, welche sich im griechischen Texte des Neuen Testamentes finden . Gewisse Kapitel gibt es in den dogmatischen Systemen unsrer Theologen , die sich besser für Grimms » Kindermärchen « oder » Tausend und eine Nacht « schicken würden . Dazu gehören die kriminalisch strafbaren Dogmen von der Offenbarung und Inspiration . Je naiver die Völker sind , desto sinnlicher und äußerlicher ihre Begriffe vom Weltzwecke : je gebildeter jene , desto geheimnisreicher diese . Die Verwechselung endlicher und unendlicher Ursachen der Weltregierung lag nahe , und so kam es , daß das Altertum so viel Historisches in Mystisches , Mystisches wieder in Himmlisches verwandelte . Der Naturmensch versteht die Welt nur so weit , wie sein Auge reicht . Alles , was über den Sehkreis seiner sinnlichen Vorstellungen hinausliegt , scheint ihm die erklärende Veranlassung der Unerklärlichkeiten zu sein , die ihn in nächster Nähe umgeben . Daher die zahllosen Details im Glauben der alten Völker : daher die Übertreibungen der Phantasie , das Ungeheure in Zahlen und Formbildungen . Die alten Religionen sind so ausschweifend wie alles , was man , ich sage nicht , nicht kennt , sondern wie alles , das man noch nicht gesehen hat . In diesen Unförmlichkeiten Entstellungen alter Überlieferungen zu finden , einfache , aber tiefsinnige Keime einer urweltlichen Offenbarung oder auch nur eines heiligen , frommen und simpeln Zeitalters : das heißt , von einer kindischen Ansicht , die wir schon erwähnten , nur eine ernsthafte Anwendung machen . Das klassische Altertum hatte den schönsten Ausdruck für das religiöse Prinzip der alten Welt : Religion ist alles , was man entweder selbst nicht ist oder nicht kennt . Die Griechen , mit ihren östlichen Ahnen und deren architektonischen Vorstudien der vollendeten heidnischen Idee , die Griechen setzten die Religion in die Kunst , sie setzten sie in das , was im Ungewissen immer das Gewisse ist , in das Maß aller Dinge , in den Menschen . Man konnte eine einseitige Idee nicht schöner ausdrücken und konnte doch zu gleicher Zeit nicht tiefer sinken . Wenn die Menschheit nach dem Ebenbilde Gottes geschaffen ist , so war sie jetzt da wieder angekommen , von wo sie ausging . Wir werden uns , solange die Erde kreist , in Zirkeln bewegen . Hier war ein Zirkel , dessen Anfang sich in sein Ende zurückbog . Wäre das Heidentum ohne Kultus gewesen , warum hätte die Menschheit nicht an ihm Genüge finden sollen ? Aber die Priester der Religionen pflegen immer diejenigen zu sein , welche ihre Religionen selbst untergraben . Könnten sich die Religionen von Gebräuchen , Äußerlichkeiten , von der Zudringlichkeit ihrer berufenen und verordneten Diener frei erhalten , so würden sie eine längere Dauer in Anspruch nehmen dürfen . Das Heidentum war Poesie und bildende Kunst , war Veredlung der Sinnlichkeit , war Gestaltung der rohen Materie ; Julian , der Apostat , fühlte es wohl , daß die Götter Griechenlands einen Mann von Geschmack befriedigen konnten . Das Heidentum war tolerant . Es war die friedfertigste Religion von der Welt , solange sie nicht nötig hatte , um ihre Existenz zu kämpfen . Das Heidentum wurde blutig , verfolgungssüchtig , ich möchte sagen , christlich erst da , als ein sonderbarer Aberglauben zur Aufwiegelung der Völker gepredigt wurde , als sich gleißnerische Frömmler in die Gemächer der Fürstinnen schlichen und eine Gottesherrschaft , eine Religion , die nicht Friede , sondern das Schwert brachte , eine politische Revolution zu verbreiten suchten . Der Ursprung dieses Ereignisses kam aber auf folgendes zurück . In Judäa , einem sehr barocken Lande , trat ein junger Mann namens Jesus auf , der durch eine bedenkliche Verwirrung seiner Ideen auf den Glauben kam , er sei schon seinen Vorfahren als Befreier der Nation , der er angehörte , verkündigt worden . Jesus war aus Nazareth gebürtig , unehelichen Ursprungs , Stiefsohn eines braven Zimmermanns namens Joseph . Jesus beschäftigte sich viel mit den Schriften der jüdischen Literatur , reiste , unterrichtete sich und strebte mit edler Selbstüberwindung nach einer stoischen Sittenreinheit . Jesus fühlte , daß eine Mission an sein Herz pochte . Es war ihm , als müßte er einen Auftrag erfüllen , über den er zeit seines Lebens nicht im klaren war . Er adoptierte den Glauben an einen verheißenen König , der seine eitle Nation zur Herrscherin der Welt machen würde : er erschrak aber selbst vor dieser übermütigen Verheißung , welche einer wahren Idee Gottes gänzlich unwürdig war . Jesus wußte selbst da noch nicht , wohinaus , als er die ersten unbesonnenen Schritte getan , als er seinen Freund Johannes auf Kundschaft und Prüfung der Menge vorausgesandt hatte ; er wurde Rabbi , ein erlaubter Volkslehrer , er nahm Schüler zu sich , er predigte Buße und gottseligen Wandel , predigte das reine , das Urjudentum des Moses , er nannte sich Messias und stritt nirgends gegen die falsche Auslegung seiner Absicht , nirgends gegen die Begriffe , welche man in Judäa mit dem Messias verband . Nicht einmal des römischen Joches erwähnte Jesus ; er scheint gefühlt zu haben , daß der Messias nur eine theologische Bedeutung haben könne , und richtete doch seine Invektiven gegen die politische Verfassung in Jerusalem , gegen den hohen Rat und gegen Priester , die er einer zu ihrem Frommen falschen Auslegung der alten Bücher bezüchtigte . Inzwischen mehrte sich die Unruhe , Jesus zog mit Tausenden durch das Land , hielt einen gewaltsamen Einzug in Jerusalem , vergriff sich tätlich an dem Tempel , dem Nationalheiligtume der Juden , und fiel als ein Opfer seiner falschen Berechnung und innerlichen Unklarheit . Er hatte dem trägen Volke Energie zugetraut : es verließ ihn wie Thomas Müntzern , als er keine Wunder tun konnte , wie zahllose Revolutionäre alter und neuer Zeit , da sie die Hülfe nicht brachten , die sie versprachen . Jesus wurde gekreuzigt . » Mein Gott , warum hast du mich verlassen ? « rief er und starb . Jesus war nicht der größte , aber der edelste Mensch , dessen Namen die Geschichte aufbewahrt hat . Dies ist der historische Kern eines Ereignisses , aus welchem spätere Zeiten ein episches Gedicht machten mit Wundern und einer ganz fabelhaften Göttermaschinerie . Eine kleine Anekdote wurde welthistorisch . Die französische Revolution hinterließ eine Menge von politischen Wahrheiten , welche im Ansehen geblieben sind , selbst wenn jene weniger glücklich vonstatten gegangen wäre . So kam es auch , daß die verunglückte Revolution des Schwärmers Jesu etwas zurückließ , was zuletzt eine Religion wurde . Sollte hier zum ersten Male ein kleines , zufälliges Faktum den Anstoß zu einer großen Bewegung gegeben haben ? Nein , die Folgen jener Historie mögen so umfassend gewesen sein , wie sie es waren , so kann davon nichts auf die Naivetät der Historie selbst zurückfallen . Jesus war in Rücksicht auf den jüdischen Messiasglauben nicht der rechte Messias , sondern ein falscher , so gut wie Theudas , Judas Galiläus und Bar Kochba . In Rücksicht auf die Weltgeschichte war er desgleichen nicht mehr ; nur daß seine Anhänger zufällig von der Zeit , von dem unsinnigen Heidenritus , von der Sucht des Geheimnisses profitierten . Das Ereignis , das allen den folgenden Begebenheiten und Revolutionen zum Grunde lag , steht an und für sich betrachtet auf keiner höhern Stufe als die Lebensumstände des Pythagoras , Zoroaster oder Sokrates . Jesus war Jude . Er dachte nicht daran , eine neue Religion zu stiften . Es war bei ihm weder von einer Aufhebung noch von einer Erläuterung des Judentums die Rede . Er sagte selbst , daß er nicht gekommen sei , das Gesetz aufzulösen , sondern zu erfüllen ; ein Ausdruck , der freilich im griechischen Texte mehr sagt als das bloße : Befolgen , aber nicht über den Begriff eines vollkommnen , in allen seinen Bezügen verstandenen Judentums hinausgeht . Da war auch nicht eine einzige neue Lehre , welche Jesus brachte . Enthüllte er tiefer die Geheimnisse Gottes ? Nein , er kennt nur jenen pädagogischen Gott des Judentums . Waren seine Andeutungen über die Unsterblichkeit neu ? Sie waren es , der dunkeln und zweifelhaften Lehre des Alten Testaments gegenüber : aber seit dreihundert Jahren glaubten die Juden an die Fortdauer nach dem Tode aus eignem Antriebe : die Pharisäer hatten daraus das Feldgeschrei ihrer Parteimeinung gemacht . Was blieb demnach im Munde Jesu übrig ? Eine Moral , welche allerdings veredelnde Kraft hat , aber nie mehr gibt und geben will als das lautre Judentum . Die Moral Jesu hält sich immer dicht bei den Gebräuchen des Zeremonialgesetzes und ist nur darin charakteristisch , daß sie für den äußern Ritus innerlich entsprechende Gesinnungen forderte . Jesus lehrte : Liebe deinen Nächsten wie dich selbst ! So lehrte schon Moses ; aber der Stifter einer neuen Religion mußte sagen : Liebe deinen Nächsten mehr als dich selbst ! Daraus schließt man , daß Jesus eine Person war , die einzig und allein der Geschichte , keineswegs aber der Religion oder Philosophie angehörte . Törichter Glaube , das Neue Testament für die Grundlage einer Religion anzusehen , für ein Buch , das geschrieben worden wäre , um symbolischen Wert zu haben ! Der Kanon ist nichts als die erste Erscheinung des Christentums . Das Christentum selbst liegt darüber hinaus : das heißt , vage Begriffe über ein gescheitertes historisches Ereignis wurden von Männern herumgetragen , die dabei beteiligt gewesen waren . Die Apostel hatten die Fähigkeit nicht gehabt , eine Begebenheit zu verstehen , welche mit sich selbst in Widersprüchen lag ; sie konnten sich nur der Wirksamkeit nicht entschlagen , welche eine so bedeutende Persönlichkeit wie die ihres Lehrers auf sie ausübte : sie glaubten seinen dreisten Behauptungen , daß er der Messias wäre , und fanden bei der Verbreitung dieser Ansicht darin eine Unterstützung , daß Jesus seine baldige Wiederkunft versprochen hatte . So entspann sich ein romantisches Truggewebe von Wundern , subjektiven , die Jesus verrichtet habe , objektiven , die an ihm selbst geschehen wären . Die Apostel übersahen , wie sehr die Mehrzahl dieser Wunder , welche eher auf einen Eskamoteur als auf einen Propheten schließen lassen ( ich erinnere nur an die Fabel von dem Stater im Leibe eines Fisches ) , das göttliche Gepräge ihrer Erzählungen verwischte . Ja , sie wußten nicht einmal , wieviel sie moralisch wagten , alle ihre Behauptungen wechselseitig ohne Prüfung anzunehmen . Denn das Altertum war überall auf das Außerordentliche hin gerichtet und konnte sich keine große Begebenheit ohne Abweichungen von dem natürlichen Laufe der Dinge erklären . Auffallend bleibt es indessen , daß die Apostel selbst im Neuen Testamente so wenig scharf und präzis als Verbreiter der Lehre Jesu auftraten , daß erst andere meist ein Amt übernahmen , was ihnen vor allen zukam . Hätten sie wirklich den Leichnam Jesu gestohlen ? Dann klänge dies Stillschweigen fast wie böses Gewissen . Hierüber mag ich nichts entscheiden : nur dies scheint fest , daß die Apostel Menschen von borniertem Verstande waren , daß sie überhaupt viel Ähnlichkeit mit unsern Theologen hatten und daß es zuletzt nicht ohne typische Vorbedeutung war , wenn neben der Krippe Jesu gleich ein Ochs und ein Esel standen . Diejenigen unter den Anhängern Jesu , welche , ich sage nicht , logische Schlüsse machen , doch wenigstens begreifen konnten , wie z.B. der von den Theologen gern zu einem tiefsinnigen Philosophen gestempelte Paulus , befolgten in der Stiftung einer neuen Sekte den dreisten Gang , daß sie in Jesu nur die Neuerung anerkannten . Sie rissen seine Erscheinung als etwas Isoliertes vom Gesetze los . Sie machten aus polizeilichen Differenzen ihres Lehrers mit der Synagoge absichtliche , dogmatische , religionsstiftende . Eine übermütige Exegese , welche die Stellen des Alten Testamentes in einem sträflich verkehrten Sinne auf Jesus bezog , mußte ihre Absichten unterstützen . Jesus wurde ein Wundertäter , und er machte als solcher unter den Heiden ein Glück , das Apollonius von Tyana auch gehabt hätte , wäre ihm der Jude Jesus nicht in der Zeit zuvorgekommen . Die geringe Philosophie , die hinzukam , alle diese Märchen zu erklären und in einen dogmatischen Zusammenhalt zu bringen , waren die Unterscheidungen zwischen physischer und psychischer Natur , zwischen Fleisch und Geist , zwischen dem Gesetz und der Freiheit . Wahrlich , eine Religion mußte diese Einfachheit haben , um so um sich zu greifen , wie es das Christentum tat ! Das Christentum ist eine Religion der Persönlichkeit . Moses war doch nur der Sendling Gottes , Muhamed Allahs Prophet , sie ließen sich keine göttliche Ehre erweisen ! Sehet hier eine Religion , deren unwillkürlicher Stifter von einigen verworrenen Köpfen mit Gott selbst verwechselt wurde , eine Religion , die nichts für ihren Gegenstand und alles für ihren ersten Priester tut ! Jede allgemeine , jede Weltreligion muß unabhängig von irgendeinem Namen sein , und im Christentum ist man heute noch nicht einig , welche Ehre Gott , welche Jesu gebührt . Welch ein Glaube ! Wir sind nicht ohne Poesie , wir schwärmen gern , weil wir in jedem Hauche der Natur einen Kuß der Gottheit wähnen , und würden recht unglücklich sein , wenn wir nicht zuweilen auf unsern herben Lebenswein ein Rosenblatt der Illusion legen dürften , ein Rosenblatt , das uns in den Mund kömmt und zu trinken hindert und das wir doch nicht missen möchten . Aber hier überschreitet eine Zumutung die Linie des Erträglichen . Das Christentum wurzele nicht in Jesu Lehre , sondern in seinem Leben : nicht die Liebe sei es , sagen sie , die er im Abendmahle eingesetzt habe , sondern sein Fleisch und Blut , seine eigne Persönlichkeit , die nun immerdar solle gegessen und getrunken werden . Auf die individuellen Begegnisse eines unglücklichen Menschen wird eine Religion gebaut , eine Dogmatik , die sich nicht um die Worte seines Mundes kümmert , sondern seine Fußtapfen als Paragraphenzeichen nimmt , seine Nägelmale als Kapiteleinschnitte : kurz , das Christentum ist eine Religion , die auf eines Menschen körperlichen Verrichtungen und Leiden gegründet ist , eine Religion , die das objektive Evangelium eines Menschen predigt . Armer Rabbi von Nazareth ! Statt daß sie weinen sollten über dein wehmütiges Schicksal , freuen sie sich deines Todes und haben ihn lachendes Mutes im Munde ! Die Kreuzigung Jesu wird gar nicht mehr historisch nachempfunden ; sondern da alles in des unglücklichen Mannes Leben typisch und als Notwendigkeit gedeutet wird , so geht die Teilnahme und das Mitleiden gleichgültig an dem Schmerze vorüber und sieht am Karfreitage immer nur Ostern , bei einem Sterbenden eine grausame Hand , die ihm das Kissen unterm Kopfe wegzieht , damit er schneller sterbe , damit er schneller auferstünde ! Das Kruzifix ist eine Zierat geworden , die man im Ohre hängen hat . Die große , imponierende Gewalt des Christentums liegt in seiner welthistorischen Ausdehnung . Nicht , daß ich dieser Lehre die Umgestaltung Europas zuschriebe , nicht , daß ich so ungerecht gegen Gott wäre und behauptete , er habe ohne die verworrenen Ideen einiger palästinensischer Fischer und Teppichfabrikanten die Welt nicht auf diesen Gipfel der Kultur bringen können : nein , schon dadurch wird die christliche Idee geschwächt , daß sich die germanischen Völker für sie interessierten und ihre eigne welthistorische Prädestination in jene Lehre legten und das Christuskind als Christoffel durch das Weltmeer trugen . Das einzige , was mich an das Christentum kettet , ist ein magischer , mit Blut beschriebener Kreis ; jene schreckhaften Verfolgungen , denen der neue Glaube ausgesetzt war , jene Hekatomben , die das Christentum dem Heidentum opfern mußte , die Männer , Weiber , Kinder , die zu Tausenden hingemordet wurden - ah , das preßt an die Kammern des Gehirns : die Fibern des Nachdenkens ziehen sich zitternd in ihren Versteck : das brennt und schmerzt , wenn man Sinn für Historie , Sinn für die Leiden der Menschheit hat . Nur jener Blutströme wegen bin ich gewissermaßen Christ , weil meine Religion die des Schmerzes und mein Kultus der Mut ist . Ich würde nicht raten , eher ein neues Bekenntnis abzulegen , ehe man nicht im Begriffe und in der Lage ist , dafür dasselbe auszustehen , was das alte Bekenntnis gekostet hat . Bis hieher konnte noch von einem Christentum die Rede sein . Als der Begriff Kirche erfunden war , als Konzilien und Würdenträger eingesetzt wurden , da hatte sich die Lehre Jesu in eine neue Art von Heidentum verwandelt , in Mythologie auf der einen , Aristotelismus auf der andern Seite . Zwischen beiden wucherte die Mystik , keine ursprünglich christliche Pflanze , sondern arabisch-jüdisch-kabbalistisches Gewächs , das in der Philosophie als Platonismus wieder zum Vorschein kam . Das Christentum , insofern es von Priestern und Mönchen repräsentiert wurde , war auch nicht einmal eine Religion mehr , sondern nur noch Vorwand einer politischen Tendenz des Zeitalters . Die Hierarchie umgürtete sich mit dem Schwerte und fluchte wie ein Landsknecht . Das Christentum war nun doch ein Reich von dieser Welt geworden . Der tote Rabbi Jesus drehte sich im Grab um : er hatte sich gerächt . Wann gab es eine Religion , die in tausend Jahren mit so disparaten Anomalien sich äußern konnte ? Der Islam ist zwölfhundert Jahre alt , und noch weht die grünseidne Fahne des Propheten wie damals , als er aus der Wüste zog . Man hatte Jesus zum Stifter einer Religion machen wollen . Jesus hatte sich gerächt . Die falsche Auslegung seiner Mission war gescheitert . Luther versuchte noch einmal , das lecke Schiff einer imaginären Möglichkeit zusammenzufügen . Ein Bergmannssohn aus Thüringen stieg in das Bergwerk des Christentums hinab , durchhämmerte die oberen Flözschichten der Tradition und holte aus den tieferen Erzgängen hervor , was er für reines , silbernes und goldenes Christentum hielt . Es war eine kühne Neuerung , die sich aus dem Wittenberger Flachlande , aus der Gegend von Kroppstädt und Treuenbrietzen , die ganz so aussieht wie der gesunde Menschenverstand , entwickelte . Tausende sagten sich von dem römischen Heidentume los , das mit der Seelen Seligkeit einen Aktienhandel durch ganz Europa etabliert hatte . Die Wittenberger Reformation war ein großer Fortschritt der Menschheit , wenn es groß ist , wie Herr Tholuck getan haben soll , in Rom von den antiken Götterstatuen zu sagen : Es sind schöne Götzen ! Darum handelte es sich : die Menschheit von einem religiösen Mechanismus zu befreien , zu gleicher Zeit aber auch auf dreihundert Jahre die Kunst , die Literatur , die Schönheit aller vergangenen Zeiten und die Schönheit der Ewigkeit zu derogieren . Das ist kein Unglück , wenn es von einem großen Glücke ersetzt worden wäre . Für das Christentum geschah in der Reformation alles , für die Wahrheit und den gesunden Menschenverstand und die Naturreligion aber nichts . An zwei Begriffen siechte gleich anfangs die Reformation : an einem , den sie nicht abschaffte , an der Kirche ; und an einem , den sie neu erfand , am Evangelium . Biblisches Christentum ! Was heißt das ? Ein Christentum erfinden , das sich gründete auf falscher Exegese , schlechten kritischen Hülfsmitteln , auf Interpolationen und frommen Betrügereien , auf einer ungestörten und sorglosen Verbindung des Alten und Neuen Testamentes , endlich aber auf jener heillosen Verwechselung zwischen dem Kanon als einer Richtschnur des Christentums , statt daß der Kanon , wie wir zeigten , nur erste Erscheinung , die ganz prekäre und subjektiv überall beanstandete Erscheinung des Christentums war . Der Protestantismus bekam seine symbolischen Bücher , welche die Lehrer beschwören mußten , seine Katechismen , den großen und den kleinen , nach welchen die Unmündigen an einen Glauben geschmiedet wurden , dem sie schon als Säuglinge durch die Taufe willenlos sich hingeben mußten . Was muß ich glauben ? Ich muß glauben , daß Gott die Welt erschaffen hat - als wenn ein Gott , der sich in so endlichen Werken , wie die Erde ist , ausspricht , ein Gott , der zugibt , daß etwas außer ihm ist , ohne er selbst zu sein , als wenn ein Gott , der Raum und Zeit erschaffen hat , um aus Laune irgendeinen kleinlichen Weltzweck zu erfüllen , um durch die Dauer zu tun , was ihm ja im Nu gelingen könnte , um unglückliche , von Zweifeln zerfleischte , halb tierische , halb menschliche Menschen auf einem gewissen Erdballe , in einem gewissen Deutschland , hier in dieser ganzen Misere herumkriechen zu lassen , als wenn ein solcher Gott jemals meinem philosophischen Bewußtsein entsprechen könnte ! Aber was Philosophie ? Wir reden nicht von Philosophie : ich vergaß , daß wir über einige Ammenmärchen und poetische Grillen sprechen . Ich muß glauben , daß Christus sei ein eingeborner Sohn Gottes , von einer Jungfrau geboren , niedergefahren zur Hölle und wieder auferstanden - Nein , auch dies ist nicht der Kern des Christentums . Was soll ich glauben ? Daß Christus ist unser Mittler , daß er im Abendmahl persönlich assistiert als Fleisch und Blut im Brot und Weine , daß er uns rechtfertigt durch die Gnade , daß die Erbsünde , an die ich als Psycholog und Menschenkenner faktisch glaube , theologisch zu erklären sei , zum großen Teile aber eine Dogmatik , welche auf jedes einzelne Glied im Körper des Rabbi Jesus gegründet ist . Der Katholizismus war sinnlicher Götzendienst mit polytheistischer Färbung . Der Protestantismus wurde mystischer Götzendienst mit einer Beschränkung auf einen Gott , der aber drei Hypostasen hatte . Wittenberg und der Sand waren Schuld , daß diese Lehre immer flacher , äußerlicher und zänkischer sich ausbildete . Aus dem Evangelium , der Bibelmanie und den symbolischen Büchern setzte sich zuletzt das knöcherne Skelett der Orthodoxie zusammen , eine Gestalt , die statt des Herzens einen ledernen Beutel , statt des Gehirns eine Anhäufung schwammartiger Stoffe zu tragen hat . Das zweite Unglück des Protestantismus war die Beibehaltung des Begriffes der Kirche und die unterlassene Ausgleichung desselben mit dem Begriffe : Gemeine . Hier trat früh ein Schwanken ein , das auf der einen Seite das Extrem der englischen Hochkirche und auf der andern das quäkerische Extrem der allgemeinen Priesterschaft erzeugte . Das Luthertum an und für sich selbst nahm früh eine servile Richtung . Es stritt für das göttliche Recht der Fürsten ebensosehr , wie es seine eignen Satzungen in ein legitimes , unantastbares Gewand zu kleiden suchte . Thomas Müntzer schalt mit Recht auf Luther , den Papst von Wittenberg . Das Territorialsystem war die Folge der Schmeichelei . Die Kirche blieb etwas Ganzes , der Glaube wurde nicht an die stille Kammer des Herzens als seinen Tempel verwiesen , sondern die Kirche repräsentierte wie ehemals . Die Geistlichen regieren untereinander . Sie scheinen eine Monarchie für sich zu bilden und ducken sich außerdem unter der politischen Souveränität , so daß es noch heutiges Tages nicht entschieden ist , wie weit sich die kirchliche Autorität als Landeshoheit erstreckt , wie weit man wagen darf , Agenden zu verfassen und sie mit militärischer Gewalt , wie in den Schlesischen Dragonaden geschehen ist , in Wirksamkeit zu setzen . Hier ist alles vag , hoffärtig , augendienerisch , despotisch und erfüllt das Herz des Biedermannes mit den schmerzlichsten Gefühlen . Die deistische Philosophie des achtzehnten Jahrhunderts konnte deshalb dem Christentum keinen merklichen Abbruch tun , weil sie bald zu frivol , bald zu witzig war . Der unsittliche Reformator macht nirgends Glück . Der Witz ist einer so großartigen Institution wie das Christentum gänzlich unangemessen . Die naive Einfachheit kindlicher und glaubensfreudiger Seelen pariert alle Nadelstiche Voltaires , eines Mannes , den man für einen Schneider halten möchte , so furchtsam und eitel war er . Das Christentum fordert andere Waffen heraus , überhaupt keine Waffen , die nur für den Krieg taugen , sondern solche , welche sich an einen Stiel stecken lassen , positiv und schaffend werden und die Erde zur neuen Saat auflockern . Das achtzehnte Jahrhundert , der mephistophelische Geist der abstrakten Verneinung hauchte mit dem ersten Seufzer aus , der auf der Revolutionsguillotine ausgestoßen wurde . Die Negation der Revolution war schon eine schöpferische . Die Flügel meiner Seele schlagen freudiger , weil ich die Morgenröte ( ach ! die blutige Morgenröte ) der neuen Schöpfung sich am Himmel malen sehe . Aber noch halte mich zurück , du stürmischer Genius des Jahrhunderts ; noch einmal wurde in Deutschland der Versuch gemacht , zu einem trostreichen Resultate über die wunderbaren Begebenheiten in Palästina zu gelangen . Die Welt seufzt in ihrer Achse ob der stürmischen Bewegung . Wie glücklich wären wir alle , wenn wir in den Träumen unsrer Jugend uns ewig wiegen dürften und uns keine Unruhe der Seele von den Spielen der Unschuld verscheuchte ! Die Kantische Philosophie schien unsern Vätern nach langem Schlafe ein wunderbares Erwachen . Noch nie ist eine Entdeckung mit so reinem Enthusiasmus empfunden worden . Die Kantische Philosophie war Kritizismus : sie war ohne Geheimnisse ; aber sie schien den Schlüssel der Geheimnisse zu besitzen . Früher wurde sie auf die Offenbarung und das Christentum angewandt : aber die Konsequenzen , welche sich hier durch sie ergaben , waren von der entgegengesetztesten Art. Der Rationalismus hielt sich an die Unmöglichkeit , das Ding an sich zu erkennen ; der Supernaturalismus an die Vermutungen , welche hinter dem Dinge an sich liegen konnten . Das Ding an sich war ebensosehr negativ wie mystisch positiv : das weite Chaos der Zweifel lag in ihm ebensogut wie das Chaos der Gefühle . Diese beiden Prinzipien über Christentum machten fünfzehn Jahre in Deutschland die Tagesordnung aus . Es war ein Streit um den Anfang eines Zirkels . Der Rationalismus , der von Gott behauptete , daß man vieles von seinem Wesen wisse , manches aber noch unerörtert zu lassen habe , begann mit dem Bestimmten und hörte mit dem Unbestimmten auf . Der Supernaturalismus , der aus seinen Ahnungen ein System , aus seinen Ungewißheiten eine Dogmatik schuf , fing mit dem Unbestimmten an und hörte mit dem Gegenteile auf . So war der Streit ohne des Endes Möglichkeit . Niemand trat aus dem Zirkel heraus . Sie walzten ihre Debatten herum und erschöpften sich in Konzessionen praktischer und theoretischer Art. Mischgattungen drängten sich zwischen die Extreme : Damenprediger , welche das Christentum mit Gemälden verglichen , wo die Konturen dem Rationalismus , die Farben dem Supernaturalismus angehören müßten : Professoren der Theologie , die das Urchristentum wollten ; Generalsuperintendenten , welche die Perfektibilität des Christentums lehrten . Andre , wie Schleiermacher , adoptierten die Dogmatik , wenn ihre Lehrsätze sich gemütlich als Seelenzustände betätigten . Mit einem Worte , sie mochten so freidenkerisch verfahren wie immer ; so riß doch niemand den Vorhang der Lüge weg . Auf der Kanzel gaben sie niemals jenen Glauben preis , den sie auf dem Katheder anatomisch zergliederten . Überall trifft man auf Diakone und Konsistorialräte dieser Art , welche sich wie jesuitische Aale theoretisch winden und hin- und hersträuben , praktisch aber sich immer wieder in ihren homiletischen Schleim verstecken . Schelling und Hegel , jener von katholischer , dieser von protestantischer Seite , stellten den letzten Versuch an , die Philosophie mit der Offenbarung in Einklang zu bringen . Schelling übertrug allerhand Analogien des Naturprozesses auf die Geheimnislehren des Christentums : er wußte Opfer , Menschwerdung usf. durch witzige Bilder von seiten der Phantasie annehmlich zu machen . Hegel stützte sich auf den Geschichtsprozeß , auf die innerlichen Ruhemomente seiner metaphysischen Logik , deren ganzes Schema allein schon den Begriff der Trinität ausdrückte . Hegels Philosophie scheint mir auch wahrlich die einzige , die imstande ist , das Christentum zu beurteilen . Ihr Standpunkt ist der historische . Sie bringt einen Schematismus in die Begebenheiten , welcher den innern und äußern Sinnen wohltut . Wodurch ist auch das Christentum eine so imposante Erscheinung ? Durch seine historische Stellung . Hegel hat die Verschiedenheit der Zeiten immer vortrefflich charakterisiert und das Eigentümliche des Christentums darin gefunden , daß sich logische und historische Begriffe daran akkommodieren lassen . Aber mehr gelang ihm nicht . Seine Philosophie des Christentums konnte nur da erst anfangen , als die Entwicklung der christlichen Lehre zu Ende war . Hegels Maßstab ist überall die Vergangenheit . Seine Erklärungen sind typischer Art , seine Philosophie ist eine Auslegung . Schelling und Hegel stehen an der Spitze jenes christlichen Dilettantismus , der aus künstlerischen Interessen sich mit verstopftem Ohre in eine grundlose Flut versenkt . Das Christentum selbst muß dabei seinen Kredit verlieren , wenn nur noch Dichter , Grübler , Künstler , verzweifelte und polizeilich beaufsichtigte Menschen sich für die Erklärung seiner Satzungen interessieren . Der gesunde Teil der Menschheit wird in eine andere Strömung des stürmenden Weltgeistes gerissen werden . Unser Zeitalter ist politisch , aber nicht gottlos . Wie gern verbände es die Freiheit der Völker mit dem Glauben an die Ewigkeit ! Aber unchristlich ist unser Zeitalter , denn das Christentum scheint sich überall der politischen Emanzipation in den Weg zu stellen . Daher jene merkwürdigen Erscheinungen , welche die neuere Zeit auf dem Gebiete , man weiß nicht , soll man sagen , der Politik oder der Religion hervorgebracht hat . Überall Sektengeist , Religionsstifter , Religionen auf Aktien , Religionen auf Subskription , jede Religion , nur kein Christentum . Man spricht von Priestern , von einer Theokratie , von Gottesdienst , nur nichts Christliches . Es ist erstaunenswert , daß diese Dinge in Frankreich auftauchen , in einem Lande , das für Europa die Mission der Freiheit hat , in einem Lande , das in der neuern Geschichte für alle Fragen der Kultur die Initiative übernommen zu haben scheint . Wir reden hier vom St. Simonismus und den » Worten eines Gläubigen « . In diese beiden Bekenntnisse ist zuerst die Anerkennung der politischen Tendenz des Jahrhunderts niedergelegt .