aber der Sturm war in einer jungen Brust . Hans Jürgens Herz pochte , daß der alte Casper draußen es hätte hören können . Wohl hätte er sich beschauen mögen , als er nun fertig war , wie er aussah , aber in der Kammer war kein Spiegel und kein Licht . Nur die Sterne aus dem schiefen Fenster blitzten auf den verrosteten Harnisch . Er lehnte den Kopf hinaus und schlürfte die laue Nachtluft ein . Da kamen unversehens seine Finger unterm Brett zusammen , als wenn er sie falten wollte . Er erschrak fast : » Nein , Beten , das schickt sich nicht , jetzt nicht . Nachher ! « - Da er sich umwandte , stieß er mit dem Kopfe an das Schilfdach : » Das soll auch nicht mehr lange sein ! Nachher ! « - Er schwieg und tappte durch die dunkle Kammer nach der Thür . Draußen war es licht an der Lampe , die der alte Casper immer ansteckte , wenn sein Herr erwachen sollte . Der schaute den Gerüsteten verwundert an , und seine Mienen gingen in ein Lächeln über . Eine Sturmhaube trug Hans Jürgen auf dem Kopf mit einem breiten Rand , und die beiden Flügel eines Habichts waren in den Kamm gesteckt . Der Harnisch war über einen verblichenen Wappenrock von blauer Farbe geschnallt , in dessen gesteppten Faltenwurf die Motten lange genistet zu haben schienen , und dazu klirrte ein schwerer Degen an seiner Seite . » Na nu ! « rief er ihn an . » Gegen wen ziehst Du aus ? « Hans Jürgen machte ein wichtig Gesicht : » Geb ' dem Gast das Geleit . « » Glaubte wenigstens , Du zögest gegen den Großtürken . Nun will ich Dir was sagen , Hans Jürgen . Wenn Du gegen den Türken ziehst , dann magst Du den Degen klappern lassen , aber wenn Du des Nachts ausreitest , trag ' ihn sein unterm Arm . Noch etwas , « rief er ihm nach , » wenn ' s verkehrt geht , wundre Dich nicht , Du hast die Sturmhaube verkehrt aufgesetzt . Und wenn Dein Vater seeliger ausritt , ich meine , wie Du jetzt , dann zog er nicht seinen Wappenrock an , wie Du jetzt , sondern hing den schlechtesten Kittel um . Sieh Dich nur da im Schild an der Wand . « Ein erster Blick , den Hans Jürgen auf das Schild that , zeigte ihm , daß der alte Knappe recht hatte . Er stülpte die Sturmhaube um und nahm den Degen unter den Arm . Aber des Vaters Rock , den konnte er doch nicht mehr ausziehen . » Ei die Nacht ist duster , Hans Jürgen , « lächelte der Alte , » und die Farbe ist ausgeblichen . Auch ist ' s lange her , daß der Rock geleuchtet auf der Straße , da kennt ihn wohl keiner mehr . Nun noch ' nen guten Rath auf den Weg : Laß Dich nicht bangen , sie thun keinen hangen , den sie nicht fangen . Sprich nicht , wo Du schlagen kannst , aber wo ein Anderer zuschlägt , brauchst Du nicht nachzuschlagen . Trau mehr auf Dein Gesicht , als wenn ein Anderer spricht . Beim Theilen , da mußt Du eilen . In der Noth ist ein gut Pferd besser , als ein guter Freund ; und gute Freunde in der Haide bringen draußen manchem viel Leide . Viel Hunde sind des Hasen Tod , aber wenn Du des Nachts ausreitest , hüte Dich vorm Morgenroth . « Hans Jürgen war längst die Treppe hinunter , als der Alte noch in seinem guten Rathe fortfuhr . Aber er sah ihm freundlich nach : » Wird schon was aus ihm werden . Ein gutes Pferd muß scharf zugeritten werden . Aber ohne solchen kleinen Spaß versauert er ja . « Es war etwas los , das Alle wußten und keiner sprach es aus : nur Eine wußte es nicht . Bisweilen geht es in den Häusern zu , wie in den Schlössern der Könige . Was Alle wissen und sich zuflüstern und darüber lachen und sich freuen , weiß der Herr nicht , den es doch zunächst angeht , aber Niemand wagt es ihm zu sagen , weil sie ein böses Gesicht fürchten . Die Burgfrau , die sonst Alles sah und hörte , ja ihr entging nicht der stille Gedanke , der sich im Gesicht verrieth , heute sah sie nicht die emsige Geschäftigkeit , sie hörte nicht das Geflüster , und wenn sie sah und hörte , übersah sie ' s und überhörte es , denn ihre Gedanken waren anderswo . Durch die Böden und Kammern war sie mit dem Schlüsselbund treppauf , treppab , rechts und links und hatte das eine noch nicht gefunden , was sie suchte . Und dreimal schon war sie wieder an dem Knecht Kaspar vorbeigestreift , und dreimal hatte er ihr zugerufen : » Gestrenge Frau , nun ist ' s bald Zeit . « War ' s die schwüle Luft , hatten die Unholde es ihr angethan ? Sie fragte Niemanden , sie hätte sich ja selbst angeklagt , daß sie etwas vergessen , und gesehen hatte sie ' s doch , Stück für Stück war es durch ihre Hände gegangen , als sie abluden . Da schlug sie plötzlich die Hände zusammen . Wie ein Blitz leuchtete es vor ihren Augen . Sie war auf der Gallerie nach dem Hofe . Die Pferde standen gesattelt , der fremde Herr ließ sich noch einen letzten Trunk reichen . Eine Fackel warf ihr ungewisses Licht auf die Gruppe . » Da steht er ja . « Hans Jürgen schlug seine Hand in die seiner Muhme , die sie ihm hinhielt . » Ich bringe Dir was mit Evchen . « Eva lachte , als ob sie ' s bezweifelte . » So war - « sie hielt ihm schalkhaft den Mund : » Versprich nichts , Hans , Ehe Du ' s halten kannst . Du bist ja noch nicht fort . « - » Wer soll ' s mir nur wehren ! « rief er und seine Augen funkelten . » Der Herr ist mir gut , und wird was besseres aus mir machen , daß keiner sich mein mehr zu schämen braucht . « » Hans Jürgen ! « rief eine Stimme durch ' s Dunkel , wie eine Trompete , die zum Gericht schmetterte . Die , welche die Stimme kannten , fuhren zusammen ; es war der Ton in dieser Stimme , der ein aufziehendes Ungewitter ansagte . Eva zog ihre Hand zurück und senkte ihre Wimpern . Der , dessen Namen gerufen ward , riß die Augen auf , aber er ließ sie im selben Augenblicke wieder sinken . Es war gewiß ein Spuck der Nacht , oder eine arge Frau mußte die Edelfrau mit Blindheit geschlagen haben , als die Stücke vom Wagen geladen wurden . Der Sturm , der Wirrwarr allein konnte ihre scharfen Sinne nicht so geblendet haben , daß sie etwas sah , was nicht da war . Aber wie stand ihr jetzt alles klar vor Sinnen . Da hingen sie ja zwischen den Fichten , vom Winde geschaukelt , Hans Jürgen hatte die Wacht . Sie selbst war nicht mehr hingekommen , sie hatte nicht befohlen , sie abzunehmen . Wer sollte sich ' s unterstanden haben , es eigenmächtig zu thun ? » Hans Jürgen , wo sind sie ? « » Was , liebe Base ? « sprach der Ritter Lindenberg und erschreckte doch fast , als er die Frau sah , die ihn nicht sah . So aufgebracht , so keuchend und blaß war sie hinunter gestürzt und stand vor ihrem Kleinvetter , wie der Richter vor einem armen Sünder . » Wo sind sie blieben , Hans Jürgen ? « Es war , als sollte Hans Jürgen der festgeschnallte Harnisch vom Leibe fallen , seine Arme hingen schlaff herunter , die Pickelhaube sank nach vorn über . » O weh ! « seufzte Eva Bredow . » Meines Mannes Elennsbüchsen , Hans Jürgen ! Bist Du taub ? « » Unseres Herrn Elennsbüchsen , « wiederholte es stammelnd aus dem Dunkel des Hofes . Wenn die gestrenge Frau so erschien , fühlte Niemand sich gemüßigt vorzutreten . Der arme Hans Jürgen stand ganz allein und das Wort erstarb ihm auf der Lippe . Er stotterte etwas vom Krämer Hedderich , vom Sturm , vom Kurfürsten . Er hätte auch von den Sternen und seinem seeligen Vater reden können , er wußte nicht , was er sprach . » Wie siehst Du aus . Ist hier Mummenschanz ? « rief sie , die Fackel ihm fast in ' s Gesicht haltend . » Zum Aufpassen stellt ich Dich hin , nicht zur Narretheiung . « Mit einem raschen Griff hatte sie die Habichtsflügel und die Stahlhaube ihm vom Kopf gerissen ; sie flogen auf den Boden . Mit einem zweiten löste sie unsanft den Bauchgurt , der den Degen hielt , daß er klirrend zu Boden niederfiel , und zum dritten hatte sie ihn am Arme aus dem Kreis gerissen . » Den Harnisch soll da drinnen der Ruprecht lösen und den Rock ausziehen . Will ihn Dir verschließen ; Deines Vaters Erbstück ist zu gut zur Fastnachtsjacke . « » Verzeiht nur , gnädiger Herr , « wandte sie sich zu dem Ritter , » daß der ungeschickte Bub ' Euch Ungelegenheiten macht . Nichts als Mucken und Nucken im Kopf , wenn man ihm nicht allzeit auf die Finger sieht . « » Frau Base , « sagte der Ritter , » er sollte mir das Geleit geben , wie Ihr es bestimmt . « » Doch nicht als Mummelack ! Erst Birkenreiser und dann Ritterdegen . Der Hahn soll nicht über den Zaun fliegen . Die Leute lachten ja meinem Vetter von Lindenberg , einem kurfürstlichen Rath , nach , wenn er mit ' ner Vogelscheuche durch die Dörfer trottirte . « Der arme Hans Jürgen ! hörte er das stille Gelächter , in das auch der hohe Ritter , sein Beschützer , unwillkürlich einfiel . Die Bitte und Verwendung desselben half nichts , vielleicht weil sie nicht zu ernsthaft gemeint war . Dringen auf die Begleitung durfte er nicht , Peter Melchior flüsterte ihm zu : » Nehmt Euch in Acht , daß sie nicht den Spaß ' merket ! « Auch mochte er vielleicht nicht dringen . Die Gunst großer Herren ist ein Sonnenblick bei Aprilwetter . Er bedurfte zu nichts des Jungen . » Hans Jochem soll Euch ' s Geleit geben , auch Peter Melchior , so er Lust hat . - « » Nur bis zum Heidekrug , « fiel dieser rasch ein , » Muhme . Bin müd ' und will nächten bei meinem Gevatter in Golzow . Wenn morgen einer nach mir fragt , bin ich bei dem zur Nacht gewesen . « » Und Hans Jürgen ? « fragte lächelnd der Ritter , aber sein Lächeln galt dem vorsichtigen Peter Melchior . » Der nächtigen ! « rief die Edelfrau , » der soll gar nicht nächtigen und nicht schlafen , weil er schlief , als er wachen sollte . Denkt Euch , hat meines Herrn Leibkleid auf der Bleiche gelassen , und ich hab ' s ihm auf die Seele gebunden . Wozu ist er denn , wenn er zu nichts taugt ! Zum Maulaffenfeil , zum Brummen und Grunzen wird er nicht gefüttert , auch nicht zum Mummenschanz . Hinaus soll er , auf der Stelle hinaus , und nicht wiederkehren bis er ' s findet und bringt . Ich sollte strenger sein ; aber dank ' s dem Herrn . Ist das Zucht ? Hast Du die gelernt in meinem Hause , daß ich ein Aug ' zudrücke . Ach , Herr von Lindenberg , man hat mit dem Jungen seine Noth . Trotz und Uebermuth , und mein Mann ist ein guter Mann , aber zur Erziehung taugt er nicht . Ihr wißt doch , wie er eigensinnig ist auf das alte Erbstück , ich habe meine Noth damit , und gerade die ließ der Junge draußen im Stich , und weiß , wie ' s mir an die Seele geht . Aber Ihr habt Eile - « » Sagt ja , « kreischte Peter Melchior dem Ritter in ' s Ohr . » Sie sagt Euch sonst die ganze Litanei von den Hosen - « Es polterte und rasselte über die Zugbrücke , sie knarrte wieder , und das Fallgitter fiel in seine Fugen , die Fackeln erloschen , die Knechte und Mägde schlichen zurück . Warum mußten sie im Vorbeigehen alle auf ihn sehen , warum draußen durch das Fenster nach ihm schielen , warum wiesen sie mit den Fingern nach ihm ? er dachte es sich wenigstens . Der Harnisch lag auf der Erde , der Wappenrock hing über der Schemellehne ; den Degen seines Vaters hatte die Muhme vor seinen Augen in den großen Schrank verschlossen . Da perlte ihm die erste Thräne aus dem Auge , als sie vor Allen zu ihm gesprochen : » Lerne was , dann kannst Du was , aber was Hänschen nicht lernt , wird Hans nimmer lernen , und der Du nicht gelernt vor einer Leine Wache stehen , wie soll er vor ' m Feind seine Schuldigkeit thun . « Sein Stolz war geknickt , sein Muth gebrochen . Wie höhnisch hatte ihm Hans Jochem vom Rosse zugenickt . Der war nun glücklich , der durfte sein Probestück ablegen , der brachte seinen Muhmen Geschenke zurück . Von ihm würden Alle sprechen ; wie würde er stolz des Sonntags zur Messe schreiten , wie sollten ihn die Leute ansehen und ihn würde der vornehme Herr von Lindenberg mitnehmen nach Berlin , ihn in ' s Schloß nach Kölln bringen . Da ward er dem Kurfürsten vorgestellt , kam in die Ritterschule , erhielt besondere Aufträge und stieg in Ehren und Ansehen . Eine goldene Kette hing um seinen Hals , die schönen Fräulein sahen ihn mit Wohlgefallen an , sie scherzten mit ihm und ließen sich gern von ihm unterhalten , und wenn er einmal zurückkam in das Schloß seines Verwandten , selbst nun ein hoher , vornehmer Herr , da würde man ihm entgegenstürzen , wie heut dem Herrn von Lindenberg , vielleicht rief die Base wieder den Hans Jürgen , daß er dem Reiter den Steigbügel halte , daß er sein Pferd in den Stall führe , und er - Es war zu viel , zu rasch , zu bitter war die Täuschung gekommen ; die Thränen stürzten ihm aus den Augen und das Gesicht in die Arme drückend , lehnte er sich unter heißen Thränen an den Ofen . Nun war es ganz still geworden . Die Hunde im Hofe schwiegen ; das Stroh raschelte noch , auf dem die Knechte sich wälzten ; das Feuer im Heerd war niedergebrannt , einzelne Kienäpfel knisterten noch und sprangen . Die Geisterstunde war ' s und er allein . Im Augenblick fürchtete er sich nicht . Und wären die Unholde alle aus dem Schlot niedergefahren , was konnten sie ihm thun , er war ja schon vernichtet ! Wenn sie ihn umringelt , umstrickt hätten , wenn die Erde sich gespalten und er niedergesunken wäre ins ewige Grab , was war das Schlimmes für ihn ? Dann brauchte er nicht mit verschämtem Antlitz das Morgenlicht anzusehen , nicht den Gesichtern zu begegnen , die ihn alle fragten : bist Du noch hier , Hans Jürgen ? Solche Stimmungen dauern nur kurz . Das war ein erlogener Muth . Als die Eulen draußen anfingen zu heulen , als der Wind wieder in einzelnen Stößen durch die Kiefern sauste , als er an den langen schauerlichen Weg dachte , den er allein bei Nacht und Nebel durch die verrufene Gegend machen sollte , fröstelte ihn . Und es war Zeit . Er hörte es die Treppen herunter rascheln . Die Burgfrau war es , aber wie ein Gespenst , das Schlüsselbund klapperte an ihrer Hand , aber das Eisen war verrostet , das giebt einen eigenen Klang . Er wollte um Alles in der Welt nicht noch einmal ihren zornigen , verächtlichen , vorwurfsvollen Blick aushalten . Er mußte fort , und die Sohlen waren ihm doch wie fest am Boden angewurzelt . Es säuselte und rauschte durch die Luft , leise Tritte schwebten näher und der kalte Angstschweiß stand ihm auf der Stirn , als ein sanfter Druck seinen Arm berührte und eine weiche Stimme seinen Namen sprach . Es war kein Geist auch die Edelfrau nicht , und dennoch durchzuckte ihn ein tiefer Schmerz , als Eva ' s Augen durch die Dämmerung ihn anblickten . » Kommst Du auch , um mein zu spotten ? « » Hans Jürgen , ich komme nicht , um Dein zu spotten . Du mußt fort . Wir haben die Mutter gebeten ; allein sie ist gar aufgebracht . Du weißt wie Vater ist , wenn er aufwacht . « » Schimpf mich nur , ich hab ' s um Dich , ich hab ' s um Euch verdient . Wenn er tobt und flucht , kriegt Ihr es auf den Hals . Laß mich doch hier und stellt mich hin . Ich verdiene es . Was lief ich fort , nun ist ' s an mir , daß ich dafür büße . « » Ach Hans Jürgen , Du mußt ja schon büßen . « » Weine nicht Eva , Du bist ein gutes Mädchen . « » Ach wenn nicht die Waschbank gewesen und ich Dich nicht geneckt - « » Dann hätte ich Wache gestanden , bis ich aschgrau wurde , « fiel er ein . » Ich stände noch jetzt . Nein , Deine Mutter war ' s , die rief mich ab , daß ich dem Schurken von Krämer nachsetzen mußte , und dann mußte ich ihm seinen Packen aufladen . Darüber ward ' s vergessen . Du bist nicht schuld , Eva . Der Hedderich ist ' s , Deine Mutter ist ' s , ach ich weiß nicht , was ich rede ; aber ' s ist gut , wenn sie Einen haben , dem sie Alles aufladen können , dazu bin ich gut , zum Sündenbock . Nun laß mich gehen , Evchen , nun ist Alles aus ; nun werde ich mein Lebtag nichts . Sie werden mit den Fingern nach mir weisen und pfeifen , und sie haben Recht . Hans Jochem , der wird lachen , der wird wiederkehren . Dem werden sie um den Hals fallen , Mutter und Vater , und Du auch , Eva - « » Ich nicht . « » O verred ' es nicht . Wer nur Glück hat , dem kommt Alles entgegen . Aber wer Unglück hat , der kann anfangen was er will , dem gelingt nichts . So hat ' s meine Mutter seeliger gesagt und so probirt sich ' s an mir . Hinaus soll ich und das Zeug holen und nicht wiederkehren , bis ich ' s fand . Und wenn ich ' s nun nicht finden thu , dann geh ' ich suchen , suchen , bis - bis Ihr mich vielleicht auch suchen geht und nicht findet . Die Welt ist weit , und wenn mich kein Irrwisch verlockt und ich nicht im Sumpf stecken bleibe oder über einen Strauch falle und ein Bein breche und ein Rudel Wölfe erbarmt sich mein , so ist ' s am End zum Besten , ich mach ' mich gleich auf die Beine und kehr ' nimmer wieder . Die Rosse zeichnen und den Tauben pfeifen und Wacht halten bei der Wäsche , o dazu werden sie auch anderswo mich brauchen können . Dazu ist ' s nicht nöthig , ein Anverwandter zu sein vom Hause . Dann fragt wohl Einer , aber wo ist denn Hans Jürgen blieben ? Und wenn ich nimmer wieder kommen thue , dann sagt Ihr wohl am End : ' s ist doch schad ' um ihn , und daß er darum - « Sie hatte seine Hand gefaßt , und er fühlte , daß sie etwas hinein drückte : » Du wirst heimkehren und glücklich . Bewahre das , und thu ' s um den Hals . « » Was ist ' s ? « » Das Amulet , was ich von der Großmutter seeliger habe . Wer das auf dem Herzem trägt , dem können die bösen Mächte nichts anhaben , wenn er auf guten Wegen geht . « » Eva das ist Dein . Nimmermehr , das nehm ich Dir nicht . Das mußt Du behalten . « » Ich geh ' ja nicht in der Nacht aus , wo die Unholden Macht haben . Zumal auf den Kreuzwegen , da drücke es recht fest an ' s Herz . Und an der Schnur thust Du ' s um den Hals . « » Eva Du - « » Gott bewahre , hier in der Burg . Da sind ja keine Unholden . Vorhin , als ich lauschte dem Gespräch , und der Ritter Euch zusprach , da ward mir recht bang und ich drückte das Herzlein an mein Herz . Und da schon dachte ich , ich wollte es Dir geben , wenn Du mit ihm ausrittest , aber dann schämt ' ich mich wieder . Hans nimm ' s , steck ' s ein , sag ' s Keinem . Bring ' s mir wieder , wann ' s Dir gut gegangen . Fort , nur fort . Rede nicht weiter , lieber Hans Jürgen , das thut nichts . Die lieben Englein sind bei Einem auch ohne Amulet , sagt die Mutter , und die kann ' s eigentlich nicht leiden ; nur weil ' s von der Großmutter seeliger kommt , die hielt soviel drauf . Nun sei ein guter Junge und geh , und behalt mich lieb und Keinem sag ' davon was . « Er stöhnte tief auf : » Ach Eva , Gott lohn ' s Dir , und ich will ein schlechter Kerl sein , wenn ich Dir nicht Alles verzeihe , was Du mir zum Possen gethan hast mit den Andern . Weine nicht Evchen , beim lieben Gott im Himmel und allen Heiligen , ich weiß nicht , was ich spreche . Es geht mir so im Kopf um . Aber wenn ich dachte , nun das wird doch gelingen , da wirst Du mal Lobs hören , da sollen sie mal sehen , wie ich kein dummer Junge bin , wie ich mich gut halte , weißt Du , an wen ich dachte ? Nicht an mich , nur an Dich . Dir wollte ich das Beste bringen , was ich fände . Dann würdest Du mich freundlich ansehen . Nicht darum etwa . Ach Gott bewahre . Denn ich wußte doch , daß Du mir gut bist , aber Du schämtest Dich mein , weil ich so gar nichts bin . Und nun hättest Du Dich einmal freuen können und nicht schämen brauchen . Und nun ist mit einemmal Alles anders , ich bin schlechter als ich war , und der Hans Jochem - « Er hielt inne , denn er glaubte einen Seufzer zu hören ; aber Eva seufzte nicht . » Nun ich will ' s ihm gönnen , « fuhr er fort , » denn ich habe Dein Amulet . Ich bring ' s Dir wieder , Eva , ganz gewiß . Und wenn er auch ein Herr wird und zurückkommt mit Beute und Ehren , und Alle ihn loben , und ich komme verachtet wieder und ausgelacht , und meinethalben auch als ein Krüppel , so weiß ich doch - « Sie schlang ihre weichen Arme um seinen Nacken und drückte einen Kuß ihm auf die Lippen : » Bleib mir gut , ich bleibe Dir auch gut . « Rasch zog sie ihn fort : » Nun darfst Du nicht länger weilen . « An der Thür blieb er noch einmal stehen . » Aber Dein Vater , Eva - « » Sei ohne Sorgen . Nun hat es noch Zeit . Die Mutter hat ' s mit dem Kaspar abgemacht , daß der ihm noch einen Morgentrunk reichte . Er steht nun nicht auf , bis der Hahn kräht . Ach wenn Du dann zurück wärest . « » Komm gesund zurück , Hans Jürgen ! « rief eine andere weibliche Stimme , und eine weiße Hand streckte sich ihm entgegen . Nun bemerkte er erst unter dem Dunkel des Schwiebbogens , daß Eva nicht allein war . » Weinst Du auch , Agnes ? « Eva flüsterte ihm zu : » Still ! Es schnitt ihr was in ' s Herz , als er ausritt . « » O wenn er wiederkommt . « Trauernde hören scharf . » Dann wird er mich auch nicht ansehen , « schluchzte Agnes . » Aber - « » Was denn , Agnes ? « » Ach ich möchte , die Mutter hätte ihn ausgeschickt , wie sie Dich ausschickt . « Das verstand Hans Jürgen nicht . » Dann wär ' er nicht mit dem Ritter aus . « » Was weinst denn , Agnes ? « fragte Hans Jürgen besorgt , denn das Mädchen wiegte sich in stillen Thränen . » Preise Du die Gebenedeite , Hans Jürgen , « sprach Agnes , » daß Du aus den Stricken der Versuchungen kommst . Ein böser Tag war ' s , aber die Nacht wird noch schlimmer . Geh mit Gott , lieber Junge , und wenn Du Hans Jochem siehst , sag ihm - ach sag ihm nichts , er lacht Dich und mich aus . Wie Gott will . Mir liegt ' s auf der Brust wie Blei . « So gut war es Hans Jürgen nie geworden , und es dünkte ihm wohl ein besonderer Tag , daß die beiden lieben Muhmen ihm das Geleit gaben und um sein Wohlergehen sich kümmerten , als wäre er ihr lieber Bruder . Sie standen am Hinterpförtlein , das nur für die Burgleute geöffnet wird und wo sich Nachts ein Bote oder Kundschafter in schlimmen Zeiten hinaus schleicht , der nicht gesehen sein will . Den Weg durch den Sumpf kennt nur ein vertrauter Mann . Der Thorriegel rasselte zurück , die Thür drehte sich in ihren Angeln . » Leb wohl , Hans Jürgen ! « und Eva hauchte ihm noch einen Kuß auf die Wangen , und ehe er sich des versah , fiel ihm auch Agnes um den Hals : » Denk nicht schlimm von mir Hans Jürgen . « Da stand er draußen und wußte nicht wie ihm geschehen . Es war ihm wie ein Traum . War er ' s , den sie noch eben ausgestoßen und ausgeschickt wie einen Hund , dem man einen Fußtritt giebt , und nun - ! Es war ihm , als ob die ganze Nachtgegend hell würde , als ob ein Rosenlicht über den Sumpfdünsten schwebte , und die feuchte Luft dünkte ihm wie ein süßer Athem , der der Brust wohl thut . Nun graute ihn nicht mehr vor dem einsamen , langen Wege . Die Eulen mochten schreien , der Wind heulen , die Kiefern knarren . Er hatte Muth , Muth wie der Pilger , der zu einem Heiligenbilde wallfahrtet , denn der Heilige ist ihm im Traum erschienen , und hat ihm verheißen , daß er das Ersehnte durch Nacht , Sturm und Ungethüme erreichen werde . Behende ließ er sich den steilen Erd-Abhang hinunter , wo ein Anderer auch bei Tage vorsichtig die Füße setzt ; behende sprang er am Pfahlwerk über den Graben , ohne das aufgezogene Brett herabzulassen und suchte alsdann leichten , aber sichern Fußes den Weg durch die Sumpfwiese . Ein Anderer , und auch er zu anderer Zeit , hätte den kleinen Umweg über das Dorf nicht gescheut . Doch wozu sollte er die Hunde wecken , sprach er bei sich , aber er dachte anders . Auf dem kürzesten Weg kam er ja am schnellsten zum Ziel und am frühesten zurück . Er wußte jetzt nichts von Gefahr , und in gerader Richtung kreuzte er den verrätherischen Boden . Er dachte nicht an die Irrwische , die vor dem Muthigen sich nicht zu zeigen wagten : die weißen Mummeln , die durch die Nacht blitzten , lockten ihn nicht . Eine falsche Richtung ; wenn er einmal falsch trat , und er versank bis an den Leib in den tückischen Moor , er hätte sich die Lunge ausschreien können um Hülfe bis Morgengrauen , wer hätte ihn gehört ! Und wenn der wendische Bauer im Dorfe es hörte , wenn er die Frau ängstlich weckte , die hätte gewimmert : so schreit der Kobold ! und Beide wären mit dem Kopfe unter die dicke Bettdecke gerutscht , bis auch er bis an den Hals versank und die Moordecke über seinem Kopfe zusammenschlug . Noch war eine Strecke Weges vor ihm und die Feuchtigkeit netzte durch die Sohlen seine Füße , ohne daß der Boden fester wurde , als es im Dorf Mitternacht schlug . Er glaubte ein Geräusch zu hören , vielleicht ein Wasservogel . Er sah sich um . Durch den grauen Moordunst schimmerte eine schwarze lange Gestalt . Wer konnte ihm folgen ? Doch hastete er seine Schritte . Aber bei einer Wendung sah er es abermals . Mit langen Schritten bewegte sich die hagere Gestalt in derselben Richtung . Es mochte doch ein Augentrug gewesen