zu den steifen und hohen Halskrägen ; er befand sich im schwarzen Frack und schien aus einer Soirée zu kommen . Hier , beim Grafen Fohrbach , hatte sein Erscheinen indeß nicht zur Belebung der Unterhaltung beigetragen . Der Hausherr lehnte ziemlich verdrießlich an dem Kamin und ließ große Rauchwolken aus seiner Cigarre aufsteigen ; der Major war still und einsylbig geworden , und während sich der Assessor bei einer soliden Restauration mit Champagner und kaltem Geflügel beschäftigte , tauchte der Baron von Brand verschiedene Bisquits in Zuckerwasser - au fleur d ' orange . Der kleine Mann rauchte seinen Tabak prüfend aus der langen Pfeife , sog den Dampf ein , verschluckte ihn unter verschiedenen Grimassen , trank eine Tasse Thee darauf und ließ eine Weile nachher den Tabaksrauch nach ächter orientalischer Manier wieder dem Magen herauf steigen , um ihn hierauf von sich zu blasen . » Der Latakia ist gut , « sagte er nach einer Pause , » ich möchte sagen , fast so gut wie der meinige , und wenn es Ihnen recht wäre , mein lieber Graf , so machten wir einen kleinen Tausch . - Apropos , « fuhr er nach einem abermaligen tiefen Zuge fort , ohne vorher eine Antwort abzuwarten , » um vom Tauschen zu reden , so kennen Sie , lieber Major , gewiß den kleinen Fuchsen des Prinzen A. Halten Sie ihn von einer guten Zucht , von einer unverfälschten Race , würden Sie zum Beispiel zu einem Tausche zwischen jenem Pferde und meinem Schimmel rathen ? « Der Major blickte einigermaßen erstaunt empor und entgegnete : » Der Fuchs ist ein vortreffliches Pferd , und bei allem Respekt vor Ihrem Schimmel begreife ich doch nicht , wie einem Kenner hiebei ein Tausch einfallen könnte . « » Es ist vielleicht dem Prinzen darum zu thun , « meinte der Baron von Brand mit einem süßen Lächeln , » etwas zu bekommen , was dem Herrn von Dankwart gehörte ; wie man auch sonst wohl die unbedeutendsten Sachen , wenn sie großen Männern angehören , in hohem Werthe hält . « Der Graf Fohrbach lächelte in sich hinein , und Herr von Dankwart blickte verwundert auf den Sprecher ; doch da er dessen gleichmüthiges , unbewegliches Gesicht sah und sich gnädigst erinnerte , man müsse dessen beschränktem Verstande schon etwas zu gute halten , so begnügte er sich damit , die Achseln zu zucken , die Backen aufzublasen und alsdann aus seinem Pfeifenkopfe eine Menge Rauch zu stoßen . » Es wird spät , « sagte der Major , » ich gehe nach Hause . - Du kannst morgen nicht auf die Jagd ? « wandte er sich an den Grafen . » Herrendienst ! « erwiderte dieser ; » ich bin morgen in das Vorzimmer gefesselt . Wenn du Nachmittags zurück kommst , kannst du mir erzählen , wie es draußen ausgesehen . « » Ich komme gegen Abend und werde dich besuchen , « versetzte der Major , indem er sich erhob . » Nun , Assessor , du fährst doch mit mir ? « » Ich hatte auf einen Platz bei Ihnen gerechnet , lieber Major , « sagte Herr von Dankwart , » und schickte deßhalb meinen Wagen nach Hause . « » Daran haben Sie bei diesem Wetter sehr unrecht gethan , « entgegnete der also Angeredete . » Den Teufel auch , man muß im Winter nicht so unvorsichtig sein ! - Ich könnte Ihnen nur ein kleines Bänkchen in meinem Coupé anbieten , aber es ist voll Pelzfußsäcke und dergleichen . « » Lassen Sie sich eine Droschke holen , Herr von Dankwart , « meinte der Baron von Brand . » Sie können sich denken , daß ich Ihnen mit großem Vergnügen einen Platz bei mir anbieten würde , aber erstens habe ich da den Maler aufgeladen , und zweitens fahren wir nicht ganz direkt nach Hause . - Sie waren auch einmal ein fröhlicher Garçon und werden mich schon verstehen . « Bei diesen Worten hatte er seinen Hut genommen und Arthur leicht angestoßen , als er bei diesem vorüber kam . Unter dem allgemeinen Aufbruch , der nun erfolgte , schien das ziemlich lange Gesicht des kleinen Mannes , mit dem er diese Abweisungen erhalten , nur von dem Hausherrn bemerkt zu werden . Dieser führte den Major wie absichtslos in eine Ecke , und sagte dort leise zu ihm : » Rückt in Gottesnamen zusammen und nimmt mir den Kerl mit fort , sonst sitzt er mir dahin , langweilt mich noch eine Stunde , und ich muß ihn am Ende nach Hause fahren lassen . « » Recht ! « erwiderte der Andere , indem er den Mund zum Lachen verzog , » wir wollen ihn in die Mitte nehmen . « Dann wandte er sich an Herrn von Dankwart und sagte ihm : » Sie werden hoffentlich so gut von unserer Galanterie denken , daß wir Sie nicht bei Nacht und Nebel allein und zu Fuß nach Hause gehen lassen . Wenn Sie den Mittelplatz zwischen diesen respektabeln Körpern einnehmen wollen « - dabei zeigte er auf den Assessor und sich selbst - » so wird ' s uns freuen . « » Das ist mir wahrhaftig angenehm , « entgegnete hierauf Herr von Dankwart mit großer Lebhaftigkeit ; » und ich versichere Sie , den Weg zu Fuß zu machen , wäre mir eine Kleinigkeit , da ich bedingungsweise die kühle Nachtluft liebe ; aber ich habe Ihnen einiges nicht Unwichtiges mitzutheilen . Ihre Hoheit nannte beim Frühstück Ihren Namen und - doch davon später ! Bringen wir also diesen guten Assessor nach Hause , er wohnt nicht weit von hier , und dann fahren wir äußerst angenehm zu mir . « - Bei diesen Worten erhob sich Herr von Dankwart stolz und beruhigt , zog seinen schwarzen Frack in die Taille hinein , warf den Kopf mehr als gerade nöthig war , in die Höhe und reichte seine Finger mit vieler Grazie rechts und links zum Abschiede . Da aber zufälliger Weise Niemand besonders darauf achtete , so gingen mehrere schöne Händedrücke für diese undankbare Welt verloren . An der Thüre sagte der Baron von Brand zu dem Hausherrn : » Ich hätte bald vergessen , Sie zu fragen , lieber Graf , wie Sie es morgen bei dem Begräbniß der Fräulein von M. halten ? « » O , ich schicke einfach einen geschlossenen Wagen hin . « » Kutscher und Bedienten ? « » Natürlicher Weise ; je größer die Pracht , desto mehr bezeugt man sein Beileid . - Gute Nacht ! - Gute Nacht ! « - Der Wagen des Majors fuhr zuerst ab , er selbst darin mit dem Assessor und dem Herrn von Dankwart ; doch muß man durchaus nicht glauben , es habe der Letztere sich des angebotenen Mittelplatzes bedient ; im Gegentheil , er setzte sich unter vielen wichtig ausgesprochenen , im Grunde aber sehr unwichtigen Redensarten in die rechte Ecke des Coupé ' s und versicherte , man könne sagen was man wolle , die in hiesiger Residenz gebauten Wagen seien alle unerträglich , ein Uebelstand , dem er aber abhelfen werde , indem er gerade im Begriffe sei , einen neuen Unterwagen zu construiren , so vortrefflich , ja sinnreich erdacht , daß er nothwendiger Weise bei der Ausführung die allgemeine Bewunderung erregen müsse . Als Arthur im zweiten Wagen mit dem Baron durch die Straßen fuhr , und dieser über gleichgültige Dinge sprach , fiel dem Maler abermals die Aehnlichkeit mit der Stimme auf , die er heute Abend an jenem Durchgange gehört . » Es ist sonderbar , « sagte er , » wie sich zwei Organe gleichen können ; heute Abend zog ich in den Straßen der Stadt umher und hätte unter anderen Verhältnissen darauf schwören wollen , Sie , Baron , da gehört zu haben . « » Ei der Tausend , « entgegnete Herr von Brand , » und wo war das , wenn ich fragen darf ? « Dabei zog er ein Sacktuch hervor , und der ganze Wagen füllte sich mit dem eigenthümlichen Parfum des schon erwähnten coeur de rose . » Natürlich ist es eine Täuschung , « fuhr der Maler fort , » es war in der Gegend des Marktplatzes , wo die alten merkwürdigen Häuser stehen , für uns Künstler ein interessanter Platz . Es ist dort ein Durchgang . « » So , ein Durchgang ? - Ich erinnere mich nicht . « » Das glaube ich wohl , « sagte Arthur lachend . » Dieser Durchgang führt namentlich zu einer sonderbaren Kneipe , wo sich herumziehende Musikanten , Gaukler von der Messe , und allerhand Leute von noch weniger ausgesprochenem , aber doch einträglichem Gewerbe zusammen finden . « » Ah ! das muß nicht uninteressant sein ! « meinte der Baron . » Waren Sie schon da ? « » In dem Hause selbst nie . « » Das ist schade , sonst könnten Sie mich einmal hin führen ; man sieht da lustige und pikante - - Scenen ; ich liebe dergleichen . - Wie heißt die Kneipe ? « » Zum Fuchsbau , « entgegnete Arthur . » Habe den Namen nie gehört , « versetzte lachend der Baron , » will mir ihn aber merken . « Damit war der Wagen an dem Hause Arthur ' s angekommen ; der Kutscher hielt die Pferde an , der junge Maler öffnete den Schlag , sprang heraus und wünschte dankend eine gute Nacht . Als der Baron seine Wohnung ebenfalls erreicht , verließ er das Coupé , welches nach den Stallungen fuhr , während er in den Thorweg seines Hauses trat . Hier war er eben im Begriff , die Klingel zu ziehen , als er bemerkte , daß ihm Jemand von der Straße nachgefolgt war , der , dicht in einen Mantel gehüllt , ganz nahe vor ihn hintrat . Der Herr von Brand wich bei dieser plötzlichen Begegnung einen Schritt zurück und griff mit der Hand in seine Brusttasche , vielleicht absichtslos , vielleicht aber hatte er auch dort eine Waffe verborgen . Der Andere , welcher diese Bewegung sah , rief laut lachend : » Gut Freund ! Baron ; lassen Sie nur stecken ! - Teufel auch ! ich glaube , Sie hätten nicht übel Lust , eine Pistole gegen mich zu wenden . « Der Baron , welcher augenblicklich diese Stimme zu erkennen schien , sprach im Tone der höchsten Ueberraschung : » Wie ? Sie sind es , gnädigster Herr ? - Ich muß gestehen , ich hätte Euer Durchlaucht nicht zu der Zeit hier erwartet . « » Daran sind Sie selbst Schuld ; man findet Sie ja nie , und wo Sie oft sind , habe ich nicht immer Lust hinzugehen . « » Ah ! zum Grafen Fohrbach ! « » Ganz recht ! ganz recht ! - Haben Sie Zeit für mich zu zwei Worten ? « » Die ganze Nacht . - Aber wollen Euer Durchlaucht nicht zu mir hinauf spazieren ? « » Nein , nein , ich will nach Hause . - Kommen Sie einen Augenblick in die Straße , es ist gleich abgemacht . « - Damit faßte er den Baron unter dem Arm , und Beide traten aus dem Thorwege hinaus , um bei der Häuserreihe in langsamem Schritt auf und ab zu gehen . » Sie wissen , « sagte der Unbekannte , » ich habe es mit vieler Mühe durchgesetzt , daß Eugenie von S. zum Ehrenfräulein ernannt wurde . « » Schön , « entgegnete der Baron , indem er mit dem Kopfe nickte ; » sie wird im Schlosse wohnen . - Euer Durchlaucht haben da die beste Gelegenheit , sich ihr zu nähern . « » Teufel auch ! wenn mich das nur was nützt ! - Sie soll sehr streng sein und wird hier bald einen Anhang von Leuten haben , die mir gerade nicht besonders gewogen sind ; ihre Mutter war eine genaue Bekannte des Grafen Fohrbach , sie selbst ist eine Nichte des Major von S. - Und dann ist Eugenie zu schön , sie muß Aufsehen erregen ; man wird sich um sie bewerben . - Ich fürchte wahrhaftig den jungen Grafen Fohrbach . « » Pah ! « lachte der Baron , » wen hätten Sie zu fürchten , gnädiger Herr ? « » Na , lassen wir alle Schmeicheleien , « entgegnete der Andere mit einer ungeduldigen Kopfbewegung ; » ich stehe schon für mich ein , aber die Partie ist ungleich : Sie wissen , ich bin weder bei den Fohrbach ' s noch bei Major S. sehr gelitten , habe also keine Verbündeten . « » Mit Ausnahme des Vaters , « erwiderte der Baron mit seltsamem Lächeln , das aber der Andere nicht sehen konnte , denn er fuhr ungeduldig fort : » Was nützt mich der Vater ? Ich muß hier auf dem Platze auf sie einwirken können . « » So muß man Ihnen Verbündete schaffen . « » Deßhalb wende ich mich an Sie . - Glauben Sie , daß das möglich ist ? « » Auf die großen Familien kann ich begreiflicher Weise nicht einwirken , aber ich sehe wohl ein , es ist nothwendig , daß wir vorderhand von allen ihren Schritten unterrichtet werden , daß wir erfahren , wohin sie geht , wen sie empfängt , mit einem Wort , was sie thut und treibt . « » Und ist das möglich ? - Es wird schwierig sein . « » Nicht so sehr , « meinte der Baron nach einigem Nachdenken . » Was ich verspreche , das Pflege ich zu halten . - Aber auch Graf Fohrbach muß beobachtet werden . « » Das ist auch meine Ansicht , bester Baron , « sprach eifrig der Andere ; » ich wäre Ihnen zu tausend Dank verpflichtet , wenn Sie im Stande sind , so Etwas für mich anzurichten . « » Verlassen sich Euer Durchlaucht ganz auf mich ; ich mache mich anheischig , Ihnen in kurzer Zeit täglich , ja stündlich die gründlichsten und getreusten Berichte sowohl über Fräulein von S. , als auch über den Grafen zu machen . - Dagegen aber , gnädigster Herr , hoffe ich , auch vorkommenden Falls vielleicht auf Sie rechnen zu können . « » Sie wissen , bester Baron , daß Ihnen mein ganzer Einfluß zu Befehl steht - « » Und ich werde mir erlauben , « unterbrach ihn Herr von Brand , » Euer Durchlaucht - einstens daran zu erinnern . « » Das hoffe ich , und - die Sache wäre abgemacht . « » Vollkommen . « » Ich erhalte meine Berichte - « » Sobald das Fräulein da ist . « » Nun denn , vorderhand meinen besten Dank ! - Gute Nacht , Baron ! « » Gute Nacht , gnädigster Herr ! « Eilftes Kapitel . Zwei Begräbnisse . Es ist seltsam , wie man erst nach und nach dazu kommt , Kirchhöfe zu besuchen und ohne Scheu zwischen den kleinen Hügeln umherzuwandeln . Man geht zuweilen hin bei gewissen Veranlassungen , dem großen Schwarm folgend und irgend eine Person zu ihrer letzten Ruhestätte begleitend , die einem im Grunde ziemlich gleichgültig gewesen ist . Zu der Zeit ist für uns hinter den Mauern des Kirchhofes noch ein fremdes , ja fast gänzlich unbekanntes Land . Vorübergehend schauten wir wohl durch das Gitterthor , und sahen Steine , Kreuze , blühende Rosen und wehende Trauerweidenzweige , und wir liebten es , nicht mehr davon zu wissen , denn der ganze Garten war ein Räthsel , dessen Lösung uns frühe genug klar werden würde . - Wir schritten also im Zuge zwischen den Gräbern dahin , lasen hie und da einen bekannten Namen , traten an ein offenes Grab , sahen Den hinabsenken , den wir begleitet , und kehrten dann wieder zurück , froh darüber , eine oftmals lästige Pflicht erfüllt zu haben . - Da trat der Tod näher in den Kreis der Freunde und zum ersten Mal schritten wir im Zuge , mit wirklichen Thränen im Auge . Wir begleiten Jemand in sein frühes Grab , dessen Augen noch vor Kurzem in das unsrige geblickt , dessen Hand die unsrige gedrückt . Und während wir dahin schreiten auf dem breiten Wege , schauen wir uns schon sorgfältiger um , denn es ist uns schon von größerem Interesse , die Umgebung kennen zu lernen , zwischen der unser Freund ruhen , vielleicht träumen wird . Sie schauen uns nicht mehr so fremd an , die verschiedenartig geformten Steine , die kleinen Gärtchen , von Gitterwerk eingefaßt , die verschiedenen Kreuze in ihrer einfachen Gestalt , nur in der Ausführung so verschieden , vom künstlich gebildeten Marmor bis zum ärmlichen Holz , alle Schichten der menschlichen Gesellschaft darstellend ; nein , sie tauschen geheime Zeichen mit uns aus , sie wissen es wohl , daß wir sie auf dem heutigen Gange mit Interesse betrachten . Kommt aber erst die Stunde , wo wir der feuchten Erde draußen etwas anvertrauen , das uns noch näher liegt als Bekannte oder Freunde , kommt jener Augenblick , wo man etwas von unserem warmen Herzen losreißt , um es von den kalten Schollen zudecken zu lassen , so haben wir auf diese Art ein Plätzchen erhalten , ein Eigenthum , an dem wir Stunden lang sitzen können , um träumerisch an vergangene Tage zu denken , während wir auf die sprossenden Pflanzen und Gräser blicken . Und dann hat der Kirchhof nichts Fremdes mehr für uns ; wir haben alle Scheu vor seinem stillen Raume verloren , wir machen gerne Bekanntschaft mit seinen Wegen , seinen Bäumen , seinen verschiedenen Monumenten ; denn Alles das bildet ja für uns die Umgebung für einen einzigen , sei es auch noch so bescheidenen Platz , für einen Mittelpunkt , der unser Alles ausmacht , für ein kleines Fleckchen Erde , in dem unser Liebstes ruht . Von da an interessirt man sich auch für die anderen Gräber ; - Alles , was sich auf dem Friedhofe befindet , scheint einer einzigen , großen Familie zu gehören , der Verwandtschaft der Todten . - - Man freut sich über bunte Blüthen , die hier und dort entstehen , über einen neuen Stein , der aufgerichtet wird , über ein kleines ärmliches Gipsfigürchen , das einen betenden Engel vorstellt , und das herzliche Liebe auf ein stilles , lange verwildertes Grab gesetzt . Es gibt Leute , welche sich am Liebsten auf dem Kirchhofe ergehen bei einem düsteren , melancholischen Wetter , wenn ein leiser Wind durch die Bäume rauscht , wenn einzelne schwere Regentropfen melancholisch herabrieseln , oder wenn an den umliegenden Bergen dichte Nebel hangen , die wie graue Schleier tief in das Thal herab hängen , und Monumente , Bäume , und Sträucher nur in undeutlichen Umrissen ahnen lassen : stilles , verdrießliches Wetter , wo die Natur mit trauert , wo die Kapelle des Friedhofes wie ein nebelhaftes Gespenst aussieht , wo an den Brettern , Hauen und Schaufeln ein Tropfen nach dem andern hinabläuft , wo das offene Grab recht freundlich aussieht , wie ein trockener Zufluchtsort gegen die nasse und kalte Witterung draußen . - Wie gesagt , es gibt Leute , die dieser Ansicht sind . Wir aber können uns damit nicht einverstanden erklären ; wir lieben den Kirchhof an einem klaren , heitern Tage , wie der des gegenwärtigen Kapitels ist , wo die Sonne mit aller Pracht aufsteigt . - - Auf dem Kreuze der Kapelle und dem Metalldache derselben funkeln Blitze , mit den Bergen rings umher liebäugelnd , die wie im rosigen Licht freundlich lächelnd in ' s Thal herab blicken . Im hellen Glänze liegt die ganze Gegend , wie an einem Tag allgemeiner Freude . Obgleich es Winter ist , haben doch die Sonnenstrahlen seit einigen Tagen eine eigene Kraft ; halbverwelkte Blätter scheinen ein neues Leben zu empfinden , ein paar frühzeitige Blumen haben unbesonnener Weise ihre Kelche geöffnet , um heute Nacht eines frühzeitigen Todes zu sterben ; der Reif an den Bäumen löst sich auf und tropft als Wasser herab ; von dem weißen Schnee ist fast nichts mehr zu sehen , und wo noch hie und da in einer Vertiefung etwas liegen blieb , da unterbricht das nicht unangenehm den einförmigen , blätterlosen Kirchhof . Und doch ist hier Alles lebhafter , festlicher geschmückt , als in jedem anderen Garten , denn die vielen Kreuze und Steine brauchen nicht auf neue Blätter und Blumen zu warten , sie stehen da , immer fertig , immer geputzt , von der Sonne bestrahlt und von ihr mit tiefen , scharf ausgezackten Schatten geschmückt . - - Ja , die Immortellenkränze , die hier hängen , sind so warm und schön beleuchtet , daß man glauben könnte , die todten Strohblumen hätten sich eben jetzt geöffnet . So liegt der Kirchhof da im hellen Morgensonnenscheine ; die hohe Mauer , welche mit aus- und einspringenden Winkeln in einer ununterbrochen glänzenden Linie , hie und da tiefe Schatten werfend , ihn umgibt , scheint darauf stolz zu sein , und von ihrem Rande glänzen glatte Kieselsteine , helle Glasscherben und dergleichen mehr gar wunderbar in der Sonne . - Und Alles ist hier so still und aufmerksam ; die Arbeiter haben zwei Gräber beendigt , ein großes auf dem schönsten und freiesten Platze des Kirchhofs , ein kleines zwischen alten hölzernen und vermoderten Kreuzen und eingesunkenen Hügeln in einem entfernten Theile , wo man viele Gräber und wenig Wege sieht , wo die Besuchenden sparsam , der blühenden Blumen wenige sind . Die subalternen Kirchhofbeamten sitzen auf der Treppe der Kapelle , sie haben fadenscheinige schwärze Fräcke an , und Einer läßt eine zinnerne Schnupftabaksdose herumgehen , welche mit den Emblemen seines Handwerks , einem Todtenkopf und zwei Knochen , geziert ist . Jetzt schlagen die Glocken auf dem Kirchthurme in der Stadt an , und der Schall dringt durch die klare Morgenluft recht hell herüber . Einige Augenblicke scheinen selbst die Kreuze und Steine diesen bekannten Klängen zu lauschen ; man könnte glauben , hie und da strecke sich eines von ihnen , um auf den Weg zu schauen und früher zu erfahren , wer denn dort schon wieder gebracht werde . Der geneigte Leser weiß es bereits , wenn er jetzt aus den Thoren der Stadt zwei Züge hervorkommen sieht , an der Spitze des einen den großen Trauerwagen mit den reich geschirrten Pferden , an der Spitze des anderen aber einen Kirchhofdiener , der unter seinem langen breiten Mantel Etwas trägt ; er wird mit uns den ersteren Zug vorbei lassen : eine lange Reihe von reichen Equipagen mit bunten Wappenschildern am Schlag , Kutscher und Bediente in großer Livree , und er will sich dem zweiten Zug anschließen , welcher von dem Hauptwege , den jener andere stolz betritt , bescheiden abweicht und sich in den nämlichen Regionen des Kirchhofs verliert , von denen wir oben gesprochen . Bei beiden Zügen sieht man unter den Sacktüchern Thränen fließen ; wenn es aber von der tiefen Trauer der Anzüge abhinge , so müßte dort größerer Schmerz zu finden sein als hier . Hinter dem Manne mit dem Mantel schreiten die beiden kleinen Geschwister , und die gute ältere Schwester hat das Mögliche gethan , um sie der traurigen Handlung gemäß herauszuputzen . Das kleine Mädchen trägt ein schwarzes Merinokleid , das aber auf allen Nähten und den Aermeln schon stark in ' s Röthliche schimmert ; dem hellbraunen Röckchen des Bübchens eine andere Farbe zu geben , war nicht wohl möglich , weßhalb sich Clara begnügt hatte , an seiner Mütze eine ziemlich lange Florschleife anzubringen , die an der Seite herunter hing und von dem kleinen Leidtragenden mit bedeutendem Stolze betrachtet wurde . Die junge Tänzerin selbst ging mit ihrem Vater ; hinter ihnen folgten die Colleginnen , die , sowie ein Paar Tänzer des Theaters mit dem würdigen Schwindelmann , es sich nicht hatten nehmen lassen , die kleine Leiche zu begleiten . Natürlicher Weise schritt Mademoiselle Therese in erster Reihe ; sie trug ein schwarzes Atlaskleid , sehr zierliche Schuhe , einen violetten Sammthut , und das Gesicht mit einem dichten Schleier bedeckt . In ähnlicher Toilette , soviel wie möglich Trauer ausdrückend , befanden sich die übrigen Tänzerinnen ; alle hatten in ihren Händen Blumenbouquets , theils wirklich blühende , theils künstlich gemachte . Die beiden Züge kamen fast zu gleicher Zeit an den betreffenden Stellen an , und von dem Glanz und der Pracht , mit der die verstorbene Stiftsdame zur Erde bestattet wurde , ging ein guter Theil auf das Begräbniß der kleinen Anna über . - » Und ohne daß es nur einen Kreuzer kostete , « - meinte Schwindelmann . Drüben am Grabe stand einer der ersten Geistlichen , und ein Musikchor unterstützte seine Bemühungen , die Umstehenden in eine recht traurige Stimmung zu versetzen ; sie bliesen einen Choral , und einzelne Akkorde derselben hörte man deutlich auch am anderen Ende des Kirchhofs . Ja , die Musik klang dort viel sanfter und angenehmer , und dann vernahm man vor allen Dingen nicht das häßliche Echo der Kirchhofmauer , welche jeden lauten Ton hart und ohne Rücksicht auf den Takt zurückwarf . Als die Musik geendigt , wurden die Beiden zu gleicher Zeit in ihre Ruhestätte hinabgelassen , und jetzt müssen wir gestehen , daß hier bei der kleinen Anna weit mehr thränende Augen der in dem dunkeln Schooß der Erde Verschwindenden nachschauten , und daß hier alle die kleinen Hände der Tänzerinnen zitterten , als sie eine Hand voll Erde hinab warfen , ja sich dieselben weit bewegter fühlten , als es drüben bei den Herrschaften der Fall war , wo Einer nach dem Anderen , aber Alle in der Reihenfolge ihres Ranges , hervortrat , sich offiziell die Augen wischte , und mit tiefer Trauer die Schaufel ergriff , um der Dahingeschiedenen eine letzte Ehre zu erweisen ; dann betete der Pfarrer dort leise das herkömmliche Gebet , hier aber Clara mit lauter Stimme , was ihr gerade ihr Herz eingab , und als sie sagte : » Leb wohl , mein Schwesterchen , es lag nicht in unserer Macht , dich zu retten , obgleich wir Alles an dir nach unseren Kräften gethan . Auch du mußtest sterben , so klein , so lieb und so unschuldig ; doch ist es weit besser so : du hättest ein elendes Leben geführt voll Kummer , Noth und Entbehrungen ! « - als sie das gesagt und ihre Thränen floßen , da weinte ihr Vater , der alte Mann , ebenfalls vor sich hin , und das Bübchen , welches dies bemerkte und zu gleicher Zeit sah , daß nun die kleine Schwester völlig mit Erde bedeckt war , fing an ganz trostlos zu werden und erhob ein gewaltiges Klagegeschrei . Die umstehenden Tänzerinnen , die bei den Worten Clara ' s Manches denken mochten , blickten dem Arbeiter aufmerksam zu , wie er nun das kleine Grab ebnete , und Manche hatte , in tiefe Gedanken versunken und her Thränen nicht achtend , die von ihren Wangen herab floßen , die Hände auf einem nebenstehenden nassen Grabstein gefaltet und schien nicht daran zu denken , daß sie ihre neuen Glacéhandschuhe verderbe . Drüben , wo der Pfarrer eben seine Rede begonnen , war Alles stille wie in einer Kirche ; nur hie und da hörte man ein unterdrücktes Husten und Räuspern . - - Da auch fast kein Windhauch die Luft des unermeßlichen glänzenden Himmelsgewölbes bewegte , ertönten die Worte des Geistlichen laut und klar , und drangen weit in die Ferne . Hier bei dem anderen Grabe hörte man wohl die einzelnen Töne , doch ohne den Zusammenhang zu verstehen , man vernahm nur zuweilen Worte und Ausrufungen , die aber trotzdem recht gut für die kleine Leiche paßten . Es klang herüber von der Liebe Gottes für alle seine Geschöpfe , reich und arm , von einem freudigen Wiedersehen , von einer Vergeltung jenseits nach den guten Thaten hier auf Erden , und nach dem , was man hier geduldet und gelitten . - - Amen ! Dieses letzte Wort klang lauter als alle übrigen , und dann vernahm man das Geräusch einer Menge , die sich zum Weggehen anschickte , lautes Husten , Stimmengemurmel , Fußtritte auf dem breiten harten Wege , endlich das Rollen von Wagen , in denen sich Jeder eilfertig nach Hause begab . - Die anderen Leidtragenden im Winkel des Kirchhofes - es waren ihrer auch viel weniger - reichten der armen Clara die Hand , sagten ihr ein paar freundliche Worte und schlichen darauf , nachdem sie ihre Blumen in das frische Grab gesteckt , leise davon . Von den Männern blieb Schwindelmann allein zurück , um die Blumen zu ordnen , die man ihm darreichte ; es war eine recht hübsche Menge , und die künstlich gemachten , die am längsten aushielten , rangirte er an dem Kopfende . Endlich war auch dieses Geschäft besorgt , und schickten sich die Letzten an , miteinander fortzugehen . Das war Clara , ihr alter Vater , die beiden kleinen Kinder und Therese . Letztere hatte draußen einen Wagen und ließ es sich nicht nehmen , ihre Freundin nach Hause zu begleiten . Der alte Mann verließ die Kinder am Thor des Kirchhofes , denn er mußte in der schon gestern besprochenen Angelegenheit einen Gang zu seinem Buchhändler thun . Schwindelmann hatte Dienstgeschäfte und empfahl sich mit einem Händedruck von Clara , worauf er in seinem gewöhnlichen kurzen Trabe in die Stadt zurückkehrte . Demoiselle Therese hob die Kinder in den