beunruhigt Sie so heftig ? - - Sie haben also noch nichts gehört ? - - Wovon soll ich gehört haben ? - - Von der Sturmpetition , die heute Abend unter den Zelten berathen und morgen durch eine großartige Demonstration vor dem Schlosse ausgeführt werden soll ? - Und das beunruhigt Sie ? - fragte mit ironischem Mitleid Alice , deren Augen bei dieser Nachricht einen eigenthümlichen Glanz annahmen . - Sie Aermster ! - - Spotten Sie immerhin . Ich sage Ihnen , es wird nicht gut ablaufen . Die Polizei hat bereits Notiz davon bekommen und ihre Maßregeln getroffen . Ich bin draußen gewesen in der Gesellschaft , weil ich vermuthete , daß sie berathen würde . Ich täuschte mich nicht , sie waren Alle beisammen , nur Ralph fehlte . - Gilbert warf , indem er diesen Namen aussprach , einen Blick auf Alicen , der eine Verläumdung gegen den Bruder Annas enthielt . Diese schien ihn nicht verstehen zu wollen . - Gut , daß Sie mich daran erinnern - sagte sie kalt . - Ralph ist im Gefängniß und durch Ihre Schuld . Gilbert erbleichte . - Durch meine Schuld ? fragte er mit unsicherem Tone . In diesem Augenblick bemerkte er Anna , die bei seinem Eintritt sich zurückgezogen hatte . - Ja , Sie sind , wenn auch nicht gerade schuld , so doch Ursache davon . - Hier ist Ralphs Schwester . Sie wird Ihnen das Nähere mittheilen . Eilen Sie , die armen Kinder aus ihrer Angst um Vater und Bruder zu befreien . An der Bereitwilligkeit , mit der Sie meinen Wunsch erfüllen , werde ich sehen , ob Sie an diesem Irrthum keine wissentliche Schuld haben . - Dann wandte sie sich zu Anna : Begleite den Herrn , liebes Kind , und gieb dieses Papier in die Hand deines Bruders . - Verwahre es sorgfältig ; nachher wirst Du mir Alles erzählen . Gilbert und Anna verließen die Wohnung . Alice eilte mit einer schnellen Bewegung ins Nebenzimmer , aus dem sie nach wenigen Minuten als junger Mann heraustrat . Salvador , der Alicen noch nie in Männerkleidung gesehen , riß vor Ueberraschung eine Seite auf seiner Mandoline entzwei und starrte mit offnem Munde auf die plötzliche Erscheinung , bis die Stimme Alicens , die ihm eine Kutsche zu rufen befahl , ihn seines Irrthums überführte . Hotel des Prinzen A .... , rief sie dem Kutscher zu , welcher ihr die Fahrmarke in den Wagen reichte . - Nach einer kurzen Fahrt war sie am Hotel angelangt , und von dem vertrautesten Kammerdiener des Prinzen in einen Gartenpavillon geführt . Hunderterlei blühende exotische Gewächse füllten das phantastisch geschmückte Zimmer , mit einem fast betäubenden narkotischen Wohlgeruch an . Der Prinz in einem orientalischen Kostüm , das ihm als Negligee diente , war in halbliegender Stellung auf einer Ottomane hingestreckt und über ihn hin breiteten mächtige Faisenpalmen ihre eleganten , fußbreiten Blätter aus . Der vor ihm stehende milchweiße Marmortisch war mit einer Menge Zeitungen und Journale bedeckt . Beim Eintritt Alicens erhob sich der Prinz und führte sie schweigend zur Ottomane . Alice warf einen Blick auf den Zaubergarten , der sie umgab und seufzte . Es war nicht das erste Mal , daß sie als Knabe verkleidet hier eingetreten und vom Prinzen in derselben Weise , wie heute , empfangen wurde . Aber jene Zeit gehörte der Vergangenheit an . - - Was bringen Sie mir , Alice ? - fragte der Prinz nach einer Pause . - Ich wünschte , das Ihnen bringen zu können , was ich bei Ihnen zu suchen gekommen - Trost in Verzweiflung . Jetzt war die Reihe zu seufzen am Prinzen . Doch sagte er lächelnd : worüber oder woran könnten Sie verzweifeln , meine Freundin ? Oder ists ein Dritter , für den Sie Trost bei mir suchen ? Alice erzählte die Gefangenschaft Ralphs und bat den Prinzen um Verwendung für den Unglücklichen bei dem Polizeipräsidenten v. M. Ich glaube nicht - fuhr sie fort - daß auf den bloßen Verdacht hin , das Goldstück könne auf unrechtmäßige Weise in die Hände der Familie gekommen sein , so streng gegen den alten Naumann und seinen Sohn verfahren worden wäre , wenn man nicht andere , tiefer liegende Gründe zu haben vermeinte . Uebrigens habe ich zur Aufklärung derselben sogleich den Chevalier St. Just zum Herrn von M. geschickt , da von ihm das Goldstück herrührt . - Glauben Sie mir , Alice , erwiederte der Prinz , dieser St. Just wird unser Aller böser Dämon . - Hüten Sie sich vor ihm ! - Sie lächeln ? Meinen Sie vielleicht , daß mein Haß gegen ihn mich verblendet ? Und nun schicken Sie ihn vollends zum Polizeipräsidenten . Fürwahr , ich fange an , Ihre sonst so bewährte Klugheit in Zweifel zu ziehen . Wissen Sie denn nicht , daß Herr v. M. es war , der mir gestern mit Rücksicht auf St. Just jene Warnung für Sie zukommen ließ , die ich selbst nicht einmal verstand ? Alice erbebte . Sie schien mit sich über einen Entschluß zu kämpfen . Vom Divan aufspringend , schritt sie hastig zwischen den Gewächsen auf und ab . Endlich blieb sie vor dem Prinzen stehen . Ihr Anblick war völlig verändert . Ihr dunkles Auge strahlte wunderbar , ihr lockiges Haupt war hoch aufgerichtet . Wir müssen uns Gewißheit verschaffen , Prinz . Dies aber ist nur möglich , wenn wir gemeinsam handeln . Dann aber Vertrauen um Vertrauen . - Schlagen Sie ein . - Sie streckte ihm die Hand entgegen . - Ich sehe noch nicht , was uns selbst die Gewißheit von seiner Verrätherei nützen kann - sagte ungläubig der Prinz ; doch legte er seine Hand in die dargebotene Alicens und zog sie zärtlich an seine Lippen . - Sie , wie ich , werden dieselbe Frucht pflücken - erwiederte Alice , einen köstlichen Granatapfelbaum eines seiner rothwangigen Kinder beraubend - eine sichere Ueberzeugung für unsere zweifelvolle Seele und einen festen Muth für unsere schwankenden Entschlüsse . Der Prinz , welcher die Worte Alicens auf den Chevalier bezog , lächelte ungläubig , weshalb Alice plötzlich , allen Rückhalt verschmähend mit leidenschaftlichem Tone ausrief : - Mein Freund , ich nenne Sie in dieser Stunde so , weil ich im Begriff bin , eine schwere Pflicht gegen Sie auszuüben , deren nur die Freundschaft fähig ist , mein theurer Freund , lassen Sie von der Bedford ; diese Frau ist ihrer nicht würdig . Der Prinz , auf welchen der Name der Gräfin den Eindruck eines elektrischen Schlages gemacht hatte , zitterte heftig . Sein flammendes Auge bohrte sich tief in das auf ihn niederblickende Auge Alicens , dessen Ausdruck sich nicht veränderte . Ungestüm entriß er ihr seine Hand und flüsterte mit gebrochener Stimme : - Sie sind eine Lügnerin , Alice . Das sanfte Lächeln , welches Alicens Züge überstrahlte , wurde selbst durch diesen harten Vorwurf nicht verwischt , nur mischte sich der Ausdruck einer leisen Ironie hinein , als sie mit Ruhe erwiederte : - Soll ich Ihnen Beweise geben , Prinz ? Ein stummer Wink hieß sie fortfahren . - Von dem Verhältniß der Gräfin mit St. Just will ich gar nicht reden . Eine solche Untreue , wie demüthigend auch für Sie , mein Prinz , könnte doch nur ein halber Beweis sein . Denn wer vermöchte den Beweis zu liefern , daß nicht St. Just eben so betrogen wird wie Sie . Aber was würden Ew . Königliche Hoheit zu einem Plane sagen , Sie durch die fein berechnete Koketterie einer geschickten Buhlerin von Ihrer Leidenschaft zur Gräfin , und diese von Ihnen befreien zu lassen ? - Ich würde dazu sagen - daß die Gräfin , wenn sie einen solchen Plan fassen sollte , sich schlecht auf wahre Leidenschaft verstehen , oder eine große Achtung vor dem Talente der » Buhlerin « haben müßte . - Vielleicht ist Beides der Fall . Und rathen Sie , wen man für würdig erachtet hat , diese Rolle bei Ihnen zu übernehmen ? - Also ist es nicht ein bloßer Einfall , dieser Plan ? Man hat in der That an dergleichen gedacht ? - Freilich , aber rathen Sie ! - Wie kann ich wissen - sagte der Prinz zerstreut . - Vielleicht Fräulein S .... oder unsere Primadonna H .... ? - Bewahre . Wie sollte man darauf gerathen . Sie besuchen ja die Theater fast gar nicht . Nein , ich will es Ihnen sagen : Mich ! - - Sie ? - - - Glauben Sie , mein Prinz , daß ich Scherz mit Ihnen treibe ? - In der That , ich glaube es fast ; darum geben Sie mir bessere Beweise . - Es sei ! So hören Sie denn : Die Gräfin ist von einer gewissen Partei , in deren Diensten sie steht , beauftragt , Alles anzuwenden , um Sie dieser Partei zuzuführen . Sie selber hat Rücksichten zu nehmen , weil sie ein offnes Haus hält , das gewissermaßen von allen Parteien als ein neutrales Bereich angesehen wird . Büßt sie diesen Vortheil ein , so ist ' s um ihre gesellschaftliche Stellung geschehen . Auch stand ihr Ihre Leidenschaft zu ihr im Wege . Darum mußte sie indirekt zum Ziele zu kommen suchen . Man weiß , mein Prinz , daß Sie beim Volke durch Ihre Freisinnigkeit und Freigebigkeit - beides gilt dem Volke oft gleichviel - beliebt sind und deshalb bei etwa ausbrechenden Unruhen sich leicht einen großen und gefährlichen Anhang zu verschaffen im Stande wären . Man hat versucht , Sie von hier zu entfernen , man hat ferner , als dies nicht gelang , Schritte gethan , um Sie der öffentlichen Meinung gegenüber zu compromittiren , ja man hat es nicht gescheut , zu dem Mittel der Verläumdung zu greifen . Alles ist fehlgeschlagen . So hat man denn zum äußersten , aber - der Meinung gewisser Leute nach - sichersten Mittel gegriffen , Sie zu verführen . Man hält mich für eine eingefleischte Aristokratin , dies und das Vertrauen , welches man in meine Fähigkeit setzt , hat jene Partei veranlaßt , mir Avançen in dieser Beziehung zu machen . Ich habe sie anfangs nicht verstehen wollen , da ist man dringender geworden und endlich offen mit dem Plane herausgetreten . Der Prinz hatte mit wachsender Unruhe dem Berichte Alicens zugehört . Als sie geendet , lag auf seinem bleichen Gesicht der Ausdruck eines tiefen Hohns . - Wie sehr muß ich in den Augen dieser Menschen gesunken sein , daß sie es wagen können , in dieser Art ihr Spiel mit mir zu treiben . - Er stützte den Kopf in die Hand , um die Thräne zu verbergen , welche wider seinen Willen in sein Auge trat . - Fahren Sie fort - sagte er nach einer Pause . - Ich habe nur wenig noch zu sagen . Daß St. Just ein falsches , ein doppelt falsches Spiel treibt , werden Sie wohl selbst bemerkt haben . Es gilt jetzt , daß wir uns davon Ueberzeugung verschaffen , um den Plänen der Partei , welcher er aus Interesse für die Gräfin dient , entgegenzuarbeiten , ohne daß sie es merkt , um sie schließlich in ihrer eigenen Falle zu fangen . Mein Rath ist nun der : Sie begeben sich sofort zu Herrn v. M. und suchen zu erfahren , ob St. Just an der Verhaftung des braven Ralph schuld ist , oder doch nachträglich bei Herrn v. M. gegen ihn intriguirt hat . Sind Sie bereit dazu ? - Ja - sagte der Prinz sehr ernst . - Sie haben recht , es ist Zeit , mich dieser erbärmlichen Fesseln zu entwinden und ich danke Ihnen , daß Sie mir die Kraft dazu gegeben . Doch habe ich noch eine Bitte , deren Motiv Sie jedoch nicht in irgend einem Zweifel an ihren Worten suchen müssen . Können Sie mir irgend ein materielles Zeichen geben , daß ich von der Gräfin betrogen bin ? Ich glaube eine größere moralische Bestimmtheit in der Ausführung unserer Pläne dadurch gewinnen und der Verrätherei mit größerer Festigkeit gegenübertreten zu können . - Ich wünschte , theurer Prinz , Sie ließen diese für Sie unangenehme Angelegenheit auf sich beruhen ; noch mehr aber wünschte ich - Alice ergriff bei diesen Worten seine Hand - ich könnte Sie für unsere Sache , für die Sache der Demokraten , deren Sieg näher bevorsteht , als Sie ahnen , gewinnen . Der Prinz lächelte . Aber dieses Lächeln enthielt , so wollte es Alicen bedünken , Etwas von Mißtrauen in sich . Sie zog einen Brief aus ihrer Schreibtafel und reichte ihn dem Prinzen . - Diesen Brief , wie Sie am Postzeichen ersehen , erhielt ich in Wien vor 8 Tagen . Er ist von St. Just und enthält die Aufforderung an mich , schnell nach Berlin zu kommen , um den Plan , welchen ich Ihnen mittheilte , ausführen zu helfen . Die » hohe Person « , welche darin erwähnt ist , sind Sie und die Unterschrift - - Gilbert ! - rief aufspringend der Prinz - Sie kennen diesen Elenden ! - Alice erschrak über die Heftigkeit des Prinzen . - Was ist Ihnen ? Ums Himmelswillen - - Antworten Sie , Alice , ich bitte , ich beschwöre Sie , keuchte der Prinz in fast sprachlosem Zorn . Der Brief knitterte in den krampfhaft zitternden Händen , und seine Augen rollten wild , als suchten sie den verborgenen Feind . - Gilbert - sagte Alice - ist Ihr Nebenbuhler , er ist der Chevalier von St. Just . Während der Pause , welche Alicens Worten folgte , hörte man nur das Rauschen des Briefes , der des Prinzen Hand entfiel . Dann taumelte er ohne Bewußtsein auf den Divan nieder . Nach einer qualvollen halben Stunde schlug der Prinz die Augen auf und blickte noch halb betäubt um sich . Endlich erkannte er Alicen , deren Anblick ihm die ganze Erinnerung über das , was mit ihm vorgegangen war , zurückgab . Ein Schauer durchzitterte seinen Körper - doch versuchte er zu lächeln . - Seien Sie ruhig , meine Freundin - es ist vorüber . Doch verlassen Sie mich jetzt - ich muß allein sein . - Heute Nachmittag werde ich Sie besuchen . Schweigend schritt Alice auf die Thüre zu . - Alice ! - sagte noch einmal der Prinz . Sie kehrte zurück und sah ihn fragend an . - Alice ! Sie nannten sich heute meine Freundin . Ich halte Sie beim Wort und erinnere Sie daran , daß in der Freundschaft Zweierlei vor Allem gilt : Vertrauen gegen einander und Verschwiegenheit gegen den Andern . - Seien Sie ruhig , mein Prinz - auch wenn Sie nicht mein Freund wären , würde diese Stunde ein Heiligthum für mich sein , in das ich nie einen Menschen schauen lassen würde . VI Der 18. März ist wirklich ein denkwürdiger Tag in der preußischen - ich wollte sagen : deutschen Geschichte . Nicht etwa darum , weil Mailand und Berlin an diesem Tage » Revolution « gemacht haben - eine Thatsache , die übrigens von der extremen Demokratie , und daher natürlich auch von der extremen Aristokratie einmüthig bestritten wird ; - noch viel weniger darum , weil in Preußen an diesem Tage der Absolutismus gestürzt wurde - denn auch daran wird von den rothen - und schwarzweißen Enthusiasten nicht geglaubt ; - am allerwenigsten aber darum , weil der 18. März der Vorabend des Geburtstages der Berliner Bürgerwehr , jener durch ihr Motto des » passiven Widerstands « auf deutsch : der aktiven Feigheit berühmten Phalanx , war : - sondern weil sicherlich kein Tag mehr verflucht und gesegnet , mit Füßen getreten und in den Himmel erhoben , betrauert und gefeiert , geschmäht und besungen ist , und das Alles mit Unrecht . - Der 18. März ist unschuldig wie ein neugebornes Kind , das Berliner Volk hat es sattsam dadurch bewiesen , daß es mit ihm gespielt hat , wie mit einem Kinde . Denn man muß wissen , daß das Berliner Volk selbst noch ein Kind war , obgleich ihm an diesem Tage die Wiege nicht mehr - wie Schiller sagt - als ein » unendlicher Raum « erschien , wie bisher , weshalb es denn auch herauszusteigen versuchte ; daß der Versuch nicht gelang , daß es sich nachher , als der rechte Zuchtmeister kam , in den Winkel des passiven Widerstands verkroch und schließlich wieder folgsam in die alten Windeln wickeln und in die alte Wiege hineinlegen ließ , das ist für ein Kind , dem die Ruthe gezeigt wird , ja ganz natürlich . Also warum so viel Aufhebens vom 18. März ? - Die Bewegung , deren Schlußakt die Nacht vom 18. zum 19. März bildete , hatte sich schon einige Wochen vorher angekündigt . Eine dumpfe Gährung , über deren Ursache sich nur wenige Rechenschaft geben konnten , hatte sich der Gemüther bemächtigt . Trotz der unfreundlichen Witterung waren die öffentlichen Plätze und Promenaden fast den ganzen Tag über mit Menschen übersäet , die entweder zu Gruppen zusammentretend aufmerksam auf eine Stimme lauschten , die aus ihrem Mittelpunkt hervordrang , oder paarweise dahin schlendernd mit lebhaften Gestikulationen über die neuesten Dekrete der provisorischen Regierung in Paris diskutirten . Dasselbe Schauspiel wiederholte sich in den Restaurationen , Kaffeehäusern und Conditoreien . Besonders in der » Zeitungshalle « und bei » Stehely « fand sich gegen 6 Uhr Abends , wenn die neuesten Zeitungen vom Rhein ankamen , stets ein zahlreiches , aus Gelehrten , Künstlern , Beamten , Officieren u.s.w. zusammengesetztes Publikum ein , und horchte Kopf an Kopf gedrängt mit angehaltenem Athem auf die Worte Dr. R-s , welcher bei Stehely meist das Amt des » Vorlesers « übernahm . War die Vorlesung , welche häufig mehrere Stunden dauerte , und nur durch einzelne halbunterdrückte Exklamationen unterbrochen wurde , welche entweder dem Staunen über das Vorgelesene oder einer unzeitigen Störung galten , beendet , so lösete sich die lang gefesselte politische Phantasie der Zuhörer zunächst in einem unverständlichen Summen auf , das nicht unpassend mit dem fernen Brausen des Meeres oder dem düstern Grollen eines nahenden Orkans verglichen werden kann , bis es endlich crescendo in tosenden Wogendrang einer allgemeinen politischen Discussion ausbrach . Ungefähr eine Woche vor dem 18. März war wieder Abends eine zahlreiche Gesellschaft bei Stehely versammelt , welche mit Ungeduld die » Kölnische Zeitung « erwartete . Das Gedränge in den engen Zimmern war groß , so daß man sich nur mit Mühe hindurchzudrängen vermochte . Fern oder wenigstens unberührt von dem lauten Treiben der politischen Menge saßen in einer ziemlich dunkeln Ecke zwei Männer , welche sich von Zeit zu Zeit kurze Bemerkungen über die einen oder andern Gäste zuflüsterten . Der Aeltere von ihnen mochte zwischen 40-45 Jahre zählen , obschon sein Alter schwer zu bestimmen war . Denn seine breite , kluge Stirn war bereits mit vielen Runzeln bedeckt , während das hellbraune nach oben strebende Haar noch seine ganze Fülle und das hellbraune Auge noch seinen vollen Glanz besaß . Der militärisch kurz gestutzte Schnurrbart trug viel zu dem Ausdruck offner Männlichkeit bei , welcher der ganzen Erscheinung aufgeprägt war . Sein Begleiter saß fast ganz im Schatten , so daß man die Züge seines auffallend bleichen Gesichts nicht genau erkennen konnte . - Lassen wir diese Phantasten - sagte der Letztere - und erzählen Sie mir , wie der König die Nachricht von der beabsichtigten Demonstration aufnahm . - Er war mehr davon alterirt , als es meiner Ansicht nach der Gegenstand verdient . Auf der andern Seite hat er den Excedenten mehr Rücksicht bewiesen , als zuträglich war . Ich fürchte , mein Prinz - - Nennen Sie mich hier nicht so , Herr von M. Nun fahren Sie fort , was fürchten Sie ? - Ich fürchte , die halbe Maßregel , welche er anwendet , wird weder befriedigen noch entmuthigen , und daher erbittern und zur Aufregung beitragen . Hätte mir der König für das Gespräch , welches ich mit den » Führern « vorgestern in der Zeitungshalle hatte , plein pouvoir gegeben , so stände die Sache jetzt anders . Man muß , wenn man einem ungekannten Feinde gegenübersteht , seine Entschlüsse nach dem Eindruck des Augenblicks formiren . Und vollends diesem Feinde gegenüber war es ein Kinderspiel zu siegen . Soviel Untiefe , Taktlosigkeit - ja Knabenhaftigkeit habe ich nicht vermuthet . Werden Sie es glauben , daß sie nicht wußten , wie sie sich mir gegenüber verhalten sollten ? Sie fühlen sich Alle geschmeichelt in dem Gedanken an die Wichtigkeit ihrer Person , die dadurch dokumentirt wurde , daß der Polizeipräsident in Höchsteigener Person und in voller Gallauniform zu ihnen kam , um zu unterhandeln ; aber die Einen suchten ihrer Eitelkeit dadurch Luft zu machen , daß sie grob wurden , die Andern wurden im Gegentheil verwirrt und äußerst höflich gestimmt . Aber bei keinem Einzigen fand ich eine Spur von Selbstbeherrschung und wahrem Bewußtsein . Sie wollen politische Würde zeigen , und werden tölpelhaft , sie möchten den großmüthigen Feind spielen und machen sich lächerlich . - Wäre es nach meinem Sinne gegangen , so hätte man ihnen gewähren lassen . Die Kinder , wissen Sie , werden ja zuletzt jedes , auch des schönsten Spielzeugs überdrüssig . Herr v. M. hatte , während er in dieser Weise von der seit einigen Tagen in der Stadt begonnenen Bewegung sprach , seinen Blick mit scheinbarer Unbefangenheit auf die edlen aber abgespannten Züge des Prinzen geheftet , als wollte er darin den Eindruck lesen , welchen seine Worte auf ihn hervorbringen würden . Aber der Prinz hatte wohl kaum darauf gehört ; er blickte zerstreut in die auf- und abwogende Menge und schaute erst wieder auf , als jener schwieg . - Und Sie glauben also - sagte er , seine Gedanken sammelnd - daß hinter dieser Demonstration nichts Tieferes steckt ? - Es ist möglich , daß geheime , hinter den Kulissen verborgene Kräfte die Drähte bewegen , welche diese Marionetten in Bewegung setzen , ja ich bin fast davon überzeugt . Auch habe ich über gewisse Personen sogar schon meine Vermuthungen . - - Das rasch aufblickende Auge des Prinzen , der in diesem Augenblicke an den Chevalier dachte , begegnete dem forschenden Blicke des Polizeipräsidenten . Jeder bemerkte den Ausdruck in den Blicken des Andern . Nur der Prinz hatte eine richtige Ahnung von dem , was Herrn v. M. in diesem Moment beschäftigte , während dieser in Betreff des Prinzen auf ganz falscher Fährte sich befand . - Verehrtester - sagte der Prinz mit ironischem Lächeln - welchen Preis würden Sie für die Entdeckung einer Verschwörung in optima forma zahlen ? - Königliche Hoheit - - - Ich habe Sie schon einmal gebeten - unterbrach ihn ungeduldig der Prinz - auf mein Inkognito Rücksicht zu nehmen ; viel zu oft schon für einen Polizeipräsidenten . Und nun einen freundschaftlichen Rath : Ich liebe die Spionage selbst vom Chef der Polizei nicht . Wenn Sie also einen Anspruch auf mein Vertrauen machen , so legen Sie mir gegenüber Ihr Polizeibewußtsein ab . - Ihre Vermuthung beruht auf einem Irrthum - erwiederte lächelnd Herr v. M. Er lächelte immer , wo andere Menschen in Zorn oder in Verlegenheit gerathen wären - auf einem doppelten Irrthum . Wie , wenn mir aus ganz andern Gründen , als Sie vermuthen , daran gelegen wäre , zu erfahren - - - Ob ich conspirire ? - Nein , das ist Nebensache ; welcher Partei Sie eventuell angehören würden ? - Und welche Motive könnten dies etwa sein ? - Die - wenn ich so sagen darf - freundschaftlichsten . - Also zum Exempel ? - Weil ich wünschte , daß wir über gewisse politische Herzensneigungen sympathisiren und - - Eventuell dafür conspiriren möchten ? - Eventuell , wenn ' s sein muß , diplomatisiren möchten . - Wissen Sie denn nicht , daß es für einen Polizeichef schon gefährlich ist , wenn er überhaupt » politische Herzensneigungen « besitzt ? - Wenn er sie besitzt - nein ; aber wenn er diesen Besitz gesteht - ja . Doch wir beginnen bereits zu diplomatisiren , merke ich und ich wünschte , mit Ihnen in der That offen verkehren zu können . Es lag eine nicht zu verkennende Herzlichkeit in dem Tone des Polizeipräsidenten , so daß der Prinz nicht umhin konnte , ihm die Hand zu reichen . - Das können Sie - sagte er mit Wärme - indem er sich erhob . Arm in Arm verließen sie als wirkliche Freunde den Saal , in dem die Vorlesung bereits begonnen hatte . - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Man wird sich erinnern , daß später Herr v. M. - wie man sagte , wegen zu großer Popularität seines Postens enthoben und auf - Reisen geschickt wurde . - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Als sie die Linden hinabschritten , machte Herr v. M. den Prinzen auf die große Menge der nach der Versammlung unter den Zelten hin Ausströmenden aufmerksam . - Zwei Dritttheile von ihnen - sagte er - sind Neugierige , die mit demselben Interesse nach einer Menagerie wie nach einer Volksversammlung ziehen . Von dem übrig bleibenden Dritttheil derer , die aus wirklichem Interesse an der Sache theilnehmen , müssen wir mindestens ein neues Dritttheil Phantasten rechnen und ein anderes Dritttheil Unzufriedene aus Prinzip , oder Eigennützige , die aus Eitelkeit oder andern Motiven sich einen Namen erwerben wollen . Das letzte Dritttheil aber besteht aus Spionen und den wenigen ehrlichen und wirklich politischen Gebildeten . - - Was ist Ihnen , Prinz ? - wandte sich plötzlich Herr v. M. an diesen - Sie zittern . - Die Lippen des Prinzen zuckten convulsivisch , aber es drang kein Laut aus Ihnen hervor . Er deutete nur auf einen elegant gekleideten Mann vor ihnen , der mit einer an seinem Arm dahinschreitenden Dame in lebhaftem Gespräch begriffen war . Herr v. M. lächelte . Es ist der Chevalier St. Just - sagte er leise , wie zur Beruhigung des Prinzen . - Ich weiß es - flüsterte dieser - und die Dame ? - Die Dame - erwiederte Herr v. M. mit Unbefangenheit - ist eine gute Freundin von mir . Der Prinz athmete wieder auf : es war also nicht die Gräfin Bedford . - Eine gute Freundin des Polizeipräsidenten - meinte der Prinz , welcher sich zur Gleichgültigkeit zwang - in der That , ich hätte nicht gedacht , daß sogar Sie das allgemeine Schicksal theilten , betrogen zu werden . - Betrogen zu werden ? - wie so ? Weil meine gute Lucie mit dem Chevalier nach der Volksversammlung unter den Zelten geht ? Wahrlich , Sie haben recht , ich wäre nicht werth , Polizeipräsident zu sein , wenn meine Geliebte es wagen dürfte , mich auf offner Straße zu compromittiren . - Also wußten Sie um diesen Spaziergang ? - Er geschah auf meine ausdrückliche Bitte . - Ah so . Der Zweck ist also ein Staatsgeheimniß ? - Im Gegentheil : es geschah in Ihrem Interesse . - Sehr verbunden . Und Sie meinen , es wird Ihrer Freundin gelingen ? - Es ist bereits gelungen . Als wir sie passirten , hat sie mir den Stand der Dinge mitgetheilt . - Sie hat uns ja nicht bemerkt - sagte der Prinz , dessen Erstaunen wuchs . - Daß es Ihnen so schien , ist mir ein Beweis mehr für das Talent meiner Freundin . Doch ich vergaß , Sie zu fragen , ob Ihnen Baronin Alice über den Chevalier Mittheilungen gemacht ? - Ja , und wie mir dünkt , sehr wichtige . Erlauben Sie mir vorher eine Frage : Ist Ihnen der Name Gilbert bekannt ? - Gilbert ? - Gilbert ? sagte Herr v. M. mit bedächtigem Tone , als suche er in dem Schatze seiner polizeilichen Erinnerungen nach Etwas . - Ists mir doch , als hinge dieser Name mit einem gewissen Vorfall in Straßburg zusammen , der großes Aufsehen machte . Es handelte sich dabei um den Raub einer jungen Dame von hohem Adel , veranlaßt , wie man damals sagte , durch den Fürsten Lichninsky . Richtig , jetzt erinnere ich mich . Gilbert ist seit langer Zeit im Dienste des Fürsten und von diesem zu Mancherlei benutzt worden , zum Beispiel als Unterhändler bei der Herzogin Nagas und bei andern dergleichen Geschäften . Auch hier in Berlin hat er vor einigen Jahren eine Rolle gespielt . Er war es , welcher den famösen Perlhalsbandbetrug gegen die Solotänzerin Philippine durchführte , wegen dessen der Fürst von dem verstorbenen Könige aus Preußen verbannt wurde und nach Spanien ging . Gilbert ist von Geburt ein Deutscher , aus Wien , wenn ich nicht irre . Aus unbekannten Ursachen , das Gericht sagt : aus unglücklicher Liebe , ging er nach Frankreich und nannte sich nach seiner Mutter , welche eine Französin war , Gilbert . In Paris lernte er den Fürsten kennen , liirte und compromittirte sich mit ihm bei dem Straßburger Vorfall und wurde zu lebenslänglicher Galeerenarbeit verurtheilt . Er bewerkstelligte jedoch bald seine Flucht , trieb sich dann in Algier und Italien umher und kehrte unmittelbar vor der französischen Revolution nach Paris zurück . So weit reichen meine Berichte . Gestern ist mir dieser Name wieder hier in Berlin begegnet - bei welcher Gelegenheit , weiß ich mich nicht mehr