Haupt mit einem Ausdruck von unsäglicher Demut und legte ihre Hände wie zum Gebet vor der Brust zusammen . » Nun , was antwortest Du jetzt ? « fragte der Graf . » Jetzt und immer dasselbe , « antwortete sie mit einer Stimme , die aus leisem Zittern allmählig in Festigkeit überging . » Es ist das , was Du schon weißt , lieber Vater : mein Verlangen geht nicht nach der Welt , sondern nach dem Kloster , und ich habe meinem Herrn und Heiland das Gelübde der ewigen Jungfräulichkeit abgelegt . « Der Graf sprang auf und rief mit Donnerstimme : » Bleib hier sitzen ! nicht vom Fleck Dich gerührt ! ich komme wieder ! « Er verließ das Kabinett . Regina seufzte leise : Liebe Mutter Gottes , stehe mir bei ! und drückte innig einen Rosenkranz an ihre Lippen , den ihre Mutter immer bei sich getragen und täglich gebetet hatte . In das goldene Kruzifix dieses Rosenkranzes war ein Partikel vom wahren Kreuz gefaßt . Regina betrachtete es zärtlich und sagte zu sich selbst : Jetzt beginnt mein Kreuzweg , denn ich betrübe meinen Vater . Der Graf kam wieder . Er hatte sich zum Beistande Onkel Levin geholt . Als Regina ihn eintreten sah , brach ein Freudenstrahl aus ihren Augen . Sein mildes Antlitz schien ihr noch milder als gewöhnlich zu sein . Der Graf hatte sich inzwischen auch gefaßt und überlegte , daß es nicht länger geraten sei , Regina einzuschüchtern und im Stillschweigen über ihre innerste Seelenstimmung zu erhalten . Er setzte sich mit Levin ihr gegenüber und sagte gelassen : » So ! nun weiter , Regina ! Du hast also das Gelübde der ewigen Jungfräulichkeit abgelegt . Wann ist das geschehen ? « » Am Tage meiner heiligen Erstkommunion . « » Wie alt warst Du da ? « » Dreizehn Jahre ; und seitdem hab ' ich es immer am Jahrestage erneuert . « » Wen hast Du dabei zu Rate gezogen ? « » Niemand . « » Ganz für Dich allein hast Du diese Verwegenheit gehabt ? « » Ich wußte nicht , daß es verwegen sei , der göttlichen Liebe eine ausschließliche Liebe zu geloben , « sagte sie so treuherzig , daß Levin unwillkürlich zum stillen Dankgebet für diese Lauterkeit der Seele die Hände faltete . » War das ein Gebrauch bei den Damen von Sacré Coeur ? « » Ein Gebrauch ist es ja nie und nirgends , lieber Vater . « » Ich meine , hat man Euch im Pensionat direkt oder indirekt zu einem solchen Gelübde veranlaßt ? « » Niemals . « » Haben andere es abgelegt ? « » Das weiß ich nicht . Ich habe nie darüber gesprochen . « » Auch nicht in der Beicht ? « » O nein ! da spricht man von seinen Sünden - und dies ist keine . « » Es könnte doch eine schwere Sünde sein , so über sich zu verfügen ohne Wissen der Eltern ! Kennst Du nicht das Gebot : Du sollst Vater und Mutter ehren ? « » Doch , mein lieber Vater ! Aber Christus hat auch gesagt : Wer Vater und Mutter mehr liebt , als mich , ist meiner nicht wert . « » Wie bist Du aber überhaupt auf diesen Gedanken gekommen ? « » Durch die liebe selige Mutter zuerst ! « » Das ist nicht wahr , « rief der Graf . » Deine selige Mutter hat nie anders gedacht , als daß Du Uriel heiraten würdest . « » Ich glaube , Dein Vater hat recht , Regina ! « sagte Levin . » Besinne Dich , Kind . « » Ich brauche mich nicht zu besinnen , lieber Onkel Levin , ich weiß es ganz genau ! Erinnerst Du Dich nicht , daß die liebe Mutter gar viel ein paar spanische Verslein der heiligen Therese im Munde führte , die gar lieblich klangen und deren Schluß war : Solo Dios basta ? « 1 » Gewiß ! « sagte Levin und der Graf nickte einstimmend . » Solo Dios basta ! das klang mir so erhaben und lieblich und ich fragte sie einmal , wie das auf deutsch heiße . Da sagte sie : Es heißt Nichts genügt uns , als Gott ; denn in ihm haben wir Liebe , Glück , Freude , Frieden , wechsellos und unvergänglich , während das alles außer Ihm gar schwankend und unsicher ist . Und dann pflegte sie mir viel zu erzählen von den heiligen Klosterfrauen der alten Zeiten , wie sie gewirkt hätten für das Reich Gottes auf Erden durch ihr Beispiel und ihr Gebet , und wie sie durch ihren himmlischen Wandel die Christusliebe geweckt und genährt hätten in tausend Seelen , und weit hinaus über ihr irdisches Leben , und wie sie , oftmals von Leid und Trübsal und mancherlei Nöten heimgesucht , doch immer froh wie die Seligen gewesen wären , weil es für sie wie für die heilige Therese stets geheißen habe : Solo Dios basta . Bald darauf schied die liebe Mutter von uns . Aber ich vergaß nie ihr Solo Dios basta und was sie darüber gesagt hatte . Als nun die selige Zeit der heiligen Erstkommunion für mich kam , als ich mehr und mehr erfuhr von dem Wunder der Liebe Gottes , das er im eucharistischen Opfer für uns wirkt , um unsere Seelen auf dem Pfad der Gnade zum Thron der Glorie hinzuziehen , und von der unendlichen Verdemütigung der ewigen Liebe , die nichts so sehr begehrt , als die armselige Liebe des staubgeborenen Geschöpfes , und wie sie statt dessen Verschmähung , Beleidigung , Verlassenheit erfährt , und wie die Seelen , ach , so leicht ! alles für Glück halten , was Gott nicht ist : da kam mir das Solo Dios basta gar nicht mehr aus dem Sinn . Ich dachte es nicht und wollte es auch gar nicht denken ; aber wohin ich sah und hörte , überall sah und hörte ich Solo Dios basta ! Am Tage der heiligen Feier konnte ich mich gar nicht fassen vor Übermaß der Freude , daß meine Seele mit dem König der Ewigkeit ein himmlisches Brautfest , eine Vereinigung für die Ewigkeit gefeiert habe und daß ich jetzt , wie die selige Mutter gesagt hatte , alles Glück , alle Liebe und alle Befriedigung wechsellos und unvergänglich mein nennen durfte . Als wir am Abend wieder in der herrlich erleuchteten Kapelle waren , wir Erstkommunikanten in unseren weißen Kleidern , mit dem Kränzchen im Haar , wie Bräute , alle so froh und glücklich , und die übrigen so teilnehmend und gerührt , und alles ringsumher so festlich geschmückt : da fiel mir ein , ich weiß nicht wie ! daß wohl manche aus dieser Schar dereinst ein Brautfest im Sinne der Welt feiern werde . Da schaute ich auf den Tabernakel und sagte innerlich : Aber ich , Herr , ich werde das nicht tun . Ich bleibe Deine Braut in Ewigkeit . Ich trage Deinen Brautkranz ; keinen anderen ! und diesen Kranz lege ich dereinst vor Deinem Throne nieder , so gewiß ich hoffe , mit Deiner Gnade meine Seele Dir zu bringen , die ich in diesem Kranz Dir anvermähle , geliebter Herr , Dir und keinem anderen . Das sagte ich innerlich ganz entschieden und wurde so froh , als ob ich schon unter den Seligen wäre . Während der Andacht bat ich unaufhörlich die heilige Mutter Gottes und meine liebe Mutter um ihre Fürbitte , daß ich der Gnade , eine Braut Christi zu sein , auch recht würdig werden möge , und als zum Schluß der Andacht der Segen mit dem Sanctissimum gegeben wurde und einige von uns , unter denen auch ich war , mit dem O salutaris hostia es begrüßt hatten , da schaute ich auf die Monstranz und sagte : So wahr , wie Du da geheimnisvoll und wesenhaft in die Gestalt der Hostie Dich verschleiert hast , und so wahr , wie Du Dich heute geheimnisvoll und wesenhaft im teuersten heiligsten Sakrament mir geschenkt hast : so schenke ich mich Dir , ohne Rückhalt , ohne Teilung , für Zeit und Ewigkeit , und will als Klosterjungfrau für Dich leben und sterben . Und bei dem Entschluß ist es denn geblieben . « Regina hatte mit einer so ruhigen Fassung gesprochen , als erzähle sie die einfachste Begebenheit von der Welt , über die man gar nicht viel Worte zu verlieren brauche . » Ist ein solches Gelübde gültig , lieber Onkel ? « fragte der Graf . » Gewiß ! « entgegnete Levin . » Aber der Bischof oder der Papst kann eine Dispense geben , nicht wahr ? « » Wenn sie verlangt wird , allerdings . « » Verlange sie nicht für mich , lieber Vater , « sagte Regina bittend , » denn ich werde doch nie Gebrauch davon machen . « » Dispense für ' s Gelübde und Dispense für die Ehe wegen der Verwandtschaft , « fuhr der Graf fort , ohne sich stören zu lassen . » Ich denke , wir betreiben das persönlich in Rom . Die Grillen eines dreizehnjährigen Kindes fallen nicht in ' s Gewicht neben dem Glück einer Familie . « » Aber , lieber Vater , zu dieser Familie gehört doch auch dies Kind und sein Glück , und es ist nicht mehr dreizehn Jahre alt . « » Allein es ist ganz unerfahren über sich selbst und Welt und Leben , und weiß daher nicht , wo sein Glück liegt . « » Ich weiß , daß es nicht in der Welt und nicht in mir selbst liegt , sondern in Gott ; und da ich das weiß , weshalb soll ich denn noch Erfahrungen machen , die mir zu keiner höheren Erkenntnis verhelfen ? Solo Dios basta ! Wer das weiß , der weiß genug und hat genug . « » Aber begreifst Du denn gar nicht , daß es auch in weltlichen Verhältnissen Glück geben könne ? « » Ich begreife das sehr gut für diejenigen Menschen , welche von Gott in die weltlichen Verhältnisse hineingeführt werden ; also für die große Mehrzahl . Aber nicht für mich ; denn Gott führt mich aus ihnen heraus . « » Und begreifst Du denn gar nicht , daß dereinst bittere Reue , ja Verzweiflung Dein Los sein können ? « Regina sah den Grafen mit einem reizenden schelmischen Lächeln an und fragte zurück : » Wirst Du je darüber in Verzweiflung geraten können , lieber Vater , daß Du in Deinem Leben keinen Mord begangen hast ? « » Alberne Frage ! « brummte der Graf . » Sieh , Du selbst hältst es also für unmöglich , Reue zu empfinden über die Befolgung eines göttlichen Gebotes . Da nun Christus uns über das höchste Gebot belehrt hat , indem er sagte : Liebe Gott über alles , so begreife ich durchaus nicht , wie die Befolgung desselben mir je Reue und Verzweiflung zuwege bringen könnte . Die Nichtbefolgung würde sie hervorrufen , gerade so , wie der Mörder aus Gewissensangst verzweifelt , weil er ein göttliches Gebot verletzt hat . « » Du hast nur die Hälfte jenes Ausspruches Christi gesagt . Der Nachsatz wird Dir zeigen , daß man nicht in egoistischer Vereinzelung sein Glück verfolgen darf . Wie heißt es weiter ? « » Der Ausspruch Christi lautet : Liebe Gott über alles und deinen Nächsten wie dich selbst . Ich habe also Uriel zu lieben , nicht wie ich Gott liebe , sondern wie ich mich selbst liebe ; und das tue ich , indem ich aus ganzer Seele wünsche , daß er in den geistlichen Stand treten möge . « » Regina ! « donnerte der Graf ; aber Levin legte ihm besänftigend die Hand auf die Schulter und sagte : » Regina , Du wirst wohl wissen , daß das Gebot , Gott über alles zu lieben , Weltleute wie Klosterleute angeht und durchaus nicht zum Ordensleben verpflichtet ; und daß große Heilige , ja ich möchte sagen , die berühmtesten , die populärsten , Frauen gewesen sind , die im Ehestand lebten , wie die hl . Elisabeth von Thüringen , die heil . Franziska Romana , die heil . Brigitta von Schweden , die heil . Katharina von Genua , die heil . Johanna von Chantal und viele , viele Andere . « » Ich weiß es , lieber Onkel , « erwiderte Regina , » und ich freue mich , daß es Seelen gibt , die groß und stark genug sind , um in den ermattenden , zerstreuenden weltlichen Verhältnissen ihr Herz in unzerstörbarer Vereinigung mit Gott zu halten . Aber ich weiß auch , daß im Evangelium der jungfräuliche Stand höher geschätzt wird , als der eheliche , weil er auf einem Rat des göttlichen Heilandes beruht , und weil es eine vollkommenere Liebe voraussetzt , den besonderen Rat anzunehmen , als dem allgemeinen Gebot zu gehorchen . Übrigens wirst Du wohl wissen , daß all ' jene heiligen Frauen , teils nach dem Tode ihrer Ehemänner , teils bei deren Lebzeiten noch , aber mit ihrer Erlaubnis , aus den weltlichen Verhältnissen sich zurückzogen , um sich durch die Befolgung der evangelischen Räte desto vollkommener mit Christus zu vereinigen . Was sie also am Ende ihres Lebens ausführten , weil sie es für das höchste Glück hielten , sie , diese großen , herrlichen Frauen , denen es nicht an Erfahrung fehlte , um die Freuden und Vorteile weltlicher Verhältnisse richtig zu schätzen : das möchte ich im Anfang meines Lebens tun . Kann das bedenklich sein ? « » Es ist ein Riß im Familienleben , eine Lücke im Hause , eine Kluft zwischen traulichem Verkehr , mein Kind . « » O lieber Onkel , wenn ein russischer Fürst käme und Corona heiraten wollte und sie ihn , so würde der gute Vater sie getrost ziehen lassen bis nach Archangel , ohne die Lücke im Familienleben zu beachten und ohne zu fürchten , daß ihm seine Tochter im fremden Lande , unter fremden Leuten entfremdet werden könnte ; denn ihr Glück und der Wille Gottes brächten das mit sich . Und mit welchen Sorgen müßte er doch auf sie schauen ! Um mich hingegen braucht er gar keine Sorgen zu haben , sobald ich bei den Karmelitessen bin . Da kann ich nichts verlieren ! Da tut mir Niemand weh ! da gibt ' s keine Nöten und Ängste des Irdischen ! Solo Dios basta ! Wer sich Gott allein in die Arme wirft , der fährt wohl und wird sicherer getragen , als wenn noch der und der Mensch sich auch damit abgibt . Glaubst Du das nicht , lieber Onkel Levin ? « » Ich glaub ' es , mein Kind , « sagte er zärtlich , » aber Dein Vater bezweifelt es . « » O mein lieber Vater ! « rief sie , und ihre Augen leuchteten in himmlischer Zuversicht auf ; » auch Du wirst es glauben ! « Sie kniete vor ihm nieder und küßte seine Hand . » Es ist gut , Regina , Du kannst gehen ; morgen wollen wir weiter sprechen , « sagte der Graf und versenkte sich stumm in seinen Lehnstuhl , nachdem sie das Kabinett verlassen hatte . Auch Levin versank in Schweigen und Nachdenken über den wundersamen mystischen und doch so wahrhaften Zusammenhang im übernatürlichen Leben ; über die Blitze und Funken , die von der ewigen Liebe entsendet , heimlich in die Menschenherzen fallen , hier in ihrer Finsternis untergehen , dort in ihrer Kälte erlöschen ; aber auch zuweilen , wie auf einem Opferaltar , das Feuer zum Opfer entzünden . Und an den unberechenbaren Einfluß heiliger Gesinnung dachte er ! Eines der gnadenreichsten Gottesgeschöpfe , das je auf Erden gelebt hat , die heilige Therese , spricht in drei schlichten Worten den Kern ihres Lebens , ihrer Vollkommenheit aus , und durch die Jahrhunderte klingen sie in einer frommen Seele wieder , in einem treuen Mutterherzen , das mit diesen Worten , ahnungslos wie tief sie greifen , dem geliebten Kinde eine himmlische Richtung gibt . Die heilige Therese wird Regina schon zum mystischen Karmel führen , dachte er , wenn sie den langen Atem des Herzens , die heilige Beharrlichkeit hat . Sein Opferleben , sein Gebet , seine übernatürliche Liebe und Geduld brachte Levin nicht in Anschlag , dachte gar nicht daran , obwohl gerade sie zu den wesentlichen heiligenden Einflüssen , zu den Kanälen des göttlichen Gnadenstromes gehörten , die Regina umgaben . Es war so still im Kabinett , daß der Pendelschlag der altertümlichen Wanduhr ein großes Geräusch machte . Plötzlich fuhr der Graf aus seinen Träumen auf , strich mit der Hand über Stirn und Augen und sagte : » Lieber Onkel , was hat sie gesagt ? was haben wir gehört ? was ist das nur ? « » Das ist die Christusliebe in einem reinen Herzen , « entgegnete Levin . Die Sybilla persica Ein Fluß , der könnte mancherlei erzählen von den Dingen , die er in seinem rastlosen Laufe durch die Zeit und den Raum an seinen beiden Ufern wahrgenommen hat , und seine murmelnden Wellen bewegen sich so geheimnisvoll wie Lippen , die ein Zauberbaum geschlossen hält . Welch ein Wechsel von Bildern aus dem Natur- , dem Völker- und dem Menschenleben spiegelt sich in seiner Flut . Die Weltgeschichte und die Jahrtausende rollen sich neben ihm auf und ab . Welch ein Kontrast , wie der Main aus den rauschenden Wäldern und den dunkeln Felsenschluchten des Fichtelgebirges in die grünen Wiesen des Frankenlandes und dann in dessen Rebenhügel sich hinein windet , an alten ehrwürdigen Städten mit feierlichen Domen , an herrlichen Ruinen gebrochener Abteien , an Dorf und Schloß , an Kloster und Kapelle vorüber , die alle , alle , ihre Geschichte haben , und oft eine recht traurige ! bis er sich flach und matt , wie lebensüberdrüßig , dem ehemals » goldenen Mainz « gegenüber in den Rhein gehen läßt , der ihn in rascher Strömung dahinreißt . Ehe es so weit mit ihm kommt und nachdem sich Kloster Engelberg und Schloß Windeck längst nicht mehr in ihm spiegeln , fließt er an Frankfurt vorüber , der alten Stadt der Kaiserkrönung , und an einem schönen Garten im englischen Styl , in dessen Mitte eine elegante Villa liegt . Die Stürme des Spätjahres hatten die Gesträuche bereits entblättert und die spärliche Belaubung der Bäume in kupferfarbene Schattierungen gefärbt . Die Rasenplätze waren durch die eisigen Herbstnebel und Nachtfröste bräunlich geworden und von den Massen der Blumen , die auf ihnen in tausend Farben geprangt hatten , war nichts übrig geblieben , als hie und da eine vereinzelte halberfrorene Georgine . Im Hause selbst war es aber sehr freundlich . Die Blumen , die im Garten fehlten , standen in Fülle in den Zimmern und in den Kaminen glimmte behagliches Feuer . An den Wänden hingen einige schöne Gemälde ; auf den Tischen lagen Lithographien , englische Stahlstiche , Journale , die Tagesliteratur Deutschlands , Frankreichs und Englands . Totenstille herrschte im Hause . Die Besitzerin war in die Stadt gefahren , der Salon leer und leer die Zimmer rechts und links . Endlich im letzten Gemach saß ein junges Mädchen , die Tochter des Hauses , die Tochter des spanischen Banquiers Miranes , der mehrere Jahre in Paris gelebt und sich jetzt hier niedergelassen hatte . Das junge Mädchen saß gedankenvoll mit untergeschlagenen Armen vor einer Staffelei , auf der ein herrliches Gemälde , ein Frauenbild in orientalischer Tracht , aufgestellt war . Sie betrachtete aufmerksam das Gemälde . Welch ein Auge ! sprach sie zu sich selbst ; und welch ein Blick ! ein Blick , der alles zu wissen scheint und doch ist er traurig . Wär ' ich allwissend .... ich wollte nicht traurig sein ! - Sie war allerdings das Bild der Melancholie . Ihre Züge waren von jener edlen regelmäßigen Schönheit , die man an den antiken Statuen bewundert und jener tief tragische Hauch , welcher der Antike ganz eigentümlich ist - von jener Sphynx an , im Sande der ägyptischen Wüste , zu Füßen der Pyramiden , bis zu jener Psyche , die in ihren Bruchstücken eine Perle des Museums zu Neapel und der griechischen Kunst ist - lag auch auf ihren Zügen . Dieser tragische Hauch der Antike gibt ihrer Schönheit , die oftmals herbe erscheinen könnte , einen großen Reiz : sie weckt Sympathie in jedem Menschenherzen , das , seiner Natur nach , durch stille Trauer gerührt wird . Die ganze antike Welt , mir ihren Heroen und ihren Göttern , steht unter der Signatur des Todes : sie ist unerlöst ! Wie sollte sie nicht traurig sein ? traurig durch jene Melancholie , die unbestimmt ein höchstes Gut ahnt und es nicht zu finden , ja nicht einmal zu suchen weiß . Und eine Unerlöste war auch diese schöne , schwermütige Judith Miranes : sie war Jüdin . Aus ihrem Nachsinnen erhob sie sich mit einer ungeduldigen Bewegung , sah nach der Uhr und murmelte unmutig : Schon halb eins ! ob der Ernest heute nicht kommen wird ? ich wüßte gar gern , was dies für ein Bild ist ! - Sie stand auf , zog graue Vorärmel an , rückte eine zweite Staffelei herbei , auf der ein Rahmen mit Leinwand überspannt sich befand , nahm ihre Palette , Pinsel , Zeichenstift hervor und hatte alles in Bereitschaft gesetzt und wohl zwanzig Mal nach der Uhr geschaut , bis endlich ein Diener die Türe öffnete und der Erwartete eintrat . Es war ein ältlicher Mann , in einem sehr abgetragenen Rock , mit einem äußerst wohlwollenden Gesicht , in welchem nichts Ungewöhnliches war , als ein ungemein klares Auge und eine sehr zart ausgearbeitete Stirne . Judith sagte stolz und hart , und ihr Ausdruck war nicht mehr schwermütig , wohl aber hochfahrend : » Sie haben mich lange warten lassen , Herr Ernest . « » Grüß Sie Gott , mein Fräulein ! Verzeihung , wenn ich Sie warten ließ , « antwortete er höchst unbefangen . » Sie hätten sich beschäftigen sollen , dann würden Sie ein Stündchen früher oder später gar nicht bemerken . Nun , wie gefällt Ihnen mein Gemälde ? « Mit beiden Händen in den Rocktaschen pflanzte er sich vor demselben auf und betrachtete es vergnügt . » Es ist wunderschön , « sagte Judith , » und auch wunderschön gemalt . Aber wen stellt es vor ? « » Es ist eine Kopie der berühmten Sybilla persica von Guercino , deren Original sich im Kapitol zu Rom befindet . « » Wer war die Sybilla persica ? « » Die Sibyllen waren , wie man sagt , hehre Frauen des Altertums , die unter den Heiden den Platz der Propheten im Volke Israel einnahmen und den zukünftigen Erlöser verkündeten . Die Geschichtsforschung verwirft sie . Poesie und Kunst lieben sie . « » Überall die Spur der Lüge , Herr Ernest ! « » Überall die Spur der Sehnsucht nach Offenbarung , Fräulein Judith . « » Wenn sie die Offenbarung wußte , warum trauert die Sybilla persica ? « » Sie trauert um die Sünden der Welt , die den Sohn Gottes vom Himmel herabziehen und an ' s Kreuz schlagen . « » Das verstehe ich nicht , oder eigentlich : das verstehen wir nicht ! « » Glaub ' es ! das Kreuz ist Euch ein Ärgernis ; uns ein Geheimnis himmlischer Liebe , voll unsäglich süßer Schmerzen und namenlos herber Wonne , und so hat es auch die Sybilla persica verstanden , obgleich sie nicht Christin war . « » Sind Sie denn ein Christ , Herr Ernest ? « » Wofür halten Sie mich denn ? « fragte er höchst erstaunt . » Für einen Papisten , « entgegnete sie unbefangen . Ernest brach in ein schallendes Gelächter aus . Judith sah ihn verwundert an und setzte hinzu : » Ich habe gehört , das sei eine Sekte , die ihr Oberhaupt , den Papst , anbete und mit dem Christentume , aus dem sie hervorgegangen ist , nichts mehr zu schaffen hätte ; und Christen wären nur die , welche vom Papst , als dem Antichrist , nichts wissen wollten . Da ich nun mit den Christen nichts zu tun haben mag , so war es mir sehr angenehm , in Ihnen einen Papisten zu finden . Jetzt bin ich enttäuscht . « Ernest lachte dermaßen , daß er die Hände in die Seiten stemmte und sich erschöpft niedersetzte . » Werd ' ich endlich erfahren , worüber Sie lachen ? « fragte Judith halb lächelnd und halb unmutig . » Es wäre zu weitläufig , Ihnen das zu erklären , « sagte endlich Ernest , » und trotz aller Mühe würden Sie mich doch nicht verstehen . Aber nicht wahr , jene Erklärung , was das sei , ein Papist , hat Ihnen jemand gegeben , der sich selbst Christ nannte ? « Judith wurde noch bleicher als ihr farbloses Gesicht schon war , und erwiderte : » Ich habe es von einer anderen Person in Paris gehört ; denn ich meinesteils bekümmere mich durchaus nicht weiter um die Christen , als insofern es die gesellschaftlichen Verhältnisse meiner Eltern erfordern - und ob sie an den Papst oder an sonst etwas glauben - das ist mir ganz einerlei , und ich spreche nie mit ihnen darüber . « » In letzterem haben Sie vollkommen recht ! Der Glaube will nicht im Salon zwischen einer Tasse Tee und einer Schale Gefrorenem besprochen werden . Er will gelebt sein , Fräulein Judith , gelebt im Salon wie im Dachstübchen , gelebt in der Kirche wie auf dem Markte « » Erzählen Sie mir lieber von den Sibyllen , Herr Ernest ! das freut mich mehr , « sagte Judith und heftete ihr dunkles Auge sinnend auf das Gemälde . » Die Sage spricht , daß die Sibylle von Cumä zum Beherrscher der alten Roma , zum König Tarquinius kam und ihm ihre prophetischen Schriften über Roms Geschicke um einen ungeheuren Preis anbot . Der König wollte ihn nicht zahlen ; da warf die Sibylle drei ihrer Bücher ins Feuer und ging von dannen . Nach einiger Zeit kam sie wieder und bot dem König ihre um drei Bücher verminderten Schriften , aber für denselben ungeheuren Preis an . Der König fand das unsinnig und wies sie ab ; da warf die Sibylle abermals drei Bücher ins Feuer und ging von dannen . Und zum drittenmale erschien sie vor König Tarquinius und forderte für ihre drei letzten Bücher den ungeminderten , ungeheuren Preis . Da kaufte sie der König und sie wurden auf dem Kapitol niedergelegt ; und Tag für Tag war darin verzeichnet , welche Begebenheiten das heidnische Rom treffen würden , bis es seinen Untergang fand . « » In den verbrannten Büchern stand vielleicht , wie es sich hätte retten können . « » Kann sein . Man soll eben nicht feilschen um die Wahrheit . Und mehrere hundert Jahre später , gerade am Tage der gnadenreichen Geburt des Herrn , sagt die Legende , ließ Kaiser Augustus die Sibylle von Tibur vor sich rufen und fragte sie , ob es an der Zeit sei , daß er seinen Platz zwischen den Gottheiten Roms einnähme ? das römische Volk wolle ihm göttliche Ehren erweisen . Da stand die Sibylle und schaute gen Himmel und sie gewahrte die Sonne umgeben von einem leuchtenden Zirkel und in der Mitte der Sonne saß eine hehre Frauengestalt , die hielt auf ihrem Schoße ein zartes Kindlein . Die Sibylle deutete auf dasselbe und sprach zum Kaiser : Dies Kind ist größer als Du ! bete es an . Da entsetzte sich der gewaltige Kaiser und ließ zu Ehren dieses göttlichen Kindes auf dem kapitolinischen Hügel einen prächtigen Altar errichten . Später wurde die Kirche Ara Coeli - Altar des Himmels - dort erbaut und sie steht bis zu dieser Stunde auf dem Kapitol . Aber auf den reizenden Hügeln von Tivoli , über welche die berühmten Cascatellen dahin tanzen , steht der kleine , von jonischen Säulen getragene Tempel , den man den Tempel der Sibylle nennt ; denn Tivoli ist das alte Tibur . Mehr weiß ich nicht von den Sibyllen . « » Aber die Kunst , sagten Sie , habe sie verherrlicht . « » Und unsterblich gemacht ! ja , das ist wahr ! « rief Ernest mit funkelndem Blick . » In des erhabenen Vatikans feierlicher sixtinischer Kapelle , in welcher nur an den größten Festen die heiligen Geheimnisse des Glaubens gefeiert werden , haben Perugino und Michel Angelo , der eine mit seinem holdseligen und der andere mit seinem gewaltigen Pinsel , das ganze Epos des Menschengeschlechtes , von der Schöpfung bis zum Weltgerichte , in großartigen Gemälden an den Wänden und der Decke geschrieben , und Michel Angelo ' s Sibyllen , als die Verkünder des Erlösers in der Heidenwelt , schauen mit den Propheten des Alten Testamentes vom Gewölbe herab auf den Altar des Neuen Bundes , wo das Lamm Gottes im ewigen Opfer geschlachtet wird ; auf den mystischen Kalvarienberg , den sie am Horizont der Zukunft mit dem Auge des Glaubens aufsteigen sahen . Und da man in Rom keinen Schritt tun kann , ohne auf Spuren vom Göttlichen im Menschen nach der Gnadenordnung zu stoßen , Spuren , die sich bald als Genie , bald als Seelenadel , bald als Liebeskraft , bald als Geistesgröße aussprechen : so findet man denn auch eine zahllose Menge von