sondern schritt an ihm vorüber in die geöffnete Zimmerreihe . Kaum hatte sie das erste Zimmer betreten , als an der Schwelle des dritten eine weibliche Gestalt erschien , die , so wie sie die Herzogin erblickte , rasch voreilte , so daß die Herzogin mit ihr in dem dazwischen liegenden Zimmer zusammen traf . Einen Augenblick ruhten Beider Blicke auf einander , dann lag die Fremde mit gebeugtem Haupte zu den Füßen der Herzogin , die in demselben Augenblicke leise wie sterbend die herzueilende Morton rief , deren Arm krampfhaft ergriff und , starr ihre Blicke auf die Knieende heftend , unfähig eines Wortes , einer Bewegung blieb . O , meine Beschützerin ! rief jetzt die Knieende , und diese Worte waren von einer so melodischen Fülle des Tones begleitet , daß sie süß jedes Ohr erreichen mußten , aber die Herzogin zuckte zusammen , als ob diese Töne sie zerrissen . Doch es war das letzte Zeichen ihrer Erschütterung , ihre Besinnung kehrte wieder , und sie fühlte mit Scham und Verlegenheit , wie die Arme noch zu ihren Füßen lag . Um Gott , Mylady , was thut Ihr ! rief sie lebhaft ; steht auf ! Knieen wollen wir , aber gemeinschaftlich vor dem liebevollen Beschützer dort oben , der Euch hierher führte , wo wir uns bemühen wollen , die Euch widerfahrene Unbill gut zu machen . Da hob die Fremde zuerst ihren Kopf von der Brust zu der Herzogin empor und zeigte ein Antlitz , überströmt von Thränen , aber mit dem sanften Anhauche eines dankbaren Lächelns , das dies Gesicht , trotz seiner Lilienblässe mit dem rührenden Zauber weiblicher Schönheit belebte . Sie richtete sich vom Boden mit Hülfe der Herzogin auf und stand nun vor ihr , in einer völlig ungezwungenen und natürlichen Haltung . Aber als sie , von der Herzogin geführt , mit ihr nach einem Sessel ging , wollte es selbst Morton , der eifersüchtigen Dienerin , scheinen , als ob die Herzogin in schöner Haltung nachstehe und diese junge Gestalt allein Alles vereinige , was man darunter zu verstehen pflegt . Stanloff hat uns heute endlich die Erlaubniß gegeben , Euch sehen zu dürfen , sagte die Herzogin , indem sie Platz nahm , und ich bin hier , Euch willkommen zu heißen und Euch zu fragen , ob Ihr keine Klagen zu führen habt über irgend eine gegen Euch versäumte Pflicht , oder ob ich in irgend etwas persönlich im Stande bin , Euch zu dienen ? O , Mylady ! rief hier die Fremde und drückte die schönen Hände an ihre Brust , fragt nicht , ob es mir gut erging . Ich war , seit ich in diesem Schlosse bin , in den Händen der edelsten Menschen . Ihr Auge richtete sich bei diesen Worten mit einem Glanze auf Mistreß Morton , der aus der warmen Dankbarkeit eines schönen Herzens zu steigen schien und so ausdrucksvoll war , daß die ehrwürdige Dame , ganz bewegt , tiefer sich vor ihr neigte , als sie es nachher in ihrem Zimmer begreifen konnte , und die Herzogin von dieser alten und stolzen Frau nie anders , als vor sich selber , es erlebt hatte . Und Ihr , Mylady , fuhr sie fort , kommt nun zu mir armen verwaisten Kinde . Ihr wollet den großmüthigen Schutz bestätigen , den ich bis jetzt genoß . Ach , ich danke Euch für die Wohlthat Eures Anblickes ; Ihr werdet mir erlauben , Euch mein Herz zu öffnen , und von Euch werde ich dann besser , als von mir selbst erfahren , wie mein Schicksal anzusehen ist . - Laßt das für jetzt , liebes Kind , sagte die Herzogin und legte sanft die Hand auf ihre Schultern , nicht um Euch an Euer Unglück zu erinnern , kam ich hierher ; ich darf , ohne Stanloffs Vorwürfe zu verdienen , nicht zugeben , daß Ihr Euch erschüttert . Es bedarf nicht solcher Mittheilungen , fuhr sie immer wärmer fort ; schweigt über Eure Verhältnisse , Euern Namen , so lange es Euch gefällt , Ihr seid meines Schutzes gewiß , und ich bedarf , nun ich Euch gesehen , vorläufig keines Bürgen ; auf dieser Stirn stehen die Vorrechte der Geburt und der Unschuld ! - Der gespannten Aufmerksamkeit der Mistreß Morton war es nicht entgangen , daß die Herzogin hier in wenig Minuten das Schicksal derer theilte , die sich bisher dieser jungen Person genähert und aus ihrer Persönlichkeit denselben Glauben geschöpft hatten . Die Herzogin schien selbst zu fühlen , daß sie diesen eben bezeichneten Eindruck etwas schnell gewonnen habe ; sie liebte nicht , wenn ihr Gefühl ihrem Verstande voraus eilte , vielleicht , weil sie sich des ersteren nicht als ganz zuverlässig bewußt war , und sie sah ein aufsteigendes Mißbehagen über ihre schnelle Hingebung in sich voraus , als dieser augenblickliche Ideenflug unterbrochen ward durch die Worte : Geburt und Unschuld , welche die junge Lady mit einem unverkennbaren Ausdruck von Erstaunen wiederholte . Sie schien hier vor einer neuen Idee zu stehen , die sie nicht zu verfolgen vermochte , und es lagerte sich ein zarter Anflug von Nachdenken um ihr ernster werdendes Antlitz . Doch die stets verwöhnte Herzogin , nie sehr geneigt , die feinern Empfindungen Anderer zu bemerken oder errathen zu wollen , da sie gern ihre eigenen ihren Umgebungen als Ziel zu stecken pflegte , schien auch diese unverkennbare Wirkung ihrer Worte in der jungen Lady übersehen zu wollen , setzte aber mit einem sehr wohlwollenden Tone hinzu , indem sie sich erhob : Ich darf nun , hoffe ich , ohne Euch zu sehr anzugreifen , für Eure Unterhaltung sorgen . Meine Töchter , ihre beiden Damen sollen Eure Einsamkeit Euch erleichtern helfen , bis Ihr so weit hergestellt seid , in unserm Familienkreis erscheinen zu können . Lebt wohl Lady und richtet Euern Geist auf , damit Eure Gesundheit erstarken könne ! - O , geht noch nicht ! rief die Unbekannte , wie erwachend , und stellte sich schnell von ihrem Platze vor die Herzogin , sagt mir , edle Frau , Ihr wollt mich ferner schützen ? Kein Mensch kann hier feindlich eindringen ? Diese Zimmer sind ganz sicher ? - Ach verzeiht mir , liebe Mistreß Morton , oft habt Ihr gütig diese Fragen mir beantwortet , ich glaubte Euern tröstlichen Worten , und doch sehnte ich mich nach der Bestätigung aus diesem Munde . O , zürnt mir nicht , Mylady , man nannte mich furchtlos sonst . Ach , man hat sich schwer getäuscht , meinem glücklichen Leben fehlte blos das Furchtbare , mit ihm lernte ich auch die Furcht kennen . - Seid unbesorgt , erwiederte die Herzogin , dies störe nimmer Eure Ruhe . Für Eure Sicherheit verbürg ' ich mich ; im Schooß der Euern waret Ihr nicht sicherer . - Gott lohne Euch so große Güte ! rief nun das holde Wesen , und es wiederstrahlte ihr Gesicht von Dank und inniger Verehrung . Sie hatte lieblich sich gebeugt und ihre Hände kindlich auf die Brust gekreuzt . Die reichen braunen Locken umschatteten in glänzender Fülle die hohe Stirn , das liebliche Oval . Sie hob die Augen langsam zur Herzogin empor , und wer diesen Blick erkannt hatte , der mußte für immer sich ihr weihn . Auch schien die Herzogin davon aufs Neue erschüttert ; noch ruhete ihr Auge darauf , als könnte sie es nicht losreißen , aber ihre Füße , ihre Arme hoben sich außer aller Haltung wie zur Flucht . Die Farbe wechselte auf ihren Wangen , und kaum vernehmlich stammelte sie ein wenig motivirtes schnelles Abschiedswort . Rasch eilte sie durch die Zimmer und blieb dann unbeweglich vor Pons stehen , der im Vorsaal harrend in seiner tief gebeugten Stellung um ihre Befehle fragte . Sie sah ihn nicht , seine Worte erreichten nicht ihr Ohr . Ihre Augen blickten trübe in die Ferne des Saales , als gewahre sie dort einen Gegenstand . Pons hob bei ihrem fortgesetzten Schweigen den Kopf empor , vielleicht in guter Hoffnung einer Fortsetzung des früheren Scherzes . Aber so auffallend war der Ausdruck in den Zügen seiner Herrin , daß er zurück sprang und die Augen scheu nach dem Raume warf , in den die Herzogin hineinstarrte . - Zur selben Zeit trat Mistreß Morton vor , und ihre Stimme erreichte ihr Ohr . Was willst Du , Morton , was habe ich gethan , wie sagst Du ? rief die Herzogin jetzt schnell auf einander . Pons erwartet die Befehle Euer Durchlaucht , sagte Morton in fast strengem Ton . Die Herzogin strich mit der Hand über die gespannte Stirn und deutete dann nach den Thüren , welche zu den Zimmern der alten Herzogin führten . Pons verschwand wie der Blitz , aber die Herzogin behielt keine Zeit sich zu sammeln , denn die alte Lady , von ihrer Nähe unterrichtet , hatte schon Lovelance an die Thür geschickt , den möglichen Besuch der Schwiegertochter zu empfangen . Sie kam ihr in ihrem Wohnzimmer entgegen , aber die freundlichen Mienen und Worte , mit denen sie daher kam , erstarben , als sie die Herzogin näher anblickte . Todtenbleich mit gebrochenen Augen zuckten ihre Lippen nach Worten , aber nur ihre Hand konnte ein schwaches Zeichen gegen die Thür machen . Diese verschloß sich dem Winke , und sie ergriff mit letzter Kraft einen Lehnstuhl , darauf bewußtlos niedersinkend . Ruft Niemanden zu Hülfe , Milady , rief die besonnene Morton , und erschreckt nicht , es wird bald vorüber gehen . Ich führe Alles bei mir , was der Frau Herzogin nöthig ist . Während dem löste sie geschickt den Gürtel und die Banden an dem Kopfzeuge , und rieb Stirn und Schläfe und die zuckenden Pulse mit flüchtigen Tropfen , indeß die alte Lady , so ruhig und gefaßt , wie die alte Dienerin , mit mütterlicher Innigkeit zwischen ihren warmen Händen die erstarrten der Herzogin zu beleben suchte . Sah meine Tochter die Fremde ? - Sie sah sie so eben . - Dies waren die einzigen leise gewechselten Worte der beiden Frauen . Ihren stillen Bemühungen entsprach bald der Erfolg . Die Herzogin schlug die Augen auf , und sich zusammenraffend blickte sie umher . Als ihr klar ward , was geschehen war , suchte sie sich zu erheben . Sie wollte sprechen , doch die alte Lady ließ sie nicht zu Worte kommen , sondern sagte , indem sie sanft sie zu einem Stuhl am Kamin führte und in ungestörter Ruhe , wie es schien , sich an ihrer Seite niederließ : Muß ich nicht wieder schelten ? Wie Du Deine Gesundheit wagst ! Ohne Mantel bist Du über die kalten Gallerien und Säle gegangen , und die Luft ist so voll Nebel heute , daß kein Fenster dicht genug ist , ihn abzuhalten . Vergißt Du ganz , wie Deine Gesundheit jetzt zarter behandelt sein will , als sonst ? Wollten wir Dich strafen , plauderten wir aus , wie leidend Du Dich machst , aber wenn Du Deinem alten Mütterchen nur künftig folgen willst , wollen wir Dich nicht verrathen , denn Deine Kinder hätten freilich groß Recht , mit Dir zu schelten . Die Herzogin senkte den Blick , den sie , während die edle Lady sprach , fest auf sie gewendet hielt , als wollte sie die unbefangenen Worte prüfen . Doch wenn auch zweifelhaft blieb , ob sie diese jähe Ohnmacht wirklich dem Nebel in den Gallerien zuschrieb , Wohlwollen , ungekünstelt und rein , wie es in diesem Herzen vorwaltete , war der unverkennbare Ausdruck in ihren weichen Zügen , ihrem Blick , im Ton der Stimme . Der starre Ernst auf dem bleichen Angesicht der Herzogin löste sich , wie öfters an der Seite dieses warmen , hingebenden Gemüths , in eine Art von Ergebung auf . Sanft zog sie die liebende Hand an ihre Lippen und sagte mild : Du hast mich also noch nicht aufgegeben , meine wahre , liebe Mutter ? Man schilt nur da , wo man noch auf Besserung hofft . Ich will Dir so gerne folgen , hätte ich Dir immer folgen können , wäre ich Dir vielleicht ähnlicher . Ach , ich bin schwach , wie ich und Andere mich wohl noch nie gesehen . Ich bin mir fremd und kann mich in mir selbst nicht finden . Welch ' ein gebrechlich Ding ist , was wir oft in uns als Kraft bezeichnen möchten , weil wir ertragen konnten , was Andere um uns her erweichte ; und jener eitle Wahn eines steten Muthes , weil uns lang verschonte , was uns zu beugen aufbehalten war , wenn er verfliegt , welch ' einen Blick läßt er in unser Inneres thun , von dem wir ohne Vorwurf kaum uns wenden können ! Es will uns mahnen , als hätten wir Vieles wohl in uns versäumt zur Hülfe aufzuziehen , da wir irrthümlich so stolz des Einen uns gesichert glaubten , was wir Kraft nannten ! Wo ist die Brust , die menschlich fühlt , geliebte Tochter , erwiederte ernst die alte Lady , und dennoch ohne Wanken in immer gleicher Fassung sich rühmen kann , dem Leben zu begegnen . Wir hören darum nicht auf , kräftigen Gemüths zu sein , wenn uns erschüttert , was Gott zur Prüfung dieser Kraft beschließt , sie wird oft erst recht wahrhaft uns zu Theil , wenn wir durchdrungen wurden von ihrer irdischen Gebrechlichkeit . Es hat mir oft scheinen wollen , als deuteten gar Viele den Begriff von Kraft wohl anders , als es vielleicht von Gott bezeichnet ward , und Du , geliebtes Kind , scheinst mir mit Deinen Klagen zuerst Dir selbst zu nahe zu treten . Kraft ist etwas Anderes , als Härte des Gefühls . Du bist nicht schwach , wenn Du tief leidend fühlst , was Gottes Hand Dir auferlegte . In Deinem Schmerze auch liegt Kraft , die Du zerstoben wähnst , weil sie Dich nicht mehr rüstet gegen ihn . Nicht das ist mir als Kraft erschienen , was uns ablöst von dem Allgefühl von Schmerz und Freude , kräftig just scheint mir der Mensch gestaltet , der Raum und Anklang für den Vollbegriff des Daseins hat ; Freud ' und Schmerz muß Recht behalten über ihn , und Streit und Widersprüche dürfen ihn bewegen . Immer wird er noch zum Bund der Starken sich zählen dürfen , denn wenn Du reich begabt in ' s Leben trittst , ergreift es Dich auch reich , Du trachtest es zu heherrschen , es reizt Dich , daß Du von ihm beherrscht Dich fühlst . Dies Ringen um den Preis der Freiheit ist das Ziel , das jeder starken Seele vorschwebt , und jeder Siegende muß Kämpfer gewesen sein . Was Dich alsdann erquickt , nenn ' es Frieden , nenn ' es Geduld , es ist so schwer , es zu erringen , daß auch der Starke es spät erst in seiner vollen Bedeutung sein eigen nennt . - Geduld , geliebte Mutter , nennst Du dies Lammgefühl , was die Natur , ohne alle Zugabe und Verdienst , oft in die Brust des schlaffsten Wesens bei der Geburt schon legte ? Nennst Du es synonym mit Kraft , während mir beide als Pole in der menschlichen Natur erscheinen ? Ist denn Geduld nicht just der Mangel aller Kraft ? Wird der , der Muth in sich fühlt , dem Leben die Gestaltung abzuringen , die er in sich beschlossen , als die rechte , wird er , anstatt zu thun , wozu die Kräfte ihn beriefen , als thatenloser Zeuge stehn und bloß empfangen , gut oder schlecht , was Andere statt seiner beschlossen ? - Wer hat gelebt und nicht erfahren , liebe Tochter , daß jenen muthigen Beschlüssen im Gelingen die Grenze gesteckt ist . Wir schauen das Leben an , ein lieblich Räthsel in der Jugend , von dem wir nur glückliche Auflösung hoffen . Es widerstrebt dann später , und wir entzücken uns im Widerstande , der unsere Kräfte weckt , im heißen , aber genügenden Gefühl so viel zu geben , als wir nehmen . Wer kräftig erschaffen ward , der träumt , das Leben sei in seiner kühnen Hand ; nach Außen hin sieht er Hoffnungen erweckt und suchet große Dinge ; doch ist kaum der Gipfel erreicht , wo er beginnen wollte , und es bricht zusammen , was in dem Bereiche dieser Trümmer lag , was er just schaffen und erreichen wollte . Gar leicht erscheint da dem Besten auch der Augenblick , wo er sich frägt , ob er die Welt , ob die Welt ihn betrogen habe . Der Kräftige überlebt diesen Augenblick , und was dann in ihm ersteht , beglaubigt erst , was früher er verheißen . Zwischen Wollen und Gelingen ist die geheimnißvolle Tiefe ihm aufgedeckt . Die Grenze , die dem raschen Schritte von Außen ward gesteckt , er steckt sie selbst sich in die feste Brust . In sich zurückgewiesen , sammelt er die Schätze , die so reizend aus sich selber ihn herausgelockt ; und was aus diesem züchtig eingehegten Schatze nach Außen dann wieder dringet , es will nicht sich , es will dem Guten helfend sich erweisen . Auf diesem Wege kömmt im Starken , und just allein in ihm , das große Wort zu Ehren , was ich Dir nannte : Nenne es Frieden , nenn ' es Geduld ! - O Mutter , wie Wenige verdienen dann Dein heilig Wort ! Wie schnöde hab ' ich selber auf dies Gefühl geblickt , was aus Deinen Worten zum Heil ' genschein mir wird , um eines Märtyrers vernarbte Stirn ! - Und wer auch , meine Tochter , ruft die Deutung dieses Wortes uns himmlischer zurück , als diese Muster höchster Kraft und Tugend ? Lohnte ihnen denn auf ihrem Wege der irdische Erfolg ? Glichen sie nicht alle , von dem Höchsten an , dem Säemann , der lang vor der Ernte dem Felde entrückt ward , das er in dürrer Zeit , den jungen Keim zu nähren , mit seinem eignen Blute sanft beträufte ? War die Geduld , mit der sie schieden , nicht dieser höhere Aufschwung ihrer Seelen , war sie nicht Kraft ? - Sie war es , theure Mutter ! Nie habe ich dies verkannt , und doch ist mir die Anwendung für unser kleines Leben , ich gestehe es Dir , nie ganz so klar geworden . Es ist mir , als müßte ich die Bedeutung , die heute mich davon durchdrungen , in alle Welt verkündigen , daß Keiner länger wähne , er sei in Kraft , wenn er dem Leben grolle , das von seinem eitlen Streben ihn verwiesen und eine Bahn ihn führt , die minder den stolzen Träumen genügt , die er sich selbst erschuf . - Der ist der Schwache , liebes Kind , der unablässig dem Phantome seiner Eitelkeit nachschleicht , der daran selbst sich zehrt , in ewig unbefriedigter Empfindung , und dem Individuum hassend aufzubürden strebt , was seine eigne Schwäche ihm geboren . Doch laß mich ein Ziel finden , habe ich nicht zu lange in diesem unbequemen Lehnstuhl Dich gefesselt bei Deinen Leiden . - Glaube das nicht , geliebte Mutter ! Ein Engel führte meine wankenden Schritte zu Dir , immer ist Deine liebe Nähe der Balsam für mein Herz , doch heute haben Deine Worte mich erhoben , Du weißt nicht wie , und wie just zur rechten Zeit ! - Gelobt sei Gott ! sagte die alte Lady und küßte der scheidenden Herzogin die Stirn , wir müssen stets mit Rührung und mit Dankbarkeit es hören , wenn Gott sich unserer bedient , denen wohlzuthun , die er liebt . Als die Damen sich bei der Mittagstafel wieder fanden , zeigte die Herzogin ihrer Schwiegermutter an , daß sie Briefe aus London von Lord Archimbald und ihren Söhnen habe , und daß sie in einigen Tagen schon ihren Schwager und den jungen Herzog zurück erwarten dürfe . Ihre Töchter und Mistreß Dedington und Carby forderte sie dagegen auf , den Nachmittag der fremden Lady einen Besuch zu machen . Lucie schlug entzückt in die Hände , und es war seit lange wieder das erste heitere Mittagsmahl ; denn auch die nahe Ankunft des Oheims und Bruders schien auf die verschiedenen Hausgenossen nach Maaßgabe ihrer Verhältnisse belebend zu wirken . Doch Luciens Vergnügen kannte keine Grenzen . Die fremde Lady , der Bruder , der Oheim , Alles reizte ihre natürliche gute Laune , und Ramsey und Pons und Ottwey und Jepson und andere ihrer Lieblinge mußten durch tausend kleine unschuldige Neckereien der Ableiter werden , bis sie die Füßchen zu ihren Sprüngen gebrauchen durfte . Mit einem Mal rief sie : Liebe Mama , Du hast uns noch nicht gesagt , wie die fremde Lady heißt ; wie sollen wir sie nennen ? - Darnach fragte ich nicht , mein Kind , denn es geziemt sich nicht , den , der unsern Schutz genießt , mit Fragen der Art zu belästigen . - Aber warum sagte sie ihren Namen Dir nicht ? fragte Lucie weiter . - Ich wünschte nicht , daß sie Dinge spräche , die sie angriffen , da Doktor Stanloff sie geschont wissen wollte . - Lucie wollte eben weiter fragen , warum die Nennung ihres Namens angreifend sei , als die Herzogin nach einigen leisen Worten gegen ihre Schwiegermutter zugleich mit derselben sich erhob , mit dem Bemerken , sie wünsche , daß man sich beim Desert nicht stören lasse , welches ein Zeichen war , daß die beiden Damen allein sein wollten . Als die Herzogin ihre Schwiegermutter zum Kamin geführt hatte , nahm sie die empfangenen Briefe , und mit der ehrfurchtsvollen Aufmerksamkeit gegen ein Familienhaupt , als welches die alte Herzogin , trotz ihrer bescheidenen Zurückhaltung , immer in der Familie angesehen ward , zeigte sie ihr an , daß Lord Archimbald ihr einige Nachrichten gegeben habe , über die schon vor dem Tode ihres Gemahl mit dem Grafen von Dorset angeknüpften Heirathsangelegenheiten zwischen ihrem Sohne Robert und der ältesten Tochter des Grafen , der Lady Anna Dorset . Beide hatten sich , auf der Reise des Herzogs nach Spanien , bereits in London kennen gelernt und , wie es schien , sich gefallen . Die Väter waren sehr erfreut , ihre Wünsche so in Erfüllung gehen zu sehen , und der Oberhofmeister Graf Dorset hatte den nunmehrigen jungen Herzog mit Auszeichnung empfangen , und den Grafen Archimbald und Salisbury alle dem verstorbenen Herzog geleisteten Versprechungen in Betreff der Vermählung wiederholt . Mein Sohn jedoch , fuhr die Herzogin fort , hat es im gegenwärtigen Augenblicke unpassend gefunden , mit seinen Bewerbungen vorzutreten , und obwohl er in dem Familienkreise des Grafen Dorset erschienen ist und mit hoher Bewunderung von der jungen Lady spricht , ist doch seine Absicht darauf gerichtet gewesen , sich seiner Pflichten bei Hofe zu entledigen , um zu uns zurückzukehren . Graf Archimbald wird ihn begleiten , um ihn hier in den auf ihn harrenden Pflichten zu unterstützen ; er hat aber dagegen einwilligen müssen , meinen Sohn Richmond für einige Wochen beim Grafen von Salisbury zurückzulassen , weil derselbe leidend , die Unterstützung einer zuverlässigen und ihm ergebenen Person wünschte . Hier ist Richmonds liebenswürdiger Brief , und hier die Einlage vom Grafen Archimbald . Ich kann Dir nur Glück wünschen , erwiederte die alte Herzogin , zu der Aussicht einer Vermählung , die ich nach meiner Bekanntschaft mit der Familie Dorset heilbringend hoffen darf . Der Graf hat noch eine jüngere Tochter , welche Olony heißt , und Beide , denke ich , konnten unter der Leitung einer solchen Mutter nur gut sich entwickeln . Es müssen übrigens die reichsten Erbinnen in London sein , Olony jedoch bedeutend jünger , als Anna . Lies selbst , liebe Mutter , sagte die Herzogin lächelnd und reichte ihr Graf Archimbalds Brief , was mein Schwager mir über Olony sagt ; denn für Dich wird wohl das strenge Geheimniß nicht obwalten , das er mir anempfiehlt . Du wirst daraus selbst sehen , daß er dies junge Fräulein , das ihn ganz bezaubert hat , nicht umsonst , nächst Anna , für die glänzendste Partie anerkennt , und daß sie ihm für Richmond wie geschaffen scheint . Doch als das Nöthigste erkennt er die größte Geheimhaltung dieses Wunsches , da Richmond sich stets mit einer Art von Geringschätzung über gestiftete Heirathen ausgelassen hat , und dies der erste Grund sein würde , ihn zu entfernen . Ich war nicht ohne Gedanken darüber , sagte die alte Herzogin , es kömmt vielleicht so , ohne unser absichtliches Dazuthun , was allerdings vorzuziehn ist . Es freut mich , daß Katharine von Dorset , die Mutter dieser lieben Mädchen , welche mir kindlich ergeben ist , mir früher , als die Trauer-Nachricht zu uns kam , versprach , ihre Töchter mir zuzuführen . Ich thue daher nichts Absichtliches , wenn ich bei dem nahenden Sommer und meiner Rückkehr nach Burtonhall sie an ihr Versprechen erinnere . - Als man sich an dem Abend desselben Tages getrennt und die Herzogin die übrigen Frauen ihrer Bedienung entlassen hatte , wendete sie sich zu Mistreß Morton , die stets bis zu dem Augenblick bei ihrer Gebieterin blieb , wo diese ihr Lager bestieg , und sagte , die Hand auf ihre Lippen legend , mit leiser Stimme : Gehe , Morton , sieh , ob Alles in Ruh um uns ist , ob der Weg - sie stockte und legte schnell die Hand unter ihre linke Brust , als ob sie einen Schmerz fühle - ob der Weg , fuhr sie mit bebender Stimme fort , leer ist und ungestört über diese Zimmer bis zum italienischen Flügel . Ja , Morton , Du hörtest recht , erschrick nicht , es ist unwiderruflich beschlossen , setzte sie hinzu , da Mistreß Morton zurück wich und ihr Erstaunen fast wie ein kleiner Ungehorsam aussah . Schweig , ich bitte Dich ! Ich möchte in diesem Augenblick nicht gern streng sein , am wenigsten zu Dir , meine treue Freundin , und doch , ich würde den Dienst , den Du mir heute noch leisten wirst , selbst mit Härte von Dir erpressen . - Mistreß Morton kannte ihre Gebieterin zu wohl , um nicht an die Wahrheit dieser Worte zu glauben , aber dies Vorhaben widerstrebte zu sehr ihrem treuen und vernünftigen Sinn , um sich ihm bereitwillig zu fügen . Es steht in Euer Durchlaucht Gewalt , meinen Gehorsam zu erzwingen , sagte die ehrwürdige Frau und senkte bekümmert die Augen zur Erde ; ich fühle dies in diesem Augenblicke seit den langen Jahren , die ich Euch diene , zum Ersten Mal mit Schmerz , denn ich fürchte , Ihr fordert meinen Gehorsam gegen Euer Wohl ! - Genug , genug ! Mache es mir nicht schwer , das ohnehin so Schwere ! rief die Herzogin ohne Unwillen , aber mit tiefem Schmerz ; sei gut , rege nicht mein Herz auch noch durch die Furcht , Dir wehe zu thun , auf . Geh , geh ! Thue , was ich Dich bat , es muß geschehen ! Es wird mir gut thun , laß mich nicht weiter sprechen , und geh jetzt ! Mistreß Morton fühlte , wie umsonst ihr Widerstand sein würde , aber ihr Gesicht war von den Gefühlen ihrer Brust mit dem Ausdruck tiefen Schmerzes umzogen , und die Herzogin wendete sich mit einem Seufzer weg , als die alte Dame stumm eine der Kerzen ergriff und sich aus dem Zimmer begab . Sie untersuchte mit trüber Ahnung die Ruhe des Schlosses und kehrte , nachdem sie überall Alles still und ruhig gefunden , mit schwerem Herzen nach dem Schlafgemach zurück . Sie fand dies leer ; aber die Thüre , die nach dem Chorstuhl in der Kapelle geöffnet war , deutete an , wohin die Herzogin mit ihrem beladenen Herzen sich geflüchtet . Voll Ehrfurcht , und erhoben von der Erinnerung an diesen höchsten Trost , faltete Mistreß Morton ihre zitternden Hände , und das kurze , aber innige Gebet ihres treuen Herzens war so uneigennützigen Inhalts , wie wohl selten zu dem Throne Gottes dringen mag . Ihre Gedanken wurden jedoch jetzt abgezogen durch die Worte , welche aus der Kapelle zu ihr drangen und der Schluß eines Gebetes zu sein schienen , das mit starker flehender Stimme gesprochen wurde : Herr , segne den schwachen Willen meines Herzens , laß mich Milde üben und belebe mit dem Geiste Deiner unerschöpflichen Güte diese erkaltete Brust . Du siehst in die Tiefen der Seele , Du kennst die Gedanken , ehe sie entstehen ! Vor Dir sinkt das Gerüst des Stolzes und der Eitelkeit , wohinter wir unser Gewissen zu bergen suchen . So erwecke mich denn und rüste mich aus , Deinen Willen zu erfüllen . Nicht das geschehe , was ich in meiner irdischen Schwäche begehre , sondern das , was Du willst , das lehre mich thun , und Dein guter Geist führe mich auf ebener Bahn ! - Es ward still , und bald erschien die Herzogin an dem Eingang der Thür , und als ihr Blick auf Mistreß Morton fiel , die mit gefalteten Händen , den Kopf in Andacht auf die Brust gesenkt , ihr gegenüber stand , schritt sie ihr entgegen und sagte mit gehobener Stimme : Amen ! - Amen ! erwiederte Mistreß Morton leise . Beide Blicke trafen sich , und die Scheidewand zwischen Herrin und Dienerin sank nieder in dem frommen Gefühle , womit Beide erfüllt waren . Die Herrin ruhte einen Augenblick an dem mütterlichen