, meist schon herabgebrannte Stümpfchen , erleuchteten sie spärlich . Branntweindunst , der Qualm aus vielen Tabakspfeifen und das Athmen vieler Männer verdichteten die Luft in dieser Stube so , daß es den darin Versammelten unmöglich war , einander in größerer Entfernung , als der von ein paar Schritten , zu erkennen . An zwei Tischen saßen Einige dieser Männer in zerlumpten Kleidern mit theils bleichen , theils vom Trunk glühenden Gesichtern , und spielten mit beschmuzten Karten , auf denen man kaum noch die Figuren unterscheiden konnte , Schafkopf und Solo . In ihren Augen las man theils ängstliche Spannung , theils verzweifelnde Gleichgültigkeit , theils den Ausdruck thierischen Abgestumpftseins gegen Alles , theils endlich eine halb wahnwitzige Lustigkeit , welche in ihren lärmenden Aeußerungen selbst auf die meisten Andern der Anwesenden einen widerwärtigen Eindruck machte . Die Aeltesten unter diesen Spielern waren die rohesten , so auch unter denen , welche trinkend , fluchend und schimpfend den übrigen Raum füllten . Nur wenige der jüngern Fabrikarbeiter befanden sich unter dieser Gesellschaft , aber diesen Wenigen sah man es an , daß sie zu den Verworfensten und Liederlichsten gehörten . Die Meisten der jungen Fabrikarbeiter waren in einer andern Stube versammelt , deren Anblick in der That nicht im Entferntesten den widerlichen Eindruck machte , wie jene . Diese jungen Leute trugen zwar auch wenig bessere Kleidungsstücke , als die alten , aber sie waren meist reinlicher , und zum Wenigsten alle mit einiger Sorgfalt angelegt . Ihr Haar war glatt gekämmt und unverwildert . Vor ihnen standen Gläser mit Vier , daneben lagen die kleinen Pfeifen , welche wenigstens jetzt nicht brannten . Kein Glas Branntwein , keine Karte war in dieser Stube zu sehen . Sie saßen Alle an einer langen Tafel auf hölzernen Bänken sich gegenüber , und sangen . Franz Thalheim und Wilhelm Bürger saßen obenan - sie waren Vorsänger . Diese beiden jungen Arbeiter waren innige Freunde und hatten gemeinsam endlich die Einrichtung zu Stande gebracht , von welcher wir jetzt Zeuge sind . Sie hatten die sämmtlichen unverheiratheten Arbeiter aufgefordert , mit ihnen zu einem Verein zusammen zu treten , dessen hauptsächlichste Regeln waren : Keine Karten anzurühren . Keinen Branntwein zu trinken . Keine Schulden in der Schenke zu machen . Sich von dem Fabrikherrn niemals Arbeitslohn voraus bezahlen zu lassen . Dies war der negative Zweck dieses Vereins . Er hatte aber auch einen positiven . Die Arbeiter hatten eine gemeinschaftliche Kasse , in welche jedes Mitglied wöchentlich eine Kleinigkeit beisteuerte . Aus dieser Kasse bezahlte man an den Schenkwirth , bei dem man Sonntags und Mittwochs Abends zusammenkam , das Bier gemeinschaftlich . Auch bezahlte man davon die Noten- , Sing- und Lesebücher , welche sich der Verein anschasste , um gemeinschaftlich zu singen und zu lesen . In dieser Kasse hielt man immer auf einen kleinen Fonds , von welchem man auch , wenn eines der Mitglieder krank ward , dasselbe unterstützen konnte . Diese Einrichtung war nicht ohne die heilsamsten Folgen für die Linderung der äußern Noth , und die Erhebung und Veredlung des Innern für Alle , welche ihr angehörten , deshalb war ihr nicht einmal der Fabrikherr entgegen , obwohl es ihm ziemlich einerlei war , wie es um die Moral seiner Arbeiter stand , und wiewohl ihm die Bedingung : » Sich von dem Fabrikherrn niemals Arbeitslohn vorausbezahlen zu lassen « ziemlich verdrießlich war , denn wenn dies die Arbeiter thaten , konnte er dann ihre Arbeit leicht zu einem geringen Preis erhalten , und hatte dadurch die Leute ganz in seiner Gewalt . Dies eben hatten die Arbeiter nur zu oft schon erfahren müssen , und suchten daher , eh ' sie noch ferner zu diesem äußersten Mittel griffen , lieber , wenn sich ein Mitglied durch irgend einen Unglücksfall in dringender Noth befand , durch die gemeinschaftliche Kasse zu helfen , und wenn es auch oft nur in der Art eines Darlehns geschehen konnte . Zum Kassirer war Wilhelm Bürger erwählt worden . Er saß jetzt obenan . Es war ein junger Mann , der einige Jahr über zwanzig zählen mogte . Seine Figur war klein und gedrungen , von kräftigem Gliederbau . Er hatte kraußes , schwarzes Haar , dunkle Augen und eine frische , gesunde Gesichtsfarbe . Er trug eine Art Blouse von grau und schwarz melirter Wolle , eben solche Beinkleider , und ein roth und gelb gewürfeltes Tuch um den Hals geknüpft , daß zwei ziemlich lange Enden davon herabhingen . » Ich dächte , drüben in der großen Wirthsstube ginge es recht laut zu ? Da sind wohl schon wieder Einige trunken ? « sagte Wilhelm , als der Gesang , welchen man soeben gesungen hatte , zu Ende war , und eine augenblickliche Stille herrschte , in welche plötzlich lautes Geschrei , wie von rohem Gezänk vieler Stimmen , herein schallte . » Viele sind ja den ganzen Sonntag betrunken , « erwiderte einer der andern jungen Arbeiter . » Da kann es wohl bald zu einer Prügelei kommen . « » Ich höre August ' s Stimme , « sagte wieder ein Andrer . » Der Junge sollte sich schämen , läßt sich da mit verführen von den Alten - nun die alten Arbeiter sind einmal von Jugend an den Branntwein gewohnt , können einmal nicht anders leben , Vielen thut er gar Nichts mehr - da mag es schon sein , aber der August sollte sich doch schämen . « » Ja , er lacht uns nur immer aus , « versetzte ein Dritter . » Mich sollt ' s aber freuen , wenn ihn die alten Kerle drinnen einmal recht durchhieben . « » Hätte es wohl verdient , « sagte Franz Thalheim , » aber daß eine große Prügelei wird , wollen wir doch nicht wünschen , da heißt es dann gleich in der Fabrik , es sei großes Unrecht geschehen und ein Exceß verübt worden , daß dabei die Unschuldigen mit den Schuldigen leiden müssen . « Der Lärm , der hereinschallte , ward immer größer . » Nun , wenn ' s was Ernstliches giebt , muß ich auch mit dabei sein ! « riefen Einige der jungen Arbeiter , und sprangen hinaus . » Mengt Euch doch lieber nicht hinein , und bleibt ! « riefen Andre . Aber es war schon zu spät , Viele waren trotz der Warnung hinausgeeilt . » Paß Du doch auf , daß sie keine dummen Streiche machen , « sagten Einige zu Franz . » Du hast ja schon manchmal gewußt , sie von Prügeleien und unvorsichtigem Gelärm zurückzuhalten . « Franz trat in den Hausflur . Die Thüre , welche derjenigen gerade entgegengesetzt war , aus welcher er kam , führte in die große Wirthsstube , in welcher die älteren Fabrikarbeiter zechten und spielten . Diese Thüre war jetzt weit aufgerissen , und Viele Derer , welche vorhin in dieser Stube saßen , hatten sich dazwischen gedrängt . Im Hausflur wand sich ein junger Bursche - es war der vorerwähnte August - unter den derben Fäusten von einigen der älteren Arbeiter , deren Kräfte durch die Wuth verdoppelt erschienen , und deren Wuth durch die Trunkenheit verdreifacht war . Die entsetzlichsten Flüche und Schimpfworte sandte man von allen Seiten auf ihn . » Was hat denn der August gethan ? « fragte Franz die Umstehenden . » Falsch gespielt ! - Er hat dem alten Böttcher den letzten Dreier auch noch abgewonnen . Er hat uns Alle um ' s Geld betrogen - uns , wo zu Hause Frau und Kinder fast erfrieren und verhungern - uns hat er das Letzte abgewonnen - ist erst zwanzig Jahr , und doch so ein Gauner ! « So riefen viele Stimmen zugleich , und grobe Schimpfreden hallten immer dazwischen . » Nun aber die Prügelei hilft Euch doch zu Nichts - spielt nicht wieder mit ihm , seht ihn nicht mehr an , da wird er schon bestraft sein , « redete Franz zur Sühne . » Können wir uns jetzt anders rächen , als wenn wir ihn zu Schanden treten ? « rief Einer der Wüthendsten . » Sollen wir ihn etwa verklagen und einstecken lassen , daß wir dann wochenlang umsonst arbeiten können , weil man uns die Gerichtskosten vom Lohne abziehen würde ? « » Franz , Franz ! « schrie der unglückliche August , welchen eine starke Faust an den Haaren gefaßt hielt und zur Erde auf die Steintafeln drückte , während ein Anderer einen Fuß , den ein schwerer mit Nägeln beschlagener Stiefel bekleidete , auf seinen Rücken setzte . - » Franz , ich habe schon Alles wieder herausgegeben - Du bist ja sonst menschlich und gerecht ! Laß es nicht zu , daß sie mich todtschlagen ! « » Wir wollen ihn hinauswerfen , « sagte Franz . » Da seid Ihr ihn los , und Euer Aerger hat ein Ende , denn er kommt gewiß nicht wieder - das Geld hat er Euch doch herausgegeben ? « » Ja , das haben sie ihm alles wieder abgenommen , und sein eignes dazu , « schrieen Einige , welche gemäßigte Zuschauer abgegeben hatten . » Nun , « sagte Franz , » so wollen wir ihn hinauswerfen , « und mit Riesenkraft schob er den Fuß des Einen von Augusts Schultern , und unwillkührlich ließ der Andere , welcher sein Haar gefaßt hielt , los , und Franz schleppte nun mit einem raschen Griff den Geschlagenen vor die Hausthüre und rief : » Nun lauf , wenn Du noch laufen kannst ! « August lief wirklich . Einige der Arbeiter sprangen ihm nach , Andere schimpften wenigstens hinter ihm her . In diesem Augenblicke hörte Franz eine zarte , schluchzende Stimme rufen : » Helft mir ! Erbarmen , wenn ich noch unter Menschen bin ! « Franz kannte diese Stimme , er kannte auch diese Worte , welche er voll desselben entsetzlichen Vorwurfes schon einmal vernommen hatte . Wie ein zweischneidiger Dolch drangen sie wieder in sein Herz , aber wie ein Dolch , welchen eine reine Kinderhand führt , ohne zu ahnen , wie schwer sie verwunden kann . Er kannte diese Stimme , und sprang in demselben Moment dahin , woher er sie kommen hörte . Es war dunkel . Er sah nur eine kleine weibliche , zitternde Gestalt neben einem taumelnden Mann , welcher ihren Schleier mit der einen Hand wegzog , und mit der andern ihren Arm hielt - dabei lachte er , und führte unanständige Reden . Aber mit starkem Arm schleuderte ihn Franz auf die Seite , daß er taumelnd zu Boden fiel . Pauline athmete auf - aber sie fürchtete auch den Befreier , und begann zu laufen . » Gehen Sie lieber langsam , « sagte Franz . » Ich bin es , Franz Thalheim , ich werde Sie sicher bis in Ihr Haus begleiten , gehen Sie nicht schneller , als gewöhnlich , ich folge Ihnen , Sie haben Nichts zu fürchten . « Er sagte dies mit so schmerzlich bewegter Stimme , weil es ihm weh that , daß nun Pauline vor jedem Fabrikarbeiter fliehen werde , da sich Einer erlaubt hatte , ihr roh zu begegnen - und Pauline errieth an dieser wehmüthigen Stimme , was in ihm vorging , und noch an allen Gliedern zitternd , blieb sie stehen , gab ihm ihre Hand , und sagte unendlich mild : » Ich danke Ihnen , ich bin so erschrocken , daß ich kaum weiß , wie ich noch das kleine Stück bis nach Hause gehen soll - und Ihnen meinen Dank ganz auszudrücken , vermag ich jetzt auch noch nicht . « Sie ließ diese kleine Hand mit dem weichen , gefütterten Handschuh in seiner groben Hand , welche nur leise ihre Fingerspitzen zu fassen wagte , und so ließ sie sich von ihm führen . Bald waren sie an dem Wohnhause angelangt - die Laternen davor brannten schon hell . » Ich danke Ihnen nochmals , « sagte sie freundlich , » und wenn ich wüßte , womit ich Ihnen diesen großen Dienst besser als mit Worten vergelten könnte - « » Nein , dafür dürfen Sie mich nicht bezahlen ! « rief er rasch und wie außer sich - Pauline sah , daß bei diesen Worten seine Augen seltsam glänzten , und eine große Thräne in sie trat , während ein schmerzliches Zucken seinen Mund bewegte , und doch über sein ganzes Gesicht eine Art von Freudenglanz flog - er eilte hastig von dannen . Friedericke kam Paulinen an der Treppe entgegen . » Da sind sie ja endlich , mein Fräulein ! Mein Gott , welche Angst habe ich um Ihretwillen gehabt ! Es ist schon acht Uhr vorüber , Sie sind ganz allein gegangen , und wir wußten nicht , wo Sie waren , um Ihnen Jemand entgegen zu schicken . « Während Pauline ablegte , sich in den Lehnstuhl warf und die kleinen erstarrten Hände wärmte , erzählte sie : » Ich hatte meine Freundin bis an das kleine Haus begleitet , welches in der Nähe des Parkes steht , und in dem unser Oberfaktor mit seiner Frau wohnt . Da fing es sehr heftig an zu schneien , es schien uns vorübergehend , und da wir die Oberfaktorin allein zu Hause sahen , gingen wir Beide hinein , um dort die Schneewolke vorüber zu lassen . So kam es denn , daß wir dort länger blieben , als wir erst gedacht hatten , denn Elisabeth schickte einen Knaben nach ihrem Schlitten in ' s Schloß , und es dauerte ziemlich lange , ehe dieser kam . Dann hatte es aufgehört zu schneien , ich fürchtete mich nicht , da es so sternenhell war , und nahm nur den Knaben auf Zureden als Bedeckung mit , denn weiter war Niemand zu Hause . Als ich bei der Schenke vorüber kam - « » Ach , liebes Fräulein , Sie zittern ja am ganzen Körper - es wird Ihnen doch Nichts begegnet sein ? « sagte das besorgte Mädchen . » In der Schenke war ein entsetzlicher Lärm - auf einmal umringte mich ein Trupp Männer und führten gemeine Reden - ich lief stumm fort so schnell ich konnte - da kam mir ein Trunkener von ihnen nach - faßte mich an - und was er sagte , mag ich nicht wiederholen - ich weinte und schrie nach Hilfe - da kam Franz - - er führte mich sicher hierher . « Pauline hatte dies unter immer heftigerem Zittern erzählt , und sank jetzt ohnmächtig in die Kissen des Lehnstuhls zurück . Friedericke war auf ' s Theilnehmendste um sie beschäftigt , und weinte selbst mit über die doch bereits überstandene Angst ihrer Herrin . Als diese wieder zu sich kam , fragte sie : » Ist mein Vater schon zurück ? « » Nein . « » Wenn er kommt , so laß ihm sagen , es sei mir nicht ganz wohl , ich habe mich zeitig niedergelegt - sage aber Niemand , was mir begegnet ist - hörst Du , Niemand ! « » Wenn Sie es wollen , so kann ich schweigen , als wäre ich stumm , « versprach Friedericke . Pauline ließ sich von ihr entkleiden , und legte sich zu Bette . Sie war so erschöpft , aber doch zugleich so aufgeregt , daß sie lange vergeblich zu schlafen suchte . Endlich gelang es - aber auch durch ihren Traum klangen immer noch die rohen , schreienden Stimmen hindurch , welche sie im Wachen so geängstet hatten , bis denn auch im Traum Franz Thalheims Bild wie das eines Schutzengels vor ihr auftauchte , daß sie selbst im Schlafe beruhigt und friedlich lächelte . Auf Franz wartete man an diesem Abend vergeblich in der Schenke , er ging nicht wieder dahin , obwohl es erst acht Uhr war , und bis gegen zehn Uhr pflegten sie gewöhnlich dort beisammen zu bleiben . Er ging in seine kleine Kammer , er zündete sich nicht erst seine kleine Oellampe an - er hing beim Sternenlicht den Rock , den er auszog , an seinen Nagel , den Shwal über den hölzernen dreibeinigen Schemel , und legte sich auf seinen Strohsack . Es war kalt , aber seine Wangen brannten . Zuweilen aber doch überrieselte ihn ein kalter Schauer - es kam aber nicht nur vom Frost und weil es kalt durch das kleine , in seinen Rahmen klappernde Fenster hereinzog - dieser Schauer kam in den Momenten , wenn er daran dachte , daß Pauline gesagt hatte : » Helft mir , wenn ich noch unter Menschen bin ! « Und immer wieder mußte er daran denken . Sie hatte diese vielen Stimmen gehört , diese Stimmen Derer , welche arme Arbeiter waren , wie er auch - und sie hatte daran gezweifelt , unter Menschen zu sein - ja sie hatte ihn in der Angst ihres Herzens herausgeschrieen diesen ungeheuern Vorwurf ! Ach , freilich ! Sie hatte diese Trunkenen , diese rohen Schreier gehört , welche sich sogar mir niedrigen Worten an ihr vergangen hatten - an Menschenwürde hatte sie ja da wohl zweifeln müssen ! Und ach , das war es ja eben - sie war auch vor ihm geflohen , denn er war ja auch unter diesen armen , unglücklichen Menschen ohne Menschenrechte , an deren Fähigkeit zur edelsten Menschenwürde Niemand glauben will - sie dachte nun es sei Keiner unter ihnen im Stande , Recht zu handeln - sie war auch vor ihm geflohen , als er sich ihr genähert . Aber da leuchtete es wieder hell auf in seinem kummervollen Antlitz , und er sagte sich selbst , wie sich plötzlich besinnend : Nein - vor ihm war sie nicht geflohen - - nur vor dem ungekannten Mann . Als er seinen Namen genannt , hatte sie ihm vertrauend die Hand gegeben - sie hatte ihn nicht hinter sich gehen lassen , wie einen Diener , wie er bescheiden gewollt - sie hatte ihm die Hand gegeben , und war neben ihm gegangen , wie neben einem Freund - und dann hatte sie ihm gedankt . Aber gewiß hätte sie ihn dafür gern mit irgend einer Gabe gelohnt - aber das sollte sie nicht , nein , dies Mal gewiß nicht , sie sollte ihn nicht bezahlen , wie die reichen Leute die armen für jeden Liebesdienst , womit sie oft so weh thun - sie sollte ihn nicht bezahlen , weil er ein paar Minuten so glücklich gewesen war . Und so dachte und grübelte er noch lange fort , bis endlich der Schlaf kam , und mit ihm der Traum , und mit diesem Paulinens Bild . X. Der Rittmeister » Wie drunten die Puppen rennen , So winzig , so käferklein , Die selbst nicht vor Stolz sich kennen , Will jede was Mehres sein . « C. Schreiber . Monate waren verstrichen - der Frühling war gekommen . Der Frühling ist gekommen ! Das war wie ein Jubelruf über die ganze , vom langen schweren Wintertraume erwachende Erde gezogen . Alle Fluren waren wieder grün geworden , alle Märzblümchen und Veilchen blühten wieder , alle Schwalben waren gekommen und suchten die verlassenen Nester wieder , und alle Lerchen sangen wieder - und dieser ganze lebende , lachende Frühling klang und blühte auch in manchem Herzen wieder . Elisabeth und Pauline waren glücklich , als sie Beide , dem verschwiegensten Leben und Weben der Natur so nahe , den Frühling kommen sahen . Beide sahen sich jetzt öfter , und genossen die schönen Tage zusammen . Zwar sahen Elisabeths Eltern diese Freundschaft so ungern , als Paulinens Vater sie gern sah , weil es ihm immer Freude machte , wo er die Aristokratie der Geburt sich vor der seinen , vor der des Geldes , demüthigen sah . Aber wie oft auch Anfangs die Gräfin sanfte Vorstellungen an Elisabeth versuchte , in welchen sie Pauline als einen unpassenden Umgang schilderte - Elisabeth erklärte fest und bestimmt , daß sie dieser Freundin nie entsagen werde - und so war Pauline auf Schloß Hohenthal vorgestellt und hatte immer freien Zutritt . Die Gräfin war zu hoch und fein gebildet , um je dem bürgerlichen Mädchen merken zu lassen , daß seine Gegenwart ihr unangenehm sei - sie behandelte es immer mit zuvorkommender Herablassung , aber zugleich mit kalter Förmlichkeit . Von dem Grafen galt dasselbe . Uebrigens hatte man im Schloß den Winter ganz einsam verlebt . Nur Rittmeister von Waldow war mit seiner Gattin öfter gekommen - ein langweiliges , unbedeutendes , langsam alterndes Ehepaar - und einige andere alte aristokratische Herren , welche in der Nähe lebten , und an einem bestimmten Abend zum Spiel mit dem Grafen kamen . Unter diesen langweiligen Verhältnissen , fühlte die Gräfin selbst , wäre es Grausamkeit gewesen , Elisabeth Paulinens Umgang zu entziehen - allein das Frühjahr brachte die ebenbürtigen Nachbarn zurück , welche im Winter die Einsamkeit ihrer Landgüter mit dem Leben in der Residenz vertauscht hatten . Es war also auch an einem schönen Frühlingsmorgen , als die beiden Freundinnen Arm in Arm durch die saftgrünen Wiesen gingen . Sie hatten sich Veilchen und Maasliebchen gepflückt , und um daraus kleine Kränze zu winden , setzten sie sich nebeneinander auf eine Bank . Es war ein liebliches Bild . Pauline trug einen runden Strohhut mit flatternden Enden ; ihr blondes Haar war darunter glatt gescheitelt , ihre kleine , zarte Gestalt umgab ein luftiges Kleid von rosaer Farbe mit einer Art von schwarzem , den Hals umschließenden Sammetmieder . Ihre ganze Erscheinung hatte etwas Idyllisches . Eine Art Gegensatz zu diesem Eindruck empfing man durch Elisabeths Bild . Um ihre langen blonden Locken hatte sie einen Tüllschleier geknüpft , ihre edle , schlanke Gestalt umschloß ein schwarzes Wollenkleid mit weiten Aermeln und einer langen Gürtelschnur um die zarte Taille , so glich sie halb einem Burgfräulein , halb einer Nonne vergangener Zeit . Als so die beiden Mädchen im kindlichen Naturgenuß mit den Veilchen auf ihrem Schoos spielten , und ihre Blicke darauf gesenkt hatten , ahnten sie nicht , daß sie plötzlich der Gegenstand einer lebhaften Unterredung geworden . Jaromir von Szariny und ein jüngerer Baron von Waldow , Neffe des Rittmeisters , waren in einem Seitenweg , und von ihnen ungesehen , vorübergegangen . » Da ist sie wieder ! « rief Jaromir , und blieb traumverloren stehen . Es befremdete ihn gar nicht , daß er die Unbekannte wieder sah , obwohl er sie am Wenigsten jetzt und hier erwartet hätte - aber daß er ihr einst wieder begegnen werde , hatte ihm Tausend Mal sein Herz gesagt , und er hatte diesem seltsamen prophetischen Herzen immer geglaubt . » Ah , Sie meinen die Damen dort , Schade , daß ich meine Lorgnette vergessen habe , « sagte Waldow nachlässig , indem er auch stehen blieb . » Ich bitte Sie , Waldow , Sie waren schon öfter hier , Sie müssen die Damen dieser Umgegend kennen - sagen Sie mir endlich , wer dieses Mädchen ist ! « » Was denn endlich ? « erwiderte Waldow , der die Dringlichkeit seines Freundes nicht begriff . » Ich habe sie noch niemals gesehen - doch ja , ich entsinne mich , gestern sah ich die Eine von ihnen mit dem alten Felchner , dem Fabrikanten , fahren , man sagte mir , es sei seine Tochter . « » Seine Tochter ? Aber welche meinen Sie ? « fragte Jaromir ziemlich befremdet . » Die Kleine . « » Die Kleine - aber die Schlanke , wer ist sie ? « » Nun jedenfalls auch so ein Fabrikantenmädchen , vielleicht eine Untergebene , eine Verwandte - was weiß ich . Etwas Nobles kann es keines Falls sein , « sagte Waldow leicht , und fuhr scherzend fort : » Indessen Sie wissen , der Adelsverein erlaubt eine Mesalliance mit diesen schönen bürgerlichen Kindern , sobald sie die Töchter reicher Fabrikanten oder Bankiers sind , und man mit ihrer reichen Mitgift den Glanz eines durch die fluchwürdigen Verhältnisse dieser neuerungssichtigen Zeit herabgekommnen adligen Hauses wieder auffrischen und erhöhen kann . - Sie haben das freilich nicht nöthig , aber leider Gottes giebt es Leute mit sehr viel Ahnen , und doch keiner Aussicht auf ein andres Erbe , als einen Namen , und das gilt jetzt kaum so Viel - « er schnippte mit den Fingern , welche der gelbe Glacéhandschuh bedeckte , in die Luft , und fuhr dann geschwätzig plaudernd fort : » Kommen Sie , wir wollen diese Mädchen begrüßen , wir wollen uns einen Spaß mit ihnen machen , man kann dies mit diesen bürgerlichen Püppchen , ohne sie zu erzürnen , sie werden entzückt sein , in der Einsamkeit ihrer Dampfmaschinen und prosaischen Wasserwerke ein Abenteuer mit ein paar Löwen der feinsten Salons zu erleben . Kommen Sie - « und er wollte Jaromir am Arme mit fortziehen . Gewaltsam widerstand dieser und hielt ihn zurück . » Sind Sie bei Sinnen - ich glaube , Sie wären im Stande , sich auch gegen dieses Mädchen einen unziemlichen Scherz zu erlauben , « rief er außer sich . » Unziemlich oder nicht , « sagte Waldow , » darüber ließe sich ein langer Monolog halten - aber ich begreife wahrhaftig nicht , warum heute unpassend sein soll , was unter gleichen Verhältnissen Ihnen selbst sehr amüsant war - es kann auch nichts Spaßhafteres geben , als das halb verlegene , halb erzürnte Erröthen eines niedlichen bürgerlichen Dingelchens . « Die Mädchen waren unterdeß , ohne das Geringste von dem zu ahnen , was man unweit von ihnen über sie verhandelte , und ohne die Sprecher nur zu sehen , einen Pfad herabgegangen , welcher sie von diesen noch weiter entfernte . Um Alles in der Welt nicht hätte Jaromir das heilig stille Geheimniß seines Herzens von seiner Begegnung Elisabeths an diesen seichten Salonmenschen verrathen , und noch weniger wäre er im Stande gewesen , sich ihr mit ihm zugleich zu nähern - als Ausfluchtsmittel sah er daher nach der Uhr , und sagte : » Aber Sie vergessen , daß uns Ihr Onkel um 10 Uhr zum Frühstück erwartet , und daß dieß schon vorüber ist - lassen Sie uns eilen , zurück zu kommen , nicht in allen Fällen ist es guter Ton , auf sich warten zu lassen . « » Besonders wenn man selbst Appetit hat , « sagte Waldow , und indem er über der Aussicht auf ein gutes Frühstück die schönen Mädchen vergaß , ging er rasch mit Jaromir dem Herrnhause zu , wo sie jetzt Beide als Gäste wohnten . Wirklich waren sie von dem Paar bereits zum Frühstück erwartet worden , bei dem sie noch einen fremden Gast fanden . Man stellte ihn als Hofrath Wispermann vor . Es war ein langer , hagerer Herr , den man , wenn man diese dünnen Beine und Arme , diesen langen Hals , auf welchem ein großes Haupt mit spärlichen braunen Haaren und einem leichenblassen , abgezehrten Gesicht sich befand , recht wohl für einen riesigen Schatten halten konnte . Und dieser Schatten war ein Sohn des Aesculap , welchem einer der kleinsten deutschen Fürsten den Titel als Hofrath gegeben . Er hatte mit seinen Curen nirgend großes Glück machen können . Manche Patienten waren ihm unter den Händen gestorben , gerade in den Augenblicken , als er sich geschmeichelt hatte , daß er durch die starke Dosis einer modernen Arzenei , welche freilich aus giftigen Substanzen bestand , sie auf der Stelle und urplötzlich curiren werde . Wie sich nun die Sachen oft so ganz anders verhielten , als er vorausgesagt hatte , und endlich von allen seiner ehemaligen Freunde und Bekannten nur der Todtengräber und die Leichenfrau ihm treu blieben , erklärte er plötzlich aller modernen Medicin den Krieg , und ward ein Verkündiger des neuen Evangeliums vom Wasser . Er hatte ein ziemlich ansehnliches Kapital zusammengespart , und es jetzt zur Anlegung einer Wasserheilanstalt , und zwar in der Nähe des Schlosses Hohenthal , benutzt , wo eine kleine Villa zu verkaufen gewesen war , welche er Hohenheim nannte . Eine kleine Anzahl elender Häuser umgaben sie , die meist von Fabrikarbeitern Herrn Felchners bewohnt waren . Der Wasserdoctor machte nun Herrn von Waldow seine Aufwartung , um ihm die in allen öffentlichen Blättern pomphaft angekündigte Eröffnung seiner Wasserheilanstalt noch besonders mündlich anzuzeigen . » Nun , das wird Leben und Gesellschaft in unsere Umgegend bringen , « sagte der Rittmeister vergnügt . » Gesunde werden die Kranken begleiten , und vielleicht entwickelt sich noch ein ganz comfortables Leben in unsrer Nähe . « » Das wäre sehr schön ! « stimmte seine Gemahlin ein . » Man brauchte dann nicht selbst in ein Bad zu reisen , wenn das Bad umgekehrt selbst zu uns kommt . Wie viel haben Sie schon Kurgäste , Herr Hofrath ? Diese naive Frage machte den langen Doctor ein Wenig verlegen , er sah vor sich nieder , scharrte mit dem Fuß , und sagte dann lispelnd : Bis jetzt ist nur ein kranker Herr da - « gleichsam aber als wolle er den für ihn niederschlagenden und beschämenden Eindruck dieser Antwort gänzlich vernichten , setzte er mit Nachdruck und Stolz hinzu : » aber es ist ein Engländer . « Der jüngere Waldow konnte sich des Lachens kaum erwehren , und brach jetzt heraus : » Wahrhaftig , nur ein Engländer ist es im Stande , in einem verlassenen deutschen Erdwinkel der einzige Kurgast einer Wasserheilanstalt zu sein . « » Man muß bedenken , wie früh es noch im Jahre ist , « sagte der Doctor sehr ernst . » Und daß eine Schwalbe noch keinen Sommer macht , « fiel Waldow ein .