durch ein Vermittelndes , das Dämonische : da schwebten , » damit das Ganze in sich selbst verbunden sei « , Geister » viel und vielerlei « auf und nieder , strafende und lohnende Boten der Gottheit , und niemand entging seinen Taten . Diese Geister Verfolgten auch den Grafen : Reue , Ruhelosigkeit , Lebensüberdruß hießen sie , und auf jede Lebensfreude legten sie ihre ertötende Hand . Wieder zog der Graf über die Alpen nach Deutschland . Das Schloß Seeburg war verkauft - er kam nach Wien , wo er menschenscheu und finster in einem einsamen kleinen Hause wohnte . Oft hörte ihn seine Tochter auf und ab gehen in der Nacht ; sie hatte keine Bekanntinnen , keine Freundin ; eine alte Dienerin ihrer Mutter war ihr ganzer Umgang . So verlebte sie ihre ersten Jugendjahre fast ganz sich selbst überlassen , während ihr Vater immer finsterer und finsterer ward . Er verbot ihr zu singen , zu spielen ; sie seufzte und fügte sich . Da wurde eines Morgens der alte Graf Seeburg tot im Bett gefunden ; kein Mensch war bei seinen letzten Augenblicken zugegen gewesen , er war gestorben , wie ihn Helene nur gekannt hatte - einsam und allein . Einsam und verlassen war aber auch sie jetzt , ein junges Mädchen in einer großen , fremden Stadt , die sie nicht kannte , wo niemand sie kannte . Es fand sich , daß die Hinterlassenschaft ihres Vaters kaum hinreichte , die während seines Aufenthalts in Wien gemachten Schulden zu bezahlen . Unter den wenigen , die von Zeit zu Zeit das Haus ihres Vaters betreten hatten , war ein Doktor Berg , ein nicht mehr ganz junger Mann , und dieser war der einzige , der , an das Totenbett des alten Grafen gerufen , nachdem er ihm die Augen zugedrückt hatte , sich der jungen Waise annahm . Er brachte ihre Vermögensverhältnisse in Ordnung ; er führte sie , die ebenfalls fast menschenscheu Gewordene , zu guten Menschen , zu seiner alten freundlichen Mutter . Er schien alles , was er tat , nur als seine Pflicht anzusehen , und er , der ihr anfangs gleichgültig war , gewann ihre Zuneigung mehr und mehr . Da bot er ihr seine Hand , und die Gräfin Helene Seeburg ward seine zufriedene , glückliche Gattin , bald noch glücklicher durch die Geburt eines Sohnes , der Gustav genannt wurde . Da zwangen Verhältnisse - auch seine Mutter war gestorben - den Doktor Berg , Wien zu verlassen ; er zog hierher und bemühte sich , eine Praxis zu gewinnen . Eben schien es ihm zu gelingen , als eine heftige Seuche , die verheerend von Osten kam und über das ganze Land todbringend zog , auch ihn wegraffte ; er ließ seine Frau und seinen Sohn fast unbemittelt zurück . Auf dem Johanniskirchhof , zwanzig Schritte von Franz und Marie Ralff , ward er begraben . Das war es , was die Frau Helene Berg erzählte , während der Ring mit dem Wappen der Grafen Seeburg , die Schlange , die den Rubin umwand , vor ihr auf dem Tische funkelte . Noch an demselben Abend trug ich ihn auf die Königsbrücke und warf ihn weithin in den Strom , nachdem ich ihn in zwei Stücke zerbrochen hatte . Helene lehnte neben mir am Geländer , und schweigend gingen wir zurück in die Sperlingsgasse zu - unsern Kindern . War ' s nicht ein hübsches , ein glückliches Vorzeichen , dieser kleine goldgelbe Vogel , der zwischen den beiden Wohnungen hin und her flatterte , der seine Wohnung dort und hier hatte , oft ein kleiner treuer Bote war und an seinem beweglichen Hälschen gar wichtige Nachrichten , Fragen oder Antworten hinüber- und herübertrug ? » Schau mal nach , Liese , das Flämmchen trägt wieder einen Zettel am Halse . Jetzt werden wir wohl erfahren , wo der Bösewicht , über den ich die alte Martha draußen noch brummen höre , steckt . « Zwitschernd hüpft Flämmchen auf Elisens Hand . Sie nimmt ihm den Zettel ab , und in einer weitbeinigen Knabenhandschrift lautet die Botschaft : » Liese ! Da ich mich vor morgen bei Euch nicht zu zeigen wage und noch dazu leider gezwungen bin ( scheußlich ! ) , 3 Seiten , schreibe drei Seiten , voll lateinischen Unsinns zu übersetzen ( ich möchte nur wissen , wozu ein Maler , und ich will einer werden , Latein braucht ? ? ? ? ? ) , so bitte ich Dich , den Onkel ( Du brauchst ihm diesen Brief nicht zu zeigen ) ebenso auf seinem Lehnstuhl festzubinden , wie ich die alte Martha festgebunden habe , und so bald als möglich vor die Tür zu kommen . - Ich will Dir mal was Wichtiges sagen . Gustav P. Scr . Ich passe auf , und wenn ich Deine Nasenspitze sehe , schleiche ich an den Häusern hin zu Euerer Tür ! Komme bald ! ! P. Scr . Bring Deine Korbtasche mit ! « » Was mag er nur wollen ? « fragt Lieschen , die schon nach dem Nagel guckt , an welchem ihre Tasche hängt , während ich trotz des warnenden Passus den Brief des Übeltäters und seine echte Tertianerlogik studiere . Es ist prächtig : weil ich ein Exerzitium von bedenklichster Länge machen muß - so komme so bald als möglich ! Und dann die kleine Heuchlerin , die recht gut weiß , was der Faulpelz will ! » Was für einen Tag haben wir heute , Lieschen ? « » Ah - Sonnabend ! « ruft Elise . » Jetzt weiß ich ' s ! Er hat sein Taschengeld gekriegt . « » Welches eigentlich die alte Martha konfiszieren müßte . Höre , Lieschen ; schreib ihm als Bedingung Deines Kommens vor , daß die scheußliche Arbeit fertig sein müsse . « » Wie lange dauert das wohl , Onkel ? « fragt die Liese ganz bedenklich ; sie zöge das » So bald als möglich « unbedingt vor . » Nun - zwei Stunden ; mindestens ! « » Oh , oh , zwei Stunden ? ! « » Ja , und dann wimmelt sie doch noch von Fehlern , einer immer schlimmer als der andere . « » Onkel , Gustav sagt aber : je länger er an einer Arbeit säße , desto mehr Böcke mache er . « » Nun denn , wenn er das sagt , so soll er sie fürs erste nur fertigmachen und mit herüberbringen . Schreib ihm das ! « Elise stellt jetzt eine große Auswahl unter meinen Federn an und beklagt sich sehr über » unsere « schlechte Dinte , während Flämmchen , auf einer Stuhllehne sitzend , anfangs geduldig wartet , dann aber , als ihm die Sache zu lange dauert , sich bemüht , über dem Tisch flatternd , ebenfalls in das Dintenfaß zu schauen , um den Grund der Zögerung zu erfahren . Endlich jedoch ist Elise mit ihren Vorbereitungen fertig und schreibt : » Lieber Gustav ! Dein Brief ist glücklich angekommen . Flämmchen hat ihn gebracht . Die alte Martha hat einen nassen Waschlappen im Fenster liegen ; sie will Dich tüchtig waschen , wenn Du kommst . Den Onkel kann ich nicht festbinden , er rennt heute immer in der Stube auf und ab und sitzt keinen Augenblick still . Du sollst erst Dein Exerzitium fertigmachen und es mitbringen , eher soll ich nicht kommen ! Mach schnell ! ! ! Meine Tasche bringe ich mit ! Elise « Auch diese Botschaft wird dem Flämmchen umgehängt - - die Praxis hat es gelehrig gemacht ; zwitschernd schüttelt es das Köpfchen , als wolle es sagen : nun ist ' s aber genug , jetzt komme ich nicht wieder , und - verschwunden ist ' s. Elise sitzt wartend vor ihrem Nähtischchen unter der Efeulaube , ich vertiefe mich wieder in meine Bücher , aber keine halbe Stunde vergeht , da ertönt unterm Fenster ein heller Pfiff , und Elise springt auf und schaut hinaus . » Da ist er schon ! « ruft sie halb zurück mir zu . » Komm herauf , Gustav ! « ruft sie hinunter . » Dieses weniger ! « erschallt unten die Schülerredensart , und mich wundert wirklich , daß der Bengel diesmal nicht die noch dazugehörende weise Benachrichtigung damit Verbindet ; aber mein Bruder bläst die Flöte . » Hast du dein Exer ? « ( scilicet zitium ) ruft Elise . » Versteht sich ; fix und fertig , komm herunter , du kannst es ihm hinaufbringen . « Elise sieht mich fragend an , und ich nicke . Herunter ist sie wie der Blitz , und ich gehe ans offene Fenster , hüte mich aber wohl , etwas von meiner werten Persönlichkeit sehen zu lassen . » Du bist aber schnell damit fertig geworden , Gustav ! « sagt Elise , und ich stelle mir oben lebhaft vor , wie der Schlingel grinst , als er ihr sein Machwerk einhändigt . Mit Geduld und Spucke Fängt man jede Mucke ! lautet die Antwort : » Hier , nimm dich in acht , es ist noch naß ; und höre , Lieschen - komm schnell wieder herunter , eh er hineingekuckt hat : er könnte mich noch zurückrufen ! « » Taugenichts ! Das mag was Schönes sein ! « moralisiert Elise , die ich nun die Treppe heraufkommen höre . » Da ist ' s , Onkel ! « ruft sie in die kaum handbreit geöffnete Tür , wirft das edle Manuskript auf den nächsten Stuhl , schlägt die Tür zu und - in drei Sätzen ist sie die Treppe hinunter . » Liese , Lieschen , Elise ! « rufe ich , aber wer nicht hört , ist Fräulein Elise Johanne Ralff . » Komm schnell , er ruft schon ! « sagt unten der Schlingel , sie am Arm fassend , und fort sind sie um die Ecke ! Da liegt nun das blaue Heft , auf dem Umschlag : » Gustav Berg « und drunter die geniale Übersetzung Gustavus Mons mit Angabe von Wohnort , Datum und Jahreszahl . Ich schlage es auf , und es ist in der Tat zweifelhaft , ob der Kollaborator Besenmeier es mit roter Dinte oder ob es Meister Gustavus Mons mit schwarzer geschrieben hat . - Hier sind die neuesten Seiten . Reizend ! Ita uno tempore quatuor locibus ( Schlingel ! ) pugnabatur etc. etc. Als Schulmeister müßte ich ausrufen : » Was soll aus dem Jungen werden ? « Als Nichtschulmeister aber halte ich mich an das - Löschblatt und rufe aus : » Was kann aus dem Jungen werden ! « - Hier » an vier Orten « schlagen sie ebenfalls , Römer , Karthager , Mazedonier , Sarden , und zwar besser als im Latein : Pferde , Menschen , Hannibal ante portas , Triarier , Veliten , Principes ! Ausgezeichnet ! Ich werde dem Schlingel eine tüchtige Rede halten sowohl über seine » locibus « , als auch über die Unverschämtheit , ein Heft mit solch beschmiertem Löschblatt drin » abliefern « zu wollen . Das letztere aber werde ich konfiszieren , und Zeichenstunde soll der Junge auch haben ; dieser Signifer hat doch etwas zu lange Arme . Eine halbe Stunde sitze ich nun noch arbeitend , dann schlägt es auf der Sophienkirche sechs . Ich weiß nicht , ist es das schlechte Beispiel , welches mir da eben gegeben wurde , oder der blaue Sommerhimmel und die Sonne draußen ; auf meinem Papier rucke ich nicht weiter , wohl aber unruhig auf dem Stuhl hin und her . Elise hat übrigens auch recht : » unsere « Dinte ist wirklich abscheulich . Ich schlage meine Bücher zu , ziehe den Rock an und gehe den Tönen eines Fortepianos nach , welche von drüben herüberklingen . Wenn ich in Nr. zwölf die Treppe hinaufgestiegen bin , so finde ich dort in dem einfach , aber hübsch ausgestatteten Zimmer des ersten Stocks eine Dame vor dem Klavier sitzen , die mir freundlich zunickt , ohne sich in ihren Phantasien stören zu lassen . Ich setze mich neben die Rosen- und Resedatöpfe im Fenster , der Musik lauschend , und kann dabei zugleich einen musternden Blick über das Zimmer gleiten lassen . Hier gleich neben mir unter den Blumen steht Flämmchens Messingbauer , in welchem der kleine Vogel bereits auf der Stange sitzt und das Köpfchen unter den Flügel gezogen hat . Müde von den Anstrengungen des Tages , ist er früh zu Bett gegangen . Im zweiten Fenster mir gegenüber steht ein ähnliches Nähtischen wie das , vor welchem ich sitze ; ein Stickrahmen mit angefangener Arbeit liegt darauf . Das ist Elisens Platz ; auch sie hat wie Flämmchen hier eine zweite Behausung . Zwischen beiden Fenstern , gegen das Licht gezogen , macht sich ein einst rot bemalt gewesener Tisch breit ; bedeckt mit Büchern , Schreibzeug , Heften , Federmessern usw. usw. , bekritzelt , zerschnitten , zerhackt , ist er der Schauplatz von Gustavs » stillen Freuden « . Hier brütet das Genie über seinen » locibus « , den Kopf auf beide Fäuste gestützt und in den Haaren wühlend ; hier füllen sich die Blätter mit Fratzen aller Art statt mit lateinischen Phrasen ; hier werden alle die Dummheiten ausgebrütet , welche die Gasse in Verwunderung und Verwirrung setzen sollen ; hier werden mit dem demütigsten Gesicht , der reuevollsten Miene die Ermahnungen und Vorwürfe , welche die Mutter von ihrem Thron herab auf das Haupt des Taugenichts der Sperlingsgasse schüttet , in Empfang genommen und richtig quittiert durch - einen tollen Streich eine Viertelstunde nachher ; hier , kurz hier - ist Gustav Bergs Schreibtisch ! Als die Tante Helene ihr Spiel beendet hat , erzähle ich ihr die Geschichte des Katzendiners , von dem sie natürlich noch nicht das mindeste weiß . » Ich kann ihn nicht mehr bändigen ! « ruft sie halb lachend , halb in Verzweiflung aus . » Und die Elise verdirbt er mir auch ganz ! Statt zu sticken und Vokabeln aufzuschlagen , schießen sie sich mit Papierkugeln : wenn er ihr einen Käfer in den Nacken gleiten läßt , bin ich sicher , daß sie ihm einen Zopf ansteckt oder einen Eselskopf auf den Rücken malt . Ich spreche und schelte mich heiser und müde , aber es hilft nichts ! Tante , er hat angefangen , ich saß ganz ruhig ! Mutter , ' s ist nicht wahr , sie hat zuerst geschossen ! So geht das den ganzen lieben Tag ! Wo mögen sie nur jetzt wieder stecken ? « » Wenn man den Wolf an die Wand malt , so kommt er um die Ecke ! « sagt das Sprichwort , und unsere Altvordern wußten , was sie taten , als sie es aufbrachten . Mit Helenens Frage öffnet sich die Tür , oder vielmehr sie wird aufgerissen , und herein , hochrot , stürzen - Windbeutel und Wildfang ! Kaum erblickt mich aber Freund Gustav , so macht er kehrt und sucht schleunigst die Tür wiederzugewinnen , glücklicherweise aber bin ich diesmal schneller . » Halt , Meister ! Hiergeblieben ! « » Ja , hiergeblieben , Gustav ! « ruft die Mutter . Ich beginne nun das Verhör . » Wie alt bist du jetzt , Gustav ? Antwort ! « » Vierzehn und ein halb ! « » Welchen Platz in der Klasse hast du jetzt ? « » Ich bin der Vierundzwanzigste von oben ! « » Und von unten ? « » Der - der - der Fünfte ! « - ( Pause . ) Ich lege nun ein Gesicht an wie Zeus Kronion , wenn ' s lange heiß gewesen ist und er donnern will , und beginne eine Rede , die anfängt : Als ich in deinem Alter war ( wie notabene alle Väter und Erzieher beginnen , seit Adam seinen Erstgeborenen » rüffelte « ) ; ich flechte die Milchgeschichte ein , gehe dann zu den » locibus « in der letzten Arbeit über , bringe einen kleinen Seitenhieb auf Elise an und ende , indem ich die rührend-pathetische Seite - den Kummer der Mutter - herauskehre . Während der ganzen Dauer dieser » Pauke « hat mein Missetäter , bald auf dem einen , bald auf dem andern Fuß stehend , mit einem dummpfiffigreuigwehmütigen Gesicht angestrengt einen Punkt oben an der Decke , der ihm sehr merkwürdig erscheinen muß , ins Auge gefaßt . Kaum aber habe ich geendet , so verliert auch besagter Punkt alles Interesse für den Schlingel , » die Erde hat ihn wieder « , er schiebt sich hinter Elise , die fortwährend mit ihrer Schürze zu tun gehabt hat , und dann zu seiner Mutter , die ihm bemerkt : » Siehst du ; ich hab ' s dir oft gesagt , aber auf mich hörst du nicht . Wie heiß ihr seid ! Geh aus dem Zugwind , Elise , Kind , du erkältest dich ! Wo habt ihr eigentlich gesteckt ? « » Wir sind nur auf dem Fontänenplatz gewesen ! « sagt Elise , mit dem Rücken der Hand über den Mund fahrend . » So ! - Und was habt ihr da gemacht ? « » Wir haben die Goldfische gefüttert ! « » Die Goldfische ? ! - Gustav , wieviel von deinem Taschengeld hast du noch ? « Bei dieser Wendung des Gesprächs steht Gustav auf einmal wieder auf einem Bein und scheint sehr zu bedauern , daß er sich nicht wie die Gänse mit dem andern hinterm Ohr kratzen kann . Langsam fährt er mit der Hand in die Tasche , besinnt sich aber und zieht sie schnell zurück . » Nun ? « » Hast du ' s mir zum Ausgehen gegeben , Mama ? « fragt der Schlingel , den seine Erziehung Weiberlogik kennengelehrt hat . » Freilich - aber- aber - - - « » Nun , ausgegeben hab ich ' s ! Liese kann es bezeugen ! « » Ja , das kann ich ! « ruft Lieschen ganz eifrig . » Darüber braucht ihr ihn nicht auszuschelten ! « Ich komme jetzt der bedrängten Tante zu Hülfe . » Ausgeben kann er ' s freilich , aber das Wie ist jetzt die Frage . Was habt ihr mit dem Gelde angefangen ? « Das Paar sieht sich stumm an . Plötzlich greift Liese in ihre Tasche , zieht einen Kirschkern hervor und schnellt ihn Gustav an die Nase . Die Frage ist gelöst . » Ach so ! « ruft die Tante Berg . » Nun , es ist gut , daß es fort ist , so kann er wenigstens nicht wieder Zigarren dafür kaufen wie vorige Woche . « Auch ich bin ganz damit einverstanden , während Elise dem Vetter den Ellenbogen in die Seite stößt und ihm zuflüstert : » Warte nur , morgen kriege ich meins ! « Glückliche Kindheit ! Alle späteren Lebensalter , die eine einsame Minute fröhlich verträumen wollen , lassen dich vor sich aufsteigen , und ich - der alternde Greis , fülle diese Bogen mit längst vergangenen , längst vergessenen Kindergedanken und Kindersorgen ! Träumt nicht sogar die Menschheit von einem » goldenen Zeitalter « , einer längst untergegangenen glücklichen Kinder-Welt ? Am 28. Februar Es ist gar kein übler Monat , dieser Februar , man muß ihn nur zu nehmen wissen ! - Da ist erstlich die ungeheuere Merkwürdigkeit der fehlenden Tage . Wie habe ich mir einst , vor langen Jahren , den Kopf über ihr Verbleiben zerbrochen ! Jeder andere Monat paßte aufs Haar mit Einunddreißig auf den Knöchel der Hand , mit Dreißig in , das Grübchen , und nur dieser eine Februar - ' s war zu merkwürdig ! - Das ist ein Stück aus der formellen Seite der Vorzüge dieses Monats , jetzt wollen wir aber auch die inhaltvolle in Betrachtung ziehen . Was ist an diesem Regen auszusetzen ? Tut er nicht sein möglichstes , die Pflicht eines braven Regens zu erfüllen ? Macht er nicht naß , was das Zeug halten will und mehr ? Der alte Marquart in seinem Keller ist freilich übel dran , seine Barrikaden und Dämme , die er brummend errichtet , werden weggeschwemmt , seine Treppe verwandelt sich in einen Niagarafall . Alles , was Loch heißt , nimmt der Regen von Gottes Gnaden in Besitz . Immer ist er da ; seine Ausdauer grenzt fast an Hartnäckigkeit ! Man sollte meinen , nachts würde er sich doch wohl etwas Ruhe gönnen . Bewahre ! Da pladdert und plätschert er erst recht . Da wäscht er Nachtschwärmer von außen , nachdem sie sich von innen gewaschen haben ; da wäscht er Doktoren und Hebammen auf ihren Berufswegen ; da wäscht er Kutscher und Pferde , Herren und Damen - maskiert und unmaskiert ; da wäscht er Katzen auf den Dächern und Ratten in den Rinnsteinen ; da wäscht er Nachtwächter und Schildwachen selbst in ihrem Schilderhaus . Alles , was er erreichen kann , wäscht er ! Kurz : » Bei Tag und Nacht allgemeiner Scheuertag , und Hausmütterchen Natur so unliebenswürdig , wie nur eine Hausfrau um drei Uhr nachmittags an einem Sonnabend sein kann . « Das ist das Bulletin des Februars , den man einst mensis purgatorius nannte . - Jetzt finde ich auch einen Vergleich für das Aussehen der großen Stadt . Lange genug hab ich mich besonnen , keiner schien passend . Nun aber hab ich ' s ! Aufs Haar gleicht sie einem unglücklichen Hausvater , den die Fluten des sonnabendlichen Scheuerns auf einen Stuhl am kalten Ofen geschwemmt haben , wo er sitzt - ein neuer Robinson Crusoe - mit Kind , Hund . Katze und Dompfaffenbauer , die Beine auf einem hohen Schemel stehend und die Schlafrockenden herabhängend in die Wogen . Brr ! - Das ist mal wieder ein Wetter , um in alten Mappen zu wühlen , und ich wühle auch darin schon seit geraumer Zeit ! Da muß ein Brief sein , den ich trotz aller Mühe nicht finden kann und der doch eigentlich schon früher der Chronik hätte eingelegt werden sollen . Briefe mit späterm Datum von derselben Hand finde ich genug ; sie berichten von Kindtaufen , und einer auch von dem Hinscheiden eines ehrwürdigen Pudels . » Rezensent « genannt . Ich möchte aber gern ein älteres Schreiben haben , welches noch nicht von Kindtaufen erzählt ! Gottlob , hier ist ' s ! Die Chronik hätte es , wie gesagt , viel früher aufnehmen müssen , aber was tut ' s ? Je älter solche Briefe werden , je älter ihr Schreiber selbst geworden ist , desto frischer klingen sie ! Hier ist das Skriptum : » Unter Verantwortlichkeit der Redaktion . Liebe und Getreue ! Eben hatte ich diesen Anfang Liebe und Getreue gemacht , als sich auf einmal ein kleines Patschhändchen auf meine Schulter legte , ein brauner Lockenkopf sich vorbeugte und ein Stimmen ganz fein sagte : Erlaube , liebes Kind ( liebes Kind , das bin ich , der Dr. Wimmer ) - erlaube , liebes Kind , an was für ein Frauenzimmer willst du da schreiben ? Ich sah verwundert auf und erblickte eine kleine runde Dame ( sie sitzt jetzt neben mir und zieht mich für das rund tüchtig am Ohr ) , die ein allerliebstes Mäulchen machte : Liebes Kind , ich möcht ' s halt gern wissen ! Sollst du auch , Schatz , sagte ich lachend . Gib acht , es ist eine seltsame Geschichte ! - Es war einmal ein Mann , der lief in der Welt herum , und die Leute nannten ihn Dr. Heinrich Wimmer ; einige freilich titulierten ihn auch Esel oder so . Das waren aber nur die , welchen er , dasselbe Epitheton gegeben hatte - was er oft sogar schriftlich , schwarz auf weiß , tat . Gut , dieser Mensch hatte eigentlich nur wenig wahre Freunde ( Bekannte genug ) , denn er war so eine Art von Vagabond , wenn auch nicht in der schlimmsten Bedeutung des Worts . Er war ein Literat . Zu den Freunden , die ihn ertrugen und nicht Esel nannten , gehörte erstens ein Schulmeister namens Roder , zweitens ein ältlicher Herr , Wachholder genannt , und drittens - ein junges Mädchen ( beruhige dich , Nannette , sie war höchstens elf Jahr alt , als wir schieden ) , namens Elise Ralff . Wir wohnten in einer großen Stadt , wo es viel Staub gibt und aus der sie mich , höchstwahrscheinlich aus Sorge um meine Gesundheit , wegjagten , weil jener Staub mich stets zum Husten brachte , ziemlich dicht zusammen und betrugen uns gegeneinander , wie gute Freunde sich betragen müssen . Sogar der Pudel Rezensent , mein vierter Freund , fühlte oft eine menschliche Rührung darüber , wie es in der Tat ein vortreffliches Vieh ist , was du auch dagegen sagen magst , Nannerl ! Und nun höre - grimme Othelloin , das Liebe und Getreue gilt den drei Freunden und halt nicht einem Frauenzimmer , du Eifersucht ! Da wir nun aber einmal dabei sind , so laß dir auch weitererzählen , liebe Nannette . Mit diesen Freunden lag ich an dem Tage , an welchem ich den letzten Staub von den Füßen über jene Sand-Stadt schüttelte , in einem Holze , wo wir den ganzen Tag über Vogelnester gesucht , Blumen gepflückt und Märchen erzählt hatten , als auf einmal ein Gefühl bodenloser Einsamkeit und moralischen Katzenjammers usw. usw. über mich kam . Da stieg plötzlich , mitten im grünen Walde , wo die Vögel so lustig sangen und die Sonne so hell und fröhlich durch die Zweige schien , ein Gedanke in mir auf , ein Gedanke an ein kleines hübsches Mädchen , mit welchem ich einst zusammen gespielt und an das ich oft - oft gedacht hatte in spätern Jahren . - Daran aber dacht ich in dem Augenblick nicht , daß zwischen dem Kinderspiel und dem Waldtage so lange Zeit lag ; - ich dachte - ich dachte : Heinrich , warum gehst du nicht nach München , wo du geboren bist , wo dein - Onkel Pümpel , wo dein - kleines liebes Mühmchen Nannette wohnt ? Wie ein Lichtstrahl , viel heller und fröhlicher als die Sonne -durchzuckte mich das , ich sprang auf , warf den Hut in die Luft und schrie : Hurra , ich gehe nach München zu meinem Onkel Pümpel , zu meiner Kusine Nannerl ! - Die Freunde sahen mich verwundert und lächelnd an , und der Lehrer Roder sagte : Junge , das wäre prächtig , wenn du - solide würdest ! ( Gib mir einen Kuß , Schatz , und ich erzähle weiter . ) Sieh , da wand die kleine Liese Ralff dem Pudel einen hübschen Waldblumenkranz um den Pelz , sie drückten mir alle die Hand - das kleine Mädchen weinte sogar - und - - - ich ging nach München . Lange Jahre waren hingegangen , seit ich meine Vaterstadt nicht gesehen hatte , und ganz wehmütig gestimmt schritt ich in der Abenddämmerung durch die alten bekannten Gassen der Altstadt . Da lag das Haus meiner Eltern - Fremde wohnten darin . Ich lugte durch die Ritze eines Fensterladens und sah zwei Kinder , die allein am Tische bei der Lampe saßen ; sie waren sehr eifrig in ein Gänsespiel vertieft , und ich dachte an unsere Jugend , Nannerl , und das Herz ward mir immer schwerer . - Seidelgasse Nr. 20 , da stand ich nun vor einem andern Haus . Dort hing ein altes wohlbekanntes Schild , Pümpel ' s Buchhandlung darauf gemalt . Der Laden war bereits geschlossen , der Onkel jedenfalls schon im Hofbräuhaus ; ein Lichtschein erhellte noch die Fenster des obern Stockwerks . Ich wagte kaum die Klingel zu ziehen . Endlich tat ich ' s aber doch . Mein Gott , ebenso jämmerlich klang die Glocke schon vor zehn Jahren . Schlürfende Schritte näherten sich - die Tür ging auf ; wahrhaftig , da war sie noch , die dicke Waberl , eher jünger als älter ! Der Pudel und ich hätten sie beinah über den Haufen geworfen ; sie kannte mich nicht und stand starr vor Schrecken und Verwunderung , als ich mit meinem vierbeinigen Begleiter in zwei Sätzen die Treppe hinauf war . Eine kleine , runde ... ( Au , mein Ohr ! Hör einmal , Nannette , das ist das Ohr , in welches es bei mir hineingeht , was wird das für eine Ehe abgehen , wenn du mir das abkneifst ! Nannette , ich würde in deiner Stelle mal das andere , zu welchem es herausgeht , nehmen ! ) Dame trat mir entgegen : Der Vater ist nicht zu Haus , mein Herr ! - - - Ich antwortete nicht , sondern nahm ihr das Licht aus der Hand - die kleine runde Dame erschrak ebenfalls gar sehr - und hielt es so , daß mir der Schein voll ins Gesicht fiel . Herr Gott , der Vetter Heinrich ! rief die kleine , rrr ... Dame . ( Nannette , sag mal , ich glaube , ich habe dir in dem Augenblick einen Kuß gegeben ? ) O welch abscheulicher Bart - - und eine Brille trägt er auch ! Waberl , Waberl , schnell nach dem Bräuhaus : der Vetter Wimmer sei da ! Ja , er war da , der Vetter Heinrich Wimmer , und der alte Onkel kam auch ; er umarmte den Landläufer und steckte ihn in seinen Sonntagsschlafrock : er wollte - -