erzählen will , ist keine Geschichte für junge Mädchen . Die hübsche Kleine wurde bis über die Ohren roth und entfernte sich schleunig mit einem Blick auf Oswald . Herr Schmenckel räusperte sich , lehnte sich vornüber auf den Tisch und begann mit einer Stimme , die in diesem gedämpften Ton noch heiserer klang , als gewöhnlich : Meine Herren , Sie wissen : es giebt für den denkenden Menschen zwei Arten von Frauenzimmern , solche , die dienen , und solche , die sich bedienen lassen . Aber für die Liebe existirt dieser Unterschied nicht , denn die Liebe beherrscht sie Beide . Diese Erfahrung habe ich nun zwar des Oefteren in meinem Leben gemacht , niemals aber ist es mir so deutlich demonstrirt worden , als vor einigen - hier sah sich Herr Schmenckel scheu um , ob auch kein unberufenes , besonders weibliches Ohr die chronologische Notiz , die er zu geben im Begriffe war , auffangen könnte - zwanzig Jahren in Petersburg . Ist einer von den Herren je in Petersburg gewesen ? Man verneinte die Frage . Wie kamen Sie nach Petersburg , Herr Director ? sagte ein Fichtenauer Bürgerssohn , der sich mittlerweile der Gesellschaft angeschlossen hatte . Beim Schmenckel , erwiderte der Director im Ton der Belehrung , darf man sich nimmer wundern , wenn er an einem Orte gewesen ist . - Petersburg , meine Herren , ist eine schöne Stadt , was Sie schon daraus ersehen können , daß die Paläste des Kaisers und aller Großen aus blitzblankem , blauem und weißem Eis erbaut sind . Wie ist denn das möglich ? fragte der Bürgerssohn , die müssen doch im Sommer schmelzen . Im Sommer ? sagte Herr Schmenckel , ohne sich einschüchtern zu lassen , im Sommer ? Ja , da kommen Sie schön an ! Ich sage Ihnen , Herr , es giebt in Petersburg keinen Sommer . Schnee und Eis und Eis und Schnee das liebe lange Jahr hindurch von Sylvester bis wieder Sylvester . Also : wir waren in Petersburg , und es gefiel uns da sehr gut - uns , das heißt , der berühmten Kunstreiter-Gesellschaft meines Onkels und damaligen Directors Franz Schmenckel , in welcher ich als Herkules engagirt zu sein die Ehre hatte . Ich kann wohl sagen , daß wir Furore machten , besonders unsere Pferde ; denn die Russen kennen Pferde nur von Hörensagen ; höchstens daß der Kaiser vielleicht zwei oder drei zottige , wie große Hunde aussehende Thiere in seinen Ställen hat . Alle übrigen fahren , wie ich schon bemerkte , nur mit Rennthieren , selbst die Cavallerie ist darauf angewiesen , und ich versichere Sie , meine Herren , daß so ein russischer Garde-Kürassier-Lieutenant auf seinem Rennthierhengst sich gar nicht so übel ausnimmt . Wir hatten ganz ungeheuren Zulauf . Der Kaiser und der ganze Hof waren jeden Abend in unserm Circus . Se . Majestät applaudirte so wüthend , daß er alle fünf Minuten ein neues Paar weißer Glacéehandschuhe anziehen mußte , weil sie die andern zerklatscht hatte . In den Zwischenacten hatte ich an der Thür der kaiserlichen Loge zu stehen , um Se . Majestät hinter die Coulissen und in die Pferdeställe zu führen , wo Allerhöchst- dieselbe den besten Pferden huldvoll auf den Hals zu patschen und den hübschesten Damen der Gesellschaft in die Wangen zu kneifen geruhte . Vor allem aber hatte ich mich der Gunst des Kaisers zu erfreuen . Warum , weiß ich selbst nicht ; aber so viel ist gewiß , daß der Kaiser mich gleich am ersten Abend in seine Loge rufen ließ und vor dem ganzen Hofe zu mir sagte : Herr Schmenckel , sagte er , Sie sind nicht nur der stärkste , sondern auch der schönste Mann , den ich je gesehen habe . Bitten Sie sich eine Gnade aus . - Eure Majestät , erwiderte ich , mich anmuthig verbeugend , ich bitte um Ihr ferneres geschätztes Wohlwollen . Das sollen Sie haben , und den Adel dazu , rief Se . Majestät im höchsten Enthusiasmus , geben Sie mir Ihre starke Hand , Herr von Schmenckel ! Mit einer Compagnie solcher Männer , wie Sie , dictire ich die Gesetze für die Welt ! Seit diesem Augenblicke waren wir geschworene Freunde . Von Schmenckel , kommen Sie heute Abend zu einer Tasse Caravanenthee zu mir ! - Wollen Sie heute Abend nach der Vorstellung ein Glas Wutkipunsch mit mir trinken , lieber von Schmenckel - Sie wissen , ganz unter uns , vielleicht ein paar Herren und Damen vom Hofe ? - wollen Sie ? - so ging es einen Tag wie alle Tage . Nun , meine Herren , der Schmenckel aus Wien ist nicht stolz , aber er bewegt sich gern in guter Gesellschaft - Hier machte Herr Schmenckel eine verbindliche Verbeugung gegen seine Zuhörer - Und ein Kaiser ist und bleibt am Ende immer ein Kaiser und man freut sich doch , wenn man mit ihm so zu sagen auf Du und Du steht . Es waren famose Abende , die ich so im Schooße der kaiserlichen Familie zubrachte . Die Herren vom Hofe waren sehr liebenswürdig , und die Frauen - Herr Schmenckel drückte die Augen zu und warf eine Kußhand gegen die Decke des Zimmers . Die Frauen ! ich sage Ihnen , meine Herren , wer die russischen Frauen nicht gesehen hat , hat gar keine Frauen gesehen . Diese Haare , diese Augen , dieser Wuchs , dieses Feuer - und wenn der Schmenckel viertausend Jahre alt werden sollte , er wird den Winter in Petersburg nicht vergessen . Die russischen Frauen sind schön , und Sie werden einen Anflug von Neid empfinden , meine Herren , wenn ich Ihnen sage , daß ich unter den schönsten der schönen die Auswahl hatte . Das klingt wie Aufschneiderei , meine Herren ; aber , ich kann Ihnen nicht helfen , es war so . Ich bekam ganze Wagenladungen voll Locken , Blumensträußer und Billets , die alle anfingen : Göttlicher Schmenckel oder Apollo Schmenckel , und alle endigten : ich erwarte Sie da und da zu der und der Stunde . Aber , wie das so zu gehen pflegt , diejenige , um deren Gunst es mir am meisten zu thun war , gehörte nicht zu meinen Verehrerinnen . Es war eine junge , sehr schöne Dame , die ich Abend für Abend im Circus sah . Aber sie that immer entsetzlich vornehm und kalt , obgleich ich mich immer nur vor ihr verbeugte , wenn ich beklatscht wurde . Wie gefallen Ihnen unsere Damen , Schmenckel ? fragte mich der Kaiser eines Abends , als wir Arm in Arm in seinem Salon auf- und abspazierten . So , so , la , la , Euer Majestät ! erwiderte ich ; denn Verschwiegenheit war immer Caspar Schmenckels Stärke . Sie sind schwer zu befriedigen , sagte der Kaiser ; wie finden Sie die kleine Malikowsky ? Wie war der Name ? fragte plötzlich Berger , der , die Stirn in die Hand gestützt , dagesessen hatte , den Kopf emporhebend . Malikowsky , alter Herr ! wiederholte Herr Schmenckel . Noch ein Seidel , Herr Wirth ! Erlauben die Herren , daß ich mir meine Pfeife frisch stopfe . Oswald blickte auf Berger . Es war ihm , als ob ein seltsames Zucken in den stillen ernsten Zügen wühlte und die Augen eine ungewöhnliche Erregung verriethen ; aber schon im nächsten Moment hatte Berger den Kopf wieder in die Hand gestützt , und Herr Schmenckel fuhr in seiner Erzählung fort . Die kleine Malikowsky ? fragte ich ; wer ist das ? Haben Sie denn die Dame in Schwarz nicht bemerkt , gleich links neben der kaiserlichen Loge . Blasses Gesicht , großes Auge , etwas langes Kinn ? Doch , Majestät ! aber die scheint mir ein scheuer Vogel . Possen , lieber Schmenckel ! alles Possen . Im Vertrauen , die Dame stand in etwas näherer Beziehung zu unserm Hause , als mir lieb war . Wir haben ihr einen Mann verschafft , einen heruntergekommenen polnischen Edelmann ; ihr Ruf ist nicht gut , seiner ist schlecht ; er hat nichts ; sie hat eine halbe Million Seelen - Wie viel ist das in Preußisch Courant , Herr Director ? fragte der dicke Stammgast , ein Victualienhändler seines Zeichens . Fünf Millionen Thaler , sechsundzwanzig Silbergroschen , vier Pfennig - so passen sie sehr gut zusammen . Wenn sie ihn einmal los sein will , schickt sie ihn auf ihre Güter in Polen - eben jetzt ist er wieder unterwegs . Die erobern Sie sich und ich will sagen , der Schmenckel ist nicht nur der stärkste und schönste , er ist auch der glücklichste Mann auf der Welt . Euer Majestät Wunsch ist für mich Befehl ; erwiderte ich , ging nach Hause und überlegte , wie ich das Herz der Schönen gewinnen könnte . Nur dadurch , daß Du etwas thust , was vor Dir noch kein Mann gethan hat , sagte ich zu mir , und da , meine Herren , erfand ich das berühmte Schmenckelspiel mit den drei vierundachtzigpfündigen Kanonenkugeln . Am ersten Abend spielte ich mit einer Fangeball - sie lächelte ; am folgenden mit zweien - sie klatschte in die Händchen ; am dritten mit allen dreien - sie warf mir einen Blumenstrauß zu . Jetzt war ich meiner Sache gewiß . Hier aber , meine Herren , muß ich Sie um Entschuldigung bitten , wenn ich meiner Gewohnheit gemäß , so oft eine Dame in ' s Spiel kommt , von dem Verlauf der Geschichte nur andeutungsweise so viel sage , daß noch an demselben Abend ein allerliebstes Kammerkätzchen bei mir erschien und mich bat , sie zu ihrer Gebieterin zu begleiten , die vor Liebe zu mir sterbe ; daß der Schmenckel aus Wien ein viel zu gutes Herz hat , als daß er Jemand sollte sterben lassen , und noch dazu aus Liebe zu ihm , wenn er ' s verhindern kann ; und daß die folgenden vier Wochen zu den schönsten seines Lebens gehören . Ihr seid ein glücklicher Mensch , Director ! sagte der Fichtenauer Bürgerssohn , der seit vier Jahren die Tochter eines Rathsherrn heimlich liebte und schon so weit mit ihr gekommen war , daß sie ihm einmal beinahe einen Kuß gegeben hätte . Wie man ' s nehmen will , junger Mann , erwiderte Herr Schmenckel mit väterlichem Wohlwollen ; wo viel Licht ist , da ist auch viel Schatten . Ich wollte hier eigentlich meine Geschichte zu Ende sein lassen ; aber zu Nutz und Frommen solcher jungen heißblütigen Gesellen , wie Ihr , Herr Kanzleischreiber Müller , und Ihr Cotterby , Ihr Tausendsacramenter , und Ihr Pierrot , Windbeutel , der Ihr seid , muß ich selbige halt schon auserzählen . Na , merken Sie auf , Ihr Herren ! Das Kammerkätzchen war nicht weniger in mich verliebt , als ihre Herrin , denn , wie ich schon vorher bemerkte , vor der Liebe sind alle Weiber gleich . Was geschieht also ? Eines schönen Abends , als ich - in allen Züchten und Ehren , Ihr Herren , so wahr ich Caspar Schmenckel heiße - bei der Dame , wie gewöhnlich meinen Thee trinke , klopft es plötzlich sehr heftig an die Thür , die in die Zimmer des Grafen führte und die von innen verschlossen war . Aufgemacht ! Aufgemacht ! - Um Gott , der Graf ! flüsterte die Gräfin schreckenbleich ; die Nadeska hat uns verrathen ! - Aufgemacht , Himmelelement , aufgemacht ! - Na , das ist eine schöne Bescheerung , sage ich , was wird denn nun ? - Schmenckel , retten Sie mich ! - Mit Plaisir , aber wie ? - Ich eile in meine Schlafstube und schließe hinter mir ab . - Sehr schön , aber ich ? - Sie sind hier eingebrochen , durch das Fenster - dabei riß sie die Fensterflügel auf , nahm den Armleuchter - verschwand durch die zweite Thür , schloß ab und fing an , aus Leibeskräften : Hülfe ! Hülfe ! zu schreien . Na , meine Herren , stellen Sie sich meine Situation vor . Ehe ich mich noch besinnen konnte , was ich thun sollte , brachen die Thürflügel auseinander und der Graf mit zwei Pistolen in der Hand stürzte herein und vier bis fünf Kerle mit Lichtern und Knütteln hinterher . Wie sah der Graf aus ? fragte Berger dumpf , ohne den in die Hände gestützten Kopf zu erheben . Ja , alter Herr , viel Zeit , ihn mir zu besehen , hatte ich nicht . Ich weiß nur , daß es ein schöner langer Kerl war mit vor Wuth blitzenden Augen . Habe ich Dich , Schurke ? brüllte er - puff , simm ! sauste mir die Kugel am linken ; puff , simm ! eine andere am rechten Ohr vorbei . Na , Ihr Herren , das war doch am Ende auch nicht die rechte Art und Weise , sich bei Caspar Schmenckel zu introduciren . Was werde ich also thun ? Ich packte meinen Herrn Grafen um den Leib und warf ihn zum Fenster hinaus , und damit , im Fall er sich etwas zerbrochen hätte , gleich Hülfe zur Hand wäre , einen seiner Bedienten hinterher . Die Andern ergriffen das Hasenpanier und liefen , was sie laufen konnten ; ich ihnen nach durch die Zimmer auf den Vorsaal , die Treppe hinunter ; und , meine Herren , als ich erst so weit war - den Weg durch die Hausthür auf die Straße fand ich ganz allein . Wie findet Ihr die Geschichte , Professor ? und Herr Schmenckel legte seine breite Hand auf Bergers Schulter . Berger hob den Kopf in die Höhe . Sein Gesicht war todtenbleich ; seine Augen rollten ; das graue Haar hing ihm über die Stirn . Wenn Du die Wahrheit sprechen kannst , Mensch ! sagte er mit einer hohlen , unheimlichen Stimme ; antworte mir : hast Du die Wahrheit gesprochen ? Ich glaub ' , der alte Herr hat ein wenig zu viel getrunken ; sagte Herr Schmenckel . Ja , ich habe zu viel getrunken , rief Berger , heftig mit den Händen gesticulirend ; zu viel von dem eklen Gebräu dieses jämmerlichen , nichtsnutzigen Lebens , und der Trank ist mir zu Kopf gestiegen . Es war ein fürchterliches Lachen ; aber den halbberauschten Zechern kam es sehr lustig vor . Ho , ho ! nun kommt der Professor in Gang ! schrie Herr Schmenckel , sich die Seiten haltend . Rede halten , Rede halten ! Der Professor soll ' ne Rede halten . Oswald war aufgesprungen und zu Berger getreten ; er versuchte in seiner Herzensangst den Exaltirten mit freundlichen Worten zu beruhigen und zum Fortgehen zu bewegen . Berger achtete nicht auf ihn . Er stand da , sich mit beiden Händen auf den Tisch lehnend , wie Oswald es ihn im Auditorium hatte thun sehen . Schreiben Sie , meine Herren , rief er ; es ist die Quintessenz des langen Syllogismus , dessen einzelne Theile ich Ihnen so eben analysirt habe : Ich stieg auf einen Birnenbaum , Rüben wollt ' ich graben , Da hab ' ich all ' mein Leben lang , Keine besseren Pflaumen gegessen . Sie werden mir antworten , daß dies keine speculative Idee , sondern ein altes Schlemperlied ist , aber , meine Herren , in einer Welt , wo die Guten verhöhnt und von schadenfrohen Dämonen genasführt werden ; wo der Aberwitz mit der Schellenkappe auf dem Haupt regiert und seine erhabenen Gedanken von der Dummheit , der Gemeinheit , der Brutalität ausführen läßt - da ist eben die Speculation ein Schlemperstückchen und die Idee - die glorreiche , hochherrliche Idee - das sind Sie ja eben selbst , meine Herren , gemeine , rohe Gesellen , wie Sie sind . Oho , nit so grob , Alter , rief Herr Schmenckel , der kaum noch lachen konnte . Ja , ja , Sie selbst , fuhr Berger heftiger und immer heftiger werdend fort ; Sie selbst , Herr Director Caspar Schmenckel aus Wien , Sie repräsentiren die Gerechtigkeit des Himmels . Die Idee kann nichts ohne Sie ; Sie sind die Idee , die incarnirte Idee ! Ich sagte Ihnen , das Leben sei nichtswürdig , aber nein - das ist noch viel zu viel - es ist Ihrer würdig . An mein Herz , alter Knabe , rief Herr Schmenckel , Berger an seine breite Brust drückend ; Du bist ein kreuzfideles Haus ; wir müssen Brüderschaft trinken . Er ließ Berger aus den Armen und griff nach dem Glase . In demselben Augenblick sank Berger , die Hand auf ' s Herz pressend , mit einem gellenden Schrei ohnmächtig zusammen . Es war ein Schrei , fürchterlich , wie der Hülferuf eines Ertrinkenden in dem Augenblicke des Untersinkens ; ein Schrei , der den wüsten Lärm in der Stube übertönte , das Singen und Geschnatter zum Schweigen brachte und die Zecher bestürzt von ihren Sitzen in die Höhe fahren ließ . Sie drängten sich mit verstörten Gesichtern herzu und glotzten mit den stumpfsinnigen , von Bier stieren Augen auf den Unglücklichen , den Oswald vom Boden aufzurichten sich bemühte . Niemand legte Hand an , dem jungen Mann zu helfen . Der Schrecken schien die Leute paralysirt zu haben . Will mir denn Keiner beistehen ? rief Oswald , die Last des leblosen Körpers in den Armen haltend . Diese letzten Worte wurden an Herrn Schmenckel gerichtet , der bis jetzt mit offenem Munde und starren Augen , die Tabakspfeife in der einen , das Bierglas in der andern Hand , regungslos dagestanden hatte . Oswalds Aufforderung brachte ihn wieder zur Besinnung . Habt recht , Herr Graf ; sagte er ; müssen was thun für den alten Herrn . Er legte seine Pfeife auf den Tisch , nahm Oswald den noch immer besinnungslosen Berger aus den Armen , hob ihn in die Höhe und trug ihn aus dem Zimmer , wie ein Löwe eine todte Gazelle wegträgt . Oswald und der Wirth folgten . Hier , hier herein , sagte der Wirth , die Thür , des auf der andern Seite des Flurs liegenden Zimmers öffnend , wo die vornehmeren Reisenden abzusteigen pflegten . Herr Schmenckel legte den Ohnmächtigen auf das Sopha . Der alte Herr hat nichts Ordentliches im Magen gehabt , sagte Director Schmenckel im Ton der Belehrung flüsternd zu Oswald , der sich um den Kranken bemühte , Euer Gnaden hätten ihm erst vorher ein tüchtiges Stück Schinken mit Schwarzbrod und einen Nordhäuser geben lassen sollen . Da begann Berger sich zu regen . Er schlug die Augen auf und blickte die um ihn Herumstehenden verwundert an , wie Jemand , der aus einem schweren Traum erwacht . Dann richtete er sich mit Oswalds Hülfe vollends auf und sagte mit leiser Stimme : Ich danke Euch , meine Freunde . Ich habe Euch Mühe gemacht . Wir sind in diesem Leben Einer auf den Andern angewiesen . Ich denke , Euch bald wieder zu sehen ; vielleicht , daß ich Euch noch einmal Eure Liebe vergelten kann . Komm , Oswald , wir wollen gehen . Fühlen Sie sich kräftig genug ? Soll ich nicht lieber einen Wagen kommen lassen ? Nicht doch ; Roß und Wagen ist nicht für mich und meinesgleichen . Er schritt nach der Thür . Plötzlich blieb er wieder stehen . Gieb den Leuten , was wir schuldig sind , Oswald , wir dürfen nichts schuldig bleiben auf Erden . Oswald bezahlte dem Wirth die Zeche , in welche , zur sichtlichen Befriedigung Herrn Schmenckels , auch was die Seiltänzer verzehrt hatten , eingerechnet wurde . Einige Augenblicke später hatten er und Berger das Haus verlassen und schritten durch die stillen Gassen von Fichtenau zurück nach Doctor Birkenhains Anstalt . Berger beobachtete ein Schweigen , das Oswald nicht zu unterbrechen wagte . Der junge Mann machte sich im Stillen heftige Vorwürfe über seine Unbesonnenheit , Berger so lange in solcher Gesellschaft gelassen zu haben . Er glaubte , daß es vor allen Dingen die Hitze und der ungewohnte Genuß des starken Bieres gewesen sei , was Berger in den exaltirten Zustand gebracht habe . Er hatte keine Ahnung , in welch ' enger Beziehung die fratzenhaft abenteuerliche Geschichte des Seiltänzerdirectors , auf die er nebenbei kaum hingehört hatte , mit der Leidensgeschichte des unglücklichen Freundes stand . Er dachte an Doctor Birkenhain , und wie schlecht er den Auftrag des Arztes erfüllt habe ; er überlegte bei sich , ob seine Anwesenheit nicht eher schädlich als dienlich für Berger und ob es nicht , für den Kranken sowohl , als für ihn selbst , gerathener sei , wenn er Fichtenau sobald als möglich wieder verließe . So waren sie schweigend bis auf den Weg gelangt , der an der Mühle vorbei zu dem Thorweg von Doctor Birkenhains Anstalt zuführte , als Berger plötzlich sagte : Du mußt heute noch reisen , Oswald ! Heute ? Heute lieber , als morgen . Du mußt noch einmal in die Wüste hinaus ; ich kann es Dir nicht ersparen . Und ich selbst , ich habe noch viel zu lernen , worin Du mir nicht helfen kannst . So müssen wir uns trennen . Geh ' Du Deine Straße ; ich will die meine gehen ; es ist dieselbe , und ob ich Dir auch ein wenig voraus bin , Du lernst schnell und wirst mich bald einholen . Bis dahin , Oswald , lebe wohl ! Berger schloß Oswald in seine Arme und küßte ihn . Oswald war tief bewegt . Laß mich bei Dir bleiben , sagte er mit von Thränen halb erstickter Stimme : laß mich bei Dir bleiben , um nie wieder von Dir zu gehen . Ich hasse die Welt , ich verachte die Welt , wie Du . Ich weiß es wohl , sagte Berger , aber die Welt verachten , ist nur das erste Stadium von den dreien bis zu dem großen Geheimniß . Und welches ist das zweite Stadium ? Nenne es mir , daß ich es im Fluge durchmesse ! Sich selbst verachten . Und - das dritte ? Sie standen an dem Thorweg . Berger zog die Klingel , die Thür sprang auf . Und das dritte , letzte Stadium ? Verachten , daß man verachtet wird . Und das Geheimniß selbst , das große Geheimniß ? Wer die drei Stadien durchgemacht hat , weiß es und versteht es , ohne daß er fragt . Wer darnach fragt , weiß es nicht und würde es nicht verstehen . Oswald , lebe wohl ! Auf Wiedersehen . Berger drückte Oswald noch einmal an sein Herz und trat durch die Pforte , die sich sofort wieder hinter ihm schloß . Oswald blieb vor der Pforte stehen , einem Bettler gleich , dem der Trunk , um den er bat , verweigert wurde . Dann ging er , gesenkten Hauptes , den Weg , den er mit Berger gekommen war , zurück . Die Nacht war dunkel ; kaum ein Stern an dem trüben , wolkenbedeckten Himmel ; die Pappeln am Wege raunten und zischelten und der Mühlbach unten schwatzte es nach : Die Welt verachten - sich selbst verachten - verachten , daß man verachtet wird ! Neuntes Capitel Zu derselben Zeit , als Oswald mit Berger von dem Gipfel der Gockeleia die Sonne in dem grünen Wäldermeer der Berge versinken sah , war in dem » Curhause « , ein Gast abgestiegen , dessen Ankunft in dem Hotel eine gewisse freudige Bewegung hervorrief . Es war eine junge , schöne , in einen dunkeln eleganten Anzug gekleidete Dame in Begleitung eines nicht minder schönen , aber blaß und kränklich aussehenden Knaben von etwa zwölf Jahren , und eines alten Mannes , der sich durch einen eisgrauen Schnurrbart und eine martialische Haltung auszeichnete und halb der Freund , halb der Diener der Dame zu sein schien . Die Dame war im Sommer desselben Jahres - damals ohne den Knaben - mehrere Wochen lang in Fichtenau gewesen , um ihren Gemahl , der sich seit sieben Jahren in Doctor Birkenhains Heilanstalt befand , dem Tode entgegensiechen und endlich sterben zu sehen , und ihr trauriges Schicksal nicht minder als ihre unendliche Güte und Milde gegen Jedermann , besonders gegen Kranke und Arme , hatten ihr die Liebe und Verehrung der Einwohner des Städtchens in so hohem Grade erworben , daß man noch jetzt in mehr als einer Familie das Andenken der » guten Frau « dankbar segnete . Aber auch dieses Mal schien keine freudige Veranlassung die Dame nach Fichtenau geführt zu haben , denn sie war kaum von dem Wirth selbst unter vielen Bücklingen und Complimenten in den Salon der Bel-Etage geführt worden und hatte sich in demselben und in den zwei links daran stoßenden Zimmern - das Zimmer rechts konnte der gnädigen Frau leider nicht sofort eingeräumt werden , da es noch von einem Reisenden bewohnt sei , der aber jedenfalls nur bis morgen bleibe , - mit Hülfe des alten Dieners einquartiert und den Knaben , der von der Reise sehr angegriffen war , zu Bett gebracht , als sie sich hinsetzte und einige Zeilen an Doctor Birkenhain schrieb , mit denen sich der alte Diener in Begleitung des Hausknechts sogleich auf den Weg nach der Heilanstalt machte . Nach einer Stunde war Doctor Birkenhain , den alten Diener neben sich , in seinem Einspänner vor dem Curhause vorgefahren , war zu der Dame in den Salon gegangen und hatte eine lange Unterredung mit ihr gehabt , die wohl nicht sehr erfreulichen Inhalts gewesen sein konnte , denn Jean , der Zimmerkellner , hatte , als er den Thee in den Salon brachte , gesehen , daß die gnädige Frau geweint und sich bei seinem Eintritt die Augen getrocknet hatte . Doctor Birkenhain war nach dieser Unterredung noch einmal an das Bett des schlafenden Knaben getreten , hatte ihm die Hand auf das Herz gelegt , sich dann über ihn gebeugt , und , das Ohr auf die entblößte Brust drückend , längere Zeit gehorcht , dann hatte er sich wieder aufgerichtet , den Schläfer sorgsam zugedeckt , ihm das volle lockige Haar aus der bleichen feinen Stirn gestrichen und sich mit einem Lächeln auf den Lippen , das die strengen ernsten Züge des Mannes eigenthümlich verklärte , zu der Dame gewandt , die , das Licht in der Hand , mit dem gespannten Ausdrucke schmerzlicher Ungewißheit in dem lieben schönen Gesicht dagestanden hatte und den Arzt jetzt ängstlich fragend ansah . Beruhigen Sie sich , gnädige Frau ! sagte er , ich kann mich allerdings noch nicht mit Gewißheit aussprechen , aber was ich bis jetzt beobachtet habe , flößt mir die beste Hoffnung ein , daß es mit unserem kleinen Patienten nicht so schlecht steht , als meine Grünwalder Herren Collegen angenommen haben . Ein Freudenstrahl erhellte das Gesicht der Dame , ihre großen dunklen Augen füllten sich mit Thränen . Doctor Birkenhain nahm ihr das Licht aus der Hand und geleitete sie in den Salon zurück . Ich komme morgen früh wieder , sagte er , indem er Hut und Stock nahm ; lassen Sie , wenn es Sie beruhigt , den alten Baumann bei Julius wachen . Sie selbst legen sich zeitig zu Bett und nehmen eins von diesen Pulvern . Sie sind sehr angegriffen und bedürfen der Ruhe . Bleiben Sie noch einen Augenblick , Doctor ! sagte die Dame . Ich muß Sie noch etwas fragen . Ihre Züge verriethen eine große Erregung ; ihr Busen hob und senkte sich unruhig ; sie schien einen Gedanken aussprechen zu wollen , der ihr zu fürchterlich war , als daß sie ihn hätte in Worte kleiden können . Doctor Birkenhain legte Hut und Stock wieder auf den Stuhl . Setzen Sie sich , gnädige Frau ; sagte er , wieder neben ihr auf dem Sopha Platz nehmend . Ich weiß , was Sie mich fragen wollen ; ich habe diese Frage schon den ganzen Abend in Ihren angstvollen Augen , auf Ihren zitternden Lippen gelesen . - Sie glauben nicht an die Herzkrankheit , welche die Grünwalder Aerzte diagnosticirt haben ; wenn Sie daran glaubten , wären Sie , so hoch Sie auch von meinen geringen Erfahrungen und Kenntnissen denken mögen , doch nicht gerade zu mir gekommen . Sie glauben , daß das Uebel tiefer liegt , daß es - mit einem Worte - ein erbliches Uebel , der erste Keim , der Beginn einer Krankheit ist , die schon einmal für Sie so verhängnißvoll geworden . Habe ich recht ? Die Antwort der Dame war ein Strom von Thränen , der wie eine lange zurückgehaltene Fluth unwiderstehlich aus ihren Augen brach . Sie drückte schluchzend ihr Taschentuch gegen das Gesicht . Liebe gnädige Frau , sagte der Arzt , die Hand der Weinenden ergreifend ; ich bitte , ich beschwöre Sie , beruhigen Sie sich . Es ist , so viel ich aus dem schriftlichen Bericht meiner Collegen , aus Ihren eigenen Worten und aus meiner Beobachtung urtheilen kann , auch nicht der mindeste Grund vorhanden , der Ihren schrecklichen Verdacht bestätigte . Der Wahnsinn ist erblich , ja ; er pflanzt sich viele Generationen fort , bald hier , bald dort , oft nach langen Zwischenräumen wieder auftauchend , aber in der Familie Ihres Gemahls ist erwiesenermaßen der Fall Herrn von Berkows der erste , so lange die Familie existirt , d.h. seit Jahrhunderten . Und dieser Ausnahmefall hatte seine besonderen , sehr traurigen Ursachen , die sich nur auf das betreffende Individuum beziehen , und sich in ihren Wirkungen nur an diesem