verwittert ; sie sah , daß es nur von ihr abhing , in den Hof zu treten , aber die Scheu , die sich ihrer bemächtigt hielt , war stärker , als der Trieb der Neugierde oder romantischer Sehnsucht , der sie so weit geführt hatte . Langsam , mit gepreßtem Herzen wandte sie sich ab und verfolgte den Fahrweg unten am Schlosse , der sie der Wohnung des Vikars entgegenführte . Aber hier , wo kein Schrecken Raum oder Nahrung fand , verließ sie die krampfhafte Anspannung , unter der sie sich aufrecht erhalten hatte , und sie konnte den zärtlich besorgten Fragen der gütigen Geschwister nur durch Thränen antworten . In großer Unruhe hatten die ehrwürdigen Alten ihr langes Ausbleiben bemerkt , da der Arzt bei seiner Rückkehr versicherte , die junge Dame nirgends gesehen zu haben . So klar und ruhig sie auch in ihrer Weise dem Leben gegenüberstanden , so ganz konnte wenigstens Veronika nicht siegen , um nicht an die schrecklichen Gerüchte über das Schloß von Ste . Roche eine allgemeine Befürchtung , ein unerklärtes Grauen zu knüpfen , das seine Nahrung fand in Thatsachen , welche in ihre Zeit fielen . Elmerice ward nicht mit unbescheidenen Fragen belästigt , aber man nöthigte die ganz Erschöpfte , etwas Nahrung zu sich zu nehmen ; und Veronika führte sie dann nach ihrem Zimmer und ruhte nicht eher , bis sie sich entkleidet und in erquickender Ruhe hinter den weißen Vorhängen ihres kleinen Bettes niedergelegt hatte . Veronika nahm an dem offenen Fenster mit ihrem Andachtsbuche Platz , und Elmerice , die durch die Vorhänge die balsamische Frühlingsluft fühlte , wie sie , über die Blumen und Blüten des Gartens ziehend , in diese stille Zelle eindrang , genoß den ganzen Zauber der Ruhe , und lenkte ihre Gedanken nur noch auf das liebliche Gesumme der Bienen und den leise verhallenden Abendgesang der kleinen gefiederten Welt . Bald lag das Erlebte , so fremd der friedlichen Gegenwart , wie ein böser Traum hinter ihr - und als Ave Maria geläutet ward , fand sie sich vollkommen gerüstet , die gute Veronika nach der Kirche zu begleiten . In der erquickenden Abendluft , zwischen den ruhig klaren Gestalten dieser kindlichen Menschen nahm sie später das einfache Abendbrod ein , und theilte ihnen dann den seltsamen Eindruck mit , von dem sie sich belastet fühlte , in ihrer längeren Erfahrung Auskunft suchend für dies räthselhafte Gefühl . Vielleicht erwartete sie , Beide würden ihr Vertrauen mit der Mißbilligung aufnehmen , die alte Leute geneigt sind den ungewöhnlichen Gefühlen der Jugend entgegen zu setzen , und Elmerice , die sich sehnte , von dem Eindrucke , den sie erfahren hatte , erlöst zu werden , hoffte vielleicht auf eine Auskunft in der Erwiederung ihrer ehrwürdigen Wirthe ; aber sie irrte sich . - Schweigend , nur mit einzelnen theilnehmenden Aeußerungen , hörten Veronika und der Vikar bis zu Ende - und dann bemächtigte sich die Erstere ihrer Hand , und ihre Augen standen voll Thränen , indessen der Vikar in seiner natürlichen Weise sie sanft zu trösten suchte . » Ich muß es herzlich beklagen , daß Ihr so bald von dem Schrecken erreicht wurdet « - fuhr er liebreich fort - » den das alte Schloß fast in der ganzen Gegend verbreitet - obwohl ich Euch tadeln muß , so ohne Veranlassung Euch dahin begeben zu haben , weil wohl manches Bedenken dabei sein möchte , da Alles ohne Aufsicht steht und leicht zur Wohnung von Menschen dienen kann , denen der Verruf des Ortes willkommen wäre . Viel Trauriges und wahrhaft Entsetzliches ist in diesen Mauern geschehen , und die Zimmer , denen Ihr am Gitter gegenüber standet , und die Ihr wahrscheinlich , von den Bäumen gedeckt , nicht sehen konntet , sind bezeichnet durch den schrecklichen Tod des letzten Grafen von Crecy , der hier sein Leben verlor , obwohl darüber ein Geheimniß ruhet , das nie ganz aufgedeckt ward , da der Prozeß , nachdem er über das Lebensglück vieler Menschen entschieden , unterdrückt und der verfolgte Thäter den Gerichten entzogen ward . Seitdem der unglückliche Prozeß hier die Richter zur Anschauung des Ortes , wo die That geschah , nothgedrungen zusammen führte , ist das Schloß geflohen worden , als ob Jeder dort sein Leben wage , und wenige Arbeiter sind zu bewegen , die von dem neuen Verwalter nöthig befundenen Ausbesserungen oder Reinigungen vorzunehmen . « » Also wirklich , « rief Elmerice mit unbeschreiblicher Bewegung und todtenbleich - » wirklich , hier starb der letzte Graf von Crecy , und so ging der Todesruf des armer Marquis Spinola in Erfüllung ? « » Ich merke , « lächelte der Greis - » Ihr seid schon gut bekannt mit unsern schlimmen Sagen , und kann nun begreifen , wie Ihr so schnell trachtetet , Euch selbst zu unterrichten - nur erstaune ich , so viel Muth und Furchtlosigkeit in Euch zu entdecken . « » Vielleicht nicht mehr , ehrwürdiger Herr , als ich selbst « - sprach Elmerice mit erröthenden Wangen - » aber ich möchte dies ein Zauberschloß nennen , wenn ich des Eindrucks gedenke , den es auf mich gemacht hat . - Ich fühle das tiefste Grauen davor , zugleich einen Schmerz , eine Wehmuth , wie um einen unglücklichen Menschen ! ich möchte es nie gesehen haben , und werde davon angezogen , wie von magnetischer Gewalt ! « - » O , o , mein armes Kind ! « - rief hier fast erschrocken Veronika - » laßt uns beten ! Eure Seele ist wohl nicht ganz bei Gott ! - verzeiht , « setzte sie zärtlich hinzu , hinter Elmerice tretend und sie mütterlich besorgt anblickend - » wenn so eine irdische Qual uns ganz einnehmen will , dürfen wir immer fürchten , daß wir Gott nicht ernstlich genug suchten , und müssen uns durch treues Gebet und den Beistand betender Freunde bestreben , so harte Versuchung abzuwenden . « » Ach , ja , « rief Elmerice sanft erweicht und drückte Veronika ' s zitternde welke Hand an ihre Lippen - » es ist viel eigner Wille in mir , und eine verlockende Sehnsucht nach dem Glücke dieser Erde ; zu lebhaft fühle ich mich ergriffen von Schmerz und Kümmerniß , um immer recht fromm sein zu können - die rechte Demuth fehlt mir . « » Nun , nun , « - sagte mild und begütigend Veronika - » warum solltet Ihr in so zarter Jungend auch schon dahin gekommen sein ; wonach wir bis in unser höchstes Alter streben , aufrichtige Erkenntniß dessen , was uns gebricht vor Gott , läßt nicht zu , daß wir abwärts wandeln in leidiger Selbstzufriedenheit . « - » Das Maaß , « sagte der Vikar , » ist in allen geistigen Dingen die wahre Demnth ! Weder Ueber- noch Unterschätzung unseres Werthes . Freude haben an dem Fortschreiten des Guten in uns und es erkennen wollen an dem Zusammenhange mit Gott , das arbeitet dem Bösen besser entgegen , als eine Zerknirschung über unsere Fehler , die uns bange und verwirrt macht , und den Frieden der Seele stört , ohne den wir nie gottgefällig sein können . Wahre Demuth , gutes Kind , erträgt eben die Erkenntniß der mangelhaften Natur in sich , ohne in Unruhe und verderbliche Ungeduld zu gerathen - sie glaubt eben auf eine Seligkeit fehlerfreier Existenz gar nicht Anspruch machen zu können , und trägt die kranke Seele und hofft voll Vertrauen auf den Arzt , der sie langsam ausheilen hilft . Unsere Schwachheiten zu vergrößern , daß wir uns davor entsetzen , ist auch eine gefährliche Richtung der Seele , weil sie uns das Gefühl von Unwürdigkeit giebt , was uns von Gott entfernt , indem wir in solcher Stimmung nicht zu ihm aufzusehen wagen , und das ist dann der gewisseste Rückschritt . « » Ach , « rief Elmerice , » welche große Wahrheit geht so gelinde aus Eurem Munde ! O , verschmäht es nicht , mir Eure Weisheit mitzutheilen , da Gott mich zu Euch geführt hat . - Ich will es nicht leugnen , mein Herz schlägt muthlos und bang , und ich bin zweifelhaft , ob mich meine eigenen Fehler quälen oder die Ahnung eines nahen größeren Unglücks . « » Ich sah Euch bald diese Stimmung an , « erwiederte freundlich ernst der Vikar , » und wußte nicht , ob überstandene Leiden oder irgend ein fortnagendes Gefühl Euch diesen Stempel muthloser Traurigkeit aufgedrückt hatten . - Es wirkt wohl , denke ich , Beides in Euch ! « fuhr er fort , da Elmerice ihren Kopf senkte und einzelne Thränen in ihren Schooß fielen , » und aus diesen gesteigerten Empfindungen entsteht eine willige und harte Selbstanklage , wie Ihr sie eben gegen Veronika aussprachet . Nicht Vorwürfe will ich Euch machen , denn meine lange Erfahrung hat mich gelehrt , daß die , welche geistige Hülfe geben sollen , sich sehr bedenken müssen , ein Gemüth zu zerknirschen . Der Tadel , den wir zu dem vorhandenen aufgeregten Zustande hinzufügen , kann das Entgegengesetzte bewirken . Ist das Gemüth sanft und zart , wird es in ihm die Furcht erregen , daß es sich nie wieder mit Gott versöhnen könne - und nicht oft genug kann ich wiederholten , dies für die gefährlichste Furcht zu halten , da sie in Wahrheit gottlos wird . - Ist aber das Gemüth stolz und hart , wird es wieder unsere Pflicht sein , ihm seine Fehler leicht zu machen , das heißt , sie ihm zu erklären , ihr Entstehen betrachtend mit ihm durchgehen , dasselbe nicht mit dem scharfen Worte , wovor die ungewohnte Seele erschrecken würde , auf Gott zu verweisen , aber es zu leiten , daß es ihn selbst endlich entdecke , daß er aus ihm hervorträte , selbst geboren durch den freieren Zustand der Seele . Blinder Eifer verfehlt immer das Ziel - und wehe , wehe , wenn wir erst dem eitlen Verstande gelehrt haben , durch Streit und Widerstreit den schwachen Punkt des kranken Innern zu vertheidigen ! - Lange bleibt ein so durch unsere Schuld gereiztes Wesen wohlgefällig verschanzt hinter diesem dürftigen Bollwerke seiner Eitelkeit und glaubt , der Feind , von dem es sich immer tiefer verwundet fühlt , komme von ganz anderer Seite her . Bitter und krankhaft , kleinlich und schwach hängen sich solche Geister oft an die äußere Gestaltung des Lebens , und sie verlieren zuletzt ganz die Krast der Seele , die nöthig wäre , ihr schwächliches Treiben zu durchschauen und das Unzureichende ihrer Schlüsse zu erkennen . - In dieser Ueberzeugung beruht auch meine Ansicht über die unglückliche Mistreß Gray , die durch ihre ganze Lebensweise so viel Furcht und Schrecken erregt . - Daß sie Herbes erlitten , ohne den Zusammenhang mit Gott finden zu können , da ihre Seele schwach und hochmüthig zugleich war , ist mir , der ich zu lange hier bin , um nicht Manches von ihrem Schicksale zu wissen , sehr klar geworden - daß sie eigentlich böse sei , wie mindestens ihr zuerkannt wird , widerlegt ihr Vertrauen zu Kindern , die Liebe derselben zu ihr , und daß ich die , die sie auswählte und um sich behielt , zu den besten Kindern , Mädchen und Frauen meines Kirchspiels rechnen muß , obwohl es mir schwer werden würde , dies anders zu erklären , als daß sie früher ernst wurden , ihr Nachdenken geschärft und erweckt ward , und sich bei ihnen eine Abneigung gegen alle Rohheiten vorwaltend zeigte . Dir , meine Tochter , rathe ich übrigens , das Schloß zu vermeiden , und hier in unserer stillen Klause - in der Gesellschaft meiner frommen Schwester Veronika Deinen Geist und Dein Herz zu beruhigen . « Voll Dank und Ehrfurcht trennte sich Elmerice von den würdigen Geschwistern , die sie freundlich segnend zur Nachtruhe entließen . Elmerice hielt Wort und bekämpfte ihr unruhiges Treiben , sich der Stille hingebend , die sie aus dieser einfach ruhigen Häuslichkeit anwehte . Geräuschlos und ohne alle anscheinende Betriebsamkeit ging hier Alles einen so wohl überlegten regelmäßigen Gang , daß die Wirthschaft vergessen war durch ihre stille Ordnung , und ein viel höherer Endzweck des Beisammenseins unbefangen von selbst hervortrat . - Der Vikar war viel außer dem Hause beschäftigt , da er thätig und sorgsam , wie ein Vater , für alle seine Anbefohlenen sorgte ; aber man sah ihm an , er kehrte gern dahin zurück , und hatte stets für die fromme Veronika alle Aufmerksamkeit einer auf hohe Achtung begründeten Liebe . Sie sah dagegen zu ihm auf , wie ein Kind zu seinem Vater - ihre Liebe und Verehrung zu ihm war der Inbegriff ihrer ganzen Empfindung , und obwohl sie fest und ruhig ihren Standpunkt übersah , hatte doch ihre ganze Betriebsamkeit ihn , sein Wohl , seine Ansichten , seinen Willen zum Endzweck . - Dieser wohlthuenden Häuslichkeit wußte Elmerice leicht ihre Beschäftigungen anzupassen , die außer ihren Handarbeiten in der Führung eines regelmäßigen Tagebuches für ihre englischen Freunde bestand . Zwar waren diese Blätter an Maria Duncan gerichtet , aber Veranlassung dazu war der alte , sie zärtlich liebende Lord Duncan-Leitmorin , dem sie hatte angeloben müssen , hierin die Wahrheit nieder zu legen , damit er stets zu ihrem Schutz und ihrer Hülfe herbei eilen könnte , im Fall sich dies nöthig zeigen sollte . Von Madame St. Albans bekam sie nur Nachrichten durch Asta oder den alten Arzt , die aber kurz und einsilbig Mistreß Gray als sterbend , Madame St. Albans als kränkelnd darstellten . Elmerice hatte ihre ganze Ueberzeugung nöthig , weder einschreiten zu können , noch zu dürfen , um die Unruhe zu beherrschen , die sie bei dem Gedanken bewegte , die arme kränkelnde Frau ohne Unterstützung als Pflegerin einer Todtkranken zu wissen . Oft machte sie mit Veronika Pläne , wie sie ihr nützlich werden könnte , ohne die wunderliche Alte zu beunruhigen ; aber trugen sie solch ' einen Plan dem alten Arzte vor , wies er jeden ohne Weiteres zurück , immer mit denselben Worten ! » Das geht nicht ! « Nach acht Tagen liefen Briefe von Herrn St. Albans ein , und Elmerice empfing eine Einlage von der Gräfin d ' Aubaine . Mit mütterlicher Liebe bedauerte sie die lange Trennung und deren Veranlassung , und fügte dann hinzu : » Der Aufenthalt meiner lieben Gäste wird indessen durch ein unerwartetes Ereigniß verlängert . Meine liebe Lücile ging mit ihrem Gemahl erst nach einem andern Theile der neuen Besitzungen , und der junge Graf Leonce , der sie zu mir begleiten wollte , schlug es aus , ihnen dorthin zu folgen , Ardoise und die Nähe einer Garnison in Rocheville , wobei er Freunde zählt , vorziehend . - Als meine Nichte hier ankömmt , hört sie voll Erstaunen , daß ich Leonce noch nicht gesehen habe . Wir schicken nach Rocheville , und dort weiß ebenfalls Niemand etwas von ihm . - Höchst besorgt erwarten wir d ' Anville , welcher Lücile vorangeschickt hatte . Dieser ist sogleich entschlossen , Nachforschungen in weiterer Ausdehnung anzustellen , als ihn am Abend desselben Tages noch der Diener des Grafen Leonce zu sprechen verlangt . Gleich darauf bittet mich d ' Anville um meinen bequemsten Wagen und entdeckt mir , daß Leonce schon seit einigen Wochen an einem höchst gefährlichen Armbruche in dem Waldhause von Ardoise darnieder liege . « Veronika hörte in dem Zimmer ihrer jungen Freundin einen lauten Schrei - so schnell sie vermochte , eilte sie es zu erreichen , und sah hier zu ihrer schmerzlichen Ueberraschung Elmerice , von ihrem Fenstersitze herabgesunken , ohnmächtig am Boden liegen . Der offene Brief in ihrer Hand ließ auf eine empfangene Gemüthsbewegung schließen , und die ehrwürdige Veronika bemühte sich daher , ihren jungen Gast zu beleben , ohne ihren Zustand der weiteren Aufmerksamkeit preis zu geben . Auch bestätigte das erste Bewußtsein , was bei der Erschütterten eintrat , diese Voraussetzung , denn unter bangem Ringen der Hände brach sie in einen endlosen Thränenstrom aus . - » Fasse Dich , mein armes Kind ! « sprach Veronika sanft , als sie dem trostlosen Blicke der Leidenden begegnete - » ich brauche Deinen Kummer nicht zu kennen ; für allen , der vorhanden , paßt das Eine : daß wir Gott vertrauen müssen und unsere Seele still erhalten sollen vor allem zu heftigen Antheil an irdischer Noth . « » Ich will mich fassen , « sagte Elmerice , » ich fühle , was Ihr sagen wollt . - Ach , theure , ehrwürdige Frau , wie wenig war ich auf so tiefes Weh vorbereitet , als mir jetzt geworden ist ! o , vergebt dem schwachen Mädchen ! « » Mein süßes Kind ! « rief Veronika zärtlich - » wie kannst Du mich so beschämen , was hätte ich Dir zu vergeben - Du Arme ! die Du so schwere Leiden dulden mußt , wie ich vielleicht sie niemals kannte - und bist doch sanft und nachgiebig gegen meinen unvollkommenen Zuspruch ! - Jetzt gehe ich aber lieber : Dir ist wohl besser mit Dir allein ; nur falle mir nicht wieder - sondern ruhe Dich lieber auf Deinem Lager aus . « Wie oftmals noch die Augen getrocknet wurden , ehe Elmerice die Schriftzüge ihrer ehrwürdigen Freundin wieder zu erkennen vermochte , wollen wir nicht belauschen - endlich las sie weiter : » Noch an demselben Abend brachte d ' Anville den theuren Kranken hieher , und er giebt uns bei der sorgfältigsten Pflege jetzt die Hoffnung der Genesung . Du würdest diesem ausgezeichneten jungen Manne Dein Interesse nicht versagen , « fuhr der Brief fort - » und obwohl ich mit Bedauern sehe , wie seine sonst glänzende Heiterkeit ganz von ihm gewichen ist , bleibt ihm doch eine Tiefe des Geistes und eine Fülle des Gemüths , wie ich sie selten vereinigt sah . Seinen Unfall kleidet er stets scherzhaft ein - er behauptet , er habe mich , wie ein irrender Ritter , mit der Flinte im Arm überfallen wollen , sei in die Felsen des Ardoiser Waldes gerathen , und von den Geistern gelockt , sei er in einen Abgrund gestürzt , wobei er sich den Arm gebrochen habe . D ' Anville schüttelt jedes Mal den Kopf bei dieser Erzählung und wir Frauen haben daher aufgegeben , den Scherz zu verfolgen , den anfänglich Lücile mit ihrer unerschöpflichen guten Laune in allen Nüancen ausspann . Vielleicht erleben wir einen günstigen Einfluß durch ein schönes , junges Mädchen , meine Nichte , die Tochter meines Bruders , welche Lücile bei ihrem Besuche den Aeltern abgeschwätzt hat , um mir eine Freude zu machen und auf ihrer weiteren Reise sie mit sich zu führen , vielleicht Leonce eine Aussicht des Lebens zu eröffnen , die allerdings wohl die mildeste Kurart für ihn werden möchte . « Da versiegten die Thränen , welche Elmerice so zahllos vergossen ; sie war plötzlich still - sie dachte - ruhig . Sehr überrascht waren die Bewohner des Pfarrhauses zu Ste . Roche , als der alte Arzt am Abend noch ein Mal an der Thüre still hielt und Asta zeigte , die weinend hinter ihm auf dem alten Maulthiere saß . - » Es steht nicht gut , « sagte er trübe , ohne abzusteigen - » Asta hat mich gerufen - Beide sollen sich verschlimmert haben . « - » Mein Gott ! « rief Elmerice erschrocken , » und ohne Pflege ! Ich bitte Euch , « fuhr sie fort , sich dringend gegen den Arzt wendend , » nehmt mich mit , laßt mich zu der armen Madame St. Albans - sie kann nicht ohne Unterstützung bleiben ! « Der alte Mann lehnte dies Mal nicht so entschieden , wie früher , diese Bitten ab - er heftete nachdenkend seine Augen auf Elmerice und schien besorgt alle Umstände zu prüfen . » Es ist ein böses Ding damit , « hob er dann an - » ich sehe wohl ein , daß Ihr Recht habt , daß Hülfe nöthig ist , aber wie Ihr es anstellen wollt , sie zu leisten , das sehe ich nicht ein - doch ich will hin « - unterbrach er sich - » und ist die Noth groß , so komme ich und hole Euch ! « Damit trabte er sogleich auf seinem ruhigen Paßgänger den Baumgang entlang . Veronika schmiegte sich mit dem wehmüthigsten Gesichte an ihren jungen Gast , und theilte ihr zögernd und fast beschämt ihre Furcht mit für das , was ihr vielleicht bevorstehe : » Gott wird Dir zwar gewiß die Kraft geben , die Du nöthig hast ; aber , mein Kind , es sind viele Geheimnisse in der Natur - Gott muß Deinen Geist vor Schrecken bewahren , und Dein frommes Gebet Dir beistehen - dazu gebe er Dir seinen Segen ! « fuhr sie fort , die Hände andächtig faltend und in frommer Andacht verstummend . Ein Gewitter zog herauf . Schwer und mit der schwülen Stille , die sich in die Pulse der Menschen einschleicht , schien die ganze Natur unter dem gewaltigen Drucke der Atmosphäre zu seufzen . Angstvoll die Luft durchschneidend , suchten nur noch einzelne Vögel in der niedrigsten Luftschicht bei den Ahnungen einer nahenden Gefahr in irgend einer Baumhöhlung oder in den Spalten eines Mauerwerks sich zu bergen . Das frische Grün des Laubes , der mannigfache Farbenglanz der ganzen Vegetation , die Gesichter der Menschen selbst , erbleichten in dem fahlen Lichte des schwefelfarbig bedeckten Himmels . Man hoffte auf den Augenblick , der in seiner heftigen Entwickelung einen leichteren Stand der Dinge herstellen sollte , und zitterte doch für eine nie verbürgte gewaltige Naturerscheinung . Beide Frauen fühlten doppelt das Drückende dieses Zustandes , da in ihrem Innern sich eine Erwartung von Dingen hinzugesellte , deren Ausgang bei ihren düsteren Anzeichen nicht minder unverbürgt war . » Wäre nur der Vikar zurück , « sagte leise Veronika , » er würde uns sicher das Rechte rathen , und sein Zuspruch würde Euch stärken und aufrichten ! « » Fürchtet nicht für mich , « erwiederte Elmerice - » bekomme ich die Aufforderung dahin , so gehe ich getrost - so schwach Ihr mich gesehen - es kömmt mir der Muth , wo es gilt - ich erprobte es schon einige Mal . « » Ach ! « rief Veronika zusammenschreckend , denn eben erhob sich in einzelnen Stößen der Sturm , und wehte zugleich die feuerfarbenen Bänder von dem schwarzen Mützchen , das Asta zu tragen pflegte , in die noch geöffnete Hausthür . Sogleich stand Elmerice auf - das Kind flog ihr mit einem neuen Sturmstoß in die Arme . » Soll ich kommen ? « rief Elmerice und bezwang das leise Beben , das sie mit dem Gefühle einer großen wichtigen Begebenheit erfaßte , welche ihr nahe trat . » Ja , Madame , « stammelte Asta - » Ihr sollt ! Aber wie werdet Ihr durch das Unwetter kommen ? Ach , es ist fürchterlich da draußen ! « » Gott wird es uns zeigen , Asta , « sagte Elmerice ruhig ; » ich hole meinen Mantel und auch für Dich ein Regentuch - dann laß uns ungesäumt gehen . « - Sie kam gerüstet zurück , und sah jetzt mit Rührung und Dank die tiefe Bewegung , worin Veronika durch den Gedanken versetzt war , ihren jungen Gast zu entlassen . Elmerice kniete zärtlich vor der ehrwürdigen blassen Gestalt nieder , die sich nicht zu erheben vermocht hatte , und bat sie um ihren Segen . » Ja , « rief Veronika , » den Segen des Himmels will ich auf Dich herab flehen , und mein Gebet soll Stunde für Stunde Dich begleiten . Dich weiter zu schützen , Dir zu helfen , vermag ich nicht , aber Gott wird Dich nicht verlassen ! « » So wird es sein ! « sprach Elmerice - » und in diesem Glauben gehe ich getrost von hier . « Ein frommer Muth gehörte dazu , um dem bangen Berufe unter diesen Umständen entgegen zu gehen . Der Sturm hatte sich mit Alles überwältigender Heftigkeit entwickelt , sein wildes Geheul durchschnitt die hohen Baumgänge und beugte die Gipfel der uralten Bäume , und schleuderte von ihnen nieder , was nicht mehr in voller Kraft Widerstand zu leisten vermochte . Die schweren schwarzen Wolken senkten sich , frühe Nacht verbreitend , und nur der fahle Glanz der unablässig zuckenden Blitze erhellte den Weg , auf dem ein schwaches Kind und die zarte Jungfrau muthig fortschritten . Zuweilen blieben sie an einander geschmiegt stehen , und kämpften so einen Augenblick mit besserem Glücke gegen das Ungestüm des Wetters , dann strebten sie wieder vorwärts , wenn auch in jedem Nerv erschüttert von den Donnerschlägen , die den Boden unter ihren Füßen beben ließen und in dem schreienden Tumulte der ganzen Natur sich die Obergewalt anmaßten . Durch kein Wort , keinen Seufzer konnten sie sich einander mittheilen , und doch fühlten Beide den Trost eines verwandten Lebens , in diesem nur wild für sich streitenden Naturaufruhre . Elmerice hatte Asta mit in ihren Mantel gezogen und trug das weinende Kind fast in ihren Armen ; nur als sie sich dem abwärts führenden Wege nahten , ließ sie sie aus ihrem Verstecke hervor , und hier , in dem schmalen Wege zwischen dem hohen dichten Gebüsche , wo der Sturm nicht so einzudringen vermochte , sammelten Beide wieder etwas Kraft . Jetzt standen sie vor der kleinen , halb verfallenen Treppe , die von außen gegen einen runden Thurm anlief , der diesen Flügel zu schließen schien . Das Gesträuch hatte sie fast unzugänglich gemacht , und mit der größten Ueppigkeit wölbten sich Zweige und Ranken um das breite Vordach , und zeigten nur wenig von der schwerfälligen Stuckatur , womit es verziert war . Wenig zu Beobachtungen geneigt , folgte Miß Eton ihrer voranfliegenden Führerin in den kleinen Raum , in den der Untertheil des Thurmes eingetheilt war , und der nur wenige Stufen zeigte , die gegen eine große , breite eichene Thür anliefen . Asta blieb hier horchend stehen , und als sich kein menschlicher Laut vernehmen ließ , wagte sie leise zu klopfen . Es blieb lange unbemerkt , und erst nach dem erneuerten Klopfen der furchtsamen Asta that sich auf einen Moment die Thür auf . - Es war der alte Arzt , aber nachdem er sich von ihrer Gegenwart überzeugt hatte , machte er blos ein Zeichen , daß sie warten müßten , und schloß dann eilig wieder die Thür . An dem Abend desselben Tages wurde der Theil des Schlosses Ste . Roche , der seit längerer Zeit durch die Sorgfalt des Verwalters allmählig wieder hergestellt worden war , durch mehrere sich darin versammelnde Herren und Damen belebt , die , ihre schwerfälligen Reisewagen verlassend , nun in der muntersten Laune und unter den anmuthigsten Neckereien die so lang verlassenen Räume durchzogen , und von einem Trosse geschäftiger Diener und Dienerinnen gefolgt , eine Eintheilung der Zimmer versuchten , stets gehindert durch absichtliche oder zufällige Mißverständnisse , welche nur die gute Laune der Betheiligten zu vermehren schien . Am meisten zeichnete sich eine schöne junge Frau durch ihre erfinderische Laune , Alles durch einander zu wirren , und durch vorgegebene Schrecknisse und Andeutungen von Gespensterfurcht Alles in Bewegung zu erhalten , vor den Uebrigen aus . Wir finden in ihr die junge Marquise d ' Anville , welche , gar anmuthig in seidene Reisekaputzen gehüllt , die Aufmerksamkeit ihres jungen Gemahls zu fesseln weiß , der sie bald aus einem Winkelchen , wohin sie sich aus Furcht vorgiebt , verborgen zu haben , hervorholen , bald ihr im Fluge nacheilen muß , weil sie sich verfolgt hält von den Gobelingestalten der Wände , oder den geharnischten Thürstehern , welche , in Nischen gestellt , mit Lanze oder Schwerdt die Eingänge zu bewachen scheinen , und , eine große Zierde früherer Zeit , eben so an ihrem Platze blieben , wie die übrigen Möbel des vergangenen Jahrhunderts . » O , Margot , « ruft sie ihrer jungen Cousine , der Gräfin d ' Aubaine , zu - » glaubst Du , daß Tante Franciska Dir Erlaubniß gegeben hätte , uns hieher zu begleiten , wenn sie einen Blick in diesen feierlichen Paradesarg gethan hätte ? « » Ja , « rief die sechzehnjährige Margot , » bereite Dich vor , Lücile , hier alle gewohnten Sitten und Gebräuche hinter Dir zu lassen ; denn sieh Dich um , auf welche Weise für unsere Geselligkeit gesorgt ist - an den Wänden herum laufen schwerfällige Bänke , oder eigentlich polirte Holzkisten - o Gott , sei mir gnädig ! die Sitze sind Deckel , die sich emporheben lassen . « » Weiß Gott , « rief die Marquise , » unsere Vorfahren waren bequeme Leute , sie saßen auf ihren Wäsch-und Kleiderkoffern , und hatten so Geld und Kleinodien , Silber- und Tafelgeräth im sichersten Verwahrsam . « » Und diese Lehnen ! « - lachte Margot - » wer gewagt hätte , sich an diesen geschnittenen Ungeheuern zu stützen , hätte sogleich mit blauen Flecken büssen müssen . « » Hier , Leonce , « rief die junge Marquise , » soll Ihr Gesellschaftszimmer sein ; dies ist für Ihre angenehme Laune wie geschaffen . - Jeder von uns nimmt natürlich dem Andern gegenüber , wie Sie es lieben , fein und sittlich Platz , Sie auf jener Wand , ich hier , Margot links , Armand rechts - da liegen zwischen Jedem einige vierzig Fuß , und wir werden uns , ohne Nachtheil für