bei den abergläubischen reformierten Bauern Teufelsbannerei und Sympathiekünste zu treiben . In den abgelegenen Landesgegenden herrschte damals ein bewußtloser verkommener Protestantismus ; die Landleute standen nicht etwa über den katholischen , als hinwegsehend über verdummte Menschen , sondern sie glaubten alle Märchen derselben getreulich mit , nur hielten sie den Inhalt für übel und verwerflich , und sie lachten nicht über den Katholizismus , sondern sie fürchteten sich vor demselben als vor einer unheimlichen heidnischen Sache . Ebensowenig als es ihnen möglich war , sich unter einem Freigeiste einen Menschen vorzustellen , welcher wirklich in seinem Innern nichts glaube , sowenig waren sie imstande , von jemandem anzunehmen , daß er zu vieles glaube ; ihr Maß bestand einzig darin , sich nur zu denjenigen geglaubten Dingen zu bekennen , welche vom Guten und nicht vom Bösen seien . Der Mann der Frau Margret , Vater Jakoblein genannt , von ihr schlechthin Vater , war funfzehn Jahre älter als sie und näherte sich den Achtzigen . Er besaß eine fast ebenso lebhafte Einbildungskraft wie seine Frau , dabei reichten seine Erinnerungen noch tiefer in die Sagenwelt der Vergangenheit zurück ; doch faßte er alles von einer spaßhaften Seite auf , da er von jeher ein spaßhaftes und ziemlich unnützes Männlein gewesen war , und so wußte er ebensoviel lächerlichen Spuk und verdrehte Menschengeschichten zu erzählen als seine Frau ernsthafte und schreckliche . In seine frühste lugend waren noch die letzten Hexenprozesse gefallen , und er beschrieb mit Humor aus der mündlichen Überlieferung geschöpfte Hexensabbate und Bankette ganz genauso , wie man sie noch in den aktenmäßigen Geschichten jener Prozesse , in den weitläufigen Anklagen und erzwungenen Geständnissen liest . Dieses Gebiet sagte ihm besonders zu , und er versicherte feierlich von einigen seltsamen Personen , daß sie sehr wohl auf dem Besenstiele zu reiten verständen , versprach auch von einem Tage zum andern , solange er lebte , von einem Hexenmeister seiner Bekanntschaft die Salbe herbeizuschaffen , mit welcher die Besen bestrichen würden , um darauf aus dem Schornsteine fahren zu können . Dieses gedieh mir immer zum größten Jubel , besonders wenn er mir die projektierte Fahrt bei schönem Wetter , wo ich dann vorn auf dem Stiele sitzen sollte , von ihm festgehalten , mit lustigen Aussichten ausmalte . Er nannte mir manchen schönen Kirschbaum auf einer Höhe oder einen trefflichen Pflaumenbaum aus seiner Bekanntschaft , bei welchem haltgemacht und genascht , oder einen delikaten Erdbeerschlag in diesem oder jenem Walde , wo tapfer geschmaust werden solle , indessen der Besen an eine Tanne gebunden würde . Auch benachbarte Jahrmärkte wollten wir besuchen und in die verschiedenen Schaubuden , ohne Eintrittsgeld , durch das Dach eindringen . Bei einem befreundeten Pfarrherrn auf einem Dorfe müßten wir freilich , wenn wir anders von seinen berühmten Würsten etwas zu beißen bekommen wollten , den Besen im Holze verstecken und vorgeben , wir seien zu Fuß gekommen , um bei dem herrlichen Wetter den Herrn Pfarrer ein bißchen heimzusuchen ; hingegen bei einer reichen Hexenwirtin in einem andern Dorfe müßten wir keck zum Schornstein hineinfahren , damit sie , in der törichten Meinung , ein Paar angehender hoffnungsvoller Hexer bei sich zu sehen , uns mit ihren vortrefflichen Pfannkuchen mit Speck und mit frischem Honig ohne Rückhalt bewirte . Daß unterwegs auf hohen Bäumen und Felsen Einsicht in die seltensten Vogelnester genommen und das Tauglichste von jungen Vögeln ausgesucht würde , verstand sich von selbst . Wie alles ohne Schaden zu unternehmen sei , dafür hatte er bereits eine Auskunft und kannte die Formel , mit welcher der Teufel , nach beendigtem Vergnügen , um seinen Teil gebracht würde . Auch in dem Gespensterwesen war er sehr erfahren ; doch auch hier verdrehte sich ihm alles zum Lustigen . Die Angst , welche er bei seinen Abenteuern empfunden , war immer eine höchst komische und endete öfter mit einem pfiffigen Streiche , welchen er den Quälgeistern spielte . Auf diese Weise ergänzte er trefflich das phantastische Wesen seiner Frau , und ich hatte so die Gelegenheit , unmittelbar aus der Quelle zu schöpfen , was man sonst den Kindern der Gebildeten in eigenen Märchenbüchern zurechtmacht . Wenn der Stoff auch nicht so rein und zierlich unbefangen war wie in diesen und nicht für eine so unschuldige kindliche Moral berechnet , so enthielt er nichtsdestoweniger immer eine menschliche Wahrheit und machte , besonders da in dem vielfältigen Sammelkrame der Frau Margret eine reiche Fundgrube die sinnliche Anschauung vervollständigte , meine Einbildungskraft freilich etwas frühreif und für starke Eindrücke empfänglich , etwa wie die Kinder des Volkes früh an die kräftigen Getränke der Erwachsenen gewöhnt werden , ohne zu verderben . Denn was ich hörte , beschränkte sich nicht allein auf diese übersinnliche Fabelwelt ; sondern die Leute besprachen auch auf die leidenschaftlichste Weise ihre eigenen und fremde Schicksale , und hauptsächlich das lange Leben der Frau Margret und ihres Mannes war reich an ernsten und heitern Geschichten , an Beispielen der Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit , der Gefahr , Not , Verwicklung und Befreiung ; Hunger , Krieg , Aufruhr und Pestilenz hatten sie gesehen ; jedoch ihr eigenes Verhältnis zueinander war so sonderbar von Leidenschaften bewegt , und es traten so ursprünglich dämonische Gewalten der Menschennatur darin zutage , daß ich mit kindlich erstauntem Auge in die wilde Flamme sah und für ein späteres Verständnis schon tiefe Eindrücke empfing . Während nämlich die Frau Margret die bewegende und erhaltende Kraft in ihrem Haushalte war , den Grund zum jetzigen Wohlstand gelegt hatte und jederzeit das Heft in den Händen hielt , war ihr Mann einer von denjenigen , welche nichts Erkleckliches gelernt haben noch sonst tun können und daher darauf angewiesen sind , mehr den Handlanger einer tatkräftigen Frau zu machen und auf eine müßige Weise unter dem Schilde ihres Regimentes ein weichliches ruhmloses Dasein zu führen . Als die Frau , besonders in frühern Jahren , durch kecke Benutzung der Zeitläufe und durch wahrhaft geistvolle Unternehmungen und originelle Handstreiche in wörtlichem Sinne Gold zusammenhäufte , spielte er nur die Rolle eines dienstbaren Hauskoboldes , welcher , wenn er seine Handleistungen getan hatte , mit dem , was ihm die Frau gab , sich gütlich tat und dazu allerhand Späße trieb , welche männiglich ergötzten . Seine unmännliche Ratlosigkeit und Unzuverlässigkeit , die Erfahrung , daß sie in kritischen Fällen nie einen kräftigen Schutz in ihm fand , ließen Frau Margret auch seine sonstige Nützlichkeit übersehen und erklärten die Rücksichtslosigkeit , mit welcher sie ihn ohne weiteres von der Mitherrschaft über die Geldtruhe ausschloß . Es hatte auch lange Zeit keines von beiden ein Arges dabei , bis einige Ohrenbläser , worunter auch jener ränkesüchtige Schneider , dem Manne das Demütigende seiner Lage vorhielten und ihn aufhetzten , endlich eine gesetzliche Teilung des Erworbenen und vollständige Mitherrschaft zu verlangen . Sogleich schwoll ihm der Kamm gewaltig , und er drohte , die schlimmen Ratgeber hinter sich , der bestürzten Frau mit den Gerichten , wenn sie nicht seinen Anteil an dem » gemeinschaftlich erworbenen « Gute herausgäbe . Sie fühlte wohl , daß es mehr um einen gewaltsamen Raub als um ein ehrliches Mitwirken zu tun sei , und sträubte sich mit aller Kraft dagegen , zumal sie wohl wußte , daß sie nach wie vor die einzig erhaltende Kraft im Hause sein würde . Sie hatte aber die Gesetze gegen sich , da diese nicht auf eine Ausscheidung der beitragenden Kräfte eingehen konnten , und zudem gab der Mann vor , sich allerlei mutwilliger Anklagen bedienend , sich nach geschehener Teilung von ihr trennen zu wollen , so daß sie betäubt und überführt wurde und , krank und halb bewußtlos , die Hälfte von allem Besitze herausgab . Er nähete sogleich seine schimmernden Goldstücke , je nach der Art , in lange , seltsame Beutel , legte dieselben in einen Koffer , den er am Boden festnagelte , setzte sich darauf und schlug seinen Helfershelfern , welche auch ihren Anteil zu erschnappen gehofft hatten , ein Schnippchen . Im übrigen blieb er bei seiner Frau und lebte nach wie vor bei und von ihr , indem er nur dann zu seinem Schatze griff , wenn er eine Privatliebhaberei befriedigen wollte . Sie erholte sich indessen wieder und hatte nach einiger Zeit ihren eigenen Schatz wieder vervollständigt und mit den Jahren verdoppelt ; aber ihr einziger Gedanke war seit jenem Tage der Teilung , mit der Zeit wieder in den Besitz des Entrissenen zu gelangen , und das war nur möglich durch den Tod ihres Mannes . Daher ging ihr jedesmal ein Stich durch das Herz , wenn er ein Goldstück umwechselte , und sie harrte unverwandt auf seinen Tod . Er hingegen wartete ebenso sehnlich auf den ihrigen , um Herr und Meister des ganzen Vermögens zu werden und in voller Unabhängigkeit den Rest seines langen Lebens zuzubringen . Dieses grauenhafte Verhältnis hätte man freilich , auf den ersten Blick nicht geahnt ; denn sie lebten zusammen wie zwei gute alte Leutchen und nannten sich nur Vater und Mutter . Insbesondere war die Margret in allem einzelnen auch gegen ihn die gute und verschwenderische Frau , die sie sonst war , und sie hätte vielleicht ohne den vierzigjährigen Lebensgenossen und sein spaßhaftes Umhertreiben nicht einen Tag leben können ; auch ihm war es mittlerweile wohl genug , und er besorgte mit humoristischer Geschäftigkeit die Küche , während sie im Kreise ihrer schwärmerischen Genossen die überfüllte Phantasie entzügelte . Doch in jeder Jahreszeit einmal , wenn in der Natur die großen Veränderungen geschahen und die alten Menschen an die schnelle Vergänglichkeit ihres Lebens erinnerten und ihre körperlichen Gebrechen fühlbarer wurden , erwachte , meistens in dunklen schlaflosen Nächten , ein entsetzlicher Streit zwischen ihnen , daß sie aufrecht in ihrem breiten altertümlichen Bette saßen , unter dem einen buntbemalten Himmel , und bis zum Morgengrauen , bei geöffneten Fenstern , sich die tödlichen Beleidigungen und Zankworte zuschleuderten , daß die stillen Gassen davon widerhallten . Sie warfen sich die Vergehungen einer fern abliegenden , sinnlich durchlebten Jugend vor und riefen Dinge durch die lautlose Nacht aus , welche lange vor der Wende dieses Jahrhunderts in Bergen und Gefilden geschehen , wo seitdem ganze dichte Wälder entweder gewachsen oder verschwunden , und deren Teilnehmer längst in ihren Gräbern vermodert waren . Dann stellten sie sich darüber zur Rede , welchen Grund das eine denn zu haben glaube , das andere überleben zu können ? und verfielen in einen elenden Wettstreit , welches von ihnen wohl noch die Genugtuung haben werde , das andere tot vor sich zu sehen . Wenn man am Tage darauf in ihr Haus kam , so wurde der greuliche Streit vor jedem Eintretenden , ob fremd oder bekannt , fortgeführt , bis die Frau erschöpft war und in Weinen und Beten verfiel , indes der Mann anscheinend munterer wurde , lustige Weisen pfiff , sich einen Pfannkuchen backte und fortwährend irgendeine Flause dazu herumreite . Er konnte auf diese Weise einen ganzen Morgen hindurch nichts sagen als immer : » Einundfunfzig ! einundfunfzig ! einundfunfzig ! « oder zur Abwechslung einmal : » Ich weiß nicht , ich glaube immer , die alte Kunzin da drüben ist heute früh spazierengeritten ! sie hat gestern einen neuen Besen gekauft ! ich habe so was in der Luft flattern sehen , das sah ungefähr aus wie ihr roter Unterrock ; sonderbar ! hm ! einundfunfzig « usf. Dabei hatte er Gift und Tod im Herzen und wußte , daß seine Frau durch das Betragen doppelt litt ; denn sie hatte keine Bosheit noch Mutwillen , um den Kampf auf diese Weise fortzusetzen . Was aber beide in diesem Zustande sich zuleide taten , bestand dann gewöhnlich in einer verschwenderischen Freigebigkeit , womit sie alles beschenkten , was ihnen nahekam , gleichsam als wollte eines vor des andern Augen den Besitz aufzehren , nach dem ein jedes trachtete . Der Mann war gerade kein gottloser Mensch , sondern ließ , indem er in der gleichen wunderlichen Art wie an Gespenster und Hexen , so auch an Gott und seinen Himmel glaubte , denselben einen guten Mann sein und dachte nicht im mindesten daran , sich auch um die moralischen Lehren zu bekümmern , welche aus diesem Glauben entspringen mußten ; er aß und trank , lachte und fluchte und machte seine Schnurren , ohne je zu trachten , sein Leben mit einem ernsteren Grundsatze in Einklang zu bringen . Aber auch der Frau fiel es niemals ein , daß ihre Leidenschaften mit dem religiösen Gebaren im Widerspruche sein könnten , und sie zeichnete sich vor ihren Glaubensschwestern darin aus , daß sie niemals dem Ausdrucke dessen , was sie bewegte , einen Zügel anlegte . Sie liebte und haßte , segnete und verwünschte und gab sich unverhüllt und ungehemmt allen Regungen ihres Gemütes hin , ohne je an eine eigene mögliche Schuld zu denken und sich unbefangenerweise stets auf Gott und seinen mächtigen Einfluß berufend . Jede der Ehehälften hatte eine zahlreiche Verwandtschaft blutarmer Leute , welche im Lande zerstreut wohnten . Diese teilten unter sich die Hoffnung auf das gewichtige Erbe um so mehr , als Frau Margret , zufolge ihrer hartnäckigen Abneigung gegen unverbesserlich arm Bleibende , ihnen nur spärliche Gaben von ihrem Überflusse zukommen ließ und sie nur an Feiertagen gastlich speiste und tränkte . Alsdann erschienen von beiden Seiten her die alten Vettern und Basen , Schwestern und Schwäger mit ausgehungerten langnasigen Töchtern und bleichen Söhnen und trugen Säcklein und Körbe herbei , welche die kümmerlichen Gaben ihrer Armut enthielten , um die alten launenhaften Leute für sich zu gewinnen , und worin sie reichere Gegenspenden nach Hause zu tragen hofften . Diese Sippschaft war schroff in zwei Lager geschieden , welche sich nach dem Streite , der zwischen den Hauptpersonen herrschte , ebenfalls den Hoffnungen auf den frühern Tod des Gegners hingaben , um einst ein vergrößertes Erbe zu erhalten . Sie haßten und befeindeten sich ebenso stark untereinander , als die Leidenschaften Margrets und ihres Mannes das Vorbild dazu abgaben , und es entstand jedesmal , nachdem die zahlreiche Gesellschaft sich an dem ungewohnten Überflusse gesättigt und gewärmt hatte und der Übermut den anfänglichen Zwang auflöste , ein mächtiger Zank zwischen beiden Parteien , daß sich die Männer die übriggebliebenen Schinken , ehe sie dieselben in ihre Quersäcke steckten , um die Köpfe schlugen und die armen Weiber sich gegenseitig unter die blassen spitzigen Nasen schimpften und über dem befriedigten Magen ein Herz voll Neid und Ärger auf den Heimweg trugen . Ihre Augen funkelten stechend unter den dürftig aufgeputzten Sonntagshauben hervor , wenn sie mit langen Schritten , die vollgepfropften Bündel unter dem Arme , aus dem Tore zogen und sich grollend auf den Scheidewegen trennten , um den entlegenen Hütten zuzueilen . Solcherweise ging es viele Jahre , bis die alte Frau Margret mit dem Sterben den Anfang machte und in jenes fabelhafte Reich der Geister und Gespenster selber hinüberging . Sie hinterließ unerwarteterweise ein Testament , welches einen einzelnen jungen Mann zum alleinigen Erben einsetzte ; es war der letzte und jüngste jener Günstlinge , an deren Gewandtheit und Wohlergehen sie ihre Freude gehabt hatte , und sie war mit der Überzeugung gestorben , daß ihr gutes Gold nicht in ungeweihte Hände übergehe , sondern die Kraft und die Lust tüchtiger Leute sein werde . Bei ihrem Leichenbegängnisse fanden sich sämtliche Verwandte beider Ehegatten ein , und es war ein großes Geheul und Gelärm , als sie sich also getäuscht fanden . Sie vereinigten sich in ihrem Zorne alle gegen den glücklichen Erben , welcher ganz ruhig seine Habe einpackte , was irgend von Nutzen war , und auf einen ungeheuerlichen Wagen lud . Er überließ den armen Leuten nichts als die vorhandenen Vorräte an Lebensmitteln und die gesammelten Seltsamkeiten und Bücher der Seligen , insofern sie nicht von Gold , Silber oder sonstigem Gehalte waren . Drei Tage und drei Nächte blieb der wehklagende Schwarm in dem Trauerhause , bis der letzte Knochen zerschlagen und dessen Mark mit dem letzten Bissen Brot aufgetunkt war . Sodann zerstreuten sie sich allmählich , ein jeder mit dem Andenken , das er noch erbeutet hatte . Der eine trug eine Partie Heiden- und Götzenbücher auf der Schulter , mit einem tüchtigen Stricke zusammengebunden und mit einem Scheite geknebelt , und unter dem Arme ein Säcklein getrockneter Pflaumen ; der andere hing ein Muttergottesbild an seinem Stabe über den Rücken und wiegte auf dem Kopfe eine kunstreich geschnitzte Lade , sehr geschickt mit Kartoffeln angefüllt in allen ihren Fächern . Hagere lange Jungfrauen trugen zierliche altmodische Weidenkörbe und buntbemalte Schachteln , angefüllt mit künstlichen Blumen und vergilbtem Flitterkram , Kinder schleppten wächserne Engel in den Armen oder trugen chinesische Krüge in den Händen , es war , als sähe man eine Schar Bilderstürmer aus einer geplünderten Kirche kommen . Doch gedachte ein jeder seine Beute als ein wertes Angedenken an die Verstorbene aufzubewahren , sich schließlich an das genossene Gute erinnernd , und zog mit Wehmut seine Straße , indessen der Haupterbe , neben seinem Wagen einherschreitend , plötzlich haltmachte , sich besann , darauf die ganze Ladung einem Trödler verkaufte und auch nicht einen Nagel aufbewahrte . Dann ging er zu einem Goldschmied und verkaufte demselben die Schaumünzen , Kelche und Ketten und zog endlich mit rüstigen Schritten aus dem Tore , ohne sich umzusehen , mit seiner dicken Geldkatze und seinem Stabe . Er schien froh zu sein , eine verdrießliche und langwierige Angelegenheit endlich erledigt zu sehen . In dem Hause aber blieb der alte Mann allein und einsam zurück mit dem zusammengeschmolzenen Reste jener früheren Teilung . Er lebte noch drei Jahre und starb gerade an dem Tage , wo das letzte Goldstück gewechselt werden mußte . Bis dahin vertrieb er sich die Zeit damit , daß er sich vornahm und ausmalte , wie er im Jenseits seine Frau haranguieren wolle , wenn sie da » mit ihren verrückten Ideen herumschlampe « , und welche Streiche er ihr angesichts der Apostel und Propheten spielen würde , daß die alten Gesellen was zu lachen bekämen . Auch an manchen Toten seiner Bekanntschaft erinnerte er sich und freute sich auf die Wiederbelebung verjährten Unfuges beim Wiedersehen . Ich hörte ihn immer nur in solch lustiger Art vom zukünftigen Leben sprechen . Er war nun blind und bald neunzig Jahre alt , und wenn er , von Schmerzen , Trübsal und Schwäche heimgesucht , traurig und klagend wurde , so sprach er nichts von diesen Dingen , sondern rief immer , man sollte die Menschen totschlagen , ehe sie so alt und elend würden . Endlich ging er aus wie ein Licht , dessen letzter Tropfen Öl aufgezehrt ist , schon vergessen von der Welt , und ich , als ein herangewachsener Mensch , war vielleicht der einzige Bekannte früherer Tage , welcher dem zusammengefallenen Restchen Asche zu Grabe folgte . Gleich dem Chorus in den Schauspielen der Alten hatte ich von meiner frühsten lugend an das Leben und die Ereignisse in diesem nachbarlichen Hause betrachtet und war ein allezeit aufmerksamer Teilnehmer . Ich ging ab und zu , aß und trank , was mir wohlgefiel , setzte mich in eine Ecke oder stand mitten unter den Handelnden und Lärmenden , wenn etwas vorfiel . Ich holte die Bücher hervor und verlangte , wessen ich von den Sehenswürdigkeiten bedurfte , oder spielte mit den Schmucksachen der Frau Margret . Alle die mannigfaltigen Personen , welche in das Haus kamen , kannten mich , und jeder war freundlich gegen mich , weil dieses meiner Beschützerin so behagte . Ich aber machte nicht viele Worte , sondern gab acht , daß nichts von den geschehenden Dingen meinen Augen und Ohren entging . Mit all diesen Eindrücken beladen , zog ich dann über die Gasse wieder nach Hause und spann in der Stille unserer Stube den Stoff zu großen träumerischen Geweben aus , wozu die erregte Phantasie den Einschlag gab . In der Tat muß ich auf diese erste Kinderzeit meinen Hang und ein gewisses Geschick zurückführen , an die Vorkommnisse des Lebens erfundene Schicksale und verwickelte Geschichten anzuknüpfen und so im Fluge heitere und traurige Romane zu entwerfen , deren Mittelpunkt ich selbst oder die mir Nahestehenden waren , die mich viele Tage lang beschäftigten und bewegten , bis sie sich in neue Handlungen auflösten , je nach der Stimmung und dem äußern Ergehen . In jener ersten Zeit waren es kurze und wechselnde Bilder , welche sich rasch und unbewußt formierten und vorbeigingen , wie die befreiten Erinnerungen und Traumvorräte eines Schlafenden . Sie verflochten sich mir mit dem wirklichen Leben , daß ich sie kaum von denselben unterscheiden konnte . Daraus nur kann ich mir unter anderm eine Geschichte erklären , welche ich ungefähr in meinem siebenten Jahre anrichtete und die ich gar nicht begreifen könnte , da die schlimme Art derselben sonst nicht in meinem Wesen liegt und sich zeither auch in keiner Weise wiederholt hat . Ich saß einst hinter dem Tische , mit irgendeinem Spielzeuge beschäftigt , und sprach dazu einige unanständige , höchst rohe Worte vor mich hin , deren Bedeutung mir unbekannt war und die ich auf der Straße gehört haben mochte . Eine Frau saß bei meiner Mutter und plauderte mit ihr , als sie die Worte hörte und meine Mutter aufmerksam darauf machte . Sie fragten mich mit ernster Miene , wer mich diese Sachen gelehrt hätte , insbesondere die fremde Frau drang in mich , worüber ich mich verwunderte , einen Augenblick nachsinnend , und dann den Namen eines Knaben nannte , den ich in der Schule gesehen hatte . Sogleich fügte ich noch zwei oder drei andere hinzu , sämtlich Jungen von zwölf bis dreizehn Jahren und einer vorgerückteren Klasse meiner Schule angehörig , mit denen ich aber kaum noch ein Wort gesprochen hatte . Einige Tage darauf behielt mich der Lehrer zu meiner Verwunderung nach der Schule zurück sowie jene vier angegebenen Knaben , welche mir wie halbe Männer vorkamen , da sie an Alter und Größe mir weit vorgeschritten waren . Ein geistlicher Herr erschien , welcher gewöhnlich den Religionsunterricht gab und sonst der Schule vorstand , setzte sich mit dem Lehrer an einen Tisch und hieß mich neben ihn sitzen . Die Knaben hingegen mußten sich vor dem Tische in eine Reihe stellen und harrten der Dinge , die da kommen sollten . Sie wurden nun mit feierlicher Stimme gefragt , ob sie gewisse Worte in meiner Gegenwart ausgesprochen hätten ; sie wußten nichts zu antworten und waren ganz erstaunt . Hierauf sagte der Geistliche zu mir : » Wo hast du die bewußten Dinge gehört von diesen Buben ? « Ich war sogleich wieder im Zuge und antwortete unverweilt mit trockener Bestimmtheit : » Im Brüderleinsholze ! « Dieses ist ein Gehölz , eine Stunde von der Stadt entfernt , wo ich in meinem Leben nie gewesen war , das ich aber oft nennen hörte . » Wie ist es dabei zugegangen , wie seid ihr dahin gekommen ? « fragte man weiter . Ich erzählte , wie mich die Knaben eines Tages zu einem Spaziergange überredet und in den Wald hinaus mitgenommen hätten , und ich beschrieb mit merkwürdiger Wahrheit die Art , wie etwa größere Knaben einen kleinern zu einem mutwilligen Streifzuge mitnehmen . Die Angeklagten gerieten außer sich und beteuerten mit Tränen , daß sie teils seit langer Zeit , teils gar nie in jenem Gehölze gewesen seien , am wenigsten mit mir ! Dabei sahen sie mit erschrecktem Hasse auf mich , wie auf eine böse Schlange , und wollten mich mit Vorwürfen und Fragen bestürmen , wurden aber zur Ruhe gewiesen und ich aufgefordert , den Weg anzugeben , welchen wir gegangen . Sogleich lag derselbe deutlich vor meinen Augen , und angefeuert durch den Widerspruch und das Leugnen eines Märchens , an welches ich nun selbst glaubte , da ich mir sonst auf keine Weise den wirklichen Bestand der gegenwärtigen Szene erklären konnte , gab ich nun Weg und Stege an , die an den Ort führen , und nannte hier ein Dorf , dort eine Brücke oder eine Wiese . Ich kannte dieselben nur vom flüchtigen Hörensagen , und obgleich ich kaum darauf gemerkt hatte , stellte sich nun jedes Wort zur rechten Zeit ein . Ferner erzählte ich , wie wir unterwegs Nüsse heruntergeschlagen , Feuer gemacht und gestohlene Kartoffeln gebraten , auch einen Bauernjungen jämmerlich durchgebleut hätten , welcher uns hindern wollte . Im Walde angekommen , kletterten meine Gefährten auf hohe Tannen und jauchzten in der Höhe , den Geistlichen und den Lehrer mit lächerlichen Spitznamen benennend . Diese Spitznamen hatte ich , über das Äußere der beiden Männer nachsinnend , längst im eigenen Herzen ausgeheckt , aber nie verlautbart ; bei dieser Gelegenheit brachte ich sie zugleich an den Mann , und der Zorn der Herren war ebenso groß als das Erstaunen der vorgeschobenen Knaben . Nachdem sie wieder von den Bäumen heruntergekommen , schnitten sie große Ruten und forderten mich auf , auch auf ein Bäumchen zu klettern und oben die Spottnamen auszurufen . Als ich mich weigerte , banden sie mich an einen Baum fest und schlugen mich so lange mit den Ruten , bis ich alles aussprach , was sie verlangten , auch jene unanständigen Worte . Indessen ich rief , schlichen sie sich hinter meinem Rücken davon , ein Bauer kam in demselben Augenblicke heran , hörte meine unsittlichen Reden und packte mich bei den Ohren . » Wart , ihr bösen Buben ! « rief er , » diesen hab ich ! « und hieb mir einige Streiche . Dann ging er ebenfalls weg und ließ mich stehen , während es schon dunkelte . Mit vieler Mühe riß ich mich los und suchte den Heimweg in dem dunklen Wald . Allein ich verirrte mich , fiel in einen tiefen Bach , in welchem ich bis zum Ausgange des Waldes teils schwamm , teils watete , und so , nach Bestehung mancher Gefährde , den rechten Weg fand . Doch wurde ich noch von einem großen Ziegenbocke angegriffen , bekämpfte denselben mit einem rasch ausgerissenen Zaunpfahl und schlug ihn in die Flucht . Noch nie hatte man in der Schule eine solche Beredsamkeit an mir bemerkt wie bei dieser Erzählung . Es kam niemand in den Sinn , etwa bei meiner Mutter anfragen zu lassen , ob ich eines Tages durchnäßt und nächtlich nach Hause gekommen sei ? Dagegen brachte man mit meinem Abenteuer in Zusammenhang , daß der eine und andere der Knaben nachgewiesenermaßen die Schule geschwänzt hatte , gerade um die Zeit , welche ich angab . Man glaubte meiner großen Jugend sowohl wie meiner Erzählung ; diese fiel ganz unerwartet und unbefangen aus dem blauen Himmel meines sonstigen Schweigens . Die Angeklagten wurden unschuldig verurteilt als verwilderte bösartige junge Leute , da ihr hartnäckiges und einstimmiges Leugnen und ihre gerechte Entrüstung und Verzweiflung die Sache noch verschlimmerten ; sie erhielten die härtesten Schulstrafen , wurden einige Wochen lang auf die Schandbank gesetzt und überdies noch von ihren Eltern geschlagen und eingesperrt . Soviel ich mich dunkel erinnere , war mir das angerichtete Unheil nicht nur gleichgültig , sondern ich fühlte eher noch eine Befriedigung in mir , daß die poetische Gerechtigkeit meine Erfindung so schön und sichtbarlich abrundete , daß etwas Auffallendes geschah , gehandelt und gelitten wurde , und das infolge meines schöpferischen Wortes . Ich begriff gar nicht , wie die mißhandelten Jungen so lamentieren und erbost sein konnten gegen mich , da der treffliche Verlauf der Geschichte sich von selbst verstand und ich hieran sowenig etwas ändern konnte als die alten Götter am Fatum . Die Betroffenen waren sämtlich , was man schon in der Kinderwelt rechtliche Leute nennen könnte , ruhige , gesetzte Knaben , welche bisher keinen Anlaß zu grobem Tadel gegeben und aus denen seither stille und arbeitsame junge Bürger geworden . Um so tiefer wurzelte in ihnen die Erinnerung an meine Teufelei und das erlittene Unrecht , und als sie es jahrelang nachher mir vorhielten , erinnerte ich mich ganz genau wieder an die vergessene Geschichte , und fast jedes Wort ward wieder lebendig . Erst jetzt quälte mich der Vorfall mit verdoppelter nachhaltiger Wut , und sooft ich daran denke , steigt mir das Blut zu Kopfe , und ich möchte mit aller Gewalt die Schuld auf jene leichtgläubigen Inquisitoren schieben , ja sogar die plauderhafte Frau anklagen , welche auf die verpönten Worte gemerkt und nicht geruht hatte , bis ein bestimmter Ursprung derselben nachgewiesen war . Drei der ehemaligen Schulgenossen verziehen mir und lachten , als sie sahen , wie mich die Sache nachträglich beunruhigte , und sie freuten sich , daß ich zu ihrer Genugtuung mich alles einzelnen so wohl erinnerte . Nur der vierte , ein etwas beschränkter Mensch , der viele Mühe mit dem Leben hat , konnte niemals einen Unterschied machen zwischen der Kinderzeit und dem spätern Alter und trug mir die angetane Unbilde so nach , als ob ich sie erst heute , mit dem Verstande eines Erwachsenen , begangen hätte . Mit dem tiefsten Hasse geht er an mir vorüber , und wenn er mir beleidigende Blicke zuwirft , so vermag ich sie nicht zu erwidern , weil das Unrecht doch auf mir ruht und keiner von uns es vergessen kann . Siebentes Kapitel Ich hatte mich nunmehr in der Schule zurechtgefunden und befand mich wohl in derselben , da das erste Lernen rasch aufeinanderfolgte und , leicht faßlich , täglich fortschritt . Auch die Einrichtung derselben hatte viel Kurzweiliges , ich ging gern und eifrig hinein , sie bildete mein öffentliches Leben und war mir ungefähr , was dem neugierigen Athenienser die Gerichtsstätte und das Theater . Es war keine öffentliche Anstalt , sondern das Werk eines gemeinnützigen wohltätigen Vereins und dazu bestimmt , bei dem damaligen Mangel guter niedriger Volksschulen , den Kindern dürftiger Leute eine