Menschen , wenn man die Hoffnung vor dem Kampf , vor dem Erlangen des Wunsches und diese ersten verwirrten , unklaren Augenblicke nach ihm davon abzieht ? Summa cum laude ! lächelte der Sonnenstrahl , der das Bett , in welchem Hans Unwirrsch mit halbgeschlossenen Augenlidern lag , umspielte ! Summa cum laude ! zwitscherten die frühwachen Sperlinge und Schwalben vor dem Fenster . Summa cum laude ! riefen die Glocken , die den Grünen Donnerstag einläuteten . Summa cum laude ! sagte Hans Unwirrsch , als er in der Mitte seiner Kammer stand und einen Bückling machte , welcher ihm selber galt . Er war mit seinem Anzug noch nicht ganz fertig , als die Mutter bereits hereinschlich . Sie hatte ihre Schuhe unten an der Treppe gelassen , um die Base , die ihre Schlafkammer dicht neben Hansens Kammer hatte , nicht zu wecken . Sie setzte sich auf das Bett des Sohnes und betrachtete ihn mit naivem Stolz , und ihre Blicke taten ihm bis ins Innerste wohl . Unten wartete der Feiertagskaffee , und die Base saß am Tisch . Sie hatte ihre Schuhe oben an ihrer Tür gelassen , um den Studenten und die Frau Christine nicht zu wecken , und es gab ein kleines Gelächter wegen der wechselseitigen Vorsicht . Ein Stück Jubelkuchen war auch vorhanden , und obgleich der Grüne Donnerstag nur ein halber Festtag ist , wie jeder weiß , der sich in harter Arbeit quälen muß , so stand es doch fest , daß er als ein ganzer gefeiert werden solle . Zuerst ging man natürlich zur Kirche , nachdem Hans noch einmal vergeblich an die Tür des Trödlerhauses geklopft hatte . Seit der alte Samuel den Lakai des Königs Hieronymus vom Haken genommen und ihn somit seiner Stellung oder vielmehr seines Schaukelns im gesellschaftlichen Leben für immer enthoben hatte , war die Tür noch nicht wieder geöffnet worden . Was hinter ihr vorging , war ein Rätsel für die Kröppelstraße , aber ein noch größeres Rätsel für Hans , der den Freund seit ihrem Heimgang aus dem Examen nicht wiedergesehen hatte und von jedem Versuch , in das Haus drüben einzudringen , ohne Erfolg zurückgekommen war . Murx , der pensionierte Stadtbüttel , der immer noch in ohnmächtiger Wut und gichtbrüchig mehr als je von seinem Lehnsessel aus auf die Kröppelstraße achtgab , hatte bereits den gegenwärtigen Stabschwinger und Nachfolger im Amt auf den » verflucht verdächtigen Kasus « aufmerksam gemacht ; ja der Bürgermeister hatte bereits das Haupt darüber geschüttelt . - Das stille Haus fing an , die Ruhe der Stadt mehr zu stören , als der betrunkenste Raufbold es vermocht hätte . Aber die Glocken riefen zur Kirche , und dort schritt der Oheim Grünebaum heran , im blauen Rock , in seegrünen Hosen und gestreifter Weste , zum Schutz gegen alle bittern und süßen Verlockungen mit dem mächtigsten aller Gesangbücher bewaffnet , eine Zierde jeder Straße , durch welche er stapfte , ein Schmuck jeder Versammlung von Christen , Politikern und zivilisierten Menschen , die er mit seiner Gegenwart beehrte . Hand in Hand ging Hans mit seiner Mutter , und an der Seite der Base schritt der Oheim , der nur da ein wenig von seinem selbstbewußten Anstand verlor , als man um die Ecke bog , wo er gestern - wo ihn gestern seine Gefühle übermannt hatten . Ein sehr rotes Taschentuch zog er hervor , schneuzte sich heftig , gelangte so glücklich über die böse Stelle hinweg und landete seine Würde ohne Havarie in dem Kirchenstuhl der Familie ; - es ist schade , daß wir seinem Gesang nicht ein eigenes Kapitel widmen dürfen , niemals psallierte ein Schuster mit größerer Andacht und Gewalt durch die Nase . Von der Predigt verstand Hans an diesem Tage nicht viel , und obgleich sie ziemlich lang war , deuchte sie ihm sehr kurz . Summa cum laude ! grinste sogar das steinerne Skelett an dem alten Grabmal neben dem Kirchenplatz der Unwirrsche , dieses Scheusal , welches Hans lange Jahre über die Kindheit hinaus nie von dem Begriff Kirche ablösen konnte . Auch die Orgel sang durch alle Pfeifen : Summa cum laude ! und begleitete damit die Familie bis vor die Tür des Gotteshauses . Summa cum laude ! lächelte vor allem der Professor Doktor Fackler , der mit Kornelia und Eugenia ebenfalls in der Kirche gewesen war , der es nicht unter seiner Würde hielt , mit der Verwandtschaft seines Lieblingsschülers eine Strecke weit zu gehen , und der dem Oheim Grünebaum nun nachträglich Glück wünschen konnte . Summa cum laude ! schien auf den Gesichtern aller Begegnenden zu stehen , es war wirklich eine merkwürdige Geschichte . Mit Gruß und Händedruck hatte der Professor sich verabschiedet , und Eugenia und Kornelia hatten die unbeholfene Verbeugung des schüchternen , errötenden Studenten mit zierlichem Knicks erwidert ; - da war die Kröppelstraße wieder , und ihre Bewohner hatten bereits die Feiertagskleider ausgezogen und die Werktagskleider angelegt . Sie arbeiteten aber noch nicht ; eine große Aufregung herrschte in der Kröppelstraße ; alt und jung war auf den Beinen und schrie und lief und handzappelte durcheinander . » Holla , was ist da wieder los ? « rief der Oheim . » Was hat ' s denn gegeben ? Was gibt es denn , Meister Schwenckkettel ? « » Er hat ' s ! Es hat ihn ! « lautete die Antwort . » Der Deibel , wer hat ' s ? Was hat ihn ? « » Der Jud , der Freudenstein ! Er liegt auf dem Rücken und schnappt - « Die Frauen schlugen die Hände zusammen , Hans Unwirrsch stand starr und erbleichend , der Oheim Grünebaum aber sprach phlegmatisch : » Der Deibel nimmt die Graden und die Ungraden ! Nur immer langsam , Hans Donnerwetter , da ist er schon hin ! « Im vollen Laufe stürzte Hans nach dem Laden des Trödlers , dessen Tür jetzt offenstand und von einem dichten Menschenhaufen belagert wurde . Einer guckte dem andern über die Schulter , und obgleich niemand in dem dunkeln Raume etwas Außergewöhnliches erblickte , so wäre doch keiner von der Stelle gewichen ; die Kröppelstraße liebte solche nichtskostende Aufregung viel zu sehr . Nur mit Mühe gelang es dem betäubten Hans , sich Bahn zu brechen . Endlich stand er in der Dämmerung des Ladens mit einem Gefühl , als sei er von der freien , frischen Frühlingsluft für ewig ausgeschlossen . Wie durch einen Nebel starrten die Gesichter des Volkes von der Treppe am Eingang auf ihn herab ; eben wollte er die zitternde Hand auf den Griff der Tür , welche in das Hinterzimmer führte , legen , als sie geöffnet wurde . Der Arzt trat heraus und rückte die Brille zurecht . » Ah , Sie sind ' s , Unwirrsch « , sagte er . » Es geht schlecht drinnen . Apoplexia spasmodica . Gastrischer , krampfhafter Schlagfluß . Augenblicklich alle Vorsorge getroffen . In einer Stunde wieder nachsehen . Gesegnete Mahlzeit . « Hans Unwirrsch erwiderte den letzten Wunsch des Doktors nicht ; denn nur dieser ging zu seinem Mittagessen , Hans aber raffte alle Energie zusammen und trat in die Hinterstube , die sich jetzt in ein Sterbezimmer verwandelt hatte . Ein durchdringender Geruch von Salmiakspiritus schlug ihm entgegen , auf dem Lager im Winkel röchelte der Kranke ; der Ortsrabbiner war bereits gekommen , saß zu Häupten des Bettes und murmelte hebräische Gebete , in welche die Stimme der alten Esther von der andern Seite von Zeit zu Zeit einfiel . Zu Füßen des Lagers stand regungslos Moses . Er stützte sich auf die Pfosten und blickte starr auf den Kranken . Kein Muskel zuckte in seinem Gesicht , in seinen Augen zeigte sich keine Spur von Tränen , fest geschlossen waren seine Lippen . Er wandte sich um , als Hans zu ihm trat , und legte seine kalte Rechte in die Hand des Freundes ; dann aber wandte er das Gesicht sogleich wieder ab und sah von neuem auf den kranken Vater . Es war , als sei er mit dem Examentag um einen Kopf höher geworden , der Ausdruck seiner Augen war unbeschreiblich - es war , um ein schreckliches Gleichnis zu gebrauchen , als ob der Todesengel auf das Niederfallen des letzten Sandkornes lausche ; - Moses Freudenstein war allmählich ein schöner Jüngling geworden . » O mein Gott , Moses , so sprich doch ! Wie ist das gekommen ? Wie ist das so schnell gekommen ? « flüsterte Hans . » Wer das sagen könnte ! « sagte Moses ebenso leise . » Vor zwei Stunden noch saßen wir ruhig zusammen und - und - er zeigte mir allerlei Papiere und wir ordneten - wir haben seit gestern mancherlei zu ordnen gehabt - , da stöhnt er plötzlich und fällt vom Stuhl , und nun - da liegt er . Der Doktor sagt , er werde nicht wieder aufstehen . « » O wie schrecklich ! Ich habe gestern so oft an eure Tür geklopft : weshalb wolltet ihr niemanden einlassen ? « » Er dort wollte es nicht ; er war immer ein eigener Mann . Er hatte sich vorgesetzt , an diesem Tag , wenn ich mein Examen glücklich überstanden hätte , sein Geschäft für immer zu schließen . Er wollte keinen Zeugen , keinen Störer haben , als er seine geheimen Kasten und Fächer mir öffnete . Ein eigener Mann ist er gewesen , und jetzt schließt mit dem Geschäft sein Leben wer hätte es gedacht ! Freilich , wer hätte es gedacht ? « Die Stimme , mit welcher diese Worte gesprochen wurden , war klanglos und klagend ; aber in den Augen schimmerte etwas , was keine Trauer und Klage war . Eine geheime Befriedigung lag in ihnen , ein verhaltener Triumph , die Gewißheit eines Glückes , welches plötzlich sich offenbart hatte , welches in solcher Fülle nicht gehofft worden war und welches augenblicklich noch unter dem dunkeln Mantel versteckt werden mußte . Wir wollen erzählen , wie Vater und Sohn die Zeit seit dem vergangenen Tage zugebracht hatten , und wir werden uns diesen Blick , welchen Moses Freudenstein auf den sterbenden Vater warf , erklären können . In ebenso großer Aufregung wie die Verwandten Hans Unwirrschs hatte der Meister Samuel auf die Heimkehr seines Sohnes gewartet . Ruhelos irrte er in seinem Hause umher und fing ein Wühlen an , ein Aufundzuschieben von Kasten , ein Durchstöbern der vergessensten Winkel , als wolle er eine letzte Generalmusterung seines Besitztums und seiner tausendfachen Handelsgegenstände halten . Dabei sprach er fortwährend mit sich selbst , und obgleich er keinen Tropfen spirituosen Getränkes je über die Lippen brachte , schien er um die Zeit , als der Oheim Grünebaum dem Schulhaus gegenüber sich fest an die Mauer lehnte , mehr berauscht als dieser . Der große Entschluß , den er so lange mit sich herumgetragen hatte und welcher jetzt zur Ausführung kommen sollte , machte ihn wie trunken . Gegen elf Uhr trieb er die Haushälterin Esther aus der Hinterstube und verriegelte fest auch diese Tür . Geheimnisvolle Schlüssel brachte er nun zum Vorschein , geheimnisvolle Fächer öffnete er in seinem Schreibtisch , knarrend erschloß sich eine geheimnisvolle Tür in einem geheimnisvollen Wandschrank . Es klirrte wie Gold und Silber , es rauschte wie Staatspfandbriefe und ähnliche wertvolle Papiere , und es murmelte zwischen dem Klirren und Rauschen der Vater Samuel : » Er ist geboren in einer finstern Ecke , er wird haben Sehnsucht nach dem Licht ; er hat gesessen in einem dunkeln Haus er wird wohnen in einem Palast . Sie haben ihn verspottet und geschlagen , er wird es ihnen vergelten nach dem Gesetz : Auge um Auge , Zahn um Zahn ! Er ist ein guter Sohn , und er hat gelernt , was der Mensch braucht , um in die Höhe zu kommen . Er ist nicht ungeduldig geworden , sondern er ist stillgesessen gewesen vor seinen Büchern hier an diesem Tisch . Er hat sein Werk getan , und ich habe getan das meinige . Er soll mich finden hier an diesem Tisch , wo er gesessen hat still sein junges Leben hindurch . Er wird nun hinausgehen , und ich werde hierbleiben ; aber meine Augen werden ihm folgen auf seinem Wege , und ich werde große Freude von ihm haben . Ich bin ihm immer gefolgt mit meinen Augen , er ist ein guter Sohn . Nun ist er ein Mann geworden , und sein Vater wird nichts Geheimes mehr vor ihm haben . Sechshundert , siebenhundert - zweitausend - ein guter Sohn - der Gott unserer Väter möge ihm und seinen Kindern und seiner Kinder Kindern Segen geben ! « Das Geschrei , die Segnungen und Beschwörungen Esthers draußen und ein Klopfen an der Tür jagten den Alten aus seinen Berechnungen und Gedanken in die Höhe : » Gott Abrahams , da ist er ! « Mit zitternder Hand schob er den Riegel zurück und faßte seinen eintretenden Sohn in die Arme . » Da ist er ! Da ist er ! Mein Sohn , der Sohn meines Weibes ! Nun , Moses , sprich , wie ist ' s gegangen ? « Auf Moses ' Gesicht zeigte sich keine Spur von Veränderung , er erschien kalt wie immer , und ruhig hielt er dem Vater das Zeugnis hin . » Ich wußte es , daß sie schreiben mußten , was sie geschrieben haben . Sie werden schöne Gesichter geschnitten haben , aber sie mußten mir die erste Stelle geben . Spaß ! Macht Euch nicht lächerlich , Vater , werdet nicht toll , Esther . Spaß ! Sie hätten mir den sentimentalen Hans drüben gern vorgeschoben , aber es ging nicht an : ich wußte es . Bei allen albernen Göttern , Vater , was habt Ihr aber angefangen heute morgen ? Gold ? Gold über Gold ? Was ist das ? Was soll das ? Mein Gott , woher - « Er brach ab und beugte sich über den Tisch . Dieser Anblick warf seine gewohnte Selbstbeherrschung , für einige Zeit wenigstens , völlig über den Haufen . » Dein ! Dein ! Alles dein ! « rief der Vater . » Ich habe dir gesagt , daß ich das Meinige tun würde , wenn du tätest das Deinige an dem Tisch da . Noch nicht alles ! Da - da ! « Der Alte war wieder zu dem Wandschrank gesprungen und warf noch einige klirrende Beutel auf den schwarzen Fußboden und noch einige Bündel Dokumente auf den Tisch . Seine Augen glühten wie im Fieber . » Gewaffnet bist du und gerüstet , nun hebe dein Haupt . Iß , wenn du bist hungrig , und greife nach allem , wonach der Sinn dir steht . Sie werden es dir entgegenbringen , wenn du bist klug ; du wirst ein großer Mann werden unter den Fremdlingen ! Sei klug auf deinem Wege ! Stehe nicht still , stehe nicht still , stehe nicht still ! « Die schwebende Kugel in dem Hause gegenüber spiegelte wider , wie Samuel Freudenstein hervoreilte und den westfälischen Lakai von dem Haken riß und ihn in die Tiefe des Trödelladens begrub : er schloß sein Geschäft damit für immer ; - der Lakai hatte als Aushängeschild für manche Dinge gedient , welche mit der Trödlerei eigentlich nichts zu tun hatten ; es war kein Unglück , daß er aus der Kröppelstraße verschwand . Hätte die Glaskugel des Meisters Anton Unwirrsch doch auch das Bild Moses Freudensteins wiedergeben können , wie er in der kurzen Abwesenheit seines Vaters mit untergeschlagenen Armen vor dem so reich belasteten Tische stand ! Er war bleich , und seine Lippen zuckten , er fuhr mit den Fingerspitzen über einige der aufgezählten Goldreihen , und ein leises Zittern ging dabei durch seinen Körper . Tausend blitzschnelle Gedanken überschlugen sich in seinem Gehirn , aber nicht einer dieser Gedanken stieg aus seinem Herzen empor ; er dachte nicht an die Arbeit , die Sorge , die - Liebe , welche an diesem aufgehäuften Reichtum hafteten ; er dachte nur daran , wie er selbst sich nun zu diesem plötzlich ihm offenbarten Reichtum stellen müsse , welch eine veränderte Existenz für ihn selbst von diesem Augenblick anheben werde . Sein kaltes Herz schlug so sehr , daß fast ein physischer Schmerz daraus wurde . Es war eine böse Minute , in welcher Samuel Freudenstein seinem Sohne verkündete , daß er ein reicher Mann sei und daß der Sohn es dereinst sein werde . Von diesem Augenblick liefen tausend dunkle Fäden in die Zukunft hinaus ; was dunkel in Moses ' Seele war , wurde von diesem Augenblick an noch dunkler , heller wurde nichts ; der Egoismus richtete sich dräuend empor und streckte hungrige Polypenarme aus , um damit die Welt zu umfassen . Das Dasein des Vaters war in diesem sich überstürzenden , wild heranschwellenden Gedankensturm nichts mehr , es war ausgelöscht , als ob es nie gewesen sei . Nur an sich selbst , nur an sich selbst dachte Moses Freudenstein , und als des Vaters Schritt wieder hinter ihm erschallte fuhr er zusammen und biß die Zähne aufeinander . Samuel Freudenstein hatte die Tür verriegelt ; die Läden hatte er geschlossen , die weite liebliche Frühlingswelt , den blauen Himmel , die schöne Sonne sperrte er mit aus - wehe ihm ! Mit den fröhlichen Klängen , den glänzenden Farben des Lebens hatte er nichts zu schaffen , sie hätten ihn nur gestört ; er wollte einen Triumph feiern , zu welchem er sie nicht nötig hatte - wehe ihm ! Die graue Dämmerung , die durch die schmutzigen Scheiben der Hinterstube fiel , genügte vollkommen , um dabei dem Sohne das geheime Geschäftsbuch vorzulegen und ihm zu zeigen , auf welche Weise der Reichtum , den er vor ihm ausgebreitet hatte , erworben worden war . Die Sonne ging unter und übergoß vor ihrem Scheiden die Welt mit einer Schönheit sondergleichen ; in jedes Fenster , welches sie erreichen konnte , lächelte sie zum Abschied ; aber dem armen Samuel Freudenstein konnte sie nicht Lebewohl sagen wehe ihm ! Es wurde Nacht , und Esther trug die angezündete Lampe in das Hinterstübchen . Die Kinder wurden zu Bett gebracht , der Nachtwächter kam : auch die älteren Leute verschwanden von den Bänken vor den Haustüren . Jedermann trug seine Sorgen zu Bett ; aber Samuel und Moses Freudenstein zählten und rechneten weiter , und erst der grauende Morgen fand letztern in einem unruhigen , fieberhaften Schlummer , aus welchem er wieder auffuhr , nachdem er kaum die Augen geschlossen hatte . Er erwachte nicht wie Hans Unwirrsch ; er erwachte mit einem Angstruf und streckte die Hände aus und zog die Finger zusammen , als entreiße man ihm etwas unendlich Kostbares , als bestrebe er sich in tödlicher Angst , es festzuhalten . Aufrecht saß er im Bette und starrte umher , faßte die Stirn mit den Händen und sprang dann empor . Er zog die Kleider hastig an und stieg in die Hinterstube nieder , wo sein Vater noch im Schlafe lag und unruhig abgebrochene Sätze murmelte . Vor dem Bette des Vaters stand der Sohn , und seine Blicke wanderten von dem Gesichte des Vaters zu dem leeren Tisch , der vorhin so reich belastet war . O über den Hunger , den schrecklichen Hunger , von welchem Moses Freudenstein gepeinigt , verzehrt wurde ! Zwischen dem Mahl und dem Hungrigen stand ein überflüssiges Etwas , das Leben eines alten Mannes . Die Zähne des Sohnes dieses alten Mannes schlugen aneinander - wehe auch dir , Moses Freudenstein ! Wie war die Sanduhr von der Kanzel der christlichen Kirche in den Trödelladen gekommen ? Sie war da und stand neben dem Bett des Greises in einem Fach an der Wand . In früheren Jahren hatte sie Moses und Hans oft als Spielwerk gedient , und sie hatten sich an dem Niederrinnen des Sandes ergötzt ; nun hatte schon längst keine Hand sie mehr berührt , die Spinnen hatten ihr Gewebe um sie gezogen ; es war auch ein nutzloses Ding . Was fuhr dem Sohn des Trödlers plötzlich durch den Sinn , daß er das alte Stundenglas von neuem umdrehte ? Die erschreckte Spinne fuhr an der Wand hinauf ; der Sand rieselte wieder nieder , und Samuel Freudenstein erwachte schreckhaft . Er zog die Decken zusammen , er griff nach dem Schlüsselbund unter seinem Kopfkissen ; dann fragte er fast kreischend : » Was willst du , Moses ? Bist du es ? Was willst du ? Es ist ja noch Nacht ! « » Heller Tag ist ' s. Hat der Vater vergessen , daß wir noch nicht fertig geworden sind gestern . Es ist heller Tag ; der Vater hat mir noch soviel zu sagen . « Der Vater blickte den Sohn starr an und sah ihn wieder an . Dann fiel sein Blick auf die Sanduhr . » Weshalb hast du umgewendet das Glas ? Weshalb weckst du mich vor dem Tag ? « » Spaß ! Der Vater weiß , daß die Zeit ist kostbar und verrinnt wie der Sand . Will der Vater aufstehn ? « Der Alte wendete sich unruhig in seinem Bette hin und her , und immer von neuem blickte er auf den Sohn , bald forschend , bald angstvoll , bald zornig . Moses hatte sich abgewendet und ging zu seinem Schreibtisch am Fenster , aufrecht saß der Alte und zog die Knie in die Höbe . Der Sand in der Uhr rieselte nieder - nieder , und die Augen des Greises wurden immer starrer . Ob er in seinem kurzen Schlaf einen Traum gehabt hatte und nun überlegte , ob dieser Traum nicht Wahrheit sein könne , wer konnte das sagen ? War es ihm urplötzlich klargeworden , daß er seinem Kinde mit seinem so lange und gut verborgenen Schatz nur Finsternis und Verderben gegeben hatte ? Welch ein Leben hatte er geführt , um die gestrige Stunde feiern zu können ! Wehe ihm ! Scheue Blicke warf der Sohn über die Schulter auf den Vater : » Was ist dem Vater ? Ist er nicht wohl ? « » Ganz wohl , Moses , ganz wohl . Sei still , ich will aufstehen . Sei nicht zornig . Still , still - - auf daß du lange lebest auf Erden . « Er erhob sich und kleidete sich an . Esther kam mit dem Frühstück , aber sie hätte das Tassenbrett fast fallen lassen , als sie ihrem alten Herrn in das Gesicht sah . » Gott der Gerechte ! Was ist dem Freudenstein ? « » Nichts , nichts ! Sei still , Esther ; es wird vorübergehen . « Er saß den ganzen Morgen in seinem Stuhl , ohne sich zu regen . Nur sein Mund bewegte sich , aber ein lautes Wort kam nur einmal über seine Lippen ; er wollte jetzt , daß man die Tür und die Laden wieder öffne . » Was soll die Esther aufsperren das Haus ? « fragte Moses . » Wollen wir doch erst zu Ende bringen das Geschäft von gestern und brauchen dazu keine Gaffer und Horcher . « » Still , still , du hast recht , mein Sohn . Es ist gut , Esther . Nimm die Schlüssel unter meinem Kissen , Moses . « Die Sanduhr war wieder abgelaufen ; Moses Freudenstein selber hatte den Wandschrank abermals geöffnet und kramte in den Papieren . Der Greis rührte sich nicht , aber er folgte jeder Bewegung seines Sohnes mit den Augen und fuhr dann und wann fröstelnd zusammen . Esther hatte ihm eine alte Decke um die Schultern gelegt ; er war wie ein Kind , das alles mit sich geschehen lassen muß . Wieder nahm Moses einen Geldsack hervor , er glitt ihm aus den Händen und fiel klirrend auf den Boden , wobei ein Teil der Münzen über den Fußboden hingestreut wurde . In das Klirren und Klingen mischte sich ein Schrei , der das Blut erstarren machte . » Apoplexia spasmodica ! « sagte eine Viertelstunde später der Doktor . » Hm , hm - seltener Fall bei einer solchen Konstitution ! « Neuntes Kapitel Drei Tage nach dem ersten Anfall wiederholte sich der Schlagfluß , aber der Doktor bildete sich nichts darauf ein , daß er das vorhergesagt hatte . Ob der Kranke in dem Zeitraum zwischen den beiden Anfällen das Bewußtsein zeitweilig wiedererlangt habe , blieb zweifelhaft ; Hans Unwirrsch glaubte es , aber Moses wollte es nicht zugestehen ; der Doktor zuckte nur die Achseln . In der Todesstunde des alten Trödlers war Hans nicht zugegen ; aber zu seinem Grabe folgte er ihm und erschien vielen Leuten bewegter als der Sohn . Samuel Freudenstein war keine unwichtige Person in der Geschichte seiner Jugend , er betrauerte aufrichtig sein Hinscheiden . Auf dem Heimwege von dem abgelegenen , ärmlichen Judenkirchhofe hielt er sich dicht an der Seite des Freundes , den ein so harter Verlust betroffen hatte , um ihn durch innige , teilnehmende Worte in seinem Schmerze aufzurichten ; er hatte keine Ahnung davon , daß der Freund diesen Trost gar nicht nötig hatte . Finster und bleich schritt Moses an seiner Seite und stellte , während er die Worte des Trösters dann und wann durch einen Seufzer oder eine Handbewegung erwiderte , ein genaues Verzeichnis des Nachlasses vorläufig auf . An den folgenden Tagen vervollständigte er diese Aufstellung mit Hülfe zweier würdiger Semiten , welche die Behörde in der Judenschaft zu seinen Vormündern ausgewählt hatte . Er zeigte dabei einen so scharfäugigen Überblick , daß die beiden ehrenwerten Handelsleute sich und ihn höchlichst segneten und sich ähnliche Söhne , Enkel und Urenkel wünschten . Wir wissen schon , daß bedeutende Summen in barem Geld und in Wertpapieren vorhanden waren ; aber es fanden sich auch noch manche andere wertvolle Dinge in den wunderlichsten Verstecken , und selbst Hans Unwirrsch fiel die Umsicht des Freundes beim Aufsuchen und Finden dieser Verstecke auf . Während der Katalog des Trödelladens aufgenommen wurde , hielt es Hans nicht weniger für seine Pflicht , dem Freunde mit seinem Troste nahe zu bleiben . Welch ein Staub wurde aufgewühlt , welch ein Moderdunst stieg auf aus manchen Schiebladen , die der Schlosser öffnen mußte , weil die Schlüssel dazu nicht zu finden waren ! Es war ein Wunder , was alles aus den Winkeln zum Vorschein kam ; sogar die beiden Israeliten hielten sich öfters die Nasen zu . Die Verachtung , mit welcher Moses auf all den Plunder herniederblickte , war nicht zu beschreiben . Man ließ jetzt soviel Licht als möglich in den Laden und das Haus , aber beide blieben doch noch dunkel genug . Oft fuhr Hans zusammen ; er glaubte in dem Schatten einen Schatten zu sehen : es war ihm , als ob der tote Mann noch nicht ganz fortgegangen sei ; er war ja auch der Base Schlotterbeck begegnet , und die Gute schüttelte bedenklich den Kopf , als man sie näher darum befragte . Nur ein einziges Wort sprach Hans mit Moses über diese seine Gefühle , aber Moses wurde ganz zornig darüber . » Die Toten kommen nicht zurück , Hans ! Ich wollte , ich wüßte alles so genau wie das ! « rief er . Er hielt eben die Sanduhr , die neben dem Bette des Vaters gestanden hatte , in der Hand . Die Hand zitterte , und das alte Ding entglitt ihr ; zerbrochen lag es am Boden , ein Fußtritt sandte die Trümmer in die Ecke . Während man in dem Trödelladen auf diese Weise aufräumte , waren die Frau Christine und die Base eifrigst beschäftigt , ihren Hans zur großen Fahrt nach der Universität auszurüsten . Sie konnten ihm nicht viel mitgehen auf die Wanderschaft ; wenn sich jedoch die guten Wünsche , die in die Hemden vernäht und in die Strümpfe verstrickt wurden , alle erfüllten , so nahmen die Götter nur ihr Recht , wenn sie auch hier bösartig neidisch wurden . Die Ausstattung füllte einen Seehundskoffer , welchen der Oheim Grünebaum nebst einer Rede hergegeben hatte , und den Lederranzen , welchen der Meister Anton Unwirrsch während seiner Wanderjahre mit soviel Nutzen auf dem Rücken geschleppt hatte . Acht Tage nach Ostern war alles in Ordnung , soweit es von den beiden Frauen abhing . Auf einsamen Wegen in der Stadt und um die Stadt nahm Hans Abschied von allerlei Dingen , die ihm seit frühester Kindheit lieb und vertraut waren . Auch Besuche machte er bei manchen Leuten , deren Namen in diesen Blättern erwähnt und nicht erwähnt wurden , und jedermann stopfte gern seinen Beitrag in den Sack voll guter Wünsche , den er auf diesen Gängen mit sich trug . Der Professor Doktor Fackler gab ihm eine seltene Ausgabe der » Bekenntnisse « des heiligen Augustin und der Oheim Grünebaum eine kurze Pfeife , auf deren Kopf die Hoffnung abgebildet war , ein schauderhaftes Weibsbild , das sich jedenfalls selber in sehr hoffnungsreichem Zustand befand und über welches der Oheim eine Rede hielt . Der Trödelladen ging unter Zustimmung der beiden obenerwähnten israelitischen Berater in die Hände eines dritten Semiten über , welcher jedoch den westfälischen Lakai nicht wieder in seine früheren Funktionen einsetzte . Auch Moses Freudenstein war bereit zum ersten Ausflug in die Welt ; und wenn er weniger gute Wünsche von der Stadt Neustadt mit auf den Weg erhielt , so kümmerte ihn das nicht im geringsten ; die Abrechnung über das gegenseitige Wohlwollen schloß aber doch mit einem wenn auch nur geringen Überschuß auf seilen der Stadt ab . - Die Osterfeiertage gingen vorüber ; die Stunde des Abschieds kam , ehe man