Dir . « Am Montag So ernsthaft hab ich geschrieben , ich weiß selbst nicht , wie ich dazukomme , doch ist ' s der Nachklang von vor Mitternacht . Ich weiß selbst nicht , wenn ich ' s ansehe , warum ' s dasteht . Du gehst weit über mich hinaus im reinen Schauen ; denn Du bist ein Seher , ich betrachte nur die Schatten des Geistertanzes in den Lüften , die Dich umschweben . Was soll das alles vor Dir , ich fühl , daß ich von einer viel niederen Stufe zu Dir hinanrufe , ob dies und das so ist ; ich ahne auch , daß Du mit einem leisen Zauberschlag mich strafen kannst , daß ich bei solchen Nachgedanken mich aufhalte . Ich weiß und weiß nicht . - Im Tau baden , in den Mond schauen bei nächtlicher Weile ist schöner , als sich wenden und den Schatten messen , den man in die beleuchtete Ebene wirft ; ja , ich war auch traurig , wie ich gestern schrieb , und aus der Traurigkeit steigt mir immer solcher Qualm von Hyperklugheit auf , Philistergeist ! - Ich schäme mich - es ist eine schlechte Sonate , deren Thema man bald auswendig kann , und die einem abgeleiert vorkommt , wenn man sie wiederholen wollt , das kommt vom Einsamsein her , da meint man , man müsse was Bessers vorstellen , wenn man mit sich selber spricht . Ich merkt es , als beim Schreiben das selbstgefällige Geschwätz , was sich so schön fügte , mich verführte , und nun auf einmal bin ich ' s satt . Wie anmutig und scherzend hast Du alles ausgesprochen und mit Deinem Zauberstab Dir spielend einen Kreis gemacht , mit mir drin zu scherzen , und ich hab mit Dornen und Nesseln und Disteln um mich gepeitscht ; ach ich fühl einen Widerwillen gegen meine Schreiberei von gestern . - Hätt ich Dir nicht besser den wunderlichen Abend beschrieben , die seltsame Nacht , die ich mit der Tonie erlebt habe . - So eine Wundernacht vergeht nicht , sie besteht ewig mit ihren leisen Schattenbildern , mit ihren Lichtdämmerungen und eiligen Luftzügen und wie sie den Schlummer Woge auf Woge wälzt ; gewiß , wie die Welt geboren wurde , da war es Nacht , und da stiegen die Gipfel der Unsterblichkeit , die stillen , von denen Du sagst , zuerst auf aus den Wassern , und da drängte sich die Welt ihnen nach und liegt nun , und über ihr strömen die Sprachen jener Einsamen durch den Nachthimmel . - Ja , ich find mich nicht zurecht , wenn in einer solchen Nacht alles schläft weit und breit und der Geist mächtig mit seinen Flügeln die Luft durchsegelt . - Und alle die Philosophen , die die Menschheit erwecken wollen , schlafen doch so fest und fühlen ' s nicht . - Und ob bloß , wenn ' s einem gegönnt wär in jeder Nacht die Augen zu öffnen und ihren tiefen Faltenmantel zu durchschauen , den sie über die Natur ausbreitet und dann ihre heimlichen Geister umherschweifen , anhauchen - alles Lebende ; ob der nicht hierdurch ein Seher würde himmlischem Wissen . Es ist doch so Seltsames in der Nacht , man sollte meinen , der Tag sei einmal schon in Beschlag genommen von der Verkehrtheit , aber die Nacht sei noch ganz frei davon ; man fühlt sich in der lautlosen silbernen Mondzeit aufgezogen wie die rankende Pflanze , die hinausstrebt in die Lüfte , - den vorüberschweifenden Geistern sich anzuhängen und hier und dort von ihrem Hauch zu trinken . Aber was steig ich und schwindel ich denn immer noch , als lief ich am Waldrand hin ? - Ja , in der Nacht war ' s so klar in meinem Sinn , daß ich laut lachte , und nun schweift ' s von Berg zu Tal und betastet die Erinnerung . - Und all mein Denken solcher Nachhall , wie wär ich in eine Kluft gefallen . Wir waren am Nachmittag zum weiten Spaziergang fortgewandert und wußten wohl nicht genau die Zeit , die später war , als wir glaubten , und weil überall der Pfad an etwas Neugierigem sich hinzog , bald ein brausend Bächlein zwischen Klippen , bald sonnenhelles Grün und Hügel und Gemäuer und dann ein Wald mit mächtigen Kronen , da kamen noch Scharen von Vögel über uns hingezogen , denen wir nachsahen , da war ' s bald gar aus , wir wußten nicht , wo wir hergekommen waren , und wo wir hinwollten , gern wären wir wieder umgewendet , wenn wir nur ahnen konnten , wo der Heimweg war . Wir machten einander Mut , durch den Wald auf einem breitern Weg , der quer lief , fortzuwandern ; weil frische Spuren da waren , so mußte er dort zu Menschen führen , noch hielten wir den Wind , die allmählich sinkende Helle für vorüberziehende Wolken , aber es war der Abendwind , der das Laub vor uns her wehte , wir sagten es einander nicht , aber merkten es bald , schritten immer fort und sahen bald zwischen den hohen Wipfeln durch den roten Himmel glänzen , und wie der sich verzog in ein dämmerndes Gold , aber ohne Schein und endlich ein Blau , schweigende Sternchen glitzerten , und der Pfad lief immer fort im Wald und die Sterne sahen hoch herab , und keins wagte die Stille zu unterbrechen , schweigend , ein Tritt nach dem andern raschelte durchs Laub . - » Ach , « sagt ich , » laß uns einen Augenblick ausruhen , Du wirst sehen , dann wird der Wald auf einmal sich auftun . « » Ach , « sagte die Tonie leise , » was wird das werden , wo kommen wir hin ? « - Statt zu klagen , mußte ich laut lachen ; - » Um Gotteswillen , wie kannst Du so schaurig lachen , schweig still , es können böse Leute in der Nähe sein , die uns hören . « Ich meint aber , wenn wir so sacht redeten und wanderten , das könnt noch viel gefährlicher sein , und die Tonie ließ sich überreden , daß ich ein Lied sang . - Das schallte ! - Das machte mich so glücklich , und der schweigende Wald , - und dann ich wieder , und dann er wieder . Die Tonie hatte sich auf dem Pfad so gesetzt , um die Richtung nicht zu verlieren , der wir schon die ganze Zeit gefolgt waren , ich aber lag rückwärts und sah in die Höh , auf einmal entdeckte ich , daß der Wald links lichter ward , und daß der Himmel ganz frei war ; ich sagte , dort müssen wir hin , da sind wir gleich aus dem Wald . » Um Gotteswillen verlaß den Pfad nicht ; denn so im Dickicht herumzustolpern in der Nacht , da können wir in Gruben fallen , laß uns ruhig auf dem Weg fortgehen , « ich war aber schon vorwärts geschritten und stolperte wirklich und raffte mich auf und fiel wieder und kletterte über Stock und Stein , und die Tonie rief von Zeit zu Zeit , ich antwortete , und da war ich plötzlich im Freien auf der Höhe , die sich abflachte in eine weite Ebene , die ich nicht ermessen konnt , aber ganz in der Ferne sah ich ' s glänzen , ich rief : » Hier steh ich und seh den Rhein , Du mußt aus dem Wald heraus ; denn auf dem Waldpfad kannst Du noch stundenlang unnütz fortwandern . « Wir kamen uns entgegen mit Rufen durch die Nacht , doch rückt ich nicht weit herein , aus Furcht , den Weg zu verlieren , endlich reichten wir einander die Hand , und nun zog ich sie hinter mir her . Es ist ein dumm klein Abenteuerchen , aber es machte mich doch so froh , uns so aus dem finstern Wald herausgefunden zu haben . Da standen wir nun und guckten uns um - ob das dort ein Dorf ist oder dort , ob das ein Licht ist ? - Wir setzten uns am Waldrand hin und lugten , es ließ sich nichts hören , kein Vögelchen , es war gewiß schon spät , vielleicht bald elf Uhr , und da brannte auch kein Licht mehr in den Örtern , drum konnten wir sie in der Ferne nicht sehen ; wir ruhten gelassen ein Weilchen , und da war es so groß um uns her , und das tat so wohl , und dann ward es heller , der Mond mußte bald kommen , da wußten wir , daß es um elf Uhr war . - Jetzt sah die Tonie einen Ort für ganz gewiß , sie sah das Kirchdach deutlich glänzen , wir schlenderten , rutschten , kletterten und kamen in die Ebene . Die Tonie behielt das Kirchdach im Aug , ich war zu kurzsichtig , aber ich lief voran ; denn einen Weg zu bahnen , das kann ich besser . - » Links ! - rechts ! « - rief sie , und so ging ' s über abgemähte Felder , endlich an einen Graben mit Wasser , den wir glücklich übersprangen , dann über Zäune , dann Wiesen , dann Gärten , und der Mond war auf , beleuchtet einen breiten Weg , der nach dem Ort führt , aber ein großes festes Tor schließt diese verwünschte Stadt , die in ihrem Mondschein in Totenstille versunken liegt , daß nicht ein Hund bellt , nicht eine Katze mauzt . Da stehen wir mit unsern Stecken in der Hand und gucken das Tor an , das war mir schon sehr lächerlich , ich sag : » Ob ich versuch hinüberzuklettern ? « - Denn es war oben offen , aber unmöglich , denn es war sehr hoch , von eichnen Bohlen in ein Paar glatte dicke Pfähle die Angeln eingefügt . » Da seh mal , « sagt die Tonie , » da ist zwischen dem Pfahl und der Stadtmauer ein Ritz , « - handbreit - wenn ich die Oberkleider abwerf und den Atem anhalt ' , so kann ich durch , und nun geschwind alles was mich hinderte , an die Erd ' geworfen und durch war ich , da setzte ich mich aber erst auf den Eckstein am Tor und lachte , und das schallte die Straße hinab und fand ein Echo und schallte wieder herauf . - » Ach , ich bitte Dich , lach nicht , Du weckst alle Leute auf , und die können uns wer weiß was tun , « flehte sie durch den Ritz , - ich nahm mich zusammen , besichtigte das Tor , fand , daß es mit zwei starken eisernen Riegeln zugebummst war , nahm einen Stein und klopfte die Riegel zurück . » Mach keinen Lärm , poltere nicht so « , - aber das half nicht , ich war im heißen Eifer , das Tor mußte weichen , auf einmal gingen beide Flügel auseinander , und da stand sie vor mir und hielt ihren Einzug ; jetzt wanderten wir schweigend durch die Straßen und musterten die Häuser , wir klopften an den Türen , an den Läden , kein Laut gab Antwort , endlich öffnet sich ein Giebelfensterchen , ein Männchen guckt heraus mit einem brennenden Kienspan in die Luft leuchtend , bei dessen Flamme wir ein bebartetes Kinn entdecken und also auf ein ungetauftes Mitglied der Menschheit schließen , welches seine Stimme auch nicht leugnet . » Wir sind Kurgäste aus Schlangenbad , die sich verirrt haben , und hätten gern einen Führer . « - Er bedeutet , daß gegenüber der Torwächter wohnt . Wir klopfen an , - eine Weile dauert es , auf einmal tut sich ein Loch am Boden auf , und unter der Erde kommt herauf ein in braunem Pelz eingehüllter Riese mit einem Baum in der Hand , ein Stock war ' s nicht , dazu war ' s zu groß , er setzt sich in Trapp und treibt uns vor sich her zum Tor hinaus , immerzu , den Pfad am Berg hinauf , - bald aber sagte mir die Tonie ins Ohr : » Wenn der gewaltige Mann dahinter uns mit seinem Kolben einen Schlag gäbe , es ist mir recht bang « , - nun , wir lassen den Mann vor uns gehen , da sehen wir doch , wenn er uns was tun will . So marschierte denn der Goliath vor uns her , ach , wie rauschten die Birken neben uns her und malten ihren Schatten uns unter die Füße , wie quoll das Dunkel aus dem Wald dem Mondlicht entgegen , und die kleinen Wässer rauschten von den Bergen nieder und wallten zwischen Weiden fort , und an manchem schlafenden Dorf ging ' s vorüber und dann auf der Höh , noch einmal mußt ich mich noch umsehen nach dem Silberstreifen des Rheins im Mondglanz , und Berge in der Ferne sanken und stiegen , aber am meisten war doch das Regen in der Luft , was umherschwirrte und flüsterte in den Zweigen , und Träume , kindische , die mir das Herz beben machten , und dunkle Bilder , die aus dem Wald nebenan hervortraten , das hielt mir die Seele wach , und doch war ' s , als schlummere ich sorglos und wandle nur im Traum , und die Himmelssterne erblaßten allmählich - und die einzelnen Hütten im Tal waren noch unbewußt des Tages , der sich ahnen ließ , aber die Wachteln schlugen im Feld und kündeten ihn an , da sahen wir Schlangenbad . Wer war froher wie wir , ich aber über alles , mich freut die herrliche Nacht . Die Schatten am Weg , die unsern beleuchteten Weg still umstanden , und der Abschied der Nacht , wie sie noch einmal die Wipfel schüttelte , das alles ist mir lieb , es ist ein Geschenk von den Göttern , wie so manche andre Stunden , wo ' s war , als wollten sie mich beschenken mit süßem schwärmerischem Gefühl von innerlicher Kraft des Entzückens . - Das war ' s , was ich Dir erzählen wollt , und was viel schöner ist wie alles Denken und Urteilen : sich dem Leben der Natur nahen und still und stumm ihre Vorbereitungen mit ansehen und wie sie weiht und reinigt in feierlicher Nachtstille . An die Günderode Offenbach , Mai 1805 Sorg nicht um meine Gesundheit ; im Dachstübchen bin ich ganz fidel ; ich muß mit meinem Schatten an der Wand lachen . Drei Sätz die Trepp herauf , und die Flügel gespreizt und herunter hinter die Pappelwand , wo was Weißes flattert . - Da , wo wir vorm Jahr den Spitz begraben haben , spielte der Wind im Mondschein mit einem Papier ; es flog aber gleich über die Gartenwand , wie ich ' s haschen wollt . Mit dem guten Spitz fürchtete ich mich nicht in der Nacht ; er bellte mir als immer die Geister aus dem Weg . Der Klavierhofmann ist noch immer unser Nachbar ; heut nacht , wie ich im Bett lag , da jagte er wieder wie sonst seine enharmonischen Läufe im gestreckten Galopp auf und ab ; ich gab meinen Schlaf auf und meine Sinne freudig drein , die jagten mit . - Mit dem Verstand Musik fassen wie die musikalischen Philister , das geht nicht - ich muß empfinden . - Sinnegewiegt von der Musik - mich hingeben wie schlummernd , dann hab ich Gedanken , schnell - wie die Sterne dahinfahren , oft - am Himmel . Ich bekümmre mich als , daß ich nicht denken kann , was ich will , und muß von allem mich irren lassen , wie auf dem Markt , wo man hin und her läuft vom Guckkasten zum Puppenspiel , zum Bär , der tanzt , oder mit den Zigeunern mich ergötzen am Mainufer , wenn ' s Marktschiff Philister ausspeit und die betrunknen Musikanten schmettern sie hinaus . Allerlei geht mir im Kopf herum , aber wenn ich schreiben will , ist die Luft leer von Gedanken , und die meisten Worte sind überflüssig , ich muß sie wieder wegstreichen wie hier im Brief . Bei Musik bin ich gesammelt , die Gedanken fahren nicht herum , sie sind still und schauen innerlich Ding , was mich vergnügt . Die Seel wächst , die Knosp springt auf und saugt Mondlicht . - Eine Weil hört ich zu im Bett , wie ' s Gewitter kam , sprang ich heraus und setzte mich aufs Fenster . - Musik bringt alles in Einklang , sie donnert durch die hellsternige Nacht ihren gewaltigen Strom , dann tanzt sie hin und grüßt mit jeder Well die Blum , die da heimlich blüht am Ufer . Wenn dann die Wolken vom Windsturm daher gejagt kommen , dann werden sie als gleich , als von ihrem Hauch bezaubert ; der Regen rollt Perlen unter ihren tanzenden Schritt , beim leuchtenden Blitz vom Donner durch die schwarze Nacht geschnellt , die er mit schallenden Schwingen durchrast , das ist alles ein Hymnus mit der Musik - nichts widerspricht , noch stört ' s das stille Brüten der Sinne . So hab ich die halbe Nacht verlebt , ein Leben , wie ' s nicht besser ist , noch sein wird mit der Zeit . - Jetzt steh ich in der Blüt , Honig bis an Rand voll , alles aus dem Innern . Mit den andern hab ich kein Verstehen , ich schäm mich , vor ihnen anders zu sein wie sie . Du bist mir gut , und der Clemens , mit dem kann ich doch nicht sein , wie ich bin , er fürchtet sich und kann nicht vertragen , daß ich mich ausström , bald ist ' s zu feurig , bald zu wehmütig , wo ich doch gar nicht traurig bin , aber weil er schön ist wie ein Gedanke aus meiner Seel , so muß ich liebvoll zu ihm sein . - Das weiß er nicht , daß es Musik ist in mir , die ihn liebt , ich muß es so gehen lassen , alles muß reifen mit der Zeit . - Mit Dir ungestört sein , da fühl ich das junge Grün , wie das aus mir hervorkeimt , Du machst kein Wesen davon , daß im Frühjahr die frischen Grashalme und Kräuter duften - so bin ich zufrieden und blüh all meine Gedanken heraus vor Dir . 20. Mai Gestern war Sonntag , heut morgen war ich gar nicht ärgerlich , wie mich die Hühner aus dem besten Traum gegagst haben wie als in Frankfurt , wo die Liesbeth als grad Holz in Ofen geworfen hat , wie eben ein goldner Vogel mir wollt auf die Hand fliegen . Die Akazien im Hof sind recht gewachsen , sie schneien im Sonnenschein ihr letztes Silber aufs Grün . Der Garten lag so morgentrunken vorm Fenster , ich ging hinab , meinen alten Weg nach der Bretterwand hinter den Pappeln und kletterte herüber ins Boskett , wo ich Dir hier schreib . - Daß doch immer meine Kleider reißen , wenn ich recht jauchzend bin . Zank nur nicht , daß ich mein Gewand nicht geschont habe . Dornenröschen hat mir ein Fetzchen davon behalten , wie ich versucht hab , ob ich noch zwischen dem Eisengeländer vom Boskett durchwitschen kann ; es geht noch , ich hab noch nicht zugenommen an Erdenballast - da sitz ich auf der Terass ' am Main , auf dem die Wasserspinnen lustig in der Frühsonne herumfahren . Käm der Genius doch daher gewandelt - ich könnt ihm mehr nicht sagen , als was die Bienen summen . - Ist mir doch , als gehör ich zu dem blühenden Zitronenbaum ; ist so still alles - wie am Feiertag , und der reinliche Kies mir unter den Füßen klirrt schüchtern - alles voll Schauer und Harren , daß er komme , der , auf den auch ich harre , oder war er schon hier ? - und hat es früher so geordnet für mich , daß ich merke , er sei ' s gewesen , dem die sonnenbelasteten Äste sich gebeugt und die Welle nachmurmelt zu meinen Füßen . Ich wollt ' s besingen , aber ' s Lüftchen , das nach ihm sucht im Gebüsch , kehrt wieder und hat ihn nicht gefunden und schweigt und regt sich nicht mehr , so muß ich auch stumm sein . An die Bettine Dein Brief macht mir Freude , es ist ein gesundes , munteres Leben darin , das ich immer lieb in Dir gehabt habe . Du führst eine Sprache , die man Stil nennen könnte , wenn sie nicht gegen allen herkömmlichen Takt wär . Poesie ist immer echter Stil , da sie nur in harmonischen Wellen dem Geist entströmt , was dessen unwürdig ist , dürfte gar nicht gedacht werden , oder vielmehr darf alles Ereignis den Geist nur poetisch berühren , sonst leidet er Abbruch , wie ich das heute morgen habe erfahren müssen , wo mir von Hanau eine veraltete Familien-Schuhmacherrechnung von 17 Flr . zugeschickt wurde , die ich nicht bezahlen kann , meine Verlegenheit poetisch aufzulösen , schicke ich Dir den kleinen Apoll als Geisel samt Türkheims Lorbeerkranz , gib mir das Geld . Wenn Du einige Stunden in der Geschichte genommen hast , so schreibe doch darüber ; besonders in welcher Art Dein Lehrmeister unterrichtet , und ob Du auch rechte Freude dran hast . - An dem Märchen hab ich die Zeit sehr fleißig geschrieben , aber etwas so Leichtes , Buntes , wie mein erster Plan war , kann ich wohl jetzt nicht hervorbringen ; es ist mir oft schwer zumut , und ich habe nicht recht Gewalt über diese Stimmung . Grüße den Clemens , wenn Du schreibst , ich denke daran ihm zu schreiben und warte nur den Moment ab , wo mir ' s wieder leichter ist , damit ich ihm mit gutem Gewissen seinen Unmut und seine Launen vorwerfen kann . Karoline An die Günderode Geld liegt im Pult am großen Spiegel , in der dritten Schublad links , in den andern Schubladen liegt aber auch vielleicht noch , zieh alle Schubladen ganz heraus , ob etwas dahinter gefallen ist . Der Schlüssel liegt unter dem Blumenkasten auf der Altan , wo die Kapuzinerblumen stehen , den Apoll halt rein vom Staub , und daß ihn die Fliegen nicht bedippeln mit samt dem Lorbeerkranz ; und vom Stil weiß ich nichts als von Dir , nichts Überflüssiges , nur was zur Sach gehört , sollt ich schreiben . Ich hab meinen Brief verputzt wie beim Apfelbaum , alle Raupennester und Zweige ohne Fruchtkeime ausgebrochen , bis er ganz kahl war . - Man soll von jedem unnützen Wort Rechenschaft geben , geschrieben kann man nicht ableugnen , so muß man sich zusammennehmen . Der Mensch empfängt den Geist mit Gedanken und Worten , es sind die Gemächer , in denen er ihn herbergt , die Ehrengewande , die er ihm umlegt , aber die müssen durchsichtig sein und knapp anliegen und die Räume einfach ; denn was er nicht ausfüllt , das verbaut ihn . Ich merk als , daß die Menschen sehr dumm sind und fürchterliche Umwege machen ums Zentrum , ja , mir scheint jede Wahrheit ein Zentrum zu sein , das wir nur umkreisen , nie berühren . Gestern mußt ich der Großmutter aus dem Hemsterhuis vorlesen , sie sagte : » Das ist ein herrlicher Gedanke « , und legte mir eine Pfeffernuß drauf , da kam mir dieser Gedanke . Am Montag Der Geschichtslehrer kommt dreimal die Woch , Dienstag , Mittwoch und Donnerstag , eingeklammert hinten und vorn in zwei Faulenzer , Freitag , Samstag am End , Sonntag , Montag am Anfang . - Er unterrichtet mich so , daß ich wahrscheinlich der Zukunft ewig den Rücken drehen werde und so auch um die liebe Gegenwart geprellt wär , wenn die unreifen Aprikosen in der Großmutter Garten nicht meinen Diebssinn weckten , mit dem ich doch für meinen Verstand etwas Handgreiflicheres zu erbeuten gedenke , als : » Die Geschichte Ägyptens ist in den ersten Zeiten dunkel und ungewiß . « Das ist ein Glück , sonst müßten wir uns auch noch darum bekümmern - » Menes ist der erste König , von dem wir wissen « - mir auch recht , wenn wir nur was Gescheites von ihm erfahren haben . - » Er erbaute Memphis und leitete den Nil in ein sicheres Bett . Möris grub den See Möris , die schädlichen Überschwemmungen des Nils zu hindern . - Dann folgt Sesotris der Eroberer , der sich selbst entleibte . « - Warum ? - War er schön ? - Hat er geliebt ? - War er jung ? - War er melancholisch ? - Auf all dies erfolgt vom Lehrer keine Antwort , nur die Bemerkung , er möge wohl eher alt zu denken sein . - Ich demonstrierte ihm vor , daß er jung war , bloß um das Rad der Zeit in Schwung zu bringen , das im Geschichtskot der Langenweil immer steckenbleibt . - Es rumpelte auch noch über den Busiris , der Thebä erbaute , Psamtichus , der die geteilten Staaten unter seine Flügel nahm , dann die Kriege mit Babylonien , Nebukadnezar , dem ' s der Kambyses , Cyrus ' Sohn , wieder abnimmt . Die Ägypter vereinen sich mit Lybien , machen sich wieder frei , kriegen mit den Persern , bis Alexander dem Streit und zu meinem Vergnügen dieser Geschichte ein End macht . - Das ist der Inhalt der ersten Stunde , Du siehst , daß ich aufgepaßt hab . Hätt ich aber den Sporn nicht gehabt , Jagd auf die Langeweile zu machen und Dir zu zeigen , wie unnütz es ist , die Asche , von der die Natur nicht einmal das Salz verbrauchen kann , wieder anzufachen , es gibt doch keine Glut mehr ; ich dächte , wir ließen einstweilen die alten Herrscher in ihren Pyramiden fortschimmeln . - Frühling schwellet die Erde , ringsum drängt er die Keime - und grünt in entfaltenen Blättern - drängt auch wohl meinen Sinn , berauschet mir schwellend die Lippe , daß in erneuerter Sonne die spröden Hüllen und Knospen meiner Gedanken zerbersten . - Ich war heut morgen im Wald , an der Chaussee schon mit der Morgenröt , die eine Saffranbinde um seine Wipfel legte , der feuchte Grund wechselte die blauen Vergißmeinnichtbeete mit den goldnen Butterblumen ; es war so feucht , so warm , so moosig , es war so brennend im Gesicht und so kühlig am Boden . Der Tau war so stark , ich war ganz naß geworden ; als ich nach Hause kam , da trat mir der Lehrer schon mit dem achtzehnhundertsten Jahr der Welt entgegen , wo Nimrod Babylonien gestiftet . Ich wollte nicht fragen , wer der Nimrod war , aus Furcht , er möcht mir ' s sagen , und es wär eben auch unnütz , es zu wissen . Wenn nun der Nimrod ein guter Kerl war , um den es schad wär , und der mir besser gefallen könnt , als die jetzigen Menschen , so wollt ich ihm wohl die Dauer der Unsterblichkeit gönnen , aber der Lehrer jagte gleich den Assyrer Ninus hinterdrein , der das Reich erobert , von wo er Mittelasien beherrscht , ich jagte also ohne Aufenthalt mit , bis das Reich wieder befreit wird durch Nabopolasar , von dem ich auch nicht weiß , woher er geflogen kam . - Nebukadnezar erobert Ägypten ; Babylonier , Assyrer , Meder führen Krieg - bis Cyrus , der Perser , alle Reiche wieder erobert . - Babylonische Geschichte umfaßt sechzehnhundert Jahr , hat um elf Uhr angefangen und Glockenschlag zwölf Uhr aus , ich spring in Garten . Freitag Heut morgen war der Geschichtskerl nicht da , da hab ich Generalbaß studiert , von dem könnte ich eher sagen , daß ich was gelernt hab , über den hab ich Gedanken , er spricht mich an wie Geheimnis , obschon der Hoffmann sagt : Alles ist klar wie der Tag - ich geb ' s zu - deswegen ist der klare Tag mir auch ein Geheimnis , so gut wie der einfache Harmoniensprung , von dem Hoffmann heut sagte : » Betrachtet man die Tonika nicht allein als solche , sondern auch in bezug auf jede andre Tonika , als eine ihr verwandte Tonart , wo sie vermöge und in dem Grade ihrer Verwandtschaft wieder Beziehung hat auf alle Seitenverwandtschaften und daher immer wieder als solche sich geltend machen kann ; so sieht man leicht , wie alle möglichen Gattungen von Dreiklängen vermittels einfacher Harmoniensprünge aufeinander folgen können . « Ich glaub ' s , aber begreif ' s nicht - betrachten ? - kann man denn alles betrachten , wie man will ? - kann ich die Wolken da oben betrachten wie mein Daunenbett , so werden sie doch nicht herunterkommen , mich zudecken . Der kleine Hoffmann sieht mich an , erstaunt über meine Dummheit , und wird selbst ganz dumm , denn er verstummt . Endlich sagt er ganz freundlich , das nächste Mal werde er gewiß eine Form gefunden haben , um mir ' s begreiflich zu machen , er ging in die Musikprobe , wo er tausend Harmoniensprünge mitspringen wird . Käm doch bald die nächste Stund , am Tanz der Dreiklänge möcht ich erproben , ob mein Geist auch einen kühnen Sprung tun kann , oder ob