alles , was ich bis heute erkannt und erlebt hab . - Dein ganzes Leben ist so gut . An Bettine Am 16. Juli 1807 Was kann man Dir sagen und geben , was Dir nicht schon auf eine schönere Weise zugeeignet wäre ; man muß schweigen und Dich gewähren lassen ; wenn es Gelegenheit gibt , Dich um etwas zu bitten , da mag man seinen Dank mit einfließen lassen für das viele , was unerwartet durch Deine reiche Liebe einem geschenkt wird . Daß Du die Mutter pflegst , möchte ich Dir gern aufs herzlichste vergelten ; - von dorther kam mir der Zugwind , und jetzt , weil ich Dich mit ihr zusammen weiß , fühl ich mich gesichert und warm . Ich sage Dir nicht : » Komm ! « Ich will nicht den kleinen Vogel aus dem Neste gestört haben ; aber der Zufall würde mir nicht unwillkommen sein , der Sturm und Gewitter benützte , um ihn glücklich unter mein Dach zu bringen . Auf jeden Fall , liebste Bettine , bedenke , daß Du auf dem Weg bist , mich zu verwöhnen . Goethe An Goethe Wartburg , den 1. August in der Nacht Freund , ich bin allein ; alles schläft , und mich hält ' s wach , daß es kaum ist , wie ich noch mit Dir zusammen war . Vielleicht , Goethe , war dies das höchste Ereignis meines Lebens ; vielleicht war es der reichste , der seligste Augenblick ; schönere Tage sollen mir nicht kommen , ich würde sie abweisen . Es war freilich ein letzter Kuß , mit dem ich scheiden mußte , da ich glaubte , ich müsse ewig an Deinen Lippen hängen , und wie ich so dahin fuhr durch die Gänge unter den Bäumen , unter denen wir zusammen gegangen waren , da glaubte ich , an jedem Stamme müsse ich mich festhalten , - aber sie verschwanden , die grünen wohlbekannten Räume , sie wichen in die Ferne , die geliebten Auen , und Deine Wohnung war längst hinabgesunken , und die blaue Ferne schien allein mir meines Lebens Rätsel zu bewachen ; - doch die mußt auch noch scheiden , und nun hatt ich nichts mehr als mein heiß Verlangen , und meine Tränen flossen diesem Scheiden ; ach , da besann ich mich auf alles , wie Du mit mir gewandelt bist in nächtlichen Stunden und hast mir gelächelt , daß ich Dir die Wolkengebilde auslegte und meine Liebe , meine schönen Träume , und hast mit mir gelauscht dem Geflüster der Blätter im Nachtwind ; der Stille der fernen weit verbreiteten Nacht . - Und hast mich geliebt , das weiß ich ; wie Du mich an der Hand führtest durch die Straßen , da hab ich ' s an Deinem Atem empfunden , am Ton Deiner Stimme , an etwas , wie soll ich ' s Dir bezeichnen , das mich umwehte , daß Du mich aufnahmst in ein inneres geheimes Leben , und hattest Dich in diesem Augenblick mir allein zugewendet und begehrtest nichts , als mit mir zu sein ; und dies alles , wer wird mir ' s rauben ? - Was ist mir verloren ? - Mein Freund , ich habe alles , was ich je genossen . Und wo ich auch hingehe - mein Glück ist meine Heimat . Wie die Regentropfen rasseln an den kleinen runden Fensterscheiben , und der Wind furchtbar tobt ! Ich habe schon im Bett gelegen und hatte mich nach der Seite gewendet und wollte einschlafen in Dir , im Denken an Dich . - Was heißt das : im Herrn entschlafen ? Oft fällt mir dieser Spruch ein , wenn ich so zwischen Schlaf und Wachen fühle , daß ich mit Dir beschäftigt bin ; - ich weiß genau , wie das ist : der ganze irdische Tag vergeht dem Liebenden , wie das irdische Leben der Seele vergeht ; sie ist hier und da in Anspruch genommen , und ob sie sich ' s schon verspricht , sich selber nicht zu umgehen ; so hat sie sich am End durch das Gewebe der Zeiten durchgearbeitet , immer unter der heimlichen Bedingung , einmal nur Rücksprache zu nehmen mit dem Geliebten , aber die Stunden legen im Vorüberschreiten jede ihre Bitten und Befehle dar ; und da ist ein übermächtiger Wille im Menschen , der heißt ihn allem sich fügen ; den läßt er über sich walten , wie das Opfer über sich walten läßt , das da weiß , es wird zum Altar geführt . - Und so entschläft die Seele im Herrn , ermüdet von der ganzen Lebenszeit , die ihr Tyrann war und jetzt den Zepter sinken läßt . Da steigen göttliche Träume herauf und nehmen sie in ihren Schoß und hüllen sie ein , und ihr magischer Duft wird immer stärker und umnebelt die Seele , daß sie nichts mehr von sich weiß ; das ist die Ruhe im Grabe ; so steigen Träume herauf jede Nacht , wenn ich mich besinnen will auf Dich ; und ich lasse mich ohne Widerstand einwiegen ; denn ich fühle , daß mein Wolkenbett aufwärts mit mir steigt ! - Wenn Du diese Nacht auch wachgehalten bist , so mußt Du doch einen Begriff haben von dem ungeheuren Sturm . Eben wollte ich noch ganz stark sein und mich gar nicht fürchten ; da nahm aber der Wind einen so gewaltigen Anlauf und klirrte an den Fensterscheiben und heulte so jammernd , daß ich Mitleid spürte , und nun riß er so tückisch die schwere Türe auf , er wollte mir das Licht auslöschen ; ich sprang auf den Tisch und schützte es , und ich sah durch die offne Tür nach dem dunklen Gang , um doch gleich bereit zu sein , wenn Geister eintreten sollten ; ich zitterte vor herzklopfender Angst ; da sah ich was sich bilden , draußen im Gang ; und es war wirklich , als wollten zwei Männer eintreten , die sich bei der Hand hielten ; einer weiß und breitschultrig , und der andre schwarz und freundlich ; und ich dachte : das ist Goethe ! Da sprang ich vom Tisch Dir entgegen und lief zur Tür hinaus auf den dunklen Gang , vor dem ich mich gefürchtet hatte , und ging bis ans Ende Dir entgegen , und meine ganze Angst hatte sich in Sehnsucht verwandelt ; und ich war traurig , daß die Geister nicht kamen , Du und der Herzog . - Ihr seid ja oft hier gewesen zusammen , Ihr zwei freundlichen Brüder . Gute Nacht , ich bin begierig auf morgen früh ; da muß sich ' s ausweisen , was der Sturm wird angerichtet haben ; das Krachen der Bäume , das Rieseln der Wasser wird doch was durchgesetzt haben . Am 2. August Heute morgen hat mich die Sonne schon halb fünf Uhr geweckt ; ich glaub , ich hab keine zwei Stund geschlafen ; sie mußte mir grade in die Augen scheinen . Eben hatte es aufgehört mit Wolkenbrechen und Windwirbeln , die goldne Ruhe breitete sich aus am blauen Morgenhimmel ; ich sah die Wasser sich sammeln und ihren Weg zwischen den Felskanten suchen hinab in die Flut ; gestürzte Tannen brachen den brausenden Wassersturz , und Felssteine spalteten seinen Lauf ; er war unaufhaltsam ; er riß mit sich , was nicht widerstehen konnte . - Da überkam mich eine so gewaltige Lust - ich konnte auch nicht widerstehen : ich schürzte mich hoch , der Morgenwind hielt mich bei den Haaren im Zaum ; ich stützte beide Hände in die Seite , um mich im Gleichgewicht zu halten , und sprang hinab in kühnen Sätzen von einem Felsstück zum andern , bald hüben bald drüben , das brausende Wasser mit mir , kam ich unten an ; da lag , als wenn ein Keil sie gespalten hätte bis an die Wurzel , der halbe Stamm einer hohlen Linde , quer über den sich sammelnden Wassern . O liebster Freund ! Der Mensch , wenn er Morgennebel trinkt und die frischen Winde sich mit ihm jagen und der Duft der jungen Kräuter in die Brust eindringt und in den Kopf steigt ; und wenn die Schläfe pochen und die Wangen glühen und wenn er die Regentropfen aus den Haaren schüttelt , was ist das für eine Lust ! Auf dem umgestürzten Stamm ruhte ich aus , und da entdeckte ich unter den dickbelaubten Ästen unzählige Vogelnester , kleine Meisen mit schwarzen Köpfchen und weißen Kehlen , sieben in einem Neste , Finken und Distelfinken ; die alten Vögel flatterten über meinem Kopf und wollten die jungen ätzen ; ach , wenn ' s ihnen nur gelingt , sie groß zu ziehen in so schwieriger Lage ; denk nur : aus dem blauen Himmel herabgestürzt an die Erde , quer über einen reißenden Bach , wenn so ein Vögelchen herausfällt , muß es gleich ersaufen , und noch dazu hängen alle Nester schief . - Aber die hunderttausend Bienen und Mücken , die mich umschwirrten , die all in der Linde Nahrung suchten ; - wenn Du doch das Leben mit angesehen hättest ! Da ist kein Markt so reich an Verkehr , und alles war so bekannt , jedes sucht sein kleines Wirtshaus unter den Blüten , wo es einkehrte ; und emsig flog es wieder hinweg und begegnete dem Nachbar , und da summten sie aneinander vorbei , als ob sie sich ' s sagten , wo gut Bier feil ist . - Was schwätze ich Dir alles von der Linde ! - Und doch ist ' s noch nicht genug ; an der Wurzel hängt der Stamm noch zusammen ; ich sah hinauf zu dem Gipfel des stehenden Baumes , der nun sein halbes Leben am Boden hinschleifen muß , und im Herbst stirbt er ihm ab . Lieber Goethe , hätte ich meine Hütte dort in der einsamen Talschlucht , und ich wär gewöhnt , auf Dich zu warten , welch großes Ereignis war dieses ; wie würd ich Dir entgegenspringen und von weitem schon zurufen : » Denk nur unsere Linde ! « - Und so ist es auch : ich bin eingeschlossen in meiner Liebe wie in einsamer Hütte , und mein Leben ist ein Harren auf Dich unter der Linde ; wo Erinnerung und Gegenwart duftet und die Sehnsucht die Zukunft herbeilockt . Ach lieber Wolfgang , wenn der grausame Sturm die Linde spaltet und die üppigere , stärkere Hälfte mit allem innewohnenden Leben zu Boden stürzt und ihr grünes Laub über bösem Geschick wie über stürzenden Bergwassern trauernd welkt und die junge Brut in ihren Ästen verdirbt ; o dann denk , daß die eine Hälfte noch steht , und in ihr alle Erinnerung und alles Leben , was dieser entsprießt , zum Himmel getragen wird . Adieu ! Jetzt geht ' s weiter ; morgen bin ich Dir nicht so nah , daß ein Brief , den ich früh geschrieben , Dir spät die Zeit vertreibt . - Ach lasse sie Dir vertreiben , als wenn ich selbst bei Dir war : zärtlich ! In Kassel bleib ich vierzehn Tage , dort werd ich der Mutter schreiben ; sie weiß noch nicht , daß ich bei Dir war . Bettine An Bettine War unersättlich nach viel tausend Küssen Und mußt mit Einem Kuß am Ende scheiden . Bei solcher Trennung herb empfundnem Leiden War mir das Ufer , dem ich mich entrissen , Mit Wohnungen , mit Bergen , Hügeln , Flüssen , So lang ich ' s deutlich sah , ein Schatz der Freuden . Zuletzt im Blauen blieb ein Augenweiden An fern entwichnen lichten Finsternissen . Und endlich , als das Meer den Blick umgrenzte , Fiel mir ' s zurück ins Herz , mein heiß Verlangen , Ich suchte mein Verlornes gar verdrossen . Da war es gleich , als ob der Himmel glänzte , Mir schien , als wäre nichts mir , nichts entgangen , Als hätt ich alles , was ich je genossen . ----- Ein Strom entrauscht umwölktem Felsensaale , Dem Ozean sich eilig zu verbinden ; Was auch sich spiegeln mag von Grund zu Gründen , Er wandelt unaufhaltsam fort zu Tale . Doch stürzt sich Oreas mit einem Male , Ihr folgen Berg und Wald in Wirbelwinden Herab zur Flut , Behagen dort zu finden , Und hemmt den Lauf , begrenzt die weite Schale . Die Welle sprüht und staunt zurück und weichet Und schwillt bergan , sich immer selbst zu trinken . Gehemmt ist nun zum Vater hin das Streben . Sie schwankt und ruht zum See zurückgedeichet . Gestirne spiegelnd sich , beschaun das Blinken Des Wellenschlags am Fels , ein neues Leben . Deine fliegenden Blätter , liebste Bettine , kamen grade zu rechter Zeit , um dem Verdruß über Dein Verschwinden in etwas zu steuern . Beiliegend gebe ich Dir einen Teil derselben zurück ; Du siehst , wie man versucht , sich an der Zeit , die uns des Liebsten beraubt , zu rächen und schöne Minuten zu verewigen . Möge sich Dir der Wert darin spiegeln , den Du für den Dichter haben mußt . Sollte Dein Vagabondenleben noch länger dauern , so versäume nicht von allem Nachricht zu geben ; ich folge Dir gerne , wo Dich auch Dein dämonischer Geist hinführt . Ich lege diese Blätter an die Mutter bei , die Dir sie zu freundlicher Stunde senden mag , da ich Deine Adresse nicht genau weiß . - Lebe wohl und komme Deinen Verheißungen nach . Weimar , den 7. August 1807 Goethe An Goethe Kassel , den 13. August 1807 Wer kann ' s deuten und ermessen , was in mir vorgeht ? - Ich bin glücklich jetzt im Andenken der Vergangenheit , als ich kaum damals in der Gegenwart war ; mein erregtes Herz , die Überraschung bei Dir zu sein , dies Kommen und Gehen und Wiederkehren in den paar Tagen , das war alles wie eindringende Wolken an meinem Himmel ; er mußte durch meine zu große Nähe zugleich meinen Schatten aufnehmen , so wie er auch immer dunkler ist , wo er an die Erde grenzt ; jetzt in der Ferne wird er mild , hoch und ganz hell . Ich möchte Deine liebe Hand mit meinen beiden an mein Herz drücken und Dir sagen : wie Friede und Fülle über mich gekommen ist , seitdem ich Dich weiß . Ich weiß , daß es nicht der Abend ist , der mir jetzt ins Leben hereindämmert ; o wenn er ' s doch wäre ! Wenn sie doch schon verlebt wären die Tage und meine Wünsche und meine Freuden , möchten sie sich alle an Dir hinauf bilden , daß Du mit überdeckt wärst und bekränzt , wie mit immergrünem Laub . Aber so warst Du , wie ich am Abend allein bei Dir war , daß ich Dich gar nicht begreifen konnte ; Du hast über mich gelacht , weil ich bewegt war , und laut gelacht , weil ich weinte , aber warum ? Und doch war es Dein Lachen , der Ton Deines Lachens , was mich zu Tränen rührte , so wie es meine Tränen waren , die Dich lachen machten , und ich bin zufrieden und sehe unter der Hülle dieses Rätsels Rosen hervorbrechen , die der Wehmut und der Freude zugleich entsprießen . - Ja , Du hast recht , Prophet : ich werde noch oft mit leichtem Herzen Scherz und Lust durchwühlen , ich werde mich müde tummeln , so wie ich in meiner Kindheit ( ach , ich glaub es war gestern ! ) mich aus Übermut auf den blühenden Feldern herumwälzte und alles zusammendrückte und die Blumen mit den Wurzeln ausriß , um sie ins Wasser zu werfen , - aber auf süßem , warmem , festem Ernst will ich ausruhen , und der bist Du , lachender Prophet . - Ich sag Dir ' s noch einmal : wer versteht ' s auf der weiten Erde , was in mir vorgeht , wie ich so ruhig in Dir bin , so still , so ohne Wanken in meinem Gefühl ; ich könnte , wie die Berge , Nächte und Tage in die Vergangenheit tragen , ohne nur zu zucken in Deinem Andenken . Und doch , wenn der Wind zuweilen von der ganzen blühenden Welt den Duft und Samen zusammen auf der Berge Wipfel trägt , so werden sie auch berauscht so wie ich gestern ; da hab ich die Welt geliebt , da war ich selig wie eine aufsprudelnde Quelle , in die die Sonne zum erstenmal scheint . Leb wohl , Herrlicher , der mich blendet und mich verschüchtert . - Von diesem , steilen Fels , auf den sich meine Liebe mit Lebensgefahr gewagt hat , ist nicht mehr herunterzuklettern , daran ist gar nicht zu denken , da bräch ich auf allen Fall den Hals . Bettine Und so weit hatte ich gestern geschrieben , saß heute morgen auf dem Sessel und las still und andächtig in einer Chronik , ohne mich zu bewegen , denn ich wurde dabei gemalt , so wie Du mich bald sehen sollst , - da brachte man mir das blaue Kuvert , ich brach auf und fand mich darin in göttlichem Glanz wiedergeboren , und zum erstenmal glaubte ich an meine Seligkeit . Was will ich denn ? Ich begreif ' s nicht ; Du betäubst mich , jeder kleine Lärm ist mir zuwider ; - wär ' s nur ganz still in der Welt , und ich brauchte nichts mehr zu erfahren nach diesem einen Augenblick , der mich schmerzt und nach dem ich mich immer zurücksehnen werde . - Ach ! Und was will ich denn mit Dir ? - Nicht viel ; Dich ansehen oft und warm , Dich begleiten in Dein stilles Haus , Dich ausfragen in müßigen Stunden über Dein früheres und jetziges Leben , so wie ich Dein Angesicht ausgefragt habe über seine frühere und jetzige Schönheit . - Auf der Bibliothek , da konnte ich nicht umhin , mich zu Deiner jungen Büste aufzuschwingen und meinen Schnabel wie eine Nachtigall dran zu wetzen ; Du breiter voller Strom , wie Du damals die üppigen Gegenden der Jugend durchbraustest und jetzt eben ganz still durch Deine Wiesen zogst ; ach , und ich stürzte Dir Felssteine vor ; und wie Du wieder Dich auftürmtest ; wahrlich , es war nicht zu verwundern ; denn ich hatte mich tief eingewühlt . O Goethe ! - Der Gott da oben ist ein großer Dichter , der bildet Geschicke , frei im Äther schwebend , glanzvoller Gestalt . Unser armes Herz , das ist der Mutterschoß , aus dem er sie mit großen Schmerzen geboren werden lässet ; das Herz verzweifelt , aber jene Geschicke schwingen sich aufwärts , freudig hallen sie wieder in den himmlischen Räumen . - Deine Lieder sind der Samen , er fällt ins wohlvorbereitete Herz , - ich fühl ' s , mag sich ' s wenden , wie es auch will , frei von irdischer Schwere wird es als himmlisches Gedicht einst aufwärts sich schwingen , und dem Gott da oben werden diese Schmerzen und diese Sehnsucht und diese begeisterten Schwingungen Sprossen des jungen Lorbeers weihen , und selig wird das Herz sein , das solche Schmerzen getragen hat . Siehst Du , wie ich heute ernsthaft mit Dir zu sprechen versteh ? - Ernster als je : und weil Du jung bist und herrlich und herrlicher wie alle , so wirst Du mich auch verstehen . - Ich bin ganz sanft geworden durch Dich ; am Tage treib ich mich mit Menschen , mit Musik und Büchern herum , und abends , wenn ich müde bin und will schlafen , da rauscht die Flut meiner Liebe mir gewaltsam ins Herz . Da seh ich Bilder , alles , was die Natur Sinnliches bietet , das umgibt Dich und spricht für Dich ; auf Höhen erscheinst Du ; zwischen Bergwänden in verschlungnen Wegen ereile ich Dich , und Dein Gesicht malt Rätsel , lieblich zu lösen . - Den Tag , als ich Abschied nahm von Dir , mit dem einen Kuß , mit dem ich nicht schied , da war ich morgens beinah eine ganze Stunde allein im Zimmer , wo das Klavier steht ; da saß ich auf der Erde im Eck und dachte : » Es geht nicht anders , Du mußt noch einmal weinen « , und Du warst ganz nah und wußtest es nicht ; und ich weinte mit lachendem Mund ; denn mir schaute das feste grüne Land durch den trübsinnigen Nebel durch . - Du kamst , und ich sagte Dir recht kurz ( und ich schränkte mich recht ein dabei ) , wie Du mir wert seist . Morgen reise ich nach Frankfurt , da will ich der Mutter alle Liebe antun und alle Ehre , denn selig ist der Leib , der Dich getragen hat . Bettine An Goethe Am 21. August Du kannst Dir keinen Begriff machen , mit welchem Jubel die Mutter mich aufnahm ! Sowie ich hereinkam , jagte sie alle fort , die bei ihr waren . » Nun , ihr Herren « , sagte sie , » hier kommt jemand , der mit mir zu sprechen hat « , und so mußten alle zum Tempel hinaus . Wie wir allein waren , sollte ich erzählen , - da wußt ich nichts . » Aber wie war ' s , wie Du ankamst ? « - » Ganz miserabel Wetter « ; » vom Wetter will ich nichts wissen ; - vom Wolfgang , wie war ' s , wie du hereinkamst ? « » Ich kam nicht , er kam ; « - » nun wohin ? « - » In den Elefanten , um Mitternacht drei Treppen hoch ; alles schlief schon fest , die Lampen auf dem Flur ausgelöscht , das Tor verschlossen , und der Wirt hatte den Schlüssel schon unterm Kopfkissen und schnarchte tüchtig . « - » Nun , wie kam er denn da herein ? « - » Er klingelte zweimal , und wie er zum drittenmal recht lang an der Glocke zog , da machten sie ihm auf . « - » Und du ? « - » Ich in meiner Dachstube merkte nichts davon ; Meline lag schon lange und schlief im Alkoven mit vorgezognen Vorhängen ; ich lag auf dem Sofa und hatte die Hände überm Kopf gefaltet und sah , wie der Schein der Nachtlampe wie ein großer runder Mond an der Decke spielte ; da hört ich ' s rascheln an der Tür , und mein Herz war gleich auf dem Fleck ; es klopfte , während ich lauschte , aber weil es doch ganz unmöglich war in dieser späten Stunde und weil es ganz still war , so hört ich nicht auf mein ahnendes Herz ; - und da trat er herein , verhüllt bis ans Kinn im Mantel , und machte leise die Tür hinter sich zu und sah sich um , wo er mich finden sollte ; ich lag in der Ecke des Sofas ganz in Finsternis eingeballt und schwieg ; da nahm er seinen Hut ab , und wie ich die Stirne leuchten sah , den suchenden Blick , und wie der Mund fragte : Nun , wo bist du denn ? da tat ich einen leisen Schrei des Entsetzens über meine Seligkeit , und da hat er mich auch gleich gefunden . « Die Mutter meinte , das würde eine schöne Geschichte geworden sein in Weimar . Der Herr Minister um Mitternacht im Elefanten drei Treppen hoch eine Visite gemacht ! - Ja wohl ist die Geschichte schön ! Jetzt , wo ich sie hier überlese , bin ich entzückt , überrascht , hingerissen , daß mir dies all begegnet ist , und ich frag Dich : welche Stunde wird so spät sein in Deinem Leben , daß es nicht Dein Herz noch rühren sollte ? - Wie Du in der Wiege lagst , da konnte kein Mensch ahnen , was aus Dir werden würde , und wie ich in der Wiege lag , da hat mir ' s keiner gesungen , daß ich Dich einst küssen würde . Hier fand ich alles auf dem alten Fleck ; mein Feigenbaum hat Feigen gewonnen und seine Blätter ausgebreitet ; mein Gärtchen auf dem großen Hausaltan , der von einem Flügel zum andern reicht , steht in voller Blüte , der Hopfen reicht bis ans Dach , in die Laube hab ich meinen Schreibtisch gesetzt ; da sitze ich und schreib an Dich und träume von Dir , wenn mir der Kopf trunken ist von den Sonnenstrahlen ; ach , ich lieg so gern in der Sonne und lasse mich recht durchbrennen . Gestern ging ich am Stift vorbei , da klingelte ich nach früherer Gewohnheit , und da lief ich nach dem kleinen Gang , der nach der Günderode ihrer Wohnung führt . Die Tür ist noch verschlossen , es hat noch niemand wieder den Fuß über die Schwelle gesetzt ; ich küßte diese Schwelle , über die sie so oft geschritten ist , um zu mir zu gehen und ich zu ihr . - Ach , wenn sie noch lebte , welch neues Leben würde ihr aufgehen , wenn ich ihr alles erzählte , wie Wir in jenen Nachtstunden so still nebeneinander gesessen haben , die Hände ineinander gefügt , und wie die einzelnen Laute , die über Deine Lippen kamen , mir ins Herz drangen . Ich schreib Dir ' s her , damit Du es nie vergessen sollst . Freund , ich könnte eifersüchtig sein über Deine Anmut ; die Grazien sind weiblich , sie schreiten vor Dir her , wo Du eintrittst , da ist heilige Ordnung , denn alles Zufällige selbst schmiegt sich Deiner Erscheinung an . - Sie umgeben Dich , sie halten Dich gefangen und in der Zucht , denn Du möchtest vielleicht manchmal anders , aber die Grazien leiden ' s nicht , ja diese stehen Dir weit näher , sie haben viel mehr Gewalt über Dich als ich . Der Primas hat mich auch einladen lassen , wie er hörte , daß ich von Weimar gekommen ; ich sollte ihm von Dir erzählen . Da hab ich ihm allerlei gesagt , was ihm Freude machen konnte . Dein Mädchen hatte sich geputzt , es wollte Dir Ehre machen , ja ich wollte schön sein , weil ich Dich liebe , und weil es die Leute wissen , daß Du mir gut bist ; ein rosa Atlaskleid mit schwarzen Samtärmeln und schwarzem Bruststück , und ein schöner Strauß duftete an meinem Herzen , und goldne Spangen hielten meine schwarzen Locken zurück . Du hast mich noch nie geputzt gesehen ; ich kann Dir sagen , mein Spiegel ist freundlich bei solcher Gelegenheit , und das macht mich sehr vergnügt , so daß ich geputzt immer sehr lustig bin . Der Primas fand mich auch hübsch und nannte die Farben meines Kleides » préjugé vaincu . « » Nein « , sagte ich , » Marlborough s ' en va-t-en guerre , qui sait quand il reviendra . « - » Le voilà de retour « , sagte er und zog meinen Engländer hervor , der vor drei Wochen mit mir bei ihm zu Mittag gegessen hatte ; nun mußte ich wieder neben ihm sitzen beim Souper , und er sagte mir auch englisch allerlei Zärtlichkeiten , die ich nicht verstehen wollte , und worauf ich ihm verkehrte Antworten gab , so war ich sehr lustig ; wie ich spät nach Hause kam , da duftete mein Schlafzimmer von Wohlgeruch , und da war eine hohe Blume , die diesen Duft ausströmte , die ich noch nie gesehen hatte , eine Königin der Nacht ; ein fremder Bedienter , der nicht deutsch sprechen konnte , hatte sie für mich gebracht ; das war also ein freundliches Geschenk vom Engländer , der in dieser Nacht noch abgereist war . Ich stand vor meiner Blume allein und beleuchtete sie , und ihr Duft schien mir wie Tempelduft . - Der Engländer hat ' s verstanden , mir zu gefallen . Der Primas hat mir noch Aufträge gegeben ; ich soll Dir sagen , daß wenn Dein Sohn kommt , so soll er ihn in Aschaffenburg besuchen , wohin er in diesen Tagen abreist . - Da er aber erst zu Ostern kommt , so wird der Primas wieder hier sein . Dein Kind küßt Dir die Hände . Die Mutter läßt mich heut rufen und sagt , sie habe einen Brief von Dir , und läßt mich nicht hineinsehen und sagt , Du verlangst , ich soll dem Dux schreiben , ein paar Zeilen , weil er die Artigkeit gehabt hat , für die umgestürzte Linde zu sorgen , und das nennst Du in meine elegischen Empfindungen eingehen . - Liebster Freund , ich kann nicht leiden , daß ein andrer in meine Empfindung eingehe , die ich bloß zu Dir hege ; da treib ihn nur wieder heraus ; und sei Du allein in mir und mache mich nicht eifersüchtig . Dem Dux aber sage , was meine Devotion mir hier eingibt : daß es ein andrer hoher Baum ist , für dessen Pflege ich ihm danke , dessen blühende Äste weit über die Grenzen des Landes in andre Weltteile ragen und Früchte spenden und duftenden Schatten geben . Für den Schutz dieses Baumes , für die Gnadenquelle , die ihn tränkt , für den Boden der Liebe und Freundschaft , aus welchem er begeisternde Nahrung saugt , bleibt mein Herz ihm ewig unterworfen