Hand . So standen sie beisammen , als Jenny mit einigen Andern in das Cabinet kam , und , sowie sie Reinhard mit Theresen in dieser traulichen Vereinigung entdeckte , mit einem leise unterdrückten Ausruf hinaus und auf ihr Zimmer eilte . Die Mutter , welcher dieser Vorfall nicht entgangen war , folgte ihr sofort , aber kein Zureden vermochte Jenny , den Grund ihrer plötzlichen Entfernung anzugeben oder wieder zur Gesellschaft zurückzukehren ; und die Mutter sah sich also genöthigt , zu erklären , ihre Tochter sei unwohl geworden , die große Wärme des Zimmers habe es vermuthlich dem sonst gesunden Mädchen angethan . Jenny lag indessen bitterlich weinend auf ihrem Ruhebette . Sie hatte geglaubt , daß Reinhard die Tableauxaufstellung nicht erwünscht sei , und vielleicht nicht mit Unrecht gedacht , es sei ihm besonders unlieb , weil er als künftiger Geistlicher an solchen Dingen keinen persönlichen Antheil nehmen mochte und konnte . Sie hatte also allerlei Schwierigkeiten erhoben , um entweder sich selbst davon frei zu machen oder Reinhard durch die Wahl irgend eines Bildes , das er liebte , damit auszusöhnen . Es war ihr unangenehm gewesen , es hatte sie gekränkt , daß er nicht zur Probe gekommen war , weil sie irrigerweise geglaubt , ihn dazu eingeladen zu haben ; und als Erlau ' s unbedachte Neckerei ihr den Gedanken eingab , Reinhard könne sich gegen ihn der Herrschaft gerühmt haben , die er über sie hätte , fühlte sie sich davon so verletzt , daß sie theils aus einer Art von Rache , theils aus höchster Verlegenheit die Worte sprach , die unglücklicherweise Reinhard zum Zuhörer gehabt hatten . In heftigster Bewegung , halb außer sich vor Schmerz und Zorn und Scham , war sie Erlau in den Saal gefolgt . Sie probirte , scherzte und lachte , während das Herz ihr bitter wehe that . Endlich war die Probe beendet ; es trieb sie , Reinhard aufzusuchen , sich um jeden Preis mit ihm zu verständigen , die Qualen zu beenden , denen sie Beide unterlagen . Sie wollte den Saal verlassen ; ohne allen Rückhalt wollte sie zu dem Geliebten sprechen ; die demüthigste Abbitte schien ihr nicht zu schwer - aber die Fremden wichen nicht von ihrer Seite . Trotz dem eilte sie , in Reinhard ' s Nähe zu kommen , um ihn wenigstens zu sehen . Da fand sie , wie sie glaubte , Reinhard und Therese in zärtlich heimlichem Gespräche . Ihre beste Freundin , der Mann , der ihr Alles war , hatten sie , wie sie glaubte , verrathen . Das war zu viel für ein so junges , heißes Herz ; sie eilte hinaus , sie war ihrer selbst nicht mächtig . Jetzt in der Einsamkeit malte ihr die Phantasie geschäftig tausend falsche Bilder vor . Sie konnte nicht begreifen , wie dies Verhältniß ihr so lange verborgen geblieben sei ; sie war empört von so viel Falschheit und schauderte entsetzt zusammen , als Therese zu ihr kam , um freundlich nach ihrem Ergehen zu fragen . Um Alles in der Welt , sagte sie heftig , laß mich allein , ich leide zu sehr . Darum komme ich ja eben ! bat Therese theilnehmend . Nein , nur Du nicht , nur Du nicht ! schluchzte Jenny . Dich kann ich nicht sehen , Dich am wenigsten von Allen ! Therese stand rathlos vor ihr . Sie verstand die Freundin nicht , sie besorgte , daß Jenny irre rede , und noch leiser sagte sie : Aber Jenny ! kennst Du mich denn nicht ? Ich bin ' s ja , Deine Therese ! Meine Therese ? rief Jenny und lachte bitter auf - Du bist Reinhard ' s und nicht mein ! Fort ! - Gehe zu ihm , aber gleich ! - und sage ihm , wie elend Ihr mich macht ! Nun fiel plötzlich die Binde von den Augen der ahnunglosen Therese . Sie faßte Jenny in ihre Arme und fragte : Liebst Du denn Reinhard ? O , unaussprechlich ! so unaussprechlich , als ich elend bin , so wie Du ihn liebst , so wie er Dich ! Kaum hatte Jenny unter heißen Thränen diese Worte hervorgebracht , da flog Therese zur Thüre hinaus , die Treppe hinunter , suchte Reinhard und zog den Ueberraschten mit sich fort . In derselben Eile führte sie ihn zu Jenny und trat mit ihm vor sie hin , ohne daß Reinhard den Vorgang begriff . Jenny weint um Sie , Reinhard ! rief Therese ebenfalls weinend , sie ist eifersüchtig auf mich ! und ehe sie noch vollendet , sank Reinhard vor dem Ruhebette nieder und Jenny lag an seiner Brust . So vergingen selige Minuten . Dann war es Jenny zuerst , die ängstlich nach den Eltern , nach Eduard verlangte , und Reinhard bat , mit Theresen hinunter zu gehen und die Ihrigen wegen ihres Unwohlseins zu beruhigen , durch welches die Fremden veranlaßt worden waren , sich früher als gewöhnlich zu entfernen . Auch Therese zog es vor , mit dem sie erwartenden Mädchen gleich nach Hause zu gehen , und Reinhard blieb mit Jenny ' s Eltern in dem leeren Saal allein . Die Diener eilten mit gebrauchten Gläsern hin und her , die Thüren der entferntern Zimmer wurden geschlossen , die Lampen ausgelöscht . Die Mutter saß ein wenig ermüdet auf dem Sopha , ihr Mann ging , seine Cigarre rauchend , im Zimmer umher . Die ganze Scene hatte etwas Unbehagliches , das sich auch dem eintretenden Reinhard mittheilte . Er hatte , als er Jenny verließ , nur an ihre Liebe gedacht , die ihn berechtigte , um sie zu werben . Nun er die Bitte bei den Eltern beginnen wollte , überkam ihn wieder ein Gefühl von Demüthigung bei dem Gedanken , daß er ihnen für ihre Tochter nichts bieten könne , als seine Liebe , die denselben vielleicht weniger ausreichend zum Glück des Lebens scheinen dürfte , als ihm und Jenny . Doch zögerte er keinen Augenblick , sich offen und frei auszusprechen , und seine Befangenheit , jedes Gefühl von Ungleichheit verschwand , als er mit schöner Wärme von seiner Liebe und von dem Glücke sprach , das in derselben läge . Die Eltern hörten bewegt und mit Wohlgefallen die feurigen Worte des jungen Mannes , der ihnen werth geworden war und dem sie ihre volle Achtung nicht versagen konnten . Reinhard war ein Mann , wie zärtliche Eltern ihn ihrem Kinde wünschen mußten : offenen Herzens , klaren Geistes und von den reinsten Sitten . Aber die Zerstörung der Hoffnung , Jenny mit Joseph verbunden und das Bestehen seiner Handlung auf diese Weise gesichert zu sehen , schmerzte den alten Herrn , dem freilich das Glück der einzigen Tochter höher stand , als die Erfüllung seiner Lieblingswünsche . In diesem Sinne war seine Antwort anerkennend und ehrenvoll für Reinhard . Er bat ihn , ihm bis zum nächsten Tage Zeit zu gönnen , ehe er sein bindendes Wort zu dieser Heirath ausspräche ; er müsse erst mit sich , mit Jenny und den Seinen einig werden , da ihm persönlich der Antrag ganz unerwartet gekommen sei . Mehr konnte Reinhard eigentlich nicht verlangen . Er hatte es so voraussehen können , und doch war er unzufrieden mit sich , mit Allem . Er wünschte Jenny noch einmal zu sehen ; aber das verweigerte die Mutter , besorgt , die neue Aufregung könne der Tochter schädlich sein ; doch versprach sie ihm , gleich zu Jenny zu gehen , ihr das Ergebniß der Unterredung mitzutheilen , und entließ Reinhard mit den Worten : Gehen Sie , Lieber , und grüßen Sie Ihre Mutter ; ich hoffe , wir sehen uns morgen Alle , und zwar recht glücklich wieder . Je gespannter die Pfarrerin der Rückkehr ihres Sohnes geharrt hatte , um so mehr erschreckte sie der Ernst in seinen Zügen . Er erzählte ihr , wie Alles gekommen war , wie er glaube , am Ziele seiner Hoffnungen zu stehen ; er pries sich glücklich , Jenny nun die Seine zu nennen , und doch fühlte seine Mutter , die ihn kannte wie sich selbst , daß irgend Etwas sein Glück störe . Und so war es wirklich . Reinhard war durch Jenny ' s Betragen bei seiner Ankunft auf eine Weise verletzt worden , die er so leicht nicht verschmerzen konnte . Zu einer versöhnenden Erklärung hatte der flüchtige Augenblick nicht hingereicht , den Jenny an seiner Brust gelegen : ein Glück , das er sich und der ruhigen Neigung der Geliebten allein verdanken wollte , war ihm vom Zufall unerwartet zugeworfen , in einem Augenblick , in dem er kaum in der Stimmung gewesen war , es zu empfangen oder zu begehren . Nach der leidenschaftlichen kurzen Minute in Jenny ' s Armen schien ihm das Betragen ihrer Aeltern kalt , und obgleich er sich fortwährend wiederholte , daß er Jenny ' s Liebe besitze , daß er seinen heißesten Wunsch erfüllt sähe , kam keine rechte Freude in seine Seele . - Tadeln wir ihn deshalb nicht ! Es genügt nicht immer , daß wir an unser Ziel gelangen ; es kommt wesentlich darauf an , wie wir es erreichen . Der morgende Tag wird für das Seinige sorgen ! mit den Worten verließ der alte Meier am Abend seine Frau und Jenny , die noch lange beisammenblieben und , der Vergangenheit gedenkend , tausend Entwürfe machten , wie es möglich zu machen sei , daß Mutter und Tochter nicht getrennt würden , was bei Reinhard ' s Beruf leicht der Fall sein konnte . Denn daß der Vater seine Einwilligung geben würde , da Jenny ihm versichert , sie könne nicht glücklich sein , nicht leben , ohne Reinhard , daran glaubten die Frauen nicht zweifeln zu dürfen . Und doch war der alte Herr der Heirath lange nicht so geneigt , als die Beiden glaubten ; und die Morgenstunde fand ihn mit Eduard und Joseph , die er zu sich beschieden hatte , in ernster Berathung . Er theilte ihnen die Vorgänge des letzten Abends mit und fand zu seiner Verwunderung , daß man sie gewissermaßen erwartet hatte . Eduard bekannte , er habe seit längerer Zeit eine Neigung Jenny ' s und Reinhard ' s zu einander vermuthet , habe aber absichtlich geschwiegen , weil dergleichen Verhältnisse wie eine Aeols-Harfe wären , die man bei der leisesten Berührung hell erklingen mache ; und er habe andrerseits die Ueberzeugung gehegt , daß die Aeltern keinen Grund irgend einer Art haben könnten , dieser Neigung entgegen zu sein , da ihnen Allen Reinhard als einer der tüchtigsten Menschen bekannt sei . Was Du da sagst , mein Sohn , sprach der Vater , ist größtentheils wahr . Ich finde es auch begreiflich , wie gerade Dir - Eduard wurde verwirrt , - eine Heirath aus Neigung so unerläßlich scheint , daß alle andern Rücksichten davor schweigen . Anders aber urtheilt man in meinen Jahren , als in den Euren . Und doch , wandte Eduard ein , hast Du , lieber Vater ! bei der Wahl Deiner Gattin nur Dein Herz gefragt . Das , glücklicherweise , ergänzte der Vater , nirgend gegen Bestehendes zu kämpfen hatte . Doch das gehört nicht hierher . In einer Stunde , wie diese , müssen falsche Rücksichten nicht beachtet werden : ich sage es daher offen , wir Alle wissen , daß Joseph Jenny liebt . Mir war das sehr erwünscht , denn es war mein fester Wille , sie ihm zur Frau zu geben , und Dich , Joseph , den ich wie einen Sohn liebe , wirklich zu meinem Sohne zu machen . Ich weiß das , lieber Onkel ! aber Jenny hat keine Neigung für mich , und sie würde vielleicht mit mir , wie ich nun einmal bin , auch ohne Reinhard ' s Dazwischentreten nicht glücklich geworden sein ! sagte Joseph , seine innere Bewegung mit Gelassenheit bekämpfend . Wollte Gott , ich könnte sie Reinhard mit solcher Zuversicht anvertrauen , als Dir , entgegnete der Vater und drückte ihm die Hand . Es entstand eine peinliche Pause . Eduard , der hier zwischen seinen besten Freunden entscheiden sollte , fühlte für Beide lebhafte Theilnahme . Er gönnte Reinhard und Jenny ein Glück , das ihn seine Liebe in voller Größe erkennen ließ , und er empfand in Joseph ' s Seele , was Entsagung zu bedeuten habe . Das Mißtrauen seines Vaters gegen Reinhard aber bewog ihn endlich , das Schweigen mit der Bemerkung zu unterbrechen , wie ihm , der Reinhard seit Jahren kenne , dessen Charakter ein sicherer Bürge für Jenny ' s Zukunft sei . Da irrst Du ! entgegnete der Vater . Ich achte Reinhard und erkenne seine Vorzüge an , aber er lebt in einer Ideenwelt . Solche Menschen sind mir bedenklich und taugen nicht für die Ehe . Weil er mit der höchsten Anstrengung und allem Ernste daran arbeitet , die Vollkommenheit , die er im Auge hat , sein Ideal eines Menschen , zu erreichen , darum glaubt er sich berechtigt , auch an Andere die gleichen Ansprüche zu machen . So wie er das Leben , die Liebe auffaßt , sind sie nicht , und die Ehe , die sittliche Feststellung der Verbindung der beiden Geschlechter , bleibt trotz der höchsten Liebe , die zwei treffliche Menschen verbindet , immerdar hinter Dem zurück , was einem jungen Manne oder Weibe als Ideal vorschweben mag ! Der Ruhige , der Besonnene findet sich darin und tröstet sich mit dem Guten , das sich ihm in der Ehe offenbart , über Das , was nicht zu erreichen ist - das aber , fürchte ich , will und kann Reinhard nicht . Weil er Jenny liebt , erscheint sie ihm geeignet , das Ideal einer Hausfrau , einer Gattin zu werden , wie er sie sich träumt ; er wird es deshalb auch verlangen , daß sie sein Ideal verwirklicht , und , wie ich ihn beurtheile , nur zu geneigt sein , ihr aus den Unvollkommenheiten des Menschen überhaupt , einen persönlichen Fehler zu machen . Mit einem Worte , Reinhard hat eine Art Ueberspannung in seinen Gefühlen , die mich für Jenny ' s Glück besorgt macht . Eduard konnte nicht leugnen , daß die Bemerkung seines Vaters Wahrheit enthalte , vertheidigte den Freund aber lebhaft und meinte , sein Vater verfalle selber in den Fehler , den er an Reinhard rüge ; er verlange , daß Reinhard vollkommen sein solle . Nein ! sagte der Vater , aber daß ich es Euch gerade herausgestehe , mir ist eigentlich nichts genehm bei diesem Antrage . Jenny soll Christin werden , auch das steht mir nicht an . Und doch wünscht sie eben das ! bemerkte Joseph . Nicht doch , mein Sohn ! Sie wünscht Nichts als Reinhard ' s Frau zu werden ; das Christenthum ist ihr ein Mittel für den Zweck , das glaube mir . Und gerade auch das macht mich besorgt . Reinhard ist zu strenggläubig , um duldsam sein zu können , und Jenny hat zum Glauben viel zu viel Verstand . Eduard schüttelte den Kopf . Wen das Weib liebt , dem glaubt sie ! sagte er . Jeder Mann ist seiner Geliebten der Verkünder eines neuen Glaubens ; Liebe ist die Offenbarung , in der das Weib den Geliebten als den gottgesandten Messias erblickt . Wenn Jenny wahrhaft liebt , wie ich gewiß bin , wird sie glauben , woran sie will ! Sie wird glücklich machen und das ist genug , um auch glücklich zu sein . Meinst Du ? fragte der Vater - Die Mutter ist nur zu sehr für den Plan eingenommen , ihr ist es lieb , daß Jenny Christin wird , sie schätzt die Pfarrerin und Reinhard hoch - und gewiß ! das thue ich auch . Nur will mich ' s trotz alle dem bedünken , als ob Jenny und Reinhard nicht zusammengehören . Da nun Reinhard glücklicherweise noch keine Stelle hat , so will ich meine Einwilligung , wenn ich sie denn geben muß , nur unter der Bedingung gewähren , daß man die Verlobung geheim hält , bis Reinhard ein Amt erhalten haben wird . Dagegen machte Eduard Einwendungen . Auch Joseph meinte , daß eben dies Brautpaar nicht dazu geeignet wäre , in solch geheimgehaltenem Verhältniß Ruhe und Glück zu finden . Ich weiß aus Erfahrung , sagte Joseph , Reinhard ist eifersüchtig und Jenny ' s Lebhaftigkeit allein kann dabei schon Anlaß zu tausend Mißhelligkeiten geben . Auch sehe ich nicht ab , lieber Onkel ! was Du eigentlich gegen die Bekanntmachung der Verlobung hast ? Was ich dagegen habe ? rief der alte Herr nun heftig aus . Jenny ist eins der reichsten Mädchen der Stadt , sie ist schön , klug und kaum erwachsen . Mein Name , mein Haus ist der geachtetsten eines - solch Mädchen mußte mir Dich oder einen andern Schwiegersohn bringen , der meinem Hause Ehre machte , dem ich die Firma übergeben , den ich den Leuten zeigen konnte . Ihr wißt , daß meiner Kinder Glück in erster Linie bei mir steht , aber ich bin nicht allein Vater , ich bin auch Kaufmann . Auch mein Haus ist ein Theil meines Ich ' s und es will mir nicht in den Sinn , daß meine einzige Tochter sich mit einem Studenten oder Candidaten verlobe , von dem man gar nichts weiß , als daß er wegen Demagogie in Untersuchung gewesen ist . Und , fügte er plötzlich weicher hinzu , der vielleicht in seinem Stolze noch glaubt , ein Opfer zu bringen , mir eine Ehre zu erzeigen , indem er ein Judenmädchen , diese Perle von einem Mädchen , zum Weibe nimmt . Und wieder entstand eine Pause . Der Vater ging rasch im Zimmer umher , bis Eduard und Joseph das Thema nochmals aufnahmen , als er ruhiger zu werden schien . Sie erinnerten ihn an die vortheilhafte Meinung , die er selbst stets von Reinhard gehegt , sie warfen ihm vor , einer Art von Hochmuth mehr Gehör zu geben als seinem Herzen . Joseph schilderte die Scene , die er einst mit Jenny erlebt , als er ihr abgerathen hatte , zum Christenthume überzutreten ; er versicherte , Jenny ' s Hand nie annehmen zu wollen , wenn sie nicht zugleich ihr ungetheiltes Herz ihm geben könnte , und Beide schlossen in der Ueberzeugung , daß Jenny nicht von Reinhard lassen , daß man eine so innige Neigung nicht ohne entschiedene Gründe trennen dürfe , und daß dem Vater daher nichts übrig bleibe , als seine Zustimmung zu geben . Das ist es eben , was mich so verdrießt ! sagte er , schon wieder freier geworden . Ich habe keinen recht vernünftigen Grund , meine Einwilligung zu verweigern , und doch möcht ' ich es gerne , wenn ich Jenny ' s Zukunft recht bedenke . Zur Pfarrersfrau ist sie einmal nicht gemacht , und wir müssen darauf denken , für Reinhard eine andere Stellung zu gewinnen ! - Als die Unterhandlungen so weit gediehen waren , nahmen sie eine leichtere , fast geschäftliche Richtung an . Man sprach davon , ob und wie man Reinhard bewegen könne , eine andere Carriere , etwa die academische , zu erwählen . Eduard bezweifelte , daß sein Freund darein willigen werde . Joseph meinte , wenn Jenny ihn ernstlich darum bäte , müsse er es thun , da es im Grunde gleichviel sei , ob er selbst Pfarrer werde oder die jungen Leute zu Geistlichen nach seinem Sinne bilde ; und der Vater sagte ziemlich dictatorisch : Für das Opfer , das ich bringe , für das Mädchen , das er bekommt , habe ich das Recht , auch von seiner Seite auf Fügsamkeit zu rechnen ; und - so sei es denn ! Jenny wird Reinhard ' s Frau ! schloß er lächelnd , aber mit einem tiefen Seufzer , der ein Echo in Joseph ' s Herzen fand . - Und nun , mein Freund , sprach der alte Herr zu Joseph , laß auch uns in ' s Reine mit einander kommen . Ich hielt Dich bisher in meinem Hause fest , weil ich hoffte , es Dir als Jenny ' s Mitgift einst zu übergeben . Der Plan zerfällt , und ich muß es Deiner Neigung überlassen , ob und unter welchen Verhältnissen Du künftig bei mir bleiben willst . Ich sähe Dich ungern von uns scheiden , indessen ...... Ich bleibe , Onkel ! rief Joseph mit einem Handschlag , den der Onkel und Eduard fest erwiderten , und die drei Männer wußten , wie sie auf einander zählen konnten . Dann berieth man noch , daß Joseph als Compagnon in das Geschäft seines Onkels eintreten solle . Und wenn Du , sagte dieser , Dir einst eine Frau wählst und mir dadurch eine zweite Tochter bringst , so mag sich Herr Eduard seine eigene Wohnung suchen . Der Compagnon des alten Meier wohnt auch in dessen Hause . Man wollte scherzen , es kam ihnen aber nicht aus der Seele , und man ging nach dem Wohnzimmer , in der Hoffnung , die kleine Braut zu begrüßen . Es würde vergebens sein , das Glück der Verlobten zu schildern . Fröhlicher , hingebender konnte kein Wesen gedacht werden als Jenny , und selbst der Vater söhnte sich mit dem Gedanken an diese Verbindung aus , als er die Tochter so voll Freude sah . Die engsten Bande umschlangen den kleinen Kreis . Die Pfarrerin und Jenny ' s Mutter waren erfreut , nun für immer durch ihre Kinder zusammenzugehören , und sahen wohlgefällig auf das schöne Paar , das seines Glückes täglich bewußter zu werden schien . Joseph ' s edler Sinn hätte es für ein Unrecht gehalten , durch das leiseste Zeichen von Bedauern , von Verstimmung , die allgemeine Freude zu trüben , und als an dem Verlobungsmorgen Reinhard ihn allein fand und über ihr früheres Zusammentreffen an jenem Abend versöhnend zu sprechen begann , gab ihm Joseph die Hand und sagte : Machen Sie Jenny so glücklich , daß ich nie den Vorzug bedauere , den sie Ihnen gegeben ; dann ist weiter nichts darüber zu sagen . Eduard allein war wehmüthig gestimmt . Das Glück , dessen Zeuge er war , rief die Sehnsucht nach gleicher Befriedigung in ihm hervor und aufs Neue begann der Kampf in ihm , den seit Monden seine Liebe und sein Gewissen führten . Am sonderbarsten aber erschien Therese in der allgemeinen Freude . Es kam ihr vor , als ob Jenny ' s Glück allein ihr Werk sei ; sie gab sich das Ansehen einer Beschützerin und that so verständig und altklug , daß die Andern nicht aufhören konnten darüber zu lachen . Lacht nur immerfort , sagte sie mit Stolz , wäre ich Euch an jenem unglücklichen Probeabend nicht zu Hülfe gekommen , Ihr wäret noch , Gott weiß , wie weit vom Lachen ! Und ganz unrecht hatte sie nicht ; nur daß sie sich und ihrer Ueberlegung zuschrieb , was Eingebung des drängenden Momentes gewesen war , und daß sie es ganz in der Ordnung fand , wenn Reinhard und seine Braut sie scherzend den Schutzgeist ihrer Liebe nannten . Man war übereingekommen , da nur noch einige Tage bis zum Sylvester fehlten , an dem gewöhnlich ein Ball im Meierschen Hause zu sein pflegte , an diesem Abende das junge Paar als Verlobte vorzustellen . Niemand , so wünschte die Mutter , sollte vorher davon benachrichtigt werden . Man wollte die Bilder gleich am Anfange des Abends aufstellen , um nachher beim Beginn des neuen Jahres das Brautpaar als den Mittelpunkt des Festes zu feiern . Nach Reinhard ' s Geschmack war das nun freilich nicht und er sprach sich gegen Eduard darüber aus . Was kannst Du denn dagegen haben ? fragte ihn dieser . Ich mag solch lautes Glück nicht . Liebe bedarf nicht des Trompetentusches ; wahrhaft beglückt sie nur in der Stille , und solch ein Gepränge ist mir überhaupt zuwider . Sei nicht wunderlich , bedeutete ihn Eduard . Bis zum Sylvesterabend hast Du Dein Glück fast eine Woche lang still genossen , und Du mußt dann auch damit zufrieden sein , es auf die Weise bekannt machen zu lassen , die meinem Vater zusagt . Was gibt es da bekannt zu machen ? sagte Reinhard verdrießlich . Was kümmert es die Fremden ? Und die Bekannten ahnen es wohl Alle , seit sie mich täglich und zu allen Stunden in Eurem Hause sehen . Du glaubst es nicht , wie solche prunkende Schaustellungen mir zuwider sind . Prunkende Schaustellungen ? fragte Eduard ; die hat man meinen Eltern niemals vorgeworfen , und ich wüßte nicht , wie sie jetzt mit einem Male dazu kommen sollten ? Du meinst , sagte Reinhard rasch , die Verlobung mit einem Candidaten der Theologie sei eben kein Ereigniß , auf das man besonders stolz zu sein brauchte ! Da hast Du recht , und vielleicht bin ich so sehr gegen diese Ballparade , weil ich das selbst empfinde . Vielleicht wäre ich weniger dagegen , wenn ich mit Rang und Würden aufträte , so aber ...... In Eduard ' s Seele war wirklich kein Gedanke der Art gekommen . Er empfand seines Schwagers Aeußerung fast wie eine Beleidigung ; doch hatte er sich von je gewöhnt , in diesem Punkte , in dem Reinhard von kranker Empfindlichkeit war , Nachsicht und Schonung gegen ihn zu üben . Er ließ ihn also nicht zu Ende sprechen . Gönne uns doch die Freude , zu zeigen , daß Jenny eine Wahl getroffen , sagte er , die uns lieber ist , als alle Leute von Rang und Würden , die sie ausgeschlagen ! - Damit war die Sache abgethan ; aber Eduard fühlte , daß seines Vaters Ansicht von Reinhard nicht ungegründet sei , und auch ihm wurde bange , ob der , den er mit vollstem Vertrauen seinen Freund nannte , sich zu Jenny ' s Gatten eigne . Doch war das nur eine vorübergehende Idee , die bald verschwand , wenn er sah , wie Reinhard ' s ganzes Wesen , seine stolze Kälte , seine schroffe Abgeschlossenheit vor einem Blicke Jenny ' s sich in Liebe auflösten ; wie er in einer andern Luft zu athmen , Alles in anderm Lichte zu sehen schien , wenn er sich in der Nähe seiner Braut befand . Unter Vorbereitungen mancher Art kam der Sylvesterabend heran . Man hatte die Säle des Hauses mehr als gewöhnlich ausgeschmückt , und selbst die Freunde des Hauses ahnten heute irgend etwas Besonderes , obgleich Herr Meier immer Wohlgefallen daran hatte , sein Haus in einer gewissen Eleganz zu zeigen . Nach den ersten Tänzen wurde die Gesellschaft in das Treibhaus geführt , das für die Aufstellung der Tableaux eingerichtet war . Man hatte als erstes Bild Bendemann ' s » Trauernde Juden « gewählt , die in der letzten Ausstellung mit großem Beifall aufgenommen worden waren . Die breiten Thürflügel , welche das Treibhaus von dem Saale trennten , waren zurückgeschlagen . Sie bildeten einen Rahmen , der die Bilder einschloß , und ein allgemeiner Ruf der Bewunderung wurde laut , als das Aufziehen des Vorhanges das Bild enthüllte , für das die herrlichen Tropengewächse des Treibhauses den Hintergrund gaben . Steinheim , der den Greis darstellte , war durch seine kräftige Gestalt und sein ausdrucksvolles Gesicht , das durch den künstlichen Bart und die orientalische Kopfbedeckung an Bedeutung gewann , vortrefflich für seine Rolle geeignet . Eine junge Verwandte des Hauses , die seit einigen Jahren verheirathet und Mutter des Knaben war , dessen wir schon bei der Probe gedachten , stellte die junge Frau mit dem Kinde vor . Zu Steinheim ' s Füßen ruhte , verhüllten Angesichts , Therese , und , die rechte Hand auf die Laute gelehnt , das schöne Haupt auf den andern Arm gestützt , saß Jenny an Steinheim ' s Seite . Man konnte nichts Edleres , nichts Ergreifenderes sehen , als den Ausdruck hoffnungsloser Trauer in ihren jugendlichen Zügen . Darüber war nur Eine Stimme , daß diese Darstellung einen lebhafteren Eindruck mache , als Bendemann ' s Bild selbst , während sonst fast immer dergleichen weit hinter dem Originale zurück bleibt . Man konnte nicht genug sehen und bewundern , und Erlau mußte endlich , trotz aller Bitten , den Vorhang herunter lassen , um die Mitwirkenden nicht zu sehr zu ermüden . Kaum sah Reinhard seine Braut das Treibhaus verlassen , um ihr Costüm auf ihrer Stube zu wechseln , als er ihr nacheilte . Er wünschte sie einen Augenblick allein zu sehen , was ihm bis dahin nicht gelungen war , da er versprochen hatte , durch keine auffallende Annäherung den Aeltern die Freude der Ueberraschung zu verderben . Voll Liebe flog Jenny ihm entgegen ; ihre Arme schlangen sich um seinen Hals , und als er sie umfaßte , hob er die kleine anmuthige Gestalt in die Höhe und ließ sie nur ungern zur Erde hinunter , als sie lachend ausrief : Du weißt wohl , mein Himmel ist in Deinen Armen , aber da heute auf Erden Sylvester und Ball bei uns ist , so werde ich doch nun zu den Erdensöhnen hinuntereilen müssen , also laß mich fort ! bat sie und wollte sich ihm entziehen . Reinhard aber hinderte sie daran . Laß mich noch einmal in Deine Augen sehen , bat er . O ! rief er dann und küßte trunken Jenny ' s lange Wimpern , die süßen Augen sind ja licht und fröhlich - nun bin ich ruhig , nun geh '