ein wenig abseits dort unter die Linden wandeln . « » Ich kann es auch nicht mehr ertragen , « sagte Ursula , » und noch hab ' ich kaum ein paar Worte mit Stephan zu wechseln gewagt . « » Jetzt beginnt es dunkel zu werden , und die Dämmerung begünstigt alle Liebenden ! « tröstete Elisabeth . Und nicht lange wandelten sie allein unter den Linden , da gesellte sich Stephan zu ihnen . Nachdem er die ersten Zärtlichkeiten mit Ursula getauscht , sagte er : » König Max ist ein Mann nach meinem Sinn , was meinst Du , wenn ich ihm folge , mir auf eigene Hand in seinem Gefolge Ruhm und Ehr und den Ritterschlag erwerbe , und dann als Lohn für meine Dienste Nichts fordere , als daß der König unsere eigensinnigen Väter versöhne ? « » Das ist ein würdiger Entschluß ! « rief Elisabeth , » so segensreich ist schon die Erscheinung eines wahren Helden - sie treibt auch Andere auf die Heldenbahn ! « Ursula sagte : » Ja , vertraue Dich ihm , er ist so ein ganzer Mann und Held , und hat ja mit seiner Maria auch erfahren , was rechte Liebe ist ! « Elisabeth wollte das Paar nicht stören und zog sich wieder zurück . Um sich auszuruhen und ihren Empfindungen zu überlassen lehnte sie sich an eine der Linden , die ihre Zweige , sie fast verbergend , über sie breitete , wozu auch die grüne Farbe ihres Kleides beitrug . Sie hatte die Augen halb geschlossen und hörte jetzt eine Männerstimme sagen : » König Max hat unsere Einladung angenommen , einem Zechentag in unserer Bauhütte beizuwohnen , und Propst Kreß hat den übermorgenden dazu festgesetzt . Gebe Gott , daß es ihm Ernst ist um die heilige Kunst . « » Ich hoffe es ! « antwortete der Andere mit der melodisch klangvollen Stimme , an der wir Ulrich erkennen . » Sein Geist , der in so vielen Fächern der Wissenschaft bewandert ist , wird auch die erhabene Lehre des Albertus Magnus in ihrer ganzen Herrlichkeit erfaßt haben , und diejenigen zu würdigen wissen , welche ihre geheiligten Lehrsätze im Stein zu verwirklichen suchen . Wird er uns nur ein Kaiser , der uns die alten Privilegien in Ehren läßt und sie zeitgemäß erweitert , so geschieht schon das Beste für uns , das wir begehren können , denn die deutsche Kunst ist das , was sie ist , nicht geworden durch die Fürsten , sondern trotz ihnen - und wollte König Max den Einfluß , den er dadurch , daß er Baubruder geworden ist , auf die Bauhütten üben kann , je so weit gebrauchen , daß er in guter oder böser Absicht uns Vorschriften machen wollte : so wäre er kein rechter freier Maurer , und wir hätten die Pflicht , ihn aus unserem Bunde zu stoßen , seine Gemeinschaft zurück zu weisen . Als Fürst kann er für die Kunst nichts Besseres thun , als unsere Freiheiten bestätigen , uns schirmen gegen die Buchstabensatzungen der Pfaffen , wie gegen den Fürwitz der Profanen . Die göttliche Kunst selbst in ihrer Reinheit zu bewahren und höherer Vollendung entgegenzuführen - das ruht allein in den Händen der Künstler selbst . « » Ich wollte , König Max hörte Dich selbst so sprechen , « sagte Hieronymus . » Sollt ' es ihm gefallen , mich etwas zu fragen , « sagte Ulrich , » so werde ich ihm nicht anders antworten , denn jedem andern Baubruder . « » Herr Anton Kreß , unser Propst , der einmal sein besonderes Augenmerk auf Dich gerichtet , wird den König schon aufmerksam auf Dich machen , « sagte Hieronymus . » Wie es ihm gefällt , « entgegnete Ulrich ; » übrigens aber hat die Theilnahme dieses Mannes für mich etwas Unheimliches . « » Sage nur Geheimnißvolles , « verbesserte Hieronymus ; » worin sollte das Unheimliche liegen ? Er ist ein durchaus harmloser Charakter , wie mir scheint - ein Mann , der es zur Ehrensache anrechnet , sich das Ansehen zu geben , als habe er unsere Lehre bis in ihre ganze Tiefe erschöpft , und der vielleicht kaum das System des Achtortes von ihr behalten , der sich gern als Stifter erhabener Bauten einen Namen machen möchte , weil das zumal in Nürnberg so üblich , und den Glanz der Geschlechter erhöht - der nebenher aber gern den Freuden der Tafel huldigt , dem Bachus opfert und nach schönen Frauen schielt . « Elisabeth war kein Wort von dieser Unterhaltung verloren gegangen , denn alle ihre Sinne waren von ungewöhnlicher Feinheit , so auch ihr Gehör , und so auch sah sie jetzt trotz der Dämmerung , daß die beiden die Festtracht der Baubrüder trugen , wie sie dieselbe am Morgen gesehen , und es schien ihr wahrscheinlich , daß der eine von ihnen der Steinmetz war , von dem sie sich an diesem Morgen durch das Wegwerfen ihrer Blume beschimpft hielt . Sie rührte sich nicht und ihre Gegenwart blieb den Männern verborgen . Jetzt sah sie , wie eine kleine weibliche Gestalt ihnen nachgeschlichen kam , und sich ohne bemerkt zu werden , nur einige Schritte hinter ihnen hielt . Ihnen entgegen kamen zwei andere , noch knabenhafte Jünglingsgestalten . » Sieh ' da , « sagte Ulrich , » mein kleiner wackerer Freund Albrecht Dürer ! Habt ' Ihr heute auch einmal die dumpfe Werkstatt verlassen und seid von Meister Wohlgemuth ' s Knechten befreit ? « Albrecht schüttelte Ulrich herzlich die Hand . Der Steinmetz hatte Wort gehalten und ihn eines Tages in seiner Werkstatt besucht , und seitdem war es zuweilen geschehen , daß sie an Sonntagen einander gesehen , denn Ulrich fand Wohlgefallen an dem fleißigen , kunstbegeisterten Jüngling , und dieser wieder an Ulrich ' s Belehrungen , durch die er besonders seine geometrischen Kenntnisse vervollkommnete . Er stellte diesem seinen Begleiter vor : » Das ist mein lieber Freund Willibald Pirkheimer , mit dem ich aufgewachsen , da wir in einem Hause wohnen . « » Und woll ' t Ihr auch ein Maler werden ? « fragte Ulrich den zartgebauten und fein gekleideten Jüngling , an dessen Haltung schon man den Patriziersohn trotz der Dunkelheit erkannte . » Nein , « antwortete Willibald mit feinem Lächeln ; » ich besuche die gelehrten Schulen , und wenn mein Freund Albrecht nicht mehr hier ist , so will ich nach Italien gehen , dort die Rechte studiren und mich mit den humanistischen Studien beschäftigen - dann meiner Vaterstadt und diesem edlen König Max dienen , der wohl Kaiser sein wird , wenn ich zurückkomme . « » Und wie gefällt denn Euch der künftige Kaiser ? « fragte Hieronymus die beiden , und zu Ulrich gewendet fügte er hinzu : » Man muß das nachwachsende Geschlecht befragen , denn dem gehört ja doch die Zukunft ! « » In diesem Augenblick , « sagte Pirkheimer feierlich , » habe ich ihm Treue bei mir selbst geschworen ! Alles , was ich von ihm gehört und gelesen , hatte mich schon mit Bewunderung erfüllt , aber das wirkliche Begegnen hat sie noch tausendfach gesteigert ! « » Und ich , « sagte Dürer eben so feierlich , » habe eben geschworen , ihn einst zu konterfeien , und Gott gebeten , daß es ihm gefalle , mir einen rechten Maler werden zu lassen , damit mir das wirklich vergönnt werde ! « » Der König kann zufrieden sein , « sagte Ulrich , » denn aufrichtig ist die Begeisterung der Jugend . « Elisabeth hatte jetzt um so aufmerksamer zugehört , als sie über den König Aeußerungen vernahm , die ihr selbst so ganz ähnlich hätten entströmen mögen , und sie , durch Ursula auf Meister Wohlgemuth ' s hübschen Lehrling aufmerksam gemacht , sich diesen gemerkt hatte , da er ja auf einer Straße mit ihr wohnte und auch nie verfehlte , im Vorübergehen an dem schönen Hause Herrn Scheurl ' s hinaufzugrüßen , wenn er Jemand am Fenster gewahrte . Auch der zarte Willibald Pirkheimer war ihr kein Fremder , denn seine Eltern gehörten mit zu den » Genannten « und waren den Behaim und Scheurl ' s befreundet , so auch Willibald ' s zwei Schwestern , Charitas und Clara . Während dem hatte sie nicht bemerkt , daß der schwarzgekleidete Ritter , der auch diesen Morgen unter ihrem Fenster vorüber ritt , ohne von ihr gesehen zu werden , ihr ganz nahe geschlichen war und jetzt ihren Arm erfassend sagte : » Hoffentlich erkennt Ihr mich im Dunkeln , da es heute früh im Sonnenglanze nicht geschah ? « Sie fuhr entsetzt zusammen , als habe sie einen Geist gesehen , und wollte sich sprachlos vor Schrecken von ihm losmachen . Er hielt sie fest und sagte : » Du sträubtest Dich ja sonst nicht , Elisabeth ? Ich kam mich mit Dir zu versöhnen , die alten Zeiten zu erneuern , Dir zu gestehen , daß Du doch die Krone aller Frauen bist ! « » Laß ' t mich ! « schrie sie , » Eure Keckheit duld ' ich nicht ! « » Ei , warum denn hier so allein ? Erwartest Du einen anderen Anbeter ? etwa den Reimschmied Celtes - oder einen Boten des Königs ? « Elisabeth ' s Widerstand ward jetzt zum Ringen mit ihm , und in herzzerreißenden Tönen rief sie : » Willibald ! schützt mich ! « » Himmel ! « rief Willibald , » es ist die Scheurlin , der Jemand unziemlich begegnet ! « Er , Dürer und die Baubrüder stürzten im Nu auf die Beiden zu . Ulrich rief den Ritter an ; » Was erfrecht Ihr Euch ? « » Sind das jetzt Eure Genossen ? « höhnte der Ritter verächtlich , indem er sein Schwert zog ; aber auch die Baubrüder zogen die ihrigen , welche sie stets am Gürtel trugen , und im Nu schlug Ulrich dem Ritter das nun eben erfaßte Schwert aus der Hand . Als er es wüthend wieder erfassen wollte , riß sich Elisabeth von ihm los , nahm Willibald ' s Arm und sagte : » Kommt , kommt unter die Menschen , die Zelte ! « Hieronymus hatte das fallende Schwert aufgefangen , und der Ritter drang auf ihn ein , es ihm wieder zu entreißen . Ulrich drängte ihn mit seinem eigenen Schwert zurück , aber ohne ihn zu verwunden , und sagte : » Wir schlagen uns nicht mit Raufbolden und Stegreifrittern , die ehrbare Frauen unziemlich behandeln ; das Schwert behalten wir , weil Ihr nur Frevel damit anrichten möchtet ; hol ' t es Euch wieder beim Könige oder bei dem hochedlen Rath dieser Stadt , wenn Euch danach verlanget . « Es kamen Leute , Stadtschützen , eine stattliche Anzahl der Rußigen , und Alle fragten , was es gebe ? Der Ritter , da er wußte , daß die Bürger und Zünftigen immer geneigt waren einander wider den Uebermuth des Adels zu helfen , und daß er allein unter diesen Vielen nichts ausrichten , und wahrscheinlich als ein Brecher des Landfriedens eingebracht werden möchte , brach sich durch die Menge Bahn und sagte drohend : » Ich werde dem König vermelden , wessen er sich zu den Nürnbergern zu versehen hat , die sich also gegen seine Begleiter betragen ! « Man ließ ihn gehen und die Meisten schalten ihn ein Großmaul , und lachten und höhnten hinten ihm her . Die kleine weibliche Gestalt , welche Elisabeth vorhin hinter den Baubrüdern bemerkt hatte , war auch noch da . Es war das Judenmädchen von diesem Morgen . Sie drängte sich jetzt an Ulrich und sagte : » Der Ritter da ist ein Placker und Straßenräuber , nehm ' t Euch vor ihm in Acht . « » Unser einem kann er nichts rauben ! « lächelte er , » aber ich danke Dir , liebes Kind ! Weißt Du seinen Namen ? « Wie glücklich lächelte die Kleine ! Sie wollte antworten , aber Hieronymus zog den Kameraden von ihr fort und sagte vorwerfend : » Sprich doch nicht mit der Judendirne ! « Ulrich hatte in der Dämmerung die gelben Streifen an ihren Aermeln nicht bemerkt , er bemerkte auch weder vorhin noch jetzt , daß sie die weiße Rose , die er diesen Morgen zur Seite geworfen , an ihrem Kleide trug - aber er kehrte sich jetzt schnell von ihr ab und gewahrte darum auch nicht , wie sie ihre Arme wie von einem plötzlichen Schlag getroffen herabsinken ließ und die Hände ineinander rang . Achtes Capitel Das Achtort Fest an Fest reihete sich im lustigen Nürnberg aneinander , die Gegenwart des Königs zu feiern . Die Rathsherren , die reichen Kaufleute , die gelehrten Gesellschaften , die Zünfte - sie alle stritten sich miteinander , den König in ihrer Mitte zu sehen , und vor allen anderweitigen Vorstellungen und Lustbarkeiten hatte Markgraf Friedrich , der den König bei sich auf der Veste beherbergte , noch nicht dazu kommen können , selbst ein Fest zu veranstalten , und mußte damit von einem Tage zum andern warten . Den Tag , zu welchem Max der freien Steinmetzzunft versprochen , in ihrer Mitte als Baubruder zu erscheinen , mußte er ihr allein widmen . Schon am Morgen verließ er die Veste , nur von Kunz von der Rosen , ein paar Rittern und einigem Gefolge aus der Dienerschaft des Markgrafen begleitet , und ging zu Fuß durch die Stadt bis an die Bauhütte an der St. Lorenzkirche . Der König war ohne Rüstung und einfacher als sonst in ein Wamms von dunkelbraunem Sammt gekleidet , am breiten Ledergürtel ein kurzes Schwert , ein Sammtbaret mit weißen Federn auf den blonden Locken , bezeichnete ihn nur der übergeworfene Purpurmantel als Majestät . Seine Tracht ähnelte der der Baubrüder , nur daß sie von besserem Stoff war , aber die Stiefel von ungeschwärztem Leder waren gewissenhaft beibehalten . Aus der Hütte heraus schalten die laut in den Stein hämmernden Klänge der Steinmetzen . Die Thür war verschlossen . Dreimal schlug der König mit seinem Schwert an dieselbe . Der Pallirer trat heraus , schloß sie wieder hinter sich und sagte : » Wer Einlaß begehret , gebe das Paßwort . « Der König trat ganz nahe zu ihm und flüsterte ganz leise ein Wort in das Ohr des Pallirers . Darauf reichte ihm dieser drei Finger seiner Hand , und der König erwiderte den Händedruck in der gleichen Weise . Kunz war hinzugeschlichen und hatte auf einem Beine stehend gelauscht , ob er nicht verstehe , was die beiden Heimliches sprächen - ohne daß ihm dies jedoch möglich war . Max warf jetzt seinen Purpurmantel ab , gab ihn dem Hofnarren und sagte zu ihm : » Hier , guter Freund ; weil Du Dich heute von Max trennen mußt , magst Du ihm indessen die Königswürde bewahren . « Kunz zog den Mund schief und sagte : » So tauschen wir einmal die Rollen vollständig : nun bin ich heute auch der König - denn daß Du eben der Narr bist , ist eine ausgemachte Sache . « Obwohl einem Hofnarren Alles für Recht ausging , was bei Andern zum Verbrechen ward , und obwohl der König selbst als Antwort nur lachte , machte der Pallirer doch ein sehr finsteres Gesicht : nicht weil Kunz die Würde des Königs , sondern weil er die der freien Maurer durch seine Bemerkung verletzte . Max gewahrte dies nicht so bald , als er zum Pallirer sagte : » Lass ' es gut sein , mein Bruder , der Kunz da ist bei jeder Gelegenheit bereit mit mir zu tauschen , und trägt es mir immer noch nach , daß ich zu Brügge auf der Kranenburg den Tausch verweigerte , der mir Freiheit und Leben , ihm aber gewisses Verderben gebracht hätte - « Kunz ließ den König nicht ausreden , hielt ihm seine Mütze vor den Mund und sagte : » Wenn Du mich immer verspotten willst , so werd ' ich mir einen andern Herrn suchen , und Du kannst Dir einen von Deinen Brüdern da drinnen für meine Stelle mitbringen . « Max schob ihn zurück , grüßte ihn und seine Begleiter und sagte : » Nun gehabt Euch für heute wohl , Ihr Herren , und laßt Euch die Zeit nicht lang werden ! « » O den Wunsch geben wir in Gnaden zurück ! « sagte Kunz . » Indeß Du mit Deinen Gesellen mauerst , werden uns die hübschesten Kinder Nürnbergs über Deine Abwesenheit trösten und wir werden diesen Trost wohl erwiedern ! « Der König hörte nicht mehr auf ihn , sondern war mit dem Pallirer in die Hütte getreten , die sich hinter ihm wieder schloß und aus der man nun laute Willkommengrüße tönen hörte . Kunz aber hatte , so wie Max verschwunden war , seine lustige Laune verloren , denn es war ihm unheimlich zu Muthe , wenn er von ihm getrennt war , seit diese Trennung einmal so unglücklich gewesen , und er ward auch jedesmal verdrießlich , wenn er an seine Aufopferungsfähigkeit von dem König vor andern Leuten erinnert ward . Für eine That , die sich bei ihm so von selbst verstand , begehrte er nicht noch Dank von seinem Herrn . Er hatte ihn darum auch nicht ausreden lassen , obwohl man überall im Reiche die Geschichte aus Brügge kannte , auf welche der König anspielte . Als König Max nämlich von der Stadt Brügge eine Einladung erhalten hatte , daselbst Lichtmesse zu feiern , nahm er diese an , obwohl es ihm alle seine Räthe widerriethen , da die Stadt sein Regiment nicht wollte und ihre Bürger noch besonders durch französischen Einfluß wider ihn gereizt waren . Am 31. Januar 1488 zog er von etwa fünfhundert Reitern begleitet gen Brügge . Hier am Thore noch warnte ihn Kunz von der Rosen nicht hineinzugehen , weil er in sein Verderben renne . Max verwies ihm die Warnung und blieb bei seinem Entschluß . Da sagte Kunz zu ihm : » Lieber König , ich sehe , daß Du hier mit Gewalt gefangen werden willst ; da ich aber dazu keine Lust verspüre , so will ich Dir nur das Geleite bis an die Burg geben und dann zum andern Thore wieder hinaus reiten . Deinen lieben Söhnen in Brügge traue der Teufel . « Danach handelte er auch und verließ die Stadt und den König . Sobald er aber erfuhr , daß dieser wirklich in Brügge gefangen gehalten werde , versuchte er mit zwei Schwimmgürteln versehen durch den Schloßgraben zu kommen , um vermittelst des einen derselben seinen Herrn zurück über den Graben nach einem Ort zu bringen , wo er Pferde bereit hielt . Aber obwohl die Stille der Nacht ihn begünstigte , weckte er doch die im Graben wohnenden Schwäne , deren wildes Geschrei das unbemerkte Gelingen seines Beginnens unmöglich machte . Darauf lernte er das Bart- und Haarscheeren , schlich sich in die Stadt und gewann einen Franciskaner-Guardian , daß ihn derselbe als Begleiter eines andern Mönchs als des Königs Beichtvater in dessen Gefängniß schickte . Als mit ihm Kunz allein war , gab er sich zu erkennen und verlangte , der König soll sich eine Platte scheeren lassen und in der Mönchskutte entrinnen , indeß statt seiner er im Gefängniß bleibe . Standhaft verweigerte Max die Annahme dieses Opfers , und wie sehr Kunz auch flehete , weinte und zürnte , er mußte wieder gehen , wie er gekommen . Beim Abschied sagte er zu ihm : » Wenn Du mir auch nicht vergönnst statt Deiner zu bleiben , und Dich weigerst , mit mir die Rolle zu tauschen , wenn Deine Hüter kommen und den König suchen , so werden sie auch in Dir den Narren finden . « Indeß war sein Kommen doch nicht ganz vergeblich , denn Max erfuhr von ihm den Stand seiner Sache , und ebenso kam durch ihn überall die Kunde umher , wie es um den König stand . Aber erst am 16. Mai erlangte er die Freiheit . - Etwa eine Stunde mochte König Max in der Bauhütte gewesen sein , als er aus derselben wieder heraus trat , begleitet von dem Propst Anton Kreß , dem Hüttenmeister , Werkmeister und Pallirer und gefolgt von allen Werkleuten , Gesellen und Lehrlingen , und mit ihnen zur nahen Lorenzkirche zog . Heute hatte die Arbeit noch geruht . Alle hatten drinnen in der Hütte beim Empfang des königlichen Baubruders gegenwärtig sein und seine Begrüßungsrede hören wollen , die nicht außen gesprochen werden durfte , wo auch profane Ohren ihr hätten lauschen können . Jetzt eilten alle Steinmetzen , die bei dem äußern Bau zu thun hatten , an ihre Plätze . Max selbst hatte ein ledernes Schurzfell umgethan und eine Kelle in der Hand , um zu zeigen , daß er die edle Steinmetzkunst wohl verstehe und ihrer Ausübung in der Mitte der Baubrüder und vor allem Volk sich nimmer schäme . Im Freien ward bei solchen heiligen Bauten nur eben der wirkliche Aufbau mit Kalk und Mörtel vorgenommen . Die Steine selbst wurden erst in der Hütte behauen und mit jener kunstreichen Ornamentik versehen , oder zu jenen bald plastisch schönen , bald wunderlich komischen Gestalten vollendet , welche wir noch heute an den Werken der Gothik bewundern . Albertus Magnus , der Gründer des gothischen Baustyls , hatte zu seiner Bildung vieles aus den Schriften des Hermes Trismegistus und Plato benutzt und den berühmten Lehrsatz des Pythagoras in Anwendung für den Kirchenbau gebracht . Dieser Lehrsatz gründete sich auf die Einheit , welche er in das Achtort als den Mysterienschlüssel seiner neu erfundenen Baukunst legte . Das Eine , welches die Kraft , das Unerforschliche , den Anfang und das Ende aller Zahlen einschließt , und doch selbst keine ist , weder gerade noch ungerade , läßt sich durch keine arithmetische Formel herstellen : Gott ! und Gott ist Eins , ohne Anfang und Ende , ewig , was durch den Zirkel und den Kreis symbolisch ausgedrückt wird . Der Zirkel ist die Kraft , Festigkeit , das beharrliche Streben , wieder an den ersten Ausgangspunkt zu gelangen . Daher stellte Albertus das Achtort , in welches er den Zirkel stellte , das Dreieck , das den Kreis bildete , als Grundprinzip und System des Styls und der Constructionen fest . Um den Maurern den langen und schwierigen Weg des Lernens abzukürzen und zu erleichtern , und das Erlernte praktisch durchzuführen , ward der Tempelbau als Gottesdienst gelehrt , und rief Albertus diese symbolische Sprache der Alten wieder in ' s Leben , und paßte sie den Formen der cabbalistischen , mathematischen und geometrischen Baukunst an , wo sie in angenommenen Figuren und Zahlen als Abkürzungen weitläufiger Anordnungen im Baugeschäfte sehr gute Dienste leisteten , um so mehr , als es den Bauvereinen nicht erlaubt war , die Grundsätze der Albertini ' schen Baukunst schriftlich abzufassen , denn sie mußten , um nicht profanirt zu werden , stets das strengste Schweigen darüber beobachten . Um das Geheimniß zu bewahren , bediente man sich der Symbole . Sie galten als Norm und Richtschnur bei Ausübung der Kunst , und erleichterten dem , der sie verstand , die Arbeit . Nach dieser einmal festgestellten Kunstsprache ward die Construction des Baues gebildet . Der Geist dieser Geheimlehre wirkte segensreich , denn man nahm nur diejenigen zu Lehrlingen auf , bei denen man die Fähigkeit für ihr Verständniß voraussetzen konnte . Sie mußten sich einem ersten Examen unterwerfen , das nur diejenigen bestanden , welche mit natürlichem Verstand und einigen nöthigen Vorkenntnissen z.B. in der Geometrie und Mathematik ausgerüstet waren . Mehr noch als die strenge Strafe und Entehrung , welche darauf stand , hielt das Ehrgefühl und die Achtung , welche die Baubrüder überall genossen , selbst der Nimbus des Geheimnißvollen , der sie umgab , davon zurück , die geweihte Sprache einem Profanen mitzutheilen , und die Geschichte der Bauhütten hat kein Beispiel dafür , daß dies je ein freier Maurer gethan und seinen Schwur des Schweigens gebrochen hätte . Diese geweihte Sprache war für die Bauleute unter sich Mittel der Mittheilung , besonders zu der Zeit , da die Schreibkunst noch zu den seltenen Künsten gehörte , und auch später , wo die viel beschäftigten Steinmetzen selten Zeit fanden sie zu üben . Auch die Lehrlinge wurden gleichsam spielend mit Sinn und Bedeutung der Symbole vertraut , da sie dieselben täglich vor Augen hatten und bei der Arbeit den Unterricht der älteren Kameraden benutzten . Natürlich gab es auch hier wieder verschiedene Grade , und dem Lehrling enthüllte sich nicht gleich das Ganze der Albertinischen Baulehre . Ein Symbol war oft erst wieder das Symbol eines Symbols für einen höheren Begriff , der nur den Gesellen deutlich war , und Manches war wieder noch diesen , oder doch manchen unter ihnen verschlossen , was der Werkmeister im höheren Sinne aufzufassen verstand . Diese Meister machten die Projecte , Aufrisse und Grundpläne nach dem Grundsatz des Acht- und Sechsortes . Danach mußten die Gesellen in der Hütte die Profile auf dem winkelrecht behauenen Stein aufreißen und rein ausarbeiten . Man bediente sich dazu der Maßbretter , schablonenartig geschnittene Bretter , welche auf den Stein gelegt wurden und diese danach behauen . Besonders war dies eine Arbeit der Lehrlinge , indeß die Gesellen mehr nach selbständigen Entwürfen aus dem Freien arbeiteten . König Max , der in seiner Jugend eben Alles zu lernen suchte , und der in der Mathematik und Geometrie genug Kenntnisse besaß , um bei seinen Fähigkeiten schnell die ersten Grade der freien Steinmetzkunst durchlaufen zu können , hatte sich in der Bauhütte zu Wien als Mitglied aufnehmen lassen , denn Niemand , selbst fürstliche und geistliche Personen nicht , durften die Bauhütte betreten , noch einer Zeche oder einem Hüttentage beiwohnen , wenn sie nicht selbst Mitglieder waren : nur solchen , welche das Paßwort zu geben vermochten , öffnete sich die Bauhütte , darum mußte der König heute auch alle seine Begleiter von sich lassen , weil sie sämmtlich zu den Profanen gehörten . Der Propst Anton Kreß und der Hüttenmeister hatten die Ehre seine nächsten Begleiter zu sein . Niemand nannte ihn hier König oder Majestät , sondern Alle redeten ihn nicht anders an , denn mit Du und Bruder Max . Der König besichtigte den neuen Bau an der Lorenzkirche mit Kennerblick , und da alle Baubrüder an ihre Arbeit gingen , legte er selbst mit Hand an ' s Werk , um zu zeigen , daß er die Baukunst noch in jedem Stück verstehe . Bald stand er auf der höchsten Gerüstspitze des neuen Thurmes mit einem Fuß , indeß er mit dem anderen nach seiner waghalsigen Gewohnheit anderthalb Schuh weit in die Luft maß . Mit seiner Rechten schwang er die Kelle , und fügte den nächsten Stein ein , weil er , wie er sagte , nicht dagewesen sei , um den Grundstein zu legen . Unten auf dem Platz um die Kirche stand vieles Volk und jauchzte dem kühnen Fürsten zu , der so , fast dreihundert Fuß hoch , in schwindelnder Höhe über der Menge schwebte , als sei er es nicht anders gewohnt . Und die Steinmetzen lobten auch den Bruder Max , der es den kühnsten und geschicktesten unter ihnen gleich zu thun verstehe . Und wieder stieg er herab , stand vor der prächtigen Brautthür , über deren Portal die herrlichste , kunstvoll gearbeitete Fensterrose prangte , und welche die fünf klugen und thörichten Jungfrauen schön in Stein gemeißelt umstehen , und trat durch das erhabene Portal in den noch erhabeneren Raum . Der Propst , der ihn begleitete und sich nicht recht getrauen mochte , manche etwas zu tiefgehende Frage des Königs zu beantworten , hatte Ulrich neben sich gewinkt . Es bedurfte hier keiner Vorstellung . » Das ist das Monogramm des Bruders Ulrich , « sagte Kreß , auf ein Kreuz mit dem Winkelmaß durchschnitten deutend , das sich an einem Kapital befand , welches eine zierlich gearbeitete Krone von Eichenlaub schmückte . Das war der Vorstellung genug , denn Maxens Blicke , die mit Befriedigung auf den Werken ruhten , wandten sich in gleicher Weise zu dem Steinmetzen , dem es nun vergönnt war , an seiner Seite zu wandeln . Und so gingen sie durch den erhabenen Bau , der im reinsten gothischen Baustyl die Wunderwerke desselben verkündete . Wie war hier alles Starre an Pfeilern und Gewölben verschwunden , wie hatte sich hier Alles gelös ' t in ein durchaus gegliedertes und bewegtes Leben . Zu prachtvollen Säulen waren die Pfeiler emporgewachsen , und ringsum aus der Außenfläche ihres Kernes schwangen sich leichte Halbsäulchen und Röhrenbündel empor , daß die Masse des Pfeilers gleich der Garbe eines lebendig bewegten Springquells aus dem Boden aufgestiegen schien . In den Bögen , welche die Pfeiler verbanden , neigte sich diese Springfluth im rythmischen Spiele und doch in sicherer Geschlossenheit gegeneinander , an den Oberwänden des Mittelschiffs stieg sie in ungehemmter Kraft empor , an allen Linien des Gewölbes strahlte sie herüber und hinüber . Was noch an lastender Form die Seiten- und Oberwände hätte bilden mögen , verschwand dadurch , daß sie zu weiten und hohen Fenstern sich auseinander dehnten , während doch ein elastisch gespanntes Sprossenwerk in ähnlichen flüssigen Formen gebildet , allen Eindruck eines leeren Raumes aufhob . Die gesammte innere Architektur war zum Ausdruck von Kraft und Bewegung geworden ; sie zog die Sinne und das Gemüth des Beschauers unwillkürlich aufwärts , und doch war Alles von jenem klaren Ebenmaße erfüllt , welches mit der Bewegung zugleich die erhabenste Ruhe , mit der Kraft die edelste Majestät