! - Ist der Fürst jetzt allein ? « » Er war es , Mütterchen , aber - - « » Was ? « » Ich sollte sagen , er schlafe noch , wenn Du nach ihm fragst , und dann , er sei ausgegangen . « » Hat er Dir sonst einen Befehl gegeben ? « » Ja , Mütterchen . Der Herr erwartet Besuch , und ich soll ihn sogleich in das Zimmer führen , wo die vielen Bücher stehen . « Die Fürstin erhob sich . » Geh ' auf Deinen Posten , Wassili , und achte sorgfältig auf Alles , was geschieht und wer aus- und eingeht bei meinem Bruder . Ich lade die Schuld auf Dein Haupt , wenn das Geringste vorgeht , das ich nicht sofort erfahre . « Sie warf einen leichten Mantel um die Schultern , während Wassili , von der Schwester zur Thür gewinkt , mit dem demüthigen , aber in seiner Einfachheit schönen Gruß der niederen Russen verschwand . Dann verließ sie durch eine andere Thür das Zimmer . Die Fürstin nahm ihren Weg zu den Gemächern ihres Bruders , die , durch den gemeinschaftlichen Salon und die Nebenzimmer von den ihren getrennt , nach dem Garten hinauslagen . Eine kleine Tapetenthür , welche direkt in das Toilettzimmer des Fürsten führte und zur Unterhaltung des unbelästigten Verkehrs zwischen Bruder und Schwester bisher gedient hatte , fand Iwanowna jetzt von Innen verschlossen . Im Begriff , auf einem anderen Wege durch das eben von Wassili bezeichnete Zimmer zu gehen , hörte sie fremde Stimmen von Außen und sprang rasch hinter die Portiere eines angrenzenden Kabinets , deren Schnuren sie löste . Die Falten bewegten sich noch , als Wassili mit einem Herrn eintrat . Die Fürstin erkannte durch die Oeffnung des Vorhanges den Marquis de Sazé , was ihre Befürchtungen bestätigte und sie ihren Platz behaupten ließ . Wassili ging , den Besuch zu melden , und augenblicklich erschien der Fürst und nöthigte seinen Gast , Platz zu nehmen . Er sah überwacht und blaß aus , beherrschte aber vollkommen seine Mienen . » Sie werden errathen , Durchlaucht , « eröffnete der Marquis die Unterhaltung , sobald der Diener sich entfernt hatte , » in welcher unangenehmen Angelegenheit ich Ihnen so zeitig meinen Besuch aufdränge . Diese Zeilen des Herrn Capitain de Méricourt ertheilen mir unbeschränkte Vollmacht . « Der Fürst lehnte mit einer Handbewegung höflich die Durchsicht ab und verbeugte sich zustimmend . » Ich muß Ihnen gestehen , Fürst , « fuhr de Sazé fort , » ich begreife eigentlich das Vorgefallene nicht , und mein Freund , der Vicomte , eben so wenig . Wollen Sie sich herablassen , uns einige Erläuterungen zu geben , so wird sich das Mißverständniß gewiß aufklären , und Sie werden als Mann von Ehre nicht anstehen , meinem Freunde in Gegenwart eines der Zeugen der Beleidigung Ihre Entschuldigung zu machen . « » Ich bedaure , Herr von Sazé , « sagte der Fürst . Doch der Andere unterbrach ihn : » Einen Augenblick noch , Durchlaucht , ehe Sie Ihre unwiderrufliche Meinung aussprechen . Sie wissen , daß es nicht Sitte der Franzosen ist , in einem Ehrenstreit die Hand zu bieten , und namentlich eine solche Beleidigung , wie dem Capitain widerfahren , anders als durch Blut zu sühnen . Ich bitte , würdigen Sie also das wackere Benehmen Ihres Gegners , der in Berücksichtigung der bisherigen Verhältnisse mit jeder billigen Erklärung zufrieden sein will . « Der Fürst entgegnete steif und frostig : » Obschon noch sehr jung , mein Herr , bin ich doch vollständig mit den Gesetzen eines Edelmannes vertraut und würde gerade in Berücksichtigung der Verhältnisse dem Herrn Vicomte nicht zumuthen , mit einer Entschuldigung zufrieden zu sein , die ich ohnehin nicht zu machen gesonnen bin . Darf ich Sie um Ihre weiteren Aufträge bemühen ? « » Ich habe die Ehre , Ihnen die Forderung des Capitains de Méricourt zu überbringen . « » Ich bin zum ersten Male in Paris und mit Ihren Gewohnheiten daher noch einigermaßen unbekannt . So viel ich weiß , pflegt man dergleichen Angelegenheiten rasch abzumachen ? « » Gewöhnlich ehe die nächste Sonne untergeht ; sollten Sie jedoch Zeit wünschen ... « Der junge Mann richtete sich steif empor . » Ich bitte , Herr Marquis ! « » Also heute , eine Stunde vor Sonnenuntergang . Ihre Waffen ? « » Natürlich Pistolen , ich verstehe mich nur wenig auf Ihre Degen . « » Ich werde die Ehre haben , mit Ihrem Secundanten das Weitere zu ordnen . Wollen Sie mir Ihre Befehle deshalb ertheilen ? « » Sie sind sehr freundlich , Herr Marquis . Graf Wassilkowitsch hat in Erwartung eines solchen Besuchs meine Vertretung bereits übernommen und wird die Ehre haben , Sie in seiner Wohnung zu empfangen . « » So bleibt mir nur noch , mich Ihnen zu empfehlen , Durchlaucht . Leben Sie wohl ; ich bedaure , diesmal sagen zu müssen , à revoir ! « Der Fürst zwang sich , zu lachen . » Unter Freunden , Marquis , sollte man sich dergleichen Bedauern eigentlich übel nehmen . Wollen Sie nicht eine Cigarre ? - Sie wissen , ich führe echte Manilla . « Der Marquis nahm die gebotene Cigarre und steckte sie in Brand , Fürst Iwan folgte seinem Beispiele und geleitete ihn nach einigen gleichgültig geplauderten Worten bis in ' s Vorzimmer . Als er hierauf rasch in sein Kabinet zurückgekehrt war und Wassili ihm wenige Augenblicke nachher folgen wollte , fand er in der Mitte des Zimmers die Fürstin , bleich , die Hand auf das klopfende Herz gedrückt . Sie hob den Finger drohend in die Höhe . » Bei Deinem Leben , Wassili , keinen Laut , daß Du mich hier gesehen ! « Damit verschwand sie . Capitain Méricourt bewohnte den Garten-Pavillon hinter dem Hause seines Schwagers in der Rue Avenue de Bourdonnaye , wenn er sich in Paris aufhielt . Ein Vorzimmer , ein kleiner Salon , mit Waffen aller Art und Jagdtrophäen , darunter mehreren riesigen Löwenhäuten , geschmückt , und zwei Kabinets nebst einem Gemache für den arabischen und französischen Diener des Vicomte , bildeten das Gelaß dieses Hauses , in dessen unmittelbarer Nähe eine Gartenpforte durch die Mauer nach einer kleinen Seitenstraße führte und so den Bewohnern des Pavillons den ungenirten Ein- und Ausgang gewährte . Es war kaum eine Stunde nach dem obigen Rencontre , als ein Fiaker in der Seitenstraße vor dem Zugang des Gartens hielt und zwei tief verschleierte Frauen ausstiegen . Die Eine von ihnen läutete auf das Zeichen der Andern die Glocke und nach kurzem Harren öffnete Mulei , der junge arabische Diener des Capitains , die Pforte . Als er zwei Frauen vor sich sah , verneigte er sich nach maurischer Sitte und nöthigte sie , einzutreten . » Ist Capitain de Méricourt zu sprechen ? « fragte die Zweite der Verschleierten , anscheinend die Gebieterin . » Der Bey befindet sich in seinem Zimmer , Herrin . Wen befiehlst Du , daß ich ihm verkünden soll ? « » Sage Deinem Herrn , « erwiderte die Verschleierte , » daß eine Dame ihn in einer dringenden Angelegenheit zu sprechen wünschte , die keinen Aufschub gestattet . Ich würde ihm nur wenige Minuten rauben . « Der Maure verneigte sich nochmals mit über die Brust gekreuzten Händen und bat die Frauen , ihm in das Vorzimmer zu folgen . Dann verschwand er hinter dem schweren persischen Teppich , kehrte aber schon nach wenigen Augenblicken zurück und nöthigte die Fremden in den Salon . Beide traten ein . Das Gemach bildete ein nur mittelgroßes Achteck und empfing sein Licht von der Kuppel , von der ein schöner Bronceleuchter herabhing . Löwen- und Pantherfelle bildeten die Teppiche vor den orientalischen Divans , welche die vier Seitenwände einnahmen , die nicht durch Thüren unterbrochen waren . Prächtige orientalische Waffen , von der langen Luntenflinte des Arabers bis zum kostbaren Handjar von tunesischem Stahl , die Keule des Ashanten und der lange Bogen der Dayaks , mit dem wallenden Burnus und dem verschlungenen Turban des Kabylen , Antilopenhörner und Büsche von Straußfedern , die Schädelketten der Bewohner von Bornu mit mächtigen Elephantenzähnen , dazwischen Gruppen prachtvoller moderner und antiker europäischer Waffen , türkische Sättel und Zaumzeug mit prächtigen Teppichen und zahllosen fremdländischen Geräthschaften bildeten in einzelnen Gruppen-Decorationen an den Wänden den eigenthümlichen Schmuck des Gemachs . Auf den Tischen zur Seite standen und lagen zwischen Schaalen und tunesischen Kunsterzeugnissen türkische Pfeifen , Schibuks und Nargilehs in buntem Gemisch . Nach wenigen Augenblicken trat der Capitain aus dem Nebengemach ein . Ein weites orientalisches Gewand von weißer Wolle diente ihm zum Morgenrock und fiel , von einem mit Gold durchwirkten tunesischen Shawl um die Hüfte gehalten , über die faltigen Beinkleider von Purpurwolle , während ein Burnus von gleichfalls weißer Farbe mit Gold durchwirkt um seine Schultern hing . Das weite faltige Costüm kleidete die Heldengestalt des Offiziers und den kräftigen männlich schönen Kopf bewundernswerth . » Entschuldigen Sie , meine Damen , « sagte der Vicomte höflich , indem er sie einlud , Platz zu nehmen , » daß ich Sie noch in Morgen-Toilette empfange , ich wollte Sie jedoch nicht warten lassen und stehe deshalb zu Befehl . « Die Eine der beiden Frauen hob den dichten schwarzen Schleier , der ihr Gesicht verhüllte . » Die Fürstin ! - Mein Gott - Sie hier ? « Iwanowna wandte sich zu ihrer Begleiterin . » Verlaß uns auf einige Augenblicke , Annuschka , ich stehe unter dem Schutz der Ehre des Herrn Vicomte . « Die Milchschwester der Fürstin verschwand in das Vorgemach . Méricourt ergriff die Hand der Dame und führte sie zum Divan . Die seine zitterte lebhaft , die Röthe hoher Erregung lag auf seinem schönen Gesicht . » So viel Glück und so viel Schmerz in einem Moment , Fürstin , es ist zu viel , selbst für eine Männerbrust . « Das Antlitz des jungen Mädchens war bleich , aber eine aufopfernde feste Entschlossenheit lag in jeder Miene , selbst ihre Stimme zitterte nicht . » Sie wissen , Vicomte , warum ich komme . « Der Franzose beugte sich mit schmerzlichem Lächeln auf ihre Hand , die er gefaßt hielt . » Sie werden sich noch heute mit Iwan , meinem Bruder , schlagen ? « Eine leichte Neigung des gesenkten Hauptes gab ihr die Antwort . » Méricourt , Sie werden es nicht thun , - um meinetwillen . « » Es ist unmöglich , Fürstin , mein Leben steht zu Ihren Diensten , nicht meine Ehre als Edelmann . Ihr Bruder verweigert jede Erklärung . « » Ich weiß es , ich war ungesehen Zeuge seiner Unterredung mit Herrn de Sazé . Sagen Sie mir - wie kam es dahin ? « » Bei meiner Ehre , Fürstin , « sagte der Offizier aufathmend und seinen Blick zu dem Mädchen erhebend , » ich bin schuldlos daran , ich weiß es selbst nicht , und daß mir noch auf Erden das Glück zu Theil geworden , Ihnen mündlich das sagen zu dürfen , was Sie morgen durch den kalten Buchstaben meiner Abschiedsworte an Sie erfahren hätten , - das erfüllt den geheimsten Wunsch meines Herzens . Ein böser Dämon muß Ihren Bruder regiert haben . Seine Worte , seine Beleidigungen sind mir unerklärlich . Ich fand ihn mit dem Obersten beim Spieltisch und geselle mich zu ihm . Der Fürst war offenbar sehr aufgeregt und als ich ihn fragte , ob ich ihn am Morgen zu einem Spazierritt abholen dürfe , wie wir früher verabredet , entgegnete er heftig : er werde allein reiten , er brauche weder einen Vormund , noch - - « » Sprechen Sie ! « » - noch einen Spion ! « » Mein Gott ! « » Ich war im ersten Augenblicke so bestürzt , daß mir fast die Fassung fehlte . Einige Gesichter wandten sich gegen uns - man weiß , Fürstin , daß ich keine Memme bin und bei Beleidigungen ruhig bleiben darf . Ihr Bild , Iwanowna , stand vor mir . - Sie reden irre , Fürst , sagte ich und faßte seinen Arm , Sie haben mich wahrscheinlich nicht verstanden . Kommen Sie , lassen Sie uns plaudern . - Ihr Bruder riß sich los . Ich habe Sie sehr wohl verstanden , mein Herr , sagte er barsch , und wenn Sie meine Worte nicht verstehen wollen , so werden Sie vielleicht Das verstehen . - Fürstin , er - - « » Zu Ende , zu Ende ! « » Er hob die Hand gegen mich , einen Moment zwar nur , aber - er hob die Hand ! « Der Capitain war bleich geworden bei der Erzählung . » Der Unglückliche ! « Diesmal war es die Dame , die das Haupt vor dem Manne in unsäglichem Schmerz beugte . Der Capitain schwieg , das Gefühl der schweren Beleidigung machte dem innigen Mitleiden Platz bei dem Blick auf das erschütterte Mädchen . » Ich wiederhole Ihnen , Fürstin , « sagte er endlich , » ich weiß noch immer nicht , was dieses Benehmen Ihres Bruders hervorgerufen hat , nur ein Mißverständniß oder eine Verleumdung kann die Veranlassung sein , doch leider ist die Sache nicht mehr zu ändern . Sie kennen selbst das Weitere . « » Das ist Wassilkowitsch ' s Werk ! « rief die Fürstin ; » jetzt ist mir Alles klar und mein Widerwille vor diesem Manne hat mich nicht betrogen . Ich weiß , Vicomte , wie edel , wie großmüthig Sie gehandelt haben ! Ich weiß , daß nach den Gesetzen der Ehre unter Militairs eine solche Beleidigung nur durch den Tod des Beleidigers gesühnt werden kann , und dennoch haben Sie dem Unglücklichen die Hand zur Sühne geboten und nur seine Entschuldigung verlangt , Sie , der tapfere Offizier , der Spiegel stolzen Rufs für alle Soldaten ... « » Ich bin es nicht mehr , Fürstin , « unterbrach sie Méricourt . » Heute Morgen habe ich Herrn von Saint Arnaud meine Entlassung eingereicht . « » Wie , Sie haben - - « » Es war nöthig , Fürstin , der Offizier konnte jene Sühne unmöglich bieten . - Es war Ihr Bruder , Iwanowna ! « » Und dennoch Alles vergeblich , - ich kenne seinen eisernen Sinn von Kindheit auf , er würde sich eher zerreißen lassen , als durch eine Entschuldigung selbst das erkannte Unrecht gut machen . « Sie hatte sich erhoben und ging leidenschaftlich im Salon umher . Der Vicomte schwieg und folgte ihr mit trauerndem Blick . Plötzlich blieb die Fürstin vor ihm stehen , ihre großen Augen voll und klar auf ihn gerichtet . » Das Duell darf nicht vor sich gehen , es darf nicht ! - Er ist mein einziger Bruder , der Letzte aus dem Hause der Oczakoff , einer der neun Familien , die von Ruriks Stamme sind , edler selbst als die Romanoffs . Ich darf ihn nicht sterben lassen ! - Eugen , « es war das erste Mal , daß sie ihn bei diesem Namen nannte und es durchzuckte den jungen Mann wie ein electrischer Strahl , - » Eugen , werden Sie zum Engel des Erbarmens an uns , wie Sie bereits zum Helden geworden sind . Fliehen Sie das Duell - weigern Sie dem Thoren , ihn zu strafen , kommen Sie , fliehen Sie mit mir . - Eugen , ich liebe Sie , und jeder Athemzug meines Lebens soll Ihrem Glück gewidmet sein ! « Der junge Offizier sank vor ihr nieder , er preßte stöhnend im bittern Kampf ihre zarten Hände auf sein brennendes Gesicht . » Sie verlassen Ihr Frankreich , « fuhr Iwanowna fort , » Sie gehen mit mir in das herrliche Land , wo mildere , süßere Lüfte wehen , als hier , wo der Oleander blüht und die Orange sich in den blauen Fluthen des Meeres spiegelt . Nach Taurien folgen Sie mir - nicht blos der Kaiser hat dort seine erhabene Phantasie , das Paradies Orianda , - an den Felsenvorsprüngen der Yaila-Alpen prangen noch viele Stätten eben so herrlich , eben so schön , von deren Klippenhöhe vielleicht Iphigenia einst hinüberschaute zum fernen Vaterlande , wo Orestes die Schwester von der grausen Pflicht befreite . O , mein Freund , werfen Sie es von sich das Vorurtheil dieser sogenannten Civilisation , die von Ihnen verlangt , das Blut Ihres Bruders zu vergießen , des einzigen Wesens , was gleich Ihnen mir theuer ist - - « Der Vicomte hatte sich emporgerichtet , auf der ehernen Stirn stand der eherne Männerentschluß . » Sein Sie ruhig , Iwanowna , diese Hand wird nicht geröthet sein von dem Blute Ihres Bruders ! « » Sie gehen mit mir , Sie opfern mir Alles , Alles , Eugen ? « » Ich gebe Ihnen Alles , was ich habe , Iwanowna , nur Eines bewahren Sie mir , das ist , den unbefleckten Namen der Méricourt , den Namen meines Vaters . Es giebt noch ein anderes Mittel , - bei meiner Liebe zu Ihnen , Ihr Bruder wird unverletzt von dannen gehen ! « Die Fürstin stürzte auf ihn zu . » Was sinnen Sie ? - Das ist Mord an Ihnen selbst ! Meinen Sie denn , daß der thörichte Knabe Ihren Edelmuth würdigen wird ? Sein Leben wäre Ihr Tod - geht das Duell vor sich , so oder so - sind wir auf ewig getrennt . « Der Capitain wandte sich ab . » Es ist kein anderer Weg - Sie haben einen Namen zu vertheidigen , Iwanowna , auch der meiner Väter ist mir heilig und darf nicht entehrt werden , selbst um den himmlischen Preis nicht , den Sie mir gezeigt haben . « Sie warf sich schluchzend am Divan nieder ; er setzte sich zu ihr und nahm ihre Hand in die seine . » Warum trauern , Iwanowna , « sagte er freundlich , » nachdem Sie mich so unaussprechlich glücklich gemacht ? Warum trauern , daß uns ein persönliches Mißgeschick trennt , wo uns das Geschick der Völker in jedem Augenblick unwiderruflich zu trennen drohte . - - Denken Sie , wie unendlich leichter es mir sein wird , jetzt der Kugel Ihres erbitterten Bruders die Brust zu bieten für Sie , als wenn das eherne Geschick der Schlachten uns gegenüber gestellt und die kalte Berechnung der Politik Ihres Kaisers und seiner Nesselrode ' s und Kisseleff ' s den Freund dem Freunde , den Bruder dem Bruder den Stahl in ' s Herz stoßen hieße ! « Die Worte , die Namen , schienen die Fürstin berührt zu haben , - einen Augenblick schwieg sie wie nachdenkend , dann raffte sie sich rasch empor . Sie schien ihre volle , eine kurze Zeit von der doppelten Aufregung gestörte Energie wiederzugewinnen . » Wann soll das unglückliche Duell vor sich gehen ? « » So viel ich weiß , gegen Abend , - um sechs Uhr . « » Eugen , wollen Sie mir eine Bitte erfüllen ? « sie hob die Hände gegen ihn . » Jede , die sich mit meiner Ehre verträgt . « » Sie ist auch die meine und wird unverletzt aus Allem hervorgehen . « Sie drängte ihn freundlich zum Seitentisch , auf dem das Schreib-Necessaire stand . » Schreiben Sie an Herrn de Sazé , nur einige Zeilen , daß das Duell erst morgen früh um dieselbe Stunde stattfinden könne , - nehmen Sie irgend einen Vorwand - die Ordnung Ihrer Angelegenheiten - « » Aber ich darf nicht - ich kann nicht - Sie sinnen eine List ... « » Bei dem Grabe meiner Mutter , ich sinne Nichts gegen Ihre Ehre ! Ist das Leben zweier Menschen nicht einen kurzen Aufschub von zwölf Stunden werth ? - Galt Ihnen das Geständniß meiner Liebe so wenig ? « Er reichte ihr die Hand . » Es ist unnöthig , daß ich schreibe , - der Marquis hat versprochen , in einer halben Stunde hier zu sein und ich gebe Ihnen mein Wort , daß Ihr Wille erfüllt werden soll , daß Arrangement wird sich leicht treffen oder ändern lassen , ohne aufzufallen . - Fürstin , ich ahne Ihren Grund - Sie wollen Ihren Bruder bewegen - möge Gott seinem Engel zu dem Werke des Friedens helfen . Ich werde glücklich sein , diese Lösung von Ihrer Hand annehmen zu können . « Sie sah ihm trübe lächelnd in die heiterer gewordenen Augen . » Meinen Dank , mein Freund , meinen innigen ewigen Dank ! - und jetzt - mein Lebewohl ! « Sie wandte sich rasch nach der Thür , er eilte ihr nach , aber sie selbst kehrte sich an dieser noch einmal zu ihm . Ihre Hände faßten die seinen - ihre Augen hafteten auf den seinen , Minuten lang , innig und zärtlich , und doch wie unter dem Flor einer tiefen Traurigkeit . Er zog sie näher , - unwillkürlich - im stummen Glück - ruhten ihre Lippen einen Moment auf den seinen voll und heiß - dann rauschte die Portiere hinter ihr zusammen - sie war verschwunden ! Der Vicomte trat in ' s Seitenzimmer , die theure Gestalt noch ein Mal zu sehen ; eben eilte sie mit Annuschka , von dem Araber begleitet , durch die Pforte - im nächsten Augenblick rollte der Wagen davon . - Als der Fiaker in die Rue de Grenelle gebogen war , befahl Annuschka dem Kutscher : » Nach der Faubourg St. Honoré 33 , Hotel der russischen Gesandten . « - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Fürst Iwan , - durch ein Billet des Grafen Wassilkowitsch von der veränderten Bestimmung des Rendezvous in Kenntniß gesetzt , - hatte eben seinen gewöhnlichen Besuch im Palais und Büreau der Gesandtschaft gemacht und wollte sich entfernen , als Herr von Kisseleff , der damalige Vertreter Rußlands in Paris , ihn in sein Kabinet rufen ließ . Etwas beunruhigt folgte er dem Boten , sah sich aber in seiner Besorgniß getäuscht , da der Gesandte ihn auf ' s Freundlichste empfing , mit keiner Sylbe ein Kenntniß des vorgefallenen Zwistes an den Tag legte und ihn einlud , mit ihm en deux zu speisen , da mehrere geheime Depeschen zu erledigen wären , wegen deren er für die nächsten Stunden seiner Hülfe in Anspruch nehmen müsse . Im Ganzen war es dem jungen Mann nicht unlieb , einen Vorwand zu finden , der ihm erlaubte , nicht in sein Hotel zurückzukehren und so den Fragen der Schwester auszuweichen . Vor Abend hatte er ohnehin keine Bestimmung über seine Zeit getroffen , und die Stunden vor einem Duell allein zu verbringen , ist eben für Keinen angenehm . So fügte er sich also gern und die Arbeit zerstreute ihn . Aber Stunde auf Stunde verrann , der Gesandte , der von Zeit zu Zeit das Kabinet verließ und ihn bei der Arbeit einschloß , häufte immer neue Manuscripte vor ihm , und die Zeit nahete , zu der er versprochen hatte , an einer anderen Stelle zu sein . Abgespannt und ärgerlich warf er endlich die Papiere zur Seite . Die Depeschen waren vollendet und er nahm seinen Hut , um sich zu entfernen . Die Uhr im Kabinet zeigte eben halb Zehn , als Herr von Kisseleff wieder eintrat und die letzten Unterschriften vollzog . » Ich muß Sie noch einen Augenblick bemühen , Fürst , « sagte er artig ; » die Secretaire haben bereits das Hotel verlassen und ich bitte Sie , die Papiere zu couvertiren . « Der Fürst gehorchte . Der Gesandte legte noch eine eigenhändige Depesche dazu und das Briefpacket wurde fertig gemacht . Herr von Kisseleff schellte . » Ist der Wagen bereit ? « fragte er den eintretenden Jäger . » Zu Befehl , Excellenz . « Der Diener trat ab . » Jetzt , Fürst , muß ich Sie darauf aufmerksam machen , daß diese Depeschen , wie Sie sich selbst überzeugt haben , von der höchsten Wichtigkeit sind . Den Telegraphen können wir in dieser Angelegenheit nicht benutzen , die Gründe liegen auf der Hand . Sie werden daher auf Ihr Ehrenwort dieses Paket nicht von Ihrer Seite lassen , bis Sie es dem Herrn Staatskanzler selbst übergeben haben . « » Wie ? ich - - ? « » Allerdings , Sie selbst . Ich bin genöthigt , Sie damit als Courier nach Petersburg zu schicken , da ich augenblicklich Niemand weiter zur Disposition habe , dem ich so wichtige Interessen anvertrauen könnte . Sie werden mit dem Zug um eilf Uhr nach Brüssel abreisen . « » Aber Excellenz - das ist unmöglich ! Ich bin nicht im Geringsten vorbereitet . « » Das ist unnöthig , - es ist Alles gethan ; die Fürstin , Ihre Schwester , hat für Alles gesorgt und wird Sie begleiten . « Er öffnete die Seitenthür , Iwanowna trat ein im Reisekleide . Dem jungen Manne schwirrte und dunkelte es vor den Augen . Das Blut schoß in Strömen ihm zum Kopf , er fühlte , daß er überlistet worden . » Ich werde Paris nicht verlassen , mein Herr ! Ich habe morgen früh eine Ehrenverpflichtung und will nicht das Spielwerk einer Intrigue sein , die ich durchschaue . « Iwanowna eilte auf den Bruder zu , sie hing sich an seinen Hals . » Iwan , bedenke , was Du thust ! « Der Gesandte trat dicht an ihn heran . » Fürst Oczakoff , ich befehle Ihnen im Namen des Kaisers , ohne Widerrede zu gehorchen . Sie werden auf der Stelle abreisen . Denken Sie an Sibirien ! « Der junge Mann knirschte . Er wand sich in den umschlingenden Armen der Schwester . Herr von Kisseleff legte ihm die Hand auf die Schulter und sagte in freundlicherem Tone : » Es ist unbedingt nöthig , daß Sie reisen , Fürst , um Ihrer selbst willen . Ich weiß Alles ; Sie haben eine bittere Uebereilung begangen und wollen dieselbe durch ein Verbrechen wieder gut machen . Der Kaiser würde Ihnen nie verzeihen , wenn in diesem kritischen Augenblick , wo Alles auf dem Spiele steht , Ihre thörichte Heftigkeit einen Eclat mit dem französischen Kabinet herbeiführte . Ihre Ehre und Ihr Name müssen gewahrt werden , und deshalb zwinge ich Sie im Namen des Kaisers , abzureisen . Ihr Secundant hat bereits Stubenarrest ; ich selbst werde Ihre Entschuldigung und Rechtfertigung bei Ihrem ehrenwerthen Gegner übernehmen . « Der Fürst beugte das Haupt . Er sah , daß ihm jeder Ausweg abgeschnitten war und er sich fügen müsse . » Ich werde reisen , hätte aber von Euer Excellenz mehr Rücksicht erwartet . « » Sie sind ein thörichter junger Mensch , « sagte der Gesandte achselzuckend . » Danken Sie der Aufopferung Ihrer schönen Schwester , daß Sie mit so vieler Rücksicht behandelt und aus jeder Ihrer unwürdigen Stellung hier mit Ehren gezogen werden . « Er hob warnend den Finger » Uebrigens könnten Sie leider bald Gelegenheit erhalten , Ihre Rauflust vielleicht selbst an Ihrem heutigen Gegner , den ich achte und schätze , auf einem würdigeren Felde zu kühlen . « » Haben Euer Excellenz noch Etwas zu befehlen oder bin ich entlassen ? « » Nichts weiter . Ich habe Ihr Ehrenwort , daß Fürst Oczakoff diese Depeschen richtig und ohne Zeitverlust in Petersburg abliefern wird ? « » Mein Ehrenwort ! « » Fürstin ! Sie sind mir Zeuge und Bürge für Ihren Herrn Bruder . Ich wollte Sie erst selbst zum Bahnhof begleiten , verlasse mich aber ganz auf Sie . « » Die Ehre meines Bruders ist die meine . Leben Sie wohl , mein Herr , und genehmigen Sie nochmals meinen innigen Dank . « » Auf glückliche Reise also , Fürst , und ohne Groll . Ich muß Sie verlassen , denn ich habe Berichte zu empfangen . Es ist etwas Wichtiges vorgegangen ; man hat heute Abend ein Attentat auf den Kaiser Napoleon entdeckt und es sollen viele Verhaftungen in der komischen Oper vorgekommen sein . - Leben Sie wohl ! « Er reichte Beiden die Hand , die Fürst Iwan schweigend und zögernd annahm , und geleitete sie bis zum Vorsaal . Diener des Fürsten standen hier bereit , im Hofe des Palais harrte eine Chaise . » Wir finden unseren Reisewagen bereits auf dem Bahnhofe , Iwan , « sagte die Fürstin freundlich ; » Wassili und Annuschka werden uns allein begleiten , die Anderen folgen . « Der Fürst verharrte noch immer in mürrischem Schweigen , während der Wagen durch die Straßen rollte . Plötzlich als er auf den Place de la Madeleine bog , faßte er die Hand seiner Schwester . » Iwanowna , « sagte er zärtlich , » ich habe mich in den Willen des Gesandten und in Deinen Wunsch gefügt , und ich schwöre Dir , willig abzureisen , ohne einen Versuch in Betreff des Ehrenhandels zu machen , den Dein Scharfsinn und Deine Liebe entdeckt und verhindert hat . Aber ich habe eine Bitte an Dich , von deren Erfüllung mein Leben abhängt . « » So habe Vertrauen zu mir ; Du weißt , wie das meine nur in dem Deinen besteht . « Der Fürst zeigte seine Uhr . » Es ist zehn Uhr , « sagte er ; » um Eilf geht der Zug . Wir haben noch eine volle Stunde Frist . Gieb sie