mir aber gab es genug über den Wahnwitz schwärmerischer Gemüther zu denken . Von ganz entgegengesetzter Denkart und fast roh in Allem , was er that , war ein Anderer meiner Freunde , Casimir . Selten ist mir ein Mensch von so urkräftiger Natur wieder begegnet . Ihm galt nichts Fremdes , nichts Erworbenes , nur das Eigenthümliche hatte Werth für ihn und war sein Gott . Ohne viel zu sprechen , gab er doch durch das Wenige , was er in geselligen Zirkeln etwa äußerte , dem Gespräch damals noch eine glänzende Färbung ; späterhin , wo sein Denken sich wüster gestaltete , verlor sich dies . Jedes seiner Worte war ein geborner Gedankenriese , oft wunderlich verwachsen , die ungeheuern Glieder noch wild durch einander geschlungen . Casimir war Dichter und einer von denen , die schon damals einen Ekel an dem Bestehenden offen aussprachen und ohne Anhänger demokratischer Regierungsmaximen zu sein , Rettung europäischer Zustände nur in völligem Umsturz des Alten für möglich hielten . Seine riesenkräftige Natur verlangte nach raffinirten Genüssen , und konnte eine Scheidung des Menschen in Geist und Materie durchaus nicht vertragen . Es grenzte an das Colossal-Burleske , wenn er von dem Genießen des Lebens sprach , was immer in den abenteuerlich genialsten Bildern und Gleichnissen geschah . Jedem Anderen würde ein ähnliches Gebahren als Münchhauserei vorgehalten worden sein , bei Casimir aber verknüpfte sich der Gedanke immer mit der That . Er lebte genau , wie er sprach . Sein Leben war so colossal , wie sein Wort . Dieser grauenhaft-erhabene Mensch fesselte mich wie ein Dämon in den Ring seines Zaubers . Jeder , auch nur mäßigen Enthaltsamkeit Feind , verfluchte er die Ascese in nicht zu wiederholenden Ausdrücken , und entwarf ein Bild von den Folgen derselben , das geeignet gewesen wäre , einem nervenschwachen Menschen Convulsionen zuzuziehen . Auch lebte er selbst in der That nichts weniger als ascetisch und verlockte durch seine Ausschweifungen viele Schwache zu großen Extravaganzen . Machte man ihm darüber Vorwürfe , so erwiederte er ganz gleichgiltig : » Laßt die Ratten umkommen , so zernagen sie nicht den großen Herzbeutel der Welt , die Erde . « - Einige Jahre währte unser Umgang , Casimir machte sich bekannt durch originelle Dichtungen , verlor sich aber in späterer Zeit ganz aus dem Gesichtskreise und ist gegenwärtig für mich so gut als gänzlich verschwunden . Starb er , so ist sein Tod gewiß eben so originell gewesen , als sein ganzes übriges Leben , und sollte er noch leben , so fürchte ich , hat die zu große Originalität seiner Natur das Nivellement der neuesten Zeit kaum ertragen können . Casimir war prädisponirt zu jener Göttlichkeit des Wahnsinnes , die bei ausgezeichneten Geistern immer durch die Monstrosität der Erscheinung selbst wie ein vulkanischer Gluthstrom hindurchleuchtet . Durch Eduard lernte ich noch einen Dritten kennen , dessen hohe Eigenthümlichkeit in der Consequenz lag , womit er das an sich Unmoralische zur Doctrin und damit selbst zu einer Art Moral erhob . Dieser Mann , ebenfalls Mediciner , war ein Jude und hieß Mardochai . Später fanden wir uns wieder , er mich als protestantischen Geistlichen , ich ihn als Handelsmann . Unsere Freundschaft besteht jetzt , wie damals , in bloßem Beharren auf den Principien unserer gegenseitigen Systeme . Diese durchaus morgenländische Erscheinung verschmolz das Charakteristische ihrer Nation mit der verderbten Schlauheit , wozu tausendjährige Verfolgungen sie gezwungen , zu einem höchst pikanten Allerlei , an dessen Duft man sich berauschen konnte . Mardochai stellte der Hauptlehre des Christentums , der Liebe , die Süßigkeit des Hasses entgegen , und verstand die Heiligkeit seiner individuellen Doctrin , an deren Verallgemeinerung ich freilich nicht ganz zweifeln will , mit so diabolischer Dialektik durchzuführen , daß Mancher verstummte und der Jude als Sieger das Feld behauptete . Mit mir hatte dieser Todfeind alles christlichen Lebens und Denkens manchen harten Straus zu bestehen . Mardochai versäumte nie , das Christenthum die Religion des Blödsinns , der Schwindsucht , der Schwäche , des geistigen Miswachses zu nennen , und beantwortete unsere heftigen Einwürfe nur mit einem zuckenden , halb mitleidigen Lächeln . Ihm zur Seite in sehr innigem Verhältnisse stand ein Musiker , Friedrich Saindorf . Dieser Mensch , der mit schwärmerischer Liebe an Beethoven hing , hatte sich so ganz in Mardochai ' s Wesen hineingelebt , daß er mir oft wie eine Schmarotzerpflanze erschien , die ohne den Stamm , um den sie sich rankt , kein selbständiges Leben zu führen vermag . Wenig thätig bei unseren häufigen Disputationen , war er nur unablässig geneigt , auf seiner Violine Töne hervorzuzaubern , die mir oft wie ein Tanz nackter Mädchengestalten alle Sinne betäubten und mich in eine Gedankenwollust hinrissen , die mir wahrhaft gräßlich erschien . Bemerkte nun Mardochai die Wirkung dieses Spiels , so rieb er sich lachend die Hände und überließ mich dem Stachel der aufgeregten Sinne , indem er sagte : » Nun bleiben Sie doch einmal ein moralischer Rigorist ! Nehmen Sie Ihre christliche Liebe zur Stütze und bändigen Sie die Rache der Natur , die wüthend all ' Ihre Nerven zerreißt . « Beide Männer verloren sich erst später aus meinem Gesichtskreise , und als ich ihnen wieder begegnete , war , wie bemerkt , der Eine ein jüdischer Handelsmann , der Andere ein blödsinniger Schifferknecht geworden . Das Warum ? habe ich nie erfahren können , wenigstens nicht die Veranlassung zur Verstandesabwesenheit des Letzteren . - Hier breche ich einstweilen ab und verschiebe die Mittheilung des Ferneren auf ein andermal . Ist es aber nicht seltsam , daß ich hier mit Männern bekannt werden muß , die außergewöhnlich in ihrem innern und äußern Leben mich unwillkürlich zum Mitwisser schmerzlicher Geheimnisse machen . Mardochai und Friedrich , diese beiden Gestalten , sind bereits in den Kreis meines Lebens getreten , nicht um ihn zu erhellen , sondern nur dunkle Schlagschatten über die wenigen Lichter zu decken , die etwa noch darin aufflackern . Wer mag enträthseln , ob nicht auch noch die übrigen Figuren , die Gleichmuth mit leichten Pinselstrichen entwirft , mir begegnen in diesem verwirrten Aufenthalt ? Eine drückende Ahnung beschleicht und hindert mich , weiter zu lesen in dem verhängnißvollen Manuscript . Die ganze Gesellschaft haucht mich an , wie die Atmosphäre um ein Pesthaus Es ' ist nichts Gesundes in ihr , es ist der Schmerz und Gram einer müden , dem Leben schon halb abgestorbenen Societät . Daß ich Aehnliches fühle , kann mich nicht veranlassen , in engere Bekanntschaft mit ihr zu treten , nur die Theilnahme an Gleichmuth ' s Schicksal , das tragisch ist in seiner stillen Größe , und eine Art Neugier , von der sich Keiner ganz freizusprechen vermag , zwingen mich , fortzufahren in der begonnenen Lectüre . Das sind nun die Glanzseiten unseres gesitteten Lebens ! Müssen wir uns nicht schämen gegenüber der gesunden Kraft , die in Afrika ' s Wüste sich entwickelt zur plastischen Schönheit ? Oder in Arabiens Felsenklüften sich die Unabhängigkeit des Geistes mit der körperlichen Kraft und Gewandheit bewahrt ? Würde nicht der dunkle Sohn in Amerika ' s Urwäldern den Giftschaum seiner Rede aussprudeln über die Entartung unserer Sinnesweise , sähe er die Natur in ihrer heiligen Schöne zusammenbrechen unter der zierlichen Last der Convenienz , der Bildung , der unächten Civilisation ? Warum opfern wir der Einbildung so viel auf von unserer Göttlichkeit ? Sind wir denn wirklich so ertrunken in dem Parfüm der Cultur , daß wir keinen Sinn mehr haben für das ewig Schöne , Große und Herrliche ? Erst der Vergleich unseres armen Glanzes mit dem Reichthum jener natürlich großen Einfachheit läßt uns die Versunkenheit erkennen , in die uns die Verweichlichung hinabgestürzt hat . Es ist kein Wohlsein , kein wahres Behagen , in dem wir uns bewegen . Künstlich nur erhebt sich der gefallene Geist auf dem Aroma der Verfeinerung , weil seinen überreizten Nerven die Gesundheit nicht mehr genügt . Politik , Religion , sociales Leben , diese große Dreieinigkeit , aus der alles Volksglück erwächst , ist in Europa zum Raffinement geworden , und wer dies erkannt hat , ist müde dieser unnatürlichen Zustände . Die Zahl der Europamüden wird sich vermehren von Monat zu Monat , und wohl denen , die alsdann in der Tiefe ihres Geistes ein Mittel entdecken , daß sie diesem Müdesein an dem Welttheile entreißt , bevor es ausartet in eine Weltmüdigkeit ! Da singt der verrückte Mönch wieder sein tolles Lied in die stille Nacht hinein , diese bleiche Sphinx , deren beredte Zunge vielleicht das Dunkel erhellen könnte , das über meiner eigenen Zukunft liegt . - Bardeloh hat seit zwei Tagen sein Arbeitszimmer nicht mehr verlassen , Rosalie , eines jener schweigsamen Gemüther , die Alles über sich ergehen lassen , ohne zu murren und den Schmerz nur einsenken in ihr großes Herz , bewacht in lautloser Stille den Lebensgang ihres Gatten . Soll ich auch schweigen , verkümmern , hinsiechen in unbekannter Stille ? - Vielleicht ! Doch jetzt lockt mich die Verheißung der Liebe zur Stärkung meiner Kräfte . - Auch ich , Raimund , bin matt und müde dieser europäischen Versumpfung , aber ich habe einen Rettungsstern am Himmel der ewigen Gerechtigkeit erkannt - und gewiß , er wird mich nicht täuschen ! - O , könnte ich es hineinrufen in die Herzen aller Zerrissenen , vom Weh der Gegenwart Verstörten und Niedergedrückten , daß es für jeden größern Erdenschmerz nur eine lindernde Arzenei gibt , bereitet von der Welt - die versöhnende Liebe ! Die heilige , keusche , kindlichreine Unschuld des Weibes ! Nur die Liebe kann uns herausheben aus dem Strudel moderner Lebensverschlammung . Drückt ein liebendes Weib an Euer Herz , ihr europamüden Märtyrer , und die Dornenkrone wird Rosen treiben , deren süßer Liebesathem sich befruchtend um die arme Erde legen und sie einhüllen wird von neuem in das junge Morgenroth Eurer Kraft ! Mag von Auguste ' s Munde die gleiche Kunde sich in meine Seele einschmeicheln ! Ihr Kuß soll mir die Gewißheit stammeln von der nahen Welterlösung ; an ihrem Busen will ich mich zum Leben wieder hinanfühlen , das mir entflohen ist unter der Angst verborgener Stürme . Heiligt die Weltheiligkeit mit dem Kusse der Liebe , so wird sich die alte Europa wieder erheben in jungfräulicher Schönheit , und als ewige Jungfrau den blühenden Kranz der Unvergänglichkeit unverwelkt auch hinübertragen in die dereinstige Geschichte der Zukunft ! - Der Mond weht seine kühlen Strahlen herein in mein Gemach , ein hoher Friede stickt am Königsmantel der Nacht seine flammenden Gebilde . - Ob nicht noch schönere Sternbilder am dunklen Himmelsbogen in Auguste ' s Auge für mich aufsteigen sollten ? - - Ich will heut keine Blumenstöcke zerbrechen , mein Mund nur soll , ein sanft schmeichelnder Meißel des Phidias , um den Marmorglanz ihres Nackens gleiten und eine Kette brennender Rosen darein graben . Sie bat mich letzthin um einen Rosenkranz - o , wie will ich lauschen , wenn sie an meinem Geschenk den süßen Fehl eines weltheiligen Lebens abbüßt ! » Ave Maria ! Heilige Mutter der Liebe , bitte für uns ! « - 5. An Ferdinand . Köln , den 19. August . Heut ist der Geburtstag des muntern Felix und ein origineller Genuß wartet mein . Ich schreibe diese Zeilen aus der psychologischen Warte Bardeloh ' s , die ich mir zum Aufenthaltsort von ihm erbeten habe für die Dauer des heutigen Abends . Es ist große Gesellschaft geladen , und eingeweiht , wenigstens zum Theil in die Geheimnisse des hiesigen Lebens , will ich Beobachtungen anstellen , deren Erfolge für mich eben so belehrend als genußreich sein werden . Du kannst auf ein lebensvolles Bild mit Sicherheit rechnen , denn ich werde mit Gewissenhaftigkeit aufschreiben , was mich der Fernblick durch diese Spiegelfenster erkennen läßt . Schon ist es Abend , die gallonirten Diener Bardeloh ' s gleiten , wie gewichste Gespenster , in den Sälen auf und nieder , fegen und putzen , zünden die Kronleuchter an , und ordnen Stühle und Ottomanen . Bardeloh und Rosalie sind bemüht , zum Rechten zu sehen , Ersterer mit der Miene einer weltverachtenden Ironie , Letztere nur den Dank erfüllter Mutterwünsche auf den Zügen der Entsagung . Es bettet sich auf dieser sanften Stirn die Anmuth des Weibes mit allen verwandten Tugenden in die Kissen der Versöhnung . - In den letzten Tagen war Bardeloh ausschließlich mit Durchsicht der Papiere beschäftigt , die sich in dem Klosterarchive fanden und etwa Aufschluß über das Schicksal seines Bruders geben können . Der unglückliche Mönch lebt still hier im Hause . Noch hat er kaum ein Wort gesprochen , nur zu Felix scheint er ein unbegrenztes Vertrauen zu haben . Dieser bringt oft stundenlang bei ihm zu und erzählt , was ihm eben in den Sinn kommt . Dann lacht der Unglückliche vergnügt , summt die Melodie seines unseligen Liedes und zählt die wenigen Haare , die ihm , wie Dornenbüschel , über die Stirne herabhängen . Die Dienerschaft ist verschüchtert durch diesen neuen Hausgenossen und hält sich möglichst fern von dem Zimmer , das er bewohnt . Mich selbst , ich läugn ' es nicht , überläuft zuweilen ein Frostschauer , wenn ich alle die Möglichkeiten durchdenke , die ein etwaiger Ausbruch wilder Raserei bei dem Mönche zur Folge haben könnte . Bardeloh wird ohnehin noch manchen Angriff abwehren müssen , den offen und versteckt die erbitterte Geistlichkeit gegen ihn leiten dürfte . Zwar fürchtet man die Verbindungen des geheimnißvollen , reichen Mannes nicht minder , als seine geistige Ueberlegenheit ; dennoch aber kann es den jesuitischen Ränken und Kniffen gelingen , ihn zur Verantwortung zu ziehen . Der Pförtner des Klosters scheint Zeuge gewesen zu sein von dem unseligen Auftritte , und die beleidigte Kirchenautorität wird gewiß nicht säumen , Rache dafür zu nehmen . Man sagt , das außerordentliche Ereigniß werde genau untersucht werden und dann könnten sich große Schwierigkeiten für Bardeloh ergeben , wenn nicht etwa Furcht vor Entdeckung mancher Geheimnisse Kirche und Geistlichkeit zu großer Vorsicht nöthigt . - Es gibt kein größeres Unglück , Ferdinand , als das Vermögen zu tief in die Welt und ihre Geschicke blicken zu können ! Das ist der wahre Gram des Lebens , der Alles , auch das Schönste gänzlich vernichtet . In dem süßen Namen Vater schließt sich gemeiniglich die irdische Seligkeit ein . Der Geburtstag eines Kindes ist der Sonnenblick im Leben . Er glättet die sorgenvolle Stirn des Vaters und um die schmerzentstellte Lippe legt sich sanft lächelnd der Rosenkranz junger Hoffnungen . - Aber glaubst Du , daß Bardeloh Aehnliches empfinde ? Gott im Himmel , diesem Manne des Geschickes ist der heutige Tag blos ein neuer , gewaltiger Schlag auf sein blutendes Herz ! Unter seiner Last schleicht er geistig gekrümmt einher , wie die verkörperte Buße der Welt . Seine ganze Erscheinung ist ein einziger , entsetzlicher Seufzer ! Hättest Du das Auge gesehen , als ihn heut Morgen beim Frühstück das glückliche Kind begrüßte . Die schuldlose , strahlende Hoffnung beugte sich vor dem Modergeruch des Grabes . Rosalie küßte den Knaben mit der Innigkeit mütterlicher Liebe und schenkte ihm Blumen und andere Kleinigkeiten , Bardeloh aber faßte die Hand seines Sohnes und fragte ihn , ob er sich freue . Auf das Bejahen dieser wunderlichen Frage versetzte der Vater : » Nun , so wisse , daß ich mich nicht freue ! Zwar ist mir es lieb , daß Du mein Sohn bist , besser aber war ' es , Du hättest das Licht der Welt nicht erblickt ! Denn so lange die Zeit Zeit bleibt , ist Fluch und nur Fluch der Segen für ein europäisches Menschenleben ! Dies bedenke , Felix , und nimm die Zeit wahr . Damit Du es kannst , empfange diese Uhr . Je kürzere Zeit Du davon Gebrauch machen darfst , desto besser wird es sein für Dein eignes Heil . « - Mit diesen Worten überreichte ihm Bardeloh eine werthvolle , goldene Uhr . Felix nahm sie , zitternd vor Angst , hin und küßte die Hand des Vaters . Große Thränen hingen an seinen kastanienbraunen Wimpern , er eilte fort und erst Mittags sahen wir ihn wieder . Nach diesem unerhörten Auftritte hatte ich eine Unterredung mit Bardeloh . » Warum können Sie sich noch wundern über meine Aeußerungen , « sagte er , » da Sie doch von meiner Weltansicht einen hinlänglichen Theil kennen ? « » Nicht die Aeußerung , nur die Grausamkeit derselben dem Kinde gegenüber entsetzt mich . « » Schwachheit ! Der Junge muß bei Zeiten erkennen lernen , daß Leben nichts ist , als eine Uebung in allen Arten von Qualen . « » Felix ist noch zu sehr Kind , um dies zu begreifen . « » Es gibt kein Kind in Europa ! « » Ein starkes Paradoxon , dessen Beweis Ihnen schwer fallen würde . « » Mir ? Lieber Sigismund , mir fällt nichts schwer , was sich mit einem bloßen Beweise abthun laßt . Ich will Ihnen so strict und firm beweisen , Sie seien ein Grashüpfer , daß Sie sich nur darüber wundern sollen , wie Sie schon nicht längst selbst zu dieser Einsicht gekommen sind . « » Sie lächeln , « fuhr er nach kurzem Schweigen fort , » und doch ist noch nichts Wahreres als jener Ausspruch behauptet worden . Europa kennt weder Kinder noch Menschen , es trägt nur noch Caricaturen . Wie also wollen Sie von Unschuld reden und mir Vorwürfe über meine Grausamkeit machen ? Nichtgeborensein ist jetzt das einzige Glück , was sich ereignen kann in Europa . « » Daran sterben wir ja eben , « fiel ich ein . » Es wird keine That mehr geboren . « » Freilich , « versetzte Bardeloh , » ich sprach aber von Menschen . Ein nichtgeborner Mensch ist Alles , ist glücklich , weil er nichts ist . Für die That wird gesorgt werden . « » Haben Sie Hoffnung auf Erfolg ? « » Genug . « - Der Mönch ließ seinen Gesang in diesem Augenblicke erschallen , Bardeloh erhob die Hand . » Hören Sie ' s ? Dort lallt die Hoffnung . Macht aus dem alten Welttheil ein solch fideles Ungethüm und Ihr habt Alles errungen . In geistigem Todtschlage liegt die neue Zeugung . « Damit verließ er mich und verschloß sich wieder in seinem Zimmer . Es nimmt Alles mehr und mehr die Form der Zerrissenheit in ihm an . Selten gibt er einen ganzen , ausgeborenen Gedanken , es sind bloße Gedanken-Embryone . Diese Verwüstung seines tiefsten Lebens muß zu irgend einer gewaltigen Eruption führen . Es keucht und tobt Alles in Bardeloh nach einer That , und ich glaube mich nicht zu irren , wenn ich behaupte , daß er mit sich zu Rathe geht , um diese vorzubereiten . Er schreibt und liest viel . Oefters hört man ihn auch laut mit sich selbst reden , namentlich des Nachts ; dann dringen die Laute seiner abgerissenen Gedanken , wie irreguläre Pulsschläge eines Fieberkranken , bis in mein entlegenes Zimmer . Eben jetzt sitzt er noch emsig an seinem Pult . Der geheime Wandschrank steht offen , die fahle Lampe loht empor aus dem weissen , glänzenden Schädel , und in einem Doppelkreuz darüber senkt sich eine Menge glänzender Dolche . Schwerlich ahnet er , daß ich ihn beobachte . Ein kleines Fenster in der Thür , die aus der Warte nach Bardeloh ' s Studirzimmer führt , ist wahrscheinlich durch ein Versehen offen geblieben . Vor ihm liegen mehrere Bücher und eine Menge Manuscripte . Alles um ihn ist so geordnet , daß es eine künstliche Aufregung der Seele verursachen muß . Weihrauch steigt , wie bei der Messe am Hochaltar , von einem Kohlenbecken aus der geheimen Nische auf und bildet seltsame Formen . Aus dem mephistophelischen Zuge um Bardeloh ' s Lippen läßt sich schließen , daß auch dieses nur eine Mummerei sei , angestellt , um den Ekel an dem zu vermehren , was er nicht mit Unrecht die verstandesschwache Nachgeburt des übercivilisirten Europa nennt . Nochmals sage ich , wir sind Alle europamüde , Bardeloh aber ist unter den Müden der Müdeste und darum auch der Thätigste ! - Jetzt erlischt die Lampe , Richard hat seine weltverfluchenden Studien beschlossen . Zwei Stunden später . Die Säle füllen sich , die blendenden Gasflammen strömen Tageshelle weit umher . Flüsternd schleicht das in die Seidenstoffe der Convenienz gehüllte Europa über das Parquett , weich und biegsam , bleich und schmiegsam wie eine Seele , die ihre Zeugungskraft abgetödtet . O , ich könnte hier einen Vergleich hinschreiben , der treffend wäre und zerschmetternd , wie ein Donner in den Hochgebirgen Mexikos , aber ich muß schweigen aus Etiquette . Bardeloh und Rosalie spielen die graziösen Wirthe . Für jeden Ankömmling ist eine neue Redeblume bereit , wie ein abgewürgtes Leben wirft man sie den Gästen vor die Füße , die ihrerseits die Schuhsohlen daran putzen . Es liegt eine höllische Malice in diesen Empfangsfeierlichkeiten ! - Verdient es aber das befrackte Geschlecht anders ? Kann man wol einen ganzen Menschen herauslesen aus diesem verstümmelten Habitus , der nichts weiter ist , als ein trefflicher Schnitt für den zusammengeschrumpften Geist ? Wenn diese Menschen wüßten , daß ein Geheimschreiber ihre Physiognomien belauschte und auf die Lippen achtete , an deren Bewegung die Heuchelei saugt , wie ein Blutegel ! Das ist ja nothwendig die Folge der Unmoralität , daß sie Alles um sich her mit hineinreißt in ihre Strudel , und die Menschheit zur Huldigung zwingt , um das Gefühl der Versunkenheit wieder in ihr zu wecken . - Buntgeschmückte Damen flattern , wie farbige Schmetterlinge , um die strahlenden Lüstres . Auch Lucie und Auguste sind bereits eingetreten . Lucie ist die scherzende Nymphe , die sich auf der sprudelnden Silberpalme der Freude und Lust hinaufschaukeln läßt in die zusammenstürzende Krone , und jauchzend wieder herabfällt , um das süße Spiel von Neuem zu beginnen . Auguste scheint verstimmt . Ihr braunes Auge fliegt , ein fragender Liebeskuß , von Gruppe zu Gruppe ; es klopft mit flüsterndem Licht an die trügerische Spiegelwand und bricht , wie ein zu früh ausgesprochener Wunsch , schüchtern zusammen , um in sich selbst einen Ausgang über gegenwärtige Hindernisse zu finden . Gleichmuth , das Kreuz am Halse , wie eine Kette , die ihn hinrichten soll , bringt seine frommen Wünsche dem überraschten Felix . Ihm folgt der fromme Pietist , Steinhuder , dann der junge Mann , an dem Lucie ihr lustiges Herz verschenkt hat , der Mennonitenprediger und Mardochai , der morgenländische Rachegott in einem abendländischen , christlich frivolem Salon . Eine Fluth von Dandies und lieblichen Grazien schwärmen überall umher , während Bardeloh mit diplomatischer Schlauheit den Heitern spielt , und Rosalie das Glück erfassend , über den Moment die düstre Leerheit eines langen Lebens vergißt . - Jetzt muß ich lauschen , vielleicht errathe ich die hohe Gesinnung eines gebildeten Publicums im Prachtsalon eines feinen Europäers . » Fräulein N. hat heute Abend eine sehr anmuthige Toilette gemacht , « sagte ein junger Mann seinem Nachbar in ' s Ohr . » Ich finde , daß fallende Locken sie besser kleiden , als festgesteckte . « » Ja , Fräulein N. weiß , wodurch sie fesselt , « antwortet der Nachbar . Beide gehen vorüber , eine Gruppe Mädchen drangt sich nach dem Spiegelfenster und kokettirt im Vorübergehen mit ihren Fächern . » Als mich Otto jüngst auf dem Rhein nach Mühlheim hinabfuhr , war er wirklich ganz allerliebst . « » Ich begreife Deinen Geschmack nicht , Marie , « erwiederte ihre Gefährtin . » Otto geht nie nach der neuesten Pariser Mode gekleidet . « » In der That , vier Wochen ist er immer zurück in der Weltgeschichte , « fallt eine dritte , allerliebste Blondine ein . » Das ist gerade meine Passion , « betheuert Marie . » Nur das Augenblinzeln sollte er sich abgewöhnen . « » O , er geht auch mit einwärtsgewandtem Fuß ! « » Darum gewiß tanzt er nie eine Francaise . « » Ja es hat Alles seine Ursachen . « Sie gehen vorüber , Matronen wallfahrten an meinem Dionysiusohr vorbei , sie näseln , aber so geheimnißvoll , daß ich nichts verstehen kann . Abermals ein Trupp verliebter Dandies , fashionable gekleidet und gebürstet , vom Wirbel bis zur Zeh . » Es wird getanzt , Mardochai sagt ' es und der weiß immer , was vorgeht im Hause dieses Nabob . « » Wenn er nicht so reich wäre , möchte ich ihn am liebsten nasenstübern , « versetzt ein junger , neidblasser Mensch mit gelddummem Gesicht . Ich glaube der Laffe ist Zahlbrett in einem Wechselgeschäft , denn seine ganze Physiognomie ist eine abgegriffene Münze , die das Aussehen eines tombackenen Zahlpfennigs hat . Pfui ! steckt eine Menschenseele in dem ausgebügelten Schneidergeschöpf ? - Die Lüstlinge haben eine Entdeckung gemacht am andern Ende des Saales , sie drängen sich mit civilisirter Anmuth durch den bunten Menschenwald . Gern möchte ich diese Kreuzritter in einem amerikanischen Urwalde sich winden und wenden sehen ; was sie wol für affenverwandte Gesichter schneiden würden ! - Hinweg jetzt mit Scherz und Bitterkeit ! Mardochai kommt Arm in Arm mit Bardeloh herauf , die übrige Gesellschaft stärkt sich in umhergereichten Erfrischungen . Felix hat sich an Auguste geschmiegt , die Unschuld an den Engel . Der Mensch ist immer glücklich , kann er sich und die Welt vergessen mit all ' ihren Schmerzen in der Erinnerung an das Lallen der Kindheit , und ihren schönen , heiligen Zaubermährchen . » Sie haben also meinen Bruder gekannt ? « fragt Bardeloh den Juden . » Wir waren oft beisammen . Unsere Studien und Neigungen ließen uns bald enger mit einander bekannt werden und es entstand eine Art Freundschaft , die der Blutsverwandtschaft nahe kam , wodurch unsere Vorfahren sich früher berührten . « » Dies ist vorbei , Mardochai . Ueberdies wissen Sie , daß ich jedes Bekenntniß hasse , wenn es bevorzugt sein will . « » Ich auch , Richard , das meinige ausgenommen ! « » Gut . Davon ein andermal . Wie zeigte sich mein Bruder in jener Zeit ? « » Wie ein Mensch von gesunder Vernunft . Er haßte Europa , als die Made , die sich selbst verzehrt . « » Weiter , Mardochai . « » Wir hatten oft lange Gespräche über die Wiederbelebung des Fleisches im Geiste . Woher kommt es , sagte Eduard , daß Ihr Juden Alle regsamer , spekulativer und in einem gewissen Sinne auch productiver seid als wir Christen ? Daher , antwortete ich , weil wir gedrückt und gegeißelt von Euch , die Kraft in uns zusammenraffen und nur einen einzigen Zweck bei allen unsern Handlungen haben , den Haß ! Wir Juden setzen die Consequenz des Hasses dem Terrorismus entgegen , und dieser Haß wird siegen , weil er ein Kind der Liebe unserer sechstausendjährigen Nationalität ist . Ein Jude ist immer Jude , ein Christ aber ist nur Christ , wenn er Appetit dazu hat . « » Sehr schön , Mardochai . Wie kam es denn aber , daß Eduard so plötzlich seine Gesinnungen änderte ? « » Es gab damals einen jungen Mann in Bonn , der hinsichtlich seines Geistes nur Ihnen gleich kam . Dieser Mann hielt sich eng an Eduard , weil sein Widerspruchsgeist die Skepsis seiner eigenen Brust schärfte und seine Seele geißelte . Auch ich lernte ihn kennen , gewann ihn lieb , weil ich ihn gern gehaßt hatte - denn wir lieben , wenigstens unter den Männern , nur die , welche wir hassen möchten - und so entdeckte ich in ihm alle Anlagen zu einem Reformator . Dieser Mann unterhält sich eben mit dem frommen Kopfhänger dort . Es ist der Pastor Gleichmuth . « Bardeloh fährt zusammen wie vom Blitz getroffen . Schon haben sich beide unter die Gesellschaft gemischt . Das fernere Gespräch ist mir entgangen . - Die Feder schwankt hin und her in meiner zitternden Hand , der Vorhang , der bisher die schlafenden Dämonen verhüllte , ist plötzlich gerissen . Der unglückselige Mönch ist jener Eduard , der , verlockt durch die Schlauheit eines jesuitischen Priesters , die entsetzliche Wette einging mit Gleichmuth . Tausend Zweifel legen sich wie gefleckte Schlangen um mein Herz , ich muß hinaus , muß Bardeloh , muß Gleichmuth sprechen , und wenn ich zur Entdeckung der priesterlichen Schleichwege beigetragen habe , dann fort aus dieser blendenden Pracht . In Auguste ' s Armen will ich wieder finden den Menschen , den ich verliere , sobald der gleißnerische Basiliskenblick des siechen Europa mich anlächelt , wie das sündengeschwächte Auge einer verbuhlten Dirne . Gib mir Leben , Liebe , Seligkeit , Du Himmelsglanz , der in Deinen Augen zittert , bebt , flammt und Frieden webt über jedes Erdenleid ! Bedecke mich , Auguste , mit den dunklen Flechten wie mit den Schatten der Liebe , und laß mich mitten in dieser schmachvollen Zerrissenheit erkennen , daß es einen Frieden gibt im Kuß der Geliebten ! - Gegen Morgen . Endlich haben sich die Stürme wieder gelegt , es ist still , todtenstill um mich . Nur in mir klingen die erregten Töne im schmerzlichen Vibrationen aus . Ich möchte schweigen , um nicht die Unschuld des jungen Morgens zu entweihen mit Dingen , die besser nie hereinbrächen in den vollen Tag des Lebens ; aber mein eignes Herz zwingt mich , die Qual von mir zu stoßen , soll es nicht brechen und sich selbst verzehren . Es ist eine niederschlagende Erscheinung , daß sich Lust und Leid im