, sinniger Wellenschlag vorüber , und Abends war es mir leid , wenn ich mich zu Bette legen mußte , so sehr gefiel mir Alles , was ich that und trieb . Ich hatte mein eigenes , kleines Zimmer , in dem ich mir Jedes einrichten und stellen durfte , wie ich es wollte , und so konnte ich zugleich an meiner Umgebung den Haushaltungstrieb befriedigen , der ein Mädchen so gern beschäftigt . Ich schmückte mir mein Fenster mit Blumentöpfen , die ich nach einer gewissen Ordnung gruppirte , und meine Wände mit Bildern , welche ich geschenkt bekam . Vor meiner kleinen Ottomane stand immer ein rundes Tischchen , auf dem Bücher aufgeschlagen lagen , und zwar waren es jedesmal Gedichte aus der Bibliothek der Tante , welche ich so zur Schau legte . Ich hatte große Ehrfurcht vor Gedichten , und wenn mich so zuweilen das Nachdenken beschlich , glaubte ich in meiner Einfalt , daß meine Erziehung , von der ich immer die Lehrer sprechen hörte , dann beendigt wäre , wann ich die Gedichte alle würde verstehen können . Auch fiel mir , als ich einmal in der Abenddämmerung auf dem Sopha saß , der Gedanke ein , daß ich , obwohl nun schon fast zwölf Jahr geworden , doch bis jetzt noch gar nicht recht gewußt habe , was Leben sei ? Jetzt weiß ich es , setzte ich in meiner kindischen Zuversicht hinzu , und legte den Finger altklug an die Nase . Das Leben ist Lernen , und wenn man ausgelernt hat , wird das Leben Genießen . Ich freute mich , daß mir das eingefallen war , und legte den Kopf träumend hintenüber , und geheime , lockende , dunkel reizende Bilder von einer Zeit , wo das Leben aus Genuß bestehen würde , zogen mit einer unverstandenen Ahnung durch meine Seele . Als ich aus diesen Träumereien erwachte , war es Nacht um mich geworden , aber ich empfand mein Blut in einer stürmischen Wallung , die Wangen waren mir von Röthe und Hitze wie überglüht , der Kopf schmerzte mich , das Herz klopfte in pochenden Schlägen , und eine halb süße , halb drückende Beklemmung schien sich wie ein unbefriedigtes Verlangen über meine ganze Brust gelegt zu haben . Ich fing an zu weinen , und lächelte gleich wieder darauf . Schon seit einiger Zeit war ich manche Veränderungen an mir gewahr geworden , die mich bald befremdeten , bald erfreuten . Ich wurde größer , und unter dem Kinderkleide hob sich wie ein Drang junger Knospen mein Busen . In den Musikstunden mußte ich plötzlich Altstimme singen . Die Tante bekümmerte sich sonst wenig um mich . Sie sah viele Gesellschaft bei sich , von der ich jedoch noch entfernt blieb , und nur Gelächter und Geräusch derselben , Klingen der Gläser und Klappern der Tassen , tönte zuweilen in mein verborgenes Stübchen herüber . Etwas muß ich jedoch jetzt erwähnen , von dem ich eigentlich schon früher hätte sprechen sollen , wenn es nicht meiner Zunge schwer würde , hier die zögernden Laute zusammenzufügen . Schon seit meinem ersten Eintritt in dies Haus hatte ich öfter einen schönen , vornehmen Mann gesehen , der von Zeit zu Zeit die Tante besuchte , und mir , dem Kinde , dann jedesmal eine besondere Aufmerksamkeit widmete . Gleich am andern Tag nach meiner Ankunft aus Böhmen war er gekommen , um sich nach mir zu erkundigen , als schiene er um mein ganzes Schicksal gewußt zu haben , und die Tante hatte mich ihm , nachdem ich geputzt und geschmückt worden war , mit einer Art von triumphirendem Wohlgefallen gezeigt . Er küßte mich immer , und zwar so lange , daß ich es nicht leiden konnte , und mich mit Unwillen und Fußstampfen ihm entriß , denn ich konnte sehr heftig werden . Auch brachte er mir jedesmal kostbare Geschenke aller Art , die ich hastig nahm , weil ich nach solchen Dingen ein großes Gelüst hatte . Ehe ich es dachte , kam er jetzt , und ich erschrak immer vor ihm . Wenn ich fortgehen wollte , begegnete er mir auf der Treppe , und ich mußte wieder mit ihm hinauf ; wenn ich zur Tante ins Vorderzimmer ging , um zum Fenster hinauszusehen , ( denn mein Stübchen ging nach hinten , ) war er unversehens auch da , und ich mußte mich ihm auf den Schooß setzen , so sehr ich mich sträubte . Die Tante ließ Alles geschehen , und schalt mich nachher derb aus , wenn ich gegen den Herrn Grafen - denn so wurde er von ihr genannt - nicht recht freundlich und schmeichlerisch gewesen war . Oft kam er auch auf mein Zimmer , wann ich unterrichtet wurde , und hörte aufmerksam zu , und gab den Lehrern manche Winke über Das , was sie mit mir vornehmen sollten . Dies war das Einzige , was mir an ihm gefiel , obwohl es mir auch räthselhaft däuchte . Aber es schien ihm viel daran gelegen zu sein , daß ich die feinste und sorgfältigste Ausbildung erhielte , ich sah nicht ein warum ? Er war ein großer hochgewachsener Mann in den mittlern Jahren , mit immer lächelnden Gesichtszügen , etwas verzogenen Mundwinkeln , blassen Wangen , und einem funkelnden Ordensstern auf dem Rock . Ich mochte ihn nicht leiden , und als Grund dazu wußte ich noch kaum etwas Anderes , als das Gefühl , daß er mir meine unbefangene Kinderfreiheit beschränkte . Außerdem war noch in der letzten Zeit ein junger Theologe , Namens Mellenberg , in unser Haus gezogen , dem die Leitung meines Unterrichts anvertraut wurde . Er war häßlich , finster , einsylbig , und bekümmerte sich um nichts als seine Bücher , weshalb auch der Graf ein unbedingtes Vertrauen in ihn zu setzen schien . Sein düsteres , in sich versunkenes Wesen hatte dennoch etwas sehr Anziehendes für mich , und da er sich zugleich große Mühe mit mir gab , so lernte ich bei ihm viel und in wenigen Stunden mehr als bei allen frühern Lehrern . Er war Protestant , und belehrte mich zuerst über die Verschiedenheit beider Glaubensformen , die mir augenblicklich sehr überzeugend einleuchtete . Diese Ueberzeugung , die ich gewann , eröffnete mir zugleich einen freieren Blick über die Weltgeschichte und deren Fortschritte , da mir bis dahin , wie jedem Mädchen , alles historische Interesse ziemlich fremd geblieben war . Doch schärfte mir Mellenberg ein , daß ich unsere Unterredungen über diese Gegenstände geheim halten müsse , da er nur den Auftrag habe , die neueren Sprachen mit mir zu treiben . Dies gab dem Verhältniß zu ihm in meiner Vorstellung einen noch größeren Reiz , da nun etwas Geheimes zwischen uns obwaltete , in dem und durch das wir uns verstanden . Ich wurde aus ganzem Herzen Protestantin , fühlte mich klar , frisch und gesund dabei , und wenn ich an den lieben Gott dachte , geschah es mit einem lebensfrohen Muth , wie niemals . Um so schmerzhafter drückte es mich , daß ich nächstens , wie mir die Tante angekündigt hatte , durch den Bischof eingesegnet werden sollte auf den katholischen Glauben . Denn obgleich die Tante , wie ich wohl gemerkt hatte , gar keine Religion besaß , so ging fie doch alle Sonntage um 11 Uhr nach der Schloßkirche in die Messe . Mit lautem Weinen klagte ich dies meinem protestantischen Candidaten . Er aber wehrte meine Arme , die ich in der Leidenschaft des Schmerzes um seinen Hals schlingen wollte , langsam und erröthend von sich ab , und verwies mich an die Macht Gottes , die Alles zum Besten lenke . Mich verdroß seine Kälte , da ich geglaubt hatte , in einem innigeren Verhältniß mit ihm zu stehn , und obwohl ich ihm nicht gram werden konnte , nahm ich mir doch vor , ihm nächstens etwas zum Tort zu thun . Ich bewies mich nämlich jetzt dem Grafen , der immer öfter und öfter kam , freundlicher und anhänglicher als je , ungeachtet daß sein Benehmen gegen mich von Tag zu Tag seltsamer und auffallender wurde , und meinte damit den guten Mellenberg zu kränken , während ich doch selbst nur davon litt , und heimlich manche Nacht durchweinte . Jetzt trat plötzlich eine Wendung in meinen Ansichten und Schicksalen ein , die , wie ich bei allen Begegnissen des Lebens bemerkt habe , gleichsam mit dem Hauch einer einzigen Stunde , welche die entscheidende ist , herbeigeweht zu kommen schien . Ich war vierzehn Jahre alt geworden , und sah schon wie ein völlig aufgeblühtes Mädchen aus , denn das heißere Wachsthum meiner Seele und meiner Sinne mochte auch mein Aeußeres früher gezeitigt und in die Fülle der Gestalt hervorgetrieben haben . Der Graf , mich mit einem ganz besonderen Blick betrachtend , vor dem ich blutroth wurde , hatte mir an diesem Tage ein wunderschönes Kleid geschenkt , und mir dabei viele Schmeicheleien gesagt , daß ich meinen Ohren kaum traute . Es war mir in der letzten Zeit nur zu klar geworden , daß ich ganz auf seine Kosten gepflegt und gebildet wurde , denn die Tante , gegen deren Lebensweise mich bei näherer Beobachtung ein immer widerwilligeres Mistrauen beschlich , besaß kein eigenes Vermögen , wie ich bald erfuhr . Zuweilen war es mir in meinen Gedanken , als wenn ich in einen entsetzlichen Abgrund hinunterspringen müßte , vor dessen bodenloser Tiefe und Schwärze mir jeder Nerv bis in den Tod erbebte , aber an diesem meinem Geburtstage erfaßte mich auf Einmal ein ungeheuerer Leichtsinn in meinem innersten Herzen , es war ein Moment , ich wußte nicht , wie mir geschah , und mein ganzes Denken flog plötzlich , wie von rosigen Sommerwolken fortgetragen , in eine an endlosen Freuden , Blüthen , Farben und Tönen reiche Ferne hinaus . Als der Graf fortgegangen war , lachte und sang ich , und beeilte mich , das neue , aus den kostbarsten Stoffen gewählte Kleid , das mir außerordentlich gefiel , anzulegen . Die Tante war mir dabei behülflich , und sagte zugleich , daß es nun , da ich so schön und groß geworden , Zeit sei , mich in die Welt einzuführen , wie sie sich ausdrückte . Ich horchte auf , wie nach einem seltsamen , goldenen Klang , der mir in die Seele ziehen wollte , und stellte mich dann vor den Spiegel , aus dem mir meine ganze geschmückte Gestalt in blendender Ueberraschung entgegenstrahlte . Dieser Blick in den Spiegel traf mich wie ein verwirrender Zauber . Es war mir , als besänne ich mich jetzt auf mich selbst , daß ich bisher eigentlich noch gar nicht gelebt hätte . Ich seufzte , und der Spiegel überthaute sich von dem Hauch meines Mundes . Da schienen , indem ich noch träumend stand , aus der überzogenen Fläche des Glases holde Genien , verlockende Gestalten , zu mir herauszusteigen , sie hatten die Hände voll bunter Blumen und die Augen voll lockender Gefühle , sie steckten mir eine große , volle , rothe Rose zwischen die schlagende Brust . Zusammenfahrend , wischte ich schnell den Spiegel wieder ab , und lachte laut , als ich keine Geister , sondern nur den Glanz meiner Jugend darin sah . Dieser Augenblick aber war das für mich , was für die Gespenstermährchen die Mitternachtstunde ist . Sie müssen diesen Moment abwarten , ehe der Zauber in ihnen wirksam werden kann . Und so war es , als hätte ich gerade an diesem Tage und in diesem Augenblick in den Spiegel sehen müssen , um seitdem plötzlich andern Sinnes zu werden . Der Spiegel , der jetzt mein Freund wurde , war der Magier gewesen , der mich verzaubert hatte . Von nun an zeigte sich die Tante öfter mit mir auf Spaziergängen , in Gesellschaften und im Theater , auf Bällen , Concerten und bei andern öffentlichen Gelegenheiten . Es wurde , wie es schien , Alles hervorgesucht , um mir Vergnügen zu machen , und meine Sinne in einen beständigen Taumel zu wiegen . Von Vergnügen hatte ich ja schon immer geträumt , und danach mit Herzklopfen verlangt , und nun konnte ich den ganzen Flitter von dem vollen Goldstrom der Welt wegschöpfen , wie und wo ich nur wollte . Kein Wunsch blieb mir versagt , jeder Gegenstand , den ich gern hätte erhaschen mögen , war auch schon mein , und ich war unerfahren und zugleich leidenschaftlich genug , um mich sogar an Alltäglichkeiten zu berauschen . Jede Promenade im Mittagssonnenschein , auf der ich den Vorübergehenden auffiel , war mir ein festliches Ereigniß , und ich konnte nachher vor Freuden ordentlich in der Stube herumhüpfen . Nur dämpfte es einigermaßen mein aufjauchzendes Temperament , wenn ich einmal zufällig daran dachte , daß ich diese neue feiertägige Lust , die ich am Leben kennen gelernt hatte , dem Grafen verdanken sollte . Dann war ich einige Tage traurig und von trüben Ahnungen geplagt , bis er mich durch ein neues Geschenk wieder heiter machte . Seinen Liebkosungen hatte ich mich übrigens noch immer standhaft widersetzt , und mit einer Entschlossenheit , vor der ich nachher selbst erschrak , denn was mein Gefühl zuletzt am meisten gegen ihn empört hatte , war die Bemerkung , daß er sich nie öffentlich mit uns zeigte , sondern uns nur immer ganz im Geheimen zu besuchen schien . Dagegen hatte die Tante mit mehreren Familien Umgang , zu denen ich geführt wurde , und wo es Feste , Landpartieen , Kränzchen und Tanzgesellschaften in Ueberfluß gab . Ich tanzte außerordentlich gern , und war immer auf dem Platze und die gesuchteste Tänzerin . Der Tanz kam mir wie eine festliche Dithyrambe zu Ehren einer Göttin vor . Sonst gefielen mir alle diese Menschen nicht , mit denen mich die Tante in Berührung brachte . Sie erschienen mir einfältig , ungebildet , seelenlos , unsittlich und doch ohne Leidenschaft , verworfen und doch ohne Verzweiflung , leichtsinnig und doch ohne Genialität , trübseelig und doch ohne Melancholie , mithin ohne jedes menschliche Interesse . Ich schauderte zuweilen unwillkürlich vor diesem Blick in die Menschenverhältnisse , aber dennoch ließ ich mich nicht nüchtern machen aus meiner selbstvergessenen Trunkenheit , die mich wie ein rascher Wirbeltanz von einer Stelle zur andern bewegte . Und die Tante sagte in ihrer allerliebsten fetten Naivetät , das seien die Freuden der großen Welt , wenn wir spät um Mitternacht aus einem Pickenick von reichen Kaufmannssöhnen und jungen heirathslustigen Offiziers-und Beamtentöchtern nach Hause kehrten . Dann warf ich mich erschöpft und seufzend in einen Stuhl , und betrachtete mir beim Auskleiden noch einmal meinen schimmernden Putz , und ließ mein Geschmeide und meine Juwelen durch die Finger gleiten . Ich betete nicht mehr zu Gott , den ich als kleines böhmisches Mädchen so heiß um Leben angerufen hatte . Also statt des Lebens hatte ich jetzt die große Welt , wie es die Tante genannt , gefunden . Welt , Welt , große Welt , ist das Leben ? Doch ich dachte jetzt über nichts genau , und flatterte nur , mochte es Welt oder Leben sein , das ich mit meinen flüchtigen Sohlen berührte . Auch konnte ich um diese Zeit fast den ganzen Rossini vom Blatte singen . Ich muß doch auch wieder ein Wort von Mellenberg sagen . Obwohl ich fast keinen Unterricht mehr bei ihm nahm , blieb er doch immer noch in unserm Hause , da er sehr arm war und die Tante ihm wenigstens die freie Wohnung gelassen hatte . Er schien mir , seitdem ich mich so in diese glänzenden Zerstreuungen gestürzt hatte , heimlich zu zürnen , und doch war es anfänglich von mir nur aus Trotz geschehen , weil ich mich in meiner Zuneigung zu ihm - der ersten wahrhaften , die seit der Trennung von meinem Rothkehlchen in mein Herz gekommen war - geirrt zu haben glaubte . Ach wo war Rothkehlchen , wo war Böhmen , wo waren die abendrothen Gipfel des großen Milleschauers ? Dennoch schien es mir auch wieder , als thäte ich Mellenberg Unrecht , wenn ich ihm eine von Büchern und Wissen erkältete Seele zuschrieb . Obgleich er mich vermied und ich ihn , so betrachtete er mich doch zuweilen , wenn wir uns begegneten , mit einem seltsam schmerzlichen und theilnehmenden Blick , der tief in mich hineinfuhr und nachher lange in mir haften blieb . Dann konnte er ordentlich schön aussehen , wann er mich so anblickte , und sein edles , ernstes , tiefliegendes Auge beleuchtete sein ganzes Gesicht mit einer stillen , sinnreichen Anmuth . Ueber den Protestantismus hatten wir nie wieder gesprochen . Diese klaren Ausstrahlungen meines erwachten Selbstbewußtseins waren für jene Zeit ganz in mir verdunkelt worden . Hätte er daran wieder angeknüpft , so würden wir uns wieder inniger genähert haben , und zu meinem Heil . Aber er war stumm , verschlossen , und hatte nicht den freien und kecken Muth der Seele , welcher einem Mädchen sonst immer als das Liebenswertheste am Manne erscheint . Und einmal kam mir sogar der wunderliche Gedanke ein , wie ein so edler , begabter junger Mann , als er , in einem so schlechten Hause , wie dem unsrigen , zu bleiben vermochte ! Ich schrak ordentlich zusammen , als mir dieser Gedanke klar zu werden anfing . Ich dachte , wenn ich ein Mann wäre , wollte ich fortlaufen , und mich lieber in eine Bodenkammer bei einer armen Weberfamilie einmiethen , als hier bleiben ! Hier , wo ein zweideutiges Weib der raffinirten Unterhaltung eines Grafen Opfer erzieht . Und am andern Morgen war immer Alles wieder vergessen , was ich gedacht hatte . Inzwischen muß ich noch bemerken , wie ich schon früher , gleich nach dem Anheben meiner großen innern und äußern Verwirrung , durch den Bischof die Firmelung auf den alleinseeligmachenden Glauben erhalten hatte , obwohl , während ich sie empfing , Etwas in mir war , was dagegen protestirte . Ich ging nun öfter mit der Tante in die Messe , oder auch allein , und so sehr mich auch diese feierliche musikalische Mystik theilweise anlockte und zuweilen wie mit Wunderkerzen in meine horchende Seele hineinleuchtete , so ging ich doch nie mit einem befriedigten Gefühl aus der Kirche weg , sondern war betäubt , ermattet , muthlos . Zudem bemerkte ich , daß sehr Viele nur kamen , um die beiden italienischen Castraten singen zu hören , und diese letzteren waren es gerade , die mir eigentlich Alles verleideten und meine Andacht verdarben . Meine ganze physische Natur wurde nämlich empört und aufgeregt , sobald der unendlich weiche , lauliche , wollüstig hingeschlürfte , bald weibisch aufkreischende , bald in gedämpften Mitteltönen sich lächelnd kitzelnde , bald brünstig zitternde , bald in banger Lust klagende und sich verhauchende Ton dieser Sänger an mein Ohr fiel , und auf meine Nerven zu wirken anfing . Dieses empfindliche Mißbehagen ging einigemal sogar in Krämpfe und Anfälle von Ohnmacht bei mir über , und ich mußte aus der Kirche fortgetragen werden . Das weibliche Gefühl muß es überhaupt verletzen , einen Castraten zu sehn , der für einen Mann bloß lächerlich , für eine Frau aber immer nicht anders , als unerträglich und beleidigend sein kann . Dagegen wurde mir jedesmal wohl , wenn ich von der Kirchentreppe heruntertrat und die herrliche Aus- und Fernsicht über die schöne freundliche Elbe , mit den dahinterliegenden , weit in den blauen Horizont sich verlierenden Gegenden , vor mir erblickte . Diese Aussicht verlor nie ihren aufheiternden Reiz für mich , so oft ich mich auch darin erging , und wenn ich allein nach Hause kehrte , machte ich jedesmal einen Umweg und stieg die breiten steinernen Stufen zur Brühlschen Terrasse hinauf , dort oben unter den schattengebenden Alleen langsam und mit oft verweilenden Umblicken hinwandelnd . Da lag unten zur Seite die lange prächtige Elbbrücke auf ihren hohen Pfeilern und Bögen , drüben jenseit der Elbe kamen vom Linckeschen Bade die verlorenen Klänge eines Morgenconcerts herüber , und rings um mich her ging in eleganten Gruppen und Gestalten das Gedränge der schönen Welt Dresdens an mir vorbei . Solche Spaziergänge genoß ich mit harmloser Lust . Die Gesichter der Dresdener hatten im Ganzen eine gewisse Gefälligkeit für mich , sie sind fast immer fein , weiß und nett , wenn auch ohne Ausdruck , gebildet , und obwohl man ihnen im Durchschnitt weder Gemüthlichkeit noch Gutmüthigkeit zuschreiben kann , so ersetzen sie diese doch oft durch eine , ich möchte sagen , technische und hübsch zugeschnitzte Freundlichkeit . - Jetzt ereigneten sich einige Vorfälle , die mein Schicksal zeitigen halfen . Ich fühlte nämlich , daß unwiderstehliche Leidenschaften in mir rege geworden waren , mehr in der allgemeinen heißen Strömung meiner Natur , als daß sie noch einem besondern Gegenstande gegolten hätten , am allerwenigsten aber Dem , welcher sie durch absichtliche , künstliche und immer dringender werdende Mittel in mir hervorzulocken suchte . Es war ein mächtig lodernder Funke , den die Kraft meiner Phantasie aus den überschwenglichen Formen des reichen Lebens sich herausgeschlagen und zündend in mein Blut geworfen hatte , und dieses trieb nun stärkere Wellen zu dem Herzen hinauf , welches erbangend und überwältigt nirgend Befriedigung und Frieden für sich ersah . Wenn ich zuweilen spät aus einer geräuschvollen Gesellschaft , einem aufregenden Ball nach Hause kam , fand ich Niemand mehr zu beneiden , als den stillen , fleißigen , sinnigen Mellenberg . Er saß dann immer noch in tiefer Mitternacht auf seinem Zimmer , das in einer andern Ecke des Hofgebäudes dem meinigen gegenüber lag , und hatte Licht . Ich konnte ihm gerade in die Stube sehn , jede seiner Bewegungen belauschen , auf jedes Blatt Papier , das er beschrieb , mit hinblicken . Wahrhaftig , zuerst war es dann das Gefühl eines großen Neides , das in mir aufstieg , wenn ich ihn so vor seinem Arbeitstisch dasitzen sah . Ich hatte die Zeit wild hingebracht , und nach Glück und Vergnügen mich matt und müde gejagt , und er war in wohlthuender Ruhe bei seinen Büchern zu Hause geblieben . Der Friede ämsiger Gedankenvertiefung lächelte auf seiner gewölbten Stirn . Ich sah lange , lange zu ihm hinüber . Den dunkellockigen Kopf in die Hand gestützt , machte er sich mit großen Büchern zu schaffen , in denen er bald ganz versunken Seite für Seite umschlug und las , bald auf einem neben ihm liegenden Zettel etwas daraus notirte , oder wieder andere Bücher herbeiholte und darin etwas nachblätterte . So trieb er es unermüdlich bis ein , zwei Uhr , und mein Neid vermischte sich bald mit einer innern Ehrfurcht für seine stille Beschäftigung , und die Ehrfurcht ging mir ins Herz über und weckte darin allmälig eine leise Flamme . Zugleich dachte ich daran , wie gleichgültig ich ihm im Grunde zu sein schien , und dies reizte meine ganze Mädchenempfindlichkeit , nicht gegen ihn , sondern heimlich für ihn , auf . Ich lag gewöhnlich schon im Bett , während ich mich damit unterhielt , ihm drüben zuzusehen . Er konnte in mein Zimmer nicht hineinblicken , weil ich gleich , nachdem ich die Vorhänge wieder heruntergelassen , das Licht löschte , und er selbst , wie überhaupt nachlässig in allem Aeußern , war auch darin unvorsichtig , daß er die Gardine vor seinem Fenster nie zusammenzog . Dann , wenn sein Licht ihm auszubrennen drohte , legte er Alles bei Seite , und begann sich zu entkleiden . Doch hier muß ich erröthend abbrechen . - Der Sommer des Jahres 1830 war herangekommen . Es war ein schöner heller Tag , als der Graf uns die Einladung zu einer Landpartie zuschickte , das erste Mal , daß er uns dabei mit seiner Gegenwart zu beehren gedachte . Mit peinigenden Ahnungen setzte ich mich in den Wagen , die freie , reine , himmelblaue Luft wehte mich vergeblich an , und ich konnte mich heut zu dem sorglosen Leichtsinn , der über der Natur schwebte , nicht stimmen . Ich war melancholisch , wie Appiani in Emilia Galotti . Der Graf gesellte sich erst eine gute Strecke vor dem Thore zu uns . Er war zu Pferde und ritt in lebhaften Gesprächen , die er immer anzuknüpfen verstand , neben dem Wagen her . Er war ohne Zweifel ein sehr gebildeter Mann , und ich mußte mir oft gestehen , daß ich ihn heimlich bewunderte , wenn er sprach und erzählte ; aber das ängstigende Verhältniß , in dem ich zu ihm stand oder zu dem ich vielmehr noch gezwungen werden sollte , nöthigte mich , jede Beipflichtung auch des Verstandes für ihn zu unterdrücken . Denn nichts verfehlt mehr seinen Endzweck auf ein jugendliches , scharf wahrnehmendes Herz , als die zur Schau getragene Absicht . Nur das Unabsichtliche verführt und verlockt uns am wirksamsten . Und doch verdanke ich seinen Absichten die sorgfältige Erziehung und Bildung , die ich genoß , obwohl ich , bei näherer Ueberlegung , ihm keine Dankbarkeit dafür schulden zu dürfen glaubte . Denn ich war selbst nur als Mittel dabei gedacht , und nur für den größern Reiz seiner Unterhaltung hatte er klug gerechnet , wenn er es vorzog , sich lieber ein gebildetes Schlachtopfer zu erwählen , als ein unverständiges Werkzeug , das keine geistigere Wirkung empfand und wiedergab . So sollte , was ich Schönes und Gutes lernte und mir aneignete , nur die Koketterie eines Putzes sein , womit ich mich , um ihm mehr zu gefallen , behing , aber Gott lenkte es anders , daß die Gaben des Geistes , die nur wie Blumenblätter über den Abgrund meines Verderbens hingebreitet werden sollten , vielmehr Wurzel schlugen in meiner eigenen Seele , und frei und stark machten meinen Willen , um in der Welt nur dem innersten Trieb und Zug meines Gefühls zu gehorchen . Und wenn ich auch bald an diesem meinem eigenen Gefühl mich verirrte und sank , so muß es doch , glaube ich , weniger Schande bringen , durch sich selbst , durch das inwendige und unwiderstehliche Schicksal unserer Brust , gefallen und gescheitert zu sein . Ich bin keck und frei genug , die Augen noch dreist und harmlos aufzuschlagen , wenn mich die Südwinde meiner eigenen Leidenschaft verschlagen haben an gefahrvolle Klippen ; ich bin dann noch ein Kind meines Willens , ein Kind meines Schicksals , und ein Kind meines Gottes . Aber fremder Leidenschaft widerwillig gefallen zu sein , ist eine Beschimpfung des ganzen Daseins , gegen die nichts Anderes mehr als Lucretia ' s Tod hilft . Ich war in der letzten Zeit oft auf die Dresdener Gallerie gegangen , und hatte mir mit stillem Zucken die Lucretia angesehen , die in dem letzten Zimmer , nicht weit von der Sixtinischen Madonna , ganz oben hängt . Aber ich vergesse in diesem Hinundherreden über meine Lebenswirren ganz , von unserer Landpartie zu erzählen . Wir fuhren nach Plauen , das zu den reizendsten Umgegenden Dresdens gehört . Der liebliche Plauensche Grund , mit der schäumenden Weiseritz , die sich hier durch hohe Felsen ihre Bahn bricht , machte einen wohlthuenden Eindruck auf mich , und erleichterte zuerst wieder meine Vorstellungen . Ich konnte immer entsetzlich bald Alles vergessen , was mich drückte , selbst im Angesicht der Gefahr . Ich wurde heiter , nahm den dargebotenen Arm des Grafen an , ging lachend und hüpfend an seiner Seite , und sang auf sein Begehren sogar die tanti palpiti . Ich war im Stande , mir einzubilden , wenn ich wollte , daß er mein wahrer Freund sei , mit dem ich ganz gut sein müsse . Auch bezeigte er sich jetzt durchaus unbefangen , sodaß ich meinen Argwohn zurückdrängte . Nur die Figur der Tante ärgerte mich zuweilen , wenn sie mir mit ihren listigen , freundlichen , vielsagenden Augen bedeutungsvolle Blicke zuwarf . Wir hatten Wagen und Pferde im Dorfe gelassen , und spazierten zu Fuß weiter bis zu den Steinkohlenwerken . Der Graf erzählte mir manches Lehrreiche über den Grubenbau , und ich hörte mit Aufmerksamkeit zu . Auch besahen wir die Dampfmaschinen . Dann kehrten wir nach Plauen zurück , wo wir Abendbrot aßen und uns gut unterhielten , und erst spät am Abend langten wir wieder in Dresden an . Meine fröhliche Laune trübte sich , als ich sah , daß der Graf vor unserer Wohnung mit abstieg und uns hinausbegleitete . Ich fühlte , daß ich zitterte , und mein Blut stieg mir in dunkelrother Wallung ins Gesicht . So seltsam war mir noch nie zu Muthe gewesen , und als ich ins Zimmer trat , erschien mir Alles wie verändert . Es dünkte mich , als hätte ich früher weit wo anders gewohnt , und käme zum ersten Mal in dies Gemach , um hier die unglücklichste Stunde meines Lebens zu erleiden . Ich sah mich betroffen um , und wirklich , das Zimmer , in das man uns geführt hatte , war mir in seiner ganzen Einrichtung neu . In der Ecke stand ein großer Amor von Bronze , mit einer brennenden Fackel in der Hand , und beleuchtete mir durch diese auf magische Weise das ängstigend geheimnißvolle Gemach . Ich war wie im Traum , und halb besinnungslos ließ ich mich von dem Grafen , der mich mit raschen Arm umfaßte , zu ihm auf die Ottomane ziehen . Diese war in Form eines Himmelbettes mit rothen seidenen Vorhängen , die sich aus den goldenen Klauen eines Greifs falteten , überdeckt , und sie drohten eben rauschend über mich zusammenzuschlagen , als ich , plötzlich mich besinnend , mich aufriß , und in wilder Bewegung fast einen Tisch umstürzte , der mit Wein und Confecten vor uns