d ' Angleterre und bestelle das Zimmer Nr. 19. , oder wenn das besetzt sein sollte , Nr. 20. für mich « - befahl er . » Wenn es geschehen , so benachrichtige mich davon . « Nach diesen Worten sprang er schnell die Treppe hinauf . Fräulein Cornelia von Hohenhausen empfing ihn im höchsten Staate und mit aufrichtiger Freude , da sie in einen Gedanken alle die Verwicklungen und Verwirrungen zusammenfaßte , welche das Erscheinen des Barons hervorbringen konnten . » Ich habe eben eine heftige Philippika gegen Sie gehalten , mein Verehrtester . Sie werden sich über die verlegenen und erstaunten Visagen wundern , die Ihnen sogleich entgegen treten werden . « Sie wandte sich an die Gesellschaft . » Erlauben Sie , daß ich Ihnen einen meiner ältesten und vertrautesten Freunde vorstelle . Es ist der Baron von Landsfeld . « In der That malte sich ein allgemeines Erstaunen in den Gesichtern . » Wie falsch ! « - » Diese Heuchelei übersteigt allen Glauben . « So flüsterte man einander zu , denn bei einem Gespräch , dessen Gegenstand Landsfeld gewesen war , hatte Niemand mehr Böses von ihm zu sagen gewußt , als gerade Cornelia . Der sogenannte Salon , in den Landsfeld hiermit wieder eingeführt war , bestand aus zwei aneinanderstoßenden elegant möblirten Zimmern , von denen das erstere größere durch ein Paar schöne Astrallampen sehr hell erleuchtet war , während das zweite vermittelst einer rothen Ampel in ein magisches Halbdunkel versetzt wurde . In Beiden hatten lebhafte Conversationen stattgefunden , die durch das Erscheinen des Barons ein paar Minuten unterbrochen , aber nicht gestört wurden . Landsfeld warf einen raschen Blick über die Gesellschaft und wandte sich dann an eine Gruppe , aus jüngeren und älteren Männern bestehend , die sich um den Ofen postirt hatten . » Und worin finden Sie die Unsittlichkeit , ich bitte Sie ? Etwa darin , daß sie die Ehe nur als etwas Aeußerliches betrachtet , da sie einmal officiell dazu gezwungen ist ? « - sagte ein Mann von etwa 35 Jahren mit interessanten , aber verlebten Zügen . » Gewiß « - antwortete sein Gegner , in dem Landsfeld seinen Freund Schattenfrey erkannte . » Ist nicht ein solches Verhältniß , bei dem der Mann nur eine Nebenrolle spielen darf , ein durchaus widerwärtiges und unästhetisches . Eben weil es unästhetisch ist , finde ich es unsittlich . Denn die Sittlichkeit des Weibes liegt mit in seiner Grazie . Verletzt es diese , so hilft ihm alle Keuschheit Nichts , bewahrt es sie , so kann es sich gar Manches erlauben , was man ihm fast mißdeuten würde . « » Unter der Bedingung , daß sie nach ihrem Instinkt handelt und in ihrer Empfindung Wahrheit ist « - fügte Landsfeld hinzu . » So wäre Ihr Ideal etwa eine Isabella oder Lola ? « - fragte Jener . » Ob das mein Ideal wäre , ist gleichgültig « - sagte Landsfeld kalt . » Aber für sittlicher , als manche andere , über sie die Nase rümpfende , halte ich die Beiden allerdings . Ich möchte noch mehr behaupten « - fuhr er , seine Stimme erhebend , fort . - Denn er hatte in einer Fensternische des halb dunklen Nebenzimmers zwei Gestalten bemerkt , deren eine er als Cornelia erkannte , während die andere große Aehnlichkeit mit Berger zu haben schien . » Alle Gegensätze sind reiner und tadelloser , als die sogenannten Mittelstraßen , mit denen sich nur die Dummen oder die Heuchler begnügen können . So ist ' s beim Mann , so beim Weibe . Sich von solcher Halbheit zu emanzipiren , gleichviel in welches Extrem man dabei geht , darin besteht die wahre Emanzipation . Vergleichen wir zum Beispiel einen durchaus ehrenfesten Mann , der in seiner Ehrenhaftigkeit ehrlich und vor allen Dingen konsequent ist , mit seinem Gegensatz , einem Menschen , der die Ehre für ein bloßes Vorurtheil hält und nun aus Prinzip in seiner Unehrenhaftigkeit eben so ehrlich und konsequent ist , wie Jener in seiner Ehrenhaftigkeit , so sagt mir das Letztere doch nimmer noch mehr zu , als ein Mensch , der zur konsequenten Ehrlichkeit sowohl , so wie zur konsequenten Unehrlichkeit zu feig ist . Nichts ist erbärmlicher , als ein Mann , der von Gewissensbissen geplagt wird . Was sagen Sie dazu , Cornelia ? « - Die Letztere war eben , durch den lauten Ton Landsfelds aufmerksam gemacht , aus der Fensternische , in der sie mit Berger gestanden , hervorgetreten . » Sie wissen , theurer Freund , daß wir in allen Dingen sympathisiren . « - Sie lachte . Landsfeld ebenfalls und fuhr fort : » In der weiblichen Natur findet dasselbe Verhältniß statt . « » Wollen Sie dies Verhältniß nicht durchführen ? « - bemerkte die Sängerin G----z , eine feine Kokette , welche sehr glänzendes schwarzes Haar , sehr glänzende Augen , sehr schwellende Lippen und einen sehr schönen Wuchs hatte . » Von Herzen gern . Nur müssen Sie mir eine böse Angewohnheit zu gute halten , die nämlich , daß ich zuweilen stark individualisire . « » So wird Ihre Vergleichung desto pikanter werden « - erwiederte sie muthig . Landsfeld lächelte . » Es giebt manche Frauen , bei deren erstem Anblick man bewundernd ausruft : Es giebt nichts Schöneres , nichts Verführerisches . Aber eine Schönheit , die verführt , ist keine reine , ist eine Unnatur . Es liegt allerdings etwas Dämonisches , darum Unwiderstehliches in diesem prunklosen Glanz , in dieser flammenden , eleganten Einfachheit , in dieser frivolen Bescheidenheit und raffinirten Unschuld . Eine simple jugendliche Landdirne , deren Herz jungfräulich ist , und deren Gedanken keusch sind - und eine Priesterin der modernen Mylitta mit unverhülltem Busen und kurzem Rock - . Das sind Extreme , es ist wahr ; aber jede zeigt wenigstens , was sie ist , sie verheimlichen nichts , die Eine , weil sie nichts zu verheimlichen hat , die Andere , weil sie nichts verheimlichen will . Denn auch das Verbrechen hat seinen Stolz . Es ist Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit in Beiden . Engel und Teufel . Gut , aber wenn der Teufel - um christlich zu reden - seinen Huf und Schweif nicht in moderne Pantalons und Fracks verbirgt , sondern offen zur Schau trägt , so ist er ohne Gefahr , sollte man meinen . - Wenn nun aber das Aeußere nicht der Spiegel des Innern ist , wenn sich unter dem harmlosen lieblichen Bilde einer züchtigen Jungfräulichkeit die Verderbniß des Innern versteckt , wenn fromme Tauben-Augen Mühe haben , die unreine Begierde nicht in einem unvorsichtigen Strahl zu verrathen « - die Sängerin schlug vor dem Blicke Landsfelds die ihrigen zu Boden - » wo zarten frischen Lilienwangen die Vorstellung einer unkeuschen Umarmung zu einer reizenden Schamröthe verhelfen muß « - die Sängerin erröthete - » und auf dem rosigen Munde nur der Gedanke eines buhlerischen Kusses ein bezauberndes Lächeln hervorruft - das Herz aber kalt ist und besudelt - - ein Engel von Außen , ein Teufel von Innen ; und zwar ein Teufel unter der Hülle eines sanften fühlenden Kindes - - - - entschuldigen Sie , ich bin aus der Konstruktion gefallen , und schließe daher mit folgender Definition « - fügte er , seinen pathetischen Ton plötzlich in den gewöhnlichsten Conversationston umwandelnd , hinzu - : » Ein kokettes Weib , das seine Kunst versteht , ist weich anzufühlen wie eine Katze , die die Klauen einzieht , wenn man sie streichelt , aber nach Blut lechzt , wenn sie kosend zu schnurren scheint . « Landsfeld hatte durch diese Standrede sich vielleicht ein Paar Feinde mehr in der Welt erworben , aber er machte sich nichts daraus . Indessen war eine dampfende Bowle aufgetragen worden . Man sammelte sich um den ovalen Mahagonytisch , der vor dem mit dunkelgrünem Sammet überzogenen geschmackvollen Rockokosopha stand . In diesem Augenblicke wurde Landsfeld abgerufen . Es war Carl , der ihn von der Ausrichtung seines Auftrags unterrichten wollte . Als Carl ihm referirte , daß Nr. 19. schon bestellt gewesen sei , sagte Landsfeld zu sich : » Ich dachte es mir wohl , - aber Nr. 20. « - » Ist für Sie reservirt . « - Als der Baron wieder eintrat , war bereits die ganze Gesellschaft um den Tisch versammelt . Auch Berger hatte seine Fensternische verlassen , und neben Alicen Platz genommen . Der junge Musiker sah geisterhaft bleich aus . Seine frühere Frische der Farbe und jugendliche Fülle war fast ganz verschwunden . Landsfeld machte ihnen , als er bei ihren Plätzen vorbeikam , eine höfliche Verbeugung , die von Seiten Alicens durch ein unbefangen freundliches Nicken , von Seiten Bergers durch eine halb verlegene , halb zornige Wendung des Kopfes erwiedert wurde . Er rückte sich einen Stuhl neben das Sopha , dessen Ecke die Sängerin eingenommen hatte , weil es ihm stets großes Vergnügen machte , grade Diejenigen , welche er kurz zuvor absichtlich auf ' s tiefste gekränkt und gedemüthigt , mit der zuvorkommendsten Artigkeit zu behandeln , um sich an ihrer Verlegenheit zu weiden . Zugleich bot ihm dieser Platz den Vortheil dar , daß er das Gespräch zwischen Berger und Alicen , von denen er absichtlich halb abgewendet saß , hören konnte . » Herr Assessor Tieftrunk ist , wie ich mit Bedauern bemerkt habe , heute nicht hier « - sagte er mit einschmeichelndem Tone . » Oder kommt er vielleicht noch später ? « » Das kann ich Ihnen nicht sagen , « - erwiederte sie kalt , aber freundlich . - » Ich glaube jedoch nicht . « » Darf ich in diesem Falle um die Erlaubniß bitten , Sie nach Hause zu geleiten ? « fragte er mit Herzlichkeit . Sie erröthete . » Sie sind zu gütig , Herr Baron . Ich habe mich bereits versagt . « Fast hätte sie hinzugesetzt » leider , « aber ein halber Blick auf Berger setzte ohnehin den Baron sogleich von der Lage der Sache in Kenntniß . Er beschloß einen neuen Sieg über seinen ehemaligen Gegner zu feiern . Doch gab es noch einen andern tiefer liegenden Grund , welcher ihn dazu bestimmte . Es hätte ihm in jedem andern Falle völlig gleichgültig sein können , ob Berger der Günstling dieser ihm gänzlich indifferenten Dame sei oder nicht . Aber daß Jener sie gerade heute nach Hause begleiten wollte , kam ihm deshalb höchst ungelegen ; weil er darauf gerechnet hatte , heute Nacht den Plan , welchen Berger , wie er überzeugt war , mit Alicen gegen ihn oder Lydia angesponnen , zu ergründen . Aus früherer Zeit wußte er nämlich , daß Alice nach dem Schluß des Salons selten noch nach ihrer weitgelegenen Wohnung sich begab , sondern es vorzog , die Nacht in einem Zimmer des nächsten Gasthofs zuzubringen . Sie hatte zu diesem Zweck die Einrichtung getroffen , daß ihr an den Salontagen stets ein bestimmtes Zimmer - es war Nr. 19. - reservirt wurde . Landsfeld war diese Einrichtung sehr wohl bekannt , aber er war ungewiß , ob es jetzt noch dasselbe Zimmer sei . Deshalb gab er seinem Bedienten den Auftrag , gerade dies Zimmer für ihn zu bestellen und , im Falle es besetzt sei , das Nebenzimmer , aus dem , da es nur durch eine dünne Bretterwand von jenem geschieden war , man sehr deutlich verstehen konnte , was im erstern vorging und gesprochen wurde . Wenn nun aber Berger nicht Alicen begleitete , sondern die Sängerin , so war sein Plan vereitelt . Er mußte also vor allen Dingen dahin zu wirken suchen , daß die Sängerin Bergers Begleitung ausschlug . » Sie werden mich für verwegen halten « - fuhr er mit leiser Stimme , aber mit einer Intensität im Tone , die ihre Wirkung auf das erregbare Temperament der schönen Sängerin nicht verfehlte , fort , indem er seine Hand , an der ein feuriger Rubin strahlte , auf die Sophalehne legte - » wenn ich dennoch die Ueberzeugung ausspreche , daß Sie mich zu Ihrem Begleiter erwählen werden . « Es lag eine solche Sicherheit in dem , was er sagte , und zugleich eine solche Zartheit in dem , wie er es sagte , daß sie einen Augenblick in Verlegenheit gerieth . Vielleicht trug selbst der Umstand , daß er ihr zu trotzen gewagt , dazu bei , ihm seinen Sieg zu erleichtern . Eben öffnete sie die Lippen , um ihm zu antworten , als Alice , ihr bis zum Rande gefülltes Glas erhebend , die Gesellschaft folgendermaßen anredete : » Meine Herren und Damen ! Es ist so vielfältig und auch heute in unserm Kreise schon öfters von dem wahren Wesen der Frauen-Emanzipation gesprochen worden , ohne daß man , wie es mir schien , eigentlich darüber klar gewesen , weder wozu die Emanzipation diene , noch wozu man darüber spricht . Erlauben Sie mir hierbei die Bemerkung , daß gerade der männliche Theil der Gesellschaft sich diese Sache am meisten zu Herzen zu nehmen scheint , das heißt , am meisten darüber spricht , vielleicht weil er am wenigsten davon begreift . Mich will es bedünken , als müsse der Anfang zur wahren Emanzipation damit gemacht werden , daß man sich vom Hin- und Herreden darüber emanzipirt . Zwar hat auch die Emanzipation des Worts ihr Recht und man muß dafür kämpfen , ich gebe es zu , aber die wahre Emanzipation ist die Emanzipation der That . - Meine Herren und Damen ! Wir wollen keine Worthelden werden , hoffe ich ; geistreich zu sprechen und frei zu denken , ist ein Kinderspiel gegen geistreiches Handeln und freies Thun . Giebt es nicht Manche auch unter uns , die hinter dem freien Wort die praktische Impotenz verstecken ? Man schlage an seine Brust und frage sich , ob z.B. die Furcht vor der Polizei für uns Alle schon eine überwundene Kategorie ist ? Man schlage zerknirscht an seine Brust und bekehre sich . Ich aber erhebe mein Glas und rufe mit gutem Gewissen : Die Emanzipation der That soll leben ! « - Ein allgemeiner Jubel folgte diesen mit sanfter Stimme und jenem melancholischen Pathos , der Alice eigen war , vorgetragenen Worten . Nachdem der Sturm des Beifalls durch Leerung der Gläser etwas beschwichtigt war , fuhr sie in demselben Tone fort : » Ich hoffe , daß Sie mir nicht den Vorwurf machen werden , als sündige ich gegen mein eigenes Prinzip , indem ich jetzt doch über Emanzipation spreche . Es wäre eine Beleidigung , die ich nicht verdiene , denn ich habe , wie gesagt , ein gutes Gewissen . Meine Herren und Damen , ich glaube mir praktisch das Recht erworben zu haben , über Emanzipation zu sprechen . Oder sollte Jemand einen Zweifel dagegen erheben ? « - Sie sah mit wahrhaft königlichem Stolz umher . Eine feierlich komische Stille herrschte im ganzen Kreise . » Gut « - fuhr sie fort - » ich sehe , daß Sie mich kennen . Lassen Sie sich denn sagen , was ich über Emanzipation des Weibes denke . Meine Rede wird kurz , aber inhaltsreich sein : Des Weibes Glück ist die Liebe , Aber das Glück der Liebe ist die Freiheit ! Das ist mein Wahlspruch , meine ganze Philosophie . Es würde mir ein Vergnügen machen , diesen Satz zu vertheidigen , wenn sich ein Angreifer fände . « Sie setzte sich . Nach einigen Sekunden , während welcher die bisher beobachtete Stille nicht unterbrochen wurde , erhob sich jener Mann mit interessanten Zügen , in dessen Gespräch mit Schattenfrey sich Landsfeld gemischt hatte . Landsfeld konnte beim hellen Schein der Lampen die Züge dieses Mannes deutlicher beobachten . Es war in Gesicht , von dem man sagen konnte , daß jeder Zug ein Abschiedsbrief ehemaligen Glaubens und jede Miene ein Trauerflor gestorbener Hoffnungen war . » Wenn ich Sie recht verstehe , so wollen Sie sagen , daß das Weib nur wahrhaft lieben kann , wenn und in so fern es frei ist , und nur dann wahrhaft frei ist , wenn es liebt . « » Ja ; - doch unter der Bedingung , daß Sie unter der Freiheit nicht blos Freiheit , das heißt Unbeschränktheit in der Empfindung , sondern Freiheit überhaupt , sociale Freiheit begreifen . « » Was nennen Sie sociale Freiheit ? « Alice dachte einen Augenblick nach : » Freiheit der Individualität « - sagte sie endlich . » Vergessen Sie nicht , daß wir von der Emanzipation der Frauen sprechen . Aber selbst ganz im Allgemeinen genommen , läßt sich diese Erklärung rechtfertigen . - Das wahrhaft Menschliche muß überall triumphiren . Daß es nicht so ist ' liegt in der Verkehrtheit unserer socialen Verhältnisse . « » Vielleicht läßt sich jene Erklärung eben deshalb nicht auf Frauen-Emanzipation anwenden , weil sie zu allgemein ist . Denn mir scheint in der Forderung , die weibliche Individualität zu emanzipiren , ein Widerspruch zu liegen . « » So meinen Sie also , daß das Weib dazu verdammt ist , ewig in den Fesseln zu schmachten , die ihnen Willkühr und Herrschsucht der Männer angelegt . « » Nicht Herrschsucht der Männer , sondern die Natur « - erwiederte er ruhig . » Das sagen Sie , aber ich fordere einen Beweis . Ist das Weib etwa weniger Mensch als der Mann , bildet es etwa eine Zwischenstufe zwischen Mensch und Affe . Freilich , die Männer möchten es gern so darstellen . « » Der Mann hat seine Schranke , das Weib die seinige ; und in beiden Fällen führt die Natur den Beweis am deutlichsten beim Weibe . « » Oh , ich ahne , was Sie sagen wollen . Aber ich finde darin keinen Beweis . Denn daß diese Schranke überwunden werden kann , zeigen Beispiele genug . « » Alle Schranken können , wenn auch nicht überwunden , so doch durchbrochen werden , auch die Schranken der Natur . Aber zeigt sich der Barbar als ein Meister des Kunstwerks , wenn er es zerschlägt ? « » So beantworten Sie mir die Frage , woher es kommt , daß gerade die edelsten gebildetsten Frauen die sogenannte Pflicht des Weibes am meisten vernachlässigen ? Nach ihrer Ansicht wäre ein recht kräftiges Landmädchen , wenn es die Pflichten der Gattin und Mutter nur recht treu erfüllte , und den Kochlöffel und das Waschfaß zu regieren verstände , das höchste Ideal eines Weibes . Ich wünsche aufrichtig , daß dies Ihr Ideal Ihnen bald verwirklicht werde . « Ein allgemeines Gelächter belohnte sie für die argumentatio ad hominem , welche ihr einen vollkommenen Sieg errungen hatte . Denn Frauen können im Streite mit Männern nur dann siegen , wenn sie entweder auf ihr » Gefühl « sich berufen oder aber , wenn sie hierzu zu stolz sind , ihren Gegner lächerlich machen . Das Letztere ist jedenfalls das Sicherste , weil diese Waffe nicht gut gegen sie selbst gekehrt werden kann . Alice hatte ihren Gegner allerdings zum Schweigen gebracht ; aber ein kaltes , bitteres Lächeln , woraus neben dem Bewußtsein seiner Ueberlegenheit noch die Ironie über die Art seiner Niederlage hervorleuchtete , schwebte auf seinen Lippen , als er , sich tief verbeugend , sprach : » Ich erkenne mich für überwunden . « » So werde ich Ihren Kampf fortsetzen « - sagte plötzlich Landsfeld , der , bisher mit der schönen Sängerin beschäftigt , der Unterhaltung gar keine Aufmerksamkeit gewidmet zu haben schien . » Und ich den Ihrigen « - nahm Berger , zu Alicen gewendet , das Wort . » Dann muß ich meinen Vorsatz aufgeben , denn mit ungleichen Waffen schlage ich mich nicht mehr « - erwiederte Landsfeld kalt . Berger erblaßte . » Wie verstehen Sie das , Herr Baron ? « fragte er in leidenschaftlicher Aufregung ? » Ich fürchte einen Kampf mit Ihnen . « - Er lächelte zweideutig . » Sie müssen das aus Erfahrung wissen . Ich bitte Sie , mich zu schonen , schon aus Gegengefälligkeit . « Berger schwieg , aber die ohnmächtige Wuth , welche , im Gegensatz zu Landsfelds kalter Ruhe , aus seinem krampfhaft verzogenen Gesicht sprach , hatte die ganze Gesellschaft hinlänglich über die tiefe Feindschaft , welche zwischen diesen beiden Männern herrschte , aufgeklärt , und eine allgemeine Verstimmung hervorgebracht . Man theilte sich wieder in Gruppen . » Sie sind ein fürchterlicher Mensch « - sagte die Sängerin , welche mit Erstaunen diesem kurzen Wortwechsel zugehört . » Was hat Ihnen der arme Mensch gethan , daß Sie ihn so demüthigen ? « » Er hat es gewagt « erwiederte Landsfeld ausweichend , mit verführerischem Lächeln ihre Hand küssend - » seine Blicke auf Sie zu werfen . Das verdient noch weit härtere Züchtigung . « » Sie sind ein Heuchler « - sagte sie halb zornig , halb geschmeichelt . Berger war wieder zu Cornelien getreten . » Still « - sagte diese - » wir sprechen darüber weiter . Wollen Sie sie wirklich noch nach Hause begleiten ? « » Ich weiß es nicht . Es ist ein göttliches Weib . - Aber dieser Mensch , ist er nicht mein böser Genius ? Tritt er mir nicht überall in den Weg , wo ich im Begriff bin , mein Ziel zu erreichen ? Auch Alice « - » Lassen wir das ruhen . Sie wissen , daß ich ihn Ihretwegen hasse , mehr als je . - Wann werden Sie zurück sein ? « » Kann man das Glück nach Minuten berechnen ? Ich weiß es nicht . « » Wenn Laura nun aber ihre Meinung geändert hätte ? Wenn Landsfeld - « fragte sie leise . » So ermorde ich ihn in ihren Armen , « sagte er flüsternd , aber vor Wuth zitternd . » Das werden Sie nicht thun . Auch hülfe es uns nichts . Kennen Sie keine süßere Rache ? denken Sie an Lydia ? « - » Sie haben Recht . Ich werde mich bezwingen . - Betrachten Sie diese Koketterie , diese lüsternen Blicke « - fuhr er fort , mit dem Blicke auf Landsfeld deutend , der zwei Schritte weit von ihnen sich auf die Lehne des Sessels stützte , worauf Laura in verführerischer Stellung saß . » Jetzt ist der Augenblick gekommen « - flüsterte Landsfeld , indem er von ihrem Stuhle zurücktrat und sich zu einer andern Gruppe gesellte , die das Gespräch über Emanzipation fortsetzte , theils die Ansicht Alicens , theils die ihres Gegners vertheidigte . Die Sängerin wandte ihren schönen Kopf nach Berger um und winkte ihn zu sich . Er setzte sich neben sie . » Sie werden böse sein , Arthur « - sagte sie leise - » aber ich fordere vor Allem Vertrauen von Ihnen . « - Er schwieg . » Sie können mich heute nicht begleiten , « - fuhr sie , durch sein Schweigen in Verlegenheit und durch diese Verlegenheit in Zorn gesetzt , fort . Er wollte aufstehen . » Bleiben Sie . Sein Sie kein Thor , Berger . Ich habe wirklich einen triftigen Grund , den ich Ihnen morgen mittheilen werde . « » Ich zweifle nicht an der Triftigkeit Ihrer Gründe « - sagte er bitter . » Laura « - fuhr er nach einer Pause , seinen Ton verändernd , fort - » seien Sie barmherzig , haben Sie Mitleid mit mir ! Sie werden mich zur Raserei bringen . « Sie zog den Shawl , der ihr von den Schultern gefallen war , fest zusammen . » Es hilft Ihnen nichts « - flüsterte Berger , der diese unwillkührliche Bewegung verstand . - » Ein Blick aus Ihrem Auge ist hinreichend , um mich in eine Hölle von Sehnsucht und Verlangen zu stürzen . « Er ergriff ihre Hand . » Laura , wollen Sie mich in dieser Hölle lassen ? Sprechen Sie ! « - Seine Stimme zitterte . - Sie schwankte einen Augenblick , aber ein ironisches Lächeln , das sie auf den Lippen Landsfelds , welcher , von Berger ungesehen , keinen Blick von ihr verwandte , sich zusammenziehen sah , machte ihrem Schwanken schnell ein Ende . Sie erröthete über ihre Schwäche . » Es kann nicht sein , Arthur , wirklich nicht . - Glaubst Du denn , daß es mich keine Ueberwindung kostet , zu entsagen ? « Berger ließ in tiefer Muthlosigkeit den Kopf sinken . » Wohl « - sagte er , wie zu sich selbst sprechend - » es wäre auch zu viel Seligkeit gewesen . Ein Wahnsinniger nur konnte das für möglich halten . « Sie hatte wirkliches Mitleid mit ihm , aber die Wurzeln , welche das Mitleid in ihr trieb , verdrängten die , welche die Leidenschaft für den jungen Mann darin geschlagen hatten . Jetzt hatte sie nur noch ein Gefühl von peinlicher Befangenheit , und den Wunsch , dieser unangenehmen Scene bald ein Ende zu machen . Landsfeld ahnte ihre Stimmung . Mit großer Leichtigkeit und liebenswürdiger Courtoisie trat er heran und bot ihr seinen Arm . » Wenn ' s Ihnen jetzt gefällig ist , mein Fräulein , so gehen wir « - sagte er , ohne Berger eines Blickes zu würdigen . » Gern , lieber Baron . Ich werde mich sogleich fertig machen . « Sie stand auf und begab sich in das Nebenzimmer . Cornelia nahm ihre Stelle ein . » Nun , habe ich Recht gehabt ? « fragte sie leise . Berger saß noch immer in der zusammengeknickten Stellung , als hätte er die Entfernung Laura ' s gar nicht bemerkt . Durch den Ton Corneliens aufgeschreckt , blickte er sie plötzlich wild an , und flüsterte ihr in ' s Ohr : » Und ich darf ihn wirklich nicht ermorden ? « » Und Lydia ? « - fragte sie in derselben Weise . » Sie haben Recht ! « er stand auf und wollte forteilen , als Alice auf ihn zutrat mit der Frage , ob er sie begleiten wolle . » Ich habe Dir etwas Wichtiges mitzutheilen « - sagte sie . Er zeigte sich bereit . » So komm ! « In wenigen Minuten hatte die ganze Gesellschaft den Salon verlassen , um sich nach Hause zu begeben . Achtes Kapitel In einem kleinen , aber mit orientalischer Pracht ausgestatteten Zimmer finden wir nach einer Stunde Landsfeld wieder . Er saß auf einem niedrigen Divan , an der Seite Laura ' s , die in reizendem , aber ziemlich ungeordneten Negligée darauf ausgestreckt lag , und spielte mit ihren seidenen Locken . Ihr voller und blendend weißer Arm ruhte unter ihrem Haupte , das in träumerischem Ermatten zurückgesunken war . » Sie sind schläfrig , Laura « - sagte Landsfeld . - » Es wird Zeit sein , daß ich Sie verlasse . « Sie öffnete die halbgeschlossenen Augen und lächelte . » Noch einen Kuß , mein Geliebter « - sagte sie leise , ihren linken Arm um seinen Hals legend . Er bog sich zu ihr nieder und küßte sie . » Dein Athem ist glühend wie das Wehen des Sirokko , Geliebter , « sagte sie , indem ein neuer Wonneschauer durch ihren Körper bebte . Er sprang empor und warf den Mantel um sich . Sie richtete sich ebenfalls auf . » Sagen Sie mir nur noch Eins , Baron . - Aber die Wahrheit . Trieb Sie nur die Lust dazu , über Berger einen Sieg davon zu tragen , daß Sie mir Ihre Begleitung anboten ? « - Sie sah mit ihrem großen Auge tief in das seinige . Nach einer Pause erwiederte er : » Ich will aufrichtig sein , Laura . Anfangs allerdings . Aber es war nicht der einzige Grund . Ich hatte Sie gekränkt , absichtlich gekränkt , und dazu hatte ich kein Recht . Deshalb näherte ich mich Ihnen . Später aber war es weder das Erste , noch das Zweite , sondern Etwas , was ich seit langer Zeit nicht mehr gekannt : Wärme der Empfindung . Ich bin Ihnen dankbar dafür , Laura , daß Sie mich wieder mit der Liebe versöhnt haben . « Sie lächelte . » Es ist gut , daß Sie aufrichtig waren . Mehr hiefür , als für die Wärme , als deren Urheberin Sie mich darstellen wollen , will auch ich mich dankbar erweisen . « - Mit geheimnißvoller Stimme fuhr sie fort : » Nehmen Sie Lydia in Acht ! « Er erschrak . Wie kam dieser Name in dieses Zimmer ? » Es ist etwas im Werke gegen sie . « - » Wer ? « - Seine Stimme bebte , als er dies Wort sprach . » Berger ! und noch Jemand , den ich nicht kenne . « Landsfeld sann einen Augenblick nach . Dann küßte er herzlich ihre Hand und sagte mit einer Innigkeit , zu der ihn die schöne Sängerin durch ihre süßesten Liebkosungen nicht hatte bringen können : » Das vergesse ich Ihnen nie , Laura . - Leben Sie wohl . « Sinnend ruhte ihr Blick noch einige Minuten auf der Stelle , wo er gestanden . » Ich möchte das Mädchen kennen lernen , das einen solchen Mann so erfüllen kann « - sagte sie halblaut , indem sie aufstand , um sich zur Ruhe zu begeben . Landsfeld eilte nach dem Gasthofe . » Wenn es nur nicht zu spät sein wird « - dachte er . » Sollte Alice wirklich so niedrige Gesinnung haben ? Ich kann es nicht glauben . So wenig Herz sie hat , so viel Edelmuth und hohen Sinn traue ich ihr zu . - Aber wer