Wir werden uns auch wiedersehen , und vielleicht sehr bald . Denn der Herr Prediger hat vom Könige eine Vokation nach Berlin . Der König hat ihn mal predigen gehört , wo war es doch , - auf einem Schlosse , und hat gesagt : das ist ein Mann , der zum Herzen predigt , solche Prediger möchte ich in meiner Residenz haben , die nicht das Wort Gottes auslegen , wie ' s ihnen gefällt , sondern wie ' s in der Bibel steht . Ja , wir haben schon einen frommen König , der alle Menschen glücklich machen will , und der vorige hatte auch ein frommes Gemüth , wer ihn nur gekannt hatte , und das sind eigentlich neidische und schlechte Gemüther , die ihn schlecht machen . Mein König ist mein König , und das sage ich grade raus , wer das nicht sagt , der ist nicht mein Mann . Sehen Sie , mein Herr Geheimrath oder was Sie sind - « » Kriegsrath , « sagte der Kriegsrath . » O , Sie werden auch noch Geheimrath werden , das sehe ich Ihnen an der Stirne an . Also , mein Herr Kriegsrath , sind Sie nicht auch der Meinung , daß die jetzigen jungen Leute gar nicht mehr sind wie sonst ? Nein , was raisonniren sie , und Alles wollen sie besser wissen . Ich bin eine gute Royalistin , ich liebe meinen König und sein Haus , und wer das nicht thut , der kann mir zu Hause bleiben . Da waren wir doch ein Herz und eine Seele , der Herr Prediger und ich , alle Obrigkeit kommt von Gott , und wenn er nach Berlin kommt , wird er bei mir logiren . Und wie gern wäre ich gestern schon rein gefahren , denn man richtet doch gern sein Haus ein zu solchem Festtage . Nun schadet es aber nicht . Wir tranken schon gestern bei Predigers auf seine Gesundheit und nun ward mir wieder das Glück , unter solcher charmanten , lieben Familie diesen schönsten Festtag für jeden Preußen zuzubringen . « Der Kriegsrath war anfänglich nicht ganz gut gestimmt ; diese Stimmung war überwunden . Er pfropfte die letzte Flasche auf : » Erlauben Sie mir auch , meine verehrte Madame , ehe der Kaffee kommt , mit Ihnen anzustoßen auf die Gesundheit Seiner Majestät . « » Mein Herr Kriegsrath sind die Gütigkeit selbst . Wie sollte ich das ausschlagen . « » Wenn ich auch nicht die Ehre habe , Sie zu kennen , wird es mir doch zur Ehre gereichen , mit einer solchen Patriotin ein Gläschen zu leeren . « » Obristin Malchen , « sagte die Dame , » Mein Mann ist in holländischen Diensten und steht in Batavia . Ein grausam heißes Land , er wird aber heut hierher denken . Ach , er ist ein Patriot . « » Und doch in fremden Diensten ? « » Ja sehen Sie , Verehrtester Herr Kriegsrath , da ließe sich mancherlei von sagen . Er war auch in preußischen Diensten ehedem , aber Sie glauben nicht , was draußen die preußischen Militärs in Respekt stehen . Und unsre Disziplin , und der große Friedrich . Wenns heißt , der hat unter ihm gedient ! Nu , lieber Gott , Schwächen haben wir Alle , da werden mir Herr Kriegsrath Recht geben , aber sonst ist er - und hat mir erst voriges Jahr ein rothseiden Umschlagetuch geschickt , wag die Mamlucken oder Malayen weben , ich sage Ihnen , von Berlin rede ich gar nicht , aber auch in Leipzig hat ' s kein Mensch für möglich gehalten . « » Die gnädige Frau werden uns doch die Ehre auf eine Schaale Kaffee erzeigen , « sagte die Kriegsräthin , die wohl Lust hatte , das rothe Umschlagetuch zu sehen , aber es war tief im Wagen verpackt . Der Kaffee dampfte in der großen braunen Bunzlauer Kanne , wie sie vom Feuer gekommen , auf dem Tisch , aber die Kinder dampften auch - vor Ungeduld . Die Beckenmusik dröhnte verführerisch aus dem Kruge herüber , und die Kleinen blickten erwartungsvoll bald auf den Vater , bald auf die Mutter . » Das ist ein Kaffee , so schön , wie nur mein Mann ihn mir mal geschickt hat , direkt aus Batavia , « sagte die Obristin . » Die Cichorien sind auch aus Herrn Rimpler seiner Fabrik , « sagte die Mutter . Aber die Kleinen wurden weder vom batavischen Kaffee , noch von den Cichorien aus Herrn Rimplers Fabrik gelockt . Der kleine Junge schrie vielmehr : » Ich will zu den Affen ! « Die Mutter warf einen fragenden Blick auf den Vater . Die Frau Obristin fing ihn auf : » Um Gottes Willen , Sie werden doch nicht ! « Der Kriegsrath meinte : ob denn in einem bevölkerten Orte , und wo so viel anständige Leute beisammen , Gefahr sei ? und die Mutter setzte hinzu : wenn sie die Kinder an der Hand führten ? » Meine allerbeste Frau Kriegsräthin , erlauben Sie mir zu sagen , ich weiß davon . Solche Bande ist ärger als der Gott sei bei uns . Die stibitzen ihnen die Kinder vor den Augen weg und Sie merken es nicht . Hinter die Ecke , ein Pechpflaster schnell aufs Gesicht , und dann , wenn sie ' s in der Scheune haben , beschmieren sie ' s , und färben ' s und ziehn ihm Lumpen an , und in einer Viertelstunde kennt ' s die eigene Mutter nicht wieder . Ja , was ich Ihnen sagen wollte , im Dorfe beim Herrn Prediger , da hatte der Oberst der gottvergessenen Bande einer Wittwe Sohn , ein hübsches Kind , gefragt , ob er nicht mit ihnen wollte , er sollte eine bunte Jacke kriegen und auch immer auf dem Pferde sitzen , und der Junge hatte Lust , aber sie haben ihn gottsjämmerlich geprügelt , der Schulz und die Bauern , da ist ihm die Lust vergangen . Solche Bande sind ja gar keine Christenmenschen nicht , das sind Zigeuner und Juden und Spanier , und wo kriegten sie denn ihre Leute her , wenn sie nicht Christenkinder stählen ! Eltern können gar nicht genug vorsichtig sein , denn Sie glauben nicht , wie sie die Kinder maltraitiren . Hungern lassen sie die Kleinen und dursten und Schläge kriegen sie , daß Gott im Himmel sich erbarmen müsste , und ihre Glieder werden gereckt , daß sie die Purzelbäume schießen lernen . Und Nachts , mit Respekt zu melden , sperren sie sie in den Stall zu den Affen und Kameelen , wo eine Unreinlichkeit ist , die erschrecklich ist . Nein , für Reinlichkeit bin ich , das ist die erste Tugend , und erhält den Körper gesund . Wer reinlich ist und seine Mitmenschen liebt und den Armen Almosen giebt , der ist ein guter Mensch und Gott wohlgefällig , das sage ich oft meinen Nichten . Aber wie die Bären werden sie abgerichtet , und lernen Vater und Mutter vergessen . Wenn ich so einen armen Jungen sehe oben krabbeln an der Stange wie ' ne Fliege an der Decke , nein , meine Herrschaften , sagen Sie , was Sie wollen , das kann ich nicht ansehn , das heißt ja die unsterbliche Seele verlieren , und was mich nur wundert , ist , daß die Könige solche Seelenverkäufer dulden . Die müssten mir alle auf die Festung und ins Zuchthans , und mit der Peitsche aus dem Lande gepeitscht , denn es sind alles Ausländer und Spione . « » Ist ' s die Möglichkeit ! « sagte die Mutter , die es kalt überrieselte . » Nun bitte ich Sie , allerbeste Frau Kriegsräthin , wenn Sie einmal so einen Pajazzo sehen , wenn er auf dem Strick springt und die Fahne schwenkt , und Sie erkennten , daß er Ihr kleiner Theodor wäre , alles andere ist ja gar nichts , pure Spielerei , gegen eine solche Empfindung . O du mein himmlischer Vater , wer möchte eine solche Mutter sein ! « Die Kriegsräthin nahm ihren Knaben von der Hand des jungen Mädchens auf den Schooß : » Lieber Theodor , das wirst Du mir nie anthun ! « Der Junge aber schrie nach wie vor , er wolle zu den Affen . » Und mit den Jungens ginge es noch , « fuhr die Frau Obristin fort , » aber bei der Bande ist auch ein Frauenzimmer , eine ganz hübsche junge Person , ungefähr so groß , wie - ich habe doch die Ehre , Ihr Fräulein Tochter vor mir zu sehen . « » Wir sind nicht von Adel , « sagte der Kriegsrath . » Meine Tochter Adelheid ! « » Nein , du mein himmlischer Vater , wenn ich dächte , daß so ein himmlisches Mädchen mit den Bären tanzen sollte und dem Vieh einen Kuß geben ! Und dann springt sie aufs Pferd , in Hosen und Stiefelchen , und reitet , nicht sitzend , sondern sie steht , und in Carrière , die Zügel so in der Hand , und die Röcke flattern nur so . Nein , wie die Polizei das zugeben kann ! Das , erlauben Sie mir , ist ganz unweiblich . « Darm waren Vater und Mutter einig . Auch darin , daß man nicht zu den Seiltänzern gehen sollte , worüber aber nicht allein die Kleinen unglücklich , sondern auch die Nichten der Obristin nicht ganz zufrieden waren . Jene suchte die Obristin durch Zuckerbrode zu beschwichtigen , die sie aus dem Pompadour holte , und erklärte , sie hätte sie für artige Kinder aus Leipzig mitgebracht . Karoline schien aber gar nicht zu begreifen , warum sie das hübsche Schauspiel nicht mit ansehen solle , und auch die ernstere Julie sah die chère tante verwundert an , warum sie grad heut so strenge war . » Mes chères nièces , « sagte sie , » weil man nicht weiß , wen man im Gedränge findet . Wer wird immer nach Vergnügungen aus sein , wenn die Eltern sagen , daß es sich nicht schickt ! Da seht Euch die Mamsell Kriegsräthin an , und nehmt Euch an der ein Muster . Sie sähe auch gern die Reiter springen , aber wo fällt ' s ihr ein , darum zu bitten ; sie sieht , daß ihre lieben Eltern es für unanständig halten . Ja , die Predigerstöchter stürzten mit Euch nach der Schenke , das sind gute Mädchen , aber wilde Hummeln . Nein , Mamsell Adelheid ist ein sittsam Kind , wie es sein muß , die ihren Eltern Freude macht . Der könnt Ihr Vieles absehn . Seht nur , wie sie ganz roth wird . Ach , wenn Ihr auch noch so roth werden könntet ! « Die Mädchen senkten die Köpfe . Adelheid war schnell zwischen beide gesprungen und umfasste sie traulich , sie sollten nicht darauf hören . Die Tante scherze nur . Sie selbst wäre auch manchmal eine wilde Hummel und würde auch recht gern die Seiltänzer sehen , aber es wäre auch sonst viel hübsches im Dorf und im Freien , was sie zusammen besehen könnten , und sie hoffte , daß sie noch hier bleiben , und die Tante ihnen erlaube , mit ihr spazieren zu gehen . Dabei könnten sie plaudern , singen , Blumen pflücken und Kränze winden . Vor allem aber würde sie sich freuen , wenn sie ihr von Leipzig erzählen wollten und den tausend schönen Sachen , die sie da gesehen . Das wären alles Wunderdinge für sie , denn sie sei noch mit keinem Fuß aus Berlin gewesen . Papa und Mama hätten wohl davon gesprochen , einmal eine Reise nach Potsdam zu machen , aber es sei immer etwas dazwischen gekommen , und sie glaube auch gar nicht , daß es noch dahin kommen werde , denn der Gedanke sei doch gar zu schön . Die Obristin sagte , Mamsell Adelheid sei ein prächtiges Mädchen und ihre Eltern würden viele Freude an ihr erleben , und um der guten Gesellschaft willen , wolle sie noch bis Abend bleiben ; dann hoffte sie , die beiden Familien könnten Compagnie machen in ihrem Wagen . Die Kriegsräthin , der das längere Beisammensein mit einer so vornehmen Dame natürlich nur schmeichelhaft war , fand sich doch etwas dadurch in Verlegenheit , von der wir nachher reden wollen . Einstweilen riß die Obristin sie daraus , die aufstand , um die Jugend , wie sie sagte , eine Strecke zu begleiten . Sie wollte die Spiele der Kinder arrangiren , damit sie nichts Unschickliches trieben , und zusehen , ob die Gegend auch sicher wäre . Der Lärm und die Menschenmenge hatte sich aber nach dem andern Theil des Dorfes gezogen . Die Kinder fanden bald auf den grünen Rainen den herrlichsten Platz zu ihren Spielen , denen die freundliche Obristin rathgebend zusah , bis es ihr zu heiß ward , die drei jungen Mädchen aber verloren sich in den hohen Kornfeldern . Zwölftes Kapitel . Schwanenjungfrauen . In den hohen Kornfeldern wuchs nicht überall Korn . Der ebene Boden wird noch jetzt durch viele Vertiefungen unterbrochen , ehemals waren es Seen , dann wurden es Moräste ; seit die Cultur vorgerückt sind es nur noch Tümpel geblieben . Doch ladet ein heller klarer Wasserspiegel wohl zum Baden ein . Der Bauer , der Dich trifft , warnt Dich aber , denn der Sage nach sind einige dieser trichterförmig sich senkenden Löcher unergründlich . Außerdem gab es ehemals eine Britzer Haide , ein übelberüchtigter Wald , dessen Buschwerk gesprenkelt in die Kornfelder hinein wuchs . Und endlich schnitten viele Wege und Fußsteige durch diese Felder . Das Auge aus der Ferne sah nichts von den Unterbrechungen , es dünkte ihm eine unermeßliche goldene Aehrenfläche , darin die Korblumen und der rothe Mohn über die Einsamkeit klagten . An einem dieser kleinen Seen lag auf dem grünen abschüssigen Rande ein junger Mann auf dem Rücken hingestreckt . Er hatte sich gebadet . Ob das Wasser unergründlich , danach hatte er nicht gefragt , es auch wohl nicht untersucht ; er war ein guter Schwimmer , der sich im Wasser nach Lust getummelt . Er ruhte jetzt von der Anstrengung und um die Kühle abzuwarten , vielleicht auch um sich mit der Einsamkeit zu unterhalten . Nach der Wasserseite zu verbarg ihn ein großer Hagebuttenstrauch . Die Hände unterm Kopf sah er dem Zuge der Wolken nach , der Flucht der Vögel ; vielleicht horchte er auch auf die Lieder , welche die rauschenden Aehren ihm sangen . Ein Geräusch , was sich näherte , störte ihn auf . Den Fahr- oder Reitweg , der in einer Krümmung eine Seite des Tümpelrandes berührte , hatte er beim Herkommen durch die Felder nicht bemerkt . Ein schaumbedecktes Pferd schoß aus dem Aehrenfelde . Noch zwei Sätze und es konnte sich auf dem abschüssigen Rande nicht mehr halten und stürzte sich und den Reiter in die Tiefe . Dieser sah die Gefahr nicht , er ließ dem Roß die Zügel ; der Instinkt des Thieres bewahrte beide . Im Augenblick , wo es galt , bäumte es und warf den Reiter ab , oder er gleitete aus Sattel und Bügel , die er längst verloren , denn er strauchelte nur etwas und stand gleich wieder auf seinen Füßen . Vielleicht aus seinem Traum erwachend , denn ohne sich um das Pferd zu kümmern , das seinen eigenen Weg suchte , stand er und hielt sich mit den Händen das Gesicht . Entweder ein Rasender oder ein Betrunkener , hatte der Liegende geschlossen , denn durchgegangen war das Pferd nicht . Es war ein ihm wohlbekannter friedfertiger Gaul aus dem Stall eines Pferdeverleihers . Der Reiter hatte nachlässig , aber sicher gesessen , und die blutenden Seiten des Thieres verriethen deutlich genug die Behandlung , welche es außer sich gebracht . Walter war an dieser Gesellschaft gar nichts gelegen , aber die seltsame Stellung des Ankömmlings fiel ihm auf . Durch die Hände schielte er auf das Wasser und seine dunklen Augen glänzten seltsam . » Plagt Dich - - wenn Du ' s bist ? « Er hatte die Hand auf die Schulter des Reiters gelegt . Dieser war nicht sehr erschrocken , als er sich umsah und den Andern erkannte : » Vielleicht - eigentlich aber nicht . Ich dachte nur an ein Bad . - So aus dem Gluthofen in die kühle Tiefe . « » Was hier dasselbe wäre ! « entgegnete der zuerst Dagewesene , und fasste heftig seinen Arm . » Kommst Du aus dem Gefängniß , Louis ? Ward ' st Du heut entlassen ? « » Um meine Freiheit zu genießen , jagte ich den Gaul fast todt , und ward selbst wieder unfrei und matt wie eine Fliege . Und wenn ich wieder aufflattere , steht doch tausend gegen eins , daß ich wieder gegen etwas anstoße . Wär ' s nun nicht ein wunderschönes Ende , um gar keinen Anstoß mehr zu geben , wenn ich , erhitzt , durstend , an eines Felsens Rand in der Mittagssonne eine Flasche Champagner auf einen Zug ausstürzte und dann kopfüber ins Meer ! - Uebrigens gebe ich Dir mein Wort , es war kein Ernst , wenigstens hätte ich mir eine andere Pfütze ausgesucht . ' S war nur ein aufsteigender Gedanke . « » Aber keine Lerche , die in den Aether steigt , « sagte Walter , als Beide sich auf dem Rasen gelagert . Der Ankömmling sog , hingestreckt , die Luft ein . » Nur nichts vom Aether in diesem Schwefeldampfe , « sagte er nach einer Weile . » Wenn die Welt bestimmt wäre unterzugehen , ich glaube nicht mehr , daß es in Feuer oder Wasser geschieht , sondern Gott Vater läßt sie ersticken in den Dünsten ihrer eigenen Gemeinheit . Es wäre eigentlich ein recht passendes Ende für sie . « » Mitgebrachte Gefängnißgedanken ! « » Grillen , Schrullen oder Ungeziefer , wenn Du willst , denn als ein vernünftiger Mensch glaubst Du doch nicht , daß ich in dieser Societät eximirter Lumpen einen Gedanken aufgefangen hätte . Ja , hätten sie mich an eine Karre geschmiedet , unter den Baugefangenen giebt ' s vielleicht noch Menschen . « » Du solltest ins Gebirge , Dich baden in der Morgenluft , im Felsbach - Du solltest auf lange Zeit aus der Stadt . « » Alles Selbsttäuschung , Betrug , Walter ! Freilich wenn Tieck uns Abends in dem verschlossenen halbdunkeln Kämmerchen seine Märchen vorlas , mochte ich den Waldduft herunter schlürfen , der Nixe mit den langen Haaren um den Nacken fallen , und die Allmutter Natur an meine Brust pressen ; aber in natura ist ' s anders . - Bin ich nicht umhergestürmt ! Die Sohlen habe ich mir abgelaufen , aber keine Nixe , nicht mal eine Hexe gefunden . Beim Morgenroth rufst Du Ah , und findest Dich in Odenstimmung , und Abends wirst Du empfindsam und könntest Matthisson mit seinem Zopf an die Brust drücken . Alles Illusionen ! Sei redlich gegen Dich selbst . - Die Wahrheit sucht man doch , wo die Sonne am höchsten steht , und ich habe sie gesucht , rechtschaffen . Schlürfte alle Aussichten und meine Ansichten wurden immer enger . Am Ende kamen mir die zackigen Felsen da hinter Dresden , die wir Beide einmal bewunderten , nicht anders vor , als die gepuderten Köpfe unserer Kriegsräthe . Und mehr haben sie anch nicht zu schaffen mit dem Weltgeist , als daß sie roth werden im Morgenlicht und Abends Schatten werfen . Roth werden können unsere Puderköpfe freilich nicht mehr , aber wenn sie uns im Lichte stehen kann man sie wegschuppfen . Diese verfluchten todten Felsen bleiben aber immer stehen . Nein , Theuerster , die Romantik in Ehren , die Menschen bleiben doch wenigstens Puppen , mit denen man Schach spielen kann . « » Wenn wir nur stiegen könnten ! Wenigstens so hoch wie die Lerche . « » Und ich möchte sie immer mit dem Pustrohr runter blasen . Da fliegt das Biest hinauf , schmettert uns Wunderklänge vor und kommt doch nie weiter als ins leere Blaue . - Ja , Walter , wenn man ' s recht besieht , kommen wir auch noch zum Schluß , daß die Natur nicht mehr ist als eine alte Vettel , Morgens und Abends geschminkt . Und weil sie sich bei Tage nicht besehen lassen will , sticht und brennt die Sonne . « » Nur daß die Schminke immer frisch bleibt , heut wie am Tag der Schöpfung . « » Wer sagt Dir das ! Es hat Keiner gelebt , als Gott Vater auf den Einfall kam , diesen Spielball Erde zu erschaffen , und in das Uhrwerk Universum zu schleudern , damit er zu Ehre des Höchsten seinen Parademarsch um die Sonne kreist . « Der Ankömmling zog mechanisch die Gräser und Kräuter , die seine Hand ablangte , mit der Wurzel aus . » Suchst Du nach der Alraunwurzel ? « » Könnte ich sie finden ! Den allertiefsten Schmerz aus der Tiefe herausziehen , vielleicht würden uns die andern Schmerzen dann wie Bagatellen erscheinen . « » Der tiefste Schmerz müsste doch tödten . Darum verbarg ihn die Natur . Was wühlen wir denn nun tiefer und tiefer - « » Und spielen nicht lieber am Bach mit Vergißmeinnicht und Veilchen ! Nicht wahr , das ist viel gescheiter . Wollen wir nicht etwa nach Halberstadt zum Vater Gleim , im Freundschaftstempel uns gegenseitig anräuchern und anfingen , Du mein Anakreon , ich Dein Tibull ? « » Der höchste Schmerz wäre Selbstvernichtung , und zum Selbstmord schuf uns nicht die Natur ! « rief Walter , ohne auf den Spott des Freundes zu achten . Louis hatte sich aufgerichtet und verbarg wieder das Gesicht in beiden Händen : » Ein Stück von der Alraunwurzel zog ich doch schon raus . - Wenn ich nur wüßte , ob dieser Wunsch Sünde wäre ? « » Welcher ? « » Wäre meine Mutter keine tugendhafte Frau gewesen ! « Es folgte eine Pause : » Dein Vater ist nicht schlimmer als Tausende . « » Ist das ein Trost , daß ich eine Partikel bin von einer Partikel aus der allgemeinen Erbärmlichkeit . « » Er läßt Dir Freiheit . « » Er läßt aller Wett die Freiheit , so niederträchtig zu sein , wie sie Lust hat , damit er nicht schamroth zu werden braucht . « » Das ist ein hartes Wort , « dachte Walter , und auch Louis mußte es denken , denn er war rasch aufgesprungen und reichte dem Freunde die Hand : » Adieu ! « Walter umfasste seinen Arm , er wollte ihn in der Aufgeregtheit nicht von sich lassen : » Du verwünschest Dich selbst . Ich bin nicht zum Moralprediger geboren , aber - Du warst es zu besserem . « » Was kann man denn besseres thun in dieser Gesellschaft , als sich selbst verwüsten ! Trinken , und wenn man erwacht , wieder trinken . Sind nicht alle Edleren dazu bei uns verdammt ? Tadelst Du den Prinzen , daß er den Schaumbecher nicht von der Lippe läßt , daß er wenigstens den Jammer nicht mit ansehen will , wo er nicht helfen darf ? Lieber doch berauscht untertauchen und rasch , als nüchtern zusehen , wie wir Zoll für Zoll im Morast versinken . Oder wo ist denn die Kraft , die nach Besserem ringt , wo nur ernster Wille ? Der gute , zahme , bescheidene da , der sich nicht mehr ganz von den Schlechten von ehemals will leiten lassen , aber auch nicht ganz mit ihnen zu brechen wagt ? Die beschrankte , duckmäuserige Tugend , die sich den Himmel malt an ihre vier Wände , aber der Himmel draußen ist ihr zu frisch und kühl . Sturmwind ringsum , nur aufspannen , nur zusteuern brauchten wir , und mit vollen Segeln triebe das Kriegsschiff - prost Mahlzeit ! Man kettet das Steuer an , umwickelt die Ruder und lavirt . Das ist eine berauschende Kunst . Soll ich mich auch anlernen lassen ? Bei wem ? Bei meinem Vater ? Staatsdienst ! Herrliche Menschenbestimmung ! Dein Vater predigt es Dir ja wohl auch täglich : lass Dich anstellen . Wollen wir uns polnische Krongüter schenken lassen ? Die sind schon weggeschnappt . Wollen wir mit den Juden und Domainenräthen die Guter taxiren und Hypotheken verschreiben , die ihren Werth im Monde haben ? ' S ist auch schon zu viel drin gepfuscht . Lieferanten für die Armee , aber es giebt keinen Krieg ! Oder uns üben , solche süßgänseschmalz-honigduftenden Cabinets-und Humanitätsdecrete schreiben , die beweisen , daß Gott , der König , seine Minister und Regierungsräthe alles mit Weisheit und Verstand gemacht haben ? Himmel und Hölle ! wem nun anderes Blut in den Adern pulst ! - Die schönen Verse , die hochedlen Charaktere des großen Dichters auf der Menschheithöhen ! Schlugen wir ihnen nicht oft in mitternächtlicher Lust den Schädel ein und sahen , daß es nur Masken waren ! Gieb , zeig , schenke mir was , wofür ich mich begeistern , was ich ans warme Herz drücken kann , wofür es in Flammen aufschlägt , wofür ich mich in die Schanze oder in den Tod stürze . Fähndrich Pistol ist mein Philosoph , wenn er die Welt doch noch für eine Auster hält . Leider fehlt aber das Schwert jetzt sie zu öffnen . Lass ' mich rasen . « » Ich hätte gar nichts dagegen , wenn Du ein rasender Roland würdest und Dich einmal zum Tollwerden verliebtest . Du bedarfst einer Radikalkur . « Louis Bovillard lachte : » In diese Mücken ! - Schaffe mir was anderes . Schaffe mir ein Vaterland . Das , das ! Vielleicht war ich ein anderer ! « Er spuckte , und ohne sich noch einmal umzudrehen ging er sein Pferd suchen , das gemüthlich im Kornfelde seinen verzehrenden Meditationen nachhing . » Ein Vaterland ! « wiederholte Walter . Es war ein Funken , der viele Gedanken zündete , aber es waren nicht die Gedanken , um die er heut die Einsamkeit gesucht . Er stand mit unterschlagenen Armen , seine Augen schienen die Würmer im Grase zu verfolgen , und er hörte nicht , wie sein Freund zurückgekehrt war , diesmal den Gaul am Halfter , und ihn vorsichtig um den Rand des Sees führte . Er hörte erst , als Louis seinen Namen rief : » Was sinnst Du ? Bei Dir hat die Romantik noch nicht einmal ganz durchgeschlagen , während ich sie abschüttele . Du weißt den Zerbino auswendig , und ich wette , Du schwärmst wieder für den Kieferbusch drüben auf dem Sandhügel . « » Und warum nicht ? Tieck hat Unrecht , wenn er die Lust schilt , die sich auch aus dem Unbedeutenden Nahrung sucht . Gerade das führt uns zur Vaterlandsliebe , die Du suchst . Aber was führt Dich zurück ? « » Der Anblick einiger Herren von der Gensd ' armerie , die mein scharfes Auge vom Gaule aus in der Ferne entdeckte . Um nicht ihnen zu begegnen , stieg ich ab , und will mich durch einen Fußsteig schlängeln . Auch auf die Gefahr hin , daß der Bauer uns pfändet . Nun , bewunderst Du nicht meine Vernunft ? « » Wenn ich nicht wüsste , daß Du bei nächster Gelegenheit doch wieder mit ihnen zusammenstößest . « » Das ist mein Fatum . Konnte Mercutio für seine Natur ? « » Wenigstens spielt wieder Humor auf Deiner Stirn . « » Und in Deinen Augen glänzt ein Gedicht . « » Ich habe das Versmachen verschworen . Du weißt es . « » Aber , Walter , in solcher Natur ! Ich müsste Dich ja nicht kennen . Ein tiefer See mit romantischen Ufern ! Vielleicht kommen die Schwanenjungfrauen angeflogen , entkleiden sich , ihre Schleier hängen sie an die Hagebutten . Husch hast Du einen weggestohlen , und erwartest als frommer Siedler im Korn die Schöne , die als mediceische Venus um Gottes Willen um ein Stückchen Bekleidung bittet . « » Wir irrrten darin , das wir das Wunderbare immer in der Ferne suchten : Willst Du immer weiter schweifen , Sieh ' das Gute liegt so nah ! Lerne nur das Glück ergreifen , Denn das Glück ist immer da . « » Wie schon Goethes anderer guter Mann , der nach Schätzen gräbt : Und froh ist , wenn er Regenwürmer findet . « » Wer den Sinn für sie mitbringt , dem schwebt ihr Geist entgegen auch vom Thautropfen , der am Grashalm hängt , er wiegt sich in den Aehren , über die der Wind hinspielt . « » Er glitzert auch im Mistkäfer , warum gähnt er nicht auch in dem Frosch , der da unvernünftig weit über der Mummel das Maul aufsperrt . Sieh ihn an , welche tiefe Weisheitssprüche die Padde krächzt . - Und welche Weisheit bläht sich eben auf Deiner Brust . Es muß heraus , ich sehe es , und Du brauchst einen Zuhörer . Frisch losgelegt ! Gleichviel , ob die Naturandacht als Predigt oder als Rhapsodie rausbricht . Die Gensd ' armen sind noch im weiten Felde . Heraus denn , ein verschluckter Gedanke ist Gift . « Walter van Asten schien wirklich nur der Aufforderung zu bedürfen , den Gedankenstrom , der in ihm arbeitete , auszugießen : » Weil wir zu viel