und bat ihn um Erlaubniß ihn einmal wieder besuchen zu dürfen . » Du wirst mir immer willkommen sein , entgegnete er mit seinem sanften Lächeln ; da Du aber nur dann eine Zuflucht bei mir suchen wirst , wenn Dein Herz schwer ist und wenn es Dir übel in der Welt gehen wird : so kann ich nicht sagen daß ich wünsche Dich bald wieder zu sehen . Mein Segen begleitet Dich wohin es sei . « In München blieb ich nur einen Tag ; ich hatte nicht Lust Astrau dort zu begegnen , und dennoch sollte das sein ! Ich fuhr am Nachmittag mit Benvenuta im englischen Garten spazieren . Eine Gesellschaft von Reitern und Reiterinnen begegnete mir und ich erkannte Otbert zwischen ihnen . Sie ritten rasch und ich fuhr rasch - so hatten wir nicht Zeit uns zu grüßen , und es war mir auch zweifelhaft ob er mich erkannt , ja - ob er mich habe erkennen wollen . Daß er es nicht that , machte mir einen flüchtig schmerzlichen Eindruck ; jedoch bald gefaßt sprach ich zu mir selbst : So ist es natürlich - drum ist es besser so . - Acht Tage später war ich in Venedig . Ich hatte diese Wunderstadt auf meiner italienischen Reise mit Paul nicht kennen gelernt . Sie überraschte mich mehr als irgend etwas , das ich vorher oder nachher gesehen hätte . Einzelne Vorzüge , einzelne Schönheiten mag es in höherem Grade auf anderen Stätten geben ; aber eine solche Harmonie , eine solche in sich abgeschlossene Einheit und Vollendung - fand ich nie und nirgend sonst . » Hier muß man sich ewig wol fühlen ! sagte ich zu Sedlaczech , als wir an einem herrlichen Maiabend gegen Sonnenuntergang in die vom Abendroth verklärte Marmorstadt hinein schwammen . Für diesen Göttersitz haben wir kein Ideal in uns . Der gewohnte Maßstab entfällt unserer Hand - die gewohnten Ansprüche verstummen : das wäre der Ort und der Moment um ein neues Leben zu beginnen . « » Aber weshalb denn ein neues ? fragte er sehr erstaunt . Es ist ja bisher ein sehr gutes gewesen - leben Sie das doch fort . « Es klang mir hart was er sagte . Sehr gut ? war ich denn je vierundzwanzig Stunden ungestört zufrieden mit mir selbst und mit meinem Leben gewesen ? Gewiß nicht ! und er nannte es » sehr gut ! « - Diese Mißempfindung fiel störend wie ein falscher Ton in den Freudenchor hinein , welcher durch meine Seele brauste . Das wird Tausenden tausend Mal geschehen ; doch nur Einer von ihnen Allen wird die unselige Fähigkeit haben die momentane Verstimmung in der Erinnerung aufzuspeichern , während sie bei den Meisten , den gut und glücklich Organisirten , aus dem Gedächtniß schwindet , und ihnen die Erinnerung ungetrübt und glanzvoll läßt . Venedig gefiel mir unsäglich , sprach mich in der Tiefe meines träumerischen Imaginationslebens an . Ich beschloß mich recht einzuspinnen in diese Wunderwelt , ruhig den großartigen Eindruck auf mich wirken zu lassen , fleißig die Geschichte zu studiren , und überhaupt nach innerer Sammlung zu streben . Sei die nur erst erlangt , so würde ich schon auffinden können was ich eigentlich wolle und was ich vermöge . Ich miethete auf ein Jahr einen verödeten Palast Gradenigo am Canal grande , eines dieser unvergleichlich zierlichen und edlen Gebäude , die außerhalb Venedigs ihres Gleichen nicht haben ; und die nicht sowol durch Größe und Ausdehnung - wie etwa die römischen - sondern durch einen eigenthümlichen Adel ihrer Proportionen , den Namen Paläste verdienen . Ein Gebäude ihrer Größe in Norddeutschland , aus Backstein , mit spitzem Ziegeldach , von hundert schmalen Fenstern durchbrochen , im Innern mit hölzernen Treppen versehen - wäre ein gewöhnliches Haus ; aber : - Marmormauern , Marmorwände , Marmortreppen , Marmorfußboden - Marmorarbeit wie Schnitzwerk an Balcons , Fensterbogen und Fensterrosacen - Incrustationen von Verde und Rosso antico von Außen - Gemälde von Titian und Tintoretto im Innern - eine majestätische Festhalle von kleinen behaglichen Gemächern umgeben - eine Grotte zur Station für die Gondel : das ist ein venetianischer Palast . Ich miethete den meinen für geringes Geld . Es war damals noch nicht so viel wie jezt für den Flor Venedigs geschehen . Es war noch kein Freihafen , der Handel stockte , der Verkehr lag danieder ; die Paläste standen leer , wenn die alten Familien ausgewandert - verfielen wenn sie verarmt waren ; man konnte dort , vergleichsweise , mit einem kleinen Vermögen glänzend leben . Ich richtete mich recht bequem , aber ganz einfach ein , und das war sehr gut ; denn als ich mit meiner Einrichtung fertig war , bemerkte ich , daß ich zwar sehr gut für mich - aber sehr schlecht für Benvenuta gesorgt hatte . Sollte das arme Kind in diesem Marmorhause gefangen sitzen ? was hatte sie von Gondelfahrten ? von Spaziergängen auf dem Markusplatz ? - Schnell entschlossen fuhr ich nach der kleinen grünen , ländlichen Insel Torcello hinüber und miethete bei stillen Gärtnerleuten ein kleines Zimmer für Benvenuta . Dort sollte sie mit ihrer Wärterin einen Theil des Tages zubringen und im Garten umherlaufen dürfen . Ich schenkte den guten Leuten ein Paar Ziegen , Hühner , Tauben , an denen die Kleine ihr Ergötzen hatte . Es machte sich Alles leicht und gut . Ich kaufte zwei Gondeln , ich nahm drei Gondoliere in meinen Dienst und ließ sie in meine Farben kleiden . Ich war sehr beschäftigt mit diesen verschiedenen Einrichtungen , außerdem unglaublich gefesselt durch Venedigs Scenerie und Kunst , und ich begann zu hoffen eine Stätte gefunden zu haben , wo ich mich auf die Dauer in meiner Bestimmung zurechtfinden könne . Mit Sedlaczech lebte ich gut und angenehm , aber nicht eigentlich intim . Er war mir zu sehr überlegen , als daß ich das unwillkürliche innerste Zutrauen , ich mögte sagen diese Seelenströmung zwischen Gleich und Gleich , für ihn empfunden hätte . Nicht als ob mich meine Inferiorität gedrückt - nicht als ob ich nicht gewußt hätte , daß es größern Genuß gewährt sich zu Menschen hinaufals herabzustimmen ! Nur fühlte ich instinctmäßig daß wir nicht auf einer Stufe der Entwickelung standen und daß die seine weit höher als die meine sei . Wird eine solche Kluft nicht durch die Liebe ausgefüllt , die Höhen und Thale gleich macht - so kann man wol zu einem gemeinschaftlichen Leben , doch nicht zu einer befriedigenden inneren Gemeinschaft des Lebens gelangen . Uebrigens war es keinesweges sein Talent , das mir imponirte - so groß es war ! so hoch ichs schätzte ! - nein , es war seiné Seele ; eine Seele von deren Thaten und deren Wegen ich nichts wußte , denn er sprach nie über seine Schicksale . Als er vor Jahren von dem Banquier meines Vaters in Lübeck , als Musiklehrer empfohlen nach Engelau kam , sagte er : er sei ein Böhme , Waisenkind , Katholik , und zwischen achtzehn und zwanzig Jahr alt . Das war Alles ; und auch jezt blieb es Alles . - Er studirte fleißig in seiner Kunst , mehr auf Composition als auf Ausübung , und nie beschäftigten ihn andre als erhabene und große Gedanken . Ein Oratorium mit einem dem Hohen Lied entnommenen Text - war die Idee zu welcher sich seine Kräfte zu concentriren schienen . Er bewohnte ein Zimmer über dem meinen . Wenn ich in tiefer Nacht auf dem Balkon saß , und mich verlor in Träume ohne Ziel , in Sehnsucht ohne Maß , in Wünsche ohne Gegenstand - wenn ich inmitten der Unermeßlichkeit dieser Gefühle und inmitten einer Umgebung die an Schönheit und Großartigkeit ohne Rival ist : dennoch mein Leben nicht anders empfand als der Gefangene den Kerker der ihn elend macht - o wie oft haben mich dann seine Phantasien , seine Accorde - getröstet kann ich nicht sagen , aber beschwichtigt . Von oben herab klangen sie , feierlich , fromm , tiefsinnig , klagend , unendlich melancholisch , aber in glühende Andacht getaucht wie das Gebet eines Heiligen . Ja , sprach ich dann zu mir selbst , das Leben ist ein Kerker , aber der Schlüssel des Kerkers ist die Liebe ! der sprengt die Pforte zur Freiheit , und das dürftige abgesperrte Ich fliegt in ein ewiges und seliges Universum hinein . In dieser himmlischen Freiheit lebt mein Onkel : er liebt Gott ! - lebt Fidelis : er liebt die Kunst ! Ich aber verstehe nicht zu lieben , drum bin ich für alle Ewigkeit in den Kerker gebannt . Den größten Theil der Nächte verbrachte ich in meiner Gondel . Bald fuhr ich nur in den Canälen und erfreute mich an dem feenhaften Anblick Venedigs im Mondlicht , dessen mysteriöser Glanz die passendste Beleuchtung dieser mysteriösen Existenz ist . Bald fuhr ich weiter in die Lagune hinaus , nach verschiedenen Inseln , die ich besonders gern hatte - vorzugsweise nach Torcello und zum Lido . Torcello war der Anfangspunkt der großen Stadt , des großen Staats Venedig . Das was in jener Zeit der menschlichen Vergesellschaftung Kern und Einheit gab : die Religion , in einem Monument , in einer Kirche ausgeprägt , fehlt der kleinen verwilderten und vereinsamten Insel nicht . Der alte kleine tausendjährige Dom hat Venedigs Höhe und Fall überdauert . In dörflicher Verwahrlosung steht er auf einem grünen Wiesenplatz , und vielleicht zwei Dutzend Häuschen von Gärtner- und Fischerleuten liegen ebenfalls dörflich zerstreut zwischen Hecken , Gemüsegärten , Gebüschen und Rasenflecken . Diese Vegetation so wenig gepflegt sie sein mogte , gedieh dennoch vortreflich auf dem üppigen Schlammboden , und erquickte mich durch Farben , Frische und Duft . Der Garten , der am Morgen Benvenutas Tummelplatz war , ruhte mich in der Nacht aus . Es war so etwas Friedliches , Idyllisches auf dieser kleinen Insel , das den einfachen Bedürfnissen der menschlichen Natur entsprach . Dies schlichte Element that mir wol ! ich dachte daß Gott in seiner Schöpfung nicht Einmal sondern immer neu das Paradies geschaffen hat : erstens in der Natur , zweitens im Kinde ; und daß mir ein Labetrunk aus diesen beiden heiligen Quellen gegönnt sei . Zu Zeiten konnte mich das ganz heiter stimmen ; aber es dauerte nicht lange , wie denn nichts bei mir dauerte ! reizbar um einen Eindruck zu empfangen , kraftlos um ihn festzuhalten , so war ich ! und daher war in meiner Seele nichts dauernd als drängende Unruh - dies ächte und rechte Princip aller Thaten des Fluchs , der Thorheit , des Unheils . - Wenn diese Unruh recht in mir stürmte , fuhr ich zum Lido , der sich als ein Erdwall zwischen der Lagune und dem Meer aufwirft . Ueber den trostlosen , steinernen Gottesacker der Juden hinweg ging ich zum entgegengesetzten Strande , den das Meer bespült . Ein Gondolier trug mir ein Paar Polster nach und blieb in meiner Nähe , während der Andre die Gondel bewachte . Da lag ich manche Nacht , überwachte den Auf- und Untergang aller Gestirne - welche auch die meiner Heimat waren ; lauschte auf das Brausen der Wellen , welche mit demselben harmonischen Takt und mit demselben weißen Schaum an die Küste meiner Heimat schlugen ; und fragte mich mit unsäglicher . Trostlosigkeit , ob ich denn wirklich thöricht genug gewesen sei um zu glauben , daß es für mich am adriatischen Meer anders und besser sein könne als am baltischen . O ! rief ich , die Elemente des Glücks müssen in der Schöpfung sein , sonst wäre die Organisation des Menschen mit seinem unlöschbaren Durst nach Glück ein Widersinn ! aber weshalb versteht er nicht sie zu finden , zu sammeln , festzuhalten ? weshalb ist er so unvollkommen beschaffen , daß er meistens nur Eins oder das Andre kann ? ja , weshalb ist er zuweilen so blind daß er nicht einmal deutlich sein Glück zu erkennen vermag ? .... denn mir fehlen nicht die Elemente dazu , sondern der Brennpunkt in dem sie sich vereinen müßten . Kehrt ' ich dann heim , seelenmüde und seelenwund - sah ich den ruhigen Lampenschein in Sedlaczechs Zimmer - hört ich ihn mit gleichmäßigem Schritt in der lautlosen nächtlichen Stille über mir auf und nieder gehen - klangen gar seine musikalischen Phantasien oder Eingebungen zu mir herab : so staunte ich fast stupid diese feste klare Seele an . Gewiß gewiß ! sprach ich dann in Betrachtung über ihn versunken , sein Genius giebt ihm eine andre Stärke als die , welche uns gewöhnlichen Menschen zu Theil ward ! wir verwachen in Lieb oder Leid diese versengenden Nächte - oder wir verschlafen sie ; aber er ist frei genug um sich ungestört in geistiges Schaffen zu versenken . Eines Tags kam mein Capo de ' gondolieri - wie er sich nannte als er in meinen Dienst trat um meine Gondeln und die beiden andern Gondoliere zu beaufsichtigen - und trug mir die Bitte vor einen vierten Mann anzunehmen . Ich fahre , die Kleine fahre , Sedlaczech fahre - Tag und Nacht sei irgend ein Mitglied meines hohen Hauses auf der Lagune zu finden ; das sei freilich eine große Ehre für die arme , schlechte Lagune , aber nichts desto weniger ein schwerer Dienst , besonders in dieser höllenheißen Sommerzeit . In diesem halb pomphaften , halb spöttischen Styl , mit einem Lächeln das auf der Grenze zwischen Harmlosigkeit und Unverschämtheit schwebte , mit unverwüstlicher guter Laune - diesem Erbtheil des venetianischen Volkes - im kleinen blitzenden Auge , ließ sich Gino äußerst wortreich über die Nothwendigkeit eines vierten Mannes aus . Ich sah das ein , nur drang ich auf einen erprobt geschickten und treuen Menschen , sowol Benvenutas als meiner eigenen nächtlich einsamen Fahrten wegen . » O , rief Gino , der ist treu - treu wie die Madonna mir ist ! - Er zog bei diesen Worten ein zinnernes Medaillon der Madonna das er um den Hals trug hervor , und küßte es mit Andacht . - ' Lustrissima können fahren wohin Sie wollen , thun und sagen was Sie wollen .... der schwazt nicht . « » Ich hoffe auch Du nicht , Gino . « » Kein Fisch in der Lagune ist stummer als ich .... was meine Herrschaft betrift , ' Lustrissima ! entgegnete er mit tiefer Verbeugung . Schweigen ist die Pflicht des Gondoliers , folglich schweige ich und wenn ' s mir noch so schwer wird , aus Tugend . Nino schweigt aus Nothwendigkeit .... und die Nothwendigkeit ist denn doch ein noch festeres Ding als die Tugend - wenn ' Lustrissima gestatten meine Ansicht von der Sache auszusprechen . Genug , Nino ist stumm . « Ich fühlte mich durch sein Unglück für ihn gewonnen , und fragte nur noch ob Gino ihn gut kenne . » Wie sollt ' ich nicht , ' Lustrissima ! er ist ja mein Sohn .... nämlich der Sohn meiner Frau , die schon lange todt ist .... dolce anima , requiescat in pace ! .... sie hieß Ninetta , drum heißt er Nino . « Nino trat in meinen Dienst und wurde mir vorgestellt . Er machte mir einen unangenehmen Eindruck . Hartes rothes Haar hing ihm dick und verwirrt bis auf die Augenbrauen herab und schloß sich an einen buschigen Backenbart . Er hatte nicht den lebhaften Blick , das heftige Mienenspiel und die raschén Geberden der Taubstummen ; er schien mehr das Stumpfsinnige , Plumpe , Schwerfällige des Idioten zu haben . Er stand mit niedergeschlagenen Augen vor mir während ich mit Gino über ihn sprach , und verrieth auf keine Weise eine Theilnahme , die doch sehr natürlich gewesen wäre . Sein Anblick war nicht vertrauenerweckend ; drum gab ich an Gino den strengen Befehl , daß die beiden andern Gondoliere immer und ohne Ausnahme Benvenutas Gondel - er und Nino die meine fahren sollten . Und so geschah es . Abends nach Sonnenuntergang pflegte ich täglich mit Sedlaczech eine Fahrt zu machen und dann in einem der Cafés auf dem Markusplatz Gefrornes zu nehmen . Von dort ging er gewöhnlich gegen Mitternacht zu Hause , während ich meine nächtlichen Excursionen begann . Gegen Morgen , bald früher , bald später , kehrt ' ich heim und ging zuweilen erst schlafen , wenn die Sonne aufging . Es war ungefähr die Sorrentinische Lebensweise , die ich einst mit Paul geführt hatte ; nur fehlte in dieser das sinnlich üppige , berauschende Element , welches damals dessen eigentlichste Essenz gewesen war . Dennoch - und trotz all der Lebenskraft , und Glut und Lust , die mich durchströmten - wünschte ich nicht jene Zeit zurück , noch ihre Wiederbelebung an Pauls Seite . Es war mir zu klar erinnerlich , daß sie damals in eine Art von Seelen-Marasmus übergegangen war . Daher sprach ich oft zu mir selbst : Ist in dieser sinnlichen Lebensrichtung für mich nichts Anderes zu erwarten , als eine lange Atonie für eine kurze Befriedigung : so ist das ungestillte Verlangen vorzuziehen ; denn in ihm weht doch der Athem der Sehnsucht - wenn auch nur einer irdischen . Das war verkehrt , ich weiß es wol ! ich hätte ja nur das Maß zu halten brauchen um nicht in Atonie zu verfallen ! daß ich diese Weisheit und diese Kraft nicht besaß - daß meine zu den Extremen geneigte Natur immer über das rechte Maß hinweg bis zu den äußersten Grenzen sich drängte und dort statt der geahnten Seligkeit .... Leere fand : das eben machte mich unselig . Als ich eines Morgens , d.h. um ein Uhr Mittags , aus meinem Schlafzimmer in mein Cabinet trat , fand ich dasselbe in eine blumige Laube verwandelt . Granatbüsche mit ihren feurigen Blüten übersäet , Oleander mit den großen rosenfarbenen Sternen , Jasmin und Mirthen - bildeten einen kleinen duftigen Hain um mein Sopha . Benvenuta hatte sich auf dessen dunkelrothe Polster gesetzt , und sah aus wie ein Wachspüppchen inmitten einer Christbescheerung . Da ich Abends zuvor an Fidelis gesagt hatte , ich könne gar nicht recht meine Blumenliebhaberei hier befriedigen : so zweifelte ich keinen Augenblick daß er mir diese Ueberraschung bereitet habe . Ich schickte Benvenuta zu ihm hinauf ; sie sollte ihm vorläufig meinen Dank sagen . Er kam mit ihr zurück um sich eine Erklärung der ihm unverständlichen Botschaft auszubitten . Genug - die Blumen waren nicht von ihm . Die Dienstboten wurden befragt und es ergab sich , daß zwei Gärtnerburschen sie in einer Gondel hergebracht und sie meinem Kammerdiener überliefert hatten mit der Bemerkung : ich wisse schon wer sie sende . Die Sache kam mir wie ein Mißverständniß über Namen des Palastes oder der Bewohner vor , und ich erwartete jeden Augenblick daß die Gärtner wieder erscheinen und sich ihre Blumen ausbitten würden . Allein sie blieben ohne fernere Nachfrage bei mir . Ich scherzte mit Fidelis über diese kleine Begebenheit und malte ihm aus , daß möglicher Weise die Erkaltung zweier Liebenden aus dieser Blumensendung entspringen könne . Der Cicisbeo finde sie nicht im Zimmer seiner Dame - oder die Dame erwarte sie vergebens an ihrem Namenstage , etc. Schließlich sagte ich : » Die eigentliche Blume von Venedig ist aber doch die mystische auf dem Wasser schwimmende Lotosblume , dies Symbol der Vereinigung der Tiefe und des Lichts zur Liebe , d.h. zum Leben . « Am andern Morgen stand auf der Brüstung meines Balkons eine ganze Reihe der schönsten aller Wasserblumen : der Calla aethiopica . Die großen weißen mandelduftenden Kelche neigten sich alle wie zum Gruß von dem schlanken Stengel in die geöfnete Thür meines Cabinets hinein . Diesmal wird Fidelis doch nicht seine Hand verleugnen können ! rief ich entzückt . Aber er leugnete ganz bestimmt . » Es käme mir auch gar nicht zu , Ihnen Blumen zu schenken , sagte er endlich . Ein unbekannter Verehrer wird diese Boten gewählt haben um Ihnen seine stumme verschwiegene Huldigung darzubringen . « Ich fand diese Aufmerksamkeit befremdlich , da ich an kein zweites Mißverständniß glauben konnte ; und noch befremdlicher die Wahl der Blumen , welche in der That auf den Lotus Bezug zu haben schien . Gino hatte sie diesmal wiederum von zwei Gärtnerburschen in einer Barke in Empfang genommen . Ich fragte ihn etwas mißtrauisch ob er deutsch verstehe . » Bestia ch ' io sono .... no , ' Lustrissima ! « rief er , sich scherzhaft verwünschend nicht meine Sprache zu verstehen . Ich befahl ihm und den übrigen Dienstboten eine abermalige Blumensendung sofort abzuweisen , und war grenzenlos erstaunt als dennoch am andern Morgen drei riesenhafte Sträuße von purpurfarbenen Nelken auf meinem Schreibtisch lagen . Ich ließ meine Leute zusammen rufen , und erklärte ihnen , ich würde sie alle entlassen so wie Einer von ihnen - ich frage nicht welcher ! - gegen meinen ausdrücklichen Befehl handle . Mein Kammerdiener und meine Kammerfrau waren Deutsche ; Benvenuta ' s Wärterin war eine Engländerin ; alle drei lange und treu befunden in meinem Dienst . Aber ich hatte außer Gino und den drei Gondolieren noch einen französischen Koch bei meiner Einrichtung in Venedig genommen , und einen jungen Menschen , der dem Kammerdiener bei seinen Geschäften zur Hand ging und Sedlaczech insoweit bediente , als dessen einfache Gewohnheiten es nöthig machten . Ich wollte schon irgend einen Verdacht von Bestechung oder sonstigen Umtrieben auf ihn werfen , als Gino kam und mich tausendmal um Verzeihung bat für den » fanciull « - wie er den großen starken Nino zu nennen pflegte . Der poveretto habe natürlich keine Ahnung von meinem gestrigen Befehl gehabt , und daher heute früh ganz unschuldig die Nelken in Empfang genommen - und obenein die Verwegenheit gehabt eine derselben zurück zu behalten und über ' s Ohr zu stecken . Künftig sei nichts mehr von seiner Unwissenheit zu befürchten ; er habe ihm meinen Befehl deutlich gemacht . Es schien als habe auch der Unbekannte ihn verstanden , denn die Blumensendungen unterblieben - bis nach acht Tagen Gino mir erzählte , es habe sich abermals die Gärtnerbarke mit einer Blumenfracht gemeldet , sei jedoch von ihm zu allen tausend Teufeln geschickt worden . Seitdem kam das nicht mehr vor . Mich frappirte weit mehr eine gewisse Gondel , die seit einiger Zeit allnächtlich , wenn ich von meinen Wasserwanderungen heimkehrte , an der Einfahrt meines Hauses lag . Hier war kein Traghetto.1 - Man fuhr durch eine gewölbte Grotte , aus der eine Treppe in den kleinen innern sogenannten Hof führte , in mein Haus hinein . Für Fremde war da weder Landungsnoch Hafenplatz . Der Gondolier jener festverschlossenen Barke saß vermummt in seinem braunen Capot auf deren Boden und schien zu schlafen . » Was machst Du hier ? Weg da ! fuhr Gino ihn das erste Mal an . Hier ist kein Traghetto ! Pack Dich fort zu Deiner Madonna . « Statt in dem nämlichen rauhen und zänkischen Ton zu antworten , wie das die Weise der Gondoliere ist , die sich in fünf Secunden zum wüthendsten Wortstreit , der aber nie in Thätlichkeiten ausartet , steigert - entgegnete der fremde Gondolier gelassen : » Ich bin hier schon im Schutz meiner Madonna . « » Das mag eine rare Hündin sein .... Deine Madonna ! « kreischte Gino , der in Schimpfreden dieser Art all ' seine Genossen übertraf . Eine solche Herausfoderung zu Zank und Schmähung wird immer angenommen , und mit dem sanften lispelnden Dialect Venedigs der so klingt als sei er von Kinderlippen erfunden , schreien sich dann beide Helden die grausigsten Verwünschungen und Verspottungen zu . Als Jener nichts auf Ginos Apostrophe erwiderte , sondern sich stumm noch tiefer in seinen Capot wickelte , fuhr mir der Gedanke durch den Sinn , dies sei kein Gondolier sondern ein Verbannter , ein Flüchtling , ein verarmter Sohn des stolzen Hauses Gradenigo , der vielleicht sein Leben wage um eine Nacht unter dem Dach seiner Väter zuzubringen , und hastig rief ich : » Schweig , Gino ! hier hat Niemand zu befehlen als ich ! Hält jene Barke sich ruhig , so darf sie bleiben . « » Sia benedetta , Madonna ! « rief der fremde Gondolier mit Ton und Geberden , die es ungewiß ließen ob mir oder der heiligen Jungfrau der Segenswunsch gelte . Aber nicht Einmal , sondern hinfort allnächtlich bei meiner Heimkehr lag dieselbe verschlossene Gondel mit demselben vermummten Gondolier auf demselben Platz ! Und sobald ich die Treppe erstiegen hatte , die aus der Einfahrt ins Innere des Hauses führte , hörte ich den leisen Ruderschlag womit sie sich fortbewegte . Trat ich in meinem Cabinet auf den Balkon um ihr nachzusehen , so bemerkte ich nur daß sie nach der Kirche Maria Salute ihre Richtung nahm . Einmal fragte ich Gino ob er nicht wisse was es mit ihr für eine Bewandniß habe . » Da ' Lustrissima ihr die Station vor Ihrem Palast verstattet haben , so werden Sie das wol besser wissen als ich , « entgegnete Gino mit so tiefer Demuth in Ton und Haltung , daß es unmöglich war ihm die Impertinenz der Worte vorzuwerfen . » Nein , Gino , ich weiß es nicht ! entgegnete ich ; und ich würde mich auch nicht weiter darum bekümmern , wär ' mir nicht eingefallen daß der vermummte braune Mann ein Spitzbube sein könnte . « Gino brach sehr unehrfurchtsvoll in ein schallendes Gelächter aus . » Sangue di Cristo ! rief er , ein Barcarole soll ein Spitzbube sein . Man sieht wol daß ' Lustrissima keine Tochter Venedigs ist , sonst würde sie wissen , daß der Barcarole neben tausend unleugbaren Fehlern auch eine eben so unleugbare Tugend hat : die Ehrlichkeit . Nein ! was den Punkt betrift , dafür steh ' ich ein . « » Und nur der ist wichtig , Gino ! übrigens geht mich jene Barke nichts an . « » Ganz wie ' Lustrissima befehlen ! « sagte er wieder mit der tiefsten Unterwürfigkeit . Venedig war von jeher die Stadt der Geheimnisse , sprach ich zu mir selbst , das liegt in ihrer Atmosphäre . Aber unwillkürlich beschäftigte sich meine Phantasie mit jenem geheimnißvollen Unbekannten , den ich bald zu einem verbannten Anhänger der giovine Italia , bald - und noch lieber - zum dürftigen Nachkommen eines glänzenden Geschlechts machte . Daß Einer oder der Andre sich trotz seiner tragischen Geschicke dennoch in mich verliebt haben könne , erschien mir nicht unnatürlich ; erstens : weil dergleichen einer Frau niemals unnatürlich , sondern ziemlich in der Ordnung erscheint ; zweitens : weil ich wol wußte wie schön ich war . Die Blumensendungen brachte ich auch mit jenem Unbekannten in Verbindung ; - doch blieb mir das Alles bis jezt nur eine Spielerei für meine unbeschäftigte , ewig rege Phantasie , und wochenlang ging das so fort . Einst kam ich zu Hause gegen drei Uhr Morgens , wo Todtenstille und Einsamkeit auf den Canälen herrscht . Es war eine tief dunkle Nacht , so dunkel , daß ich kaum die mysteriöse Barke hatte gewahr werden können . So wie ich mein Cabinet betrat stieg dem Balkon grade gegenüber aus der Mitte des Canal grande eine Rakete wie ein Signal empor , und ungefähr zwei Minuten später flammte im herrlichsten Brillantfeuer mein Name Sibylla Regina an jener Stelle auf . Nachdem er eine Weile gebrannt hatte , verwandelte er sich in tausend buntfarbige Leuchtkugeln , und flog wie Myriaden von Schmetterlingen in den dunkeln Himmel hinein . Dann blieb Alles stumm und finster , und ich vernahm nur den taktmäßigen Schlag einiger Ruder , welche eine große Barke , wahrscheinlich die des Feuerwerkers , fortbewegten . Ich hatte Lust an Zauberei zu glauben ; denn ich hatte Tags zuvor mit Fidelis über die Schönheit eines Feuerwerks auf dem Canal grande gesprochen und hinzugefügt : Wäre ich noch in der verschwenderischen Laune meiner früheren Jahre , so würde ich mir dies Vergnügen verschaffen . Jezt verschaffte es mir ein Anderer - mir ! das war kein Zweifel ! mein Name sagte es mir . Und wer , um Gottes Willen ! wer konnte wissen , daß ich Regina hieß .... kaum Sedlaczech ! » Nun was sagen Sie zu der Ueberraschung der letzten Nacht ? « fragte ich ihn am nächsten Morgen . » Ich sage , sprach er lächelnd , daß Jemand in Venedig lebt , welcher Sibylla zur Königin seines Herzens erkoren - wie uns die Flammenschrift gesagt hat . « » Nicht doch ! Regina ist ja mein zweiter Name . « » Das ist seltsam ! rief er überrascht . Das deutet auf einen alten genauen Bekannten ! « » Ich habe hier keinen andern , als Sie . « » Nun ? Sie trauen mir doch wol nicht solchen allerliebsten Unsinn zu ? fragte er gutmüthig . Erstens hab ich kein Geld ; zweitens aber - und hätte ich Goldminen ! - - würde ich einen geliebten und verehrten Namen still in mein Herz schließen , statt ihn als Leuchtkugeln verflattern zu lassen . « Ich hatte es im Grunde auch nicht geglaubt . Nach einigen Nächten , die ich absichtlich bis zur Morgendämmerung auf Torcello zugebracht , kehrte ich eines drohenden Gewitters wegen früher zurück ; und siehe ! die Rakete gab das Signal und das frühere Schauspiel wiederholte sich . Ich bin von einem Dämon umgeben , sprach ich zu mir selbst , der meine Worte hört und meine Schritte sieht . Halb war dieser Gedanke mir unheimlich , halb lieblich ! So gab es doch Jemand der sich für mich interessirte - wenngleich in etwas befremdlicher Weise . Ich überlegte ob ich meine Leute fortschicken und Andre nehmen sollte Wer bürgte mir