ersten Male dachte sie daran , daß sie ihn nie nach seinem Vaterlande gefragt . Ein Deutscher war er , obschon er mehre Sprachen mit gleicher Fertigkeit sprach , das schien ihr gewiß . Kann man zugleich so ganz einfach und dennoch so räthselhaft sein ? dachte sie . Sie sprach ihre Gedanken nicht wieder gegen Leontine aus . Duguet räumte den Salon auf , Leontine wollte tanzen heute Abend , auch ohne Ball , lieber nach dem Klavier als gar nicht . Eine kleine Gesellschaft war dazu eingeladen . Jetzt war er fertig , er sah sich ein paar Mal um , dann zog er ein gefaltetes Blatt aus der Tasche , das er , an ' s Fenster tretend , zwischen den Fingern hin und her schob und in den hellen Sonnenstrahl hielt . Mais - c ' est malhonnête ce que tu fais là ! sagte mit einem Male Madame Sophie . Als er seine Frau gewahrte , steckte Duguet das Blättchen ein - es war ein versiegelter Brief - und begann ganz tapfer Marlborough s ' en va-t-en guerre zu singen , was bei ihm das entschiedene Zeichen eines großen inneren Triumphs war . Zugleich rückte er Tische und Stühle zurecht und stäubte sie auf schon erwähnte Weise mit dem Tuch , den Takt schlagend , ab . Sophien sah er gar nicht an , er war auf dem höchsten Gipfel seines Hochmuths . Mais je dis que c ' est malhonnête ce que tu fais là ! Hein ? fragte er . Was hattest du denn für ein Papier ? fuhr sie fort . Hein ? qu ' est-ce ? fragte er , immer heftiger um sich schlagend . Aha , si ! eine Rechnung vom Herrn . Die man nur auf der Rückseite lesen kann , wenn man sie in die Sonne hält ? Er schwieg und ordnete mit wachsender Hast die Sessel . Es ist eine Indiscretion ! Gib mir das Papier ! bat sie dringend . Diable ! sagte er , comme tu y vas ! was geht dich ' s an ! Gib mir das Blatt , Duguet ! ich weiß , was es ist . Hoho ! Du weißt , was es ist ? Ich will es nicht hoffen ! Meine Frau , meine Frau will wissen , was ein Papier enthält , das unsre ganze Familie - das heißt , unsre Herrschaft , in Noth und Schande bringen kann ! Sacre bleu ! und wie sie mir das ganz ehrlich und unschuldig , mir nichts , dir nichts , so hinsagt ! Wie kannst du so etwas von dir sagen ? Und mir ? mir von dir ? hein ? Begütigend fuhr er fort : Allons , allons , ne te fàche pas ! Ich weiß schon , es ist dir nur so entfahren ! Nichts auf der Welt weißt du von diesem Gott vermaledeiten Wisch , es geht dich nichts an , das verfluchte Papier ! Duguet , willst du mir das Papier geben ? Nein ! Ich bitte dich um Gottes willen , Duguet , gib mir das Papier ! Du weißt nicht , was du thust . Sophie zitterte an allen Gliedern . Diable ! sagte nochmals Duguet , sie von Kopf zu Fuß mit den Augen messend , und woher weißt denn du den Inhalt eines versiegelten Blattes ? Weil ich - ich kann , ich darf es dir nicht sagen ; aber bei allem , was dir heilig ist , beschwöre ich dich , schweige und gib es mir ! Schweigen ? Ich ? Schweigen , wenn es die Ehre , den Namen , das Blut meines Herrn gilt ? Was geht mich der Narr an , der jetzt - Weib , mach mich nicht rasend ! Ich darf gar nicht daran denken , es reißt mir das Herz aus dem Leibe . - Da , da ist dein verfluchtes Papier ; ich will es nicht lesen , aber nicht du , nicht sie , Niemand soll ' s lesen . Und du sollst sehen , schloß er immer drohender und wilder , daß ich alles vereiteln werde . O , mein Herr ! mein armer Herr ! Mit Händen und Zähnen riß er das Papier in tausend kleine Stückchen und warf es in die Kohlen des Kamins . Nach Athem ringend , stand Sophie vor ihm und sah zu , wie das Feuer den Brief verzehrte , während Duguet , die geballten Hände vor den Augen , hinauseilte . Als die Thüre heftig dröhnend hinter ihm zugeworfen war , blieb sie noch eine Weile , gespannt horchend , regungslos stehen , seine Schritte verhallten endlich auf dem Corridor ; ja , er war fort . Sie sammelte die letzten am Kaminrande herumliegenden Papierfetzen und warf sie den andern nach in die Kohlenglut . Gott sei Dank ! er hat nichts gelesen ! Tief aufathmend , als sei eine Riesenlast ihr entnommen , verließ Sophie den Salon . Es war ein schöner , aber kalter Herbstabend ; die Gesellschaft hatte sich entfernt , es war Niemand mehr im Saal , als die Hausgenossen und der alte kunstliebende Professor ; das nämliche Kaminfeuer , das zum stillen Träger des Geheimnisses geworden , das Madame Sophie so bedrückte , hielt den kleinen Kreis noch beisammen . Aber warum , Herr Gotthard , wollten Sie nicht mit mir tanzen ? fragte Leontine . Ich habe es nie gelernt , Gnädigste , und fürchtete , sie mit einem schlechten Tänzer in Verlegenheit zu setzen . Gott Lob und Dank ! Die Achillesferse ! rief , laut auflachend , das Fräulein . Anna , Anna ! Herrn Gotthards verwundbarer Fleck ! Wahrhaftig , lieber Herr Gotthard , Sie konnten mir gar keine größere Gefälligkeit erzeigen als durch diese kleine menschliche Unvollkommenheit ; aber nun müssen Sie sich auch mir zur Liebe blamiren und auf der Stelle mit mir tanzen ! Der Professor und Anna stimmten scherzend bei . Wenn Sie mich unterrichten wollen , gnädiges Fräulein , werde ich wenigstens nie mehr die Entschuldigung haben , nicht tanzen zu können , sagte Gotthard verbindlich ; er war in Leontinens Zauberbann gerathen . Sie war aufgesprungen und hatte bereits ihre Hand auf seinen Arm gelegt . Einen Walzer , lieber goldner Professor ! Erst aber langsam , wenn ich bitten darf . Sie schwebte mit Gotthard dahin ; er tanzte , wie die meisten Deutschen , seinen Nationaltanz gut , sogar schön . Schneller , immer schneller ! rief Leontine . Der alte Professor trommelte immer heftiger auf dem Klaviere herum , mit und neben dem Takt ; Gotthard folgte mit größter Gewandheit und sicherem Taktgefühl jedem Wechsel des Rhythmus . Herr Gotthard , sagte , plötzlich stillstehend , Leontine , das ist abscheulich ! Sie tanzen vortrefflich ! Ich bitte dich , Anna , walze nur ein einziges Mal um den Saal - Gotthard stand bereits schüchtern , aber doch bittend vor ihr . Zum ersten Male berührte ihn der Gräfin Hand , das Blut stieg ihm in ' s Gesicht , aber er tanzte sicher und besonnen fort . Das ungewöhnlich reine Ebenmaß seiner durchaus edeln Gestalt trat während des Ländlers auf das Vortheilhafteste an ' s Licht , seine Züge waren ruhig geworden , er machte einen sehr angenehmen Eindruck . Anna empfand zum ersten Mal in ihrem Leben eine wirkliche Freude am Tanz ; sie fühlte keines ihrer Glieder , auch nicht den sie leicht stützenden Arm ihres Tänzers ; jede Bewegung des schönen Paares paßte harmonisch an einander . Aber , Anna ! rief Leontine , die sich im Sopha recht bequem zurechtgesetzt hatte , um mit kritischem Blicke zuzusehen ; aber , Anna ! es ist ja wundervoll , wie ihr Beide zusammen tanzt ! Der Professor wollte es geschwind auch sehen , vergaß zu spielen und drehte sich um . Der improvisirte Ball hatte ein Ende . Und warum sagten Sie denn eigentlich , Sie könnten nicht tanzen ? fragte der Professor . Weil ich nur walzen kann . Einen Tanzlehrer mir zu halten , war meinen Eltern zu kostspielig . Von den ausländischen Tänzen , die ich heute hier sah , kann ich keinen . Schade , daß ich ' s nicht gesehen habe , sagte der Professor . Nun wollte Leontine durchaus dem Professor zu Ehren an dessen Stelle spielen , und Gotthard und Anna sollten und mußten ihm noch einmal vorländlern ; sie hatten jedoch kaum die Hälfte des Zimmers erreicht , als die Saalthüre aufflog und Otto durch dieselbe eintrat . Er blieb an der Schwelle stehen und schreckte sichtlich zusammen ; überhaupt schien er von der ganzen Scene , obschon sie ihm augenblicklich laut lachend erklärt ward , so unangenehm berührt , daß weder Leontinens einschmeichelndes Entgegenkommen , noch Annens herzliche Freundlichkeit den Eindruck sogleich zu verlöschen im Stande waren . An Kronbergs späte Stunden gewöhnt , hatte er es gewagt , zu fast nächtiger Zeit und in Reisekleidern zu kommen . Der folgende Morgen war zu einer nochmaligen Gletschermessung hinter Grindelwald bestimmt , von welcher er Abends nach Bern zurückzukehren und dann den folgenden Tag wieder nach Basel zu reisen gedachte . Alles dies erzählte er mit so seltsam kalter Miene , daß Leontine aufmerksam wurde und ihn mit dem durchtriebensten Uebermuthe zu necken begann . Sie behauptete , er wolle sich selbst als Gletscher ausmessen lassen , anstatt , wie er vorgebe , das Vorrücken des Eismeeres zu beobachten , was auch in der That viel unbequemer sei . Anna blieb in ihrer Einfachheit ganz arglos , sie suchte Leontinens heftige Ausfälle gegen Otto zu mildern und ihr Wohlwollen besiegte nach und nach den eifersüchtigen Unmuth des Freundes , er ward etwas heiterer . Gotthard hatte sich an das Klavier gesetzt und phantasirte ungemein schön . Nur der alte Professor achtete darauf und nickte still entzückt gegen den Takt . Otto fragte nach allem , nach den Kindern , nach Briefen und Nachrichten , nach Sophien ; seine warme bürgerlich-häusliche Theilnahme legte sich balsamisch weich auf Anna ' s verwundetes Herz . Sie mied jedoch alle nähere Erörterung über ihres Gemahls Schreiben . Nach ihrem Winteraufenthalt zu fragen , fehlte Otto der Muth ; so kam weder ihr Reisen noch Bleiben zur Sprache , und leise und allmälig entfaltete sich ihm die Wunderblüte des Glücks , die immer die Nähe eines geliebten Gegenstandes , selbst unter den traurigsten Beziehungen mit sich bringt . Saß er doch neben ihr ! Die Zimmer , die sie bewohnte , all die kleinen Thee- und Arbeitsgeräthschaften zu sehen , hatte er ja so unendlich lange entbehrt , und nun war alles noch da und wie sonst , es zog sich wie ein Zauber um seine Sinne . Daß Gotthard sich nicht in das Gespräch mischte , gewährte ihm ebenfalls eine Erleichterung . Allmälig wurde er immer fröhlicher und begann von seinen Vorlesungen , seinem Leben in Basel , den eben damals die Geologen und Naturforscher zuerst beschäftigenden Gletscheruntersuchungen und seiner morgenden Expedition zu erzählen . Aber , fragte er , plötzlich sich besinnend , wer ist denn der Fremde , der eben von euch ging ? Ich bin ihm an der Hausthüre begegnet ? Du irrst , erwiderte Anna , wir haben keine neue Bekanntschaft gemacht . Doch kam er aus euerm Hause , sogar aus eurer Etage , die Treppe herunter . Vielleicht ein Bekannter von Herrn Gotthard ? Dieser verneinte stumm . Leontine versicherte , es müsse ein guter oder böser Geist sein , der sich ihrer drohenden Winterlangeweile anzunehmen denke ; sie hatte tausend Fragen , immer eine possirlicher als die andere , und baute zuletzt aus Otto ' s Antworten eine so grotesk-burleske Gestalt des Fremden zusammen , daß Alle in lautes Lachen ausbrachen und die lustigste Stimmung des kleinen Zirkels sich bemächtigte . Nun , wenn es sich nicht so verhält , wie das gnädige Fräulein zu meinen belieben , sagte endlich , immer noch lachend , der alte Professor , so muß er eine Traumgestalt des Herrn Gotthard sein , der seit einer halben Stunde dasitzt , als brüte er , wie Doctor Faust ' s Famulus über einen Homunculus . Gotthard hatte keinen Theil an dem Gange des Gesprächs genommen , auch jetzt war er zerstreut und hatte nicht recht hingehört . Ach ! sagte er ernst und weich , welcher Mensch ist am Ende individuell genug , um so ganz genau Dichtung und Wahrheit in sich zu scheiden und mit Gewißheit zu sagen , das habe ich erlebt - das habe ich geträumt ! Otto maß ihn von Kopf zu Füßen , ein furchtbarer Zorn loderte auf in seinen Augen . Ihm war Gotthards Zerstreuung sehr erklärlich ; dieser bemerkte es nicht und blieb still in seinem Winkel sitzen . Leontine war aufgestanden und hatte trotz der Novemberkälte ein Fenster geöffnet ; sie sah eine Weile hinaus . Als sie auf Anna ' s wiederholtes Bitten zur Gesellschaft zurückkehrte , erschien sie den Andern bleich und angegriffen ; sie zitterte sogar . Sie schob es auf die Nachtluft . Der Professor , den die plötzliche , ihm ganz unerklärliche Verstimmung drückte , hatte sich wieder zu Gotthard an das Klavier gesetzt und bat ihn , eine seiner Lieblingscompositionen zu singen . Gotthard fragte die Gräfin , ob sie es erlaube , und willfahrte dem alten freundlichen Mann gern ; aber er sang andere , als die gewohnten Textworte . Mitten in der Brandung auf den Felsentrümmern Ruht der alte Schiffer , schauend in die Flut ; Unter blauen Wogen , wo die Muscheln schimmern , Bergen sich Korallen vor des Blickes Glut . Durch das Meergebrause ruft er den Erschreckten Und den Bernsteinwäldern und den Perlen zu : Schlaft in euern Tiefen ! Die euch sonst erweckten , Meine Taucherblicke , gönnen euch die Ruh ' . Glänzt mit euerm Schimmer , euern Purpurzweigen Ruhig durch die klare , rasch-bewegte Nacht ; Bleibt in eurer Schöne der Najade eigen , Zu des Wellenbettes hochzeitlicher Pracht . Hören ' s die Najaden , unten in den Wogen , All ' die Nereiden steigen still herauf , Und ein Netz von Klängen , die sein Herz durchzogen , Schlagen unter Wellen sie dem Fischer auf . Doch der alte Schiffer schüttelt seine Locken , In des Auges Muschel schläft die Thräne fort . Er sieht Netz und Schlingen - die Gesänge stocken , Seinen Nachen treibt es aus dem Felsenport . Rasch in sicherm Sprunge steht er in der Barke , Faßt das Steuerruder mit erfahrner Hand : Ruhig , Klang und Welle ! Euch bezwingt der Starke Und ihr tragt den Nachen mir zum sichern Strand . Mit jedem Vers war Gotthards Stimme voller und tönender , sein Ausdruck mächtiger geworden . Als er an die Worte kam : Ruhig , Klang und Welle ! leuchtete eine fast blendende Kraft und Sicherheit aus seinen ganz vergeistigten Zügen , so daß Alle in dem kleinen Kreise davon ergriffen , ihn starr und bewegungslos anschauten , etwa wie einen plötzlich unter ihnen erstandenen Propheten oder einen von höherer Kraft Begeisterten . Leontine stand einen Moment , das schöne Köpfchen zu einer fast demüthigen Stellung herabgebeugt , neben ihm am Klavier . Ja , sagte sie leise , Sie werden ein glücklicher Schiffer sein , denn Sie vermögen die inneren , wie die äußeren Gewalten zu bändigen , Sie haben die Kraft dazu . Kraft ist nicht Glück , mein Fräulein ! sagte Gotthard sehr ernst . Er war aufgestanden und mit an den kleinen runden Tisch getreten , um den die Andern saßen . Wunderbar , der untergeordnete , der besoldete Hofmeister der Kinder stand unter ihnen wie ein Fürst . Sogar Sophie staunte ihn mit einer Art dumpfen Respect an , mit dem sie nicht leicht bei der Hand war . Gotthard bat , sich beurlauben zu dürfen , verbeugte sich tief vor Annen , leicht vor den Uebrigen und verließ den Saal . Das ist doch ein sehr ungewöhnlicher Mensch ! sagte Otto düster . Anna schwieg . Ach ! erwiderte Leontine , wie in Traumeswogen versunken , halb flüsternd vor sich hin redend , wenn sich diese Ueberlegenheit an die Spitze eines bedeutenden Unternehmens stellte , wenn in Oberitalien - Sophie warf den Nähkorb des Fräuleins um und brachte mit den unbedeutendsten Fragen und Suchen nach den herumrollenden Wollenknäueln das Gespräch aus dem Gange . Leontine erröthete heftig ; Anna reichte Otto quer über den Tisch die Hand . Als Anna in ihr Schlafzimmer trat , leuchtete die stille Arbeitslampe wie gewöhnlich herüber . Er schreibt noch ! Sie trat ans Fenster und legte die heiße Stirn gegen die kühlenden Glasscheiben . Zum ersten Mal hatte Gotthard vergessen , seine Vorhänge zu schließen . Sie sah hinüber , sah ihn ein Paquet Schriften packen , siegeln und adressiren . Lange stand er dann , es betrachtend , am Schreibtische ; er sah sehr ernst , fast trübe aus . Plötzlich wandte er sich und trat mit einer unerwartet raschen Bewegung ihr gegenüber an sein Fenster . Das alterthümliche Haus , das die Familie bewohnte , umschloß , mit seinem Nebenbau und Seitenflügeln im Viereck , nach hinten zu einen ziemlich engen Hof ; Gotthard sah also durch die einander schräg gegenüber liegenden Zimmerfenster Annen unerwartet ganz nahe vor sich . Er hatte scharfe Augen und mußte bemerken , daß sie ihn beobachtet hatte . Ein unbeschreiblicher Ausdruck von Seligkeit und Schmerz überflog einen Augenblick seine Züge , dann senkte er die Augen . Als er sie wieder hob , war das Meteor seines Glückes verschwunden und tiefe Finsterniß umhüllte das ganze Gebäude . Für das ganze lange Leben einen Augenblick des Glücks ! sagte er wehmüthig vor sich hin . Er löschte auch seine Lampe , dann sank er im Dunkeln auf einen Stuhl und blickte tiefsinnig in die Nacht hinaus . Als er am nächsten Morgen nach dem Frühstück , seine Zöglinge abzuholen , bei Annen erschien , sah er unbefangen und heiter aus wie immer . Muß dem armen Kinde , dem Vrenely , gerade heute einfallen , sich einen guten Tag zu machen ! sagte Leontine , Hut und Mantel abwerfend . Ich wollte keinen von euern Leuten hinschicken und lief selbst hin , sie einzuladen . Sie ist nach Brienz zu Verwandten . Ich habe gar nicht gewußt , daß sie hier aus der Umgegend ist , antwortete Anna . O , wie ist das möglich ? fragte Leontine , indem sie ihren alten Lieblingsplatz , eine Art niedrigen Kinderstühlchens , zu der Freundin Füßen einnahm und ihren zierlichen Arm auf deren Knie legte . Hat sie dir nie vom Haslithal erzählt ? Wenn dich die alten erfahrungsgrauen Granitgeister durch die Felsenpforte in das liebliche kleine Eden einlassen , so kannst du dort gewahren , woher ich all meine Elfen- und Nixenbekanntschaften habe . Das frische grüne Thal ist ihr Tanzboden und Sammelplatz ; plätschernd , flüsternd und wiegend steigt es von allen Seiten zu ihm hinab ; da wehen Wasserfälle wie silberne Fahnen , sie stäuben so duftig geisterhaft hernieder in lauterem Glanz , sie schwingen ihre Regenbogenschleier über die grünen Felsenwände hin , oder schmeicheln in kleinen krausen Schaumwellen zwischen den Gräsern und Blumen sich ein , und Alle erzählen das nämliche Märchen , jedes trägt es ein Stückchen weiter in ' s bunte Leben . Haben sie aber die Tiefe des Thales erreicht und sind glücklich dem liebenden Drohen des Sonnenstrahls entgangen , der in tausend Küssen ihre Schönheit an sich ziehen will , dann eilen die Plauderinnen , die gar nicht auf ihn hören , weiter ; sie eilen , eilen , überlaufen einander bis zum Ulschibach , dem größten und schönsten der Gebirgsbäche , der mit einer ganzen Kaskadenfamilie den Bergrücken hinunterstürzt , und nun geht es lustig fort in schäumendem Jubel . Ueber die grünen Berge schauen die ernsten Wetterhörner auf das plätschernde Kinderspiel nieder ; sie strecken ihre alten Schneehäupter dicht übereinander her ; aber so alt und klug sie sind , hat ' s ihnen die Sonne dennoch angethan , sie erröthen noch immer , wenn sie so seitwärts über die Felswand weg nach den tanzenden Bächlein hinlugt . Und wenn die Nacht kommt , dann solltest du erst sehen , wie alle mit einem Mal leichenhaft bleich werden , ordentlich graulich ; aber man muß tief in die Mitternacht wachen , um das zu erfahren . Die Bächlein haben deß nicht Acht , sie springen und tanzen lustig fort bei Mondenschein und Sternenlicht und bis zur Morgenröthe . Gotthard hatte ihr mit steigendem Interesse zugehört . Welch ein Schatz innerer Poesie ! sagte er leise . Leontine drehte languissant ihr Köpfchen ihm zu und erwiderte halb schläfrig : Ach , bester Herr Gotthard ! ein einziger Regentag macht ihn zu Schanden . Ich stehe recht ärgerlich arm zwischen Ihnen Beiden , meinte Anna . Ihr ward diese bunte , alles überkleidende Phantasie , Ihnen Ihr rastloses wissenschaftliches Streben , mir aber treten Poesie und aller Ernst des Lebens immer nur in ' s Herz . Das ist recht unbequem , damit kann man eigentlich nichts anfangen . Wie können Sie , gnädigste Gräfin ! mein Streben beurtheilen - ich meine eigentlich , wie es bemerkt haben ? Kaum waren die unglücklichen Worte über Gotthard ' s Lippen , so fiel ihm die Nachtscene ein und er verstummte , in sichtlicher Verwirrung . Wo es das Herz zu bergen gilt , sind Frauen muthiger als Männer . Sie erzählte ganz unbefangen , wie sie von ihrem Zimmer aus sein Licht herüberschimmern sähe und oft gesorgt , er werde zu sehr auf seine Jugendkräfte bauen und sich überarbeiten . - Da lag die arme kleine Blüte eines geheimnißreichen Glückes vor ihm - entblättert - zu seinen Füßen . Es mußte sein - dachten beide . Nach einem Augenblicke erwiderte er : Ich habe eine alte gichtbrüchige Frau gekannt , die fast den ganzen Tag zu Bette lag , aber dennoch täglich um fünf Uhr in die Frühmesse ging und während derselben auf den kalten feuchten Steinen kniete ; sie behauptete , es schade ihr nicht , während sie sonst sehr besorgt um sich war , und wirklich wurde sie nicht kränker dadurch und die Aerzte ließen sie gewähren . - Lassen Sie mir meine Kirche , Gräfin , und - ihren etwas strengen Dienst . Und wie heißt diese Kirche ? fragte Anna . Der Staat , gnädige Frau - und allgemeines Wohl . Ich fühle die Wesenheit , wenn ich auch nicht die Form des Gehalts erkenne , die Sie Ihrem Leben geben . Jedenfalls werden beide edel sein . - Sonderbar , fuhr sie nach einer Weile fort , daß ich auch nicht einmal die Richtung derselben kenne , ja nicht einmal weiß , welcher Theil Deutschlands Ihr Vaterland ist ? Ich bin ein Rheinpreuße , mein Vater war ein Schlesier . Die Liebe zu meiner Mutter hatte ihn bewogen , sein Vaterland zu verlassen und in das ihre zu ziehen . Wir lebten in Mehlem , einem der kleinen weißen Rheinufer-Städtchen , die Sie kennen . Ich machte meine Studien zu Bonn , Berlin und Breslau ; in den Ferien besuchte ich Frankreich , Belgien , Oberitalien . Ich bin sogar einmal auf kurze Zeit in England gewesen . Der bekannte und geehrte Präsident Hellemon , meines Vaters Freund und mein Pathe , leitete meine ersten Schritte in das öffentliche Leben . Ich verdanke ihm viel , doch wollte er mir eine meinem Wesen fremdartige Richtung geben . Meine Eltern hatte ich verloren , ich konnte mich nicht entschließen , in seiner Hand das Instrument seiner Zwecke , sein Geschöpf zu werden . Ich riß mich los . - Im Jahre 1817 hatte mich ein günstiges Ungefähr in die Nähe des Fürsten gebracht , der damals die Rheinprovinzen durchreiste . Hellemon stellte mich ihm vor ; später hatte er ihm Arbeiten von mir gezeigt , mich ihm empfohlen . Mir ward dessen Gunst auf eine noch unverdiente Weise . Das Uebrige , gnädige Gräfin , ist Ihnen bekannt . Aber wie konnten Sie , wenn Ihrer Familie Mittel beschränkt waren , so bedeutende Reisen machen ? Klima , Boden und Jugendkraft begünstigten mich , ich arbeitete mich durch , ich gab sogar an kleinen Orten ein paar Mal Concerte , wo ich länger blieb , Musikstunden , ich schrieb ab , ich behalf mich . Kurz , ich habe die erwähnten Länder in interessanten und bedeutenden Momenten gesehen und wollte , da meine Studien vollendet , eben nach Spanien , als der Krieg von Neuem das unglückselige Land überzog . Auf dem Rückwege traf ich den Fürsten in Karlsruhe , er concentrirte für den Augenblick meine Kraft , er gab mir Beschäftigung - und öffnete mir Ihr Haus . Ein jubelndes frisches Kindergelächter unterbrach , von der Treppe herauf schallend , das ernste Gespräch . Leontine , die wie halb schlummernd in ihre eigenen Gedanken und Träume versunken still gesessen , fuhr auf und lief den Kleinen entgegen , die mit großem Eifer ihr Zuspätkommen entschuldigten , ma bonne habe sie weit , weit auf die Bastei spazieren geführt , um die Alpen zu sehen . Und , fuhr der Aeltere fort , mit den tiefblauen Augen seiner Mutter an Gotthard hinauf sehend , wenn du nur mit oben gewesen wärest , die Leute sagen , daß Lawinen gefallen sind - eine ganze Menge . Denke nur , du hättest sie uns gezeigt . Die Berge brauen , sagte der alte Senne unten am Thor , und das sei so rechtes Lawinenwetter , da fielen sie dutzendweise in ' s Thal . Wärst du nur mitgegangen , lieber Herr Gotthard ! Mein Gott ! rief Leontine , plötzlich aufgeschreckt , und unsre Gletscher-Reisenden ? - Reicht das Wetter wol so weit ? Das wäre entsetzlich ! Gotthard gestand , ihm fehle genaue Kenntniß der Wetterscheiden und der ganzen Wettergestaltung im Hochgebirg . Gleich nach der Stunde , die ohnehin heute im bloßen Erklären einiger naturgeschichtlichen Gegenstände bestehe , wolle er selbst zum Sennen gehen und ihn befragen . Die Kinder zogen ihn fort . Gegen Mittag , noch ehe Gotthard wiederkehrte , kam Besuch aus der Stadt und sogleich war von Lawinen die Rede , die hier nahe an Bern selbst gefahrlos und ganz unbedeutend wären , im Oberlande aber sehr gefährlich . Es sei gar toll , meinten einige Herren , in solchem Wetter Excursionen in ' s Gebirg zu wagen , es heiße , Gott versuchen . Und wiederum ward die ganze Gletschermessung als unnütz , als thörichte Spielerei gescholten , denn die Unwissenheit reibt sich ja so gern an ihr unverständlichem wissenschaftlichen Streben . Auf den Seen brause der Föhn , hieß es weiter , und die Luft hange weit und breit voll Schnee ; so wie es windstill werde , würde sich ' s in Massen niedersenken . Gnad ' ihnen Gott und behüte sie ! sagte eine junge freundliche Frau . So ein Herr aus der Fremde denkt sich einen sächsischen oder bairischen Winter zu finden ; bei uns aber beginnt er zeitig , und ist gar hart und scharf . Und wir haben den zweiten November , es wäre kein Wunder , hingen die Eiszäpfli schon am Dächli ümme . Annen starrte das Herz in der Brust . Leontine fertigte leise Duguet ab , und dann noch einen zweiten Diener , sie sollten sich beide erkundigen , ob man von irgend einem Unfall oder Unwetter im Oberlande gehört . Es war nichts zu erfahren . Der Tag verging , der Abend kam . Sie begannen zu warten , zu horchen auf jeden Laut , auf den Schritt in der Gasse , auf das Oeffnen der Hausthür ; es kam Niemand . Die Kleinen hatten etwas von der Unruhe gemerkt , sie fragten alle Augenblicke , ob denn Onkel Otto nicht komme , den sie noch gar nicht gesehen und der ihnen immer etwas mitbrächte und sie auf seinem Fuße tanzen oder fliegen ließ . Die Nacht brach ein . Die alte Thurmuhr schlug Stunde um Stunde so bleischwer langsam , es kam Niemand . Die unter den Häusern hinlaufenden Arcaden , in denen Tags hindurch ein fast südlich reges Leben sich bewegte , wurden öde . Schon waren längst alle Läden und Werkstätten geschlossen , die Lichter erloschen nach und nach die ganze Gasse entlang , es ward so todeseinsam . Anna hörte ihr eigenes Herz schlagen mit peinlicher Gewalt , sonst nichts , gar nichts . Vergebens suchte sie das Thörichte , Kindische ihrer Angst sich einzureden ; es überwältigte sie wieder und wieder . Gegen Morgen hörte sie ein Pferd aus dem Stalle ziehen . Sie flog an ' s Fenster ; es war Duguet , er hatte sich vom Nachbar einen Char-a-banc geliehen , dem er jetzt heimlich ein Pferd einspannte . Er vermochte es nicht , die Angst seiner jungen Gebieterin so unthätig zu ertragen . Sophie stand mit einer Laterne im Hof und leuchtete ihm ; dann packte sie ein und steckte eine Menge kleiner Paquete , auch eine Flasche Wein in das Wägelchen - sie mußte doch wol auch an ein mögliches Unglück glauben . Endlich schleppte sie noch einen alten Pelz ihres Herrn herbei . Duguet nahm ihn nicht um , er legte ihn , sorgsam gefaltet auf den Sitz ; augenscheinlich bestimmten ihn die wackern Leute für Otto . Kalte Thränen rollten über Anna ' s bleiche Wangen , als Sophie vorsichtig das Thor öffnete und der Char-a-banc aus dem Hofe fuhr , leise , leise , um sie nicht zu wecken . Sie trat zurück , als der alte treue Diener schon im Abfahren den Blick noch einmal ihrem Fenster zuwandte ; sie wollte seinem so ergebenen Eifer kein Mislingen zeigen , und aus der weit entlegenen Zeit ihrer Kindheit flog zauberschnell ein