Schmerzliche , das ihn noch von einer Verbindung mit Therese trennte , allein durchkämpfen , und sie dann erst um ihre Hand angehen , wenn er sie in Ruhe und Frieden zu der Seinen machen konnte . Dann wieder schweifte sein Geist plötzlich zu den Arbeiten zurück , die er in der letzten Zeit begonnen und die er Therese noch nicht vorgelegt hatte . Mit Freude dachte er daran , wie sie hier und dort den Anklang ihrer beiderseitigen Unterredungen , den Widerschein ihres eignen Wesens wieder finden würde . Er ahnte , was ihren Beifall haben , was gegen ihre Ansicht sein könne , und immer lieblicher malte er sich die Zukunft an ihrer Seite aus . So verging ihm der Abend schnell und die Stunden der Nacht . Am Morgen , als er halten ließ , um sein Frühstück einzunehmen , fand er in dem Gasthofe einen Bekannten , dessen Besitzungen an die seinigen grenzten . Nun ? kommen Sie endlich doch hinaus ? rief der Nachbar ihm entgegen , sobald er ihn erblickte ; Sie sind lange ausgeblieben ! Ja ! die Residenz läßt Einen nicht leicht los . Aber es ist Zeit , daß Sie zusehen ! Die Hälfte der Kartoffeln stecken bei Ihnen noch in der Erde , das sah ich im Vorüberfahren . Ich weiß es , sagte Reichenbach . Mein Inspector schrieb mir , daß er sie noch in der Erde lasse , es ist nur ein ganz kleiner Theil . Ich will sie versuchsweise wie am Rheine zusammenstampfen lassen , und dafür mußten erst Keller zugerichtet werden . Mit verdoppelten Arbeitern und gutem Lohn ist der Zeitverlust bald eingebracht . Will wünschen , daß Sie gut Wetter behalten . Bei mir ist Alles unter Dach , haben heute schon den ersten November . Sie bleiben doch nun wieder zu Hause ? Ich finde Sie bei meiner Rückkehr ? fragte der Gutsbesitzer . Es kommt darauf an , wie lange Sie in Berlin verweilen , denn ich denke wieder dahin zurückzukehren . Oho ! rief der Andere , also spukt wieder einmal der Poet in Ihnen und läßt dem Landwirth keine Ruhe . Nun , Ihre Frau wird ' s sich gefallen lassen . Sie haben die letzten Jahre in der That wie Einsiedler gelebt ; hat Niemand etwas von Ihrer Gesellschaft gehabt , außer den Kaplänen von Maria-Gnad . Der Kaplan Ruhberg ist ja seit einigen Wochen auch wieder bei Ihnen zur Milchkur . Er sprach bei mir vor , ehe er zu Ihnen ging . Frommer , charmanter Herr ! - Pferde fertig ? abgefüttert ? fragte er dann den eintretenden Kutscher und nahm mit derbem Händedruck und dem Wunsche , ihn bald wiederzusehen , von Alfred Abschied , als man ihm sagte , daß sein Wagen ihn erwarte . Auf Alfred hatte die kurze Unterhaltung aber einen peinlichen Eindruck gemacht . Sie hatte ihn aus den heitern Entwürfen für seine Zukunft plötzlich in die Gegenwart zurückgerufen , in der noch so viel Hindernisse vor ihm lagen , noch so viel Wirren zu lösen waren . Seine Gedanken wendeten sich der Heimat mit immer größerer Sorge zu , je näher er ihr kam . Endlich erreichte er die Grenze seines Besitzes . Da fand sich bald hier , bald dort eine Vernachlässigung zu rügen ; Anordnungen , die er vor seiner Abreise getroffen und deren schnellste Ausführung er befohlen hatte , waren nicht befolgt worden ; er sah , daß er seinen Inspektor für zuverlässiger gehalten hatte , als er sich erwies . Mit wachsender Verstimmung fuhr er durch seinen reichen Besitz . Erst als er sein Schloß erblickte , wich sie dem Gedanken an den Sohn . Es that ihm leid , daß er seine bevorstehende Ankunft nicht gemeldet , daß er nicht den Befehl gegeben hatte , ihm Felix entgegenzuschicken ; aber seine Abreise war so schnell gekommen , daß es nicht thunlich gewesen war . Vor dem großen Rasenplatz angelangt , der sich an der einen Seite des Schlosses befand , hoffte er mit Sicherheit seinen Sohn zu erblicken , der dort in den Morgenstunden seine Spiele zu treiben pflegte . Er war aber nicht da und das beunruhigte seinen Vater . Caroline hatte in ihrem letzten Briefe des Knaben nicht gedacht , Felix nicht , wie er pflegte , ein Blättchen für den Vater beigelegt . Er fürchtete also den Knaben krank zu finden und , als er das Schloß erreicht hatte , als die Dienerschaft herbeikam , ihn zu empfangen , war seine erste Frage nach dem Sohne . Die gnädige Frau ist mit dem Herrn Kaplan zur Kirche nach Maria-Gnad gefahren und hat den jungen Herrn mitgenommen , gab man ihm zur Antwort . Das beruhigte den Vater , aber sich besinnend fragte er : In die Kirche ? heute ? Gnädiger Herr ! es ist Allerheiligen ! sagte der eine Diener . Ja so ! nun gut ! Lassen Sie abpacken ! Mit den Worten stieg Alfred die Treppe hinauf und wollte sich in sein Zimmer verfügen . Sein Diener aber bemerkte , da man des gnädigen Herrn Eintreffen nicht erwartet hätte , wären seine Zimmer nicht geheizt . So sehen Sie zu , daß es gleich geschieht , befahl Alfred und trat inzwischen in das Wohnzimmer ein . Ungeduldig ging er umher und blieb dann an dem Fenster sitzen , um die Rückkehr der Seinen zu erwarten . Die Zeit schien ihm still zu stehen , jede Minute brachte ihm ein neues peinliches Gefühl . Die Diener , von der unklugen Gebieterin in die Geheimnisse der Eheleute zum Theile eingeweiht , schlichen scheu und ängstlich umher . Alles kam ihm fremd vor und doch war er in der Heimat . Die Stille , die Einsamkeit wurden ihm unerträglich : er verlangte den Sohn zu umarmen und bangte bei dem Gedanken , daß die Mutter mit demselben zugleich erscheinen werde . Er überlegte , was er ihr sagen , wie er es ihr sagen solle ; da schlug fern ein Hund an . Er kannte den Laut , es war sein schöner Neufundländer , der sich niemals von dem Knaben trennte . Sein Herz klopfte ihm heftiger als sonst . Er hörte Wagengerassel , Pferdetritte , ging die Treppe hinab , Felix sprang aus dem Wagen und warf sich dem Vater mit beiden Armen an die Brust . Caroline schrie auf , als sie ihres Mannes ansichtig ward , und fiel ihm um den Hals . Alfred mußte es geschehen lassen , um vor der Dienerschaft keinen unangenehmen Auftritt zu veranlassen . Er bewillkommte kalt den Kaplan , bot seiner Frau den Arm und führte sie in das Haus . Die Freude des Knaben kannte keine Grenzen und ward nur von der lautlosen Zärtlichkeit des Vaters übertroffen . Man konnte kaum ein schöneres Bild sehen , als den kräftigen Mann mit dem blühenden Sohne , wie sie voll Liebe aneinander hingen . Mein Vater ist da ! mein lieber Vater ist da ! rief Felix . Nun werde ich wieder auf dem Castor mit Dir ausreiten . Nun werde ich wieder von den tapfern Rittern bei Dir lernen und nicht immer von den frommen Kindern ! nicht wahr , Vater ? fragte er . Ja , mein Sohn ! antwortete dieser , wir machen Alles wieder so wie sonst . Und Du gehst nicht wieder fort , und ich und der Neptun schlafen auch wieder bei Dir . Du bleibst doch nun wieder ganz zu Hause , lieber Vater ? Du gehst nicht wieder fort ? Doch , mein Sohn ! aber ich nehme Dich mit , entgegnete der Vater . Caroline , die in großer Verlegenheit sich mit dem Ablegen ihres Mantels , mit dem Zurechtrücken von Meubeln beschäftigt und mit dem Kaplan gesprochen hatte , der ihnen in das Wohnzimmer gefolgt war , und schweigend in der Fensterbrüstung saß , weil der Hausherr ihn geflissentlich vermied , trat plötzlich vor ihren Gatten hin und fragte : Wann willst Du , daß wir reisen , Alfred ? Ich denke nur so lange hier zu bleiben , als es unerläßlich nöthig ist . Längstens acht Tage , antwortete dieser . Sehen Sie , lieber Kaplan ! rief Caroline , die es nöthig fand , sich ihres geistlichen Freundes anzunehmen , sehen Sie , so machen es die Männer immer . Nun werden wir in fliegender Eile von hier aufbrechen und ich hatte Sie eingeladen , unser Gast zu sein , bis Ihre Kur beendet wäre . Du weißt , Caroline , daß es ganz in Deinem Willen steht , so lange hier zu verweilen , als es Dir beliebt , bemerkte Alfred laut ; denn ich kam nicht in der Absicht , Dich zu holen , fügte er leise hinzu . Hast Du meinen letzten Brief denn nicht erhalten ? fragte Caroline . Ja ! antwortete Alfred . Herr Kaplan ! rief Caroline lebhaft , denken Sie nur , mein Mann hat meinen Brief erhalten und nach all den Demüthigungen , nach all den Zugeständnissen , die ich ihm auf Ihr Anrathen gemacht , beharrt er dennoch auf den alten Vorsätzen , wie es scheint . - Sie hätte für sich und ihren Freund nichts Ungeeigneteres sagen können . Alfred fuhr heftig auf . Also daher , sprach er , kamen die guten Lehren ? Ich hätte es ahnen können . Nun denn ! mein Herr Kaplan , da ich Ihnen vermuthlich all die freundlichen Vorwürfe über mein Thun und Treiben , und eine Menge von Ermahnungen verdanke , die mir in den letzten Briefen meiner Frau zu Theil geworden sind , so erlauben Sie mir Ihnen auch eine gute Lehre zu geben . Stören Sie nie durch Ihre Gegenwart das Wiedersehen einer Familie , gleichviel ob diese sich in Frieden oder in Unfrieden begegnet . Der Fremde ist dabei stets überflüssig . Der Kaplan , ein großer , hagerer Mann mit scharfen Zügen und schlichtem blonden Haar , schoß einen tückischen Blick auf Alfred , während er mit Salbung sagte : Ich fürchtete , wie es sich denn auch bewährt , daß Sie sich nicht in Frieden begegnen würden ; und ich blieb da , um der gnädigen Frau beizustehen , wie es dem Beichtvater geziemt , in der Stunde der Prüfung . Ihres Beistandes wird Frau von Reichenbach mir gegenüber nie bedürfen , denn die Mutter meines Sohnes , die meinen Namen trägt , ist mir heilig wie meine Ehre , sagte Alfred mit Würde . Was wir aber mit einander abzumachen haben , das kümmert die Kirche bis jetzt noch nicht , und ich würde es Ihnen Dank wissen , mein Herr , wenn Sie sich entschlössen , die wenigen Tage , die ich hier verweile , uns selbst und unserm eigenen Nachdenken zu überlassen . Das war mehr , als der Geistliche erwartet hatte , aber er suchte sich zu beherrschen , obschon er sich verfärbte . Ich bin nicht aus freiem Antrieb hier , entgegnete er mit erheuchelter Gelassenheit , ich kam nicht als Gast in Ihrer Abwesenheit in Ihr Haus , mein Herr von Reichenbach ! Ich kam kraft meines Amtes auf den Ruf der verehrten gnädigen Frau , die Trost von mir verlangte , in der Vereinsamung , zu der Sie sie verdammt . Mit Ihrer Rückkehr ist mein Amt von selbst zu Ende ! sagte er , und wollte sich , nach einer ehrfurchtsvollen Verbeugung vor der Hausfrau , hochgehobenen Hauptes entfernen ; aber Caroline vertrat ihm rasch den Weg und , seine Hand ergreifend , sagte sie : Bleiben Sie , verehrter Freund , bleiben Sie und verlassen Sie mich nicht . Lassen Sie sich das Beispiel der Heiligen vorhalten , die wie Sie Schmähungen litten und Beleidigungen vergaben . Wie soll ich mir rathen oder wie soll ich Ruhe finden , ohne Ihren milden Trost , der seit Monaten hier meine einzige Zuflucht gewesen ist ! Wenn Sie mein bedürfen , gnädige Frau , erwiderte der Kaplan , werde ich Ihnen niemals fehlen . Dann verneigte er sich wieder , sagte Alfred mit einer Ruhe Lebewohl , als ob gar nichts Störendes zwischen ihnen vorgefallen wäre , und ging hinaus . Caroline folgte ihm auf dem Fuße nach . Felix verstand natürlich den Vorgang in seiner wirklichen Bedeutung nicht , aber er sah , daß sein Vater verdrießlich sei , schmiegte sich befangen an ihn , blickte ihm mit seinen großen Augen lange ins Gesicht und sagte dann : Du bist traurig , lieber Vater ! so warst Du auch an dem Abend , als Du abreistest , ohne mir Lebewohl zu sagen . Bist Du krank , mein Vater ? Ich habe Kummer , mein Sohn ! antwortete er ihm ; indeß es wird besser werden , und dann werden wir auch wieder fröhlich sein wie sonst . Aber Du bist nicht böse auf mich ? Niemals , mein Felix , wenn Du brav bist , und das warst Du doch , nicht wahr ? Felix ward roth , wollte sprechen und schwieg dann still . Man sah , daß seine junge Seele mit einem gewaltsamen Entschlusse ringe . Endlich fragte er : Hat ' s Dir die Mutter nicht geschrieben ? Sie hat mir geschrieben , daß Du artig und folgsam warst , und das hat mich gefreut , mein lieber Junge ! sagte Alfred und zog den Knaben an sich , um ihn zu küssen . Da fiel Felix ihm an die Brust und rief , in Thränen ausbrechend : Es ist nicht wahr , Vater ! ich war nicht brav und nicht artig . Ich war feig , als es blitzte , ganz feig ; und ich habe auch den alten Leonhard geschlagen . Aber Mama und der Kaplan haben gesagt , sie wollten es Dir nicht schreiben und ich brauchte es Dir nicht zu erzählen . Ich solle es nur immer dem Herrn Kaplan sagen , wenn ich Unrecht gethan hätte , der würde mit mir Paternoster beten und mir Alles verzeihen . Alfred fuhr mit einer Bewegung des Unmuthes empor . Der Knabe , welcher wähnte , dieser Zorn gelte ihm , rief traurig : Sei nicht böse , Vater ! ich thue es nie wieder . Ich werde nie mehr feig sein und Niemand schlagen . Ich wollte Dir es lieber verschweigen , aber ich dachte , wenn der Kaplan mir verzeiht , den ich gar nicht mag , so würdest Du mir ' s ja auch verzeihen . Damit schlang er seine kräftigen Arme um den Hals des Vaters , der ihn mit zärtlich ernsten Worten ermahnte und ihn fragte : Hast Du denn den alten Leonhard um Verzeihung gebeten ? Nein ! zuerst wollte ich es thun , denn es that mir leid , aber die Mutter sagte , das sei gar nicht nöthig ; ich sei ein Junker und der Leonhard ein Diener , dem hätte ich nichts abzubitten , antwortete der Knabe . Alfred ' s Unmuth stieg mehr und mehr . Dies war die Weise , in welcher Caroline und der Kaplan , der sie vollständig beherrschte , das Gemüth und den Verstand des Knaben verdunkelten ; und es hatte ihm Mühe genug gekostet , dagegen anzukämpfen , ohne dem Kinde die Anhänglichkeit und die Verehrung für die eigne Mutter zu rauben . Auch jetzt mußte er sich begnügen , dem Knaben sein Betragen zu verweisen , so gern er ihn zu einer Abbitte bei dem alten Diener veranlaßt hätte ; aber das Ereigniß bestärkte ihn in dem Vorsatz , so schnell als möglich abzureisen . Vor allen Dingen mußte er dazu sich mit seiner Frau verständigen . Daß dies in mündlicher Unterredung nicht möglich sei , wußte er bestimmt . Er kam also auf den Gedanken , einen alten Geistlichen , einen Freund seines verstorbenen Onkels , der auch ihm zugethan war , zum Vermittler zu brauchen . Wie der Kaplan , war auch der Domherr Geistlicher am Domstifte zu Maria-Gnad , das ganz in der Nähe von Alfred ' s Gütern lag , und Erbe der Güter werden sollte , falls die Reichenbach ' sche Familie ausstürbe , oder sich durch Austritt aus dem Katholicismus des Besitzes verlustig machte . Alfred schrieb dem geistlichen Freunde , bat ihn , sich zu ihm zu verfügen , und trat dann eine Wanderung durch seine Besitzungen an , auf der ihn Felix begleitete . In der freien Natur erheiterte sich sein Gemüth . Es war spät im Jahre , aber die Sonne hatte , als sie in ihrem Höhepunkte stand , die Nebel des Herbstes besiegt und leuchtete warm und freundlich am klaren Himmel . Die Luft war belebend frisch ; ein Theil des Laubes hing in buntfarbiger Pracht noch an den Bäumen ; das Gras war noch grün an vielen Stellen und hier und da drängte sich eine Blume an das Licht hervor . Felix und sein großer Hund sprangen jubelnd neben Alfred her , der mit der Lust des Besitzers durch die Gegend ging . Des Feiertages wegen rasteten die Arbeiter ; es war still und friedlich umher . Einzelne Männer und Frauen , die in behaglicher Sonntagsruhe in ihren Häusern saßen , traten , den Herrn erkennend , vor die Thüren , um ihn willkommen zu heißen . Jeder hatte ihm Etwas zu erzählen , ihn um Etwas zu fragen . Der Eine dankte für eine Unterstützung , die ihm geworden , der Andere bat um eine solche , mit der Zuversicht , welche die Gewißheit der Erhörung gibt . Dazwischen wurden denn auch Klagen laut . Man beschwerte sich , daß man auf Befehl des Herrn Kaplan zwei kleinere Festtage habe rasten müssen , was den Tagelohn verringert . Man machte dem Inspektor der Fabriken den Vorwurf , daß er die Kinder zwei Stunden länger an jedem Tage habe arbeiten lassen , als Alfred es festgesetzt , und daß er sie benutzt habe , am Sonntage in seinem Garten zu jäten , ohne sie dafür zu entschädigen . Alfred hörte theilnehmend zu , versprach für Alles zu sorgen , die Uebelstände abzustellen , lobte hier die Ordnung , die er fand , tadelte in andern Häusern manchen Mißbrauch . Ueberall aber begegnete ihm ein offenes Zutrauen , ein williger Gehorsam , denn seine Untergebenen kannten und verehrten ihn als einen wohlwollenden , gerechten Herrn . Das gewährte ihm eine innige Befriedigung . Hier , das fühlte er , war sein eigentlicher Wirkungskreis ; das Loos dieser Menschen hatte ein günstiges Geschick in seine Hände gelegt , es war seine Pflicht , für sie nach seiner besten Einsicht zu sorgen . Er hatte für die Güter und die Leute schon sehr viel gethan ; die Insassen waren träge , arm und unbrauchbar gewesen . Aus einem dumpfen , bedürfnißlosen Leben hatte er sie zu einem verständigen Gebrauch ihrer Kräfte und ihrer Mittel erhoben . Hier wandelte er in einer Umgebung , die praktisch den Werth jener Theorien bewies , für die seine Feder kämpfte . Alles war ihm hier lieb und werth und mit freudigem Stolze hatte er oft Denen , die ihn einen Schwärmer schalten , geantwortet : Kommt zu mir hinaus und seht die Früchte meiner Schwärmerei . Tragen meine Felder weniger , gedeihen meine Fabriken minder , weil zufriedene Menschen sie bearbeiten ? Fragt nach , ob ich mich über Ungehorsam zu beklagen habe , wo Jeder einsehen gelernt hat , daß ich nicht eigensüchtig nur an mich denke , sondern daß mir das Wohl Derer , die für mich ihre Kräfte anstrengen , lebhaft am Herzen liegt . Es that ihm leid , daß die Sorge für die Erziehung seines Knaben ihn nöthigte , künftig ganz in der Stadt zu leben . Mit Therese , die eben so warm als er selbst für die Menschheit empfand , in vereinter Thätigkeit hier zu walten , schien ihm das neidenswertheste Glück . In der Stadt , nur auf literarische Beschäftigung angewiesen , kam er sich unthätig vor ; hier , wo er mit ganzer Kraft sich der Bewirthschaftung seiner Güter überließ , fühlte er sich doppelt froh , in den Stunden der Muße sich geistiger Arbeit hinzugeben . Eine Stunde und länger mochte er umhergegangen sein , als die Schloßglocke zum Mittag läutete und Felix ihn mit der Bemerkung aus seinen Gedanken riß , daß die Mutter auf sie warten werde . Anfangs hatte Alfred die Absicht gehabt , schon jetzt von seiner Frau getrennt , ganz in seinen Zimmern zu leben ; allein Rücksicht auf den Knaben , dem dies befremdlich sein mußte , hielt ihn davon zurück . Er wollte den Schein des guten Einverständnisses vor Felix bewahren und verfügte sich mit ihm in das Schloß zur Tafel . Die Mahlzeit ging traurig vorüber . Caroline , schwankend zwischen dem Wunsche einer Annäherung an Alfred und dem Groll über die Ausweisung des Kaplans , ging von freundlichen Scherzen zu bitterer Gereiztheit über . Sie fragte nach Alfred ' s Treiben in der Stadt , nach den Personen , die er dort gesehen hatte . Sie klagte , daß er ihren besten Freund , den Einzigen , wie sie ihn nannte , so schnöde behandelt , und Alfred fühlte sich von diesem gezwungenen Beisammensein mehr als je gedrückt . Sobald es möglich war , beendete er die Tafel und zog sich auf sein Zimmer zurück . Am Abend traf der Domherr bei ihm ein . Er hatte vermuthet , weshalb Alfred ihn beschieden , denn durch den Kaplan war er seit Wochen von den Absichten seines Freundes unterrichtet worden . Ich ahnte eine solche Krisis lange , sagte er nach den ersten Besprechungen , aber wie Ihr Freund , der Präsident von Brand , rathe ich Ihnen von der Scheidung ab . Sie haben , wie Sie mir sagen , die Nachträge zu dem Testamente nicht dem Präsidenten vorgelegt ; diese sprechen sich entschieden gegen Sie aus . Sie werden der Güter verlustig werden . Alfred ging an sein Bureau , holte die Papiere hervor und sah sie durch . Als er es gethan hatte , erklärte er dem Freunde , daß er nichts Bedrohliches darin finde . Geben Sie mir den dritten Nachtrag her , lieber Reichenbach , bat der Domherr , dieser enthält , was Ihnen gefährlich ist . Den dritten ? fragte Reichenbach , es existiren nur zwei . So wissen Sie nicht , sagte Fernow verwundert , daß Ihr Onkel ein drittes Codicill in unsern Archiven niedergelegt hat ? Kein Wort weiß ich davon ! entgegnete Alfred . Und was enthält dieses , wenn ich fragen darf ? Es bestimmt ausdrücklich , daß den Geistlichen unseres Stiftes eine strenge Beaufsichtigung der Besitzer von Rosenthal zur Pflicht gemacht wird , und daß eine Uebertretung der Satzungen unserer Kirche , Seitens der Besitzer , die Güter in unsere Hände liefert , wenn kein katholischer Reichenbach sie übernehmen kann . Alfred hatte das nicht vermuthet , er schwieg nachdenkend eine geraume Zeit , dann sagte er gefaßt : Im Grunde erfahre ich durch Sie eigentlich Nichts , was ich nicht wußte ; denn schon die früheren Nachträge bestimmen ziemlich dasselbe , und was Sie mir sagen , darf in meinem Entschlusse keine Aenderung machen . Da nahm der Greis , dessen edles Wesen Zutrauen erweckte , Alfred ' s Hand , drückte sie herzlich und sagte : Ich weiß , daß ich nicht in dem Geiste unserer Kirche verfahre , wenn ich Ihnen Rathschläge gebe , um Ihnen die Güter zu erhalten , denn unsere Kirche trachtet auch nach weltlichem Besitz . Ich bin es aber von je gewohnt gewesen , der Stimme meines Innern zu folgen und habe mein Ohr und mein Auge nie den Anforderungen der gegenwärtigen Zeit verschlossen . Ich sah Ihr Walten auf diesen schönen Besitzungen mit inniger Freude . Sie haben durch gutes Beispiel , durch vernünftige Lehren hier mehr gewirkt , als alle meine Amtsbrüder in ihren Diöcesen durch die Lehren der Kirche . Sie haben die Menschen zu dem Gefühl ihrer Menschenwürde herangebildet , indem Sie sie glücklich machten ; Sie haben sie vor Verbrechen bewahrt , indem Sie sie vor Mangel und Verwilderung schützten . Mehr soll und kann die Kirche nicht . Alle diese Menschen sehen mit Zuversicht auf Sie , hoffen eine gesicherte Zukunft von Ihnen , und Sie denken nur an Ihr eigenes Glück ? Darin , mein verehrter Freund ! erkenne ich Sie zum ersten Mal nicht wieder ! Alfred versank in ernstes Sinnen . Der Domherr ließ ihn gewähren , dann sagte er : Bis zu der Großjährigkeit Ihres Sohnes würden wir , ich an der Spitze , die Verwaltung der Güter übernehmen ; aber ich bin alt und kann jeden Augenblick abgerufen werden von der Erde . Der Kaplan Ruhberg wird , wie voraussichtlich , mein Nachfolger sein . Sie kennen ihn und seinen fanatischen Eifer . Wollen Sie ihm Ihr schönes Werk überlassen ? - Felix ist zehn Jahre alt , noch vierzehn Jahre trennen ihn von dem Besitz , und vierzehn Jahre können all das Gute zerstören , das Sie geschaffen haben . Mein edler , mein wackrer Freund ! rief Alfred übermannt ; glauben Sie mir , ich gehe nicht leichtsinnig von dem Posten , auf den das Geschick mich gestellt hat . Ich hänge an diesen Verhältnissen wie ein Vater an seinem Kinde . Ich liebe meine Schöpfung hier , wie ein Künstler sein bestes Werk ; aber ich habe elf freudlose Jahre in unglücklicher Ehe verlebt . Ich habe die Frau wiedergefunden , deren Besitz mich hoch beglücken würde ; ich liebe sie , ich habe sie längst geliebt , dessen bin ich mir jetzt bewußt . Fühlen Sie , welch schweren Kampf ich kämpfe ? Sobald Sie kämpfen , meinte der Domherr , werden Sie auch siegen , dafür bürgt mir die Redlichkeit Ihres starken Willens . Ich persönlich hänge nicht übermäßig an Hab und Gut , sagte Alfred , aber ich wünsche natürlich meinem Sohne den Besitz und den Wirkungskreis , denen ich so reines Glück verdanke , einst zu hinterlassen . Ich hoffe ihn zu einem Manne zu erziehen , der mich bei den Kindern meiner Gutsinsassen vertreten , der für sie werden soll , was ich den Vätern bin , ein treuer Schutz und Schirm . Und glauben Sie , daß man Ihnen die Erziehung Ihres Sohnes überlassen werde ? fragte der Domherr . Wer kann mir dieses Recht streitig machen ? rief Alfred . Die Kirche ! antwortete der Domherr . Denn jenes Codicill bestimmt für diesen Fall ausdrücklich , daß ihr die Erziehung eines minorennen Erben zufalle . O , das ist zu viel ! sagte Alfred im Tone höchster Empörung . Das ist zu viel ! Das ist mehr als Sklaverei . Wie konnten Sie mir dies Dokument bis jetzt verheimlichen , das mich ganz und gar in Ihre Hände gibt ? Ich glaubte Sie davon unterrichtet ; ich war überzeugt , daß auch Sie eine Abschrift davon erhalten hätten . Ihr verstorbener Onkel übergab es mir nur kurze Zeit vor seinem Tode . Er hatte mit mir davon gesprochen , daß er Sie zu seinem Erben ernannt habe . Dann war ihm der Gedanke gekommen , daß bei Ihren ihm bekannten Gesinnungen ein Religionswechsel möglich sei , und diese Rücksicht scheint die Bestimmungen veranlaßt zu haben , welche das letzte Codicill enthält . Ich allein kenne dieses dritte Codicill ; ich habe mir nie eine Beaufsichtigung Ihrer Handlungsweise erlaubt , denn ich kannte und schätzte Sie und Ihre Absichten und Thaten . Das ganze Stift aber kennt das Testament , und eine Ehescheidungsklage , von Ihnen angestellt , würde mehr als genug für Ruhberg sein , den Sie oft in seiner geistlichen Eitelkeit verletzt haben , gegen Sie aufzutreten und den Andern begreiflich zu machen , was man durch einen Angriff gegen Sie gewinnen könne . Welch unwürdige Behandlung , welche verdammenswerthe Täuschung ! rief Alfred mit zorniger Empörung . Man setzt mich unter Vormundschaft wie ein Kind ; wie ein Kind , dem man nicht den freien Gebrauch seiner Kräfte gönnt , hält man mich an unsichtbaren Banden fest ! Mein freudigstes Schaffen , mein redlichstes Bestreben wende ich für die Menschen an , denen ich Herr geworden bin ; und nun , da Alles gedeihet und blühet , da ich ernten möchte , was ich gesäet , nun ruft man mich wie einen müßigen Knecht von der Arbeit , die mein Glück und meine Freude war . Und warum ? Weil ich das Recht verlange , das auch dem Niedrigsten zusteht , das Recht , nach seinem freien Willen zu handeln . Der Domherr antwortete ihm nicht , und Alfred fuhr nach einer Pause fort : Zusehen soll ich , wie blinder Fanatismus und Aberglaube die Vernunft Derer verdunkeln , die ich mühsam ans Licht gewöhnt ! Man wird zerstören , was ich für eine Zukunft fruchtbringend gehofft ; und meinen Sohn , meinen eignen Sohn will man mir rauben , um ihn zum Werkzeug einer Ansicht zu machen , die ich tief verdamme ! Nimmermehr ! Das soll und wird nun und nimmermehr geschehen ! Er ging heftig im Zimmer umher , der Domherr störte ihn nicht . Plötzlich blieb Alfred vor ihm stehen und sprach : Vergeben Sie mir , theurer Freund , wenn ich Sie gekränkt haben sollte . Ich kann der Empörung noch nicht Herr werden , mit der mich Ihre Mittheilungen erfüllten . Ich bin zu aufgeregt , ich weiß mich nicht zu entscheiden , haben Sie Nachsicht mit mir . O ! weit mehr als das ! ich bedaure Sie , mein Freund ! sagte der Greis sehr mild . Aber suchen Sie mit sich einig zu werden , und vor allen Dingen entscheiden Sie sich nicht schnell . Bedenken Sie , wie gleichgültig wir oft schon nach wenig Jahren gegen Dasjenige werden , was wir einst lebhaft gewünscht haben .