ebnen . » Es ist doch kein unnütz Werk « , sprach er , » was die alten Poeten getan ; wie mühsam wäre es , eine Sprache zu erlernen , wenn sie uns nur im Wörterbuch überliefert wäre , wie die Getreidekörner in einem Sack , und wir die Mühe hätten , Mehl daraus zu malen und Brot daraus zu backen ... Der Poet aber stellt alles wohlgefügt an seinen Platz , da ist sein ersonnener Plan und Inhalt , und die Form klingt lieblich drein wie Saitenspiel ; woran wir uns sonst die Zähne auszureißen hätten , das schlürfen wir aus Dichters Hand wie Honigseim , und es schmeckt süße . « Das Herbe der Grammatik zu lindern , wußte Ekkehard keinen Ausweg . Für jeden Tag schrieb er der Herzogin die Aufgabe auf ein Pergamentblatt , sie war des Lernens begierig , und wenn die Frühsonne über dem Bodensee aufstieg und ihre ersten Strahlen auf den hohen Twiel warf , stund sie schon in des Fensters Wölbung und lernte , was ihr vorgeschrieben war , leise und laut , bis zu Ekkehards Saal klang einst ihr einförmig Hersagen : amo , amas , amat , amamus ... Praxedis aber hatte schwere Stunden . Sich zur Anregung , aber ihr zu nicht geringer Langeweile , befahl ihr Frau Hadwig , jeweils das gleiche Stück Grammatik zu lernen . Kaum Schülerin , freute es sie , mit dem , was sie erlernt , ihre Dienerin zu meistern , und nie war sie zufriedener , als wenn Praxedis ein Hauptwort für ein Beiwort ansah oder ein unregelmäßig Zeitwort regelmäßig abwandelte . Des Abends kam die Herzogin hinüber in Ekkehards Gemach . Da mußte alles bereit sein zur Lesung des Virgil , Praxedis kam mit ihr , und da in Vincentius ' nachgelassenen Büchern ein lateinisch Wörterbuch nicht vorhanden war , ward sie mit Anfertigung eines solchen beauftragt , denn sie hatte in jungen Tagen des Schreibens Kunst erlernt . Frau Hadwig war dessen minder erfahren : » Wozu wären die geistlichen Männer « , sprach sie , » wenn ein jeder die Kunst verstünde , die ihrem Stand zukommt ? Schmieden sollen die Schmiede , fechten die Krieger und schreiben die Schreiber , und soll kein Durcheinander entstehen . « Doch hatte Frau Hadwig sich wohlgeübt , ihren Namenszug in künstlich verschlungenen großen Buchstaben den siegelbehangenen Urkunden als Herrin des Landes beizufügen . Praxedis zerteilte eine Pergamentrolle in kleine Blätter , zog auf jedes Blatt zwei Striche , also , daß drei Abteilungen geschaffen wurden , um nach Ekkehards Vortrag jedes lateinische Wort einzutragen , daneben das deutsche , in die dritte Reihe das entsprechende griechisch . Letzteres war der Herzogin Anordnung , ihm zu beweisen , daß die Frauen auch ohne seine Beihilfe schon löbliche Kenntnis erworben . So begann der Unterricht117 . Die Türe von Ekkehards Gemach nach dem Gang hin hatte Praxedis weit aufgesperrt . Er ging hin und wollte sie zulehnen , die Herzogin aber hielt ihn zurück : » Kennet Ihr die Welt noch nicht ? « Ekkehard wußte nicht , was das heißen solle . Jetzt las er ihnen das erste Buch von Virgilius ' Heldendichtung . Äneas , der Troer , hub sich vor ihren Augen , wie ihn siebenjährige Irrfahrt umhergeschleudert auf dem Tyrrhener Meer und wie es so unsäglicher Mühsal gekostet , des römischen Volkes Gründer zu werden . Es kam der Zorn der Juno , wie sie an Äolus bittweise sich wendet und dem Gebietiger von Wind und Sturm die schönste ihrer Nymphen verspricht , wenn er der Troer Schiffe verderben wolle - Gewitter , Sturm , Schiffbruch , Zerschellen der Kiele , ringsum schwimmen umher sparsam in unendlicher Meeresflut Waffen des Kriegs und Gebälk und troischer Prunk durch die Brandung . Und der Wogen Gemurr dringt zu Neptunus hinunter , tief in Grund , er kommt emporgestiegen und schaut die Verwirrung , des Äolus Winde jagt er mit Schimpf und Schande nach Hause , wie der Aufruhr beim Wort des verdienten Mannes legt sich das Toben der Wässer , an Libyens Küste landet der Schiffe Rest ... Soweit hatte Ekkehard gelesen und erklärt . Seine Stimme war voll und tönend und klang ein wohltuend Gefühl inneren Verständnisses durch . Es war spät geworden , die Lampe flackerte , da hob Frau Hadwig den Vortrag auf . » Wie gefällt meiner Herrin des heidnischen Poeten Erzählung ? « frug Ekkehard . » Ich will ' s Euch morgen sagen « , sprach sie . Sie hätte es auch schon heute sagen können , denn fest und bestimmt stand der Eindruck des Gelesenen ihrem Gemüte eingeprägt , sie tat ' s aber nicht , um ihn nicht zu kränken . » Lasset Euch was Gutes träumen « , rief sie dem Weggehenden nach . Ekkehard aber ging noch hinauf in des Vincentius Turmstube . Die war sauber hergerichtet , die letzte Spur vom Nisten der Tauben getilgt ; er wollte sich sammeln zu stiller Betrachtung , wie ehemals im Kloster , aber sein Haupt war heiß , vor seiner Seele stand die hohe Gestalt der Herzogin , und wenn er sie recht ins Auge faßte , so schaute auch Praxedis ' schwarzäugig Köpflein über ihrer Herrin Schulter zu ihm herüber - » was aus all dem noch werden soll ? « Er trat ans Fenster , eine kühle Herbstluft wehte ihm entgegen , ein dunkler eherner unendlicher Himmel spannte sich über das schweigende Land , die Sterne funkelten , nah , fern , licht , matt ; so groß hatte er das Himmelsgewölbe noch niemals erschaut - auf Bergesgipfeln ändert sich das Maß der Dinge - lang ' stand er so , da ward ' s ihm unheimlich , als wollten ihn die Gestirne hinaufziehen zu sich , als sollt ' er leicht und geflügelt der Stube entschweben ... er schloß das Fenster , bekreuzte sich und ging schlafen . Des andern Tages kam Frau Hadwig mit Praxedis , der Grammatik zu pflegen . Sie hatte Wörter gelernt und Deklinationen und wußte ihre Aufgabe . Aber sie schien zerstreut . » Habt Ihr etwas geträumt ? « frug sie den Lehrer , wie die Stunde abgelaufen war . » Nein . « » Gestern auch nicht ? « » Nein . « » Ist schade , es soll eine Vorbedeutung in dem liegen , was einer in den ersten Tagen am neuen Wohnort träumt ... Höret « , fuhr sie nach einer Pause fort , » seid Ihr nicht ein recht ungeschickter Mensch ? « » Ich ? « fuhr Ekkehard betroffen auf . » Ihr geht mit Dichtern um , warum habt Ihr nicht einen anmutigen Traum ersonnen und mir erzählt ; Dichtung ist soviel wie Traum , es hätt ' mir Freude gemacht . « » Ihr befehlet « , sprach Ekkehard , » so Ihr mich wieder fraget , will ich einen Traum erzählen , auch wenn ich ihn nicht geträumt habe . « Solcherlei Gespräch war für Ekkehard neu , unklar . » Ihr habt mir Eure Ansicht vom Virgilius gestern vorenthalten « , sprach er . » Ja so « , sprach Frau Hadwig . » Höret , wenn ich Herrin im Römerland gewesen , ich weiß nicht , ob ich nicht die Gesänge verbrannt und den Mann für immer schweigen geheißen hätte ... « Ekkehard sah sie starr verwundert an . » Es ist mein Ernst ! « fuhr sie fort . » Wißt Ihr warum ? - weil er die Götter seines Landes schlecht macht . Ich hab ' gute Acht gehabt , wie Ihr der Juno Reden gestern vortruget . Des Herrn aller Götter Ehefrau - und trägt eine Wunde im Gemüt , daß ein troischer Hirtenknab ' sie nicht für die Schönste erklärt , und ist nicht imstande , aus eigener Macht einen Sturm zu befehlen , daß die paar Schifflein zertrümmert werden , und muß den Äolus durch Antragung einer Nymphe verführen ... und Neptun will Herrscher der Meere sein und läßt sich von fremdem Gewind Sturm und Wetter in sein Reich blasen und merkt ' s erst , wie es fast vorbei ist - was ist all das für ein Wesen ? Als Herzogin sag ' ich Euch , in dem Reich , dessen Götter gescholten werden , möcht ' ich den Scepter nicht führen . « Ekkehard schien um eine Antwort verlegen . Was das Altertum an Schriftwerk überliefert , stand ihm da als ein Festes , Unerschütterliches , wie altes Gebirg ' ; er war zufrieden , sich in Bedeutung und Verständnis einzuarbeiten , - nun solche Zweifel ! » Erlaubet , Herrin « , sprach er , » wir haben noch nicht weit gelesen , es steht zu hoffen , daß Euch die Menschen der Äneis besser gefallen . Wollet auch bedenken , daß zur Zeit , wo Augustus , der Kaiser , seine Untertanen aufzeichnen ließ , das Licht der Welt zu Bethlehem zu leuchten anhub ; es geht die Sage , daß auch auf Virgilius ein Strahl davon gefallen , da mochten ihm die alten Götter nicht mehr groß sein ... « Frau Hadwig hatte gesprochen nach dem ersten Eindruck . Mit dem Lehrer streiten mochte sie nicht . » Praxedis « , sprach sie scherzend , » was ist deine Meinung ? « » Mein Denken geht nicht so hoch « , sprach die Griechin . » Mir kam alles so natürlich vor , drum war mir ' s lieb . Und am besten hat mir gefallen , wie die Frau Juno ihrer Nymphe den Äolus zum Ehgemahl verschafft ; wenn er auch ein wenig alt ist , so ist er doch ein König der Winde und sie ist gewißlich gut bei ihm versorgt gewesen ... « » Gewiß ! - « sprach Frau Hadwig und winkte ihr , zu schweigen . » Nun wissen wir doch auch , wie Kammerfrauen den Virgilius lesen . « Ekkehard war durch der Herzogin Widerspruch zu größerem Eifer gereizt . Mit Begeisterung las er am Abend des weiteren , wie der fromme Äneas auf Erspähung des libyschen Landes auszog und ihm seine Mutter Venus entgegentritt in Gewand und Waffen einer Sparterjungfrau , den leichten Bogen um die Schulter , den wallenden Busen kaum in des aufgeschürzten Gewandes Knüpfung verborgen - und wie sie des Sohnes Schritt der tyrischen Fürstin entgegenlenkt . Und weiter las er , wie Äneas zu spät die göttliche Mutter erkannte - vergebens ruft er ihr nach , sie aber hüllt ihn in Nebel , daß er unerkannt zur neuen Stadt gelange ... wo die Tyrerin zu Junos Ehren den mächtigen Tempel gründet , steht er und schaut , von Künstlerhand gemalt , die Schlachten von Troja ; am leeren Abbild vergangener Kampfarbeit weidet sich seine Seele . Jetzt naht sie selber , Dido , die Herrin des Landes , antreibend das Werk und die künftige Herrschaft : » Und an der Pforte der Göttin , bedeckt vom Gewölbe des Tempels , Sah sie , mit Waffen umschart , auf des Thrones hochragendem Sessel , Urteil sprach sie den Männern und Recht , und die Mühen der Arbeit Teilte sie jeglichem gleich nach Billigkeit ... « » Leset mir das nochmals « , sprach die Herzogin . Ekkehard wiederholte es . » Steht ' s so geschrieben ? « frug sie . » Ich hätte nichts eingewendet , wenn Ihr ' s selber so eingeschaltet hättet . Glaubt ' ich doch schier ein Abbild eigener Herrschaftführung zu hören ... Mit den Menschen Eures Dichters bin ich wohl zufrieden . « » Es wird wohl leichter sein , sie abzuzeichnen als die Götter « , sprach Ekkehard . » Es gibt so viel Menschen auf der Welt ... « Sie winkte ihm , fortzufahren . Da las er , wie des Äneas Gefährten herankamen , der Königin gastlichen Schutz anstehend , und wie sie ihres Führers Ruhm künden , der , von der Wolke verhüllt , nahe stand . Und Dido öffnet ihre Stadt den Hilfesuchenden , und der Wunsch steigt in ihr auf : Wäre doch selbst der König , vom selbigen Sturme gedränget , euer Äneas allhier ! also , daß sehnendes Verlangen den Helden treibt , die Wolke zu durchbrechen ... Doch wie Ekkehard begonnen hatte : » Kaum war solches gesagt , als schnell des umwallenden Nebels Hülle zerreibt ... « da kam ein schwerer Tritt den Gang herauf : Herr Spazzo , der Kämmerer , trat ein , er wollte die neuen Studien seiner Gebieterin beaugenscheinigen - beim Wein mochte er auch gesessen haben : sein Aug ' war starr , der Gruß erstarb ihm auf den Lippen . Es war nicht seine Schuld . Schon in der Frühe hatte er ein Brennen und Zucken in der Nase verspürt , und das bedeutet sonder Widerrede einen trunkenen Abend . » Bleibet stehen ! « rief die Herzogin , » und Ihr , Ekkehard , leset weiter . « Er las , ernst , mit Ausdruck : » Siehe ! da stand Äneas und strahlt ' in der Helle des Tages , Hehr an Schulter und Haupt , wie ein Gott , denn die himmlische Mutter Hatt ' anmutige Locken dem Sohn und blühender Jugend Purpurlicht und heitere Würd ' in die Augen geatmet : So wie das Elfenbein durch Kunst sich verschönet , wie Silber Prangt und parischer Stein in des rötlichen Goldes Umrandung . Drauf zur Königin wandt ' er das Wort und allen ein Wunder Redet er plötzlich und sprach : Hier schauet mich , welchen Ihr suchet , Mich , den Troer Äneas , gerettet aus libyscher Woge . « Herr Spazzo stand verwirrt . Um Praxedis ' Lippen schwebte ein verhaltenes Kichern . » Wenn Euch der Weg wieder herführt « , rief die Herzogin , » so wählet eine schicklichere Stelle zum Eintritt , daß wir nicht versucht werden , zu glauben , Ihr seid Äneas , der Troer , gerettet aus libyscher Woge ! « Herr Spazzo trat seinen Rückzug an . » Äneas , der Troer ! « murmelte er im Gang ; » hat wieder einmal ein rheinfränkischer Landfahrer sich einen erlogenen Stammbaum gemacht ? Troja ! ? - umwallender Nebel ? ... Äneas , der Troer , wir werden eine Lanze brechen , wenn wir uns treffen ! Mord und Brand ! « Fußnoten A1 Poten , pilh peleia Poten , poten petasai usw. Achtes Kapitel . Audifax . In jener Zeit lebte auf dem Hohentwiel ein Knabe , der hieß Audifax . Er war eigener Leute Kind , Vater und Mutter waren ihm weggestorben , da war er wild aufgewachsen , und die Leute hatten sein nicht viel acht , er gehörte zur Burg wie die Hauswurz , die auf dem Dach wächst , und der Efeu , der sich um die Mauern schlingt . Man hatte ihm aber die Ziegen zu hüten angewiesen . Die trieb er auch getreulich hinaus und herein und war schweigsam und scheu . Er hatte ein blaß Gesicht und kurz geschnitten blondes Haupthaar , denn nur der Freigeborene durfte sich mit wallenden Locken schmücken118 . Im Frühjahr , wenn neuer Schuß und Trieb in Baum und Strauch waltete , saß Audifax vergnüglich draußen und schnitt Sackpfeifen aus dem jungen Holz und blies darauf ; es war ein einsam schwermütiges Getön , und Frau Hadwig war einmal schier eines Mittags Länge oben auf dem Söller gestanden und hatte ihm gelauscht , vielleicht , daß ihre Stimmung der Melodie der Sackpfeife entsprach - und wie Audifax des Abends seine Ziegen eintrieb , sprach sie zu ihm : » Heische dir eine Gnade ! « Da bat er um ein Glöcklein für eine seiner Ziegen , die hieß Schwarzfuß . Der Schwarzfuß bekam das Glöcklein , seither war in Audifax ' Leben nichts von Belang vorgefallen . Aber er ward zusehends scheuer , im letzten Frühjahr hatte er auch sein Pfeifenblasen eingestellt . Jetzt war ein sonniger Spätherbsttag , da trieb er seine Ziegen an den felsigen Hang des Berges und saß auf einem Steinblock und schaute hinaus ins Land ; hinter dunkelm Tannenwald leuchtete der Bodensee , vorn war alles herbstlich gefärbt - dürres rotes Laub trieb im Winde . Audifax aber saß und weinte bitterlich . Damals hütete , was an Gänsen und Enten zum Hofe der Burg gehörte , ein Mägdlein , des Name war Hadumoth , die war einer alten Magd Tochter und hatte ihren Vater nie gesehen . Es war Hadumoth ein braves Kind , rotwangig , blauäugig , und ließ das Haar in zwei Zöpfe geflochten vom Haupt herunterfallen . Ihre Gänse hielt sie in Zucht und guter Ordnung , sie reckten manchem den langen Hals entgegen und schnatterten wie törichte Weiber , aber der Hirtin trotzte keine ; wenn sie ihren Stab schwang , gingen sie züchtig und sittsam einher und enthielten sich jeglichen Lärmens . Oft weideten sie vermischt zwischen den Ziegen des Audifax , denn Hadumoth hatte den kurzgeschorenen Ziegenhirten nicht ungern und sah oft bei ihm und schaute mit ihm in die blaue Luft hinaus - - und die Tiere merkten , wie ihre Hüter zusammenstanden , da hielten auch sie Freundschaft miteinand . Jetzt trieb Hadumoth ihre Gänse auf die Berghalde herunter , und da sie der Ziegen Glöcklein drüben läuten hörte , sah sie sich nach dem Hirten um . Und sie erschaute ihn , wie er weinte , und ging hinüber , setzte sich zu ihm und sprach : » Audifax , warum weinst du ? « Der gab keine Antwort . Da legte Hadumoth ihren Arm um seine Schulter , wendete sein lockenloses Haupt zu sich herüber und sprach betrübt : » Audifax , wenn du weinst , so will ich mit dir weinen . « Audifax aber suchte seine Tränen zu trocknen : » Du brauchst nicht zu weinen « , sagte er , » ich muß . Es ist etwas in mir , daß ich weinen muß . « » Was ist in dir , daß du weinen mußt ? « frug sie . Da nahm er einen der Steine , wie sie von den Twieler Felswänden abgelöst dalagen , und warf ihn auf die anderen Steine . Der Stein war dünn und gab einen Klang . » Hast du ' s gehört ? « » Ich hab ' s gehört « , sagte Hadumoth , » es klingt wie immer . « » Hast du den Klang auch verstanden ? « » Nein . « » Ich aber versteh ' ihn , und darum muß ich weinen « , sprach Audifax . » Es ist schon viele Wochen her , da bin ich drüben gesessen auf dem Felsen im Tale , da ist ' s zuerst in mich gezogen , ich kann nicht sagen wie , aber es muh aus der Tiefe gekommen sein , jetzt ist mir ' s oft , als wär ' Aug ' und Ohr anders geworden , und in den Händen flimmert ' s wie fliegende Funken ; wenn ich übers Feld geh ' , so hör ' ich ' s unter meinen Füßen rieseln , als flösse ein Quell unten ; wenn ich am Fels steh ' , so sehe ich durchs Gestein , da ziehen viel Arme und Adern hinunter , und drunten hämmert ' s und pocht ' s , das müssen die Zwerge sein , von denen der Großvater erzählt hat , und von ganz unten leuchtet ein glühroter Schein empor ... Hadumoth , ich muß einen großen Schatz finden , und weil ich ihn nicht finden kann , drum weine ich . « Hadumoth schlug ein Kreuz . » Dir ist was angetan worden « , sprach sie . » Du hast nach Sonnenuntergang auf dem Boden geschlafen , da hat einer der Unterirdischen Macht über dich bekommen ... Wart ' , ich weiß dir was Besseres als Weinen . « Sie sprang den Berg hinauf , in kurzem kam sie wieder herab und hatte ein Töpflein mit Wasser und ein Stücklein Seife , das ihr Praxedis einst geschenkt , und etliche Strohhalme . Und sie schlug einen hellen Schaum auf , nahm sich einen Halm , gab dem Audifax einen und sprach : » Laß uns mit Seifenblasen spielen wie ehedem . Weißt du noch , wie wir beisammen saßen und um die Wette geblasen haben , und zuletzt konnten wir ' s so schön , daß sie groß und farbig übers Tal flogen und glänzten wie ein Regenbogen , und ' s war schier zum Weinen , wenn sie platzten ... « Audifax hatte schweigend den Strohhalm genommen , duftig wie Tautropfen hing der Seifenschaum am Ende , er hielt ihn in die Luft hinaus , die Sonne glänzte drauf . » Weißt du auch , Audifax « , fuhr die Hirtin fort , » was du einmal gesagt hast , wie wir unsern Schaum verblasen hatten und es war Abend und Nacht geworden , und die Sterne zogen am Himmel auf ? Das sind auch Seifenblasen , hast du gesagt , der liebe Gott sitzt auf einem hohen Berge , der bläst sie und kann ' s besser als wir ... « » Das weiß ich nicht mehr « , sprach Audifax . Er neigte sein Haupt zur Brust herab und fing wiederum an zu weinen . » Wie muh ich ' s anfangen , daß ich den Schatz gewinne ? « klagte er . » Sei gescheit « , sprach Hadumoth , » was wolltest du auch mit dem Schatz beginnen , wenn er gewonnen ist ? « » Dann kauf ' ich mich frei « , sprach er gelassen , » und dich auch , und der Frau Herzogin kauf ' ich ihr Herzogtum ab und den ganzen Berg mit allem , was drauf steht , und dir lass ' ich eine güldene Krone machen und jeder Ziege ein gülden Glöcklein und mir eine Sackpfeife von Ebenholz und lauterem Golde ... « » Von lauterem Golde « - scherzte Hadumoth , » weißt du denn , wie Gold aussieht ? « Da deutete Audifax mit dem Finger nach dem Mund : » Kannst du schweigen ? « Sie nickte bejahend . » Gib mir die Hand drauf . « Sie gab ihm die Hand . » So will ich dir zeigen , wie Gold aussieht « , sprach der Hirtenknabe , griff in seine Busentasche und zog ein Stücklein hervor , rund wie eine mäßige Münze , aber gewölbt wie eine Schale , und waren etliche unverständliche verwischte Zeichen darauf , es gleißte und glänzte und war wirklich Gold . Hadumoth wog das Stück auf dem Zeigefinger . » Das hab ' ich auf dem Feld gefunden , weit da drüben « , sprach Audifax , » nach dem Gewitter . Wenn der Regenbogen mit seinem Farbenglanz sich zu uns niederwölbt , dann kommen zwei Engel , wo seine Enden sich auf die Erde senken , halten sie ihm ein gülden Schüsselein unter , daß er nicht auf dem verregneten rauhen Boden aufstehen muß - und wenn er ausgeglänzt hat , dann lassen sie die Schüsselein im Felde stehen , zweimal dürfen sie ' s nicht brauchen , das würde der Regenbogen übelnehmen119 ... « Hadumoth begann an den Beruf ihres Gespielen zum Schatzfinden zu glauben . » Audifax « , sprach sie und gab ihm das Regenbogenschüsselein zurück , » das frommt dir alles nichts . Wer einen Schatz finden will , muß den Zauber wissen - in der Tiefe unten wird alles gut gehütet , sie geben ' s nicht los , wenn sie nicht niedergezwungen werden . « » Ja , der Zauber « , sagte Audifax mit tränendem Aug ' - » wer ihn wüßte ... « » Hast du den heiligen Mann schon gesehen ? « frug Hadumoth . » Nein . « » Seit vier Tagen ist der heilige Mann in der Burg , der weiß allen Zauber . Ein großes Buch hat er mitgebracht , das liest er unserer Herzogin vor , da steht alles drin geschrieben , wie man die in der Luft zwingt und die in der Erde und die im Wasser und Feuer , die lange Friderun hat ' s den Knechten heimlich erzählt , die Herzogin hab ' ihn verschrieben , daß das Herzogtum fester werde und größer , und daß sie jung und schön bleibe und ewig zu leben komme ... « » Ich will zum heiligen Mann gehen « , sprach Audifax . » Sie werden dich schlagen « , warnte Hadumoth . » Sie werden mich nicht schlagen « , sagte er , » ich weiß etwas , das biet ' ich ihm , wenn er mir den Zauber weist ... « Es war Abend worden . Die Kinder standen von ihrem Steinsitz auf - Ziegen und Gänse wurden zusammengerufen , wohlgeordnet , wie eine Heerschar , zogen sie den Burgweg hinauf und rückten in ihren Ställen ein . - Desselben Abends las Ekkehard der Herzogin den Schluß des ersten Buchs der Äneide , den Herr Spazzo tagszuvor unterbrochen : wie die Sidonierin Dido erstaunt bei des Helden Anblick ihn und die Seinen unter ihr gastlich Dach einladet , und beifällig nickte Frau Hadwig zu Didos Worten : » Mich auch hat ein gleiches Geschick durch mancherlei Trübsal Umgeschüttelt und endlich im Lande hier ruhen geheißen ; Fremd nicht blieb ich dem Kummer und lernt ' Unglücklichen beistehn . « Jetzt sendet Äneas den Achates zu den Schiffen , daß er ' s dem Sohn Ascanius ansage , denn ganz auf Ascanius ruht die zärtliche Sorge des Vaters . Frau Venus aber bewegt neue List im Busen , in Didos Herz soll der Liebe Flamme entzündet werden , da entrückt sie den Ascanius weit in den Hain Idalia und wandelt den Gott der Liebe in Ascanius ' Gestalt , die Flügel legt er ab , an Schritt und Gang ihm gleich stellt er sich mit den Troern in Karthagos Königsburg und eilt zur Königin hin - » mit den Augen an ihm , mit der Seele Haftet sie , oft auch im Schoß erwärmt ihn Dido und weiß nicht , Welch ein Gott ihr genaht , der Elenden ! Er , sich erinnernd Dein , acidalische Mutter , vertilgt des Sichäus Gedächtnis Allgemach und mit lebender Glut zu gewinnen versucht er Ihr längst kühleres Herz und der Seel ' entwöhnete Regung « . » Haltet ein « , sprach Frau Hadwig . » Das ist wieder recht schwach ausgesonnen . « » Schwach ? « frug Ekkehard . » Was braucht ' s den Gott Amor selber « , sprach sie . » Könnt ' es sich nicht ereignen , daß auch ohne Trug und List und sein Einschreiten des ersten Gemahls Gedächtnis in einer Witib Herzen zurückgedrängt würde ? « » Wenn der Gott selber das Unheil anstiftet « , sprach Ekkehard , » so ist Frau Dido entschuldigt und sozusagen gerechtfertigt - das hat wohl der Dichter andeuten wollen ... « Ekkehard mochte glauben , er habe eine feine Bemerkung gemacht . Frau Hadwig aber stand auf . » Das ist etwas anderes « , sprach sie spitzig , » sie bedarf also einer Entschuldigung . An das habe ich nicht gedacht . Gute Nacht ! « Stolz ging sie durch den Saal , vorwurfsvoll rauschte ihr langes Gewand . » Sonderbar « , dachte Ekkehard , » mit Frauen den teuern Virgilius lesen , hat Schwierigkeit . « Weiter gingen seine Gedanken nicht ... Andern Tags schritt er durch den Burghof , da trat Audifax , der Hirtenknabe zu ihm , hob das Ende seines Gewandes , küßte es und sah fragend an ihm hinauf . » Was hast du ? « frug Ekkehard . » Ich möcht ' den Zauber haben « , sprach Audifax schüchtern . » Was für einen Zauber ? « » Den Schatz zu heben in der Tiefe . « » Den möcht ' ich auch haben « , sprach Ekkehard lachend . » O , Ihr habt ihn , heiliger Mann « , sprach der Knabe . » Habet Ihr nicht das große Buch , aus dem Ihr unserer Herrin des Abends vorleset ? « Ekkehard schaute ihn scharf an , er ward mißtrauisch und gedachte der Art , wie er auf dem hohen Twiel eingeführt worden . » Hat dir ' s jemand eingegeben « , fragte er , » daß du so zu mir redest ? « » Ja . « » Wer ? « Da fing Audifax an zu weinen : » Hadumoth ! « sprach er . Ekkehard verstand ihn nicht . » Wer ist Hadumoth ? « » Die Ganshirtin « , sprach der Knabe schluchzend . » Du redest Torheit , geh deiner Wege ... « Aber Audifax ging nicht . » Ihr sollt mir ' s nicht umsonst geben « , sagte er , » ich will Euch was Schönes zeigen . Es müssen viele Schätze im Berg sein , ich weiß einen , der ist aber nicht der rechte . Ich möcht ' den rechten finden . « Ekkehard ward aufmerksam : » Zeig ' mir , was du weißt ! « Audifax deutete bergabwärts . Da ging Ekkehard mit ihm zum Burghof hinaus und die Stufen des Burgwegs hinunter ; auf des Berges Rückseite , wo der Blick zu des hohen Stoffeln tannigem Haupt hinüberstreift und zum hohen Höwen , bog Audifax vom Weg ab , sie gingen durchs Gebüsch , kahl , in verwittertem Grau strebte die Felswand vor ihnen zur Himmelsbläue empor . Audifax bog einen Strauch zurück und riß das Moos auf ; in dem grauen Klingstein , der des Berges Kern ist , ward eine gelbe Ader sichtbar ; in eines Fingers Breite zog sie durchs Gestein . - Audifax löste ein Stück ab , versteinten Tropfen gleich saß