ich kenne auch den wilden Blauhut . Sie geben klein zu , wenn man ihnen recht derb mit hartem Schuh auf die Zehen tritt . Muth und Ausdauer machen sie ängstlich und furchtsam . Und was wollt Ihr denn , guter Freund ? Seid Ihr denn nicht im vollkommensten Recht ? Mädchenraub ist , Gott sei Dank , in christlichen Landen vor jedweder Obrigkeit ein Verbrechen . Darum nur geklagt , Freund ! Der Blauhut muß mir durchaus an den Pranger ! « » Er ist mein Herr ! « sagte dumpf der Wende . » Desto besser ! Der Herr muß seine Unterthanen schützen , er darf sie nicht mißhandeln . « » Ich bin nicht sein Unterthan , guter Mann . « » Ja zum Teufel , was seid Ihr denn sonst ? « » Sein Leibeigener ! « murmelte Sloboda mit einem furchtbaren Blick gen Himmel , indem er seinen Hut wieder abnahm und dem theilnehmenden Deutschen das Zeichen der Knechtschaft , den glänzenden Lederriemen um Stirn und Haupthaar , zeigte . » Ich muß schweigen und dulden , « setzte er hinzu , indem Zorn und Ingrimm seinen Augen bittere Thränen entpreßten , » denn wenn mir der Herr nicht an ' s Leben geht , habe ich wider ihn kein Recht . Auch ist er sonst immer gut gegen mich gewesen und ich habe keine Noth bei ihm gelitten . Erst seit die Schönheit meiner Tochter ihn berückt hat und ich mich seinem Befehle , den ich für ungesetzlich halte , geweigert habe , behandelt er mich hart . O ich wollte , ich wollte - ! « Und beide Hände geballt zum Himmel erhebend , knirschte der Wende mit den Zähnen und stieß einen fürchterlichen Fluch über alles Herrenthum aus . » Lieber Freund , « versetzte jetzt der Maulwurffänger - denn dieses Geschäft betrieb der Mann mit den Drähten - » mit blinder Wuth ist in Eurer Lage nichts zu gewinnen . Ich glaubte Euch nur hofepflichtig ; daß Ihr leibeigener Knecht seid , ändert die Sache freilich , doch verloren habt Ihr deshalb noch immer nicht . Ich rechne mir nämlich , daß es einen Weg gibt , auf welchem diesen Herren beizukommen sein muß . Das , lieber Freund , ist die Ruhe , die Schlauheit , die Verstellung ! Und Ihr müßtet doch , mein ' ich , kein eingebornes Kind dieses Landes sein , wenn Ihr nicht die zehn Gebote aus dem Katechismus des gemeinen Mannes vollkommen begriffen haben solltet ! Was mich betrifft , seht Ihr , so ist Schlauheit die Seele meines Geschäfts . Der Maulwurf ist ein verteufelt kluges Thier , der Euch die schönsten Anschläge zu nichte macht , wenn Ihr ihn nicht zu überlisten versteht . Mich aber täuscht so eine blinde Ereatur nicht , denn ich kenne ihre Weise . Wo ich meine Drähte in ' s Erdreich senke , da zappelt auch der unermüdliche Schaufler mit fest zugeschnürter Kehle , bevor zwölf Stunden in ' s Land gegangen sind . Darum , Freund , ist es mein Rath : seid klug und besonnen ! Haltet Euch alle Leidenschaftlichkeit fern und senkt Fangdrähte in den Grund und Boden Eurer Herren so geschickt , so schlau , so heimlich , daß auch der Klügste sie nicht spürt , und ich versichere Euch , binnen hier und zehn Jahren seid Ihr frei , wie der Vogel in der Luft . « » Euer Wort in Ehren - wie seid Ihr getauft ? « » Heinrich , Euch zu dienen , in ' s Gemeine Pink-Heinrich . « » Euer Wort in Ehren also , Heinrich , die Sache mag ihre Richtigkeit haben , allein ich selber kann nichts dazu thun . Für mich gibt es keine Hilfe , ich muß dulden und sterben . « » Laßt mir den Kirchhof aus dem Spiele , « versetzte Heinrich , » ich bin gerade kein sonderlicher Liebhaber von dem Gewürm . Doch sagt , wie hängt denn die Geschichte mit dem Blauhut und Eurem Kinde zusammen ? Ihr ließt vorhin em Wörtchen von Rechtlosigkeit und Willkür des Grafen fallen . Könnten wir ihn daran päcken , so sollte er schon zappeln , daß ihm die Augen aus dem Kopfe sprängen ! « » Darüber kann ich Euch die beste Auskunft geben , « fiel Ehrhold ein . » Vor etwa vierzehn oder sechzehn Tagen , müßt Ihr wissen , schrieb der Herr einen Gesindetag aus . Ich gehöre ihm erbunterthänig zu mit den Meinigen , denn der Edelhof , zu dem unser Dorf gehört , ist sein ihm verschriebenes Eigenthum . Nun war dazumal meine Pathe , das Haideröschen , grade zu Besuch bei mir , als die Dienstladung kam . Als eine Fremde meldete ich sie nicht als hofepflichtig , denn ihr Vater , der Jan Sloboda , steht unter der Herrschaft des alten Grafen und frohnt und dient dem Schloß im See , wie wir die alte Burg Boberstein nennen . Meines Wissens ging dem Haideröschen der Dienstruf des jungen Herrn gar nichts an und ich war im Recht , daß ich sie nicht zur Dienstschau abschickte . Es hätte wohl auch kein Hahn darüber gekräht , wäre nicht zum Unglück am nämlichen Tage der junge Herr in unser Dorf gekommen . Obschon es eigentlich nicht seine Art ist , sich um uns arme Leute viel zu bekümmern , stieg er doch am Kretscham ab und trat in die Schenkstube , wo sein Voigt eben mit Aufzeichnung der Namen aller Mädchen beschäftigt war . Ich verwette meinen Kopf , die vielen hübschen Gesichter hatten den Herrn ganz allein hereingelockt ! Wie er nun die verschämten Kinder mit Kennerblick mustert und Dem und Jenem ein freundlich aufmunterndes Wort sagt , tritt Röschen ein , um mich heimzuholen , weil das junge Fohlen , weiß der Himmel wodurch , den Koller gekriegt hatte . Kaum sah der Junker Blauhut meine Pathe , so fragte er , wer sie sei ? Und als ihm der Name Sloboda genannt wird , befiehlt er , das arme Ding ebenfalls auf die Dienstliste zu setzen . Daß wir im Namen des Vaters Einwendungen machten , war natürlich , und daß Röschen selbst keine Lust zeigte , in die Dienste Blauhuts zu treten , könnt Ihr Euch denken , wenn Ihr erwägt , was die Sage von dem jungen Herrn berichtet ! Nach einigem Hin- und Herreden stand er auch scheinbar von seinem Entschlusse ab , allein kaum war ich heimgekommen , als auch der Graf in mein Haus tritt , mit Röschen schön thut und ihr lauter schöne Dinge vorsagt . Darauf nahm er mich bei Seite und bot mir goldene Berge , wenn ich ihm das Mädchen auf den Edelhof schicken wollte . Ich weigerte mich dessen in zweideutigen Worten , um den Drängenden nur aus dem Hause zu schaffen . Der Graf ging , zufriedengestellt . Drauf melde ich Sloboda das Vorgefallene , und weil ich wußte , daß er in den letzten Tagen auf des alten Grafen Befehl in Görlitz sein werde , versprach ich ihm , hier mit ihm zusammenzutreffen , um über die gefährliche Angelegenheit zu sprechen . Wie ich daran verhindert wurde , habt Ihr selbst mit angesehen . « Der Maulwurffänger , der seine hellen schlauen Augen bald über die Gegend schweifen , bald auf dem Sprechenden ruhen ließ , schüttelte bedenklich den Kopf , zwischen den beiden Männern langsam fortschreitend . » Wo seid Ihr zu Hause ? « fragte er . » Führt Euer Weg nicht bis in ' s Niederland , so begleite ich Euch eine Strecke . « » Ich wohne zwei gute Stunden von hier hinter den Teichen , « versetzte Ehrhold . » Das junge Volk da vor uns ist eben daher . « » Seitwärts Rothenburg ? « » Ganz recht . Der Ort heißt die Zeisel und steht unter dem jungen Grafen , der auf dem eine Stunde südlicher gelegenen Zeiselhofe wohnt . Was Wendisch ist , gehört ihm zu mit Leib und Leben . Die Deutschen haben mehr Glück gehabt , denn sie brauchen ihm blos noch etliche Frohntage zu leisten . « » Da gehen unsere Wege wacker zusammen , « erwiederte der Maulwurffänger . » Ich habe Kunden in jener Gegend , die ich immer einmal mit umstoßen kann . Unterwegs besprechen wir wohl noch Eins und das Andere . « Freudig nahmen die niedergeschlagenen Wenden die Begleitung des Deutschen an . Obwohl Jan Sloboda den Maulwurffänger bisher blos von Ansehn und Hörensagen kannte - denn Heinrich war in sehr weitem Umkreise ein in seiner Art berühmter Mann - so war es ihm doch grade in seiner jetzigen düstern Stimmung angenehm , einen verständigen Begleiter gefunden zu haben , dem er nicht zu mißtrauen brauchte . Oft schon hatte er von deutschen Bauern gehört , daß der Maulwurffänger , der aus dem Grenzgebirge stammte , ein geschworner Feind des drückenden Herrenwesens sei , das noch so schwer und entwürdigend auf dem Volke lastete . Die vielen Frohn- und Hofedienste , welche Bauer , Gärtner und Häusler verdammten , die schönsten Tage im Jahre dem Gutsherrn zu opfern , der sich Besitzer des Ortes nannte , und ihn dadurch an Verbesserung und gehöriger Bearbeitung des eigenen Grund und Bodens hinderte , hatten ihn längst geärgert . Wo sich Gelegenheit fand , den Saamen der Unzufriedenheit unter dem hörigen Volke auszustreuen , benutzte er sie klug , und warf wohl auch bisweilen eine Hand voll Unkraut mit aus . Seine ihm angeborene und in einem thätigen Leben äußerst geübte Schlauheit bewahrte ihn bei diesem gefährlichen Geschäft vor jedem Mißgriff , der ihm selbst hätte nachtheilig werden können , und so erwarb er sich zahlreiche Freunde unter den gemeinen Leuten , ohne die Gunst der Herren , die er ebenfalls brauchte , zu verscherzen . Ein gewissenhafter Mann in streng christlichem Sinne würde ihn wahrscheinlich einen Schalk genannt und ihn der Zweiächselei bezüchtigt haben , die wahre Cultur aber , die nie und nirgend solche aus Gut und Böse , aus Erlaubtem und Unerlaubtem , aus Herzensgüte und lächelnder Falschheit zusammengesetzte Charaktere entbehren kann , besaß in ihm ein unschätzbares Instrument , um die heiligen und großen Zwecke des Fortschrittes , der Volksbildung , der Verbreitung gesunder und freier Ideen im Volke fördern zu helfen . Wir wollen nicht behaupten , daß der Maulwurffänger sich dieses segenbringenden Zweckes um diese Zeit schon vollkommen bewußt gewesen sei , ihm genügte vorerst der Reiz , den alles heimliche Miniren für ihn hatte , weil es ihn einfach ergetzte und unterhielt , dem Gedrückten zu nützen und dem Mächtigen stechende Dornen in das bequeme Leben zu streuen . Bei dieser etwas frivolen Lebensansicht und bei seiner Beschäftigung , die ihn zu fortwährendem Herumziehen im Lande nöthigte , war es kein Wunder , daß Heinrich in seinen Mitteln nicht wählig war , und daß er häufig auch mit Menschen verkehrte , die in der bestehenden bürgerlichen Ordnung nur ein Hemmniß der Erdenglückseligkeit erblickten . Sloboda und Ehrhold gaben auf alle Fragen , die Heinrich aushorchend an sie richtete , des Breitesten Antwort , und dieser erfuhr dadurch Alles , was er zu wissen begehrte , um den Bedrückten in seiner Weise nützlich werden zu können . » Habt keine Sorge um Röschen , « sprach er hierauf , mit den Wenden rüstig weiter schreitend . » Ein Mädchen mit gesunden Augen und natürlichem Tact führt Euch den abgefeimtesten Teufel ein paar Tage lang an der Nase herum ! Mir ist nicht bange um das liebe Kind . Der Junker wird sich vor ihr , sie sich nicht vor ihm beugen müssen . Nur die ersten Stunden der Angst und Beklemmung werden sie peinigen , später möchte ich wetten , daß sie leichter und besser als wir ihren Vortheil zu wahren verstehen wird . Darin sind die Weiber noch pfiffiger als die Juden ! - Doch was ich Euch fragen wollte , lieber Jan , habt Ihr nicht gehört , wem das Fräulein angehört , das schon seit Jahr und Tag auf der Burg des alten Grafen lebt ? Es wird viel darüber gefabelt , was Alles ich nicht glauben kann . Nur so viel weiß ich , daß es zwischen Himmel und Erde etwas Lieblicheres , als Fräulein Herta , wie man sie nennt , nicht gibt ! « » Ich sah letzthin das Fräulein mit dem alten Herrn durch den Wald reiten , « versetzte Sloboda , » und wirklich bei ihrem Anblick ward mir zu Muthe , als schwebe ein Engel vorüber ! « » Es muß eine eigene Bewandniß mit dieser Herta haben , « fuhr der Maulwurffänger fort . » Der alte Graf , ein braver Herr , wie mich dünkt , trägt das Fräulein auf den Händen , und auch die Frau Gräfin , die doch eine stolze Frau ist , lächelt immer recht freundlich , wenn sie das feine schlanke Mädchen erblickt , ja sie läßt es sogar geschehen , daß Herta ihr um den Hals fallen und sie nach Herzenslust küssen darf , was ich ihrer eigenen Tochter , wenn sie eine hätte , nicht rathen würde . Aus alle dem geht hervor , Freund Jan , daß sie von gar vornehmer Abkunft sein muß . « » Sehr möglich , « sagte Sloboda . » Die Verbindungen der gräflichen Familie sind groß und sollen sogar mit dem churfürstlichen Hause verzweigt sein . « » Wißt , Jan , ich habe einen Gedanken ! Ihr müßt das Fräulein zu Eurer Fürsprecherin machen . Junker Blauhut fürchtet den Alten , weshalb er auch selten auf das Schloß im See kommt . Stecken wir uns nun hinter diesen und lassen ihm durch Herta die Gewaltthat des Sohnes vortragen , so könnt Ihr versichert sein , daß der Nichtsnutz Euch das liebe Kind binnen wenig Tagen mit Extrapost in den Hof fahren läßt ! « » Wer soll einen so gefährlichen Auftrag übernehmen ! Ich selbst ? - Mir würde man nicht glauben , und ein Anderer ? Ach , Heinrich , Ihr kennt die Menschen und ihren Eigennutz nicht ! « » Hat das nette Ding denn keinen Liebsten ? « fragte etwas ungeduldig der Maulwurffänger . » Die Burschen sind ihr wohl alle gut und gingen für sie durch ' s Feuer , aber erklärt hat sich doch noch keiner . « » Noch keiner ? « warf Clemens ein , der einige Schritte vor den rathschlagenden Männern mit den Uebrigen ging , und drehte sich um . » Fragt Vater Ehrhold , ob Haideröschen ohne Schutz ist ! « » Ehrhold ? « sagte Jan gedehnt , den jungen Burschen mit langen Blicken messend . » Er weiß , was ich nicht lang und breit erzählen mag . Ich liebe das Haideröschen und habt Ihr nichts dagegen , Vater Jan , und kommt sie heil und rein wieder zurück in unser stilles Dorf , so gibt ' s eine lustige Hochzeit , noch ehe die Blätter fallen ! « Der Maulwurffänger lachte leise und sah den Wenden mit dem verschmitztesten Blick seiner muntern Augen an . » Da haben wir ja gleich einen Unterhändler , wie wir ihn nur wünschen können , « sagte er . » Gelt ' , frischer Junge , Du scheust eine Tracht Prügel nicht , wenn Du der schmucken Dirne und ihrem trauernden Vater einen Dienst erweisen kannst ? Legen sie Dich in den Stock , je nun , so sitzest Du eben auf demselben Ehrenplatze , auf welchem vor Dir schon sehr viele ehrliche Leute gesessen haben . Wer liebt und das Herz auf dem rechten Flecke hat , fürchtet weder den Teufel noch seine Großmutter ! « » Ich bin zu Allem bereit , « versetzte Clemens . » Laßt mich nur wissen , was ich zu thun habe ! « » Nachher , wackeres Blut ! « sagte der Maulwurffänger . » Ich sehe die Teiche durch das Gesträuch schimmern , und da ich einmal so weit mit Euch gelaufen bin , werdet Ihr mich hoffentlich eine halbe Stunde bei Euch ausruhen lassen . Da können wir das Nähere besprechen . Wichtiger ist es , dem Junker sogleich beizukommen , und da ich mich so tief in die Sache eingelassen habe , möchte ich am liebsten selber mit ihm reden , vorausgesetzt , daß es Euch recht ist . « » Ihr wolltet , Heinrich ? « rief Sloboda erfreut und erstaunt zu gleicher Zeit aus . » Habt Ihr auch den Zorn des jungen Herrn überlegt ? Er vergibt Euch nie mehr , wenn Ihr seine Wege kreuzt , und wird Euch auf Schritt und Tritt verfolgen , denn in ihm wohnt eine böse , tückische , verwahrloste Seele ! « » Aus Blauhut ' s Zorne mache ich mir nicht so viel ! « sprach der Maulwurffänger lächelnd , indem er mit aufgeworfener Lippe über die Spitzen seiner Finger hinblies . » Ich bin ein freier Mann , dem er nichts zu befehlen hat . Bisher fing ich ihm redlich das blinde Gewürm von seinen Aeckern , wofür er mich immer pünktlich bezahlt hat . Will er mir fernerhin die Kundschaft entziehen und sich die Felder von dem Ungeziefer ruiniren lassen , so steht ihm das frei . Mich soll die Ungnade des Grafen Magnus wenig kümmern , wenn ich um so geringen Preis einem Armen helfen und ein schreiendes Unrecht verhüten oder hintertreiben kann . « Gerührt über ein so uneigennütziges Anerbieten ergriff Sloboda Heinrich ' s beide Hände , drückte sie mit Inbrunst und umarmte ihn , seine Stirn küssend . » Vergib , « sagte er , » daß ein Leibeigener einen freien Mann des Volkes zu umarmen und Bruder zu nennen wagt ! Ich kann nicht anders , mein Herz treibt mich dazu . - Hast Du doch selbst gesagt , daß die Kette , die noch an meinen Händen klirrt , gebrochen zu werden verdiente . Nimm an , ich sei frei , wie Du , ich brauchte nicht mehr blindlings den Winken eines launenhaften Herrn zu folgen , und die Schmach , die auf der Person eines Leibeigenen haftet , wird Deine freie Seele nicht beflecken ! « » Ich bin Dein Bruder , Jan Sloboda , « erwiederte Heinrich ernst , Händedruck und Kuß erwiedernd . » Und nun noch eine Bitte , « sagte Ehrhold . » Tretet als Gast in meine Hütte ! Sie ist zwar ärmlich , aber rein und unentweiht von jeder Frevelthat ! « » Ich will die Abendmahlzeit mit Euch und Eurem Freunde theilen , « versetzte der Maulwurffänger , denn wenn ich ehrlich sein soll , so muß ich gestehen , daß ich einen recht gesunden Appetit verspüre . Verspätigen wir uns auch beim Gespräch und bricht die Nacht herein , ehe ich meinen Stab weiter setze , so soll mich das wenig verschlagen . Mir sind alle Wege und Stege im Gebirge , in Ebene und Haide genau bekannt . Die Wanderer hatten auf verschiedenen zwischen den Teichen hinlaufenden Dämmen die fischreichen Weiher durchschritten und erreichten jetzt das Dorf , wo Ehrhold wohnte . Zwischen Wald und sanft ansteigenden Wiesen in breitem Thalgrunde gelegen , den ein heller Bach durchrieselte , machte es einen freundlichen Eindruck . Die mit Moos und Gras bewachsenen Strohdächer leuchteten im goldigen Duft der bereits niedrig stehenden Sonne . Auf den Forsten mehrerer Häufer zeigten sich Storchnester , deren Bewohner noch nicht aus ihren afrikanischen Winterquartieren zurückgekehrt waren . Die alten Mütterchen und Greise des Dorfes saßen vor den Haus- und Hofthüren , während verheirathete rüstige Frauen und Männer auf dem ungepflasterten Fahrwege , der zwischen den beiden Häuserreihen , aus welchen das Dorf bestand , hinlief , mit einander plaudernd auf- und niedergingen . Die Männer rauchten meistentheils Tabak , und als sie die vom Todaustreiben Heimkehrenden gewahr wurden , gingen sie ihnen lebhafter entgegen und begrüßten sie herzlich , eine Menge der verschiedensten Fragen an sie richtend . Das freudlose Wesen der Heimkehrenden mußte den daheim Gebliebenen alsbald auffallen , denn man war gewohnt , die Jugend , wenn sie von ihren Sonntagsausflügen in ' s Thal herab zog , schon von fern heitere Feldlieder singen zu hören . Es fragten deshalb bestürzt und unruhevoll Mehrere nach der Ursache dieser allgemeinen Betrübniß . » Vermißt Ihr denn Niemand ? « entgegnete Ehrhold . » Seht Euch um ! Sind das all unsere Kinder und Schutzbefohlenen ? « » Wo bleibt unser Haideröschen ? « rief eine ihrer Freundinnen mit bangem Herzklopfen . » Sie ist uns gewaltsam entrissen worden , « sagte Ehrhold . » Habt Ihr den Dienstbotentag vergessen ? « Alle standen wie vom Schlage getroffen , während Ehrhold seine Gäste in das uns schon bekannte Wohnhaus geleitete . Viertes Kapitel . Pläne . In demselben verräucherten Zimmer , wo unter allgemeiner Lust die Spinte nach altem Brauch erstochen worden war , an dem nämlichen Tische , wo Haideröschen ihre dankbaren Zuhörer mit dem Zauber ihrer Mährchen und Waldlieder entzückt hatte , saßen Ehrhold , Sloboda , Heinrich und Clemens in berathendem Gespräch . Der junge Bursch , den die überkecke That des Grafen erst völlig betäubt hatte , überließ sich jetzt wieder ganz seiner natürlichen Lebhaftigkeit und seinem heftigen sinnlichen Temperamente , das nur angewohnte Scheu vor der Gewalt eines gebietenden Herrn eine Zeitlang hatte niedrücken können . » Gott im Himmel , « rief er aus , » warum konnte ich ruhig zusehen und das Entsetzliche geschehen lassen ! Röschen wird mich verachten und dem Feiglinge für immer den Rücken kehren ! Verflucht sei die Stunde , wo der Graf sie zum ersten Male erblickte ! « » Laß das gut sein , « bemerkte der Maulwurffänger . » Geschehene Dinge sind nicht zu ändern . Das ist zwar eine sehr abgegriffene , aber doch immer eine wahre Lebensregel . Was sollte denn außerdem noch geschehen ? Es ließ sich bei der Affaire schlechterdings nichts thun , als daß Ihr etwa den Herrn Grafen todtschlugt . Das wäre aber meiner schlichten Meinung nach eine eben so respectwidrige , als verbrecherische Handlung gewesen . Weit besser ist ' s , daß sie unterlassen wurde . Unterlassungssünden solcher Art tragen ihrer Zeit die süßesten Früchte . Haideröschen , wie Ihr das nette Ding nennt , hat einen Ritt durch die Hügel gemacht , und dieser wird ihr ohne Zweifel gut bekommen , denn es war heut eine prächtige Luft ! « » Der Spott steht Euch übel zu Gesichte , Landsmann , « versetzte Clemens verdrüßlich . » Dein Landsmann kann und will ich nicht sein , wenn Du nichts dawider hast , « erwiederte Heinrich , listig mit den Augen blinzelnd . » Hat uns auch dieselbe Erde geboren , so gehören wir doch zwei Volksstämmen an , die in früherer Zeit nicht brüderlich einträchtig zusammen lebten . « » Wie Ihr wollt , « sagte der junge Wende . » Die Hauptsache bleibt immer , daß wir jetzt redlich und wacker zusammen halten , um der verruchten Grafenbrut den Hals zu brechen . Allein dürfen wir armen geknebelten Teufel dem Gespinnst doch nicht an ' s Leben , ohne gehangen , gespießt oder gar verbrannt zu werden . « » Der größte deutsche Weltweise , Eulenspiegel , der recht eigentlich der einzige wahre Philosoph unseres Volkes ist , « nahm Heinrich in unerschütterlicher Ruhe abermals das Wort , » sagte das große Wort : Eile mit Weile ! Das ist absonderlich in dieser Angelegenheit mein Rath . Versprichst Du mir , fein still zu sitzen und ganz unthätig zuzusehen , bis ich sage : jetzt mach ' Dich auf die Socken und handle ; so mische ich mich auf meine Weise in die Geschichte , und ein verwirrter Knäuel Bindfaden , den ich in die Hände kriege , wird gewiß entwirrt , oder ich will kein Maulwurffänger sein ! ' s Ist mein Geschäft , die Pfiffigen hinter ' s Licht zu führen , und ' was Lustigeres wüßte ich mir gar nicht auszudenken , als wenn mir ' s gelänge , dem hochmüthigen Blauhut seinen melirten Filz bis über die Nasenlöcher in den Kopfzu schlagen ! « » Ihr spracht vorhin von dem Fräulein auf der alten Burg . Was habt Ihr mit dem Engelsbilde zu schaffen ? « » Mißlingt mein Plan , so sollst Du Dir mit dem Prachtmädchen etwas zu schaffen machen , damit es dem Herrn Junker den Kopf zurecht setzt . Ueberhaupt gelüstet mich ' s schon lange , etwas genauer und tiefer hinter die alten Burgmauern und die vermoderten Tapeten zu gucken , denn mir schwant , man hält da alte Sünden fein säuberlich hinter Schloß und Riegel . Diesen möchte ich auf die Spur kommen , nicht aus Neugier , sondern weil ich davon für Euch Gutes hoffe . « » Wie meinst Du das , Bruderherz ? « fragte Sloboda . » Eins nach dem Andern , Freund ! Ich gehöre zu den langweiligen Leuten , die nie zwei Dinge unter einander mengen , aber , wenn ' s sein muß , hundert auf einmal anfangen , um sie gelegentlich alle zu Ende zu führen . Kommt Zeit , kommt Rath ! heißt einer meiner Glaubenssätze . Die Zeit , rechne ich , wo Fräulein Herta unsere Verbündete werden soll , wird nicht mehr gar fern sein , heut jedoch liegt sie noch ganz außerhalb der Schlingen , die wir auszuwerfen haben , um den Feind zu fangen . « Clemens sah finster drein und schien kein rechtes Vertrauen zu dem Deutschen fassen zu können , der immer von Vorschlägen und Plänen sprach , und wenn man sie zu hören begehrte , stets wieder ausweichend antwortete . Das Phlegma Heinrich ' s ärgerte ihn und brachte sein sinnlich regeres Temperament in immer heftigere Wallung . Nur Sloboda ' s Blicke vermochten ihn , den theilnehmenden Gast mit gebührender Rücksicht und Höflichkeit zu behandeln . Der Maulwurffänger schlug sich Feuer für seine Tabakspfeife an , die ihm schon auf dem Wege zehnmal ausgegangen war und auch jetzt nicht in Brand bleiben wollte . Während er wiederholt Stahl und Stein zusammenschlug , oder , wie die Lausitzer sagen , » pinkte , « sprach er : » Ihr habt doch gewiß vielmals von der Bande des braunen Lips gehört , wißt Ihr vielleicht , wo sie jetzt ihr Hauptquartier hat ? « » Lips wird sich hüten , seine Schlupfwinkel zu verrathen , « sagte Ehrhold . » Ach was ! « versetzte Heinrich , dicke Tabakswolken von sich blasend , » Räuber haben so gut ihre Launen , wie sogenannte ehrliche Leute , und nun erst ein Mann wie Lips ! Es heißt , er verrathe immer eine Abtheilung seiner Leute selbst , um , während man diesen nachläuft , mit seinen übrigen Gesellen desto bequemer plündern und rauben zu können . Der Teufelskerl kommt mir in den Sinn , weil wir ihn just recht bequem brauchen könnten . « » Mit Spitzbubengesindel will ich nichts zu thun haben , « sagte Clemens stolz . » Dann thust Du am klügsten , Du verkriechst Dich in ' s erste beste Mauseloch und hältst Dir jede Creatur vom Leibe , die einem Menschen ähnlich sieht ! Das Geschlecht der Spitzbuben ist so groß wie die Menschheit und ohne alle Widerrede der älteste Adel , den es gibt ! « » Geht ' s , « meinte Sloboda , » so laß die Teufelsbrut aus dem Spiele . Mitgegangen , mitgehangen ! « » Weißt Du so genau , was den Lips zum Freijäger gemacht hat und wer der Mann früher gewesen ist ? « fuhr Heinrich fort . » Du weißt es nicht ! Nun seht , es läuft ein Gerücht von ihm um , das ihm eine hohe Abstammung andichtet . Vielleicht ist ' s rein erlogen , vielleicht , wer kann ' s sagen , klebt ein Eierschälchen Wahrheit daran . Ich kann das nicht entscheiden . Etwas aber weiß ich und deshalb fiel mir der Kerl ein . Er hat ' s nämlich absonderlich , ja beinahe ausschließlich auf die Reichen abgesehen , und ist flugs mit seinem Ausräumen , Anzünden und Gurgelzuschnüren bei der Hand , wenn er sichere Kunde von boshaften und niederträchtigen Bedrückungen vornehmer Herren gegen das arme Volk erhält . Nun mag ich nicht grade behaupten , daß es Lob oder Belohnung verdiene , wenn Einer Unthaten mit Unthaten bestraft , aber ich bin doch der vorsichtigen Meinung , daß es in dieser unvollkommenen Welt Fälle geben könne , in denen man sich verschmitzter Schufte zum Besten ehrlicher Leute bedienen dürfe . Das heiße ich das Laster ein klein wenig wieder zu Ehren bringen , und den argen Schälken thut man stillschweigend sogar einen Himmelsdienst , da man sie Gutes zu stiften nöthigt , ohne daß sie ' s merken . « » In Deinem Christenthume , Bruder , kann ich mich nicht ganz zurecht finden , « sagte Sloboda . » Mein einfaches , stilles Leben ließ mich so künstliche Gedanken nie denken , viel weniger weiter verfolgen . « » Dafür bist Du auch ein friedlicher Pflüger und ich bin ein reisender Künstler , « entgegnete pfiffig lächelnd der Maulwurffänger . » Kurz und gut , wüßt ' ich den Lips aufzutreiben , ich machte , hol ' mich Dieser und Jener , zu des Grafen Verderben Bekanntschaft mit ihm ! Er soll sich seit einigen Wochen in die Haide geworfen haben , die freilich für eine so zahlreiche und unruhige Familie das bequemste Haus ist . Aber wo ihn dort aufsuchen , ohne zuvor selbst ein paarmal bis auf die Haut durchsucht und ausgeraubt zu werden ? Indeß , nun ich mich doch einmal in diesen vielgekrümmten Maulwurfsgang begeben habe , will ich ihn auch nicht wieder verlassen , ohne