hatte . Da erhielt ich ein Billet , und sah mich in einer Verlegenheit , die ich mit allem Aufwande meines bißchen Verstandes nicht zu besiegen vermochte , und von welcher ich mir doch gestehn mußte , daß ein kluger Mann sie spielend gelöst haben würde . An jenem Tage gelobte ich mir , nie mich als Opfer meiner Täuschungen bekränzen zu lassen , nichts sein und vorstellen zu wollen , als eine untergeordnete , hülfsbedürftige Frau . Welches Glück , welchen Frieden hat mir diese Erfahrung bereitet ! Ich erzähle Ihnen dieses nur , um Sie womöglich zu überzeugen , daß die Einkehr in uns selbst uns nicht dem Leben entfremdet , uns vielmehr mit freierem Blicke dem Leben zurückgibt . Was haben wir denn eigentlich , wenn wir nichts haben , als unsre Irrtümer und den kühnen Willen , sie , koste es , was es wolle , festzuhalten ? Ein Tröpfchen Wahrheit ist ja mehr wert , als der ganze Strom selbstgeschaffner Einbildungen , auf dem wir , vertrauen wir demselben unser Schiff an , wer weiß ? zu welchen öden Küsten geführt werden . Könnte ich Sie überreden , einmal das , was Sie Unmöglichkeit nennen , zu besiegen ! In jedem Menschen ist ein grauer Fleck , den wir doch ja nicht mit Blumen überdecken sollten ! Jenseit dieser dunklen Stelle liegt erst unser beßres Selbst . Alles , was Sie , wie Sie sich auszudrücken pflegen , hemmt , empfängt Ihren Haß , aber wenn ich Ihnen die Frage vorlegte : ob Sie wohl je erforscht haben , was in Ihnen gehemmt werde ? würden Sie mir Antwort geben können , Johanna ? Die Gegenwart umfängt uns mit den Nebeln augenblicklicher Täuschungen . Dagegen ist die Vergangenheit ein fester Spiegel , in dem wir unser Antlitz erblicken können . Diesen Spiegel will ich Ihnen vorhalten , so gut ich es vermag . Vielleicht zeigt er Ihnen , daß an Ihrem Anzuge etwas zu ändern sei . Als der Herzog mich nach dem Tode seines Vaters heimführte , fand ich Sie im Schlosse . Sie waren der Mittelpunkt des häuslichen Lebens gewesen . Die Dienerschaft hatte Ihnen zu gehorchen , jeder Fremde sah in Ihnen die Dame des Hauses . Was für alle Umgebungen seit lange offenbar sein mußte , das Geheimnis Ihrer Geburt , hatte erst kurz vor dem Tode des Vaters aufgehört , für Sie verborgen zu sein . Die Schwachheit entriß dem Greise das Wort , welches seine Liebe zu Ihnen , und den Platz , den er Ihnen eingeräumt , erklärte . Er wollte in Ihnen vor dem letzten Abschiede nicht bloß die Tochter seiner Wahl , er wollte in Ihnen auch das Kind seines Bluts umarmen . Ich kam nun an , die junge Frau ; in strenger Regel erzogen . Meine Lage war nicht angenehm . Hätte der Vater doch lieber sein Geständnis mit in die Gruft genommen ! Mich dünkt , es ist nie gut , zu erfahren , daß unser Dasein mit den Einrichtungen der Welt in Widerspruch steht . Sie fühlten sich ; was war verzeihlicher , als daß Sie sich in Ihrem natürlichen Rechte zu behaupten suchten ? Sie sind großmütigen Sinns ; vielleicht wirkt es auf Sie , wenn ich Ihnen bekenne , daß ich in den ersten Zeiten meines Ehestandes viel gelitten habe . Ich machte keine Ansprüche , aber ich war denn doch die Gattin des Herrn . Und nichts um mich her war so , wie ich es mochte . Jener Kreis , den Sie herbeigezogen hatten , er war der nicht , in dem mir das Herz aufging , er konnte nie der meinige sein . Große Gaben hat mir der Himmel nicht beschert , aber ich vermag das Wahre vom Falschen zu unterscheiden , und in Ihrer Gesellschaft , bei dem Anblick der allgemeinen Kälte wehte mich oft ein Schauder des Todes an . Ich beschloß , diese Menschen zu dulden , aber ihnen entgegenzukommen , mit dem Wunsche , sie zu fesseln - dazu war ich außerstande . Sie verstanden mein Benehmen unrecht ; ich fühlte , daß ich bei Ihnen für eine stumpfe , neidische Seele zu gelten begann . Am besten kommen wir mit denen , die uns nahegestellt sind , aus , wenn wir uns geradezu entschließen , sie zu lieben . Ich nahte Ihnen mit dem aufrichtigen Verlangen nach Ihrer Freundschaft . Ob Sie hierunter irgendeine künstliche Absicht suchten , weiß ich nicht . Genug , ich wurde wieder mißverstanden . Sie wichen mir mit der ganzen Gewandtheit Ihres Geistes aus . Nun konnte ich freilich nichts weiter tun , als mich auf meinen Gatten und micht selbst beschränken . Es kam jene Zeit des gegenseitigen Beobachtens und Deutens , die uns beiden wohl immer eine trübe Erinnrung sein wird . Inzwischen setzte der Herzog , welcher , mit wichtigeren Dingen beschäftigt , auf den geheimen Zwiespalt seiner Frauen nicht achten konnte , die Reformen fort , welche er nach des Vaters Tode begonnen hatte . Unter den Klagen entlaßner Müßiggänger , die auf meiner Schwelle lagen , umgeben von verdrießlichen Gesichtern derer , die auf schmalere Bissen gesetzt worden waren , sollte ich ihm mit Meinung und Rat beistehn , ich , die ich mir selbst nicht zu raten wußte , ich , unter deren Füßen der Boden schwankte ! « ( Einige Tage später ) » Am tröpfelnden Tage wünschen wir uns klaren Himmel , und wenn dann der schwüle Druck des glühenden Sonnenbrandes auf uns lastet , so hätten wir gern die kleine Unbequemlichkeit wieder . - Jene , mindestens unschuldige Gesellschaft hatte sich weggewöhnt , dafür kam der Verderber ins Haus , und bemächtigte sich Ihrer . Wie oft wünschte ich , von seiner unheimlichen Nähe bedrückt , mir den Schwarm zurück ! Ich rede von Medon . Ich fürchte ihn nicht , und nichts in der Welt soll mich abhalten , über ihn zu sprechen , wie ich denke . Er ist böse , grundböse ; er ist böser als Worte sagen können . Dieser Mann hat gewiß noch niemand ermordet , aber er wäre imstande , das Menschengeschlecht zu vergiften , um den Raum für seine eingebildete Schöpfung zu gewinnen . Ich schelte Sie nicht , daß Sie in seine Schlingen gefallen sind - mußte ich doch selbst meinen Kopf zusammennehmen , um nicht von ihm bezaubert zu werden . Aber als ich an hundert kleinen untrüglichen Zeichen sah , daß er nur ein Schauspieler , wiewohl ein überaus großer war , daß er mit Wissen , Geschichte , Religion , mit dem Ideellen seiner ganzen Erscheinung immer auf Effekt abzielte , da ergriff mich auch ein Widerwille gegen ihn , wie ich ihn noch nie gegen einen Menschen gefühlt hatte . Mit Entsetzen bemerkte ich , daß Ihre Seele einem solchen Eindrucke nicht zu widerstehn vermochte . Ich sah Ihr wachsendes Zutrauen , ich sah , - verzeihen Sie mir , daß ich es ausspreche - wie er mit Ihnen spielte . Leider sind wir ja immer am schwächsten , wenn wir nicht schwach sein wollen . Der Herzog teilte meine Besorgnisse , die Sie freilich von uns nicht hören mochten . Wir waren nun einmal in Ihren Augen prosaische Naturen . Ich sah Sie dem Abgrunde zuhüpfen , und Sie stießen mich zurück , als ich Sie aufhalten wollte . Was ich lange geahnet , erfolgte endlich : ein auffallender Bruch aller Verhältnisse . Medon nahm Abschied und reiste ; Sie entfernten sich gleichzeitig ohne Abschied , und ein zurückgelaßnes kurzes höfliches Billet sagte uns , daß Sie es Ihrer Neigung angemessen fänden , einen andern Aufenthaltsort zu wählen . Seit dieser Zeit waren Sie für uns verschwunden . In der alten Burg , wo wir uns auf unsrer Rückreise aus Osterreich nach Ihnen erkundigten , haben Sie mit ihm unter fremden Namen einige Monate lang gelebt . Betrachtungen über diese Geschichte anzustellen , halte ich für überflüssig . Redet sie selbst nicht zu Ihnen , so würde mein Wort auch kraftlos sein . Nur noch eins : Nicht die Liebe hat Sie hingerissen . Die Liebe macht still und weich ; so sah ich Sie nie , Sie waren aufgeregt , nicht bewegt . Ihre Unzufriedenheit mit dem , was Ihnen das Schicksal zugemessen hatte , Ihre Sehnsucht nach der Ungebundenheit , die nun einmal dem Weibe nicht beschieden ist , fand an Medons größerer Unzufriedenheit mit den Menschen und mit der Gegenwart , an seinem Fanatismus für einen erträumten besseren Zustand der Dinge , gleichsam die Beglaubigung , den Anhalt . Aus dieser Sympathie des Mißvergnügens ist Ihr Verderben gewoben worden . Die Hand auf das Herz , Johanna , habe ich unrecht ? Man nennt Sie vermählt . Das glaube ich nicht . Ein Medon verheiratet sich nicht . Sie haben Ihr Los jemandem vertraut , der bei seinen Handlungen sehr wenig an Sie denken wird . Kehren Sie zurück , Johanna ! Sie wandeln einen schmalen gefährlichen Weg ; lenken Sie ein in die gebahnte Straße ! Kein Blick des Vorwurfs wird Ihnen hier begegnen . Der Herzog ist Ihnen brüderlich gesinnt ; die Bitte des sterbenden Vaters bleibt ihm ein Befehl für das Leben . Gern wird er Ihnen das Landhaus , welches Sie liebten , so lange Sie wollen , einräumen . Da können Sie in der Stille , fern von unangenehmen Erinnrungen , sich zurechtfinden , können mit uns wieder anknüpfen , wann und wie Sie mögen . Ihr Ruf ist bewahrt ; die Freunde wissen nicht anders , als daß Sie eine Reise gemacht haben . Mich sehen Sie erst , wenn Sie selbst es wünschen . Kehren Sie zurück , Johanna ! « Diesen Brief , so freundlich er klang und so innig er gemeint war , hatte die Herzogin dennoch mit großem Widerstreben geschrieben . Beinahe hätte ein Zufall das mühevolle Werk vernichtet . Sie besaß einen zahmen Papagei , der frei im Zimmer umherspazierte , und von der Gebieterin verzogen , nach der Weise dieser affenähnlichen Vögel , tausend Possenstreiche ausgehn ließ . Er pflegte in der Regel ernsthaft auf der Lehne ihres Stuhls zu sitzen , wenn sie arbeitete oder schrieb . Als sie eben mit dem Briefe fertig geworden war , schoß er von seinem Platze auf die Klappe des Sekretärs , hatte den Brief im Schnabel , und war damit im Umsehn weg . Schon saß er in einer Ecke , bereit , das Papier mit Schnabel und Krallen zu zerarbeiten . Sie jagte ihm den Raub zwar wieder ab ; ob sie aber sehr gezürnt haben würde , wenn der Vogel die Vernichtung vollendet hätte , steht dahin . Siebentes Kapitel Während seine Wohltäter auf so verschiedne Weise beschäftigt waren , lag Hermann noch immer in der Bewußtlosigkeit des Fiebers . Beinahe etwas zu hart war er für seinen irrtümlich verwendeten Eifer bestraft worden . Denn der Degen des alten Raufbolds hätte nur noch einen Zoll tiefer zu schneiden gebraucht , so wäre die Leber verletzt gewesen . Eine geraume Zeit lang hatte er ohne Hoffnung gelegen . Nach und nach kehrte die Besinnung zurück , anfangs wie ein dämmernder Traum , dann wie ein blasser , zarter Tag . Als er die Augen aufschlug , sah er einen ernsthaften Mann an seinem Lager sitzen , der ihm die Medizin reichte . Er kannte den Mann nicht . Ein andrer Unbekannter , schwarzlockig , kam und fühlte den Puls . » Wo bin ich ? « fragte er mit matter Stimme . » Bei Freunden « , versetzte der Arzt ; » halten Sie sich ruhig . « Die nächsten Tage vergingen unter der treuen Obhut jener Männer . Er hatte das Gedächtnis eingebüßt . Als man ihm den Herzog nannte , die kleine Stadt , in deren Nähe man ihn verwundet gefunden , wußte er von nichts . Seine Sinne litten an krankhafter Reizbarkeit , wenn er etwas Rauhes anfaßte , schmerzten ihm die Fingerspitzen , ein hartes Auftreten dröhnte ihm im Ohr , das helle Tageslicht hätte er nicht zu ertragen vermocht . Bei der Dämmrung verhangner Fenster bekam er Zeit , seine Lebensgeister wieder zu sammeln . Er fand sich in einem hohen ernsten Zimmer . Alte Stukkatur verzierte die Decke , von den Wänden hingen schwere , rote Tapeten herab , massive , vorzeitliche Meubles standen umher . Große eichne Flügeltüren wiesen nach andern Gemächern . Kaum hallte ein Fußtritt durch den Gang . Man hatte den Verwundeten absichtlich im stillsten Teile des Schlosses untergebracht . Die Einsamkeit und die altertümliche Umgebung machten einen angenehmen Eindruck auf ihn , welcher durch die Töne der Orgel , zu bestimmten Morgen-und Abendstunden aus der nahen Kapelle herüberklingend , noch verstärkt wurde . Wilhelmi und der Arzt erschienen pünktlich mehrmals des Tages , der alte Erich versah die Aufwartung . Nach und nach traten die Bilder der Tage , welche diesem einförmigen Zustande vorhergingen , aus dem Dunkel , aber wie Schatten , ohne rechten Zusammenhang . Er suchte nach einem festen Punkte , er hätte sich um sein Leben gern auf eine Gestalt besonnen , die ihm nicht erinnerlich werden wollte . Einst brachte ihm Wilhelmi eine Schale voll der schönsten Pfirsichen . » Diese Früchte schickt Ihnen die Herzogin « , sagte er . Die Herzogin ! Der Name durchzuckte ihn wie ein Blitzstrahl . Sie war es , die Gestalt , nach welcher er vergebens bisher gesucht hatte . Nun sah er sie , nun stand sie vor ihm , in dem feinen , braunen , englischen Kleide ; er hörte sie in der Kapelle ihn zurückweisen , er half ihr vom Zelter , er empfing von ihr das Geld , Flämmchen zu retten . Alles , jeder Moment war ihm mit einem Schlage gegenwärtig . Wilhelmi lächelte über die Ausrufungen , welche bei dieser Gelegenheit laut wurden . » Unsre Fürstin verdient Ihren Enthusiasmus « , sagte er . » Sein Sie nur recht dankbar , wenn Sie Ihr Zimmer wieder verlassen haben werden , sie hat große Teilnahme an Ihnen bezeugt . Man hat Sie uns grade zur rechten Zeit ins Schloß getragen . Wir andern sind mit unsern Geschäftsgesichtern jetzt wenig geeignet , sie zu unterhalten , wie sie es verdient . Er ließ Hermann allein , der sich in diesen süßschmerzlichen Fall nicht zu finden wußte . » Aufgedrungen bin ich hier . Welches Geschwätz , daß sie teil an mir nehme ? Ja , den Almosenanteil eines gewöhnlichen Mitleids ! « rief er aus . Nicht lange konnte er dieser Wehmut nachhängen . Die Türe flog auf , und Flämmchen herein . Tränen im Auge fiel sie ihm zu Füßen , drückte und küßte seine Hand , und war wie außer sich vor Freude , daß man sie wieder zu ihm gelassen habe . - » Ich hatte das beste Mittel , dich in drei Tagen gesund zu machen , das wollte ich dir eingeben , da rief mich der böse Doktor von dir , und sie haben mich abgesperrt gehalten . O , hier ist es sehr häßlich , alles so gleich und langweilig , wie im Grabe , laß uns bald fort ! « Sie drückte seine Hand so , daß er sie unter empfindlichem Schmerze zurückzog . Langsam kehrte ihm die Erinnrung an diese Figur wieder . » Ich habe meine Wunde um dich bekommen , welche Not wirst du mir noch sonst verursachen ? « sagte er . » Wie konntest du so unbesonnen sein , mir als Knabe zu folgen ? « » Es war doch gut , daß der Knabe bei der Hand war « , versetzte sie trotzig . » Du hättest sonst unter den Fichten verbluten müssen . Wie sprichst du denn ? Ich dachte , die Schmerzen hätten dich vernünftiger gemacht . Wo soll ich anders sein , als bei dir ? « » Es ahnet doch wohl niemand hier dein Geschlecht ? « Sie sah ihn starr an . » Geschlecht ? Was ist das ? « Hermann befahl ihr streng , sich ordentlich zu betragen , und nicht aus dem Vorzimmer zu weichen . Er drohte ihr mit augenblicklicher Verstoßung , wenn sie mit irgend jemand , außer mit ihm spräche . Traurig , den Kopf hängend , schlich sie fort . Der Arzt , der ihn schon für geheilt erklärt hatte , fand ihn gegen Abend verändert . Gemütsbewegung und Sorge hatten ihn aufgeregt , es meldete sich wieder ein kleines Fieber . Auf seine Fragen wollte Hermann mit der Sprache nicht heraus . Die Tür zum Vorzimmer war offen geblieben , Flämmchen saß am Tische und studierte in einem Punktierbuche . Ein verlegner Blick Hermanns auf sie verriet , woher das Fieber rühre . Der Arzt zog die Türe zu . » Beruhigen Sie sich « , sprach er , » Ihr Geheimnis mit dem Mädchen ist unentdeckt , und soll unentdeckt bleiben , wenn Sie vernünftig sind . « » Geheimnis ? Mädchen ? Ich verstehe Sie nicht « , stotterte Hermann . » Gemach , mein Freund , nur keine Maske . Vor seinem Arzte muß man offen sein , auch sind wir in solchem Punkte nicht so leicht zu täuschen . Sein Sie unbesorgt , ich weiß es , sonst niemand . Unser Wilhelmi sieht vor der Verderbnis des Zeitalters im allgemeinen , das besondre Fleckchen zu seinen Füßen nicht , dem Herzog sind alle romantischen Dinge Allotria , um welche sich ein Mann , der Geschäfte hat , nicht bekümmert , und unsre schöne fürstliche Tugend glaubt an nichts Schlimmes , weil sie selbst nie einen bösen Gedanken gehabt hat . Die Kammerjungfer , welche etwas erlauscht haben mußte , hat Sie anschwärzen wollen ; sie ist heute als Verleumderin des Dienstes entlassen worden . Daß ich es treu mit Ihnen meine , können Sie daraus abnehmen , daß ich Ihrem Fritz , oder wie dieser Jüngling sonst heißen mag , sein langes Haar , welches leicht zu einer Entdeckung führen konnte , habe abscheren lassen . Als Schwedenkopf geht er schon eher mit durch . « » Um Gotteswillen , urteilen Sie nicht übel von mir ! « rief Hermann . » Ich brauche mich des Verhältnisses zu jener Unglücklichen nicht zu schämen . « » Ich bin kein Richter , und am wenigsten ein Sittenrichter « , erwiderte der Arzt etwas spöttisch . » Die Moralität unsrer Kranken geht uns nichts an . Aber mein tugendhafter Freund , hier in diesem ehrbaren Altvaterschlosse darf der Skandal nicht fortgesetzt werden . Denn ein Skandal bleibt es doch immer , wenn ein verkleidetes Mädchen , welches die Kinderschuhe vertrat , sich bei einem jungen Manne aufhält . Nur unter der Bedingung schweige ich , daß Sie diesen Zwitter so bald als möglich fortschaffen . « Hermann erklärte dem Arzte , daß es sein eigner sehnlichster Wunsch sei , Flämmchen irgendwo sicher unterzubringen . Er wollte ihn über das Mädchen ausholen , bekam aber anfangs nur ziemlich ironische Antworten zu hören , welche deutlich anzeigten , wofür er gehalten werde . Zuletzt gab der Arzt dem Andringen Hermanns verwundert nach , und rief : » Entweder sind Sie ein vollendeter Heuchler , oder hier ist etwas , was mir mein Konzept über die Menschen verrückt ! Wie ? Sie sollten von ihr so wenig wissen , und doch wäre sie bei Ihnen ? Sie hätten sie nicht ihrem Vater entführt ! der alte Johanniter hätte Sie nicht für dieses Unterfangen verwundet ? « » Wer kann das behaupten ? « » Die beiden Alten haben es überall ausgesagt . Ich hatte Mühe genug , die Sache zu stillen . « » In welcher schrecklichen Verlegenheit befinde ich mich ! « seufzte Hermann . - Die Mitteilungen des Arztes flößten ihm ein Grauen gegen das Wesen ein , welches sich so gewaltsam so seinen Spuren nachdrängte . » Sie ist « , berichtete jener , » durchaus und bis in die letzte Faser ihrer Natur Aberglauben , und nie habe ich diese geistige Krankheitsform so rein auftreten sehn . Ich habe jetzt über alles , was uns das Mittelalter von Hexen , Besessenen , Doppelgängern und ähnlichen Fratzen erzählt , durch sie eine andre Meinung bekommen ; diese Dinge waren keineswegs Pfaffentrug ; ich sehe an einem lebendigen Beispiele , daß eine verstörte Einbildungskraft alles das hervorrufen kann . Sie tut keinen Schritt , ohne irgendein willkürliches Orakel zu fragen , sie hat Visionen , sie führt im Mondschein sonderbare Gespräche mit ihrem Schatten , dabei ist sie durchaus nicht heimlich und verschlossen , nein , man kann ihre ganze Verkehrtheit in jedem Augenblicke von ihr erfahren , weil die abenteuerlichsten Dinge ihrem Geiste so gemein erscheinen , wie uns der Wechsel der Tageszeiten . Ihr Verderben wäre sie gewesen , kam ich im rechten Augenblicke nicht noch dazu . Gerade , als Sie in der heftigsten Fieberhitze lagen , fand ich sie im Begriff , Ihnen einen Trank einzugeben , der , wie mich die Untersuchung des Gemisches lehrte , Sie in wenigen Stunden getötet haben würde . Woher sie die Spezies bebkommen ? Von wem das Zeug bereitet worden ? habe ich nicht ausmitteln können . Zufälligerweise geriet mir kurz nachher eins jener alten verworrnen Büchelchen aus dem siebenzehnten Jahrhundert in die Hände , worin allerhand Phantastereien als Naturkunde prunken , und darin fand ich das Arkanum Ihrer unberufnen Helferin als allgemeinen Lebensbalsam Gran für Gran verordnet . « » Aber wie ist nur eine solche Verbildung möglich geworden ? « » Fragen Sie mich in Ernst , so kann ich darauf nur Mutmaßungen mitteilen . Sie wuchs auf unter Leuten , deren eigentliches Geschäft es ist , alle ihre Stunden in Schein und Schaum zu verzetteln . Denken Sie sich lebhaft das Innere einer Komödiantenwirtschaft , und Sie haben das Bild der Gemeinheit und faselnden Dämelei , von welcher das Kind immer umgeben war . Die Einbildungskraft überragt in ihr alle andern Vermögen , dabei fehlt ihr das Talent der Nachahmung , woraus die Schauspielkunst entspringt . Es mangelte ihr also in jenem Kreise die Möglichkeit , mit dem Äußeren , Wirklichen anzuknüpfen . Sie ist sehr unwissend , Lesen und Schreiben hat man sie zur Not gelehrt , übrigens weiß sie von dem Zusammenhange der Dinge nichts , und alles Überirdische ist ihr völlig fremd . Gleichwohl will ein lebhafter Sinn , eine entzündliche Phantasie Beschäftigung . Früh mögen ihr manche Sachen in die Hände gefallen sein , die im verflossenen Jahrzehnt Mode waren ; jene talentvoll-bizarren Ausgeburten eines vielgelesenen Autors , worin das Märchenhafte , ja das ganz Unmögliche und Widersinnige dicht an die tägliche Umgebung geschoben wird . Fabeln , die aus fabelhaftem Rahmen blicken , wären wohl kaum imstande gewesen , die junge Törin so zu verwirren , aber diesen alten Weibern , welche so vertraut an der und der Straßenecke sitzen , und dann plötzlich Gott weiß was ? werden , diesen Koboldchen und Diavolinis in Schlafrock und Pantoffeln , vermochte das Gehirnchen keinen Widerstand zu leisten . Sie hat sich eine Art von Fetischismus gebildet , und es ist mir oft merkwürdig gewesen , an ihr dasselbe wahrzunehmen , was man uns von den Völkern erzählt , die sich noch auf der Stufe der Kindheit befinden . Im ganzen bemerkte ich nämlich auch an ihr , daß alle Religion aus dem Schrecken entspringt , und daß der Mensch das Gute und Angenehme als sich von selbst verstehend , hinnimmt . Der große Stein im Schloßhofe , an dem sie sich im Sprunge den Fuß verletzte , ein alter fauler Weidenbaum , der ihr , als sie sich eines Abends verspätet hatte , zum Entsetzen ins Auge glühte , die verwitterten , in den dunklen Gang nach dem Archive beiseite geschafften Gartenstatuen , sind die Gegenstände ihrer heimlichen , fürchtenden Verehrung ; während sie bei keiner Blume an etwas andres denkt , als daß sie wohl rieche , den Sonnenschein und die gute Speise genießt , ohne darüber nachzusinnen , woher beides stamme . « Achtes Kapitel Eine bedeutende Krankheit kann bisweilen ein Glück sein . Unser Leben wird zur größeren Hälfte von Gewohnheiten , und nur zur kleineren von Freiheit und Entschluß genährt . Gewohnheiten aber sind meistens die Polster , welche die schwachen Seiten unsrer Natur sich unterlegen . Eine Krankheit unterbricht nun den einschläfernden Gang dieser Nachgiebigkeiten , und macht es dem Genesenden möglich , sich nicht bloß im körperlichen , sondern auch in einem höheren Sinne , wie neugeboren zu fühlen . Wirklich nahm sich Hermann in den ersten Tagen des wiedergeschenkten Lebens ernstlich vor , künftig vorsichtiger zu sein . Die Äußerungen des Arztes hatten schon ein unangenehmes Streiflicht auf seine Ritterschaft geworfen , und Flämmchens eigne Reden dienten nur dazu , den Tag heraufzuführen , bei dessen Glanze er sich zuletzt wie ein zweiter Don Quixote vorkommen mußte . Das wilde Mädchen hatte gar kein Hehl , daß sie sich bloß vor der Strenge des alten Johanniters gefürchtet habe . Ihre Tugend war durchaus nicht in Gefahr gewesen , das sah ihr Beschützer nunmehr zu seinem Leidwesen ein . Es war ihm unbegreiflich , wie sich ein solches Hirngespinst in ihm hatte festsetzen können , und er beschloß , hinfort noch kälter und klüger zu sein , als er nach seiner Überzeugung bereits war . Die Lage , in der er sich trotz aller Unschuld befand , war sehr zweideutig . Ein junges Mädchen , verkleidet , Tag und Nacht in seinem Vorzimmer zu wissen ; welches Mißgefühl für ihn , welch ein Anlaß zu den übelsten Verwicklungen ! Aber wohin sollte er mit dem Kinde ? Vom Pflegevater , an den er gleich geschrieben , hatte er eine in schwülstigen Ausdrücken verfaßte ablehnende Antwort erhalten . So grausam durfte er nicht sein , ein verlaßnes Wesen von sich zu stoßen ; und konnte er hoffen , daß jemand sich mit dem verwahrloseten Geschöpfe befassen werde ? Diese Sorgen hielten ihn mehrere Tage lang zwischen Furcht und Zweifel gespannt . Niemand konnte er sich vertraun . Dabei war ihm der Mangel an aller ordentlichen Bedienung äußerst lästig . Sein Kaleb war ohne Ohr für die Stunde , ohne Sinn für Ordnung , warf alles unter- und übereinander , und wenn er ihr Anweisungen gab , oder Strafpredigten hielt , so fiel sie ihm um den Hals , statt zu gehorchen . Er war daher fast allein auf sich und seine Hände beschränkt , und dazu kam noch , daß schon ihr Geschlecht ihm verbot , manches von ihr zu fordern , dessen ein Genesender bedarf . Der Arzt , der allein hier hätte einschreiten können , schien , voll Schadenfreude , kein Auge für diese Verlegenheiten zu haben . Konnte ihm etwas seine verdrießliche Situation erträglich machen , so war es der Umstand , daß das Mädchen über alles , was Lüsternheit oder nur Sinnlichkeit heißen mochte , in völliger Unbekanntschaft lebte . Er sammelte hierüber merkwürdige Erfahrungen ein , und mußte die ewige Konsequenz der Natur bewundern , welche immer nur in einer Richtung bildet und mißbildet . Während ihre Phantasie ganz vom Abenteuerlichen und Seltsamen geschwängert worden war , blieb sie rein von allen den Dingen , womit sich sonst in den Jahren der Entwicklung ein stilles und gefährliches Nachsinnen zu beschäftigen pflegt . Mit dem Gedanken , daß er sie heiraten werde , woran sie starr und steif festhielt , verknüpfte sie keine andre Vorstellung , als daß sie sich neben ihm in weichgepolsterter Kutsche wiegen , oder den Schmuck einer vornehmen Dame am Halse tragen werde . Eines Tages war er auf einen Augenblick ins Freie gegangen , und fand sie , als er zurückkehrte , nicht in ihrem Vorzimmer . Am Pfosten des Bettes hing ein Täschchen , wie es schien , vollgestopft . Ein Buch , das hervorsah , machte ihn neugierig ; er nahm das Täschchen und leerte es aus . Da zeigte sich ein sonderbarer Inhalt . Allerhand Dornen , Stäbchen , beschmutzte Bilder , halbzerbrochne Whistmarken kamen zum Vorschein . Ein sogenannter Krötenstein wurde sichtbar , nebst Stücken von einem Kindesschädel . Er sah ein Band von ungewöhnlicher Farbe , auf dem fremdartige Charaktere eingestickt waren , vermutlich das Ordensband einer Loge , irgendwo verlorengegangen . Er öffnete ein zugenähtes Säckchen ; dieses fand er mit Salz und Kümmel angefüllt1 . Er schlug die Büchlein auf , welche das Täschchen enthielt , und sah die Vermutung des Arztes bestätigt . Es waren einige von den Sachen , die vor Jahren die Einbildungskraft aller jungen Leute so sehr in Bewegung setzten : die » Teufelselixiere « , der » Goldne Topf « , » Rasmus Spikher « u.a.m. teils vollständig , teils in zerlesenen Bogen und Blättern . Er hielt also den Kram in Händen , welcher das Gehirn des armen Kindes verdreht hatte . Mit der Vertilgung dieser äußerlichen Dinge meinte er den Aberglauben an der Wurzel zu zerstören , und warf daher alles rasch in das herbstliche Kaminfeuer . Neuntes Kapitel Eine geheime Scheu hatte ihn noch immer abgehalten , sich seinen Wohltätern vorstellen zu lassen , obgleich er das lebhafteste Verlangen empfand , der edlen Herzogin wieder in das Antlitz zu sehn . Er errötete , wenn er ihrer gedachte , und verschob den Tag des Besuchs von Woche zu Woche , unter dem Vorwande , daß er noch zu angegriffen sei , um in Gesellschaft erscheinen zu können , obgleich der Arzt ihm längst alle Rechte der Gesunden eingeräumt hatte . Diesem Manne mußte er sich dankbar und verpflichtet fühlen ; dennoch empfand er kein Behagen an seinen Gesprächen . Der Arzt hatte seine Wissenschaft mit Geist und Freiheit studiert , die verwandten Naturgebiete waren von ihm in den Kreis der Betrachtung gezogen worden , er teilte sich gern und ausführlich mit . Aber freilich hatten diese Studien die gewöhnliche Folge