, von des Geliebten Munde das Geständniß seiner Liebe zu hören und ihm zu sagen , wie er ihre Welt , ihr Schicksal , ihr Alles gewesen sei von ihrer Jugend an . Nun kam das niederschmetternde Bewußtsein über sie , daß diese erste Stunde des Glückes auch sicher die einzige und letzte für sie sein werde und müsse . Aber das Verlangen ihres Herzens war befriedigt , ihre lang verschwiegene heiße Liebe war , wenn auch nur für einen Augenblick , frei und schön zur hellen Flamme emporgelodert ; der tief verborgene Keim war zum Lichte durchgedrungen und hatte geblüht , zur Freude des Geliebten . Das konnte , das mußte ihr genügen , jetzt und immerdar . Verlasse mich , gehe ! bat sie plötzlich und schlang doch ihre Arme fesselnd um seinen Hals . Es ist vorbei , vorbei für immer ! Er verstand sie nicht . Ich soll Dich lassen ? und in dieser Stunde ? fragte er . Kann es denn anders sein ? klagte sie . Du selbst hast mit dem Namen meines Gatten mich an ihn erinnert , den ich so treulos verrathe , der es nicht ahnt , in liebendem Vertrauen , daß sein Weib Dich liebt und ihn und sich selbst in Deinen Armen , an Deinem Herzen beweint . Gehe , gehe , Geliebter , wenn Du mich liebst ! rief sie noch einmal und ihre glühenden Thränen flossen auf seine Brust . Nein ! ich gehe nicht ! versetzte er . Liebst Du mich denn nicht ? Mußt Du nicht mein sein , weil Du mir gestanden , daß Du nur mich allein geliebt ? Ich will nicht mehr leben ohne Dich , ich will es nicht , Du sollst nicht hinsterben in fruchtlosen Kämpfen . Leben sollst Du für mich , für mich allein . Denkst Du wohl jenes Abends , als Dein müdes Haupt in den Blättern der Cala sich barg , wie hart ich war , wie ungerecht der Zweifel an Dir mich damals machte ? Jetzt , da ich Deiner sicher bin , jetzt , da ich Meining und den Adel seines Sinnes kenne - Nicht weiter , ich beschwöre Dich , flehte Clementine , Meining liebt mich , ich weiß es und ich kenne seine Großmuth - aber dringe nicht in mich , jetzt nicht . Verlasse mich nur jetzt , nur heute , morgen hörst Du von mir - gewiß , nur jetzt laß mich allein . Ich höre von Dir ? und werde ich Dich nicht sehen ? Kannst Du Dich mir nach so langem Entbehren , nach so kurzem Glücke so schnell entziehen ? Glaubst Du , daß ich einwilligen werde , mir auch nur einen Augenblick die Wonne Deiner Gegenwart rauben zu lassen , jetzt da Du wieder mein bist ? Nein , morgen in aller Frühe bin ich wieder hier , morgen und alle Tage will ich ' s in Deinen Augen lesen und an Deinem Herzen empfinden , daß die Welt die Mühe des Lebens vergelten , überreich vergelten kann , in einem Herzschlag . Nur in der Hoffnung gehe ich . Und so gute Nacht , mein schönes , holdes Glück . Denke auch im Traume an mich - ist es mir doch selber wie ein schöner Traum , daß ich Dich wieder gefunden habe , daß Du mir wieder leuchtest , Du lieber Stern aus meiner Jugendzeit ; nun gehe mir niemals , niemals wieder unter . Und nun lebe wohl und ruhe sanft , Du holdes , süßes Weib ! Noch einmal sanken sie einander in die Arme , noch einmal hob er die Geliebte zu sich empor , und ruhten Herz an Herz und Mund an Mund . Noch ein langer Kuß , in den sie alle Gluth , alle Liebe ihres Lebens preßte , noch ein kurzer Augenblick voll Wonne , und Clementine war allein - allein mit der Ueberzeugung , auf dem Gipfel ihres Lebens gestanden zu haben , entschlossen , den Weg , der ihr zu machen blieb , unerschütterlich fest fortzuwandeln , reich durch das Andenken an diese Eine nun entschwundene Stunde . Schlaflos verging ihr die Nacht , sie rang vergebens nach einem Entschlusse . Bald hielt sie es für nöthig , ihrem Manne Alles zu bekennen , seine Vergebung zu erflehen und ihr Schicksal in seine Hände zu legen , dann wieder schien es ihr eine heilige Pflicht , ihm Alles zu verschweigen wie bisher . Robert baute seine Hoffnungen auf ihre Trennung von ihrem Manne , und wider ihren Willen sah sie sich in Hochberg neben und mit ihm wirken . Sie empfing ihn , wenn er Abends zurückkehrte , sie theilte seine Leiden , seine Freuden , sie sah ihn glücklich an ihrer Seite , sich selber glücklich neben ihm - aber konnte sie jemals glücklich werden ? Konnte sie sich losreißen von dem Manne , von dessen Leben sie seit Jahren ein Theil gewesen war ? Er war ihr Gatte , hatte ihr in all den Zeiten , die sie mit einander verlebt , mit sorglicher Liebe angehangen ; sie war seine Freude , sein Glück , er hatte sie geehrt mit vollem Vertrauen ! Sollte er sie verachten müssen ? Sollte er einsam und allein in seinem Alter bleiben , weil sie mit kalter Selbstsucht auf den Trümmern seines Glückes ihr Haus gebaut ? Es war eine lange dunkle Nacht , die sie durchwachte , aber der Tag brach endlich an , und mit ihm traten die Vernunft und das Gefühl der Pflicht , die Herrschaft über die zügellosen Schöpfungen der Phantasie und des Herzens wieder an . Als sie sich am Morgen von dem Lager erhob , war sie mit sich einig . Der frühe Morgen brachte ihr von dem Geliebten Kunde . Ich kann die Zeit nicht erwarten , Du Theure , schrieb er ihr , in der ich Dich wiedersehen darf , ich muß Dein denken , mit Dir sprechen , um sie zu verkürzen . Jene Besorgniß , die uns überfällt , jene Unruhe , die uns aufregt , wenn wir nach langer Abwesenheit in die Heimath kehren und die bekannten Thürme der Vaterstadt uns sichtbar werden - dieser Unruhe kann ich jetzt nicht Herr werden , da ich mich endlich dem Ziele meines Lebens , der Erfüllung meiner sehnlichsten Hoffnungen , der geliebten Heimath meines Herzens nähere . Ich möchte bei Dir sein , Deine Hand in der meinen halten und in dem warmen Lichte Deiner Blicke die schöne Gewißheit Deines Besitzes fühlen . Als ich gestern tief in Deine Augen blickte und mein Bild so klein und beweglich sich darin wiederspiegeln sah , bin ich eifersüchtig geworden bei dem Gedanken , so klein und flüchtig könne mein Andenken in Deinem Herzen sein ; nun aber verstehe ich das besser . So gewiß , so klar und so deutlich mein Bild , in vollkommner Gleichheit mit mir selbst , mich aus Deinem Auge verschönert anblickt , so wird jeder Gedanke , jedes Gefühl meines Daseins , mir , vollkommen verstanden , gleich gefühlt und doch unendlich schöner wiedergegeben , wenn es durch die läuternde Atmosphäre Deines Herzens , Deines Geistes gegangen ist . Ja ! mein theures Herz ! unsre beiden Seelen sind nur Eine , nur zusammen können wir das höchste Ziel erreichen , das uns zu erreichen möglich ist . Und wie froh , wie frei macht mich das Gefühl , daß ich in Dir den schönsten Preis des Lebens , Dich , Dein Herz , Deine Liebe wieder errungen habe , die nun mein sind für ewig . Wie kann ich Dir danken , wie Dich die Jahre von Schmerz und Kummer vergessen machen , die ich in unglücklicher Verblendung über Dich verhängt hatte ? Nur das beruhigt mich , daß eine Liebe , wahr und stark wie meine , Alles ausgleicht , daß es kein Opfer gibt , keines , meine Clementine ! das ich Dir nicht mit Freuden zu bringen im Stande wäre , wenn Dein Glück es erheischt . Und nicht wahr ? Du hast vergeben , Du denkst nur mit Liebe an mich ? Glaube mir , jetzt ist Alles gut . Ich fühlte es gestern , als Du in meinen Armen ruhtest , als Dein Haupt auf meine Schulter sank : die Nacht des Leidens ist vorüber , und eine schöne Zeit wird uns werden . Nun erst werde ich mein Land lieben , ganz anders lieben , weil es den heimischen Herd enthält , an dem Du waltest ; mit ganz anderm Sinne werde ich für die Zukunft säen und wirken für ein Geschlecht , das nach uns lebt - o ! eine schöne Zeit wird uns jetzt werden . Möge sie Dir mit dem heutigen Tage beginnen . Wirf Alles von Dir , was Dich ängstigt und quält , Geliebteste ! Die Hindernisse irdischer Verhältnisse müssen vor der Gewalt unsrer Liebe schwinden . Noch wenig Tage vielleicht , und wir sind unzertrennlich vereint . - Fühlst Du wie ich die Wonne dieses Gedankens ? An die Zeit denke , wenn wir uns heute wieder sehen , meine Clementine ! und wünsche sie so sehnlich herbei als ich , der nach Dir verlangt mit aller Gluth und Liebe , welcher ein Menschenherz fähig ist . Ich möchte ein Gott sein , wenn Götter stärker zu lieben vermögen , als wir , um Dich so glücklich zu machen durch meine Liebe , als ich es wünsche , um Dir das Geschenk Deines Herzens zu danken . Auf baldiges , seliges Wiedersehen , Geliebte ! Noch zwei Stunden , ehe ich Dich sehe - wie lange ist das noch , und doch wie kurz gegen die lange Zeit , die ich Dich entbehrte . Ganz und immer Dein . Ruhig , wie ein abgeschiedener Geist auf die Erde blicken mag , sah Clementine auf diesen Brief ; sie war unwandelbar entschlossen . Sie hatte eine Stunde des höchsten Glücks empfunden , nun fühlte sie die Kraft zu entsagen . Die Worte Deiner Liebe , schrieb sie , haben mir unbeschreiblich wohl gethan und den reinsten Wiederhall in meiner Brust gefunden . Fest , wie an das Dasein Gottes glaube ich an Deine Liebe und in diesem Vertrauen fordre ich von Dir das Opfer , das mich das schwerste dünkt . Wir dürfen uns nicht wieder sehen , mein Freund ! weil wir nicht für einander leben dürfen . Höre mich ruhig an , Du Geliebter ! Mehr als ich es Dir sagen könnte , muß Dich gestern die Freude , welche mir Dein Wiedersehen bereitet , von meiner heißen Liebe überzeugt haben . Kein trüber Gedanke hat mir die Seligkeit gestört , das Geständniß Deiner Liebe von Deinem Munde zu hören , mein höchstes Glück in Deiner Freude zu genießen . Was der sehnlichste , einzige Wunsch des Mädchenherzens war , Deine Liebe , Du hast sie der Frau gewährt , die sie Dir nicht lohnen darf . In den Jahren , die unsrer Trennung folgten , von Zweifeln an Dir gequält , von Dir entfernt und mich selbst aufgebend , habe ich Tage des herbsten Schmerzes verbracht , die nun alle ausgetilgt sind aus meinem Leben durch eine Stunde des Glückes , und diese Stunde werde ich Dir ewig danken ; wie in dieser Stunde soll mir Dein geliebtes Bild gegenwärtig bleiben . Die Deine aber werde ich nie . Ich darf mein Glück nicht auf Kosten der Ruhe und Ehre eines Mannes erkaufen , der mir sein Glück und seine Ehre anvertraut , mir seinen unbefleckten Namen gegeben hat . Kann ich die Liebe , die er für mich hegt , gewaltsam seinem Herzen rauben ? Darf ich , die Jahre hindurch seine Gefährtin war , ihn verlassen , da das Alter sich ihm naht ? Soll ich ihn dem Gespötte preisgeben , das grausam jeden verrathenen Ehemann verfolgt ? Soll die Welt ihn verlachen , weil er großmüthig mir vertraute , obgleich er durch mich selbst wußte , daß mein Herz nicht ihm allein gehören könne ? Du weißt es nicht , wie zart , wie schonend er mich behandelt , wie vollkommen er meine Achtung , meinen Dank verdient hat . Ob er mir verzeihen wird ? ich weiß es nicht - nur das fühle ich , daß ich mit mir gerungen habe , Tag und Nacht , mit festem Willen , um Dich aus meinem Herzen zu reißen , daß ich vor Gott mich schuldlos fühlen darf und selbst die Stunden nicht bereue , die ich gestern mit Dir verlebt , und die mich über eine freudlose Vergangenheit trösten , für eine schwere Zukunft entschädigen sollen . Ich lege mein Loos in Meining ' s Hände ; er mag mir vergeben , mich von sich weisen - Dein werde ich nie , auch dann nicht , wenn es mir beschieden wäre , meinen Gatten zu überleben . Sieh darin keine Schwärmerei , keine Ueberspannung : ich halte die Ehe , Du weißt es , für ein unauflösliches , ewig bindendes Band . Das Weib ist kein todter Besitz , der heute aus den Händen des Einen in die des Andern übergeht ; ganz , ungetheilt , frei und frisch an Geist und Leib muß sie dem Manne gehören . Daß ich mit getheiltem Herzen Meining ' s Frau wurde , das ist das Unrecht , welches mein Leben zerstört und alle meine Leiden und auch jetzt die Deinen hervorgerufen hat . Ich that es , weil man mich überredete , es sei Pflicht ; weil ich glaubte , ich könne Dein vergessen und frei werden . Noch einmal einen gleichen Schritt zu thun , die gleiche Sünde gegen Dich zu begehen , bewahre mich Gott . Eben so wenig , als ich es vermocht , Dich zu vergessen , so wenig würde das Andenken an Meining je für mich aufhören . Könntest Du eine Frau lieben , die ihres Gatten zu vergessen im Stande wäre ? Willst Du ein Weib , das selbst in Deinen Armen an den Verrath denken würde , den es begangen hat ? dem die Ruhe an Deinem Herzen durch Gewissensbisse vergällt wäre ? Täusche Dich nicht , Geliebter ! so würde es sein . Ich , gequält von inneren Vorwürfen , Meining einsam und verhöhnt , sein Name , für dessen Ruhm er Jahre lang gearbeitet , den selbst Neid und Bosheit nicht anzutasten wagten , entehrt durch seine Frau - und Du ? Ich fühle , was ich Dir einst hätte sein können , kann und wird Dir keine Andre werden - was ich Dir jetzt noch werden könnte ? Mein Herz zieht sich zusammen bei dem Gedanken , daß ich selbst mich um das Glück gebracht , Dich so zu beglücken , als ich es gehofft . Jetzt wäre ich zweifach elend , denn ich würde Dich unglücklich sehen durch mich , und auch Deine Ehre wäre verloren . Oder ertrügest Du es ruhig , zu hören : das ist Thalberg , wegen dessen sich Meining von der Frau geschieden , die Thalberg jetzt geheirathet hat . Und die lächelnden Blicke , welche solche Worte begleiten - o ! es wäre ein Fluch , der über uns schwebte , gegen den wir keinen Schutz , auch nicht in unsern Herzen fänden . Traure um mich , Geliebter ! wie ich Dich beweinen werde . Heute sterben wir für einander , und nur wie man der theuren Todten gedenkt , laß uns an einander denken . Die Thränen auf diesem Blatte zeigen Dir , ob ich das Opfer fühle , das ich bringe , das ich verlange . Es sind die letzten Augenblicke , die ich mit Dir verlebe . Ich möchte mein ganzes Herz Dir zeigen , wie es Dein ist und Dein war ; Du weißt es und fühlst es , wie schwer es mir wird , zu scheiden . Ich habe Dich so unaussprechlich geliebt . Lebe denn wohl Geliebter , mein Leben , mein Glück ! - Ich nehme Dich bei dem Worte , daß kein Opfer Dir zu schwer sei für mich . - Versuche es nicht , mich zu überreden ; es gelingt Dir nicht . Ich rechne darauf , daß Du noch heute die Stadt verläßest , daß Du es nicht versuchst mich wiederzusehen , weil Du mich liebst . Und nun Gottes schönster Segen über Dich ! Möge eine reiche Zukunft Dich für den Schmerz dieses Scheidens entschädigen . Denke mein oft , wie einer Schwester , der Dein Glück tiefstes Bedürfniß ist ; mögest Du das Glück finden , das Du von mir erwartet hast ! Lebe wohl , und denke ohne Sorge an mich . Jetzt werde ich Ruhe haben . Ich habe das schönste Glück empfunden , ich konnte es besitzen und opfre es meiner Ueberzeugung , das wird mir Frieden geben . Gott sei mit Dir auf allen Deinen Wegen , mein Geliebter , mein Freund ! und nun lebe wohl . Mit bebenden Händen wurde das Blatt gesiegelt und dem Diener übergeben . Es war geschehen . Tief athmend ging Clementine auf und nieder , und ein Friede , wie sie ihn lange nicht gekannt hatte , machte sie das , was sie für Pflicht erachtet , leichter tragen . Jetzt wollte sie Alles beenden , sie wollte sich vor ihrem Manne demüthigen , wie es ihr gebührte , er sollte sie nicht für fehlerloser halten , als sie war , und wie sie sich selber kannte , sollte er sie kennen , und entscheiden über sie . Ich habe gestern Deinen Brief erhalten , schrieb sie ihm , und er hat mich gerührt und beschämt , denn ich habe mich vor Dir anzuklagen . Ich habe es nie vermocht , meine Fehler zu beschönigen , und so will ich auch vor Dir , vor meinem Manne , nicht besser scheinen , als ich es bin . Du weißt , als Du mir Deine Hand angetragen , zögerte ich sie anzunehmen , nicht aus Mißtrauen gegen Dich , sondern gegen mich selbst . Ich habe Dir es nicht verborgen , daß ich einen Andern geliebt , daß sein Andenken mir noch sehr theuer war - aber ich hatte Dir versprochen , dagegen zu kämpfen , und das habe ich redlich gethan . Trotz Deiner Liebe , trotz meines festen Willens , ist diese Leidenschaft nicht erstorben , sie ist neu erwacht , als ich den Gegenstand derselben , den ich kaum zu nennen brauche , wieder gesehen habe . Vielmals hat das bekennende Wort auf meinen Lippen geschwebt , ich habe Dich um Schutz gegen mich anflehen wollen ; aber Dein ausdrückliches Verbot , Dein Widerwillen gegen solches Vertrauen hat mich zurückgehalten , und mehr noch , daß ich Dich , den ich von Grund der Seele ehre und achte , nicht betrüben wollte . Deine Zufriedenheit , Dein Glück waren der Zweck meines Lebens geworden , und ich mochte Dir nicht Schmerz bereiten , weil ich hoffte , allein den Sieg zu gewinnen . Seit acht Tagen ist Thalberg zurückgekehrt und hat täglich versucht , mich zu sprechen , was ich ihm nur verweigerte , weil ich es mußte . Gestern ist er unerwartet zu mir gekommen ; ich habe das Geständniß seiner Liebe gehört , ich habe ihm gesagt , daß ich ihn liebe , und ich bekenne Dir das offen , weil ich mich frei vor Gott und vor Dir fühle . Daß ich nicht willig dieser Leidenschaft gefröhnt , daß ich mit aller Gewalt mich zu befreien gestrebt , dafür bürgt Dir Deine Kenntniß meines Herzens , meine Achtung vor unsrer Ehe und meine gebrochene Gesundheit . Du hast ein Recht die Wankelmüthige von Dir zu weisen , mir Deine Liebe zu entziehen , aber Du mußt mir Deine Achtung erhalten ; denn jetzt habe ich entsagt und für immer . Halte das nicht für leere Worte , welche Dich bestechen sollen ; erst jetzt bin ich ganz frei , erst jetzt bin ich mit reinem Bewußtsein Dein , während am Tage unsrer Hochzeit das Andenken an Thalberg störend zwischen Dir und mir stand . Ich fühle mich unzertrennlich an Dich gebunden und würde mich noch als zu Dir gehörig betrachten , wenn Dein gekränkter Stolz mich verstieße . Dein Herz kann es nicht . Du kannst mich Das nicht wie ein Verbrechen büßen lassen , was ich gegen meinen Willen empfand ; Du kannst mir Dein Vertrauen nicht entziehen , weil ich mich dessen nicht unwürdig fühle . Und nun , mein Freund ! mein guter , milder Freund ! kennst und weißt Du Alles ; gewähre mir Mitleid mit meiner Schwäche und erhalte mir , wenn Du es vermagst , Deine Liebe . Ich sage Dir nicht Alles , was ich für Dich fühle , nur als Bittende wende ich mich an Dich , und ich wünsche und hoffe , Du werdest Deinem Weibe kein strengerer Richter werden , als Du es sonst dem Menschenherzen zu sein pflegtest . Eine schwere Krankheit hat lange in mir gelegen , die Krisis ist vorüber , und ich werde genesen , ich fühle es . Du , der mit der Kranken so viel Nachsicht gehabt , Du wirst die Genesende nicht verlassen , die gesund werden will und wird , um für Dich zu leben . Vergib mir und sage mir bald , daß ich Dir noch werth sei , daß Du meine Stütze und mein Freund bleiben willst . Schreibe mir bald , ich verlange sehr nach diesem Briefe , und vergib mir , was ich , wissentlich oder nicht , Unrecht an Dir that . Vergib es mir , weil ich mir selbst vergeben möchte , und laß mich Deine Clementine bleiben . Auch diesen Brief wollte sie sofort befördern , doch fand es sich , daß die Post nach J .... erst am folgenden Tage abgehe und daß er also noch liegen bleiben müsse . Dadurch gewann sie Zeit , an den Eindruck zu denken , den ihr Schreiben auf Meining hervorbringen würde , auf ihn , der vollkommen arglos an sie und ihre Liebe glaubte . Wie würde es ihn betrüben , wie unglücklich würde es ihn machen ! Sie hatte ihm ihr Herz enthüllt , um sich selbst genug zu thun ; jetzt empfand sie , daß in dieser Handlung weit mehr Selbstsucht als Tugend läge . Um sich zu beruhigen , um ihr Gewissen zu besänftigen , raubte sie Meining , von dessen Vergebung sie überzeugt sein konnte , die sie mit Recht zu verdienen glaubte , seine Ruhe . Was konnte die Folge von diesem Briefe sein ? Sie nahm ihrem Gatten seine Zuversicht , sie zwang ihn zu einem Argwohn , der ihn selber demüthigen mußte , und stellte sich ihm als ein Opfer , als ein Muster von Entsagung gegenüber , nachdem sie eben nur ihre Pflicht gethan hatte . Und sie war bereits mit sich darüber einig , schweigend , wie sie gegen ihren Mann gefehlt , auch zu ihm zurückzukehren . In dem Augenblick brachte man ihr noch einen Brief von dem Geliebten . So sei es ! weil Du es willst ! hieß es in demselben . Ich scheide von Dir , weil Du ' s gebietest . Du hast Recht , jetzt ist ' s zu spät . Ich habe unser Glück einst freventlich vernichtet und vermag nicht mehr , es uns auf ' s Neue zu bereiten , obgleich ich Dich mehr liebe , stärker , heißer als je . Wie sehr liebe ich Dich ! - Und muß ich erst nun , da die schwere Stunde solcher Trennung vor uns steht , es erkennen , daß Du noch viel reiner und größer bist , als ich selbst in den begeistertsten Augenblicken es für möglich hielt ? Warum , schöner Stern , stiegst Du noch einmal in aller Pracht Deines Glanzes an meinem Lebenshorizont empor , wenn Du mir untergehen mußt für immer ? Doch nein ! Du bleibst ! Du bleibst das klare Licht , auf das mein Auge blickt , das seine leuchtenden Strahlen in meine Seele wirft , wenn ich im Gewühl der Welt den Glauben an die Menschen je verlieren könnte . Du bist ! - und wer darf zweifeln an der Göttlichkeit des Menschen . Ich scheide von Dir ! Du fühlst wie ich , was dieses Wort bedeutet ; was es heißt : zu entsagen . Darum soll kein Wort der Klage die heilige Stunde unsers Abschiedes entweihen . Wie jene selige Insel , die nur einmal in Jahrtausenden aus dem Meere taucht und deren Anblick dem Auserwählten Paradieses-Wonne bereitet , dem sie zu schauen vergönnt ward , so taucht das Andenken an die Stunden , die ich gestern mit Dir verlebt , ewig beseligend aus dem Meere meines Lebens empor . Du hast mich reich gemacht , Geliebte ! reich für immer , denn wer vermag zu lieben wie Du ! - Weh mir , daß ich selbst unsre Welt zerstört ! Lebe denn wohl , Geliebte ! laß mich Dir danken für die Gunst Deiner Liebe , für das kurze und doch so unvergeßliche Glück . Unvergeßlich und doch so flüchtig , gleicht es jener stolzen Blume , die nur eine Stunde blüht , weil diese eine Stunde vollendeter Schönheit herrlicher ist , als das ganze , matte Leben aller andern Blumen . Lebe wohl , schöne , hohe Königin der Nacht , Geliebte meiner Jugend , Sehnsucht aller meiner Tage . Laß uns fortgehen auf der Bahn , die Du für uns gewählt hast und die ich gleich Dir betrete . Wir haben die reinste Freude des Lebens gekannt - laß uns in Anderem das Glück suchen , das wir freiwillig opfern . O ! nur noch einmal laß es mich sagen , nur noch dies eine Mal höre es an , daß ich Dich liebe , wie nur je ein Weib geliebt ward , Dich , meine Clementine ! Und damit nun für immer Lebe wohl ! Stumm drückte Clementine den Brief gegen ihr Herz , aber keine Thräne kam in ihre Augen . Sie hatte sich selber wiedergefunden , ein Werk der Befreiung geübt an sich und an den beiden Männern , zwischen denen ihr Schicksal sie gestellt . Sie war wie zu neuem Leben geboren . Sie konnte an Thalberg denken ohne die stürmische Unruhe der Leidenschaft , ohne die peinigenden Vorwürfe des Gewissens , ohne die Sehnsucht , die ihn herbeiwünschte und sich deshalb verdammte ; und selbst auf Meining ' s Rückkehr sah sie mit Zuversicht , weil sie sich seiner wieder würdig fühlte . Es war ihr feierlich zu Sinne , als sie Robert ' s Briefe und den , welchen sie für ihren Mann geschrieben , zusammen in die Lade ihres Schreibtisches verbarg . Dort sollten sie unberührt liegen , wie jene Dokumente , die man unter dem Grundstein eines neuen Baues birgt , denn auch sie fing an zu bauen für die Zukunft , mit dem frömmsten Sinne , und mit der Hoffnung auf die Dauer dessen , was sie schaffen wollte . Am andern Tage , als sie , nicht ohne Wehmuth , den Gartensaal betrat , fand sie noch Meining ' s Brief dort liegen , den sie in der Aufregung jenes Abends nicht zu Ende gelesen und dort vergessen hatte . Mit welch andern Empfindungen las sie ihn jetzt ! Ja , selbst die Nachricht , daß er früher wiederkehren würde , daß sie ihn in vierzehn Tagen erwarten könne , war ihr lieb , und sie fing an , Alles für seine Heimkehr herzurichten , wie die Erlebnisse der letzten Tage auch noch in ihr nachhallten . Der wiedergewonnene Seelenfriede verfehlte nicht , seinen wohlthätigen Einfluß auf Clementine zu äußern . Er brachte ihren Nächten Schlaf und ihren Nerven Ruhe , so daß ihr Gatte , als sie ihm bei seiner Heimkehr freundlich , wenn auch mit klopfendem Herzen , entgegenkam und ihm dann weinend um den Hals fiel , sie weit wohler fand , als an dem Tage , an dem er sie verlassen hatte . Er war froh sie wieder zu sehen , und nur das verdroß ihn , daß sie von Zeit zu Zeit seine Hand , die in der ihren ruhte , mit Innigkeit an ihre Lippen drückte , statt seine Umarmung zu erwidern . Als dann im Sommer Frau von Alven anlangte und das gute Einverständniß der Eheleute sah , konnte sie sich nicht enthalten , ihrer Nichte im engsten Vertrauen zu bemerken , es käme immer und überall nur darauf an , daß Mann und Frau sich wirklich verständigen wollten , denn eine glückliche Ehe zu führen , das habe jede Frau in ihrer Hand . Du wärst mit keinem Manne so glücklich geworden , als mit Meining , sagte sie , selbst mit Thalberg nicht , der Dir bei Deiner Verheirathung doch noch sehr am Herzen lag . Clementine entgegnete Nichts darauf . Sie hatte ihre eigenen Erfahrungen für sich . Ein paar Jahre später erlangte der Einfluß des Geheimraths die Berufung seines Schwagers nach Berlin , und als Marie die Schwester wiedersah und das gegenseitige Fragen und Erzählen erst im Zuge war , rief Marie mit einem Male : Die neueste Neuigkeit bringe ich aus Wiesbaden mit . Ich habe dort Thalberg wieder gesehen . Was für ein schöner Mann ist der geworden ! Auch seine Braut ist frisch und läßt Dich vielmals grüßen . Sie sagt mir , Du hättest sie mit Thalberg bekannt gemacht . Sie werden gleich nach der Hochzeit für Jahr und Tag auf Reisen gehen , weil Thalberg es so will . Aber Clementine , sagte sie , sich unterbrechend : wie Du ernsthaft wirst ! Wir Frauen sind doch närrische Geschöpfe ! Ich glaube , lieber Meining ! meine Schwester wundert sich noch heute , daß