uns im Walde gegeben war , miteinander und hingen zusammen wie die Kletten . Wir waren das tollste Paar Rangen , welches jemals einer Gemeinde zur Last wurde . Gott segne den guten alten Pastor Tanne , den philanthropischen Weisen . Er hatte es gut mit uns im Sinn ; wenn auch seine Marotte , überall große Talente zu entdecken , ihre bedenklichen Seiten hatte . Talente entdeckte er in mir und in dir , Eva - « » Und zuletzt in deinem Bruder Robert . « » Davon später . Du weißt , wie der Alte sich unserer annahm , seine Bücher vor uns aufschlug . « » Ich habe mancherlei Seltsames gelernt und die Nase in Dinge gesteckt , die sonst auch höhergeborenen Mädchen verborgen bleiben . Latein und Mathematik - « » Ich habe nur gelernt , daß die Welt erst hinter dem Walde , jenseits der Berge beginne und daß man in unserm Tal nicht lebe , sondern nur vegetiere . Doch erzähle weiter ; meine Stirn brennt ; - nachher ist die Reihe an mir . « Eva Dornbluth seufzte tief und fuhr in ihrer Erzählung fort : » Du hieltest es bei dem Pastor nicht aus wie der arme Robert ; du mußtest zu deinem Vater , zu deiner Büchse und Axt zurück . Dann entliefst du ganz , und ich wußte darum . Du versprachest , auch für mich mit , das Zauberland , welches jenseits unserer Berge lag , zu erkunden und mächtig und reich heimzukehren , mich zu holen und mit dir genießen zu lassen . Ich wartete und lernte . Der Vater lehrte mich die Musik , das Spiel der Orgel . Ich begleitete an seiner Stelle den Gesang der Dorfleute in der Kirche , denn er wurde allmählich zu schwach dazu . In der Studierstube des Pfarrers saß ich dann mit Robert zusammen . An dem hatte der Alte wiederum ein Talent entdeckt , und diesmal war es ein wirkliches . Ich mußte ihm nun mit Lehrerin sein ; denn der Alte ward auch allmählich müde vom Leben und saß am liebsten stundenlang auf dem Kirchhofe neben den Gräbern seiner Frau und seiner Kinder . Ich mußte mit deinem Bruder dasselbe Lexikon und dieselbe Grammatik gebrauchen ; doch der Schüler übertraf bald die Lehrerin ; aber die Lehrerin war eine Jungfrau geworden , und vertieft in ein anderes Sehnen , merkte sie nicht , daß der Knabe über die Bücher weg die Studiengenossin mit Blicken ansah , welche sie nicht hätte dulden sollen . Als mir klar wurde , was in Robert vorging , da war das Unglück bereits geschehen und ihm in keiner Weise mehr zu wehren . Vergeblich war ' s nun , daß ich die Stunden bei dem Alten ganz aufgab und nicht mehr unter die Esche kam . Vergeblich war alles gesprochen , was ich deinem Bruder sagte . Er war verblendet bis zum äußersten , und ich konnte mir und ihm auf keine Weise helfen . Obgleich ganz dein Gegenteil , Fritz , so hat dein Bruder doch ein gut Stück deiner Hartnäckigkeit zum Erbteil mitbekommen . Weder durch Vorstellungen noch durch Drohungen noch durch geheuchelte Verachtung konnte ich ihn von mir treiben . Ach , und dazu lag die Sorge um dich so schwer auf mir ! Ich war älter geworden , verständiger und klüger . Mit Schrecken sah ich ein , was du in jugendlicher Unwissenheit und jugendlichem Leichtsinn gewagt hattest . So wie wir sie uns kinderhaft geträumt hatten , war die Welt jenseits der Berge nicht beschaffen . Nun war es lange zu spät , dich zurückzurufen . O was habe ich gelitten in dem Gedanken , du seiest untergegangen und verloren in der weiten Welt . Wie konnte es anders sein ? Das falsche , harte Leben mußte dich , den unwissenden , starrköpfigen Knaben , zerbrechen und verschlingen . Wie manche Nacht habe ich bitter durchwacht und durchweint , wenn der Sturm an meinen Fensterladen rüttelte oder zwischen den Bergen heulte und den Schnee umwirbelte und häuserhoch die Wege verschüttete . Durch den Sturm glaubte ich dann klagende Rufe zu vernehmen ; du schriest nach mir , und ich fuhr in die Höhe und schrie selber in grausamster Angst . Und dann wieder - wie oft habe ich auf der Höhe des Weges in der heißen Sonne gestanden und im törichten Hoffen auf dich gewartet . Dann hatte ich wohl unterwegs ein Körbchen oder ein Klettenblatt voll Erdbeeren gepflückt , die hielt ich dann in der Hand , und die andere Hand hielt ich über die Augen und blickte die staubige Straße entlang und dachte und träumte : Oh , wenn er jetzt käme , durstig und bestaubt , müde und traurig ! Ach , wie sollte er ausruhen an meinem Herzen ! Das Körbchen mit den roten duftenden Früchten und mein Herz hielt ich für dich bereit ; aber du kamst nicht , wie lange ich auch ausschauen mochte von der Höhe , den Windungen der Straße nach , bis in die weiteste Ferne . Du kamst nicht ! Und wie ich mein Herz keinem andern gönnte , so gönnte ich auch die Beeren niemandem : ich warf sie in das Wildwasser und sah weinend zu , wie sie lustig bergab von dannen tanzten , und zum Tode beängstigt , schritt ich durch den Wald . Der Pastor Tanne starb , und mein Vater starb auch . Ich nähete für die Bauerweiber ; aber ich war ganz verlassen und wußte nicht , was ich beginnen sollte . Es war mir immer , als müsse ich hinter dir her , du verlorener Freund , in die Welt ziehen . Da brachte die Baronin von Poppen einmal wieder einen Sommer auf dem Poppenhof zu , und ihr Sohn Leon kam ebenfalls dahin . Ich sah da ein Mittel , mich zu befreien aus der Einsamkeit , aus diesem engen Tale , dessen Luft mir jetzt so erstickend schien . Den jungen Baron achtete ich nicht eines Hauches ; aber ich wehrte mich nicht , als seine Mutter Gefallen an mir fand und mir vorschlug , mit ihr meine Heimat zu verlassen . Auch die Dame gefiel mir wenig ; doch ich war in einer Art stumpfer Verzweiflung , einer fieberhaften Unruhe , welche mir jede Hülfe zu einem Segen Gottes machte . Ich ging mit der Baronin Viktorine , und sie behandelte mich etwas besser wie ihre Kammerfrau . Du scheinst den Herrn Leon zu kennen , Friedrich ; er ist keine gefährliche Persönlichkeit ; ich machte ihn vollständig zu meinem Diener und benutzte ihn , die apathische Tyrannei seiner Mutter so bald als möglich abzuwerfen ; mein Weg , der Weg eines armen , schutzlosen Mädchens , ging durch Wildnisse , die viel gefahrvoller waren und mehr Mühen und Sorgen verbargen , als je eine deiner amerikanischen Wüsten , Fritz Wolf . Aber ich sah nach den Sternen , dachte an dich , schürzte mein Gewand und schritt mutig in das Leben hinein , dir nach , Fritz Wolf . Die schmutzigen Wasser mußten meinen Saum beflecken ; aber meine Seele und mein Leib sind rein geblieben . Dem Schein des Bösen konnte ich nicht entgehen ; aber das Böse selbst durfte mich nicht berühren . Ich bin ich selbst geblieben in allen Verhältnissen , welche meine Laufbahn mit sich brachte . Durch den Baron ward es mir leicht gemacht , mein Glück auf den Brettern zu versuchen ; ich gefiel halbwegs ; aber ich weiß es recht gut , daß nur mein Äußeres schuld daran hat . Recht einsam und verlassen war ich mitten im Lärm der Welt und dann am traurigsten , wenn ich am ausgelassensten zu sein schien . Sieh , Fritz , ich bin doch ein tapferes Mädchen und habe nicht an meinem Stern gezweifelt , obgleich ich nie eine Nachricht von dir erhielt . Ich wußte , daß du lebtest . Ach , ich hätte es gewiß gefühlt , wenn du gestorben wärest . Ich habe auch viel Glück gehabt , und es ist mir gut gegangen ; ich habe so selten wie möglich geweint , sondern habe immer die Locken aus der Stirn gestrichen , nach den Sternen gesehen und mich nicht von dem abbringen lassen , was gut , recht und ehrlich ist . Gelernt habe ich nach Kräften und dabei gedacht : wenn er kommt , soll er mit mir zufrieden sein , soll er finden , daß ich an Bildung keinem Weibe auf Erden nachstehe . Aber wärst du zurückgekommen , treu und roh , wie du gingst , so würde ich auch Bildung , Wissen und alles das von mir geworfen haben deinetwegen , wie einst die roten Beeren in das Wildwasser . Alles , was mein in mir ist , habe ich nur dir erworben und für dich aufgehoben . Sei ein milder Richter meines Lebens ! - Der größte Schmerz ist mir zuteil geworden , als dein Bruder neulich mir nachkam und plötzlich vor mir erschien . Auch ihn täuschte der Schein , auch ihm erschien ich , wie so manchem andern , als eine Verlorene . Er war gar wild und unbändig - ganz wie du , Fritz , in früherer Zeit . Die Begegnung hätte mir fast den Tod gebracht . Der arme Junge ! Sein Schicksal hat mir schwer auf der Seele gelastet , obgleich der Baron mir auf seine Ehre versicherte , es sei aufs beste für ihn gesorgt und er sei nach der Heimat zurückgekehrt . Ich habe dahin an den jetzigen Pastor geschrieben und Geld geschickt , aber noch keine Nachricht erhalten . « » Gelogen hat der Baron von Poppen « , rief Fritz Wolf . » Der arme Robert ist arg mißhandelt worden ; heute abend erst habe ich erfahren , daß er in dieser Stadt ist und was er dulden mußte . « » Was ist ihm geschehen , was hat man ihm getan ? « rief Eva mit zornig flammenden Augen . » Sie haben den armen Teufel eingesteckt . Ich kann mir ganz und gar vorstellen , wie verloren er gewesen ist in diesem Gewirr . Hab ich doch Ähnliches durchgemacht . Nun scheint er in guten Händen zu sein . O Eva , liebe , liebe Eva , auch er hat den harten Kampf mit dem Leben , den wir gekämpft haben , jetzt begonnen . « Der Amerikaner faßte die Hand der Jugendfreundin und drückte sie an die heißen Lippen : » Sei gesegnet für alles , was du mir gesagt hast , sei gesegnet , meine Süße , meine Stolze , du einzige Eva Dornbluth ! Ja , du hast den härtesten Kampf gekämpft und den stolzesten Sieg erstritten , und vertauscht sind die Rollen zwischen uns - ich muß mich verteidigen , und du mußt richten , meine Tapfere , Treue , Liebe . « » Du sagst liebe Eva ! « rief das Mädchen , wie außer sich . » Dank Gott , o habe Dank , Fritz ! Du willst mir glauben , daß ich deiner noch immer würdig bin ? O Fritz , sag es mir ; nimm mich an dein Herz , laß mich nicht mehr allein in der Welt , es ist so schrecklich , allein zu sein . Es ist so schwer , die rechten Sterne zu erkennen , wenn man kein helfendes Herz zur Seite hat . O Fritz , weshalb hast du mich so lange , lange allein gelassen ; du bist mir viel Liebe schuldig . Sei gesegnet , daß du endlich doch gekommen bist . Ich habe in machtlosem Schweigen und mit lächelndem Munde soviel lauten und verborgenen Hohn und so viele Demütigungen ertragen müssen . O Fritz , gedenke immer daran , wenn du einmal zornig über mich werden willst . Sei willkommen und gib mir Liebe und Schutz , mein wilder Wolf aus dem Winzelwalde ! « Die kleine Lampe war dem Ausgehen nahe , und man konnte also die Tränen in Friedrichs Augen nicht sehen . Stumm hielt er die Geliebte an seiner Brust . Die Sterne Eva Dornbluths hatten doch guten Schein gegeben . Zehntes Kapitel Die Sterne Friedrich Wolfs aus Poppenhagen . Ein Stein des Anstoßes wird aus dem Wege geräumt . Westward ho ! Die Lampe flammte noch einmal auf und erlosch . Friedrich Wolf aus Poppenhagen rief : » Wie du zitterst , Mädchen ! Es ist so kalt hier . Komm fort aus dieser Dunkelheit ; komm wieder in dein hübsches , heiteres Reich ; dort wie hier bleibst du meine süße , meine tapfere Eva . Ich bitte dich , stoße du mich nicht von dir , du bist viel besser als ich . Weh mir , daß ich es wagte , Rechenschaft von dir zu fordern . Willst du mir verzeihen ? « » Was wäre ich ohne dich ? « flüsterte Eva , das Gesicht an der Brust des Freundes verbergend . » Nimm mich . Ich bin ganz dein und ohne dich nichts . « Sie ließ sich von dem Freunde in das warme Gemach zurückführen . Hier hatte die junge Magd aufgeräumt , die Unordnung und der Dunst waren verschwunden , eine schöne Lampe mit mattgeschliffener Kristallkuppel brannte auf dem runden Tisch vor dem Diwan . Die Magd machte sich noch zu schaffen im Zimmer und sah verstohlen neugierig auf den Fremden . Eva nahm sie an der Hand und führte sie zu Fritz : » Sieh , das ist meine gute Marie . Ich habe ihr viel zu danken . Sie ist mir die treueste Freundin gewesen . « Die Kleine warf ihr keckes Stumpfnäschen in die Höhe : » Also Sie sind der vortreffliche Herr , welcher uns soviel Sorgen und schlaflose Nächte gemacht hat ? Angenehme Bekanntschaft . Sind Sie endlich doch noch gekommen ? Wenn ich in der Stelle meines Fräuleins wäre - « » Oh , Marie , sprich nicht so « , sagte Eva . » Du freust dich doch mit mir ! « » Das ist es ja eben , was mich ärgert « , rief die Kleine ; das mutige Näschen senkte sich , die hübsche Schürze fuhr nach den noch hübschern Augen ; dann drehte sich Marie auf den Hacken , fuhr blitzschnell aus der Tür , brach draußen in ein helles Weinen aus und lachte noch heller dazwischen . Sie saß den ganzen Abend im Winkel und erschien erst ganz spät wieder mit überaus buntgefärbtem Gesichtchen ; weshalb hielt die Schürze auch nicht Farbe ? » Das Kind war ebenso verlassen wie ich ; wir haben uns treu aneinandergeschlossen « , sagte Eva . » Doch nun komm , komm . Die Reihe , zu erzählen , ist jetzt an dir , Fritz . Sage nun , wie du das Leben überwunden und dich zu dieser glücklichen Stunde durchgerungen hast . « Sie zog ihn zu dem Diwan , strich ihm lächelnd die Locken von der Stirn , küßte ihn und sagte : » Ich horche mit ganzer Seele . « Darauf begann der Amerikaner seinen Bericht : » Du hast ganz recht ; ich habe mehr Anlage , ein Taugenichts zu werden , auf den Weg mitbekommen als irgendeiner unserer Poppenhagener Altersgenossen . Einen tollen , eigensinnigen Kopf trage ich auf den Schultern , und mein Sinn ist von Eisen wie mein Körper . Über alles das hast du , Eva , einzig und allein Gewalt erlangt . Du bist das einzige Wesen gewesen , welches ich fürchtete und deshalb mit knabenhafter Roheit mißhandelte . Du hast mich zu deinem Sklaven gemacht , dich habe ich geliebt , dich liebe ich . Von unserer Jugend brauche ich nicht mehr zu sprechen , denn du hast das singende , klingende Märchen derselben schon selber erzählt . Oft hab ich in der fremden Wildnis , auf dem Meer , in dem Lärm der großen transatlantischen Städte Gelegenheit und ein stilles Fleckchen gesucht , um die Augen zuzudrücken und den Winzelwald , die Hütten von Poppenhagen samt ihren Bewohnern und die Königin von allen , das kleine Mädchen Eva Dornbluth , aufsteigen zu lassen . In der Nacht , in welcher ich in die weite Welt hinauslief , beginnt meine Erzählung . Auf der Bergspitze , von welcher man den letzten Blick in das Tal von Poppenhagen werfen kann , hielt ich zuerst an vom Lauf . Die Straße , der Wald und die Höhen leuchteten im weißen Mondlicht , unten aus der Tiefe , wo das Dorf lag , funkelte ein einziges Licht ; ich wußte , es leuchtete von dem Sarge des Schulzensohnes , der zwei Tage vorher gestorben war . Obgleich ich mit dem Verstorbenen gar nicht gut gestanden hatte , so peinigte dieses Licht mich doch sehr und verwilderte mir das Herz , welches schon so schmerzhaft um dich , Eva , schlug , noch viel mehr . Es machte mich unendlich traurig und fast mutlos , so daß meine Knie zitterten und ich beinahe umgekehrt wäre . Aber der Gedanke an das Gelächter des folgenden Tages trieb mir das Blut in die Wangen ; im vollen Lauf stürzte ich fort , bergunter - die Heimat lag hinter mir , das Los war geworfen . Ich war endlich in der weiten Welt ; aber erst als der Morgen anbrach , merkte ich , wie weit sie war , wie wüst und verworren . Die ganze Nacht rannte ich durch , bis die Sterne verblichen , der graue Schein über die Berge sich legte und in der Ferne die Hähne ihn ankrähten . Mit Aufgang der Sonne stand ich auf der letzten Höhe des Gebirges , vor mir dehnte sich die Ebene mit ihren Städten und Dörfern , die Ebene , welche ich bis dahin noch nicht gesehen , von welcher ich keinen Begriff hatte . Ich setzte mich stumpfsinnig auf einen Steinhaufen , legte mein kleines Bündel neben mich und starrte ratlos in die unbekannte Weite . Ich war hungrig und durstig , ein blöd-wildes Tier . Nach kurzer Ruhe schlich ich die letzte Höhe hernieder und ein in das flache Land . Das wenige Geld , was ich besaß , war in den nächsten Tagen vertan ; ich schlief unter freiem Himmel , in Schuppen oder in Ställen , wie es kam . In einer leeren Ziegelhütte , wo ich vor einem Sturm und der Nacht Schutz suchte , traf ich auf die Leute , welche meine nächsten Schritte in der Welt lenken sollten . Als ich in die Hütte kroch , fand ich den unbehaglichen Raum bereits besetzt . Ein Hund fiel mich mit wütendem Gebell an , und ein Weib kam ihm mit Hand und Mund bei dem abwehrenden Angriff zu Hülfe . Aus der Tiefe der Dunkelheit deklamierte eine äußerst helle Mannesstimme mit hohem Pathos dem Vorgang ganz unangemessene Herzensergüsse Theklas von Friedland . Ich war müde , hungrig und zornig , so daß ich weder Hund noch Weib achtete , sondern sie überwältigte und in das Innere der Hütte , an welcher ich gewiß ein ebenso gutes Recht hatte wie die zeitweiligen Bewohner , eindrang . In einer Ecke glimmten einige Kohlen , und darauf zischte ein Suppentopf . In einer andern Ecke stand ein Pierrotkasten ; der Deklamator war der Puppentheaterdirektor Joseph Leppel ; die Dame war Julie Leppel , seine Gemahlin , der Hund hieß Zampa und konnte mehr als bellen ; er war ein Künstler , und wir wurden später die besten Freunde . Nachdem ich den Eintritt in den schützenden Raum erzwungen hatte , während der Regen draußen niederrauschte , kam es zwischen mir und der Familie Leppel zu einer Auseinandersetzung , und Signora Julia zeigte sich als eine verständige Dame , welche Vernunft annehmen konnte . Signor Joseph lud mich zu der Suppe ein , und mein Appetit ergötzte die beiden guten Leute mehr als den Hund , der an seinem Teil von der Mahlzeit beträchtlich durch den neuen Mitesser verkürzt wurde . Nach der Mahlzeit , während ich im Halbschlaf in einem Winkel mich zusammenrollte , fand eine lange flüsternde Beratung zwischen dem Ehepaar statt , und nachdem man am folgenden Morgen genau meine Lebensverhältnisse erkundet hatte , legte man mir das Resultat der Beratung vor . Der Direktor schien ein wenig engbrüstig durch seine schwierige Stellung als Dirigent und Aktor geworden und dazu sehr schlecht auf den Füßen zu sein . Er bedurfte , um den schweren Puppenkasten zu befördern , eines jüngern , kräftigeren Gehülfen . Einen solchen hatte er gehabt ; aber am vergangenen Tage war ein Streit um die Gage ausgebrochen , und der Helfer hatte in Haß und Zorn seinen Abschied von der Gesellschaft genommen . Der Direktor verachtete ihn zwar , befand sich aber doch in der allergrößten Verlegenheit , und ich erschien ihm wie vom Himmel gesendet . Mit Pathos hielt er mir eine Rede , in welcher er mir auseinandersetzte , wie die Götter mich begünstigten , indem sie mir durch seine - Joseph Leppels - Hand das glänzende Reich der Kunst erschlössen . Ich solle nicht zaudern und die Götter erzürnen - sprach er - , ein Paar Stelzen , auf welchen der Vorgänger ein dankbares Publikum entzückt habe , sei vorhanden , und seine - des Redners - Frau werde mich mit Vergnügen die hohe Kunst lehren , hoch über den Köpfen der Leute zu schreiten . Ich starrte den Mann eine geraume Zeit an ; die Signora malte mir gräßlich die Schrecklichkeit des Hungertodes und die Fürchterlichkeit der Polizei vor : ich nahm das Anerbieten an und war ein Gaukler und Puppenspieler geworden , fast ohne zu wissen , wie das gekommen war . Die Kunst , auf Stelzen zu tanzen , lernte ich leicht und schnell und brachte sie binnen kurzem zu einer gewissen Vollkommenheit ; es gefiel mir bald gar nicht übel , so von der Höhe auf die staunenden Gesichter des Volks herabzusehen . Der Puppenkasten war eine leichte Bürde für meine Schultern ; mit Bequemlichkeit trug ich ihn durch das Land und lernte ein gutes Stück Leben kennen . Mein Prinzipal war ein merkwürdiger Mensch , ein Drittel gutmütiger Vagabund , ein Drittel Spitzbube und ein Drittel Phantast . Er hatte ein eigentümliches Leben hinter sich ; von begüterten Eltern geboren , hatte er gelehrte Schulen besucht ; aber ein bodenloser Leichtsinn hatte ihn zuletzt zu seiner jetzigen Lebensstellung herabgebracht . Er hatte die fixe Idee , daß er noch einmal Direktor eines wirklichen Theaters werden müsse , und er ist mir immer ein leuchtendes Beispiel gewesen von der Macht solcher fixen Ideen und dem , was der Mensch dadurch erreichen kann . Signor Leppel hat durchgesetzt , was er wollte , ist jetzt zu New York Manager eines vielbesuchten Vorstadttheaters und auf dem Wege , ein reicher Mann zu werden . Schon als ich mit ihm zusammentraf , trug er sich mit Auswanderungsgedanken und machte von Zeit zu Zeit den Versuch , das Geld zur Überfahrt zu ersparen . Das hielt aber bei der Ungebundenheit seines Lebenswandels äußerst schwer , und ohne die Frau hätten wir ' s auch nicht fertiggebracht . Sie zeigte Charakter - in mancher Hinsicht sogar zuviel Charakter ; hier aber war es gut , daß sie durchgriff . In kurzen zwei Jahren hatten wir das Geld zur Überfahrt zusammen und schifften uns in Bremen ein . Die See übte einen eigentümlichen Einfluß auf die Prinzipalin ; das Stampfen , Schaukeln und Rollen , das Kopfüber-aus-den-Kojen-Poltern , das Salzwasser , die Erbsen und das Pökelfleisch machten sie - zärtlich ; sie klammerte sich nicht nur bei Sturm und schlechtem Wetter , sondern auch bei totaler Windstille mit großer Zutulichkeit an mich , und der Prinzipal sah das mit stillem Grimm . Auf dem Meer wurde der Signor zu sehr von der Seekrankheit niedergehalten , um seinen Gefühlen Luft machen zu können ; aber sowie wir den Fuß auf das feste Land setzten , brach sein Zorn gegen mich los , und es half mir gar nichts , als ich ihm versicherte , seine Gemahlin habe nicht die geringste Anziehungskraft für mich und die Zuneigung herrsche allein auf ihrer Seite . Die Eifersucht hatte ihre blutige Saat gesät , und in einer Strandschenke auf Long Island brach der alte ewige Kampf um das Weib auch zwischen Joseph Leppel und Fritz Wolf los , und jeder von beiden verlor Haare , trug blaue Flecke und zerrissene Jacken davon . Wir trennten uns , indem der eine dem andern das böseste Los wünschte und die gräßlichsten Segenswünsche nachschrie . Ich begann das Leben auf eigene Faust . Nur noch eine kurze Zeit ging ich vor den Bürgern der großen Republik auf Stelzen ; aber da es ihnen kein Vergnügen machte , so hörte auch für mich der Spaß dabei auf ; ich gab das Geschäft auf , wurde Zeitungsverkäufer und schrie den Broadway auf und ab die New Yorker Tribüne aus . Dann wurde ich Sänger bei einer Gesellschaft nachgemachter Tiroler , und dann - ich hatte bei dem Signor Leppel doch viel gelernt - , dann betrat ich die Bühne bei mehr als einer herumziehenden Truppe . Dabei hatte ich das wenigste Glück , wurde furchtbar ausgezischt und legte mich auf den Hausierhandel , der mich weit in das Innere des Landes führte , tief in die großen Wälder . In dem Walde fühlte ich mich seit Jahren zum erstenmal wieder so recht an meinem Platze . In den großen Wald gehörte der Knabe vom Eulenbruch . Den Hausierkasten ließ ich , wie ich den Puppenkasten gelassen hatte , griff nach der Büchse und fand mich nun endlich auf der Bahn , für welche die Natur mein ganzes Wesen bestimmt hatte . Ein wildes , freies , stolzes Leben führte ich jetzt , einsam oder im Kreise gleichgesinnter Genossen . Ich schlürfte die Lust des Abenteurertums in vollen Zügen , und dazu wirkte der Zauber des einsamen Lebens , wie ich sagen darf , veredelnd auf mich . Was das tolle , haltlose Treiben der letzten Jahre mir an Gemeinheit aufgedrückt hatte , das streifte ich jetzt allmählich wieder von mir ab ; ich wurde ein ganz anderer Mensch und schämte mich mancher Stunde der Vergangenheit . Und wie mein Geist freier wurde , so sah ich jetzt auch die Zeit meiner Jugend , die Verhältnisse meiner Heimat mit andern Augen an . Dein Bild , Eva , tauchte zuerst aus dem wüsten Nebel wieder auf , und immer klarer , immer glänzender ward es wieder - in so weiter Ferne wurdest du von neuem zum Stern meines Lebens . Bei allem , was ich tat , dachte ich , von dieser Zeit an , an dich . Du warst zu jeder Stunde mein holder Schutzgeist . Ich war arm , aber unbeschreiblich glücklich , als das Ereignis kam , welches mich zum reichen Manne machte und welches mir den Namen gab , unter dem ich in dieser Stadt aufgetreten bin . - Wir lagerten in der Wildnis zwischen dem Arkansas und dem Canadian , unserer vier , ein alter Mann mit weißem Haar , Josua Warner , ein Mann vom Stamm der Chactasindianer , ein Neger und ich selbst . Der alte Warner war trotz seines Reichtums ein geschlagener Mann . Er hatte seine einzige Tochter wider ihren Willen an den Sohn eines verstorbenen Freundes verheiratet . Durch Verschwendung , leichtsinnige Spekulationen und Unachtsamkeit hatte Frank Saint-Coeur das eigene Vermögen eingebüßt und den Schwiegervater beinahe mit in das Verderben gezogen . Dann hatte er sich mit der Justiz überworfen , einen Mann im Streit erschossen und war entflohen nach dem fernen Westen , nach Texas . Seine arme Frau hatte er mit sich geführt , gleichsam als Geisel für den Vater , den er dadurch zu fernern Unterstützungen zwingen wollte . Nun folgte der verzweifelnde Alte der Spur seines Kindes , welches er selbst in das Verderben gestürzt hatte , indem er es in die Hand und Gewalt eines so rohen , harten Mannes , wie Frank Saint-Coeur war , gab . Westward ho ! Niemand hier im alten Lande begreift , was für ein Zauber in diesem Worte liegt . Legionen sind auf dem Wege nach dem Westen , dem fernen , wilden Westen . Sie verlieren sich in der Unermeßlichkeit des Raumes . Hier und da wird ein Feuerherd gebaut , und aus dem Schornstein eines rohen Blockhauses kräuselt der Rauch durch die Blätternacht des Urwaldes oder steigt auf von dem Lagerfeuer inmitten der weiten Prärie . Haben die Ansiedler im Walde , die Jäger , die Emigranten auf der Ebene den Westen gefunden ? Nein , nein ! Immer weiter mit Büchse und Axt , mit Karren und Wagen , mit Weib und Kind , zu Pferd und zu Fuß , immer weiter gen Westen - westward ho ! Wo die Axt klingt , wo die Büchse knallt , ist nicht mehr der wilde Westen ; die vorschreitende Kultur hat nur ihre Grenzen ein wenig hinausgerückt , und der wilde Westen ist ein wenig weiter vor ihr zurückgewichen . Das Zauberland , über welchem allabendlich die Sonne untergeht , wo unbekannte majestätische Ströme durch unbekannte Täler rollen , wo unendliche Schätze offen und doch unerreichbar daliegen , bleibt immer in derselben Ferne ; das Sehnen nach ihm bleibt immer dasselbe . Weiter , weiter , ihr Pioniere ! Sie sind alle auf dem Marsche , Angelsachsen , Deutsche , Romanen und Kelten ; ein jeder hört den Atem des Folgenden im Nacken und sputet sich auf seinem pfadlosen Wege . Es soll da ein Goldland liegen - alte Sagen reden davon ; spanische Missionäre wollen den Fuß darauf gesetzt haben ; - wo ist das Land ? Westward ho ! westward ho ! Am Missouri liegt ' s nicht , nicht am Arkansas , am Roten Fluß nicht , nicht am Rio Brave