? Bei Försters . Und die Mädchen ? Im Dorf . Bester Baumann , wir möchten gern etwas Abendbrod haben . Zu Befehl . Kann Er uns denn etwas verschaffen ? Schwerlich . Oder wenigstens den Speisekammerschlüssel auftreiben ? Wird sich kaum bewerkstelligen lassen . Lieber guter Baumann , seh ' Er doch einmal zu , was sich thun läßt . Zu Befehl . Damit machte die seltsame Gestalt Kehrt und marschirte wieder zur Thür hinaus . Nun , was sagen Sie zu meinem maître d ' hôtel ? Daß der Mann auf jeden Fall ein Original ist ; aber weshalb hat er mich so unverwandt mit seinen alten klugen Augen angesehen ? Melitta lachte . Sie müssen wissen , daß der alte Baumann schon Diener bei meinem Vater war , in dessen Regiment er die Feldzüge gegen Napoleon mitmachte . Er hat mich , als ich ein Kind war , auf seinen Knieen geschaukelt , mich nimmer seitdem verlassen und wird mich nicht verlassen , bis ich sterbe oder er stirbt . Zweimal hat er mir das Leben gerettet , und , ohne daß ich es wollte oder wußte , im Stillen jeden Schmerz mit mir getheilt , ich möchte sagen , auch jede Freude . Wenn ich zu ihm spräche : Baumann , Er muß morgen für mich nach Australien reisen , so würde er sagen : zu Befehl ! würde über Nacht seine Sachen packen und vor Sonnenaufgang schon unterwegs sein ; und wenn ich sagte : es ist nicht anders , Baumann , Er muß für mich sterben , so und so - er würde sagen : zu Befehl ! und nicht mit den grauen Wimpern zucken ; aber wenn ich zu ihm sagte : hören Sie , Baumann , statt : höre Er , Baumann - so würde er das für eine Aufkündigung unserer Freundschaft halten . Jetzt ist er böse , daß ich ihm nicht gesagt habe , wer Sie sind . Weiß er das , und weiß er , daß ich Sie gern bei mir sehe , dann ist er zufrieden . Nun passen Sie auf , was geschieht . Er kommt zurück und sagt uns , daß er schlechterdings nichts für uns thun könne . Darauf gebe ich ihm die gewünschte Auskunft , und mache Miene , selber zu gehen . Dann wird Friede geschlossen . Sie müssen ihn aber gütig ansehen , wenn ich von Ihnen zu ihm spreche . Keine Sorge , gnädige Frau : ich will so freundlich und mild lächeln , wie ein Engel von Guido Reni . Abermals öffnete sich die Thür . Der alte Diener erschien , marschirte in das Gemach , blieb genau auf demselben Platze wie das erste Mal stehen und sagte , wiederum Oswald fixirend : Keine Menschenmöglickeit nicht , gnädige Frau . Aber Baumann , das ist ja jammerschade . Der Herr Doctor Stein ist eigens aus Grenwitz , und noch dazu zu Fuß herübergekommen , um mit Herrn Bemperlein über Julius zu sprechen . Und nun sind die Beiden fortgefahren , und wir können ihm nicht einen Bissen , nicht ein Glas Wein vorsetzen ; und ich selbst habe heute Mittag , wie Er selbst gesehen hat , gar nichts gegessen und komme nun bald um vor Hunger . Oswald mußte sich sehr zusammennehmen , daß sich das ihm anbefohlene Lächeln nicht in ein schallendes Gelächter verwandelte , als er sah , wie die Miene des alten Mannes bei jedem Worte , das Melitta sprach , heller und heller wurde , wie er den vorher auf den Gast fixirten Blick von diesem zu jener , von jener zu diesem wandte , als wollte er sagen : Na , seht Ihr , junges Volk , daß Ihr ohne den alten Baumann nicht fertig werden könnt ! und zuletzt sagte : Nun , was den Kellerschlüssel anbetrifft , so habe ich selbigen wie immer in meiner Tasche , gnädige Frau . Ja , das ist ja auch wahr , und wie ist es mit dem Speisekammerschlüssel ? Eine Menschenmöglichkeit ist es noch , daß Mamsell ihn wieder unter den Abstreicher gelegt hat , trotzdem ich sie schon oft dieserhalb verwarnt habe . Will Er denn einmal nachsehen , Baumann ? Zu Befehl . Sobald sich die Thür hinter dem alten Manne geschlossen hatte , warf sich Melitta lachend in einen Schaukelstuhl . Habe ich es nicht gesagt ? rief sie , sich hin- und herwiegend , lustig wie ein Kind , das seinen Willen durchgesetzt hat ; habe ich es nicht gesagt ? Oswald hatte sich ihr gegenüber an den großen runden Tisch gesetzt , auf dem ein aufgeschlagenes Album und allerlei Zeichenmaterialien lagen . Seine Hand spielte mit einer Bleifeder , während er Melitta , in Gedanken verloren , anschaute . Wollen Sie mich zeichnen ? Ich wollte , ich könnte . Warum nicht , da liegt mein Album . Das hilft mir nichts . Lehren Sie mich erst die Kunst , unmittelbar mit den Augen malen zu können . Sehen Sie , das ist gerade , was ich immer wünsche . Wie oft , wenn mich eine Landschaft , eine Gestalt , ein Gesicht interessiren , denke ich : jetzt mußt du ' s treffen , und will ich nun auf das Papier bannen , was mir so klar vor den Augen steht , wird ' s eine Stümperei . Ich bin überzeugt , Ihr Album wird das Gegentheil beweisen ; darf man es besehen ? Nein , man darf es nicht ; aber Sie dürfen es . Im Grunde hat es nur Werth für mich ; denn für mich steht nicht nur das darin , was ich gezeichnet habe , sondern auch , was ich habe zeichnen wollen . Ueberdies ist mir mein Album eine Art von Tagebuch . Dieses hier werde ich kurz vor meiner italienischen Reise angefangen haben . So waren Sie in Italien ? Vor zwei Jahren mit meinem Vetter Barnewitz und seiner Frau . Ich wollte , Sie wären auch von der Partie gewesen ; einmal Ihrethalben , denn Sie sind es werth , Italien zu sehen , und sodann meinethalben , die ich dann hoffentlich nicht allein , oder in Begleitung von Wachspuppen durch die herrlichsten Gegenden und die reichsten Galerien hätte wandern müssen . Damals , wie stets , war es das Album , dessen geduldigem Papier ich Alles sagte , was sonst Niemand hören wollte . Melitta hatte sich erhoben und sich neben Oswald gestellt , der aufstehen wollte , ihr einen Stuhl heranzurücken . Sie aber , ihn daran zu verhindern , legte die Hand leicht auf seinen Arm und ließ sie dort ein paar Augenblicke ruhen , - ein paar Augenblicke , und doch lange genug , daß Oswald ' s Hand zitterte und seine Stimme bebte , als er jetzt , die ersten Blätter umwendend , sagte : Diese Skizzen sind noch vor der italienischen Reise gezeichnet . Hier ist der geheimnißvolle Teich , an dessen Rand ich heute Nachmittag geschlafen und geträumt habe . Sie haben mir noch nicht erzählt , was Sie geträumt haben . Doch , ich sagte Ihnen ja : süßes , närrisches Zeug . Von einer Dame natürlich ? Ja . So wäre es indiscret , mehr wissen zu wollen . Ach , wie reizend ! rief Oswald , als er das nächste Blatt umschlug . Wie heimlich versteckt liegt dieses Häuschen im Walde ! Gleich treuen Riesenwächtern umstehen es die alten Fichten . Wie eine schützende Gottheit breitet die Buche ihre mächtigen Aeste darüber hin . Als wollten sie sagen : Du bist unser ! klettern die Schlingpflanzen daran hinauf und schaukeln sich vor den niedrigen Fenstern . Und wie träumerisch schleicht der Bach zwischen hohen Binsen und Farrenkräutern hier durch die saftige Wiese im Vordergrund ! - das ist wunderschön gedacht , sagte Oswald , von dem Blatt zu Melitta emporblickend . Und weil Sie Alles so hübsch nachempfunden haben , so will sich Sie noch heute an Ort und Stelle führen . Wie ? so ist dies keine Phantasie ? Bewahre ! höchstens die Enten hier , die sich vor dem Habicht in die Binsen ducken . Das Bächlein ist der Abfluß Ihres geheimnißvollen Sees im Walde . Also nur eine Fortsetzung meines Traumes , sagte Oswald weiterblätternd . Ein loses Blatt kam ihm zunächst in die Hände . Der Kopf eines Mannes im Profil war in schönen , kühnen Linien darauf gezeichnet . In einer Ecke standen die Buchstaben A.v.O. und ein Datum . Das Blatt wird verloren gehen , sagte Oswald . Mag es ! antwortete Melitta . Der Ton , in welchem sie diese beiden Worte sprach , war so eigenthümlich , so ganz ohne die gewöhnliche Süßigkeit ihrer Stimme , daß Oswald unwillkürlich zu ihr aufschaute . Er sah , daß ihre schönen Brauen wie im Schmerz zusammengezogen waren und ihre Lippen zuckten . Er senkte sogleich seinen Blick und wollte das Blatt umschlagen . Melitta legte ihre Hand auf seinen Arm und sagte leise : Wie finden Sie den Kopf ? Ein Sturm brauste durch Oswald ' s Seele . Er hätte sich von dem Sessel zu Melitta ' s Füßen werfen und ausrufen mögen : ich liebe Dich ja , Melitta ! Wie kannst Du mein Urtheil hören wollen über den Mann , den Du geliebt hast , vielleicht noch liebst ... Aber er bezwang sich und sagte mit scheinbarer Ruhe : Es ist der Kopf eines Mannes , auf den mir Tasso ' s Worte zu passen scheinen : Und haben alle Götter sich vereinigt , An seiner Wiege Gaben darzubringen , Die Grazien sind leider ausgeblieben - Dieser Mann wird niemals glücklich sein , weil er niemals wird glücklich sein wollen . Und darum , sagte Melitta , ist dieser Mann aus meinem Leben losgelöst , wie dies Blatt aus dem Album . Wenn man die Erinnerung tödten könnte , wie man ein Blatt vernichten kann , so läge es nicht mehr hier . Da das aber nicht geht , so mag es bleiben , wo es ist . Weiter ! Der Sturm in Oswald ' s Seele war vorübergebraust . Wie lindes Wehen des Frühlings überkam ihn der Gedanke : Sie könnte und würde dir das nicht sagen , wenn sie dich nicht ihres Vertrauens und ihrer Freundschaft für würdig erachtete . Und ein Gefühl unsäglichen Glücks durchbebte ihn bei diesem Gedanken . In dieser seligen Stimmung durchmusterte er die folgenden Blätter , die Melitta auf ihrer italienischen Reise gezeichnet hatte : Landschaften mit heiteren klaren Linien , Skizzen aus Städten : Paläste , Straßen , Ruinen , zwischendurch ein keckes Lazzaronigesicht oder ein träumerisches Mädchenantlitz . Dann folgten Studien nach der Antike , zum Theil sehr fleißige Studien , denn Manches war wieder und wieder gezeichnet , bevor es dem regen Schönheitssinn Melitta ' s genügt hatte . Besonders schön war der Kopf der Venus von Milo . Auf einem der nächsten Blätter war die ganze Gestalt . Wo haben Sie das gezeichnet ? fragte Oswald ; doch unmöglich nach einer Copie ? Nein , nach dem Original selbst . Ich war damals in Italien eine halbe Katholikin geworden , und als ich in Paris im Louvre die hohe Gestalt sah , da sagte ich zu mir : diese oder keine ist deine Heilige . O , Sie glauben nicht , wie schön sie ist ! wie schön und wie gut ! und dieser Ausdruck himmlischer Güte , den die Milonische Venus nicht nur vor allen anderen Venusbildern , sondern auch vor sämmtlichen antiken Köpfen voraus hat , rührte mich fast noch mehr als ihre göttliche Schönheit . Vor der Milonischen Venus habe ich es zum ersten Male begriffen , wie es möglich sei , vor einem Bilde , das Menschenhand geschaffen , zu beten , aufrichtig , inbrünstig zu beten . Warum stützen Sie den Kopf so nachdenklich in die Hand ? Hier , nehmen Sie diesen Bleistift und schreiben Sie mir unter das Bild , was Sie eben gedichtet haben ; denn ich habe es Ihnen angesehen , daß Sie Verse machten . Oswald nahm den Griffel , den ihm Melitta halb im Scherz und halb im Ernst bot , und schrieb , während die schöne Frau ihm über die Schulter blickte , mit zitternder Hand : Fern zu Paris , im hohen Louvresaale , Inmitten all ' der göttlichen Gestalten , Der marmorschönen , ach ! und marmorkalten , Da thront sie hoch auf dem Piedestale ; Sie , die im stillverschwieg ' nen Bergesthale , Als träumerisch die duft ' gen Nebel wallten , Anchises einst in seinem Arm gehalten , Bis sie entschwand im ersten Morgenstrahle . Die Göttin starb . Man fand die schöne Leiche , Und trug sie still in heil ' ge Tempelhallen ; So herrscht die Todte nun im Todtenreiche . Und , keinem , keinem von den Gläub ' gen allen Neigt gütig sie das Angesicht , das bleiche ; Taub bleibt ihr Ohr für frommer Beter Lallen . Oswald legte den Griffel aus der Hand und schaute zu Melitta empor . Sein Blick begegnete dem ihrigen . Für ein paar Momente ruhten ihre Augen in einander , als ob sie Eines in des Andern Seele lesen wollten . Da erschien in der Thür zum Nebenzimmer , aus dem man schon seit einiger Zeit das Klappern von Tellern gehört hatte , der alte Baumann mit einer Serviette unter dem Arm und sagte feierlich , wie der Comthur im Don Juan : Gnädige Frau , es ist angerichtet . Schnell , kommen Sie , ehe unser Habermus kalt wird , rief Melitta . Nur noch die paar Blätter erlauben Sie , sagte Oswald ; ich sehe , es ist gleich zu Ende . Es ist nichts von Bedeutung mehr darin , sagte Melitta fast ungeduldig . Ei , da ist ja der Park von Grenwitz , rief Oswald , indem er , vom Sessel sich erhebend , das letzte Blatt aufschlug . Der Rasenplatz hinter dem Schlosse . Hier die Flora , dort Bruno im vollen Lauf - Und hier sind Sie ! Wo ? Dort . Dieser Nebelstreif ? sagte Oswald , auf eine Stelle rechts neben der Flora deutend , wo man von einer Figur , die mit Gummi wieder weggewischt war , noch eben die Umrisse erkennen konnte . Dieser Nebelstreif ! antwortete Melitta lachend . Ich wollte Sie erst in Ihrer wirklichen Gestalt zeichnen , konnte aber nicht damit zu Stande kommen . Jetzt sollen Sie als Erlkönig figuriren , der den Knaben Bruno hascht ; das heißt Bruno ' s Leib , denn seine Seele gehört Ihnen schon . Wie haben Sie es nur angefangen , den jungen Leoparden in den paar Tagen vollständig zu zähmen ? Durch ein Bischen aufrichtige Liebe . Shakespeare nennt als untrügliches Mittel , die Menschen zu fangen , die Schmeichelei ; ich finde , daß die Liebe ein noch viel sicheres und dabei viel edleres ist . Und ist nicht die Liebe die größte Schmeichelei ? So sprachen Oswald und Melitta , während sie in das Nebenzimmer gingen , ein hohes , schönes , mit alterthümlichen Möbeln ausgestattetes Gemach , in dessen Mitte auf einem runden Tischchen allerlei Erfrischungen gar einladend servirt waren . Hinter dem einen der reichgeschnitzten , hochlehnigen Stühle stand kerzengerade , die Serviette unter dem Arm , der alte Baumann , einer Anerkennung seiner ausgezeichneten Verdienste und fernerer Befehle gewärtig . Nun , was bietet uns denn unser Tischlein-decke-dich ? sagte Melitta , sich setzend , und Oswald mit einer Handbewegung einladend , ihrem Beispiele zu folgen . Kalten Braten - Eingemachtes - ganz charmant , Baumann ! Mamsell wird sich ärgern , daß wir ohne sie fertig geworden sind . Mamsell ist vor einigen Minuten von Faschwitz retournirt , sagte Baumann , der an einem Nebentisch eine Flasche entkorkte . Ich wette , sie ist gar nicht fortgewesen , flüsterte Melitta lächelnd Oswald zu . Was haben wir denn für unsern Gast zum Trinken , Baumann ? Steinberger Cabinet , zweiundvierziger , sagte Baumann , Oswald ' s Glas mit dem goldigen Weine füllend . Und für mich ? Frisches Brunnenwasser , etwa mit Himbeersaft , antwortete Baumann kaltblütig , die Flasche mit dem Stöpfel darauf vor Oswald hinstellend . Damit bin ich heute schlechterdings nicht zufrieden , Baumann ! Wie steht es denn mit unserm Champagner ? Rein alle , gnädige Frau . Aber wir haben ja doch neulich erst eine Kiste bekommen ? Steht noch nietennagelfest im Keller . Ach , das ist ja jammerschade , klagte Melitta . Und ich komme fast um vor Durst , und muß nun gerade heute ein solches Verlangen nach Champagner haben . Nu , nu , tröstete Baumann , wird sich ja noch bewerkstelligen lassen . Damit schritt er zur Thür hinaus . Sehen Sie , so muß ich mir in meinem eigenen Hause Alles zusammenbetteln , sagte Melitta , aber Sie essen ja nicht ! Und was für ein Stück Sie sich da genommen haben ! Das schlechteste auf dem ganzen Teller . Gott , was seid Ihr Männer doch für hülflose , unpraktische Geschöpfe ! Ich merke schon , daß ich für Sie sorgen muß . Und sie begann trotz Oswald ' s Versicherung , daß er gar keinen Hunger habe , seinen Teller mit dem Besten , was sie auf dem Tisch entdecken konnte , zu füllen . Es schmeckt Ihnen nicht , sagte sie endlich fast traurig , als sie sah , daß der junge Mann selbst jetzt die Speisen kaum berührte . Sie sind krank ? Ich befand mich im Leben nicht wohler . Aber sind Sie nie in der Stimmung gewesen , wo man Essen und Trinken für das Ueberflüssigste von der Welt , und die himmlischen Götter selbst , die doch noch des Nektars und der Ambrosia bedurften , für sehr armselige Götter hält ! O gewiß kenne ich solche Stimmungen , antwortete Melitta ; genau so war mir zu Muthe , als ich von meiner Tante zum ersten Mal auf den Ball geführt wurde . Aber das ist lange , undenkbar lange her ; seitdem hat meine Stimmung , so viel ich weiß , mit meinem Appetit nie wieder etwas zu thun gehabt . Trotz dieser Prahlerei indessen blieb auch für Melitta außer ein paar eingemachten Früchten Alles auf der Tafel Schaugericht . Das süße Feuer , das ihren Busen höher wallen und ihre schönen Augen in noch zärtlicherem Lichte strahlen machte , bedurfte zu seiner Nahrung nicht der Gaben der Ceres . Zum ersten Male an diesem Nachmittage gerieth das Gespräch in ' s Stocken . Von dem , was ihre Herzen zum Zerspringen füllte , wagte Keiner zu sprechen ; und Alles sonst erschien so gleichgültig , so nüchtern ! Eine Verlegenheit , die sie vergebens hinter dem Anschein der Unbefangenheit zu verbergen sich bemühten , überkam sie . Beide fühlten , wie eine starke , unsichtbare Hand ihnen die Masken , mit denen wir auf dem Carneval des Lebens unsere wahren Gesichter vor einander verhüllen , langsam , langsam abstreifte . Aus dieser wunderlichen Lage erlöste sie der alte Baumann , der jetzt das närrische Kind der Champagne in seiner silbernen , mit Eis gefüllten Wiege herbeibrachte , und vor Oswald auf den Tisch stellte . Wie er es in den wenigen Minuten bewerkstelligen konnte , aus dem tiefen Keller und der nietennagelfesten Kiste das Gewünschte herbeizuschaffen , war eines der Räthsel , in die sich der gute alte Mann zu hüllen liebte , und die er für jedes sterbliche Auge undurchdringlich hielt . Mit kunstgerechter Hand die Flasche entkorkend , füllte er den perlenden Wein in die langen zierlichen Kelche , die er vom Büffet genommen , und schaute , wohlgefällig lächelnd , zu , wie seine Herrin fast gierig den süßen Trank schlürfte und ihm das geleerte Glas hinhaltend rief : Encore , Baumann ! und schenke Er sich auch ein Glas ein und trinke Er es auf das Wohl unseres Gastes ! Der alte Diener that , wie ihm geheißen ; füllte sich am Büffet ein Glas , und dann , auf zwei Schritt an den Tisch herantretend , rief er : Zuerst auf Ihr Wohl , gnädige Frau ! denn das geht mir doch über Alles . Und möge der liebe Gott Ihre Augen allezeit so fröhlich blicken lassen , wie zu dieser Stunde ! Und sodann auf Ihr Wohl , junger Herr ! und möge der Himmel Ihren Eingang in dies Haus gesegnen , daß nichts als Frieden und Freude daraus komme . Und das wünscht Ihnen der alte Baumann ! So sprach er und leerte langsam das Glas , den Kopf zurückbiegend , bis sein Auge auf den bausbackigen Engelskopf in der Stuckatur der Decke gerade über seinem Scheitel traf ; und das geleerte Glas dann wieder auf das Büffet setzend , trat er an ' s Fenster , dem Paar am Tisch den Rücken zuwendend , wie um die Unterhaltung nicht weiter zu stören . Die Gegenwart des alten Dieners und der belebende Wein hatten ihre Zungen wieder gelöst und ihre Blicke kühner gemacht . Sie schwatzten , scheinbar unbefangen , über allerlei gleichgültige Dinge , bis Oswald Melitta an ihr Versprechen , ihn noch heute nach dem Häuschen im Walde zu führen , erinnerte . Habe ich Ihnen das versprochen ? sagte Melitta . Nun so muß ich es auch wohl thun , obgleich es mir beinahe jetzt leid ist , denn Sie glauben nicht an meine Heilige und sind deshalb nicht würdig , ihre Kapelle zu betreten . Ihre Heilige ? Die hohe Frau von Milo . Ich muß Ihnen jetzt auch nur erzählen , wie weit meine Schwärmerei für die Göttliche ging . Nach meiner Rückkehr verfolgte mich die Erinnerung an das schöne Bild im Louvre so , daß ich nicht ruhte , bis ich mir von Paris mit nicht geringen Kosten eine ausgezeichnete Copie verschafft hatte . Weil ich aber nicht wagte , meine Heilige hier im Hause aufzustellen , brachte ich sie nach dem Häuschen im Walde , das so meine Waldkapelle wurde , zu der ich jedes Mal , wenn Besuch in Berkow ist , den Schlüssel verloren habe ; und wo ich oft ganze Tage und Nächte zubringe , wenn die dummen Menschen mich einmal mehr als gewöhnlich geärgert haben , und ich , da ich keine Gesellschaft haben kann , wie ich sie wünsche , wenigstens ganz einsam sein will . Und da machen Sie dann mit dem Harfner im Wilhelm Meister die traurige Erfahrung , daß , wer sich der Einsamkeit ergiebt , bald allein ist ; aber Ihnen hätte ich solche hypochondrische Grillen am wenigsten zugetraut . Warum nicht mir ? Weil Sie so gut und so heiter blicken - blicken können . Und wissen Sie nicht , daß gerade die heitern Augen am leichtesten weinen ? Ich möchte Sie um Alles in der Welt nicht weinen sehen ; ich glaube , das könnte mir das Leben auf immerdar verleiden . Und wieder ruhten ihre Blicke in einander , und ihre Seelen küßten sich . Nun denn , so kommen Sie ! sagte Melitta . Es zieht ein Gewitter herauf , bemerkte der alte Baumann vom Fenster her , ohne sich umzuwenden . Bis es herauf ist , sind wir längst drüben , sagte Melitta , die sich schon erhoben hatte . Und wenn Sie sich vor einem Gewitter nicht mehr fürchten , als ich - oder fürchten Sie sich vor einem Gewitter ? - Oswald lächelte . So soll uns das wahrlich nicht abhalten . Uebrigens sehe ich vom Gewitter keine Spur ; sagte sie schon an der Thür des Gartensaales . In diesem Augenblick zog ein blauer Schatten über den Garten , und eine Schaar Schwalben schoß zirpend und schreiend dicht über die Erde streifend , an der Thür vorbei . Wollen wir doch lieber bleiben ? sagte Melitta , die schon den Fuß über die Schwelle gesetzt hatte , zu Oswald zurückgewandt . Ich fürchte mich nicht vor dem Gewitter , antwortete Oswald , nicht nach dem Himmel , sondern in ihre Augen blickend . Und im Walde ist es gerade am schönsten im Sturm und Gewitter ! rief Melitta . Adieu Baumann ! Wenn der Wagen von Grenwitz kommt , schicke Er ihn nach der Försterei . Der Kutscher soll sich im Waldhäuschen melden . Baumann schaute den Enteilenden nach , bis Melitta ' s weißes Kleid zwischen den Büschen verschwunden war . Wer ihn so auf der Schwelle des Hauses stehen sah , den alten , hohen Mann mit dem weißen Bart und dem narbenvollen Gesicht , die noch immer starken Arme über der treuen Brust verschränkt und die klugen , treuen Augen nachdenklich in die Ferne gerichtet - der mochte wohl denken , daß ein besserer Wächter nicht könnte gefunden werden . Aber ach ! das Haus war leer ; die geliebte Herrin war davon geeilt , hinein in den gewitterschwülen Abend mit dem Fremden , dem Manne , den sie seit gestern kannte . Und er , der treue Diener , seufzte tief , während er mit gesenktem Haupte durch den Saal in das Eßzimmer zurückschritt und langsam den Tisch aufzuräumen begann . Die guten Gottesgaben kaum berührt , murmelte er , das gefällt mir nicht . Wenn junges Volk keinen Hunger im Magen hat , hat es Narrenspossen im Kopf . Und an dem Wein haben sie auch nur genippt . Da steht die Flasche noch halb voll - und morgen ist er nicht mehr zu trinken ... morgen ... Der alte Mann setzte sich an den Tisch und stützte sein sorgenvolles , graues Haupt auf die runzlige Hand . Aber an Morgen denkt das junge Volk nicht . Morgen ist der junge Mann mit seiner weichen Stimme und seinen großen blauen Augen wieder in Grenwitz , und wer weiß , wo er übermorgen ist . Aber der alte Baumann ist hier - morgen und übermorgen ; und wenn die Gäste fort sind , sieht das Haus ganz anders aus , und beim Auskehren da findet es sich ... Ja , ja , der alte Baumann sieht , was die Andern nicht sehen , und hört , was die Andern nicht hören . - Ach , Baumann , ich wollte , ich wäre todt ! ach , Baumann , warum hat Er mich damals aus dem Feuer getragen ! - Jetzt sagt sie : ich fürchte mich nicht vor dem Gewitter und : schicke Er uns nur den Wagen nach , Baumann ! Hm , hm ! ich hätte es eigentlich nicht zugeben sollen ; ich hätte sie bei Seite nehmen sollen und zu ihr sagen : Höre Kind , so und so ! denke an das und das ! ... Aber wenn ich die Kleine so glücklich sehe , so fröhlich , wie damals , als ich sie zuerst auf dem Pony reiten sah , ein zwölfjähriges Ding , und sie sagte : bitte , bitte , lieber Baumann , nun laß Er uns einmal ordentlich jagen , da konnte ich auch nicht nein sagen , und fort ging es , was die Thiere laufen wollten . Gerade so große , strahlende Augen hatte sie heute Abend wieder und gerade so rosig und frisch sah sie wieder aus . Das arme , arme Kind ... Ja so , du wolltest ja nachsehen , ob oben die Fenster alle ordentlich schließen , es ist von wegen des Gewitters . Vierzehntes Capitel Fröhlich wie Kinder aus der Schule eilten Oswald und Melitta aus dem Hause durch die grünen Laubgänge des Gartens nach der Pforte , die aus diesem heraus auf die Wiese führte . Hinter der allmälig aufsteigenden Wiese ragte der Wald . Gleich neben der Pforte und ein Stück am Garten hin lag ein halb versumpfter , hie und da am Rande mit Weiden besetzter Teich , da sich das Wasser des Waldbaches an dieser tiefer gelegenen Stelle abermals staute , um dann an dem Gutshof vorüber und hernach durch das Dorf lustig hinabzuplätschern . Auch die Wiese war schon zum Theil versumpft , mochte auch wohl im Frühjahr ganz unter Wasser stehen ; jetzt dienten große Steine als rohe Brücken über gar zu nasse Stellen . Der Weg ist für Stadtherrn ein wenig sehr ländlich , nicht wahr , Herr Doctor ? sagte Melitta , leicht wie eine Gazelle von Stein zu Stein hüpfend : wir Naturkinder freilich sind an dergleichen gewöhnt . Ich hätte Sie auch den längern Weg durch den Park und den Wald führen können ; aber Sie müssen Berkow auch von seiner Schattenseite kennen lernen . Nun wahrlich , gnädige Frau , wenn dies eine Schattenseite von Berkow ist , so verlangt mich nicht nach den Sonnenseiten , sagte Oswald lächelnd , indem er auf einem der Blöcke stehen blieb und seinen Hut abnahm , um sich den Schweiß von der Stirn zu wischen ; denn die Luft war schwül , der blaue Schatten war vorüber gezogen , die am Rande des Holzes stehende Sonne schoß glühende Strahlen , und sie waren schnell gegangen . Schon müde ? sagte Melitta , ebenfalls stehen bleibend und sich den Hut abnehmend , um ihr reiches , braunes Haar nach hinten zu schütteln ; kommen Sie , je schneller wir laufen , desto früher kommen wir in den schattigen Wald . Ich zähle eins , zwei , drei - und wer zuerst ankommt - Nun ? Das wird sich finden . Eins , zwei , drei - o ! Melitta war von dem Stein , auf welchem sie stand , auf einen anderen , niedrigeren gesprungen , und sank mit einem Ausruf des Schmerzes in die Kniee . Im Nu war Oswald an ihrer Seite . Mein Gott , was ist Ihnen , gnädige Frau ? O , nichts , nichts ! Ich habe mir im Springen den Fuß etwas