diese lange Jeremiade seines Freundes bis ans Ende angehört , doch jetzt brach er mit fast strafendem Ernste los : Kleinmüthiger , Verzagter , sprach er , Wunder geschehen nicht mehr ! bist Du denn dessen so gewiß ? Hast Du den Schleier der Zukunft gelüftet ? weißt Du was vielleicht dicht neben Dir sich bereitet ? bist Du im Stande genau zu berechnen , was , vielleicht in sehr kurzem , sich Unerwartetes ereignen kann ? Sohn unsrer ereignißreichen Zeit , die schon so viele Wunder ihm vorführte , wie darfst Du behaupten , es geschehen keine Wunder mehr ! Mit diesen Worten brach Eugen das Gespräch ab , und wendete der übrigen Gesellschaft sich zu ; Richard glaubte zu bemerken , daß er im Verlaufe dieses Abends jede Gelegenheit , es wieder anzuknüpfen , absichtlich vermied . Im vergeblichen Streben , die eigentliche Meinung von Eugens letzten Worten sich zu erklären , brachte Richard eine lange schlaflose Nacht hin , und stand am Morgen mit dem festen Vorsatze auf , die Sonne nicht untergehen zu lassen , ohne diese Erklärung von seinem Freunde erhalten zu haben . Dienstverhältnisse von seiner , andere Verhinderungen von Seiten Eugens , hielten indessen , sehr wider ihren Willen , beide Freunde während mehrerer Tage von einander entfernt ; und selbst am letzten von diesen wollte es Richard nur zur ungewohnt späten Abendstunde gelingen , zu Eugen eilen zu können . Eine ruhige , von jedem Geräusche möglichst entfernte Wohnung , war von jeher , selbst mit Aufopferung mancher andern Bequemlichkeit , Eugens Lieblingswunsch gewesen . Daher hatte er auch in Petersburg , wie früher in Moskau , in einem abgelegenen , vom Hauptgebäude wie von der Straße entfernten Seitenflügel des Palastes seines Vaters seine Zimmer sich gewählt , deren Fenster auf öde , mit hohen Mauern umgebene Höfe hinaus gingen , die fast nie ein menschlicher Fuß betrat . Richard wunderte sich , die Thüre diesmal verschlossen zu finden , was sonst nie der Fall war ; auf sein Klopfen wurde ihm zwar gleich geöffnet , und zwar , was als nicht minder ungewöhnlich ihm auffiel , von dem vertrauten Leibjäger des jungen Fürsten , dem einzigen Diener , der in diesem Zimmer sich befand , in welchem es sonst , nach Sitte großer russischer Häuser , von dienstbaren Geistern wimmelte . Alles schien an diesem Abende ein fremdes , unheimliches Ansehen hier gewonnen zu haben . Fast verlegen stand der ihm sonst so freundlich ergebene Jäger Wladimir vor ihm ; er , der in diesem Hause mit seinem jetzigen Herrn und Richard als beider demüthiger Spielkamerad aufgewachsen war , und manche kleine Freiheit sich herausnehmen durfte , wagte es heute kaum ihn seitwärts , mit scheuen verstohlenen Blicken zu betrachten ; Richard selbst fühlte sich dadurch beängstigt ; er sah schweigend um sich her , und wurde in einer Ecke einen Haufen abgeworfner Mäntel , Säbel , Federhüte und Mützen gewahr , die auf eine ziemlich zahlreiche Gesellschaft im Zimmer des Fürsten Eugen schließen ließen . Dieses brachte ihn auf den Gedanken , ob er nicht vielleicht hier in eine Gesellschaft gerathen könne , zu welcher ihm der Zugang versagt sei , zu der selbst dieser Diener Bedenken trüge ihn zuzulassen , hier , in den Zimmern seines innigsten Freundes , bei dem Bruder seiner Geliebten ! Sein stolzer Sinn fing an sich mächtig zu regen , sein Herz schwoll , Empfindungen wurden in ihm wach , welche bei ähnlichen Anlässen ihn schon oft um so peinlicher gequält hatten , je ängstlicher er sich bemühte , sie aller Welt , wo möglich sich selbst , zu verhehlen . Schon war er im Begriff , hier an der Schwelle umzukehren , um sich nicht vielleicht einer Beleidigung auszusetzen , die er ungeahndet nicht hätte ertragen können , und nur Scheu , einen ihm schmachvoll dünkenden Schritt in Gegenwart des Dieners seines Freundes zu thun , hielt ihn noch zurück . Doch Wladimir schien plötzlich andres Sinnes geworden ; mit gewohnter Ehrerbietung näherte er sich geschäftig , ihm den Mantel abzunehmen und öffnete , wie sonst immer , die Thüre zu dem Wohnzimmer seines Herrn . Jetzt erst erinnerte sich Richard , daß Gesellschaften der Art , wie er hier eine anzutreffen gefürchtet hatte , sich zwar nicht selten bei dem Fürsten Andreas und dessen Gemahlin zu versammeln pflegten , aber nie bei den Söhnen derselben . Ohne alles Bedenken trat er jetzt durch die ihm offen stehende Thüre , die gleich , sehr behutsam alles Geräusch vermeidend , hinter ihm geschlossen wurde , und fand abermals zu seiner großen Verwunderung auch hier sich allein , wo er fest darauf gerechnet hatte , seinen Freund anzutreffen . Doch ein dumpfes Geräusch in dem anstoßenden größern , und deshalb selten gebrauchten Besuchszimmer seines Freundes , schien die Gegenwart mehrerer dort versammelter Personen anzukündigen ; von neuem zweifelhaft geworden , ob unbemerkt sich zurückzuziehen nicht noch immer das Gerathenste für ihn wäre , stand er abermals unschlüssig da . Einige bekannte , ihm freundlich tönende Stimmen ließen jetzt aus dem dumpfen Gemurmel der übrigen sich unterscheiden . Richard fing an , der zu reizbaren Furcht vor Verletzung seines Ehrgefühls sich recht herzlich zu schämen ; er ging , zwar mit noch immer etwas unsichren Schritten , auf die nur angelehnte Thüre zu ; unhörbar leise drehte sie sich in ihren Angeln . Richard stand erstarrt . Dreißig bis vierzig Männer , einige stehend , andere sitzend , bildeten in zwei- bis dreifachen Reihen einen Kreis rings um den nicht sehr großen , aber doch geräumigen Salon . Die der Thüre zunächst Stehenden waren mit dem Rücken ihr zugewendet , Richard konnte unbemerkt alles überschauen , denn die allgemeine Aufmerksamkeit schien von einem in der Mitte des Kreises befindlichen Gegenstande gefesselt , der für den Augenblick aber ihm noch nicht sichtbar war . Daß ein allgemeiner , sehr großer und ernster , aber auch geheimer Zweck diese Alle hier versammle , war unverkennbar . Noch war es Zeit , noch konnte Richard unbemerkt , wie er gekommen , sich zurück ziehen . Gern hätte er es gethan ; aber ihm gerade gegenüber , in einem Armstuhle sitzend , gewahrte er die ehrfurchtgebietende Gestalt seines Wohlthäters , des Fürsten Andreas ; ein unbeschreiblich bängliches Gefühl , eine Ahnung herannahenden Unheils , bemächtigte bei diesem Anblicke sich seiner , und fesselte ihn an den Platz , wo er eben stand . Doch nicht nur der Fürst selbst , auch dessen Söhne Eugen und Alex , der Fürst Konstantin Nataliens Gemahl , fast alle Verwandte , alle näher Befreundete des Hauses waren zugegen . Nächst diesen viele Männer von anerkannt edlem Charakter aus den geachtetsten und vornehmsten Familien des russischen Reiches , die mehresten unter ihnen Richard wohlbekannt , und zum Theil in näherem freundlichem Verhältnisse ihm zugethan . Die Gegenwart aller dieser Personen hätte über den Zweck dieser Versammlung ihn füglich beruhigen können ; höchstens hätte er eine Berathung über irgend einen jener Lieblingspläne des Fürsten Andreas darunter vermuthet , mit denen dieser sich noch immer gern beschäftigte , und auch seine Söhne dafür zu interessiren sich bemühte ; etwa ein Projekt zur Verbreitung höherer Kultur unter dem Volke , oder sonst ein auf die Verbesserung des bürgerlichen Wohlstandes abzweckendes Unternehmen . Aber diesen geliebten und verehrten Gestalten waren auch ihm ebenfalls wohl bekannte andrer Art , wie Unkraut dem Weizen beigemischt . Leute , von denen ihm auch nicht im Traume eingefallen wäre , daß sie jemals hier hätten Zutritt erlangen können , erblickte er , völlig wie einheimisch sich geberdend . Da stand Einer unter andern , ihm gerade gegenüber , im Hintergrunde des Saales , einige Schritte hinter dem Armstuhle des Fürsten Andreas , ein vielleicht absichtlich gewählter Platz . Richard hätte unbedenklich es beschwören mögen , daß dieser Mann kein andrer sei als der Freund der Frau Marina , der sogenannte Baron vom Pharaotisch . Zwar hatte er den braunen Überrock sammt der grünen Brille abgelegt , auch waren seine Haare bedeutend dunkler ; solche leicht auszuführende Veränderungen aber täuschen nicht leicht den aufmerksam beobachtenden Blick eines Unbefangenen . Andere Figuren , augenscheinlich vom nämlichen Gelichter , befanden sich , wie durch Zufall , einzeln durch alle Reihen der Anwesenden zerstreut ; Leute , denen an andern , mitunter ziemlich zweideutigen Orten begegnet zu sein , sich Richard deutlich erinnerte , ohne jedoch ihre Namen zu kennen . Je länger seine Blicke im Saale umherstreiften , je mehr bekannte Gesichter traten ihm entgegen , großentheils namen- und sittenlose junge Leute , dem Trunke , dem Spiele und jeder Ausschweifung ergeben , in deren Umgang er zu seinem großen Leidwesen seinen Freund Iwan verstrickt gefunden ; zu seinem höchsten Erstaunen erblickte er sogar einige eifrige Mitglieder und Beförderer jener die Welt verbessernden Gesellschaft in Moskau , in welche er selbst , sehr gegen seinen Willen , durch Iwan verwickelt gewesen , und die er in Petersburg anzutreffen nimmer vermuthet hätte . Wie das alles hier , in Eugens Zimmer , zusammengekommen sei , war und blieb ihm ein unauflösbares Räthsel . Wenig Minuten waren hinreichend , um alle diese Bemerkungen zu machen ; doch überrascht von dem Unerwarteten , war Richard während derselben kaum seines Daseins sich bewußt geblieben . Das Herz klopfte hörbar ihm in der Brust , wild jagte , mit betäubendem Sausen , das Blut durch alle seine Adern ; erst als dieser Tumult in seinem Innern sich etwas legte , und er dadurch zu einiger Besinnung gelangte , ward er auf eine Stimme aufmerksam , die bis jetzt in klangloser unverständlicher Monotonie unbeachtet an ihm vorüberrauschte . Eine unter den vor ihm in der Thüre Stehenden zufällig sich bildende kleine Lücke , zeigte ihm in der Mitte des Saales einen mit Schreibmaterialien , Journalen , Broschüren , Mappen und Büchern bedeckten Tisch , und hinter demselben , den Rücken der Thüre und folglich auch ihm zugewendet , einen stattlichen Mann , von militairischem Ansehen , der nach kurzem Ausruhen in diesem Augenblicke den Faden seiner Rede wieder aufnahm . Vereinte zum Bunde des Heils , ächte getreue Kinder des Vaterlandes , Boyaren , Männer und Brüder , sprach er , ihr habt aus meinem Vortrage jetzt vernommen , daß die aus unsrer Mitte erwählte Elite , bei welcher ich den Vorsitz zu führen gewürdiget worden bin , sich aus hinreichenden Gründen bewogen gefühlt hat , den von einem der getreuesten Söhne des Vaterlandes , Alexander Murawieff ausgegangenen , und von den nicht minder würdigen und getreuen , Obrist Fürst Trubetzkoy und Nikita Murawieff unterstützten Vorschlag , nach reiflicher Überlegung einstimmig als unausführbar zu verwerfen . Allerdings muß der Gedanke auf den ersten Anblick groß und im blendendsten Glanze erscheinen , unsern neuen Bund für das wahre Heil unsres geliebten heiligen Vaterlandes mit jener , seit Jahrtausenden bestehenden ehrwürdigen Verbindung der Freimaurer , und den unter dem Schleier des tiefsten Geheimnisses allen Ungeweihten verborgnen Gesetzen und Gebräuchen der Loge , zu verbinden und in Einklang zu bringen ; aber die Wissenden unter uns , die wenigen Eingeweihten , die tiefer in jene Geheimnisse eingeführt wurden , sind gewiß schon längst durch ernsteres eigenes Nachdenken in ihrem Herzen überzeugt , wie unmöglich dies sei . Durch die eben vorgetragenen Gründe , denen noch mehrere hinzugefügt werden könnten , welche aber alle hier auseinander zu setzen , zu zeitzersplitternd werden möchte , hoffe ich auch meine übrigen Zuhörer , sie mögen nun in jene Geheimnisse theilweise eingeweiht sein oder nicht , über die Unausführbarkeit jenes Vorschlages vollkommen ins Klare gesetzt zu haben . Der triftigste , alle andern überwiegende , jedem einleuchtende Grund gegen diese , sonst so wünschenswürdige Vereinigung , bleibt immer der , daß jene ehrwürdige Gesellschaft , obgleich über ganz Europa verbreitet , durch ihren Ursprung , ihre innere Einrichtung , ja durch ihre nicht zu umstoßenden Urgesetze , verpflichtet ist , bei ihrer großen Ausdehnung sich dennoch auf eine verhältnißmäßig kleine Anzahl ihrer Verbündeten zu beschränken . Sie gleichen edlen Schatzgräbern , die beim Scheine des dem Himmel entwandten heiligen Feuers des Prometheus , im Dunkel der Nächte , und in ehrwürdiger Verborgenheit , dem edlen Karfunkel nachstreben , dessen alles überstrahlender Glanz , dereinst zu Tage gefördert , wetteifernd mit der Sonne , die blöde , träge Welt aus ihrem Schlummer erwecken soll . Wir aber , wir Vereinte zum Bunde des Heils , sind anders gestellt . Unser Bund gleiche der aufgehenden Sonne eines glorreichen Sommertages , die ihre Segen spendenden Strahlen über alle Kinder unseres weiten unermessenen Vaterlandes , Licht und Leben überall verbreitend , ergießt . Keine Höhle , keine Kluft , keine noch so tief in endlosem Schnee vergrabene Hütte , bleibe von ihr unerleuchtet . Fest an einander haltend , alles überwältigend , müssen wir zum Lichte durchdringen . Das ganze Reich , jede in demselben athmende Seele , muß dieses Heiles theilhaftig werden , daher darf nichts die Zahl der Anhänger des Bundes für dasselbe beschränken . Daher habe ich in den eurem Wunsche gemäß von mir verfaßten , und von Euch gebilligten Statuten desselben , es unsern Brüdern allen als heiligste Pflicht auferlegt , zur Verbreitung unsres Bundes selbst unter den Geringsten im Volke - - Ein Verräther in unsrer Mitte ! - ein Spion ! riefen einige Stimmen . Der Redner war unterbrochen , ein furchtbarer Tumult entstand in der Gegend der Thüre . Festgehalten , vorwärts gestoßen , umklammert , erdrückt von den ihn Umdrängenden , war für Richard an keinen Widerstand zu denken . Nieder , nieder mit ihm ! erscholl es von mehreren Seiten mitten durch das rasende Toben , durch das wilde mit Flüchen und Schwüren gemischte Geschrei . Säbel und Degen waren mit den Hüten und Mänteln im Vorzimmer abgelegt , aber gefährlichere heimlichere Waffen , kleine blinkende Dolche , leicht zu verbergende Taschenterzerole wurden in vielen Händen sichtbar ; drohende Geberden , wuthblitzende Augen , überall , wohin Richard die Blicke wandte . Ruhe , Ruhe ! gebot Fürst Andreas , als Herr des Hauses . Niemand hörte auf ihn , bis es ihm endlich gelang , unter dem Beistande seiner Söhne zu dem Gegenstande der allgemeinen Erbitterung durchzudringen . Du bist es , mein Sohn ? Niemand als Du ? rief er erstaunt , als er Richard recht ins Auge faßte . Laßt ihn unbesorgt los , Ihr Herren , dieser da ist kein gefährlicher Verräther , sprach er , indem er seine Hand ergriff und ihn an Eugens Seite führte . Nun wahrlich , dies heißt doch mit Recht , viel Lärm um Nichts , setzte er hinzu ; und suchte , wenn gleich mit bleicher zitternder Lippe , ein heitres Lächeln zu erzwingen . Wie Vielen unter uns wäre er denn so ganz unbekannt ? Freunde , Brüder , besinnt Euch doch , setzte , vom ersten Schrecken sich erholend , der Fürst hinzu ; es ist ja kein hier eingedrungener Fremdling ; es ist Richard , mein in meiner Familie , mit meinen Söhnen , unter meinen Augen erwachsener lieber Pflegesohn . Wie kam er hieher ? - wie durfte er es wagen ? - wie konnte er ohne Verrath bis zu uns durchdringen ? - Verrath ! - eingeschlichen - ein Engländer - erkauft - Spion - nieder mit ihm - Schlange , die der edle Fürst in seinem Busen erzog - fort mit dem Undankbaren - nieder , nieder mit ihm ! - brüllte es von allen Seiten . Die wenigen , Richard in Schutz nehmenden Stimmen , drangen nicht durch das verwirrende Geschrei ; und immer gefährlicher , tobender , drohender , wurde die allgemeine Stimmung . Mein Leben für meinen Bruder Richard ! rief Fürst Alex , sprang herbei , ihn mit seinen Armen umschlingend . Voreiliger ! konntest Du es denn nicht abwarten ? flüsterte Eugen ihm zu , und warf die wehrlose Brust den wüthend auf ihn eindringenden Feinden seines Freundes entgegen . Wer will in meinem Hause es wagen , mit frevelnder Hand den unter meinem Schutze Stehenden zu berühren ! rief Fürst Andreas mit aller ihm zustehenden Würde . Ruhe ! gebot eine kräftige , den lauten Tumult hell übertönende Stimme . Der Redner von vorhin drängte sich hervor : Befleckt nicht durch Mord unsern heiligen Bund ; hört ihn an , ehe Ihr über ihn das Urtheil fällt , sprach er mit gebietendem , ernstem Tone ; ergriff Richards Arm , zog ihn aus der Mitte der ihn umtobenden Schreier , stellte frei , allen sichtbar , mitten im Saale ihn neben sich hin , und befahl den Übrigen , einen eng geschlossenen Kreis in ziemender Entfernung um sie Beide zu bilden . Alles dieses mit so überraschender , kaltblütiger Gelassenheit , als wäre er hier König , und müsse ihm alles gehorchen . Wer Muth hat , mit fester sicherer Hand das Steuer zu ergreifen , bleibt mitten im Sturme der Gebieter der wüthenden oder zagenden Menge , die nie weiß , was sie eigentlich will oder zuerst zu ergreifen hat . So war es denn auch hier ; man rangirte sich rings an den Wänden hin , wie es Obrist Pestel , denn dieser war der Redner , gebot , und der Aufruhr war für den Augenblick gänzlich beschwichtigt . Richard Wood , jetzt befrage ich Sie , im Namen des Bundes zum Heil des Vaterlandes , nahm Pestel mit dem Anstande und der Würde eines dazu befugten Richters das Wort , wie gelang es Ihnen , uns so ganz unvermuthet hier zu überfallen , und was beabsichtigten Sie damit ? Sprechen Sie frei und furchtlos , aber bedenken Sie Ihre Worte . Die kleinste Verletzung der Wahrheit wäre gefahrdrohend . Ich warne Sie wohlmeinend . Richard war inzwischen auch wieder zur Besinnung gelangt , um welche das betäubende Geschrei , das wüthende Eindringen auf ihn , anfangs ihn gebracht hatte . Er beantwortete offen und wahr die an ihn gerichteten Fragen , und erklärte nebenher , wie eine Reihe unbedeutender Zufälligkeiten ihn bewogen , seinen , seit mehreren Tagen nicht gesehenen Freund , den Fürsten Eugen , zur ungewohnt späten Abendstunde noch aufzusuchen . So ohne alle Umstände ? sans façon , ungemeldet ? in Häusern wie dieses , pflegt das doch sonst nicht gebräuchlich zu sein ; wandte mit anmaßendem Hohnlachen ein junger , sehr wüst und roh aussehender Mann ein . Er hieß Lunin , Richard war ihm früher in Moskau , in jener ihm so wenig zusagenden Gesellschaft , zuweilen begegnet . Unter Brüdern bedarf es keines solchen Ceremoniels ; Richard hat bei mir Bruderrecht ; erwiederte kurz und stolz Eugen . Sind Sie bereit , Ihre Aussage mit einem heiligen Eide hier feierlich zu bekräftigen ? fragte ernst , aber nicht unfreundlich , Obrist Pestel . Dann bringt nur gleich eine Bibel herbei , eine englische , rief sehr überlaut Lunin ; ich kenne ihn , er ist ein Engländer . Das Volk ist wie die Juden ; nach den Gebräuchen seines Landes und Glaubens muß man ihn schwören lassen , sonst hält er sich dadurch zu nichts verbunden ; er muß das Buch küssen , sonst gilt sein Eid nichts ; setzte er frech lachend hinzu . Richard blickte verachtend ihn an . Ich bin in England geboren , erwiederte er mit ernster Würde : ich bin weit davon entfernt , das Land meiner Geburt verläugnen zu wollen , aber ich bekenne zugleich , Rußland ist mein eigentliches geliebteres Vaterland , dem ich alles verdanke , seit ich fühle und denke ; denn mein Geschick hat in sehr früher Jugend mich meinem Geburtslande völlig entfremdet . Dankbarkeit , Gewohnheit , Erziehung und das heiligste innerste Gefühl meiner Brust , haben mich hier längst nationalisirt ; der Kaiser dieses großen Reiches ist auch der meinige , setzte er , diese letzten Worte betonend , mit einem Blicke auf seine Uniform hinzu ; für die Wahrheit meiner Aussage bin ich bereit mein Ehrenwort zu verpfänden , doch einen andern Eid leiste ich nicht . Wer aber einer Lüge mich verdächtig machen will , der trete gegen mich auf , Mann gegen Mann . Auch ich setze mein Ehrenwort an das Seinige , rief in schönem Eifer Fürst Alex . Ich stimme dafür , daß der Eid gegen sein Ehrenwort ihm erlassen werde , denn , wäre er ein Niederträchtiger , dem dieses nichts gilt , so würde auch der feierlichste Eid ihn nicht binden ; entschied Obrist Pestel . Freunde , Brüder ! nahm Fürst Andreas jetzt das Wort , indem er hervor neben den Obristen Pestel trat ; gönnt mir einige Augenblicke Eure Aufmerksamkeit mit dem Vertrauen , das ich von Euch erwarten zu dürfen mir bewußt bin . Beseligt durch das freudigste Vatergefühl , habe ich meine beiden Söhne unserm hohen heiligen Bunde der ächten treuen Kinder unseres großen Vaterlandes zugeführt ; überzeugt , daß auch mein geliebter Pflegesohn Richard , den heute ein tückischer Zufall , leider störend und unerwartet , in unsre Mitte geworfen , ein nicht minder würdiges Mitglied desselben werden würde , lag es stets in meinem Plane , auch diesen Euch zur Prüfung vorzuschlagen ; es war sogar meine Absicht , noch vor dem Schlusse unsrer heutigen Versammlung diesen meinen Vorsatz in Ausführung zu bringen , der durch die Entfernung , in welcher Richard bis vor kurzem in Moskau lebte , aufgeschoben worden war . Die Zeit der Überlegung , der Berathung , welche mehr das ernste Erforschen dessen , was Noth ist , von Seiten der Erfahrenern , Zeit- und Weltkundigeren unter uns erforderte , als den zwar wohlmeinenden , aber oft übereilten Eifer unsrer jüngeren Brüder , ist nun größtentheils vorüber . Die Statuten unsres Bundes , die Gesetze desselben , die Pflichten , welche zu erfüllen wir beim Eintritte in denselben uns anheischig machen , sind endlich festgestellt . Die Zeit des Wirkens und Schaffens , der Ausführung des früher zum Wohle des heiligen Vaterlandes Beschlossenen ist da ; sie wird der rüstigen Thatkraft unserer jüngeren Brüder ein weites Feld eröffnen , und in jeder Hinsicht die Vermehrung ihrer Zahl wünschenswerth machen . Und nun tritt hervor , mein Sohn , setzte Fürst Andreas hinzu , indem er Richards Hand ergriff ; frei darf ich es aussprechen , dieser Jüngling ist würdig , bei dem großen Werke , das wir unternommen und mit der Hülfe Gottes ausführen werden , als Bruder und Helfer uns zur Seite zu stehen , denn ich kenne ihn ; unter meinen Augen wuchs er auf , mit meinen Söhnen zugleich habe ich in meinen Grundsätzen ihn erzogen , und der glücklichste Erfolg lohnte mein redliches Bemühen . An Geist und Gemüth , an Muth und Festigkeit , an Willen und Beharrlichkeit , das Gute und Rechte zu fördern , steht er keinem der Besten unter uns nach . Und nun , Brüder , entscheidet über ihn . Der Fürst setzte nichts weiter hinzu , auch seine Zuhörer schwiegen , nur ein leises Geflüster lief durch die Reihen derselben . Endlich nahm Obrist Pestel wieder das Wort : Richard Wood entferne sich unter der Aufsicht seiner brüderlichen Freunde , der Fürsten Eugen und Alex , während die Ältesten , nach unserm Gebrauche , über seine Aufnahme in unserm Bunde mit einander Rath pflegen . Unsre allgemeine Versammlung ist für heute geschlossen ; Ort , Tag und Stunde der nächsten wird den Brüdern auf gewohnte Weise kund gethan werden . Wandelt hin , durch Dunkel zum Licht ! setzte er verabschiedend hinzu . Der größte Theil der Anwesenden zerstreute sich ; durch verschiedene Ausgänge verloren sie sich einzeln und lautlos in den an Eugens Wohnung anstoßenden öden Höfen und Gärten . Gleich einem Nachtgesicht waren alle nach wenigen Minuten spurlos verschwunden . Eugen und Alex zogen sich mit Richard in ein Kabinet , welches keinen andern Ausgang als durch den Saal hatte , zurück , und unter dem Vorsitze des Obristen Pestel blieben nur die Ältesten und Angesehensten der Verbündeten , die Fürsten Andreas , Trubetzkoy , die Murawieffs und noch einige Andre im Saale versammelt . Haltet mich fest an Eurer Brust , blickt wie ehedem mit Euern treuen guten Augen mich an , damit ich wieder unter Menschen mich fühle , sprach Richard , mächtig aufgeregt , als er sich mit Eugen und Alex in jenem Kabinette allein sah ; windet nicht so schnell aus meinen Armen Euch los ! alles wankt rings um mich her , mich schwindelts , mir ist wie einem Fieberkranken , der aus wilden Phantasien zu halbem Bewußtsein erwacht . Habe ich geträumt ? träume ich vielleicht noch ? welch ein Traum ! wer doch erwachen könnte ! Der Vater ! und Du , Eugen , und Du , Alex , Verschworne ! Ihr Alle im Bunde mit Lunin ! zu welchem Zwecke ! setzte er schaudernd hinzu , und verbarg sein Gesicht in beiden Händen . Zum Herrlichsten ! für Freiheit , Licht , geistiges Leben , für das Wohl von Millionen unsrer Brüder , die in geistigen und leiblichen Banden noch mit Elend und Dunkelheit kämpfen ! erwiederte wie begeistert Eugen . Revolution ! rief Richard , und schlug heftig beide Hände zusammen ; das Heil , das aus diesem Quelle der Welt zufließen kann , ist allbekannt . Aber der Wurf ist gefallen ; komme was da wolle , Gefahr und Untergang , ich theile es mit Euch ; denn inniger als je zuvor fühle ich es , ich gehöre zu Euch . Das Vertrauen , die Liebe Eures , ja , meines edlen Vaters , soll an mir nicht zu Schanden werden ; nicht vergebens hat Fürst Andreas mich öffentlich Sohn genannt ; ich weihe mich mit Euch und ihm dem Untergange ; das Schwert , das über Euern Häuptern an einem schwachen Haare drohend hängt , in seinem Falle zerschmettre es auch mich ! Aber so komme doch endlich wieder zu Dir , und setze Dich ruhig hieher ; an Gefahr und Untergang ist hier gar nicht zu denken , fiel Eugen ganz fröhlich ihm ein ; freilich , als Du so , gleichsam mit der Thüre uns ins Haus fielst , gab es wohl einige Gefahr für Dich , aber die ist vorüber und kommt nicht wieder ; höre darum auf , uns und Dich mit so edelmüthigem Unsinn zu plagen . Ich glaube , ich verstehe ihn besser , als Du ihn verstehst , oder auch vielleicht nur verstehen willst , nahm der gutmüthige Alex jetzt das Wort ; sein Zweifelmuth jammert mich ; warum wollen wir denn nicht mit einem einzigen Worte ihn so ruhig machen als wir es sind , da dieses in unsrer Macht steht ? Höre mich , Richard , und vertraue mir ; von Verschwörung und daraus entspringender Gefahr , ist , kann hier nicht die Rede sein , denn ( hier dämpfte Alex seine Stimme bis zum leisen Geflüster ) denn ein einziger großer Name steht auf der Liste der für unsern Bund zunächst zu werbenden Mitglieder obenan . Harre nur noch eine kleine Weile , bis unser weit umfassender Plan sich zur höchsten Klarheit gestaltet hat , daß man ihn deutlich vorlegen kann . Dann steht jener , ohne dessen Willen in diesem Reiche nichts geschehen soll , an unsrer Spitze , mit aller Kraft seines mächtigen Wollens , seiner großen , für Gott , Vaterland , Menschenrecht glühenden Seele ; er , dem das Wohl der Millionen , die ihm unterthan sind , wärmer am Herzen liegt , als das eigne Leben . Alex ! Alex ! versteh ' ich Dich ? rief Richard ihn wild anstarrend . Du hast mich verstanden . Der Kaiser , flüsterte Alex . Er ? Du träumst ; er , er selbst ! Alex ist wach , aber voreilig , in seinen Äußerungen wenigstens , wenn gleich nicht in seinem Glauben . Was noch nicht ist , kann werden , und wird es , sprach Eugen . Er , den ich nicht nenne ! und Lunin ! und jener verworfene Spieler , und so manche ähnlichen Gelichters , die ich in Eurer Versammlung erkannte ! Alle Mitgenossen eines Bundes ? Es ist nicht , es kann nicht sein ! erwiederte Richard . Und doch , und doch . » Es muß auch solche Käuze geben « sagt der große Poet ; sprach lächelnd Alex . Schafft die Natur denn nur Rosen und Lilien und Ananas ? erwiederte Eugen ; erzeugt sie nicht auch Wermuth und Bilsenkraut ? Nesseln und Schierling ? und noch hundert andere giftige und bittre Kräuter , die alle unentbehrlich sind , weil der , so sie zu behandeln weiß , jedes an seinem Orte zu den heilsamsten Arzneien verwendet ? Auch stehen wir alle nur scheinbar neben einander . Wir wirken zu einem Zwecke , aber Jeder auf ihm angewiesene Weise ; es giebt unter uns Grade des Wissens und Wirkens , die nicht Alle erreichen , setzte er mit gedämpftem Tone hinzu . Übrigens ist Lunin zwar ausgelassen , wild und roh , aber eine grundehrliche Haut , versicherte Alex ; und der Andre , den Du meinst , ist auch nicht der verrufene Baron mit der grünen Brille , sondern einer , Namens Torson ; die Ähnlichkeit zwischen beiden ist aber auffallend , vielleicht ist Torson dem Brillenmanne verwandt . Die Konferenz da drinnen wird jetzt bald ihr Ende finden , ich höre Pestel herum gehen , die Stimmen in Gestalt goldener und bleierner Kugeln zu sammeln ; doch ehe wir hinein gerufen werden , muß ich noch eine Gewissensfrage an Dich richten , sprach Eugen , und trat mit Richard in eine Fenstervertiefung . Gestehe es , Aug ' in Auge , die Hand auf dem Herzen , Du hegtest Argwohn gegen mich , und hegst ihn vielleicht noch . Richard , konnte , durfte ich Dir entdecken , was des Vaters ausgesprochener Befehl und ein heiliger Eid mir zu verschweigen geboten ? Die Zeit Deiner Dir unbewußten