Himmel und Erde eins zu sein . Änneli wußte es nicht bis jetzt , daß wenn der Himmel sich hinuntergelassen hat über unser Gemüt , wenn er inwendig in uns ist , unser Fuß jeden Ort , den er betritt , zum Himmel heiliget . Gekräftigt , wie neu geboren , stieg sie zum Hause hinab . Freundlich bewillkommen sie Tauben und Hühner , folgen ihren Schritten bis zur Küchentüre , harren dort , bis sie ihnen Futter bringt und fröhlich zusieht , wie sie lustig und friedlich darum sich zanken . Da kömmt auch der Hund hervor , wedelt durch Tauben und Hühner , ohne sie zu stören , und legt sein Haupt in Ännelis Schoß und läßt sich nicht stören wenn die Katze , welche bereits auf demselben Platz genommen , ihn mit der Tatze trifft , denn sie hatte die Krallen eingezogen und neckte sich gerne mit dem alten Kameraden . An dieser Einigkeit und Traulichkeit hatte Änneli große Freude , und sie streichelte abwechselnd bald Hund und Katze , aber sie ging ihr auch zu Herzen und trieb ihr das Wasser wiederum in die Augen . Wenn Hund und Katze sogar wegen alter Bekanntschaft einig und im Frieden mit einander leben , wie können dann Mann und Frau , die Gott für einander geschaffen hat , sich plagen und quälen und immer größere Feinde werden , je langer sie bei einander sind ! So sah sie dem Spiele zu , bis , wie abends zum Walde Die Vögel wiederkehren und zum Schlage die Tauben , ein Bewohner ihres Hauses nach dem andern heimkam , ein jeglicher auf seine Weise . Die , welche noch ein Tagwerk hatten , eilig und schlitzend , andere , welche nur noch essen und dann schlafen wollten , behaglich und langsam . Die Jungfrauen kamen eilig dahergeschossen , rupften aber doch aus dem Zaun allerlei Blümchen und Blättchen ab und ergriffen diese Gelegenheit , um verstohlen zurückzusehen , ob Keiner ihnen folge von weitem , in welchem Falle sie wohl noch gezögert hätten , ein Strumpfband gebunden oder sonst etwas , bis sie vernommen , ob derselbe ihnen vielleicht noch etwas zu sagen hätte . Resli kam wehmütig vom Walde her , Christen lustiger von Seite des Dorfes , Annelisi zur hinteren Türe herein , man wußte nicht woher . Noch war Christen nicht da , mit Angst schaute Änneli nach ihm aus . Endlich kam er langsam , zögernd und fast wie ein Schiff dem Hafen zu , dem vom Lande her der Wind entgegenweht . Es klopfte doch Änneli das Herz , als sie ihn so kommen sah mit dem sauren Gesicht und dem zögernden Schritt , denn was ihm im Herzen sich regte , das wußte sie nicht . Es wollte ihr der Mut und die Zuversicht fliehen , und sie mußte ins Haus hinein und konnte kein freundlich Wort zum Willkommen ihm sagen , wie sie gewillet war . Das tat Christen weh , als er Änneli bei seinem Kommen ins Haus gehen sah . Kann sie mir dann nicht einmal mehr freundlich guten Abend sagen und selbst an einem heiligen Sonntag das Dubeln nicht lassen , dachte er , und fast wäre er umgekehrt . Nun machte er aber ein desto saurer Gesicht und mochte fast nicht einmal dem Annelisi guten Abend sagen , das an ihn heranschlich wie in heimlichem Verständnis oder als wenn es ihm etwas anzuvertrauen hätte . Da aber der Vater tat , als merkte er sie nicht , gab sie dem Hund , der an ihr sich streichen wollte , einen Stoß und ging in den Garten zu ihren Blumen . Unterdessen hatte Änneli den Kaffee gemacht , die Erdäpfelröste dazu , alles stand auf dem Tische bis an die Kaffeekanne , die stand auf dem Tritte des Kunstofens , und langsam drehten die Leute zum Essen sich herbei . Änneli nahm sich zusammen , festigte ihre gläubige Demut wieder , tat freundlicher als sonst und hatte für jeden ein gutes Wort . Was sie lange nicht getan , tat sie wieder , sie schenkte selbst den Kaffee ein und Christen zuerst ; dann kam sie mit der Milch , und weil sie wußte , wie Christen die Milchhaut liebe , nahm sie ihr Messer und schob die meiste ihm in sein Kacheli . Und als Christen sagte : » Hör ume , ih ha gnueg « , sagte sie : » He nimm ume , es ist für die Angere o no da . « Das verwunderte Christen sehr , er dachte , so wäre es wieder dabei zu sein , und er wurde gesprächig und berichtete recht kurzweilige Sachen , wie man es lange nicht gehört hatte , daß sich die Meisten verwunderten und meinten , Christen sei im Wirtshaus gewesen und hätte einen Schoppen mehr als sonst getrunken . Aber Christen hatte den ganzen Tag keinen Wein gesehen , aber als Änneli ihm wieder die Milchhaut in sein Kacheli schob , da heimelete es ihn , es ward ihm wieder , als wäre er daheim , und das wirkte mehr , als drei oder vier Schoppen vermocht hätten . So böse über sie , dachte Änneli , mußte Christen doch nicht sein , und ihr Vertrauen ward fest , und als die Haushaltung gemacht war , setzte sie sich zu den Andern draußen vor die Küchentüre , nahm freundlich teil an allen Gesprächen ; ein freundlich Wort gab das andere freundliche Wort , man wußte nicht wie , und hoch am Himmel stand der Mond , als eins nach dem Andern seine stille Kammer suchte . Änneli ging zuletzt ins Haus , schloß die Türe , sah wie üblich nach , ob das Feuer ausgelöscht sei und alles am rechten Orte . Zweimal machte sie die Runde , denn es klopfte ihr wieder das Herz , und ihrem Stübchen nahte sie sich , wie der Laie sich naht dem Heiligtume im Tempel , welches sonst nur des Priesters Fuß betritt . Schweigend rüstete sie sich zur Ruhe , schweigend suchte sie ihr Plätzlein . Da saß sie lange und wollte wieder beten wie ehedem , aber enger und enger ward es ihr um die Brust . Die Worte wollten den Durchgang nicht finden , und wenn auch die Lippen sich bewegten , zur Bewegung wollte der Laut nicht kommen ; es war , als wenn eine unsichtbare Macht unwiderstehlich ihr im Wege stünde , sie zurückdrängen wollte ins Geleise der letzten Gewohnheit . Sie fühlte sich niedergezogen in Die Kissen , und alles in ihr rief ihr zu : Heute geht es ja nicht , fasse dich , stärke dich , warte bis morgen , morgen gelingt es dir besser , morgen ist bessere Zeit ! Aber dann tönten ihr wieder Die Worte des Pfarrers zu , daß die Hausmutter sterben könne , während das Essen , das sie aufs Feuer getan , noch koche , daß im Himmel ein ewiger Friede sei , und wer im Himmel ein Plätzchen finden wolle , nicht Streit auf Erden lassen , nicht Streit im Herzen tragen dürfe . Und von neuem rang sie nach einem lauten Wort , und in hellen Tropfen stand der Schweiß auf ihrer Stirne . Da wandte ihre Seele sich mit einem unaussprechlichen Seufzer zu Gott empor : Vater , hast du mich verlassen ? Da wars , als versinke ein finsteres Unwesen , das drohend vor ihrer Seele gestanden , als sprängen Ketten , die um ihre Brust geschlungen ; frei ward das Wort in ihrem Munde , und langsam und bebend , aber inbrünstig und deutlich begann sie zu beten : » Unser Vater « usw. Beim ersten Ton aus Ännelis Munde fuhr Christen zweg , als hätte der Klang der Feuerglocke sein Ohr getroffen , dann saß er auf , dann rangen sich auch Töne aus seiner Brust , er betete mit , und als Änneli die Bitte betete : » Vater , vergib mir meine Schulden , wie auch ich meinen Schuldnern vergebe « , und nun das Weinen über sie kam und sie erschütterte über und über und ihre Stimme nur ein Schluchzen wird , da weinte er mit , und weinend betete er das Gebet zu Ende . Und es ward ihnen , als wenn das Gebet die Sonne wäre , und schwarzer Nebel hätte sie umlagert , daß eins das Gesicht des Andern nicht mehr hätte sehen können . Nun aber kam die Sonne über den Nebel , und ihre Strahlen brachen , spalteten ihn , er zerriß , und als ob Gottes eigene Hand vom Himmel herunterreiche , hob er sich höher und höher , hob sich in immer lichtern Wölkchen zum Himmel auf , verlor sich ganz und gar im Himmel , und licht und klar war es um sie , kein Schatten war mehr da und die Herzen lagen offen vor einander . Das heilige Schweigen brach zuerst Änneli , sich anklagend und um Verzeihung bittend , aber Christen antwortete : » Du hast nichts zu bitten , ich bin an allem schuld , hätte ich dir gehorcht , so wäre alles nicht begegnet . « Wunderbar war es jedem , wie das Herz des Andern so weich war und so voll Liebe und so ganz anders gesinnet , als man es gedacht , und daß es nur ein Wörtlein gebraucht zur Einigung . Und Keines hatte daran gedacht und jedes das Herz des Andern ganz anders geglaubt , darum an jeder Verständigung verzweifelt ; nur die Demut Ännelis , welche sich allem unterziehen wollte um ihrer erkannten Schuld willen , konnte durch die bergende Hülle brechen . Eben deswegen hat uns Gott der Zukunft Schoß verdunkelt , den Vorhang gezogen vor die Herzen der Menschen , daß wir lernen in ächtem Heldensinn und hingebendem Vertrauen das Rechte tun , ohne nach dem Gelingen zu fragen , ohne die Anstrengung mit dem Kampf zu messen . Da wird dann oft , was den Kleingläubigen zurückgeschreckt hätte als unerhörtes Wagnis , dem Gläubigen plötzlich so leicht , daß er fast erschrecken , es ansehen möchte als eine Täuschung , aus welcher er bald um so elender erwachen werde , daß er es erkennen muß als eine Gnade Gottes , die über dem Gläubigen so mächtig geworden . So war es auch ihnen ; lange trauten sie ihren Ohren kaum , konnten ihr wiedergefundenes Glück nicht fassen , fürchteten bei jedem Wort , es möchte in eine wunde Spalte des Herzens fallen und aus dem Abgrunde der Streit wieder sein struppicht Haupt erheben . Sie wählten mit der rührenden Sorgfalt , mit welcher eine zärtliche Mutter ihres Lieblings eiternde Wunde verbindet , die Worte aus , und in neuer Redweise erkannten sie die Macht ihrer Liebe . Und als sie endlich sicher waren , daß keine Täuschung da sei , daß Keines dem Andern nachrechne , sondern vergeben habe von Herzensgrund , daß jedes in Demut seine Schwäche erkannt und lechze und dürste nach dem alten Glück , dem alten Frieden , daß jedes ihn nicht nur vom Andern erwarte , sondern mit ganzer Seele und allen Kräften dazu beitragen wolle , da kam ein Gluck über sie , das sie nicht gekannt ; es war fast dem zu vergleichen , welches der empfindet , dem geträumt hat , er sei in der Hölle , der den Teufel gesehen , das Feuer empfunden hat und der nun im Himmel erwachet und Gott schauet von Angesicht zu Angesicht . Es war die Freude der Engel über den Verlorengegangenen und Wiedergefundenen , es war die Freude des Vaters , als der verlorne Sohn wieder in seinen Armen war . Ihr ganzes inneres Leben , was sie gedacht , was sie empfunden , seit ihre Herzen sich verschlossen , strömte auf ihre Lippen , und eines staunte über das Andere , und manchmal noch weinte Änneli und sagte : » Oh , wenn ich das gewußt hätte , es wäre nicht so lange gegangen , aber warum verlor ich den Glauben , warum das Vertrauen ! Ach , jetzt weiß ich es , daß wenn man Glauben und Vertrauen zu Gott verliert , man gottlos wird , und wenn man Glauben und Vertrauen zu den Menschen verliert , so wird man lieblos , und wer gottlos und lieblos ist , um den ist es finstere Nacht , und wenn er schon noch nicht in der Hölle ist , so ist doch die Hölle in ihm . « Aber Ännelis Klagen stillte Christen mit seinen Klagen , daß es ihm gerade so gegangen , und sie konnten sich nicht sattsam wundern , wie sie einander so mißverstanden , wie sie als Haß auslegten , wo die Liebe sich regte , als Bosheit , was innerer Schmerz war . Es war , als ob eines spanisch gewesen wäre und das Andere böhmisch , und hätten doch Beide gemeint , sie redeten die gleiche Sprache , und hätten darum jeden Laut und jedes Zeichen falsch und verkehrt gedeutet . Sie wurden nicht satt , solche Mißverständnisse aufzusuchen , und bei jeder Lösung wuchs das Vertrauen des Einen zum Andern und das Staunen über ihre eigene Verblendung . Dann wuchs Änneli ihre Schuld immer wieder ins Gemüt , daß sie es eigentlich gewesen sei , welche die Schlüssel ihrer Herzen umgedreht und abgezogen , so daß sie verschlossen geblieben von selbiger Zeit an . Hätte sie das nicht getan , so wäre die ganze unglückliche Zeit nicht gewesen , sie wären in Gott immer einig geworden ; denn eben was die Erde trenne den Tag über , das solle des Abends in Gott sich wieder suchen und finden , so habe die selige Mutter immer gesagt . Dann tröstete Christen , daß er auch nicht gewesen , wie er gesollt ; was er gefehlt , hätten Andere entgelten sollen , er fühle das wohl , und wenn er die Herzen verschlossen , so hätte sie sie wiederum aufgetan und mehr als gut gemacht . Und wenn das nicht alles so gekommen , so hätte er nie gewußt , um wie viel mehr der Friede wert sei als fünftausend Pfund und wie das Geld nicht alles sei , ja wie es nichts sei ; denn wo der Friede fehle , da sei der Reichste ja viel unglücklicher als der Ärmste , der den Frieden hätte . Er hätte es manchmal recht mit Zorn gesehen , wie seinen Taunern und Knechten viel wöhler gewesen sei als ihm und wie sie viel fröhlicher hätten essen mögen als er . Jetzt hätte er es so lebendig an sich selbst erfahren , was Jesus damit sagen wolle : Und was hülfe es euch , so ihr die ganze Welt gewönnet , und ihr littet Schaden an eurer Seele ? Oder was kann der Mensch geben zum Werte seiner Seele ? Das hätte er alles niemand geglaubt , wenn er es nicht selbst erfahren . Geld , Geld , reich , reich , hätte ihm früher immer in den Ohren geklungen , und wem er von einem unbekannten Menschen reden gehört , so hätte er gefragt : » Het er öppis ? « Jetzt solle fürder Friede , Friede , fromm , fromm in seinen Ohren sein , und wenn er nach dem Werte eines Menschen frage , so wolle er auch anders seine Frage stellen . Aber auf ihr Glück senkte sich erst die Krone , als sie ihrer Kinder gedachten . Sie wußten es , wie ihr Unglück auch auf die Andern übergegangen , denn wenn alle Glieder eines Leibes es empfinden , wenn ein Glied krank wird , so empfinden es noch viel mehr alle Glieder eines Hauses , wenn eine Krankheit in einer Seele ausbricht , und in dem Grade mehr , je bedeutungsvoller die kranke Seele im Getriebe des Hauses ist . Sie sahen wohl , wie Die kindliche Harmlosigkeit und der jugendliche Frohsinn verwelkten , als ob der elterliche Streit zum Mehltau an ihren kindlichen Seelen würde . Sie sahen erst jetzt recht ein , wie der Streit ihre Herzen zusammengezogen , daß sie keinen Platz mehr darin für ihre Kinder hatten , sondern nur noch für ihre Angst ums Geld und ihren Streit darum . Sie hatten sich nicht nur um ihr Schicksal nicht bekümmert , an dem sonst so gerne die Eltern bauen mit emsigen Händen , sondern es war ihnen wohl selbst manchmal ein Gefühl aufgestiegen , als ob die , welche sonst ihre größte Freude gewesen , ihnen im Wege wären , fast eine Last . Jetzt waren ihre Herzen wieder weit geworden , der Kinder Glück war wieder ihr eigenes , und freudig schlug ihr Herz , wenn sie dachten , wie dieselben sich freuen würden , wenn sie den Streit verschwunden , die alte Einigkeit und die alte elterliche Liebe auf einmal wieder sehen würden , als ob sie für einen Augenblick freiwillig sich versteckt hätten , nur um freudig zu überraschen , wie oft Eltern pflegen , wenn sie mit Kindern sich necken in fröhlichem Spiele . Ihren Kindern bauten sie Häuser in ernster elterlicher Liebe , bis endlich Christen fragte : » Aber sage mir , Änneli , wie brachtest du es dahin , daß dir das Herz wieder aufging und du das Beten wieder anfangen konntest ? Ich habe auch daran gedacht , mit dir mit Manier zu reden , aber erstlich wäre ich böse geworden und du wahrscheinlich auch , denn ich war gesinnet , nur du hättest die Fehler ; aber ich konnte nicht , wenn ich auch wollte , man hätte mir das Maul nicht mit einem Knebel aufgebrochen . « Nun erzählte Änneli , wie es ihr ergangen , wie der Geist es ihr gesagt , daß sie bald sterben werde , wie ihr geworden sei , sie sei der letzte Mensch auf Erden und müsse eiligst den Andern nach , und dann wieder , man trage sie zu Grabe , es weine niemand hinter ihr und sie finde keinen Platz im Himmel wie keinen in der Kirche , wo ihr endlich eine arme Frau Platz gemacht . Wie daraufhin der Pfarrer gesagt , man solle immer meinen , was man genieße , sei das letzte Mahl , und absonderlich vom Abendmahl solle man es glauben . Und darum solle man Friede halten und Friede machen , denn mit Streit komme man nicht in den Himmel , und Keiner solle glauben , daß die Schuld nicht an ihm sei und der Andere aneknien müsse , sondern das Gegenteil . Da sei es ihr geworden , sie wisse nicht wie , aber daß wieder Friede werden müsse , sei fest in ihr gestanden ; um ihr Plätzchen im Himmel wolle sie nicht kommen , und das Sterben komme ihr bald . Aber lange hätte sie nicht gewußt , wie sie anfangen solle , bis ihr spät am Nachmittag es aufgegangen sei , daß sie da anfangen müsse , wo der Zwiespalt so recht angefangen , und daß sie eigentlich schuld an allem sei . Nun hätte sie gewußt , was sie zu tun hätte , aber angst sei ihr doch dabei geworden , denn sie hätte nicht gedacht , daß Christens Herz zum Frieden so zweg wäre , sie hätte geglaubt , lange , lange alleine beten zu müssen , bis sie sein Herz wieder aufgesprengt ; darum hätte sie vor Angst und Bangen fast nicht anfangen können , allein einmal angefangen , hätte sie auch nicht mehr abgesetzt , » denn sterben ohne Friede , das will ich nicht . Als du aber alsobald aufgesessen und mitgebetet hast , da war es mir , als wärest du mir viele , viele Tage lang verschüttet unter der Erde gelegen , umsonst hätte ich dich gesucht , nach dir gegraben . Da säßest du auf einmal gesund und wohlbewahrt , von Engeln emporgetragen , an meiner Seite und ich hätte dich wieder und verlöre dich nimmer bis ich sterbe . Jetzt weiß ich es , daß wenn ihr mich zu Grabe traget , ihr wieder weinen werdet , und wenn dumpf auf meinen Totenbaum die Erde tönt , so wirst du den Lumpen vors Gesicht nehmen und denken : Änneli war doch gut , und wenn ich noch einmal weiben könnte , ich nähmte keine Andere , und es ist mir und Andern übel gegangen . « Da sagte Christen : » Red nicht so , von Sterben mag ich nichts hören . Aber das will ich dir sagen , du hättest sterben mögen , wenn es gewesen wäre , geweint hätte ich immer denn eine brave Frau warst du allweg , und lieb warst du mir auch immer , und wenn du hättest sterben sollen , so hätte ich alles , alles vergessen und nur daran gesinnet , wie lieb du mich hattest und wie du immer für alles gesinnet hast zu rechter Zeit und alles verstanden wie keine Andere . Aber von Sterben red nur nicht , erst jetzt wollen wir wieder recht zu leben anfangen mit neuem Mut und in rechter Eintracht , und was dich freut , das soll auch meine Freude sein . « » Höre , Christen « , sagte Änneli , » du bist immer ein Guter gewesen und jetzt z ' vollem gut , aber eins mochte ich noch . Du redests mir nicht aus , daß ich bald sterben werde ; es ist mir so wohl und so wunderlich , daß ich wohl weiß , daß dies den Tod bedeutet . Aber wir wollen darüber nicht streiten , sondern es Gott überlassen , der wird alles wohl machen . Aber eines möchte ich noch , das müßt ihr mir versprechen . Am nächsten Sonntag , an der heiligen Pfingsten , da wollen wir noch alle das heilige Abendmahl zusammen nehmen , so zum Zeichen , daß alles recht gründlich vergeben und vergessen sei , so wie als wenn es das letzte Mahl in diesem Leben wäre und der Abschied gleich darnach käme , so wie die Israeliten , zur Reise bereit und alles abgetan , was man nicht mitnehmen soll , so an Leib und Seele bereit , auf den Ruf des Herrn vor seinem Angesichte zu erscheinen . So möchte ich mit euch allen noch einmal an des Herrn Tisch ; dann erst , dünkt mich , werde ich den zeitlichen und den ewigen Frieden gewiß haben ; dann erst , wenn wir ein solches inniges Versöhnungsfest werden gefeiert haben , weiß ich , daß nichts mehr zwischen unsere Seelen kömmt . Noch kömmt immer wieder ein Bangen über mich , als ob der Feind noch da sei , der so lange zwischen unsern Seelen stand ; aber wenn das geschieht , dann ist alles gut , dann werd ich erst mit recht frohem Herzen sagen : Jetzt , Herr , jetzt laß deine Magd im Frieden fahren . « » Los , lieb Änneli « , sagte Christen , » vom Sterben rede mir nichts mehr , davon mag und will ich nichts hören ; ich wußte nicht , warum du gerade jetzt sterben solltest , wo wir mit einander im Frieden leben könnten . Das düechte mich , ich muß es sagen , vom lieben Gott nicht recht . Aber mit allen Freuden will ich am Sonntag mit dir das Nachtmahl nehmen , und die Kinder werden es auch gerne tun und eine bsunderbare Freude daran haben , wenn der alte Tschup aus ist . Und es ist mir auch noch wegen den Leuten . Es ist so manches von uns unter sie gekommen , wie ich wohl gemerkt habe ; sie können dann auch von uns reden , wenn sie wollen , wenigstens sehen können sie , daß es nicht so übel mit uns steht , wenn wir zusammen vor des Herrn Tisch gehen dürfen . Es ist kurios , auf die Religion verstehe ich mich freilich nicht recht und zur Kirche gegangen bin ich nicht viel , es wollte sich mir so oft nicht schicken , und unserein hat gar so viel zu sinnen , ds Geistliche kann man nicht immer im Kopf haben , aber ich muß bekennen : allemal , wenn ich in die Kirche kam oder zum Nachtmahl , nahm ich mir vor , mehr zu gehen . Es wohlete mir allemal , es war mir fast der Seele nach , wie es mir ist , wenn ich zur Selteni einmal badete . Es düechte mich allemal , ich hätte mehr Mut und es habe mir wieder gluteret vor den Augen und ich könnte alles ruhiger nehmen . Es het mih mengist düecht , so wie wir ehemals alles , was wir öppe mit einander gehabt haben , im Beten haben liegen lassen , so sollte man im Sonntag alles liegen lassen , was die Welt einem die Woche über angehängt hat , und wie man am Sonntag ein sauberes Hemd anzieht , so sollte man auch die Seele säubern und reinigen , es würde manchen Unflat weniger geben auf der Welt . Aber wenn üsereim schon zuweilen etwas zSinn chunt , so ist man dann z ' hilässig , darnach z ' lebe , wenn es schon gut wäre . Aber es muß anders kommen , und am Sonntag komme ich gerne ; Gott und Menschen können dann sehen , ob wir einander lieb haben oder nicht . « Die Freude des wiedergewonnenen Glückes hielt den Schlaf ferne von ihrem Lager ; es dämmerte draußen , die Sonne stieg herauf , ihre freundlichen Strahlen kamen als liebliche Boten und döppeleten an die Augen der Menschen , daß sie schauen sollten des Herrn Herrlichkeit und schaffen ihre Werke , während der Herr dazu ihnen leuchte . Wonnereich und glücklich ging das alte Ehepaar in den jungen Tag hinein . Alles Übel war versenkte , und ein neues Leben blühte im Herzen , oder es war vielmehr das alte Leben , das neu aufgetaucht war unter dem Übel hervor , mit dem es bedecket und das jetzt abgeschüttelt war , und über das jetzt neunundneunzigmal mehr Freude war als ehedem , weil es verloren gewesen und wieder gefunden worden . Sie verkündeten ihre Freude nicht laut , gaben ihr keine besondern Worte , das Hauswesen ging seinen gewohnten Gang , aber ein seliger Friede leuchtete auf ihren Gesichtern , und es war recht rührend zu sehen , wie die alternden Leute sich nachträppeleten wie zwei junge narrochtige Eheleute am Tage nach der Hochzeit , wo jedes immer zu meinen scheint , das Andere könnte ihm noch darauslaufen . Alle Augenblicke hatte Christen in der Küche seine Pfeife anzuzünden und kaum war er daraus , so trappelete Änneli ihm schon nach und hatte ihn etwas zu fragen oder ihm etwas zu berichten . Schon das fiel den Kindern auf , aber sie frugen nicht . Als Resli mittags den Rossen kurzes Futter gab , kam der Vater zu ihm in den Stall , redete mit ihm über den Viehstand , frug , was er meine , ob nicht etwas zu ändern wäre , es wäre da vielleicht ein ordentliches Zwischenaus zu machen , und wenn er meine , so konnte er an den ersten Monatdienstag nach Bern ; dort mache man es immer am besten , und er müsse sich auch nach und nach ans Handeln gewöhnen , er müsse das doch einmal machen , und je früher man anfange , um so eher lerne man es und um so weniger müsse man Lehrgeld zahlen . Resli stund fast auf den Kopf und folgte dem Vater freundlich durch die Ställe , und was er meinte , fand der Vater gut . Fast ebenso ging es Annelisi mit der Mutter , die mit einander Kabis setzten . Die Mutter begann von Annelisis Garderobe , musterte sie mit ihr durch , sagte von Hemden , welche sie ihr wolle machen lassen , sobald man die Näherin herbeibringen könne , fand , ihr Sonntagstschöpli sei abgetragen und es mangle ein neues . Sie könne es machen , wie sie wolle , entweder schon am Abend zum Krämer und sehen , ob er etwas Anständiges hätte , oder warten , bis an einem Ort ein Märit sei , wo man bessere Auswahl hätte . Diese Reden der Mutter machten Annelisi fast wunderlich ; sie wußte nicht , war es ihr recht im Kopf oder nicht , und ihr Gewissen begann sich zu regen und zu fragen , ob das der Lohn sei für ihre gestrige Aufführung . Sie traute der Sache nur halb , wußte nicht , war es Ernst oder war das nur ein Anfang und hängte die Mutter noch etwas anderes dran ; sie gab daher nur halbeinläßlichen Bescheid und wartete immer , was noch käme . Da aber nichts nachkam als ein freundlich Wort dem andern und keine Vorwürfe und keine anderweitigen Vorschlage , da verwunderte sich auch Annelisi und dachte : Wenn es doch immer so wäre , aber es werde sich bald ändern . Aber es änderte nicht , nichts als freundliche Worte hörte man , neuer Trieb schien ins ganze Hauswesen zu kommen , lustig und munter schnurrte sein ganzes Räderwerk . Es war wie an warmen Märztagen , wenn warm die Sonnenstrahlen über die Erde strömen , das schlafende Leben wecken , es lustig zu surren anfängt über den Boden weg . Die Erde hat ihren Schoß geöffnet , Leben ohne Maß entströmet ihr , es beginnt sich zu färben die fahle Pflanzenwelt , und erkräftigt hebt hier und da ein welkes Pflänzchen sein grün gewordenes Haupt ; dem Menschen aber wird die Brust weit , munterer regen sich seine Kräfte , drängen ihn zu tätigerem Leben , das Herz öffnet sich zu Lob und Preis seines Schöpfers . Es ist Friede und Liebe eines elterlichen Paares die Haussonne ; verbirgt sie sich , so steht das Haus im Winter , von Frost umgürtet , von