltung denkend , die sie bei der Cousine vernommen hatte , schlief sie ein . Es war mitten in der Nacht , als ein herzzerreißender Schrei von den Lippen ihres Gatten sie erweckte . Sie fuhr auf , rief ihn beim Namen , ergriff seine Hand , aber der Traum mußte ihn sehr fest umfangen , denn er stieß sie von sich und rief mit dem Tone des äußersten Entsetzens : Fort , fort ! Klammere Dich nicht so an mich ! Komm nicht herauf ! - Die starren Augen ! Die starren Augen ! Angelika klopfte das Herz in furchtbarer Angst , ihre Glieder bebten . Sie neigte sich zu ihm , sie rief ihn nochmals dringend an , da richtete er sich empor , sah verwirrt umher , fuhr sich mit den Händen über das Gesicht und sagte endlich , als habe er Mühe , sich ihre Anwesenheit zu erklären und sich zu fassen : Habe ich Dich erschreckt ? Vergieb ! Ich hatte einen bösen Traum ! War es Tante Esther ? fragte sie leise . Nein , entgegnete er ihr , nein ! Denke nicht weiter daran , mein Kind . Es war nichts . Die heutige Unterhaltung hat mich nur aufgeregt ; man sollte in der Gesellschaft solche Gespräche vermeiden . Er legte sich darauf abermals zur Ruhe nieder ; aber Angelika konnte nicht schlafen , und bei dem Scheine der Lampe sah sie , daß auch der Baron noch lange wach blieb und daß er einmal seine Augen trocknete . Von ihren Gedanken gepeinigt , lag die junge Frau auf ihrem Lager . Das Haus war todtenstill , ihr Gatte endlich wieder ruhig eingeschlafen . Sie hörte seine leisen Athemzüge , sie konnte das Heben und Senken seiner Brust bemerken . Er sah milder aus , als sie ihn je gesehen hatte , aber sehr traurig . Ihr Auge verweilte mit großer Liebe auf seinem Angesichte . Sie faßte zum ersten Male den Gedanken an die ganze , ihr fremde Vergangenheit ihres Mannes als ein Feststehendes auf ; sie hielt sich überzeugt , daß irgend eine traurige Erinnerung aus den Tagen der Vergangenheit ihn noch belaste , und ohne zu wissen , welch einen Schritt sie damit auf dem Wege der Entsagung vorwärts that , beklagte sie es , so jung und unerfahren zu sein , daß sie ihm nicht helfen konnte . Sie sehnte sich nach Jemand , der ihr rathen , ihr sagen möchte , was sie thun müsse , ihrem Manne die frühere Ruhe und seine alte , gleichmäßige Selbstzufriedenheit wieder zu verschaffen