kläglich außer dem Bereich des Lebens , als habe sie Schiffbruch gelitten ! Mein Engel - ist so abgebraucht wie die Rosenwangen und Lilienhände der Dichter , welche nach gerade ganz welk sein müssen ! Was bleibt da übrig als : meine Ini , lebe wohl . « Als Faustine diesen Brief empfing , war sie fertig mit ihren Gemälden , fertig mit ihren Büchern , fertig mit Phantasie , Beschäftigung und Geduld . Sie hielt es für eine Unmöglichkeit , wenigstens drei Monat noch diese Lebensweise fortzuführen , denn nicht ihr Körper allein , auch ihr Geist ward abgemattet durch die wechsellose , spannende , schaffende Richtung ihrer Gedanken . Wenn mir der Himmel doch irgend etwas recht Schönes bescheeren wollte , dachte sie , so eine ächte Weihnachtsfreude , ich könnte sie brauchen . Es war ganz dunkel in ihrem Zimmer , sie lag auf dem Sopha von wachen Träumen so umschwirrt , daß sie fast dem Einschlafen nahe war , denn sie hatte angestrengt gemalt , um keine unvollendete Arbeit ins nahende neue Jahr hinüber zu nehmen . Sie hörte die äußere Thür des Vorzimmers aufgehen , hörte darin flüstern und leise auftreten ; aber sie mochte nicht klingeln und fragen , was es da gebe . Plötzlich fiel ihr ein , Andlau könne sie mit seinem Besuch überraschen wollen , und sie sprang auf . Doch eben so schnell nahm sie ihre vorige Stellung wieder ein , der Scherz sollte ihm ganz gelingen , sie wollte ihn erst erkennen , wenn er vor ihr stand . Sie blieb unbeweglich ; nur ihr Herz schlug athemraubend in jubelnder Erwartung . Die Thür ging auf . Kaum aber war eine Männergestalt eingetreten , von der Faustine nicht einmal die äußern Umrisse erkennen konnte , so wußte sie auch , daß dies nicht Andlau war . Sie richtete sich auf , schellte , und fragte zu gleicher Zeit mit eiskaltem Tone : » Wer ist so gütig , mir diesen seltsamen Besuch zu machen ? « » Ich ! nehmen Sie es nicht übel « - war die Antwort . » Clemens Walldorf ? willkommen tausendmal ! - Aber , Bester , man läßt sich melden bei einer Dame . « » Ich fragte Ihre Kammerfrau , ob Sie zu Hause , allein , und wohl wären .... « - » Da wußten Sie freilich Bescheid , aber ich nicht ! - Und was wollen Sie denn nun eigentlich hier in Dresden ? « Es war eine Lampe hereingebracht und vor ihr auf den Tisch gestellt ; sie war zufällig wundervoll beleuchtet . Glänzende Lichtstreifen fielen auf ihr schwarzes Atlaskleid und verriethen ihre liebliche Gestalt . Der weiche Nacken , die zarten Hände tauchten aus den dunkeln Falten auf , und die Farben , welche dem Anzug fehlten , lagen alle auf ihrem holden Antlitz . Clemens war bewundernd in ihren Anblick versunken , und vergaß zu antworten . » Bitte , geben Sie mir meinen Arbeitskorb von jenem Tische , « sagte Faustine ; » ich finde es zwar nicht sehr verbindlich , Tapisserie neben der Unterhaltung zu machen , aber Sie scheinen kein Freund der Conversation zu sein und deshalb auch wol kein Feind der Tapisserie . « Clemens ermannte sich , holte den Korb ; statt ihn aber ihr zu geben , behielt er ihn und sagte : » Sie frugen , was ich hier wolle ? nun , zum Beispiel den Inhalt dieses Körbchens besehen . Darf ich ? « » Bürden Sie sich doch nicht muthwillig die Plage des Besehens auf , hier , wo wirklich Augen und Seele zum Genuß mannigfacher Schönheit aufgespart werden sollten . « Clemens untersuchte genau die kleinen Arbeitsgeräthschaften des Körbchens : » Fingerhut und Scheere von Kokosnuß ? das ist sauber gemacht und dauerhaft nebenbei , zu dauerhaft für eine vorübergehende Mode . Ein Flacon von Hyalit , ein Bleistift in Schildkröt : Etui mit Silber eingelegt - niedlich ! Aber welche abscheulich plumpe Nadelbüchse von Porzellan ! « » Abscheulich ? Unglücklicher ! sie ist anbetungswürdig , denn sie ist rococo . « » Ein Erbstück Ihrer Urgroßmutter vielleicht , und respectabel als solches .... « - » Nichts von respectabel ! das ist ein unmodisches Wort , und rococo ist modisch par excellence . « » Wie Sie befehlen ! wenn es nur nicht schön sein soll . Dies Täschchen von russischem Leder mit Ihren Visitenbillets gefällt mir besser . Ah ! ein Brief . - ( Es war Andlaus letzter Brief . ) - Es muß angenehm sein , Ihnen schreiben zu dürfen . « » Viel angenehmer , mit mir zu plaudern . « » Sind Sie mit mir zufrieden , daß ich Ihnen nicht geschrieben habe ? « » Ich bin ganz damit zufrieden . - Jetzt legen Sie die Sächelchen wieder hübsch ordentlich in den Korb . So . Das grüne Gewölbe wäre exploitirt ! « Sie lachte so munter , daß Clemens auch ganz heiter ward . Er rief : » Dresden gefällt mir herrlich . Morgen besehe ich die Bildergallerie - die Ihre . « Felderns Eintritt störte seine Heiterkeit , und noch mehr störte es ihn , daß Faustine sagte : » Meine anachoretische Laune ist vorüber ! ich werde viel ausgehen und mich sehr freuen , wenn man mich häufig besucht . Graf Mengen , mein bester Feldern , soll mir sehr willkommen sein . Ich schmachte förmlich nach Gesellschaft , nach Mittheilung , nach Anregung . « » Und warum haben Sie es zu diesem Punkt kommen lassen , gnädige Gräfin ? « » Künstlerlaune , lieber Feldern ! ich bin zwar nur eine armselige kleine Dilettantin , aber ich habe große Anlagen zu einer ächten Künstlerin , nämlich immense Launen . Ich treibe Alles by fits and starts . « » Dadurch wird die tiefe Einheit Ihres Innern doppelt interessant . « » Alle Welt sagt , ich sei interessant ! ich wüßte gern , was sich alle Welt unter diesem Worte denkt - und ob überhaupt etwas . « » Ein Gemisch von Eigenschaften , die sich scheinbar widersprechen : tiefer Ernst und Kindesheiterkeit , z.B. eine sanfte Seele und ein starkes , muthiges Herz , Laune und Gemüthlichkeit , männliche Entschiedenheit und jungfräuliche Grazie - « » Habe ich denn das Alles ? « fragte Faustine verwundert . » Nein , weit mehr , « sagte Clemens trocken . Feldern sah ihn überrascht an , er glaubte bereits den höchsten Grad der Bewunderung an den Tag gelegt zu haben . Faustine sagte : » Lieber Feldern , ich empfehle Ihnen diesen meinen jungen Freund hier , Herr von Walldorf , Bruder meines Schwagers , der hergekommen ist , um recht gründlich Dresden kennen zu lernen . « » Ganz und gar nicht , « sagte Clemens , wieder sehr trocken . » So geben Sie selbst Ihre Gründe an , « entgegnete Faustine . » Ich bin gekommen , um Sie zu sehen , und nun da diese Absicht erreicht ist - « » Fahren Sie nach Oberwalldorf zurück ? « rief sie lachend . » Will ich schlafen gehen . « » Um morgen in besserer Stimmung wiederzukommen - hoff ' ich . « Feldern sah dem Abgehenden nach und sagte : » Der junge Mann scheint keine besonders gute Erziehung genossen zu haben . « » Keine gute , das ist wahr ! aber zum Glück auch keine schlechte , sondern gar keine . Daher fehlt ihm Manches , aber verdorben ist nichts . Nehmen Sie sich freundlich seiner an . « » Sobald Sie ein Gleiches für meinen Freund Mengen thun . « » O der hat es nicht nöthig , ist seit sechs Monaten hier , hat festen Fuß gefaßt in der Gesellschaft und überall - « » Wenn Sie wüßten , wie er Ihre Bekanntschaft wünscht ! « » Sonderbar ! was weiß er denn von mir ? « » Er hat Sie zweimal gesehen , in der Ferne zwar nur - « » Ach , « rief Faustine , » er hat mich gesehen ! Ja , dann begreif ' ich . « - Feldern lächelte . » Warum lächeln Sie ? « fuhr sie fort ; » muß ich Ihnen denn auseinandersetzen , was doch sehr einfach , daß der frische , unvorbereitete Eindruck einer Persönlichkeit genügend ist , um uns ihre Bekanntschaft wünschen oder meiden zu lassen . Dann haben wir keine Vorurtheile für oder gegen , und die unbefangene Seele weiß , was sie brauchen kann und was nicht . - Es ist wirklich ein Jammer , daß man gar nicht mehr unbefangen sprechen darf ! Alles wird uns als Eitelkeit gedeutet . « » Wenn die Deutung Sie nicht trifft , so werden Sie mir deshalb nicht zürnen . « » Nein ! nur bedauern , daß Sie sich selbst um das Vergnügen bringen , an die Unbefangenheit zu glauben . « » O Gräfin , man muß sehr jung , sehr unerfahren , oder sehr verliebt sein , um das zu glauben - nicht den Frauen gegenüber : das ist unmöglich ! Nur einer einzigen Frau gegenüber ! Es liegt ein Abgrund von Lügenhaftigkeit in ihnen ! « Faustine entsetzte sich fast , den sonst so gemessenen , vorsichtigen Feldern so heftig sich äußern zu hören . Welche Erfahrung , welche Kränkung mußte ihn getroffen haben , um einen so ungewöhnlichen Ausbruch zu veranlassen ! - Ehe sie noch eine Erwiderung gefunden , wendete aber Feldern das Gespräch , indem er sagte : » Also morgen darf ich Mengen herführen , und Sie entschuldigen , daß es früh geschehen wird , denn ich muß hinausreiten , und die Geschäfte wälzen sich erdrückend auf mich . « Er ging bald . Was sind das alles für confuse Zustände ! dachte Faustine ; darf man sich gar nicht mit den Menschen einlassen , ohne im Sturm umgewirbelt zu werden , wie jene Verdammten in Dantes Hölle ? Darf man Keinem die Hand reichen , ohne befleckt oder verwundet zu werden ? Und warum stehe ich denn so friedlich-glücklich zwischen all dem Wirrsal ? O mein Anastas ! - » Endlich ! « sagte Mario , als er am nächsten Tage vor Faustinen stand . » Grade zu rechter Zeit ! « sagte Faustine . Beider Blicke begegneten sich und sanken in einander wie zwei gefaltete Hände . Er fühlte , daß die ungekannte Königin seiner Seele ihm nahe war . Er sprach ungewöhnlich wenig ; er ließ Feldern reden , und Kirchberg , den er schon vorfand , und Clemens , der später kam , und sie , die allein für ihn mit süßer Melodie und nicht mit Schellengeklingel redete . Und wenn sie es that , so sah er sie an mit einer Befriedigung , als habe er durch ein glückseliges Ohngefähr die Lösung eines seltsamen Problems gefunden . Clemens sah sie an mit gespannter Unruhe , mit leidenschaftlicher Angst , ob ihr Auge länger , lieber auf einem andern Gegenstande ruhe ; Mario - als wolle er seinen Blick zu einem Teppich machen , der ihr zartes , traumähnliches Wesen ungefährdet und unverletzt tragen dürfe . Heute , bei hellem Tageslicht und in der Nähe , kam sie ihm nicht so blendend vor wie im Salon von Frau von Eilau , nicht so majestätisch wie auf der Terrasse ; das eigene Zimmer gab ihr einen Anstrich von traulicher Häuslichkeit . Sie selbst und Alles um sie her war so friedlich , so bequem . Kein Fußtritt war auf dem starken Teppich zu hören ; tiefdunkelrothe Vorhänge fielen lang über die Fenster herab , verhüllten die Aussicht auf Schnee und Reif , fingen den matten Strahl der Wintersonne auf und gaben ihm eine glühendere Färbung . Die Thür nach einem zweiten Zimmer war geöffnet ; auch dort dieselbe blaßgraue Tapete , derselbe Teppich , dieselben dunkelrothen Vorhänge . Diese gleichmäßige Farbentemperatur that dem Auge , und dadurch auch der Seele wohl . Es war nur Alles so schnurgerade verschieden von dem , was man sonst zu erblicken pflegt ! Ein Gemälde hing in dem ersten Zimmer , auch eins von denen , welche man nicht häufig sieht : es war eine sehr gelungene Copie vom Titianischen Christus mit dem Zinsgroschen , von der Dresdner Gallerie . Clemens fragte , ob sie es gemalt . » Nein , « sagte sie , » ich kann nicht copiren . Ich thue vorschnell stets etwas von dem Meinigen hinzu , und das wäre doch Jammerschade um dies himmlische Bild gewesen . « » Keins von allen auf der ganzen Gallerie hat mich so angezogen , wie dieses Bild , « sagte Mario , » und überhaupt niemals hab ' ich einen Christus gesehen , der mit seinem feinen , durchschmerzten , edlen , und so überaus geistreichen Gesicht , mehr der Idee entsprochen hätte , mit welcher ich ihn verkörpere . « » Das freut mich ! « rief Faustine ; » es theilen gar Wenige meine Vorliebe . Im Allgemeinen finden die Christusbilder von Guido Reni , Carlo Dolce und Bellini mehr Beifall . Es kommt immer auf die Idee an , welche wir selbst davon mitbringen . Mir scheint , Himmel und Erde sind wol nie in einem so engen Raum , mit so geringen Mitteln , in so grandioser Simplicität zusammengestellt worden . « » Aber können Himmel und Erde sich je so nah kommen , wie in diesem Gemälde ? « fragte Mengen . » O sie sind es ja immer ! immer ! « rief Faustine lebhaft ; » immer und ganz untrennbar ! aber dennoch so weit geschieden wie Christus und der Pharisäer , wie Himmel und Erde bleiben , wenn sie auch in unserm Horizont sich vereinigen . Denn die Sinne vereinen nur , und die Seele trennt . « » Und vereint ! « » Aber einzig und allein das Gleichartige - und das nenne ich Liebe . « Leichenblässe legte sich bei diesen Worten über Felderns Züge . Er stand auf und ging . Faustine sah Kirchberg fragend an ; der machte ein diplomatisch ablehnendes , lächelndes Gesicht , und sie erschrak wie Jemand , der zu viel gefragt hat . Mengen sah das und sagte ruhig : » Die Partie geht wahrscheinlich zurück , weil die beiden Leute sich durchaus nicht conveniren . Mir war das auf den ersten Blick klar . « » Man sagt - « sprach Kirchberg . » Das ist nicht wahr ! « rief Faustine . » Was denn , gnädige Gräfin ? « fragte er befremdet . » Ein : man sagt ! ist von Hause aus nicht wahr , « wiederholte sie . » Wol möglich und ich will es wünschen ! indessen sagt man doch , daß eine liaison de bas étage die Heirath unmöglich mache . « » Kirchberg ! « sprach Faustine mit ganz leiser , gedämpfter Stimme und ihre Augen sprühten Funken ; - sagen Sie von einer Frau , was Sie wollen ! es wird schlecht von Ihnen sein , aber es thut nichts . Doch von einem Mädchen , einem schönen jungen Mädchen - wie wagen Ihre Lippen das ! - Vor den Frauen habt ihr Männer keinen Respect mehr , et elles vous le rendent bien ! aber vor den Mädchen habt doch um Gottes willen noch Achtung , denn aus deren Reihen wollt ihr ja eure künftigen Gattinnen , die Mütter eurer Kinder wählen ! ich begreife wirklich nicht , daß ihr vor diesen Geschöpfen nicht das Knie beugt . Es rührt wol daher , daß kein Mann sich vorstellen kann , was es eigentlich ist : ein Mädchen . Er sieht immer das Unvollendete , das Unentwickelte darin ; ich sehe das Unangetastete . Ach , ich wollte , alle Mädchen stürben in ihrem achtzehnten Jahr . « » Dieser Wunsch würde wol keinen Anklang bei den jungen Damen finden , « entgegnete Kirchberg lachend . » Ich meinte nicht die jungen Damen - die können meinetwegen leben , bis sie alte Damen werden , « sagte Faustine , - » sondern die Mädchen . « » Ich finde da in der That keinen Unterschied . « » Keinen Unterschied ! « rief Faustine , in höchster Verwunderung die Hände zusammenschlagend ; - bester Walldorf - Graf Mengen - weiß wirklich keiner der Herren den Unterschied zwischen einem Mädchen und einer jungen Dame ? « Clemens starrte unverwandt und stumm Faustine an ; ihm waren alle Frauen der Welt so gleichgültig , daß er nur zwischen ihnen und ihr einen Unterschied machte . Auch war er gar nicht gewöhnt an diese Art der Unterhaltung . Er verhielt sich passiv . Er verstand nicht , in Faustinens zwischen Ernst und Scherz schwebendes Wesen einzugehen , er wollte ihr immer in allem Ernst sein Herz sagen , sonst aber nichts . Mengen hingegen war hiebei recht in seinem Elemente . Als Faustine sich zu ihm wandte , sagte er : » Das Mädchen ist ein frisch vom Himmel herabgeflatterter Engel : der wird gern zur Heimath wieder auffliegen . Die junge Dame ist bereits auf der Erde etwas in die Schule gegangen , hat gelernt ihre schneeweißen Schwingen im Salon zusammenfalten , damit sie niemand geniren , und wird wünschen , die ganze Schulzeit durchzumachen . « » Nun , das ist doch Etwas ! « entgegnete Faustine ; » die Herren mögen sich bei Graf Mengen bedanken , daß er sie von dem Verdacht der Blindheit frei spricht . « » Wir sind gar nicht blind , « sagte Clemens , » wir mögen nur nichts sehen , was uns nicht interessirt . « » Wirklich ? « fragte Faustine ; » ich meinte , nur Frauen wären so einseitig ! Männer aber betrachteten und bedächten Alles , was ihnen vorkommt , um über Alles ein Urtheil zu haben . Darum sind sie ja eben so unerhört langweilig . « » Darum ? « sagte Mario lachend . » Freilich ! - so unfrisch , so gleichgültig , so ohne Meinungen , die ihnen wie Blut in den Adern pulsiren ! denn was giebt ' s zu sagen über Dinge , die dem innersten Wesen fremd bleiben ? Gemeinplätze , Hypothesen , vage Theorien , Sophismen : die ganze Bagage des exercirenden Soldaten - Verstand . Wir aber ziehen als echte Krieger ohne alle Bagage in die Schlacht und kämpfen begeistert . « » O gnädige Gräfin , « rief Mario , » die Begeisterung ist dem Manne doch viel eigenthümlicher , als dem Weibe ! Ich nenne nicht die augenblickliche Exaltation , welche Leib und Leben , Seel ' und Seligkeit wagen und opfern läßt , allein Begeisterung , sondern auch festes Beharren , unverbrüchliche Richtung , ausdauerndes Handeln in einem und demselben Sinne , für eine und dieselbe Idee , mit einer und derselben Wärme und Kraft . « » Das ist Character « - sagte Faustine . » Aber was alimentirt den Character , wenn nicht Begeisterung ? welch ein dürres , unerquickliches , unwirksames Wesen wird daraus , wenn der Character nur wie ein Maulthier immer vorwärts trabt , und seine Last über das Gebirge fortschafft . Ohne Freudigkeit an dem einmal Erfaßten , ohne Andacht zu ihm , ohne Befriedigung in ihm , ohne Triumph mit ihm - ward nie etwas Großes geleistet , und was ist die Quintessenz dieser Empfindungen , wenn nicht Begeisterung ? was ist der Pulsschlag , der ihnen Leben zuströmt , wenn nicht Begeisterung ? Begeisterung ist der elektrische Schlag , der die Kette der Existenz durchströmt , und die Geschichte beweist , daß nur Männer ihn empfingen . « » Nur Männer ? « unterbrach Faustine ; » und die Prophetinnen der Hebräer ! und die todverlachenden Römerinnen ! und die Priesterinnen der Germanen ! und die Heldinnen von Saragossa ! « » Die Richtung nehme ich aus . Wo das Herz des Weibes getroffen wird , wo die Liebe es berührt , sei es ausschließlich für einen Menschen , oder für das Vaterland , oder für Gott - da schlägt der elektrische Funke ein , da lodert die Begeisterung auf . Aber selbst dann begnügt sich das Weib damit , für das Geliebte zu leiden und zu sterben . Zum Schaffen , zum Handeln , zum die Welt aus ihren Fugen Heben , wird das Weib nie angeregt , nie ! wohl verstanden , nie durch Begeisterung . Durch Intriguen , durch Laune - ja , damit amüsirt sie sich zuweilen . Noch keiner Frau ist es eingefallen , den Geliebten unsterblich zu machen , wie Petrark die Laura und Dante die Beatrice ; sie beherrschen nicht einmal die Kunst ! viel weniger die Wissenschaft ! die Frau soll noch geboren werden , welche im Stande ist , für eine abstracte Idee sich zu begeistern bis zum gelassenen Erdulden von Kerker und Verfolgung , wie z.B. Galilei mit seinem » e pur si muove ! « Ein weiblicher Socrates läßt sich nun vollens gar nicht denken ! « » Doch war die schöne und weise Hypatia , welche unter Kaiser Theodosius II. einen Lehrstuhl zu Alexandrien einnahm , wie Socrates Lehrer der Jugend ; und gleich ihm fand sie den Märtyrertod , welchen ihres Ruhms und ihrer Wissenschaften neidische Feinde über sie verhängten . Uebrigens - da Männer die Geschichte schreiben , und da die Geschichte sich überhaupt mehr mit Darstellung der Thatsachen , als mit Entwickelung der Motive beschäftigt - kann niemand wissen , ob nicht , während ein Dutzend Männer auf der Lebensbühne agirt und tragirt , eine Frau im Souffleurkasten ihnen ihre Rolle vorspricht . « » Davon bin ich überzeugt , « entgegnete Mario , » die Frauen haben grenzenlosen Einfluß auf uns . Wo ein Mann ruinirt ward , trug gewiß eine Frau die erste Schuld . « » O Graf Mengen ! « rief Faustine , » Sie sind unerhört parteiisch für Ihr Geschlecht ! Ganz der nämliche Vorwurf läßt sich umkehren und bleibt eben so wahr . « » Aber der ruinirte und gesunkene Mann kann durch eine Frau erhoben und gebessert werden . Läßt sich diese Behauptung auch umkehren ? « » Ich glaube kaum . Die gesunkene Frau steht nicht wieder auf . Ein böser Mann ruinirt so gründlich , daß ein guter nicht mehr retten kann . Unser Einfluß aber ist stärker im Guten , als im Bösen . « Clemens , der immer ruhig zugehört , hob jetzt an : » Keineswegs ! wenn Sie mir befehlen , den Einen aus dem Wasser zu holen , und den Anderen ins Wasser zu werfen , so thue ich beides mit gleichem Vergnügen . « » Gott behüte mich vor einem so blind ergebenen Freund ! « rief Faustine . » Auf Menschen Einfluß zu haben , ist Genuß ; dabei kommt es doch auf meine Eigenthümlichkeit an ! aber eine willen- und gedankenlose Maschine kann Jeder regieren . Ich sage mich Ihnen gegenüber von allem Einfluß los und ledig . « » Sie üben ihn unwillkürlich . « » Ich will aber nicht ! « sagte sie , und kreuzte ihre Arme über der Brust , als wickele sie sich in sich selbst zusammen , um niemand zu berühren , wie man wol thut , wenn man im Gedränge von Menschen steht oder geht . Mario fühlte , daß es Zeit sei zu gehen ; es kam ihm zudringlich vor , den ersten Besuch über die Gebühr auszudehnen . Er dachte heimlich : wenn sie nur schwiege , wenn sie nur sich nicht bewegte , wenn sie nur überhaupt gar nicht sie wäre , so würde ich ja sehr gern gehen . - Kirchberg war längst fort . Nun ging auch Clemens . Da überwand sich Mengen und stand auf . Er sagte nur noch : » Feldern sagte mir vor längerer Zeit , Sie wären zu beschäftigt mit Ihrer Kunst , um Freude am geselligen Umgang zu finden , und als ich fragte , was Sie malten , entgegnete er : Bäume . Würden Sie die Gnade haben , mich einmal diese Bäume sehen zu lassen , welche Sie so lange verschattet haben ? « Faustine lachte . » Bäume , sagt Feldern , hätte ich gemalt ? das ist doch possierlich , nur Bäume auf meinen beiden Bildern zu sehen ! Wenn Sie Morgens kommen wollen , werd ' ich sie Ihnen zeigen . « » Morgen ? « verwandelte Mario ihr Wort . » O ja , morgen . « Er schied eben so beglückt , wie Clemens verdrießlich , und Faustine dachte : ein angenehmer Mann ! warum lernte ich ihn nicht früher kennen ? ich hab ' es meinem Absperrungssystem zu danken . Das taugt nie etwas ! die Cholera schließt es nicht aus , wol aber interessante Bekanntschaften . « Feldern ritt auf der öden , beschneiten Chaussee den wohlbekannten Weg zu der Braut . Im Hause begegnete er zuerst dem Vater und fragte hastig nach Cunigunden . » Es geht nicht besser , « sagte der alte Mann wehmüthig und eine zerdrückte Thräne machte sein sonst nichtssagendes Auge beinahe schön . » Kommen Sie zu ihr . « Er brachte ihn vor ihr kleines enges , schmuckloses , nonnenhaftes Zimmer . Da saß Cunigunde vor einem Tischchen und las in der Bibel . Er ging voran . » Wie geht es Dir , mein Kind ? « fragte Herr von Stein , und legte zärtlich seine Hand unter ihr Kinn . » Gut , mein lieber Vater , « antwortete sie , diese Hand küssend . » Nicht wahr , Du stirbst mir nicht , mein frommes , mein bestes Kind ? « Er streichelte ihre Wangen , ihre Stirn , ihr Haar . » Nein , mein lieber Vater , « sagte sie mit melancholischer Zärtlichkeit zu ihm aufblickend . Als er aber sprach : » Feldern ist auch da ; darf er kommen ? « da glitt ein Schauer über ihr mildes Gesicht , ein Krampf , ein Grauen . » Ja , « sprach sie . Der Vater ließ das Paar allein . » Nun , Cunigunde ! « sagte Feldern , und setzte sich ihr gegenüber . » Guten Abend , mein lieber Feldern ! « war Alles , was sie vorbrachte . Ihre Brust hob sich in unbeschreiblicher Beängstigung . » Haben Sie mir weiter nichts zu sagen ? können Sie kein Vertrauen zu mir fassen ? Reden Sie doch nur , aber mit einem einzigen Grund . « » Ich habe mich müde geredet ! und einen Grund habe ich nicht . « » So beharren Sie also darin aus Eigensinn , aus Laune , mich fortzuweisen , mich - Ihren treuen , erprobten und bewährten Freund , den Sie jahrelang als Ihren künftigen Gatten betrachtet haben ? « » Keine Laune , o Gott ! « seufzte Cunigunde und rang die Hände . » Nun , liebe Cunigunde , so sprechen Sie nur das Warum aus ! Sobald ich weiß , was zwischen uns liegt , will ich es ändern , vermeiden , oder auch ganz Sie aufgeben . Nur aber so kommt es mir wie eine Geistesbefangenheit , wie eine Krankheit vor , die über kurz oder lang weichen wird , und der ich unmöglich mein Glück , meine Zukunft , und vielleicht die Ihre - opfern kann . « » Sie sprechen so gut , so verständig , daß ich Sie ganz und gar begreife ! besser Sie begreife , als mich selbst - denn ein Warum kann ich Ihnen nicht sagen , aber heirathen kann ich Sie auch nicht . « » Dann ist es nicht anders möglich , als daß Sie einen Andern lieben . « » Ihre fixe Idee , die ich schon hundertmal verneint habe ! « » Einen Andern , dessen Sie sich schämen , der Ihrer unwürdig ist .... « - » Ist es denn eine solche Schmach zu lieben , daß ich den Mann , den ich liebte , nicht einmal meiner würdig achten sollte ? « » Weshalb nennen Sie ihn denn nicht ? « » Weil ich keinen liebe . « Feldern stand mit heftiger Ungeduld auf und ging in dem Zimmerchen hin und her . Endlich blieb er vor Cunigunden stehen und fragte scharf : » Wen wollen Sie heirathen ? « » Niemand « - sagte Cunigunde und sah ihn befremdet an ; » das wissen Sie ja . Wollte ich heirathen , so könnte ich gewiß am leichtesten Sie heirathen , den ich achte , den ich kenne , der brav , treu und rechtschaffen ist , der mich herzlich lieb hat .... « - » Cunigunde ! « rief Feldern zärtlich , legte den Arm um ihre Schulter und bog sich zu ihr herab . Doch sein Kuß streifte nur ihre Wange , denn sie wendete den Kopf , schloß die Augen und sagte mit zitternder Angst : » Erbarmen ! « Tief gekränkt ließ Feldern den Arm sinken . Er sagte verletzt und hart : » In Ihrem Benehmen liegt Lüge oder Wahnsinn . « » Keine Lüge ! jedes Wort ist reine Wahrheit . Ich heuchle keine Achtung , kein Vertrauen zu Ihnen - ich hege es wirklich . Darum habe ich den Muth gefaßt , Sie zu bitten , mein Wort zu lösen . « » Das ist aber - wenn nicht Wahnsinn , doch Verschrobenheit , Ueberspannung , Sentimentalität ! Was wollen Sie denn ? etwa katholisch und Nonne werden ? die religiöse Schwärmerei verrückt zuweilen die klarsten Köpfe . « » Ich mag nicht Nonne werden - niemals ! « rief Cunigunde , und ein frischer , rosiger Hauch des Lebens überstreifte ihr Antlitz und machte es so schön , daß Feldern trotz seines Unmuthes bewundernd