Kenntnissen , die den jungen Mann in Erstaunen sezten , weil er bei ihrer einfachen , beinah schüchternen Art sich zu betragen durchaus nicht auf die Vermuthung gekommen war , daß sie so unterrichtet sein könnte . Ohne Absicht von Emiliens Seite mußte er bemerken , daß sie alle neuern Sprachen verstand und die vorzüglichsten Werke in allen gründlich kannte ; so weit aber war sie davon entfernt , aus Eitelkeit diese Gegenstände zu berühren , daß es ihr bei ihrer einfachen Seele vielmehr schien , als verstände es sich von selbst , daß jeder Mensch , der Kunst und Poesie liebe , wenigstens dieß Alles kennen müsse , und da St. Julien mit Feuer und Geschmack über Manches sprach , so sezte sie voraus , daß er weit mehr gelesen habe , als sie selbst , und sezte ihn dadurch zuweilen ein wenig in Verlegenheit , bis er endlich offenherzig gestand , daß er nur wenig Zeit bis jetzt darauf gewendet habe , sich Kenntnisse dieser Art zu verschaffen , und daß die frühe Uebung in den Waffen ihn gehindert habe , in dieser Hinsicht seiner Neigung folgen ; daß er aber nun , da seine Krankheit ihm nicht lange mehr hinderlich sein würde , sich eifrig mit der Erlernung des Englischen und Italienischen beschäftigen wolle . Der Graf bot sich ihm als Lehrer an , und sein Anerbieten wurde mit herzlicher Freude angenommen . Jeder fühlte sich wohl an diesem glücklichen Abend , die Gräfin war ruhig , beinah heiter ; die Erinnerungen an vergangene Leiden schienen für einige Stunden aus ihrem Gedächtniß gewichen zu sein ; der Graf fühlte sich so heiter wie er seit Jahren nicht gewesen war , und St. Julien konnte , indem er abwechselnd Beide betrachtete , nicht mit sich darüber einig werden , wen er seinem Herzen näher fühlte ; wenn aber seine dunkeln Augen einem Blick aus den himmelblauen der schönen Emilie begegneten , dann schlug er sie schüchtern nieder und wagte nicht die holde Gestalt mit in dem Kreise zu begreifen , über den er sich eben die Frage vorgelegt hatte . Als sich das Gespräch wieder auf Musik wendete , versuchte er es auszudrücken , wie sehr ihn Emiliens Gesang am vorigen Abend entzückt habe , und der Graf und die Gräfin forderten ihre junge Freundin auf , einige italienische Sachen aus der älteren Zeit zu singen , um auch den heutigen Tag würdig zu beschließen . Emilie sang , ohne sich zu weigern , und St. Julien gab sich rücksichtslos den süßesten Empfindungen hin ; er konnte sich im Entzücken des Hörens keine größere Glückseligkeit denken , als seine Stimme mit den himmlischen Tönen vermischen zu dürfen , die den rosigen Lippen der jungen Sängerin entschwebten . Als sie geendigt hatte , versicherte der Graf und die Gräfin , ihre Stimme werde täglich schöner ; sie habe nie so vortrefflich gesungen , als am heutigen Abend . St. Julien konnte sich nicht entschließen , mit Worten ihren Gesang zu loben , oder , wie man sich auszudrücken pflegt , ihr etwas Verbindliches darüber zu sagen , aber der dankbare , entzückte Blick , dem Emiliens Augen begegneten , als sie sich zufällig zu ihm wendete , belehrten sie , daß er nicht ohne Empfindung zugehört hatte . Sie scheinen den Gesang sehr zu lieben , fragte ihn nach einigen Minuten die Gräfin , und haben sich gewiß selbst mit Musik beschäftigt ? Ein wenig , oberflächlich , antwortete St. Julien , wie beinah mit allen Dingen , die ich bis jetzt getrieben habe ; aber auch das soll besser werden , fügte er hinzu ; sobald ich wieder hergestellt bin , will ich versuchen , ob ich meine Stimme nicht durch die Krankheit verloren habe , und wenn dieß nicht der Fall ist , Musik und Gesang mit großem Eifer treiben . Singen Sie Tenor ? fragte die Gräfin . Ja , sagte St. Julien , und man versicherte mich oft , ich habe eine recht gute Stimme , die nur ausgebildet werden müsse , dazu mangelte mir aber die Geduld . Ein schöner Tenor , sagte der Graf , ist das seltenste und beinah das schönste Geschenk des Himmels , und es ist eine wahre Sünde , im Besitze einer solchen Gabe zu sein , ohne sie auszubilden . Wie schön wäre es , rief Emilie , wenn Sie erst wieder singen könnten ; wir haben hier ganz vortreffliche Musik , die leider ungebraucht liegen muß ; wie Vieles könnten wir mit einander ausführen . St. Juliens Augen leuchteten und seine Wangen rötheten sich vor Freude bei dieser Vorstellung , und er versprach eben pünktlich Alles zu thun , was seine Genesung beschleunigen könnte , und sich streng den Vorschriften des Arztes zu unterwerfen , als dieser herein trat und , da er St. Julien in der Gesellschaft erblickte , aus Verwunderung drei Schritte zurück sprang : Sie sind hier ! rief er aus der Ferne mit zornig verweisenden Minen , ich wollte Sie eben in Ihrem Zimmer besuchen und dachte Sie ruhig im Bette zu finden . Kommen Sie nur näher , sagte der Graf lachend , und betrachten Sie ihn genauer , dann werden Sie finden , daß es ihm hier gar nicht übel geht . Kopfschüttelnd näherte sich der Arzt und betrachtete ernsthaft den jungen Mann , der sich des Lachens nicht erwehren konnte , als der Arzt mit komischer Feierlichkeit , nachdem er ihn eine Zeitlang betrachtet hatte , seinen Puls untersuchte und dann mit Heftigkeit ausrief : Sie sind der wunderlichste Kauz , der mir noch vorgekommen ist , so lange ich die Arzneiwissenschaft ausübe . Gestern Abend , heute Morgen ohne alle Ursache im höchsten Grade schwermüthig , Puls fieberhaft , alle Lebenskräfte herunter , die Augen ganz matt und todt , so daß Sie mir recht gefährlich vorkamen . Heute Abend ohne Fieber , der Puls sehr gut , die Augen heiter , lebendig , eben so ohne die mindeste Ursache . Die Gesellschaft , sagte der Graf lächelnd , hat ihn erheitert und so diese wohlthätige Wirkung hervorgebracht . Das kann nicht sein , entgegnete der Arzt , ich wollte ihm ja heut Morgen Gesellschaft leisten , ich gab mir alle Mühe ihn zu erheitern , aber wer sich auf nichts einlassen wollte , das war mein Kranker . Ja , dann läßt sich freilich seine Besserung gar nicht erklären , sagte der Graf scherzend , die Ursache dieser Wirkung wird nicht aufzufinden sein . Man muß darüber nachdenken , erwiederte der Arzt ganz ernsthaft ; Jetzt muß ich aber darauf bestehen , sagte er zu St. Julien , daß Sie sich zur Ruhe begeben , das zu lange Aufsitzen ist Ihnen durchaus schädlich . Fügen Sie sich den Vorschriften des Arztes , sagte Emilie , wie Sie es versprachen , damit er Sie recht bald wieder herstellt , und wir bald mit einander das erste Duett singen können . Singen , rief der Arzt im höchsten , mit Unwillen vermischten Erstaunen , Sie denken daran , zu singen ? Gott behüte , ich habe Ihnen kaum zu sprechen erlaubt , von Gesang kann gar nicht die Rede sein , und wenn ich Sie auch ganz hergestellt habe , so ist es doch möglich , daß Ihre Brust schwach bleibt , und daß sie sich solche Gedanken müssen vergehen lassen . Dann stellen Sie mich aber nicht ganz her , sagte St. Julien mit heiterer Laune , denn vor meiner Verwundung hätte ich Tagelang singen können , ohne daß ich es in der Brust gefühlt hätte ; wenn Sie es also unternehmen , mich vollkommen wieder herzustellen , so müssen Sie mich in diesen Zustand zurück versetzen . Was das für Ansichten sind , sagte der Arzt , das beweist recht , wie wenig Sie von der Arzneiwissenschaft verstehen . Wir wollen uns aber heut darüber nicht streiten , sondern ich will Sie auf Ihr Zimmer führen und Ihre Wunden verbinden . Er wollte ihm den Arm bieten , um ihn zu führen , der Graf aber , der seine gutmüthige Ungeschicklichkeit kannte , zog die Klingel und überlieferte den Kranken der sanften Pflege des höflichen Dubois . X Des andern Morgens erschien der Graf nicht beim Frühstück , und man meldete der Gräfin , er habe das Schloß zu Pferde in Begleitung eines Reitknechts schon vor einigen Stunden verlassen . Die Gräfin sowohl , als Emilie vermutheten es leicht , wohin ihn dieser frühe Ritt geführt hatte , und ihre Vermuthung war nicht ungegründet . Ein scharfer Wind wehte dem Grafen schneidend entgegen , als er am frühen Morgen über die Hügel trabte , und der Sonnenschein funkelte blendend auf den Schnee , so weit sein Auge reichte ; der Frost schüttelte seine Glieder , und er wünschte den Weg beendigt zu haben , aber dennoch hatte er nicht das Unangenehmste eines Wintertages empfunden ; als aber nach und nach das Blau des Himmels von grauem Gewölk bedeckt wurde , das sich wie schwerer Nebel niedersenkte , so daß Erde und Himmel sich nicht mehr unterscheiden ließen , und , als er nun die tieferen Gründe und Schluchten hinter sich gelassen und eine ziemlich ausgedehnte Ebene erreicht hatte , ein scharfer Wind heulend blies , der ihm den Schnee , der vom Himmel herabfiel , eben so entgegen trieb , wie den , der vom Boden aufgeweht im Wirbel gedreht wurde , so , daß Erde und Himmel auch in dieser Rücksicht sich vereinigt zu haben schien : da bereute er es beinah , daß er sich selbst der unfreundlichen Witterung ausgesetzt und nicht einem Diener die Botschaft anvertraut hatte . Herzlich erfreut war er daher , als er plötzlich bemerkte , daß er sich am Eingange eines Dorfes befand , denn der vom Himmel herabfallende und der von der Erde aufgewehte Schnee verdickte die Luft dermaßen , daß sich die nächsten Gegenstände kaum unterscheiden ließen . Der Graf stieg in der Schenke des Dorfes ab , um sich einigermaßen zu erwärmen , und erkundigte sich dann nach dem Meierhofe , den der Obrist Thalheim bewohnte . Der Wirth , ein wohlbeleibter , gutmüthiger Mann , gab die nöthige Auskunft , indem er den Obristen herzlich bedauerte . Daß Gott erbarm ! rief er aus , was wird der arme alte Herr anfangen , er hat Niemanden gedrückt , aber nun drücken ihn Viele , nicht der Feind ist so schlimm gegen uns , wie man gegen ihn ist . Der Graf fragte , ob das kleine Gut , das der Obrist bewohnte , weit entfernt vom Dorfe liege ? Keine halbe Viertelstunde , rief der Wirth , und ich habe schon wollen hingehen und ihm anbieten , wenn sie ihn morgen austreiben , fürs Erste hieher zu ziehen ; aber lieber Gott ! so ein Herr kann nicht in einer Schenke wohnen , und dann könnte ich ihn auch nicht immer ernähren , und wäre er einmal hier , so würde ich ihn nicht wieder los , denn Wer wird sich die Last aufladen wollen ; alt ist er auch , und stürbe er bei mir , so müßte ich ihn noch begraben lassen , und ich bin selber ein gedrückter Mann . Die schweren Zeiten , der Krieg , die vielen Abgaben , das soll Alles aus der Schenke bestritten werden , Kinder habe ich auch , das muß man Alles bedenken . Der Graf , ob er zwar auf die edelste Weise jeden Vorzug anerkannte und niemals annahm , daß die Geburt allein schon Rechte verleihen könne , war doch keinesweges gleichgültig gegen die Vorzüge der Abkunft , und ihm schauderte innerlich vor dem Gedanken , daß ein Mann von vornehmer Geburt , von guter Erziehung , der dem Staate mit Auszeichnung gedient hatte , durch den Drang der Umstände so erniedrigt werden könnte , von der Wohlthätigkeit eines Schenkwirths abhängig zu werden . Er fragte deßhalb mit inniger Hast , ob er einen Boten haben könne , der ihm als Führer zum Wohnort des Obristen dienen wolle ? Wollen Sie dem guten Herren Beistand leisten ? fragte der Wirth höchst erfreut . Ich will ihn besuchen , erwiederte der Graf zerstreut . So ! sagte der Wirth mit gedehntem Tone , rief den Hausknecht mit verdrießlicher Miene und gab diesem eben so unfreundlich den Befehl , diesen Herren nach der Wohnung des Obristen zu führen , den er besuchen wolle . Der Graf hatte trotz der ungestümen Witterung den Weg bald vollendet ; er hatte sein Pferd in der Schenke gelassen und näherte sich zu Fuße dem Haupteingange eines artigen Landhauses . Nicht hier hinein ! rief ihm sein Führer zu , hier wohnt der Herr Verwalter jetzt ; wenn Sie den alten Obristen besuchen wollen , müssen wir von der andern Seite hinein gehen . Mit diesen Worten führte er ihn durch den Hof , wo der Graf eine kleine Hinterthür des Hauses bemerkte . Nachdem ihm der Hausknecht gesagt hatte , daß diese zur Wohnung des Obristen führe , wurde er von dem Grafen verabschiedet , der nun die niedrige Thüre öffnete und sich in einem engen Raum befand , der eine Art Vorplatz bildete . Er wollte eben eine andere Thüre gegenüber öffnen , als er eine lärmend-zankende weibliche Stimme vernahm , die in unangenehmen Tönen kreischte : Was geht es mich an , ob Sie frieren oder nicht ; wollen Sie Feuer haben , so bemühen Sie sich nur selbst darum , schaffen Sie sich nur Holz an , ich werde mich nicht mehr darum bekümmern . Um Gottes Willen , erwiederte eine sanfte bittende Stimme , wie kannst Du nur jedes Wortes wegen , das mein Vater spricht , so aufgebracht sein , Du weißt doch , wie lange er Dir ein guter Herr gewesen ist . Was Herr , rief das zankende Weib , wollen Sie eine Herrschaft vorstellen , so bezahlen Sie Ihre Leute , geben Sie mir , was mir zukommt an Essen , Trinken und Lohn , dann können Sie sagen , daß ich bei Ihnen diene . O Gott ! bat die andere Stimme , schreie doch nicht so , mein Vater muß ja jedes Wort hören . Was kümmert es mich , ob er es hört oder nicht ; er mag sich Leute suchen , die ohne Lohn bei ihm dienen , und Hunger und Kummer mit ihm leiden , und zum Dank sich noch müssen schelten und quälen lassen . Meinetwegen mag er erfrieren , ich werde kein Feuer machen , und wenn Sie vom Herren Verwalter Holz haben wollen , so mögen Sie selbst gehen und darum bitten , Sie werden noch um Manches bitten müssen . Mit diesen Worten riß sie die Thüre auf , die der Graf öffnen wollte , und stürmte an diesem vorbei , nachdem sie ihn einen Augenblick , über den unvermutheten Anblick betroffen , angestarrt hatte . Der Graf betrat nun den Raum , den sie eben verlassen hatte . Es war eine kleine Küche , worin aber beinah gar kein Geräth sichtbar war , auch brannte kein Feuer auf dem Heerde , und durch eine zerbrochene Fensterscheibe wehte ein scharfer , kalter Wind das Schneegestöber hinein . Eine jugendliche , schlanke Gestalt lehnte sich , das Gesicht mit beiden Händen bedeckt , an der Mauer und schien sich nun , da sie sich allein glaubte , rücksichtslos dem Schmerz zu überlassen . Der Graf sah , wie ihre Thränen die feinen , von Kälte gerötheten Finger benetzten , doch schien sie im Schmerz die Kälte nicht zu fühlen , obgleich nur ein leichtes Kleid von gestreifter Leinwand den schlanken Körper bedeckte . Eine reiche Fülle dunkelbrauner Haare war ohne Kunst in starken Flechten um das zierliche Köpfchen geschlungen . Der Graf war einen Augenblick verlegen , wie er seine Gegenwart ankündigen sollte , da er so unvermuthet Zeuge ihres Kummers geworden war ; endlich wendete er sich und machte die Thüre zu , die die hinausstürmende Magd hatte offen stehen lassen . Das Geräusch verursachte , daß die weinende Gestalt sich schnell aufrichtete , ihre Thränen eilig trocknete , und als sie sich zum Grafen wendete , mit erzwungener Fassung ihm entgegen trat . Der Graf fühlte sich innig bewegt , als die schönsten braunen Augen ihn fragend anblickten , deren Feuer durch Kummer und Thränen zu erlöschen drohte . Die reine Stirn , der milde , wehmüthige Mund , die blassen , mageren Wangen gewährten vereinigt ein so rührendes Bild von Hoheit , Schmerz und Mangel , daß der Graf eines Augenblickes bedurfte , ehe er mit Fassung nach dem Obristen fragen und sich als einen alten Bekannten desselben ankündigen konnte . Darf ich Sie nicht bitten , mir Ihren Namen zu nennen , erwiederte das junge Mädchen , damit ich meinen Vater auf Ihren Besuch vorbereiten kann ? Der Graf , der sich fürchtete abgewiesen zu werden , da der Obrist in seiner Lage so menschenscheu geworden war , sagte schnell : Erlauben Sie mir mit Ihnen zugleich einzutreten , ich muß Ihren Vater durchaus sprechen . Therese , so hieß die Tochter des Obristen , sah den Fremden mit Furcht und Zweifel an , ob er nicht ein Bote neuen Kummers sei , aber dennoch war sie zu schüchtern , als daß sie ihm den Eintritt zu verbieten gewagt hätte , und so betrat der Graf mit ihr zugleich ein kleines Zimmer , das der Familie zum Wohnort diente , da der Verwalter schon das übrige Haus in Besitz genommen hatte . Auch das Zimmer war beinah von allem Geräth entblößt und doch der Raum darin beschränkt ; ein schmales Bett nahm die eine Wand ein , die andere wurde durch einen Schirm bedeckt , hinter welchem ein ähnliches zu stehen schien ; ein Tisch von schlechtem Holz stand unter dem Fenster , ein Lehnstuhl von gleichem Werthe daneben ; diese Dinge nebst einem Stuhle machten den ganzen Hausrath aus . In dem Lehnsessel am Fenster saß ein langer , hagerer alter Mann , dessen Körper eine sehr abgetragene Uniform als Bekleidung dienen mußte , in dessen Gesicht Alter und Gram tiefe Furchen gezogen hatten , dessen wenige graue Haare ungeordnet um seine Schläfe hingen , dessen blasse Lippen sich fest , fast krampfhaft schlossen und so auf die Gewalt deuteten , die er sich anthat , um dem auf ihn eindringenden Elende zu begegnen . Diese Gestalt erhob sich beim Eintritt des Grafen langsam aus dem Sessel . Es war der Obrist Thalheim , der , indem er den Grafen mit Kälte begrüßte , und ihn fragend und verwundert betrachtete , zu erwarten schien , daß dieser so kurz als möglich die Ursache aussprechen würde , die ihn zu diesem Besuch bestimmt habe . Den Grafen machte dieser stumme Empfang verwirrt ; Ich weiß nicht , fing er nach einigen Augenblicken an , ob Sie meine Zudringlichkeit entschuldigen werden , wenn ich Ihnen meinen Namen nenne und Sie an die Freundschaft erinnere , die Sie früher für meinen Vater hatten . Ich bin der Graf Hohenthal . Der Obrist verbeugte sich schweigend und erwartete , daß der Graf weiter reden würde . Da ich seit einiger Zeit auf meinen Gütern lebe , fuhr der Graf fort , und es erfahren habe , daß Sie sich in meiner Nähe aufhalten , so eilte ich Ihre Wohnung aufzusuchen , um wo möglich die Freundschaft , welche Sie für meinen Vater hatten , auch für mich in Anspruch zu nehmen . Sehr verbunden , sagte der Obrist , indem er sich abermals verbeugte . Der Graf , von Neuem durch die Einsylbigkeit desselben in Verlegenheit gesetzt , fuhr nach einer kleinen Pause fort : Ich beklage nur , daß ich Ihren Aufenthalt so spät erfahren habe , eben in dem Augenblicke , da Sie Ihren Wohnort verlassen wollen . Da ich meinen Wohnort verlassen will ? wiederholte der Obrist mit bitterem Lächeln . Er schwieg einen Augenblick , und die blassen Wangen rötheten sich nach und nach , er suchte seine innere Wallung zu bekämpfen und fing seine Rede mit scheinbarer Gelassenheit an , die ihn nach und nach verließ , bis er endlich dem lange unterdrückten Schmerz die volle Gewalt über sich einräumen mußte . Da ich meinen Wohnort verlassen will ? wiederholte er noch einmal , indem er einen zornigen Blick auf den Grafen richtete . Es ist unmöglich , fuhr er fort , daß Ihnen meine Lage unbekannt ist ; weßhalb wollen Sie meiner spotten ? Ich habe mich von den Menschen zurückgezogen , ich habe ihnen meinen Jammer verborgen , weil ich mir ihren Beistand weder wollte abschlagen lassen , noch ihn um einen zu theuern Preis erkaufen , ich habe mit meinem armen Kinde nach und nach Alles entbehren gelernt , was uns Gewohnheit theuer machte , ja endlich auch , was das Bedürfniß heischte ; uns blieb nichts mehr , um uns zu erwärmen , wir haben kaum noch ein Mittel uns zu sättigen , und morgen wird meinem grauen Scheitel und ihrer zarten Jugend auch noch das Obdach geraubt ; dann fasse ich die Hand meines Kindes und führe sie hinaus , dem stürmenden Winterwinde entgegen und versuche , ob es mein Herz leichter erträgt , sie am Wege sterben zu sehen oder die Menschen anzuflehen , ihr ein elendes Leben zu fristen . Die Stimme des Obristen wurde ungewiß , indem er die letzten Worte sprach ; man sah , daß er die Thränen niederkämpfte , aber schnell gefaßt fuhr er zum Grafen gewendet ruhiger fort : Da ich mein Elend nicht mehr verbergen kann , so habe ich es Ihnen mit wenigen Worten ganz gezeigt . Sie sehen nun , ob ich meinen Wohnort freiwillig verlassen will ; was können Sie mir noch zu sagen haben ? setzte er mit weicherer Stimme hinzu , als er die Rührung des Grafen bemerkte . Ich muß mich selber tadeln , erwiederte dieser , daß ich nicht den rechten Ton gefunden habe , Ihnen meine Theilnahme zu zeigen . Ich hörte allerdings von Ihrer Lage und ich kam , Ihnen den Beistand anzubieten , den ich dem Freunde meines Vaters schuldig zu sein glaube . Der Obrist sah ihn bei diesen Worte mit zweifelnden Blicken an ; es schien , als ob er es nicht wagte der Hoffnung Raum zu geben , die sich im Herzen anfing zu regen . Therese , die in Verzweiflung still geweint hatte , hob den nassen Blick verwundert und hoffnungsvoll zum Grafen auf , der eilig fortfuhr , um Beide zu beruhigen . Er eröffnete dem Obristen , daß ein Meierhof ganz nahe beim Schlosse Hohenthal unbewohnt sei , weil die Pachtzeit des vorigen Pächters geendigt wäre , und in diesen stürmischen Zeiten sich kein anderer gefunden habe . Er bot diesen dem Obristen zum Aufenthalt an , und , fügte er hinzu , da ich weiß , daß Ihre Verlegenheit dadurch so gesteigert worden ist , daß Ihre Pension in den letzten Zeiten nicht ist ausgezahlt worden , so erlauben Sie mir , diese kleine Summe für meinen König auszulegen ; es ist das Geringste , setzte er schnell hinzu , was ein treuer Unterthan zu thun verpflichtet ist ; ich werde diese Auslagen in der Zukunft gewiß zurück erhalten , und man wird mir noch danken , daß ich einen verdienten Krieger dadurch aus unwürdigen Verlegenheiten befreit habe . Der Obrist , der so grade und stolz mit verzweiflungsvollem Muth dem schrecklichsten Elende hatte entgegen gehen wollen , fühlte nun seine Sehnen erschlaffen ; wie uns die durch einen heftigen Schmerz gewaltsam aufgeregten Kräfte auf einmal verlassen , wenn der Schmerz selbst von uns weicht , so machte ihn das Gefühl der Erlösung aus seiner entsetzlichen Lage kraftlos ; er sank auf seinen Lehnsessel zurück und vermochte nicht die Thränen zurück zu halten , die nun in reichen Strömen über seine gefurchten Wangen flossen ; sein Auge richtete sich nach oben , und mühsam erhob er auch die zitternden , gefalteten Hände ; die Lippen bewegten sich stumm , wie es schien , zum inbrünstigen Danke . Die Tochter flog herbei und warf sich mit Ungestüm vor den Vater nieder ; sie umarmte mit Heftigkeit seine Knie , aber auch sie vermochte nicht zu reden . Der Greis blickte auf sein Kind nieder , er streckte eine Hand nach ihr aus , die aber kraftlos auf die schönen , braunen Locken des zierlichen Köpfchens herabsank ; der Blick der Liebe erstarb , den er auf die Tochter richten wollte ; sein Auge schloß sich und er sank zurück wie in die Arme des Todes . Der Graf hob erschrocken die Tochter vom Boden auf , die nun erst den Zustand des Vaters bemerkte ; Beide bemühten sich den entkräfteten Greis ins Leben zurück zu rufen . Therese hatte ein Glas kaltes Wasser geholt als einziges Stärkungsmittel , das im Hause vorhanden war ; man besprützte den Obristen damit , man rieb ihm die Schläfe , bis er endlich zur größten Beruhigung des Grafen die Augen wieder öffnete , denn dieser fing im Ernst an zu fürchten , daß er nicht wieder athmen würde . Der entkräftete Greis blickte lächelnd bald seine Tochter , bald den Grafen an , und schien sich nicht deutlich auf alles Vorgefallene besinnen zu können . Der Graf , der seine größte Ermattung bemerkte , fürchtete noch immer für ihn und führte ihn mit Hülfe der Tochter zu seinem ärmlichen Lager . Der Obrist ließ es geschehen , ohne zu fragen und ohne sich zu sträuben , und ein wohlthätiger , erquickender Schlummer schloß aufs Neue seine von Thränen feuchten Augen . Der Graf fühlte sich wunderbar bewegt ; er blickte auf den schlafenden Greis , auf die seitwärts stehende Tochter ; das ärmliche Gemach , die dürftige Kleidung der Bewohner , Alles drückte höchsten Mangel aus , und dennoch schien ein so lieblicher Frieden in diesem Augenblick in dem kleinen Raume verbreitet zu sein , daß der Graf sich unendlich wohl darin fühlte . Er setzte sich selbst auf den Lehnsessel des Alten nieder , eine behagliche Wärme fing an sich im Zimmer zu verbreiten , und man hörte das Feuer im Ofen knistern ; die zankende Magd war nämlich , halb von Reue , halb von Neugierde angetrieben , zurückgekehrt , und hatte das nöthige Holz verschafft und in der Stille Feuer im Ofen angezündet . Der Graf hatte den ziemlich weiten und beschwerlichen Weg in kalter , unfreundlicher Witterung zurückgelegt , er fühlte sich selbst ein wenig entkräftet , und als er auf seine Uhr blickte , mußte er sich überzeugen , daß er nicht , wie er gehofft hatte , zur Mittagstafel zurück nach Hohenthal reiten könnte . Er wendete sich also an die Tochter des Obristen mit der freundlichen Bitte , diesen Mittag ihr Gast sein zu dürfen , und bereuete die Bitte , sobald er sie ausgesprochen hatte . Er fühlte mit Beschämung , daß auch für ihn , wie für alle Reiche , selbst dann wenn sie die Brüder den drückendsten Mangel leiden sehen , die Armuth etwas durchaus Fremdes und Unverstandenes geblieben sei . Seine unbesonnene Bitte setzte die arme Therese in die peinlichste Verlegenheit ; sie , die sich gern vor ihm niedergeworfen hätte , um ihn wie ein himmlisches hülfreiches Wesen zu verehren , die gern die Hände mit dankbaren Thränen gebadet hätte , die so reichen Segen über ihres Vaters lezte Lebensjahre verbreiten wollten , und nur durch weibliche Scheu zurückgehalten wurde , hatte nun nichts , wußte nun nichts , was sie dem verehrten Gast als Erquickung anbieten konnte . Eine dunkle Röthe überflog ihr Gesicht , sie verbeugte sich schüchtern und wollte zur Thür hinausschlüpfen ; der Graf aber erinnerte sich in demselben Augenblicke des Wortwechsels , den er gehört hatte , als er das Haus betrat , und folgte ihr auf dem Fuße . Die zänkische Magd stand am Heerde in der Küche , auf dem ein helles Feuer brannte . Der Graf befahl ihr mit ernster Stimme , das Mittagsessen für die Familie zu bereiten , indem er ihr zugleich versicherte , daß gleich nach Tische der Obrist sich mit ihr berechnen und ihren Lohn sowohl , als alle rückständigen Auslagen berichtigen würde . Therese errieth aus dieser Anordnung , daß der Graf mit der Unverschämtheit der Magd bekannt sei , und indem ihre Thränen von Neuem flossen , wußte sie selbst nicht , ob aus erhöhter Dankbarkeit oder Beschämung . Als beide nach dem kleinen Zimmer zurückkehrten , war der Obrist nach kurzem Schlummer sehr gestärkt erwacht , und der Graf konnte mit ihm alle nöthigen Verabredungen wegen seiner künftigen Einrichtung treffen ; er strengte sich an , mit Ruhe und Fassung auf alle Vorschläge des Grafen einzugehen , weil dieser bemüht war , jeden Schein der Wohlthat zu entfernen und die Sache wie ein Geschäft zwischen Freunden zu behandeln ; indessen hörte man es seiner Stimme an , daß er die Rührung nur mit Gewalt unterdrückte ; endlich aber , als der Graf die Summe in Gold auf den Tisch gelegt hatte , die seine rückständige Pension betrug , und noch einmal den Obristen bat , sie so lange von ihm zu empfangen , bis die Zeiten wieder ruhiger würden , wo sie ihm unfehlbar von den Behörden wieder ausgezahlt werden müsse , konnte der Greis sich nicht zurückhalten , er schloß mit leidenschaftlicher Heftigkeit den Grafen in die Arme und rief : O ! Du echter Sohn Deines Vaters , Du wahrer Erbe seines Herzens , ich bin ja nicht so hoffährtig , daß ich es nicht erkennen sollte , wir armen bedrängten Menschen bedürfen einer des andern , ich bin ja nicht so roh , daß ich Deine Milde nicht erkennen sollte , ich bin ja nicht so undankbar , daß ich für empfangene Wohlthat nicht danken könnte . Ach ! hätte ich einen Freund gehabt