sich von jedem schön tun ließ und sich gar nicht um ihn zu kümmern und ihn durch ihre Munterkeit und ihr helles Lachen , das ihn unsäglich beleidigte , für seine Gleichgültigkeit strafen zu wollen schien . Da das Betragen der beiden allgemein auffiel , deren Vereinigung schon zu so vielem Geschwätz Anlaß gegeben hatte , so mußte er über die Trennung allerlei Bemerkungen und Neckereien hinnehmen , die ihn innerlich wütend machten , und der Abend würde ohne Zweifel , wie so oft auf dem Lande geschieht , mit Raufhändeln geendet haben , wenn die jungen Männer , die ihn um seiner Leutseligkeit willen liebten , sich nicht zu mäßigen gewußt hätten und wenn nicht Christine , die sich ihrer Anziehungskraft vollkommen bewußt zu sein schien , plötzlich vom Tanzboden verschwunden wäre . Als er sie nicht , mehr sah , gab er zwar den Gedanken , ihr nachzugehen , mit stolzer Überwindung auf , aber die Lustbarkeit hatte allen Reiz für ihn verloren , und die eintönige Tanzmusik klang ihm wie ein ewig wiederkehrender Spott . Er blieb noch eine Weile in dumpfem Brüten sitzen , machte einige vergebliche Versuche , mit den Lustigen lustig zu sein , und entfernte sich dann , um einen schweren Kopf und ein noch schwereres Herz zur Ruhe zu legen . Den andern Tag wurde er zum Pfarrer beschieden . Er zerbrach sich vergebens den Kopf , was die Ursache dieser Vorladung sein möge . Der Pfarrer , ein dürres kleines Männlein , kanzelte ihn heftig ab , daß er sich der Kinderlehre entziehe und dadurch so göttliche als fürstliche Gebote übertrete ; bis ins vierundzwanzigste Jahr habe ein lediger Bursche die Kinderlehre zu besuchen , schärfte er ihm ein und eröffnete ihm , es sei vom löblichen Kirchenkonvent beschlossen worden , künftig strenger auf die Befolgung der Vorschrift zu halten und jedes Wegbleiben unnachsichtlich mit einem Sechser » in den Heiligen « , bei längerem verstockten Beharren aber sogar mit Einsperrung ins » Zuchthäuslen « zu bestrafen ; wenn er sich wieder beigehen lasse , die Kinderlehre zu schwänzen , so werde er , der Pfarrer , ihn unfehlbar aufschreiben lassen und bei dem Herrn Amtmann und den Konventsrichtern den Fall zur Anzeige bringen . Damit hatte er seinen Bescheid und durfte gehen . Kaum vermochte er sich zu halten , daß er nicht aufbrauste . Bei seinem Stolz und vollends in seiner jetzigen Stimmung konnte ihm nichts so quer in den Weg kommen , als die Zumutung , in seinem Alter , noch drei Jahre lang , zur Kinderlehre zu gehen und das tonlose Poltern des Pfarrers über die Rechtfertigung durch den Glauben anzuhören , während doch jetzt sein Dichten und Trachten darauf gerichtet war , durch die Liebe von allem . Übel erlöst zu werden . » Das kommt mir geschlichen ! « sagte er zu sich , im Pfarrhofe noch einmal grimmig nach dem Fenster emporblickend , wo ihm gepredigt worden war . » Ebensogut hätt man mir die Rute andiktieren können , wenn ich noch ein Kind sein soll . Nun , ich geh eben nicht hin und zahl jedesmal die Straf . Freilich wird sich ' s damit auf die Länge nicht abtun lassen : wenn er einen verstockten Sünder in mir erkennt , so gibt ' s wieder eine Predigt , und zwar vorm Konvent , und dann legt sich auch der Amtmann drein . Man ist doch wie in einem Netz , aus dem man nicht herauskommt . Am besten wär ' s eben , ich kam schnell unter den Pantoffel ; wenn ' s mit dem dummen Ledigsein aus ist , so hat das Kinderlehrgeläuf von selbst ein End . « Hiermit war er in der Reihenfolge seiner Gedanken auf einen Gegenstand geraten , der ihm , so wie die Sachen zwischen ihm und Christinen standen , wenig Trost einflößen konnte . 7 Friedrich hatte traurige Feiertage , obgleich es ihm äußerlich gar nicht übel ging . Sein Vater bedachte ihn am Weihnachtsabend mit einem stattlichen Geldgeschenk , zum sichern Zeichen , daß alles wieder im alten Geleise sei . Er war nie so reich gewesen , aber gerade dies machte ihn unglücklich , denn das Geld erinnerte ihn nur daran , daß er es jetzt nicht mehr zu dem Zwecke brauchen konnte , zu welchem allein es ihm früher erwünscht gewesen wäre , nämlich Christinen seine Liebe durch Geschenke zu beweisen . Er würde sich wohl schnell über die Gesinnung des Mädchens beruhigt haben , wenn er ein Gespräch angehört hätte , das eines Abends zwischen ihr und ihrer Mutter stattfand , während er eben auf dem Wege von Hohenstaufen her , wohin sein Vater ihn geschickt hatte , auf das Haus zugeschritten kam . » Jetzt hab ich aber die stillen Seufzer überlei « , sagte die Mutter . » Du bist selber schuldig , greifst dein Sach ganz verkehrt an . « » Mutter , habt Ihr nicht gesagt - ? « » Weiß wohl , was du meinst , aber man muß alles mit einer Art tun , nicht oben ' naus und nirgends ' nein . Wenn eine arm ist , wie du , so soll sie nicht die hochmütig Jungfer machen , sondern die kluge im Evangelium , die ihre Lampe mit Öl füllt und dem Bräutigam entgegengeht . Sie muß sich ' runtergeben können und muß sich etwas gefallen lassen , aber freilich mit Maß . Zu lützel und zu viel verderbt allzeit das Spiel . Narr , ich hab deinen Vater am Schnürle geführt , er hat mir nicht weiter gucken dürfen , als ich ihm verstattet hab . Aber du bist eben so ein Zimpferle , weißt dich nicht umzutun , meinst , die gebratenen Tauben müssen dir ins Maul fliegen . « » Was soll ich denn tun ? « fragte Christine . » Tu , was du willst « , sagte die Mutter zornig , » steck mein ' twegen der Katz das Heu auf , dumm genug wär ' st dazu , nur geh , daß ich das Geseufz und Geheul nicht länger hören muß . « Christine verließ die Stube und trat schauernd vor das Haus in die Nacht hinaus , wo sie im gleichen Augenblick zu ihrem freudigen Schrecken beim Schein der Sterne , die in der Kälte hell funkelten , den Gegenstand der Unterredung und ihres Kummers auf sich zukommen sah . Sie glaubte , es sei seine Absicht , in ihrer Nähe umherzustreichen und zu spähen , und eine frohe Hoffnung zog in ihr Herz ein . Wie er aber näher kam , so schien es , als ob ihn bloß der Zufall diesen Weg führe , denn er sah sich nicht einmal um . Sie rief ihm einen Gruß zu und fragte , eingedenk der Lehre , die ihr so eben die Mutter gegeben : » Willst nicht auch einmal wieder nach deinem Lamm sehen ? « - Da der Schatz , wie sie ihm erlaubt hatte , sich zu nennen , keine Antwort gab , obwohl er unschlüssig stehengeblieben war , so fuhr sie etwas vorschnell fort : » Oder magst ' s nicht wenigstens holen , wenn du nichts mehr von uns willst ? « Friedrich hörte aus diesen Worten nichts als spöttische Ablehnung heraus . » Es ist schon so gut wie abgestochen ! « erwiderte er , indem er den Fuß zum Weitergehen hob . Dieser starre Trotz verdroß sie , und sie rief ihm nun mit nicht sehr glücklichem Spotte nach : » Da wird man dem Herrn wenigstens das Fell herausgeben müssen und die Wolle . « Sein Blut kochte , denn er glaubte eine Anspielung zu vernehmen , an die das Mädchen entfernt nicht dachte . Von der Wolle hörte er nun einmal gar nicht gerne reden . » Das Fell behalt Sie , Jungfer « , sagte er , » und die Wolle kann Sie an die vielen Dörner stecken , an denen Sie letzt hangenblieben ist . « Damit ging er fort . Sie lehnte sich an den Türpfosten und blieb noch lange , bitterlich weinend und vor Kälte zitternd , stehen , bis die Tritte ihres Vaters und ihrer Brüder , die von einem Geschäft nach Hause kamen , sie vertrieben . Mit den beiden letzteren setzte Friedrich den gewohnten Umgang fort . Wie aber zwischen ihm und ihnen von der Herzensangelegenheit nie gesprochen worden war und selbst die Verabredungen , wonach sie ihre Schwester da oder dorthin bringen sollten , immer in gleichgültiger Form gemacht worden waren , so wurde auch der Störung des Verhältnisses nicht erwähnt . Nur einmal sagte Friedrich mit deutlicher Beziehung : » Ich merk ' s eben wohl , man vergißt mir meine Strafen nicht , man sieht mich für gezeichnet an . « Worauf jene ruhig antworteten : » Wird doch das nicht sein . « Unmut und Unruhe trieben ihn umher , und auch in ruhigeren Stunden , wenn dann und wann der Schmerz der vermeintlich verschmähten Liebe ihn zu quälen abließ , empfand er eine drückende Leere , und das Leben kam ihm schrecklich arm und öde vor . Er fühlte es , ohne es klar zu erkennen , daß die Menschen um ihn her wie Schatten waren , daß keiner ihm etwas sein konnte , daß niemand in seiner ganzen Umgebung seinem wie in der Wildnis und Irre schweifenden Gemüt , seinem hungernden Geist eine Heimat und Erquickung zu geben vermögend war . Was er aber hell bewußt in sich trug , war eine maßlose rebellische Bitterkeit darüber , daß er , statt ins Ehebett , in die Kinderlehre wandern sollte . Einen grausameren Hohn über seine verunglückte Bewerbung meinte er sich nicht erdenken zu können . Dazu fühlte er sich nicht bloß alt genug und den Kinderschuhen entwachsen , um vom Leben noch eine andere Schule zu verlangen , als die Eintrichterung von Bibelsprüchen und Gesangbuchversen , sondern er hatte auch diese Sprüche und Verse samt der ganzen Schulbildung , worin er selbst Höhergestellten wenig oder nicht nachstand , so vollkommen inne , daß die Wiederholung des Unterrichts ihn nicht einmal in diesem Fache mehr fördern konnte . Für die Bildung seines » inneren Menschen « aber , woran die Religionsschule , die diesen Ausdruck gern gebrauchte , sich hätte erproben lassen können , war das bürgerliche und gesellschaftliche Leben , in dessen Schöße er sich tummelte , so inhaltsleer und so sehr in die blinde Unterwerfung unter eine gewissenlos schwelgende » Herrschaft « hineingepredigt , daß es zu den Glücksfällen gerechnet werden mußte , wenn eine über das gewöhnliche Maß ausgestattete Natur in diesem Wesen eine wohnliche Hütte fand oder , was noch besser , auf gelindem Wege hinausgedrängt wurde . Eine Hütte aber , wohnlich nicht bloß für den Leib , sondern auch für die Seele , war kaum anderswo zu finden als bei den Pietisten , welche auf einem noch ungebrochenen Glauben fußten , dessen kindliche Kraft noch nicht durch die Ausbreitung der Bildung und Wissenschaft verlorengegangen war , auf einem Glauben , der ihnen in körperlicher Wirklichkeit vormalte , wie sie dereinst nach der Erlösung aus diesem Tal des Jammers und der Sünde in den Wohnungen der Seligen über dem blauen Himmelsgewölbe mit Kronen auf den Häuptern und in weißen Gewanden einherwandeln würden , der aber in seinen Beziehungen zum irdischen Leben die dürre streit- und herrschsüchtige Kirchenlehre , mit welcher er nur über das Jenseits einverstanden war , weit hinter sich ließ und eine Liebe und Gleichheit der Kinder Gottes predigte , woran trotz der Demut dieser Predigt die Inhaber von Thron und Altar großes Ärgernis nahmen . Allein , es war nicht jedem gegeben , ein Pietist zu werden , und nicht jeder , dem es gegeben gewesen wäre , hatte das freilich sauer erworbene Glück , sein Lebenlang unter den Flügeln eines Mannes , wie der Waisenpfarrer im Ludwigsburger Zuchthause , geborgen zu sein . In dieser Verlassenheit und Vernachlässigung mußten alle Richtungen einer so kräftig angelegten Seele in einen unbezähmbaren Willensdrang verschmelzen , der in seiner dumpfen Ungeduld überall auf ebenso dumpfe Hindernisse wie auf Mauern ohne Fenster stieß und ziellos , zwischen Antrieben bald des Wohlwollens , bald der Widerspenstigkeit umherirrend , zuletzt an einem einzigen Gegenstande haften blieb , von welchem dieser noch durch den Stachel beleidigter Eitelkeit gespornte Wille Befriedigung aller Sehnsucht und Heilung aller Schäden für das ganze Leben forderte . Die Versagung dieses höchsten Wunsches , an den er zumal die besten Vorsätze für sein künftiges Verhalten geknüpft hatte , machte den Jüngling an sich und der Welt verzweifeln , und abermals wollte der wilde Geist über ihn kommen , den er schon so manches Unheil hatte vollbringen lassen . Das Jahr ging zu Ende . Am letzten Tage saß Friedrich in einer müßigen Stunde am runden Tische in der großen Wirtsstube und las in der Bibel , die mit ihren Heldensagen und Abenteuern der Phantasie des Volkes eine von der Kirche erlaubte Unterhaltung und einen Ersatz für die verschütteten heimischen Überlieferungen bot . Er las eigentlich nicht , sondern blätterte nur , denn er wußte alle diese Geschichten auswendig , die in der Predigt und Kinderlehre geistlich gedeutet wurden , beim unbefangenen Lesen zu Hause aber mit ihren guten und bösen Beispielen einen ganz natürlichen Eindruck machten . Da waren Geschichten von Erzvätern , die sich betranken , Kebsweiber hielten und verstießen , durch Schelmenstreiche reiche Familienhäupter wurden oder in fremdem Hofdienste sich gegen das Volk zu Finanzkünsten hergaben , welche einen Württemberger sehr an den erst zwölf Jahre zuvor in Stuttgart gehängten » Jud Süß « erinnern mußten . Liebliche und heldenmäßige Züge wechselten da mit gar unheiligen : ein Volk zog aus einem Lande auf das Geheiß seines Führers , der einen Totschlag begangen , wie eine Zigeunerbande fort , indem es die entlehnten silbernen und goldenen Geräte behielt ; ein kühner Hirt und Räuber , durch treue Freundschaft ewig im Lied zu leben würdig , stahl als Hauptmann einer Schar loser Leute seinem König einen Zipfel des Mantels vom Leibe weg samt Speer und Becher , diente als Überläufer dem Reichsfeind und mißbrauchte , als er später daheim die Krone trug , sein königliches Amt zu Lüsternheit und Meuchelmord , wobei er sich von jenen Erzvätern , wie auch von späteren Landesvätern , doch wenigstens dadurch unterschied , daß er über seine Tat nachher Leid und Reue trug . Bedenkliche und zweifelhafte Fragen über diese Erzählungen , die beinahe die einzige geistige Speise des Volkes waren , konnte der junge Mensch , das wußte er wohl , keiner Seele in seiner Umgebung vorlegen . Hatte doch selbst der Waisenpfarrer einmal einen leisen Versuch mit den Worten abgewiesen , man müsse nicht gar zu viel grübeln , Gott wähle oft seine eigentümlichen Wege und Werkzeuge , um seine Pläne auszuführen . Am liebsten aber schlug er die beiden Bücher von den ritterlichen Taten der Makkabäer auf , und oft mußte er unwillkürlich nach der nahen Alb hinübersehen , wenn er las , wie diese Helden sich in das Gebirge warfen , um von dort aus die Freiheit und das Gesetz ihres Landes zu verteidigen . Eben las er wieder , wie sie beschlossen , sich durch die Heiligung des Sabbaths nicht vom Kampfe abhalten zu lassen , gleich ihren Brüdern , die sich wehrlos in der Höhle schlachten ließen , da ertönte in der Straße die Schelle des Aufrufers , und er öffnete das Fenster , um zu hören , was es gäbe . Das löbliche Amt ließ durch den Fleckenschützen ausschellen , die jungen Burschen sollen sich bei Strafe nicht beigehen lassen , in der kommenden Neujahrsnacht zu schießen , ein Verbot , das jährlich eingeschärft und übertreten wurde . » Die können nichts als verbieten ! « brummte Friedrich , indem er das Fenster zuschlug , » das Schießen ist nun einmal ein alter Brauch , wiewohl , wenn man ' s dem Ungeschick überließ , die Jugend durch Verlust von je und je ein paar gesunden Fingern zu kurieren , was ja sowieso geschieht , so wär ' s wahrscheinlich längst mit dem Knallen vorbei . Aber der Reiz des Verbotenen zieht eben viel stärker als die Furcht vor Schaden . Es ist mir , als ob der Schütz beim Ausrufen ein Aug zu mir hätt herauflaufen lassen . Umsonst hat er wohl auch nicht g ' rad vor meinem Haus geschellt . So ? meint ihr ? Dein Amtmann und du , ihr habt , scheint ' s , ein besonderes Zutrauen zu mir ? Ich will euch Ehre machen . Wartet einmal , ob ihr mich kriegt . « Er dachte nicht daran , wie oft er zu sich gesagt , daß er die Knabenschuhe vertreten habe , sondern schlich sich , als es dunkel wurde , zu einem Invaliden , der nicht weit von der Sonne auf Leibgeding wohnte , und dem er schon manchen Bissen und Trunk gespendet hatte . Von diesem entlehnte er sein altes Schlachtgewehr , das schlecht schoß , aber um so mächtiger knallte , und bald unterschied man aus den Schüssen , die im Flecken und um denselben losgingen , einen , der alle anderen überdonnerte . Er hatte die Silvesternacht eröffnet und krachte regelmäßig in kurzen Pausen durch das Geknatter des jugendlichen Mutwillens hindurch . Da und dort geschah ein Unglück , da und dort fiel einer der Lärmmacher den hin und her rennenden Wächtern in die Hände , und sein Puffer verstummte ; aber den Donnerknall hörte man ununterbrochen beinahe die ganze Vormittnacht und jedesmal weit entfernt von dem Orte , wo der vorübergehende Schuß gefallen war und die Wächter angelockt hatte . » Wer feuert denn so kartaunenmäßig ? « fragten die Leute im Flecken . » Wer sonst , als der Sonnenwirtle « , antworteten andere , » er ist am besten an dem zu erkennen , daß ihn keiner von den Scharwächtern erwischt . « Für den Eingeweihten war das sicherste Wahrzeichen wohl das , daß der unsichtbare Donnerer überall , nur nicht an des Hirschbauern Haus sich hören ließ . Das hätte ihm der Stolz und der Groll nicht zugelassen . Doch lobte er die alte Muskete und verglich sie in seinem Sinn mit Davids Saitenspiel , vor welchem der böse Geist von Saul entwich ; denn mit jedem Schusse , der aus dem schwergeladenen Laufe fuhr , meinte er um einen Teil seines Unmuts erleichtert zu sein , und es war ihm , als ob er alle Hindernisse , die sich ihm in dieser schnöden Welt entgegenstellten , über den Haufen schieße . Dazwischen ging er einmal in die Sonne , um nachzusehen , ob man seiner nicht bei der Bedienung der Gäste bedürfe . Die Einkehr war diesen Abend nicht so stark wie sonst , weil sich die Neujahrsnachtgäste in die vielen Wirtshäuser des Fleckens verteilten und weil man wußte , daß der Sonnenwirt auf eine zeitige Ruhe mehr hielt als auf eine lange Silvesterfeier . Derselbe war jedoch heute ungewöhnlich aufgeräumt , er trank , schwatzte , lachte und kneipte abwechselnd ein paar junge Weiber , die mit ihren Männern zum Weine gekommen , in die Backen , so daß einer der Anwesenden dem Wirtssohne zuflüsterte : » Du , dein Gestrenger hat ' n Sturm . « » Da braucht ' s keine Brille , um das zu sehen « , erwiderte Friedrich . Die Sonnenwirtin , die vor den Leuten gute Miene zum bösen Spiele machen mußte , suchte ihrem Manne sein Betragen , womit er vielleicht bloß den umlaufenden Gerüchten zu trotzen beabsichtigte , durch Spottreden zu verleiden : » Du bist so alt « , sagte sie , » daß die Männer da nicht einmal mehr eifersüchtig auf dich werden . « » Es ist auch ziemlich lang her « , entgegnete der Sonnenwirt lachend , » daß du ein junger Drach gewesen bist , und euer Gift ist doch nur süß , so lang die Drachen jung sind . Ich weiß nicht « , setzte er , gegen die Gesellschaft gewendet , hinzu , » meine Alte ist das Leben ziemlich gewöhnt , sie ist verhärtet , aber wenn sie unser Herrgott oben hielt und ich an den Füßen , ich glaub , ich ließ schnappen und nahm mir eine Junge . « » Ich wollt auch « , rief die Sonnenwirtin , » unser Herrgott nahm eins von uns beiden zu sich , dann ging ich wieder nach Strümpfelbach . « Das Gelächter , womit diese Reden aufgenommen wurden , bezeugte , daß an und für sich nichts Feindseliges damit gesagt sein sollte , wie man denn auch wußte , daß die Sonnenwirtin nicht von Strümpfelbach gebürtig war : es waren uralte landläufige Witze , die man im Scherze von den verträglichsten Ehepaaren hören konnte . Hier aber war ihnen viel geheime Galle beigemischt , und Friedrich nahm wahr , daß sich zwischen dem Vater und der Stiefmutter eine Kluft zu öffnen beginne , die , wenn sie nicht die belachte Ortsveränderung zur Folge hatte , doch den Vater bald ganz auf die Seite des Sohnes bringen konnte . » Jetzt wär ' s gut Wetter für mich « , dachte er unwillkürlich , » jetzt würd ich vielleicht meine Rechnung nicht ohne den Wirt machen . Der Fehler ist nur , daß ich gar keine zu machen habe . Die Hauptnummer , die Glücksnummer will nicht her , die mit den gelben Zöpfen und dem verstockten , trotzigen Herzen ; was helfen mir alle Anschläge ohne sie ? Drauf ! drein ! Schlagt an ! Feuer ! drunter und drüber ! « Und abermals krachten die schweren Schüsse , in welchen der törichte Knabe seinen Unmut und sein Pulver verschoß . 8 Eben hatte er wieder seine Davidsharfe brummen lassen und eilte in schnellen Wendungen durch Zwischengäßchen vor den Wächtern davon ; da führte ihn sein Weg an dem Bäckerhause vorbei , wo er Christinen zuerst gesehen hatte . Er hörte lustige Stimmen hinter den Läden und blickte durch eine Spalte in die Stube , wo er seinen Invaliden und andere Bekannte am Wirtstische sitzen sah . Christine war nicht zu sehen , also konnte ihm sein trutziges Ehrgefühl den Eintritt nicht verwehren . Während er sich noch ein wenig besann , wo er das Gewehr unterbringen sollte , sah er in der schneehellen Nacht einen Mann nicht mit den sichersten Schritten daherkommen , in welchem er den Fleckenschützen erkannte . » Der hat schon einen Stich « , sagte er zu sich , » und will noch die Sicherheit des Orts bewachen ; da wird ' s heut Nacht noch zum Durchbruch kommen ; ich will ihm einstweilen eins aufspielen , damit er munter bleibt . « Er schlich sich auf die Seite und gab in der Geschwindigkeit seinem Gewehr eine verdoppelte Ladung ; dann kam er leise hinter den Schützen herangeschlichen . Dieser hatte das Geräusch des Ladstocks gehört und lauschte vorgebeugt mit dem Finger an der Nase , ohne recht zu wissen , wohin er sich wenden solle ; auf einmal tat es hart an seinem Ohr einen Knall , daß er der Länge nach mit der Nase in den Schnee fiel und sein dreieckiger Hut weit hinausflog . Im Nu hatte der Täter das Gewehr versteckt und saß drinnen in der Wirtsstube neben dem Invaliden , der ihn mit einem pfiffigen Blinzeln bewillkommte . » Nicht wahr , meine alte Lise ist noch gut bei Stimm ? « flüsterte er ihm ins Ohr , » ich hab jeden Knall herausgehört , und bei jedem hat mir das Herz im Leib gelacht . « Dann fuhr er in einer angefangenen Geschichte vom Prinzen Eugen zu erzählen fort , unter welchem er es bis zum Profosen gebracht hatte . Friedrich wußte seine Geschichten alle auswendig , versah ihn mit Wein und ließ ihn erzählen und unterhielt sich indessen leise mit dem uns schon bekannten Müllersknecht , der ihm seit jener Schilderung seiner Jugendbegegnisse eine Art von Bewunderung zollte , seine Bekanntschaft teils in der Sonne , teils an anderen Orten pflegte und auf den Haß seines Meisters gegen den mannhaften jungen Burschen so wenig Rücksicht nahm , daß er selbst durch den Verdacht des Müllers wegen des Bienendiebstahls , nachdem Friedrich ihm mit der aufrichtigsten Miene seine Unschuld versichert hatte , sich nicht im geringsten gegen ihn einnehmen ließ . Der Alte sollte jedoch seine Geschichte nicht zu Ende bringen , denn kaum war er durch Friedrichs Eintritt unterbrochen worden , so erhob sich eine neue Störung . Die Tür wurde heftig aufgestoßen , und der Schütz kam in einer bogenförmigen Linie hereingeschossen . » Da muß er herein sein , der Mordtäter , der mir nach dem Leben getrachtet hat ! « schrie er , indem er die glühenden Augen von einem zum andern laufen ließ . Die ganze Gesellschaft versicherte , sich mit den Augen zuwinkend und durcheinander schreiend , hier sei niemand , der ihm etwas getan habe , und alles fragte , was ihm denn geschehen sei . Er erzählte sein Abenteuer , wobei er den Oberkörper wiegte und dann wieder einen Schritt vorwärts oder rückwärts geriet ; dieses Schwanken wurde noch dadurch vermehrt , daß er in seiner ohnehin nicht festen Stellung beständig argwöhnisch in der Gesellschaft umhersah , ob er nicht an irgendeinem Merkmal seinen Angreifer erkennen könne . Das Gelächter , die Spottreden und schalkhaft verkehrten Fragen der ergötzten Zechbrüder machten ihn noch wilder ; er schimpfte und fluchte und bestand darauf , » hier oder wenigstens in der Nähe herum irgendwo müsse er versteckt sein , der keinnützig Lump , der sich sogar an seiner ihm von Gott vorgesetzten Obrigkeit vergreife . « » Jetzt hast genug hasseliert , Schütz ! « rief ein Mann mit verwogenem und zugleich verfallenem Gesicht , das den Ausdruck einer grämlichen Lustigkeit hatte und blutige Spuren trug , als ob es auf irgendeine Weise zerschunden oder zerkratzt worden wäre . » Komm , schwenk dir die Gurgel aus , hast dich ja ganz heiser geschrien . Hier hältst vor der unrechten Schmiede : von denen , die hier sitzen , ist seit mindestens einer Stunde keiner aus der Stube kommen . Bist aber auch ein rechter Leichtfuß , heißt das , du mußt nicht besonders fest auf den Füßen sein , daß dich ein blinder Schuß gleich zum Purzeln bringen kann . Da sieh den Profosen an , der ist ein anderer Kerl , den haben sie um einen Fuß kürzer gemacht , und doch steht er auf seine anderthalb anders hin als du auf deine zwei ganze . Den schmeißt keiner so leicht um , weder mit einer blindgeladenen Kanone noch mit einer scharfgeladenen Büttel . Laß das Hasselieren sein , sag ich , und komm her , ich bring dir ' s. Es vertreibt dir den Schnapsgeruch . « Der Invalide , der an der Tischecke saß , hatte alsbald zum Beweis für das Gesagte den Stelzfuß auf dem Tisch und trommelte damit nach Wein . Zugleich machte er Anstalt , seine Geschichte wieder aufzunehmen , aber es glückte ihm nicht . » Dein gut ' s Wohlsein , Küblerfritz ! « sagte der Schütz , das dargebotene Glas annehmend und auf einen Zug leerend , mit einer Mischung von Freundlichkeit und Spott , » es scheint , du machst jetzt Feuerkübel und verlegst dich aufs Löschen . Wünsch Glück dazu . Lösch aber nur zuerst den Brand in deinem eigenen Haus , du Mann im Feuerofen . Wiewohl , dein Feuerteufel , deine Margret , ist heut abgekühlt worden ; sie hat ganz krumme Finger gehabt und hat laut geschnattert , wie ich sie wieder aus dem Häusle herausgelassen hab , wegen der großen Kälte ist sie nur auf ein paar Stunden dreingesprochen worden . « » Was ? ist dein Weib heut eingesperrt worden , Kübler ? « fragte der Invalide . Der Kübler nickte mürrisch . » Ihr wisset ja , wie sie ist und wie sie mein Mädle von meinem ersten Weib plagt und den Waisen , den ich aus dem Heiligen in der Kost hab . Zu dem sagt sie immer : Du Bettelhund ! du Herrenhund ! du schlappohriger Hund ! und schlägt ihn zwischen die Löffel , zwischen die am Kopf , mein ich , wenn er den Löffel in der Schüssel zu voll macht . Er ißt freilich schier mehr , als er einträgt , das Kostgeld ist so mager . Ihr könnt auch in meinem Gesicht sehen , wie sie mich diese Feiertage gezeichnet hat . Vor Weibernägeln ist auch der Stärkste nicht sicher . Ich hab sie aber durchgewalkt , daß ihr die Knochen heut noch mürb davon sind , und hätt eigentlich keine Hilfe nötig gehabt vom Kirchenkonvent ; ich kann gottlob allein mit ihr fertig werden . « » Hat sie dich denn verklagt ? « » Nein , das läßt sie wohl bleiben . Der Pfarrer hat eben von irgendeiner guten Nachbarschaft gehört , daß es wieder einmal Händel bei uns gegeben hat , und hat dann die Sach vor Kirchenkonvent gebracht . Sie haben gemeint , sie müssen heut noch eine Sitzung halten , die Herren , und das ganze Kutterfaß vom alten Jahr ausleeren . Es sind noch viele vorgeladen gewesen . « » Haben sie dich gestraft ? « » Nein , wiewohl ich die Schläg nicht abgeleugnet hab , aber meines Weibes Bosheit ist eben Gott und der Welt bekannt . Doch bin ich auch nicht ungerupft davongekommen . Sie hat über mich geklagt , ich sei ein Faulenzer und verdiene nichts ins Haus . Jetzt sagt selbst , ihr Mannen , ob das wahr ist ? « » Nein , nein ! « riefen alle zusammen , » das kann man dir nicht nachsagen . « » Ich weiß wohl « , fuhr der Kübler fort