Jüngling auftreten , um die Herzogin durch Ihre Naivität zu besiegen , durch das Reizende einer unerhörten Unbefangenheit , durch eine bis zum Exzeß getriebene Heuchelei der tugendhaftesten , uneigennützigsten Liebe . Sie wissen , in welcher Verlegenheit sich die Herzogin befindet , wie sie alle Ressourcen des Vergnügens erschöpft hat , wie sie längst von ihren erträglichsten Anbetern im Stich gelassen wurde - - Sie wissen alles . Jede neue Aventüre würde ihr willkommen sein , aber schwärmen , schwärmen wie früher würde sie nur für den , der den Frühling des Lebens wieder in ihr Alter hineinzauberte , der durch die jugendlichste Hingebung , wenn auch nicht das Reelle eines jugendlichen Umgangs , so doch wenigstens die Erinnerung an die Lust der Vergangenheit bei ihr heraufbeschwöre , um sie auf diese Weise das Durchlebte scheinbar aufs neue erleben zu lassen . Brächten Sie diese Täuschung bei der Herzogin zuwege , so glaube ich , daß sie wahnsinnig vor Freude würde . Die Herzogin würde nicht nur Ihre Schulden bezahlen , nein , sie würde ihre Schlösser in Brand stecken und ihre Diamanten ins Meer werfen , wenn Sie es wünschten : alles , alles würde sie Ihnen zu Gefallen tun - wählen Sie , lieber Ritter ! « » Ich wähle das letztere ! « rief der Ritter , indem er das eben gefaßte Kristallglas zu tausend Scherben an die nächste Wand schleuderte und seinen blonden Freund so stürmisch umarmte , daß der unglückliche Graf wie von dem Stich einer Tarantel laut schreiend zusammenfuhr . » Ich wähle das letztere ! Mein Plan ist gefaßt ! « Arm in Arm wandelten Graf und Ritter über den Teppich des weiten Gemaches . Herr von Schnapphahnski - denn niemand anders war der schwarzgelockte Gast des blonden Grafen - war jetzt in demselben Falle wie unser Berliner Professor : es stand ihm etwas sehr Außerordentliches bevor . Nichts hätte ihn mehr aufregen können als das bevorstehende Zusammentreffen mit der Herzogin von S. Die bösen Geister der Vergangenheit zankten sich in seinem Innern mit der Hoffnung eines endlichen Triumphes . Alle Wunden , die ihm das Mißgeschick in Berlin , in Wien , in München und an zwanzig andern Orten schlug , sollte das Glück bei der Herzogin wiedergutmachen . Nach wochenlanger Niedergeschlagenheit fühlte er aufs neue alle seine Muskeln und Nerven in fieberhafter Bewegung . Er war endlich wieder der alte Schnapphahnski , er war wieder ein schöner Mann vom Scheitel bis zur Zehe , doppelt schön , weil er etwas wagte - er glich einem Spieler , der nach tausend Verlusten aus seiner Lethargie erwacht und die letzte Goldrolle hohnlachend auf den grünen Tisch wirft . » Machen Sie die Herzogin , ich werde den jugendlichen Verliebten spielen ! « rief der erfindungsreiche Ritter , indem er plötzlich im Gehen innehielt , den Arm des Freundes fahren ließ und sich mit der zierlichsten Verbeugung vor den Grafen pflanzte . » Ich weiß nicht mehr recht , wie ich mich seinerzeit als brauner Husar in O. in Schlesien betragen habe . Ich muß mich einmal darin üben . Damals war ich wirklich ein harmloser Junge , ein schönes Kind , und alle alten Damen wollten mich auf den Schoß nehmen mit Stiefeln und Sporen , um mich zu küssen . Wenn ich vor der Herzogin nur halb so naiv erscheine wie einst vor der Gräfin S. , da haben wir gewonnenes Spiel , und ich versetze meiner Dulcinea in einem einzigen Jahre die Hälfte ihrer Waldungen - alle meine Schafe werden enthypotheziert . « Der Ritter riß die Decke von dem nächsten Tisch und hing sie nolens volens über die Schulter des Grafen - Uhr und Vasen rollten auf den Boden . » Drapieren Sie Ihre Reize so hübsch als möglich mit diesem Lappen ! Sie sind die Herzogin , ich bin der sechzehnjährige Schnapphahnski ! « Ritter und Graf standen einander gegenüber . » Gnädige Frau-- « , begann der Ritter . » Ach , guten Tag , Herr Ritter ! « erwiderte der Graf . » Gnädige Frau , in tiefer Demut beuge ich mich vor Ihrer welthistorischen Persönlichkeit . « » Es freut mich von Herzen , Sie kennenzulernen , Herr Ritter - ich habe schon viele lose Streiche von Ihnen gehört . « » Halten Sie die losen Streiche meiner Jugend zugut , aber seien Sie versichert , gnädige Frau , daß ich nur dem Ideale entgegenstrebe , welches mir in diesem wichtigen Momente vor Augen schwebt . « » Sie haben Ihre Laufbahn jedenfalls früh begonnen ; schon als brauner Husar in O. in Schlesien parodierten Sie die Iliade mit so viel Glück , daß die Bauern des Gebirges bereits eine Sage aus Ihnen gemacht haben . « » Allerdings , gnädige Frau ! Ich hatte gehört , daß Sie , kaum verheiratet , schon den Kosaken hinten aufs Pferd sprangen - ich glaubte , in der Romantik nicht hinter Ihnen zurückbleiben zu dürfen . Ihr Bild wollte nicht aus des feurigen Knaben Gedächtnis . « » Und in Troppau hatten Sie dann Ihr famoses Duell : die Säbel schwirrten , und der Ruf des jungen Helden verbreitete sich durch alle Lande . « » In demselben Lebensjahre war es , wo Sie sich , gnädige Frau , zum ersten Male mit Ihrem Gemahl so eklatant brouillierten . Die Locken flogen , und die Geschichte machte Furore in allen Pariser Salons . « » Und nach Berlin eilten Sie dann . « » Sie machten Ihre diplomatische Reise . « » Daß Sie unglücklich mit Carlotten waren , Herr Ritter , ich habe es nie geglaubt . « » Und wenn Ihre Untergebenen oft seltsame Dinge erzählten , gnädige Frau , so war es reine Verleumdung . « » Jedenfalls wurden Sie aus Berlin durch den Zorn der Götter vertrieben - « » Und Ihnen wurde unter Karl X. der Hof untersagt . « » Aber Sie machten sich nichts daraus ; Sie gingen nach Spanien , Lorbeeren zu pflücken unter Don Carlos . « » Sie , gnädige Frau , reisten unter den interessantesten Umständen nach Florenz , Ihren unschuldigen Gatten aufzusuchen , und schon nach wenigen Monaten beschenkten Sie die Welt mit der lieblichsten Tochter - « » Verzeihen Sie , Herr Ritter- - « » Entschuldigen Sie , gnädige Frau - - « » Aber Sie werden anzüglich , Herr Ritter ! « » Aber Sie werden verletzend , gnädige Frau ! « » Ich glaubte , einen anspruchslosen Knaben in Ihnen zu finden - « Beide Freunde lachten laut auf und sanken einander in die Arme . » Wir sind aus der zweiten in die erste Rolle gefallen ! « rief der Graf . » Aus der harmlosen in die maliziöse ! « erwiderte der Ritter . Da wurde die Türe geöffnet . Man meldete die Ankunft der Herzogin von S. XV Der Baron Der Graf hatte alles aufgeboten , um die Herzogin glänzend zu empfangen . Vor allen Dingen hatte er für die Gesellschaft der hervorragendsten Häupter des benachbarten Adels gesorgt , die entweder für einige Tage bei ihrem Wirte verweilten oder am Abend von ihren Landsitzen zu der Wohnung des Grafen hinübereilten , um sich dann erst spät in der Nacht wieder zu entfernen . Baron von ... war einer von den Gästen , die immer nur wenige Stunden blieben . - Er war ein Fünfundvierziger und ein hoher , breitschultriger , robuster Mann , mit braunem Schnurrbart und einem Backenbart , der in wilden Büscheln bis hoch hinauf auf die Wangen wuchs . Nase , Füße und Hände des Barons waren sehr gewöhnlich ; zwei große lebendige Augen verliehen ihm aber einiges Interesse . In seinen Manieren war der Baron im höchsten Grade ungeschlacht ; die geräumigsten Zimmer waren zu klein für seine grotesken Bewegungen ; er zerbrach bei jeder Soiree einige Tassen , einen Stuhl oder irgendein anderes unschuldiges Möbel , so daß seine Freunde ihn ein für allemal als den kostspieligsten Gast bezeichneten . Im Gespräche war der Baron sehr verständlich ; er führte die undiplomatischsten Redensarten und drückte sich sogar sehr derb aus , wenn er in Eifer geriet . Nichtsdestoweniger war er bei den Damen gern gesehn , denn der Baron war jedenfalls eine zu ehrliche Erscheinung , als daß man ihm hätte zürnen sollen . Er ließ sich auch so willig von den jungen Komtessen an der Nase herumführen , daß man ihm schon der komischen Szenen wegen , zu denen er Veranlassung gab , mit Freuden alle Extravaganzen verzieh . Schrecklich blieb er freilich für die meisten Damen durch den mehr als pikanten Duft des Pferdestalles , den er fortwährend in seinen Kleidern trug . Die Röcke und Beinkleider des adligen Herrn waren dergestalt von diesem durchdringenden Parfüm gesättigt , daß die Fürstin X. einst ohnmächtig wurde , als sie den Baron näher beroch . Ein wahrer Kampf entspann sich zwischen der Atmosphäre des Salons und der Atmosphäre des Stalls , wenn der Baron zur Türe hineintrat , und Fürstin X. behauptete , sie glaube auch jedesmal nichts anderes , als daß ein leibhaftiger vierfüßiger Hengst hereinspaziere . Das Eigentümliche und Charakteristische des Barons hatte sich aus seiner täglichen Beschäftigung , aus seinem stündlichen Umgang entwickelt . Der Baron war nämlich nicht nur ein leidenschaftlicher und ausgezeichneter Reiter , sondern er trieb auch in eigner Person den bedeutendsten Roßhandel . Besonderes Vergnügen machte es ihm stets , von wahrhaft fabelhaften Gewinsten zu erzählen , die er bei seinem Schacher realisiert zu haben meinte . Kein Roßkamm , versicherte er , habe ihn je betrogen ; er sei dagegen der Mann , der alle Welt überliste , und halbtot wollte er sich oft über diesen und jenen Israeliten lachen , den er bei dem letzten Geschäft hintergangen zu haben vorgab . Gut unterrichtete Freunde wußten indes besser , wie es mit der Liebhaberei des Barons aussah . Sie hatten meistens schon selbst davon profitiert und hüteten sich wohl , ihren enthusiastischen Bekannten in seinen Illusionen zu stören . Sie wußten , daß der Baron nur der Lust des Kaufens und des Verkaufens wegen den Roßhandel trieb und daß er sich wenig daraus machte , wenn die Summe seiner Verluste jährlich einen nicht unbeträchtlichen Ausfall in seinen sonstigen Revenuen hervorbrachte . Vor allen andern zeichnete sich der Baron als Mitglied eines Reitjagdklubs aus , der nach englischem Muster bei dem schlesischen Adel seinerzeit viel Furore machte . Dieser Klub existierte nur für den Adel und für wenige auserlesene Bürgerliche ; er sollte die Freuden des Reitens und der Jagd miteinander verbinden , » um die preußische Jugend wieder zu stählen « . Dieses » Stählens « bedurfte der Baron freilich nicht , denn trotz mancher Ausschweifungen mit den Landschönheiten seiner Umgebung führte er im ganzen ein sehr regelmäßiges Leben und konservierte seinen eisernen Körper . Er stand morgens mit der Sonne auf und schlief deswegen auch abends im Salon , in der besten Gesellschaft , oft laut schnarchend auf seinem Stuhle ein . In den von den Landräten ausgeschriebenen Kreisversammlungen , die in Schlesien gewöhnlich aus 50 adligen Gutsbesitzern und aus nur 6 oder 8 bürgerlichen und bäuerlichen Deputierten bestehen , fehlte der Baron selten . Noch pünktlicher fand er sich indes auf den in allen benachbarten Orten regelmäßig statthabenden Wochenmärkten ein ; nicht nur , um Pferdehandel zu treiben und als Schafzüchter seine Wolle an den Mann zu bringen , sondern namentlich der Annehmlichkeit wegen , viele Leute seines Gelichters beim Trunk oder Spiel zusammen anzutreffen . Diese Wochenmärkte bildeten für den schlesischen Adel lange Zeit einen besuchteren Sammelplatz als die gegen das Ende der dreißiger Jahre gestifteten Adelsreunionen , die zuerst nach den Freiheitskriegen auftauchten , dann aber für einige Jahre wieder verschwanden . Die Krone aller Vergnügungen war für den Baron der jährlich gleich nach Pfingsten stattfindende große Wollmarkt in Breslau . Es ist hinlänglich bekannt , daß der ganze schafzüchtende schlesische Adel um diese Zeit nach der Hauptstadt der Provinz pilgert . Der Baron war von jeher einer der hervorragendsten Besucher dieses Marktes . Er schlug bei solchen Gelegenheiten mehr Geld tot als jeder andere , und es war ihm schon mehr als einmal passiert , daß er eine gehörige Portion Schulden machte , statt einen Haufen Geldes für die verkaufte Wolle mit nach Hause zurückzubringen . Außer dem unvermeidlichen Pferde- und Wollhandel trieb der Baron auch noch die Runkelrübenkultur und die Schnapsbrennerei , so daß er also in seiner Person fast alle » nobeln Passionen « des schlesischen Landadels vereinigte . Diesen robusten schafzüchtenden und schnapsbrennenden Edelmann finden wir als bestes Pendant zu seinem Wirte , dem in Bädern und großen Städten frühzeitig zerrütteten und entnervten Grafen : in der Gesellschaft einer durch ihre Liederlichkeit weltgeschichtlich gewordenen Herzogin v.S. und eines Ritters Schnapphahnski . Der Baron legitimierte sich zu solchem Umgange durch seinen uralten Adel und durch sein kolossales Vermögen . Wie meine Leser wissen , war die Herzogin bereits auf dem Landsitze des Grafen angekommen . Zu ermüdet und zu ängstlich , sich gleich den Blicken vieler ihr noch unbekannter Leute auszusetzen , hatte sie aber am ersten Abend ihre Gemächer noch nicht verlassen wollen , so daß also Ritter Schnapphahnski abermals 24 Stunden in der peinlichsten Erwartung zubringen mußte . Wie sie es stets in Schlössern tat , deren Einrichtung ihr noch nicht geläufig war , hatte die Herzogin auch dieses Mal vor ihrem Erscheinen erst mit dem Grafen in betreff der Beleuchtung des Salons Rücksprache genommen . Es war dies einer der wichtigsten Punkte für die Herzogin . Sie befand sich nämlich in der umgekehrten Lage wie weiland der selige Peter Schlemihl . Der arme Schlemihl hatte keine Schattenseite ; die arme Herzogin hatte deren zu viele . Wenn Schlemihl daher seinen Freund Bendel voranschickte , um die Beleuchtung zu arrangieren , daß ihn alle Lichter trafen , so befahl die Herzogin dem Grafen , die Sache so einzurichten , daß sie möglicherweise von keinem getroffen werde . Der Graf war in die Geheimnisse der herzoglichen Toilette eingeweiht , und er leitete denn auch alles in so umfassender Weise , daß die Konstellation der Lampen am nächsten Abend die günstigste werden mußte . Von der Nacht , die der Ritter und die Herzogin vor ihrem ersten Zusammentreffen zubrachten , kann man sich leicht eine Idee machen . Während ihre Körper noch durch kalte Mauern getrennt waren , schlangen sich ihre Seelen schon ineinander und führten jenen lustigen Tanz der Träume auf , jenen Elfentanz der Gedanken , den alle Liebenden kennen . Oh , das ist der Teufel , daß wir von dem Ziele unserer Wünsche oft nur durch eine Mauer getrennt sind , durch eine Bretterwand , durch einen Vorhang . Wir hören ihn seufzen und lachen und husten und singen : den Gegenstand unserer Verehrung . Aber die Mauer steht wie eine Mauer vor unserm Glück ; die Welt unserer Sehnsucht ist mit Brettern vernagelt , und der Vorhang bleibt verhängt . Während die Dame unsers Herzens vielleicht von uns träumt und gebrochenen Lautes die seltsamsten Worte murmelt und mit den nackten kleinen Füßen in des Bettes Linnen wühlt und die weißen Arme emporstreckt , um ihren Traum zu ergreifen und ihn festzuhalten und an die Brust zu drücken mit Tränen und Küssen - ja , während unser ganzes Sein aufgeht in dem ihrigen : müssen wir vielleicht mit kalten Beinen bei einer Tasse schwarzen Kaffees sitzen , um über eine Zivilklage nachzudenken , über ein philosophisches Problem oder dergleichen Lappalien . Aber alles das liegt an der schlechten Bauart unserer Häuser und an der schlechten Bauart unserer schlechten Gesellschaft . Wie in Menagerien leben wir in Käfigen und in Vogelbauern . Die Löwen verlernen das Brüllen , die Adler das Fliegen und die Nachtigallen das Singen . Unser halbes Leben verstreicht mit nichtsnutziger Arbeit , bei unbefriedigter Sehnsucht . Aus Titanen werden Philister und aus himmlischen Huris : hysterische alte Jungfern . Zu erbärmlichen , rücksichtsvollen Pedanten hat uns die gute Sitte gemacht , zu rechten Geizhälsen , die ihre Schätze so lange konservieren , bis sie rostig und schimmelig sind . Wir faseln wie der König Salomo , als er siebzig Jahr war , und meinen wir , etwas Neues gesagt oder getan zu haben , da war es doch nur altes , abgetakeltes Zeug , was die Griechen schon besser sagten und taten als wir , was längst im Homeros steht , zugänglich für jeden Tertianer . Ach , nach Kaffee riechen wir , nach Wolle , nach alten Büchern und nach schmutzigen Akten - nur nicht nach Menschen ! Schöne Kerls sind wir . Wenn die alten Götter noch leben , so werden sie sich hübsch über uns mokieren , daß wir mit all unserm Scharfsinn , mit unserer immensen Klugheit doch nur so züchtige Krämer geworden sind , so zahme Tagelöhner . Throne werfen wir um und jagen die armen Könige übers Meer , aber unsern sittsamen Zopf , den Rattenschwanz des Aberwitzes , behalten wir im Nacken . Möchte uns das Schicksal daran erhängen ! Oh , es ist Zeit , daß ihr die Mauern einrennt und die Bretterwände zerschlagt und die Vorhänge zerreißt . Wie die Kinder sollt ihr wieder werden - die Kinder nennen sich du und du und betrügen sich selten und lachen miteinander und weinen und küssen sich und schlafen sorglos in einem Bette , und die Kinder sind die einzigen vernünftigen Menschen auf Erden . XVI Der Baron und der Ritter » Nicht wahr , Baron , Sie kennen die Herzogin ? « fragte der Ritter Schnapphahnski . » Die Babylonierin meinen Sie ? « erwiderte der pferdekundige Edelmann . » Nun , die Herzogin von S. ! « » Allerdings kenne ich sie . Ich verkaufte ihr einst zwei Schimmel für 90 Friedrichsdor - zwei Schimmel , sage ich Ihnen , wie zwei Engel ; zwei Gäule , die ich liebte , die ich vergötterte . Wenn ich an diese zwei Schimmel denke , da werde ich weich , da kommen mir die Tränen in die Augen . Und nur 90 Friedrichsdor - oh , es war entsetzlich ! « » Aber weshalb verkauften Sie so billig ? « » Weil ich die armen Tiere total zuschanden gefahren hatte ; weil sie keinen Schuß Pulver mehr wert waren . « » Aber , beim Teufel , da bezahlte die Herzogin noch teuer genug ! « » Allerdings , Ritter ! Aber wer konnte mir meinen Kummer um die armen Tiere bezahlen ? Wer bezahlte mir meinen Schmerz , daß ich die herrlichen Gäule so früh ruinierte ? « » Sie sind sehr naiv , Herr Baron ! « » Ich bin ein Edelmann , Ritter . Seit ich der Herzogin die Schimmel verkaufte , machten wir keine Geschäfte mehr miteinander . Vergebens bot ich ihr das Auserlesenste meines Stalles an . Schecken zum Küssen , Füchse zum Umarmen , Rappen zum Anbeten - die Herzogin wollte sich auf nichts einlassen . Sie berief sich immer auf die Schimmel ; von neuem riß sie stets die kaum vernarbte Wunde meines Kummers auf . « » Aber ich finde , daß die Herzogin alle Ursache dazu hatte . « » Ganz natürlich , Ritter ; aber als galante Dame hatte sie ebensosehr Ursache , die Geschichte nie wieder zu berühren , nie wieder an die Schimmel zu denken und mir mein Unrecht ein für allemal zu verzeihen . Wenn ich mir als leichtsinniger Mann in meiner Betrübnis das Vergnügen machte , die Herzogin für lumpige 90 Friedrichsdor hineinzureiten , da mußte sie sich als geniale Frau das Vergnügen machen , mir diesen Trost zu gönnen - jedenfalls ist dies logisch - - « » Die Logik des Pferdehandels . « » Übrigens werde ich mich mit der Herzogin aussöhnen . Ich werde ihr täglich den Hof machen ; denn ich verehre die Herzogin , ich verehre das Gespann , mit dem sie gestern abend heranfuhr , und ich werde ihr den höchsten Preis dafür bieten , den je ein Standesherr geboten hat . « » Ist dies Gespann vielleicht ebenfalls zuschanden gejagt ? « » Ich bitte sehr um Verzeihung : nicht im geringsten ! Vier Gäule , die ihresgleichen suchen - - « » Aber wenn die Herzogin nicht verkaufen will ? « » Nun , da werde ich tun , als ob ich halb verrückt würde . « » Und hilft auch das nichts ? « » Da werde ich mich totzuschießen drohen . « » Und kommen Sie noch immer nicht zum Ziel ? « » Nun , da werde ich bis zum Äußersten gehen , ich werde der Herzogin zu Füßen fallen , ich werde ihre Knie umfassen , ich werde ihr eine - Liebeserklärung machen . « Herr von Schnapphahnski taumelte drei Schritte zurück , als ob er plötzlich in der Person des Barons einen der gefährlichsten Konkurrenten sähe . » Eine Liebeserklärung - ? « erwiderte er endlich mit besonderem Nachdruck . » Allerdings , lieber Ritter , denn ich kann nicht länger leben ohne die vier Hengste der Herzogin . « » Aber wissen Sie auch , daß die Herzogin fast sechzig Jahre alt ist ? « » Ich weiß , daß ihre Hengste die schönsten auf der Welt sind . « » Wissen Sie , daß die Herzogin falsche Waden trägt , falsche Zähne , falsche Haare ? « » Ich weiß , daß ihre Hengste echte Schweife , echte Mähnen und echte Hufe haben . « » Wissen Sie , daß Sie sich vor der ganzen Welt lächerlich machen werden ? « » Ich weiß , daß ihre Hengste Stück für Stück hundert Pistolen wert sind . « » Wissen Sie , daß es ein Verrat an Ihrer Jugend sein würde , wenn Sie sich mit einer so alten Person einließen ? « » Ich weiß , daß die Hengste der Herzogin meinen Stall ungemein zieren würden - « Doch der Baron lachte plötzlich laut auf : » Ich wollte Sie nur auf die Probe stellen , lieber Ritter . Es freut mich , daß wir einerlei Meinung über die Herzogin sind . Man sagte mir gestern , daß Sie wirklich mit ernstlichen Absichten auf die Herzogin losrückten . Ich konnte mir dies nicht denken . Nach dem , was Sie mir eben von der Herzogin sagen , ist es unmöglich . Nicht wahr , Herr Ritter , die Herzogin ist eine alte Runkelrübe ? « - Herr von Schnapphahnski biß sich die Lippen . - » Eine alte Runkelrübe , die einst der Berggeist Rübezahl in ein Weib verwandelte ? « - Herr von Schnapphahnski blickte verschämt zu Boden . - » Ein junger Mann wie Sie , sich in eine alte Runkelrübe verlieben - ich wußte es gleich , es war reine Verleumdung ! « - Es wurde Herrn von Schnapphahnski sehr unheimlich zumute . » Aber lassen Sie die Herzogin « , erwiderte er endlich . » Verzeihen Sie , Herr Ritter , Sie selbst haben die Herzogin aufs Tapet gebracht ! « » Jedenfalls ist die Herzogin eine geistreiche Dame ! « » Eine geistreiche Runkelrübe ! « » Sie ist eine berühmte Frau . « » Eine berühmte Runkelrübe . « » Herr Baron , ich verstehe Sie nicht . « » Aber ich verstehe mich auf diese Runkelrübe . « » Sie scheinen sich über mich lustig zu machen . « » Ich mache mich lustig über die Runkelrübe . « » Herr Baron , ich muß Ihre Redensarten als eine Provokation ansehen ! « Der Baron sah den Ritter erstaunt an . » Also Sie interessieren sich dennoch für die Herzogin - ? « - Herr von Schnapphahnski sah , daß er besiegt war . - » Beruhigen Sie sich « , fuhr der Baron fort , » ich werde ganz in Ihrem Interesse arbeiten - aber als Gegendienst müssen Sie so gut sein und der Herzogin versichern , daß ihre vier Gäule den - Spat haben - - « Der Ritter nickte beifällig , und der Handel war geschlossen . XVII Der Ritter und die Herzogin Der Ritter stand vor der Herzogin , und zierlich bog er sich hinab , ihre Hand zu küssen . Der Handkuß ist die beste Ouvertüre zu dem Gespräch mit einer Dame . Die Adligen kultivieren den Handkuß - wir Bürgerlichen höchstens die Kußhand . Die Adligen haben den Handkuß vor uns voraus ; es gibt nichts Passenderes und Graziöseres , als einer schönen Dame passend und graziös die Hand zu küssen . Während sich die Dame majestätisch emporrichtet und den Kopf in den seligen Nacken wirft , daß die kohlschwarzen Locken wie verliebte Schlangen um den alabasternen Hals flattern : beugt der Ritter seinen untertänigen Rücken und drückt den Kuß auf die zierliche , souveräne Rechte , höfliche Grüße winselnd , süße Beteuerungen und galante Lügen . Gibt es etwas Liebenswürdigeres als den Handkuß ? Wenn man mit der Hand anfängt , wer weiß , wo man aufhört ! Als Ritter Schnapphahnski der Herzogin Hand geküßt hatte , hob er sich langsam empor und ließ die erwartungsvolle Dame in ein Antlitz schauen , auf dem der Reiz der jugendlichsten Schüchternheit sich so geschickt mit der Frivolität der Erfahrung zu vereinigen wußte , daß der Herzogin unwillkürlich ein Seufzer entfuhr , ein Seufzer , wie sie ihn lange nicht geseufzt hatte , einer jener Seufzer , für die man gern eine Million gibt , für die man sich in Fetzen schießen läßt , für die man tausend Eide schwört , aber auch tausend Eide bricht ! Aus ihren besten Zeiten hatte sich die Herzogin diesen Seufzer aufbewahrt . Herr von Schnapphahnski erschrak ordentlich , daß die Herzogin noch so natürlich seufzen könne , und schnell die Hand aufs Herz legend , fragte er in so naivem Tone als nur irgend möglich : » Gilt dieser Seufzer Ihnen oder mir , gnädige Frau ? Ihnen kann er unmöglich gelten , denn in heiterer Hoheit sehe ich Sie vor mir thronen , erhaben über allen Seufzern , über jenen Lauten des Schmerzes und der Sehnsucht , die nur mir gehören - ja , gnädige Frau , Ihr Seufzer gehörte mir , er war mein Seufzer , er war die Huldigung , mit der ich Ihnen nahte , mit der ich mich über die Seufzerbrücke des Lebens zu Ihnen hinüberrettete ! « » Jedenfalls weiß dieser Schnapphahnski seine Phrasen abscheulich zu verdrechseln « , sagte der Baron , indem er den Grafen mehr in die Tiefe des Gemaches zog . Doch der Ritter war bereits im besten Zuge : » Am ersten Tage « , fuhr er fort , » lachte Gott und machte das Licht ; am zweiten wurde er noch heiterer und schuf den Himmel . Am dritten Tage wurde er ernst und trocken und schuf die trockne solide Erde ; doch am vierten wurde er phantastisch und erfand den Mond und die Sterne , und am fünften wandelte ihn endlich der Humor an , und er erschuf , was sich regt in den Höhn und den Tiefen - am sechsten Tage seufzte er aber und erfand den Menschen , er erfand die Liebe , und seit Jahrtausenden weht nun dieser Schöpfungsseufzer des sechsten Tages durch die Herzen aller Erschaffenen , einem ewigen Echo gleich , das von einer Seele zu der andern widertönt , immer neue Töne schaffend , Töne der Freude und Töne des Schmerzes , harmonische und herzzerreißende . « » Es ist schade , daß der Ritter kein Pastor wurde « , murmelte der Baron in das Ohr des Grafen . » Sehn Sie nur , wie er gestikuliert : wie ein verrückt gewordener Telegraf ! Hat man je etwas Tolleres erlebt ? « Die Herzogin hatte sich indes aufmerksamer emporgerichtet . Sie warf den roten Kaschmirschal in geheimnisvollere Falten , und dem Ritter das adlige Profil zeigend , den Handschuh der zierlichen Hand und den kleinen Fuß , erwiderte sie mit freundlichem Lächeln ? » Aber , in der Tat , Herr Ritter , Sie führen eine wahre Seufzerkonversation ; Sie müssen entsetzlich unglücklich sein - « » Entsetzlich ! gnädige Frau - « » Aber geistreiche Leute sollten nie unglücklich sein ; wenigstens sollten sie nie so sehr an ihrem Glück verzweifeln , daß sie sich länger als einen Tag lang ärgerten oder ennuyierten . - Sagen Sie mir aufrichtig , Herr Ritter , sind Sie seit gestern unglücklich oder seit heute ? « » Seit zehn Minuten , gnädige Frau ! « Der Ritter faltete die Hände und sah die Herzogin mit schwärmerischen Augen an . Die Herzogin hätte tausend Louisdor darum gegeben , wenn es ihr möglich gewesen wäre , in diesem Augenblick leise zu erröten . » Sehn Sie nur , wie er wedelt und scharwenzelt « , murmelte der Graf . - » Wie ein junger Hund vor einer alten Katze « , erwiderte der Baron . - » Ich hätte ihn nie für einen so großen Komödianten gehalten . « - » Er hat sich zehn Jahre lang jeden Tag vor dem Spiegel im Gestikulieren geübt . « - » Es ist gar kein Zweifel mehr , daß er die Herzogin erobert . « - » Gott sei gedankt , so erobere ich die vier Hengste ! « - Graf und Baron zogen sich etwas zurück , und unser Schnapphahnski fuhr fort , seine Liebesleiden so rührend zu entwickeln wie noch nie ein Ritter vor ihm . Mit jeder Sekunde wurde seine Beredsamkeit blumenreicher und ergreifender ; seine Worte galoppierten wie geflügelte Rosse über die Hindernisse der kitzlichsten aller Unterredungen . Wie ein Dichter in dem windstillen Raume seines Studierzimmers sich so lebhaft in den fürchterlichsten Sturm auf offener See versetzen kann , daß er während der Schilderung desselben unwillkürlich nach dem Kopfe greift , um den Hut festzuhalten , so wußte Herr von Schnapphahnski in der Nähe einer fast sechzigjährigen Dame derart