recht , so benutze ich das halbe Stündchen , wo mein guter Vater noch zu erscheinen zögert , um Ihnen eine Begebenheit zu erzählen , die die plötzliche Aenderung meiner Ideen bewirkt hat , und an die ich nie ohne Bewegung zurückdenken kann . « Eduard setzte sich zu ihr , und sie fuhr fort : » Meine gute Mutter war nicht von adeliger Abkunft , sie hatte durch Tugenden , die eines leeren Schimmers nicht bedürfen , das Herz meines Vaters an sich zu fesseln verstanden ; ihr früher Tod ließ ihn ihren Werth auf das schmerzhafteste empfinden . Man veranstaltete ein ehrenvolles Leichenbegängniß ; und die gewöhnlichen Festlichkeiten gingen vor sich , die , noch ein Erbtheil einer steifen , thörichten Zeit , eben so drückend als belästigend für die armen Hinterbliebenen sind . Meine Mutter besaß ein kleines Ordenskreuz , welches sie von einer theuren Freundin , die Stiftsdame gewesen , als ein Andenken erhalten hatte , und welches immer auf ihrer Brust zu ruhen pflegte ; auch jetzt befand es sich dort , obgleich das Herz , welches in diesem Busen schlug , schon erkaltet war . Wer hätte es wagen können , dieses Zeichen einer zärtlichen Erinnerung zu entreißen ? Und dennoch geschah es . Eine Dame von Adel , die sich mit unter den Trauergästen befand und noch zu jenem Fräuleinstift gehörte , bemerkte nicht sobald das Kreuz , als sie an den Sarg trat , um es abzulösen . Fast mit kindischer Hast sprang ich hinzu , umklammerte ihren Arm , indem ich sie bat und beschwor , von diesem Vorhaben nachzulassen , ja , ich besinne mich , daß ich in ohnmächtiger Wuth nahe daran war , ihr in den Arm zu beißen , allein sie drängte mich von sich , indem sie leise und mit schneidender Kälte sagte : Mademoiselle , soll ich Ihre Bonne rufen , um Sie zu züchtigen ? Dann wandte sie sich zu einer nebenstehenden Dame und sagte spottend : Das ist nun eine Erziehung , wie sie eine Bürgerliche geben kann . Mein ganzes Wesen war Erbitterung , ich verstand jene Worte sehr wohl , und ein grelles Licht drang in mein Inneres . O Himmel , ich glaubte die arme Mutter jetzt jedes Schmuckes beraubt zu sehen , mein einziges Verlangen war , mich nur gleich zu ihr in ' s kalte einsame Grab zu legen . In der Folge gab es Kränkungen der Art eine Menge . So besinne ich mich , daß ich die schmerzlichsten Thränen vergoß an einem Abende , wo alle meine Gespielinnen tanzten und jubelten ; man hatte meine vertrauteste Freundin , ein Mädchen von bürgerlicher Abkunft , auf das Empfindlichste gekränkt , und da ich mich lebhaft ihrer annahm , mußte auch ich erfahren , daß man mir den Stand meiner Mutter vorwarf . Dies empörte mich , es kam auf ' s Aeußerste , und als mir , die Gescholtene zu rechtfertigen , im Eifer der Rede die hellen Thränen über die Wangen liefen , mußte ich ein schadenfrohes tückisches Lachen hören , welches mir das Herz vollends zerschnitt . Mein guter Vater verließ mit mir den Saal , und als ich zu Hause anlangte , mußte der Arzt an meinem Bette erscheinen , denn die Symptome eines bösartigen Fiebers zeigten sich , welches mich auch später drei volle Monate am Krankenlager fesselte . Als ich genas , blieb ein Stachel in meiner Brust zurück , und zum erstenmale empfand ich eine Art von Genugthuung , als es in meine Hand gegeben ward , einem jungen Mann von adeliger Geburt , der um meinen Besitz sich bewarb , eine abschlägige Antwort mit aller Bitterkeit meines gekränkten Herzens zu ertheilen . Bald suchten nun Spötter auszubreiten , meine liberalen Ideen brächten den Thron in Gefahr und was des Geschwätzes mehr war ; indeß fühlte ich nur zu deutlich , daß mein Geist zur Selbstständigkeit gereift war , meine natürliche Offenheit trat zurück , und während des Kampfes in mir beobachtete ich die strengste Kälte nach außen . In jener Zeit ward der Doktor , den Sie gestern kennen gelernt , in unserm Hause bekannt , und ich kann wohl sagen , daß er mich über mich selbst völlig in ' s Klare setzte . Ich gelangte immer weiter , bis zuletzt die Nähe eines so hohen und schönen Wesens , deren Erscheinung der Doktor wie eine göttliche Sendung betrachtet , mir eine Festigkeit , ja einen Trotz verliehen hat , mit dem ich gegen eine ganze Welt mit den Waffen meiner Ueberzeugung anzukämpfen im Stande seyn könnte . Dies , mein Herr , sind in der Kürze die Beweggründe meiner veränderten Sinnesart , welche ich Ihnen gestern , glaube ich , nicht undeutlich an den Tag gelegt habe . « Eduard hatte dem geläufigen Fluß der Rede , so wie den sonderbaren Erfahrungen des kleinen Wesens ruhig zugehört , und dabei seine Morgentasse geleert . Auf der einen Seite konnte er ihr seine Achtung nicht versagen , auf der andern mußte er herzlich bedauern , daß seine offenherzige Vertraute nur zu gewiß den Schranken entrückt sey , für die sie bestimmt war . Er erkundigte sich nach jener wundervollen Erscheinung , deren sie am Schlusse ihrer Worte erwähnt hatte . » Ich darf Ihnen den Namen nicht nennen , « entgegnete Sophie , » es ist ihr Wille , im Verborgenen zu wirken , gleich einer Priesterin im Allerheiligsten , wie mein Doktor sich ausdrückt . « - » Doch nicht Fräulein Magdalena , « sagte Eduard halb gedankenlos vor sich hin , und wunderte sich nicht wenig , als hohe Röthe die Wangen seiner kleinen Freundin übergoß . - » Sie ist ' s , « rief sie mit leiser Stimme , » ich kann nun einmal kein Geheimniß auf meiner Zunge bewahren , ja , Sie haben ' s errathen , Fräulein Magdalena ist ' s ; nur bitte ich - Verschwiegenheit , theurer Mann , Sie könnten mich sonst beim Doktor auf ewig in Mißkredit stürzen . « - » Dacht ' ich ' s doch , « rief Eduard bei sich , » Priesterin , Sonnambüle , Jakobinerin , Buhlerin , Alles in Allem ! « Sophie wollte in ihren Erörterungen und Geständnissen von Neuem beginnen , als die Thüre sich öffnete und der Baron eintrat . Er grüßte und nahm Platz , indem er seine Tochter aufmerksam von der Seite in ' s Auge faßte ; sie that unbefangen und fing sogar an , ein Liedchen zu singen , das durch seine falschen Töne Eduard ' s Ohr nicht wenig beleidigte . » Ich wette , « sagte der Alte zu ihr , » Du hast wieder allerlei Bekenntnisse zu Markte gebracht und nach deiner Art räsonnirt , der Kaffee ist kalt geworden und ein Theil der Sahne ist auf ' s Tuch verschüttet . « Sie begütigte mit einem Handkuß den Scheltenden und schlüpfte zur Thüre hinaus . » Wenn ich doch den Unfug in meinen alten Tagen nicht noch zu erleben brauchte , « rief der Baron , indem er ihr nachsah ; » wahrlich , in die Tiefen des Meeres möchte ich mich betten , die Kammern der Felsen möchte ich aufschließen , um mich vor dem Unsinn , dem leeren polternden Treiben zu verstecken . Ich weiß , daß es nur ein Schwindel , ein Traum ist , worin die heutige Welt befangen ist , daß dieser jammervolle Zustand bald vorübergehen wird und muß - doch dauert er mir jetzt schon viel zu lange . « Er saß grimmig da , und erst dann gelang es Eduarden , ihn in eine bessere Stimmung zu bringen , als er einen Gang in die würzige Frische des Morgens vorschlug . Unser Freund konnte sich nicht entschließen , auf ' s Schloß zu gehen , um sein Werk anzufangen . Als man den Garten entlang ging , wurde Sophie bemerkbar , die Küchenkräuter einsammelte . » Das wird eine ächt liberale Suppe werden , « spöttelte der Alte , » da sie wiederum es sich nicht nehmen läßt , selbst die Ingredienzen einzusammeln ; wir werden uns wohl , theurer Freund , den Hunger heute vergehen lassen müssen . « Nach einer Pause fragte er : » Kennen Sie das Fräulein Magdalena oben im Schloß ? « - Eduard schüttelte das Haupt . » Ein treffliches Geschöpf , « fuhr der Baron fort , » ich könnte Ihnen von Wohlthaten erzählen , von in der Stille verübten trefflichen Handlungen , doch lassen wir das , man muß seinem Nebenmenschen auch nichts Gutes hinter dem Rücken nachsagen . « Er schwieg und Eduard empfand durchaus keine Neigung , den Discurs fortzusetzen ; in dem Augenblick holte sie ein Diener vom Schlosse ein , und brachte von der Fürstin eine Einladung an Eduard , auf ' s Schloß zu kommen . Der Alte trennte sich von ihm , und sobald er fort war , erschien Sophie mit dem Bündel gepflückter Kräuter . » Nicht wahr , « sagte sie , » der treffliche Alte hat schon wieder über mich gelästert ? o ich bin oft der Verzweiflung nahe ; wie schwer wird es uns doch , den Schatz zu verbergen , den wir über Nacht gehoben haben ! Er will mich nun einem vernünftigen kalten Mann verbinden , einem eingefleischten Altgläubigen , der sich nicht scheut , noch eine Perücke zu tragen und den Uz und Gleim zu lesen , mit einem Worte , er will mich einem Pfarrer vermählen , der im nächsten Städtchen wohnt , und von Zeit zu Zeit seine dürren aristokratischen Beine hierher in Bewegung setzt , um mir seine Person anzutragen . Wahrlich , man kann einen Abscheu gegen jede Verbindung bekommen , wenn man sieht , wie Ihr Geschlecht sich vereinigt , das unserige in ein unbedeutendes läppisches Nichts hinab zu drücken . Kindische Tändeleien füllen unsere Jugend , Sitte , Vorurtheil , Männerstolz beraubt uns nach und nach jeder höhern Wirksamkeit , und indem die Eitelkeit Ihres Geschlechts einen Kitzel darin findet , mit unserer Erscheinung wie mit einer geputzten Puppe zu spielen , so lange dieser der Flitter vergänglicher Jugend und Schönheit anklebt , so findet zugleich der Stolz der Männer seine Berechnung dabei , durch eine so unwürdige Verweichlichung unsere Theilnahme den Angelegenheiten des Gemeinwesens zu entziehen , und unsern Geist zur Führung der Staatsgeschäfte untauglich zu machen . Was sind wir Weiber jetzt und was könnten wir seyn ? Wer mag heutzutage an Thusnelden erinnern , ohne fürchten zu müssen , lächerlich zu werden ? und doch ist nicht Liebe , Vaterland , Freiheit ein und dasselbe im Busen eines jeden edleren Weibes , kann sie den Mann lieben , der unwürdigem Joche seinen Nacken beugt ? « - Aus ihrem Auge stürzten , als sie dieses sprach , Thränen , zugleich entfielen ihr die Küchenkräuter , und ein Hündchen , welches sie begleitete , stürzte sogleich über den grünen Haufen her , und verschleppte unter Gebell und Sprüngen die farbigen Wurzeln ; die neue Thusnelde hatte Mühe , indem sie ihm nachjagte , ihre Schätze wieder zu erlangen , als sie zurückkehrte , war Eduard schon auf dem Wege nach dem Schlosse begriffen , ein Diener trug ihm das Malergeräth nach . Eine Woche war vergangen , während er ziemlich eifrig an dem Bilde arbeitete , doch mit innerem Widerstreben . Magdalena schien seine eisige Kälte zu empfinden , manchmal zog sich ein bittendes Lächeln über ihre Züge , doch lag sie stumm in ihrem sammetnen Lehnsessel . Die Fürstin ging ab und zu , die Oberhofmeisterin las zuweilen ein kleines französisches Lustspiel vor . Eduard hatte nie eine ähnliche Qual empfunden ; er sah , wie unter seinen Händen die Arbeit verkümmerte , wie jede volle Linie , jede warme Form ermattete und erstarrte , dennoch konnte er sich einen gewissen Triumph nicht verhehlen , der in der Ueberzeugung bestand , daß es ihm gelungen sey , auch jeden Reiz aus einer Gestalt zu verbannen , den diese nur anwendete , um verderblich zu wirken . Er bat sich jetzt eine Ruhezeit aus , und das Bild wurde auf sein einsames Zimmer gebracht , wo er es verhüllte und tief in einen Winkel stellte , dann riß er das Fenster auf und lehnte sich weit in die Dämmerung des Abends hinaus . Der Hollunder hing seine Blüthe dicht am Fenster nieder und flüsternde Pappeln ragten in den rosigen Schein hinein . In seltsame Träume versenkt , griff er nach dem Papier und entwarf eine Zeichnung , welche er , durch die eintretende Dunkelheit verhindert , liegen lassen mußte ; er lehnte wieder zum Fenster hinaus , und sein Blick verlor sich in der unermeßlichen Bläue über ihm , dann sah er am Gebirge den ersten Stern mit räthselhaftem Glanze aufgehen . Es war ihm unmöglich , in dieser Stimmung zur Gesellschaft hinabzugehen oder überhaupt Menschen aufzusuchen ; seine Thüre verschließend , warf er sich auf ' s Lager und in wunderbaren Bildern zog eine ferne Zeit an seiner Seele vorüber ; ein nagender Schmerz bemächtigte sich seiner , zugleich gab ihm das Bewußtseyn dieses Schmerzes ein seliges Gefühl , das er in diesem Grade noch nie empfunden hatte ; so sank er zuletzt in einen wohlthätigen Schlummer , durch das offengebliebene Fenster strömte Kühlung über seine heiße Stirne . Als er sich am Morgen erhob , fühlte er sich abgespannt und verstört ; einen Theil der Nacht hatten Träume gefüllt , die ihm durchaus kein klares Bild hinterließen . Mißmuthig setzte er sich an den Tisch und wühlte unter den Papieren , da kam ihm das Blatt von gestern in die Hände , er betrachtete es aufmerksam und war nicht wenig verwundert über die Zeichnung , die es enthielt . Sie stellte einen Wald vor ; ein Mann im Jägerkleide stand im Vorgrund , durch die Bäume wurde im Hintergrunde eine fliehende weibliche Gestalt bemerkbar , die das Antlitz mit einem schmerzlich fragenden Ausdruck umwandte und die Worte zu rufen schien : » Warum verfolgst du mich ? « Er führte das Bild vollends aus , und schrieb jene Worte unter dasselbe . Als er in das Familienzimmer hinunter ging , fand er darin den Journalisten allein , der die Arme auf der Brust verschränkt mit langen Schritten auf und nieder ging und durch die Brillengläser feurige und unstäte Blicke umherwarf . Als er Eduarden bemerkte , rief er freudig : » Schön , daß Sie kommen ; ich muß meinen Geist , der unerhört glüht , durch einige heitere , gleichgültige Gespräche abkühlen , lassen Sie uns von Kunst , von Malerei sprechen . Sie malen jezt das Fräulein ; nicht wahr , eine geistreiche Physiognomie ? o , das ist ein weiblicher Marquis Posa ! Man sagt , Sie werden auch vielleich die Prinzessin Braut malen - ein anderes Geschöpf ! werth eine schlichte Bürgerin zu seyn - und wie wird sie behandelt ; doch klagt sie nicht , so gibt es andere Zungen , welche klagen , - es ist weit gekommen , sage ich Ihnen , das Land - die Stände - « Er hielt inne , schlug sich vor die Stirne und rief : » Doch wir wollten ja leichte und kühlende Dinge sprechen ; « hiermit zog er einen Pack Zeitungen hervor und schrie Eduarden in ' s Ohr : » Haben Sie schon gelesen , Freund ? - doch still , still . « Eduard mußte lächeln ; er nahm einen Vorwand , sich zu entfernen und stieg in den Park hinab . Sein Wunsch war , Niemanden zu begegnen , dennoch verging keine halbe Stunde , als er einen Mann auf sich zu wandeln sah , der ihn durch ein Glas fixirte und endlich mit einem herzlichen Gruß zu ihm trat ; es war Ottfried . » Oh , sieh da , unser Maler , « rief der freundliche Mann , » so bringt uns eine günstige Stunde im Tempel der schönen Natur zusammen . « Sie gingen jezt beide den Gang hinab und über einen romantischen , hoch gelegenen Pfad , der zu einer einsamen Thalmühle führte , welche im Gebüsche lieblich und idyllisch geschmückt da lag . Ottfried erzählte , wie er hier seine früheste Jugend verlebt , wie er alle Blumen und Bäume kenne und liebe ; er sprach mit Wärme und Begeisterung von der Einsamkeit und jener Stille des Gemüths , in der es den süßesten , beglückendsten Gefühlen allein möglich werde , zu keimen . » Doch glaube ich , « fuhr er fort , » daß Beschaulichkeit und Andacht nicht allein den Dichter so wie den ächten Religiösen bilden ; es gibt einen Zustand , der hier wie überall , wo etwas Tüchtiges sich gestalten soll , dem Menschen gleichsam die erste und heiligste Weihe gibt . « Eine Pause entstand und Eduard sah seinen Begleiter fragend an . » Es ist der Schmerz , « sagte dieser ; » glauben Sie einem Manne , der aus Ueberzeugung spricht ; der Schmerz , die Thräne bringt uns dem Gott wieder nah , wenn wir durch Witz und Lachen uns von ihm entfernt haben ; ebenso in der Poesie , ohne Unglück keine Größe , ohne Kampf kein Sieg , ohne Erniedrigung keine Erhöhung ; wen die Musen lieben , den züchtigen sie . Wem nicht das Hinderniß von Außen kommt , der findet im Innern ein ' s. Eine große Seele findet überall Schmerz , weil sie groß ist , und der Kampf mit dem Schmerz ist Poesie . « Eduard sah dem seltsamen Manne in ' s Auge und bemerkte , daß dieses sich mit Thränen füllte . » Ja , « fuhr er fort , » mein ganzes Unglück besteht darin , daß ich die Zeit meines Lebens über glücklich gewesen bin ! o Freund , lächeln Sie nicht , ich spreche im heiligsten Ernst : ich fühle , ich bin zum Dichter geboren , allein es sollte trotz dessen nicht seyn , deswegen ging es mir überall wohl . O , meine Caroline , warum mußtest du mich auch gleich mit deinem Jawort beglücken , gab es denn durchaus kein Hinderniß , das uns , wenn auch nicht ganz hemmte , doch wenigstens mit Hemmung bedrohte . Nein , es sollte durchaus glücklich gehen , ich bekam nicht Raum zur kleinsten Beschwerde . Ach , und so ging es überall ; ich hatte Hoffnungen , mein Vermögen einzubüßen , arm und elend zu werden , welche Aussicht ! da tritt mein Freund auf und rettet mit eigener Ausopferung mein Geld , und es bleibt mir gesicherter als jemals . Ein Jugendgespiele , an dem mein Herz hing , schien plötzlich den Verräther gegen mich spielen zu wollen ; schon spitzte ich die Feder , ein poetischer Schmerz über die Unbeständigkeit alles menschlichen , edlen Gefühls erfaßte mich : da , in dem Moment , stürzt der Verkannte in meine Stube , es thut sich der Irrthum kund , mein Freund ist meiner Liebe doppelt würdig , und mit dem Gedichte war ' s aus . Ein Kaufmann oder sonstiger praktischer Weltmensch könnte sich nichts Besseres wünschen , als an meiner Stelle zu seyn , allein für mich , ich fühle es nur zu deutlich , ist dieses Glück ein Fluch , der den innersten Keim meines Wesens vergiftet . Ich gehe herum wie einer , der an Gespenster glaubt und dem sich wider Willen unter der Hand alles natürlich und prosaisch auflöst . O wie trefflich ist die Antwort , die die Königin Elisabeth einem jungen thörichten Dichterling gegeben haben soll , als er ihr seine Verse vorgelesen : Sir , ich werde dafür sorgen , daß ihr auf ein paar Monate in den Tower kommt , damit eure Verse Tiefe erlangen ! - Und so gibt es der dunkeln Kammern im Leben viele , wo der Dichter zum Bewußtseyn erwacht - mir nur , nur mir ist keine aufgeschlossen worden . « Man langte jezt bei der Mühle an und die freundliche Müllerin erschien , ihren Gästen einige ländliche Erfrischungen zu reichen . Ottfried ließ sich in seinen Betrachtungen nicht stören . » Erst durch Schmerz , « fuhr er fort , » wird jedes Gut unser wahres Eigenthum ; die erste Thräne löst das Siegel vom Herzen , an dem gewöhnliche Behaglichkeit vielleicht Jahrelang vergebens sich abgemüht hat . Lange wandeln wir herum und glauben zu lieben , zu verehren , zu empfinden - da , in der lezten Minute vielleicht unseres Lebens , beugt sich unser Herz einem endlosen Jammer , es spaltet sich , die erste Thräne stürzt heraus - und wir lieben ! Geht es mit den Wundern der Andacht , des Glaubens anders ? So schreitet auch unsere Zeit jezt einem großen Schmerze entgegen und dieser wird erst jenen heiligen Ernst gebären , mit dem unsere junge Reformatoren so voreilig schon prahlen . Mir fällt bei derlei Gedanken immer ein kleines Gedicht ein , welches ich einst in Begeisterung für jene Ideen niederschrieb ; es lautet folgendermaßen : Der nur lebt das wahre Leben , Der nur Eines ewig denkt , Der mit glüh ' nden Liebesarmen Sich an ' s Eine brünstig hängt . Der ist nimmer nah ' dem Ziele , Der noch andre Lust vermißt ; Nein , nur der , der alles , alles Um das Einzige vergißt . Der in dunkeln Kummernächten Tief gebeugt am Lager weint , Dem die weite Welt so öde , Oed sein eignes Herze scheint . Der sich ganz verwalset achtet , Der sich ganz verloren gibt , Der im bittern Leid verschmachtet , Der bis zum Sterben sich betrübt . Ja , zu dem neigt es sich nieder , In dessen Herzen zieht es ein , Dem will es sich zu eigen geben , Ja , dessen Tröster will es seyn . « Eduard war tief bewegt , und bemühte sich nicht , seine Rührung zu verbergen ; Ottfried sah ihn lange an , dann schloß er ihn heftig in seine Arme und sagte : » Mögen Sie , theurer Freund , glücklicher seyn als ich ! Ihr Auge , Ihr ganzes Wesen sagt mir immer , daß Sie schon diesen heilbringenden Schmerz gekostet haben - o seyen Sie stark , wenn nun die ganze Fülle des Leids auf Sie einbrechen sollte , um Sie durch Nacht und Dunkel zur Verklärung zu bringen . Ja , ich wußte es wohl , daß Sie mich verstehen würden ; so genügen oft wenige Worte , um ein festes Band zu schließen zwischen zwei Menschen , die sich sonst rücksichtslos vorbeigegangen wären auf dieser weiten Erde . « Eduard suchte die Hand des Mannes und drückte sie warm , dann erhob er sich und trat zurück , denn es nahte der Baron mit zwei fremden Gestalten . Er ging auf sein einsames Zimmer , und zeichnete die Verse auf , welche ihn so sehr gefesselt hatten . Als sie auf dem Papier dastanden , wollte er sich wiederum jeden Eindruck ableugnen , sie kamen ihm höchst gewöhnlich vor und das Geheimniß , welches sie ihm früher enthalten zu haben schienen , war am Ende eine Bemerkung , die ihm äußerst bekannt dünkte . Er schalt sich , daß er von Ottfried ' s Wesen sich so gleich habe einnehmen lassen , die Worte desselben erschienen ihm jezt fast lächerlich , besonders das Verlangen nach Mißgeschick . In diesem Zwiespalt , der sich seines Wesens gewöhnlich nach jedem stärkern Eindruck zu bemächtigen pflegte , brachte er den übrigen Theil des Tages zu ; am andern Morgen vermied er Ottfried und suchte geflissentlich Sophien auf , um sich auf ihre Kosten zu ergötzen . Des Grafen erinnerte er sich auf ' s lebhafteste und wünschte ihn und seine Gespräche zurück ; so arbeitete er an sich , bis wieder die alte Kälte an die Stelle der aufkeimenden Wärme getreten war . Zu dieser Zeit kam Sophien ' s Bestimmter auf ' s Schloß ; es war ein langer , ziemlich wohl aussehender Mann in einem schwarzen Ueberrock , der ihm bis auf die Fersen reichte , und den er , als er den Schloßberg hinausschritt , hoch aufgeschürzt und um den Leib festgebunden hatte , so daß er auf den ersten Blick fast wie ein Jägerbursche aussah . Der Journalist nahm ihn sogleich bei Seite und examinirte den Ermüdeten scharf über seine politische Ansicht . » Lassen Sie mich ; « rief der Pastor , indem er athemlos auf einem der breiten Lehnsessel Platz nahm , » das Bündniß , das ein redlicher Mann mit dem Staate schließt , ist eben so zart wie eine Herzenssache , und wer spricht gern von seiner Braut mit Leuten , die über ihren Werth anders denken könnten ; übrigens bin ich ja da , Friede und Eintracht zu predigen allezeit , und schon deswegen würden Sie nichts aus meinem Munde erfahren , was zu Ihrem Kram paßt . « - » Himmel , « rief der Journalist , » wie kann man sich nur so ganz simpel ausdrücken ! von welchem Kram reden Sie ? Mann , Mann , wissen Sie nicht , daß Ihre Kirche selbst auf blutgedüngtem Boden aufsproß und sich festigte . « - » Wohl , « entgegnete der Geistliche , » das Aergerniß muß kommen , doch wehe dem , durch welchen es kommt ; es wäre besser , ihm hinge ein Mühlstein am Halse und läge im Meere , da wo es am tiefsten ist . « Der Baron warf einige Bemerkungen dazwischen , die einen ernsten Streit verhinderten , und wirklich gelang es ihm , den Pastor zu einem gutmüthigen Lächeln zu bringen . » Uns Landprediger , « sagte er , » sieht man gewöhnlich im Leben als die beschränkte , leidlich-gesunde Mittelmäßigkeit an , und als solche treten wir auch in Büchern , Romanen und Novellen auf , wenn es sich um Glauben , Philosophie und Lebensgenuß handelt . Eben so weit entfernt von den herrschenden Zepterträgern der hohen Aufklärung , wie sie zur Verzierung großer Residenzen hie und da gefordert und verschickt werden , als von den überirdischen Schwärmern und Wunderthätern , geht unsre Einsicht und Lehre Hand in Hand mit den niedern , immer wiederkehrenden Bedürfnissen des einfachen Menschen . Der liebe Gott auf dem Lande , der Pfarrer im schwarzen Rock und der Bauer in der rothen Sonntagsweste sind drei Personen , die nicht zu trennen sind , und die sich gegenseitig ehrlich lieb haben , und zusammen bedenken , was zum Bau des Ackers , zur Saat und Erndte nöthig . Wenn einer von ihnen stirbt , so muß nothwendig der andere seine Stelle ersetzen ; ja mir sagte einmal ein Bauerbursch in aller gutmüthigen Einfalt : Herr Pfarrer , wenn der liebe Herr Gott krank wird und stirbt , so wird man gewiß im Himmel Euch zum lieben Gott machen . Der Baron lachte herzlich über diese Worte , und jener fuhr fort : Doch möchte ich die hohe Stelle dort oben heutzutage am wenigsten einnehmen , wo es so bunt in der Welt zugeht und Niemand weiß , was er will . Wie leicht könnte es seyn , daß ich meinen lieben französischen Kindern ein Schicksal gebe , worüber sie in allen Journalen lästerten , und indeß ich eilte , es ihnen recht zu machen , verdürbe ich es mit einer andern Partei . Aus Furcht nun , ja keinen dummen Streich zu machen , würde ich recht viele begehen , denn ich muß bedenken , daß Leute wie der König Salomo , der alte Plato und der Imperator August im Himmel hinter mir stehen und mir auf die Finger sehen . O ganz verdammt böse Sache ! Da könnte ich wohl in der Uebereilung , wenn das Ding nicht gleich ginge , wiederum das alte Meer über den ganzen Wirwarr hinspülen lassen , wo dann freilich geholfen wäre . Nein , nein , es bleibe beim Alten , und es herrsche der , vor dem alle Kreatur fleucht und dessen Fußschemel die Erde ist . - Als ich noch studirte , und die erste Kunde von den fürchterlichen , ewig denkwürdigen Revolutionstagen aus Frankreich an unser Ohr scholl , da war keine Seele , die sich nicht empört auflehnte gegen die frechen Satzungen , mit denen der bandenlose Uebermuth gegen die bestehenden Formen ankämpfte . Der Deutsche war in Liebe und Einigkeit mit seinem Lande verwachsen , in Verehrung für sein Fürstenhaus ; die gränzenlose Albernheit und die frivolen Formen , die aus jenem Lande der Unnatur und des Leichtsinns kamen , hatten nur eine höchst geringe Anzahl Bekenner für sich , und unter diesen traten nur solche als Sprecher auf , die entweder den deutschen Charakter nie begriffen hatten , oder die Ehrgeiz und Leidenschaft zu Verräthern stempelten ; wir Uebrigen ließen es geduldig geschehen , daß man unsere Köpfe puderte und frisirte , unsere Röcke nach französischen Mustern verschnitt , doch Herz und Hirn blieben unverrückt und unverfälscht dem Lande , das wir liebten und das unsere Liebe verdiente , getreu . Es mochte wohl schwerlich damals in allen deutschen Gauen ein Deutscher gefunden werden , der an einem so anti-deutschen Charakter , wie der jenes großen Mannes war , Gefallen gefunden , geschweige denn , zu dieser perfiden Abgötterei sich herabgelassen hatte , in der jetzt ein sich selbst und alles Wahre und Edle verkennender Hause wahrhaft wüthet . Schlimm , sehr schlimm steht es , wenn ein Mann der Held einer Nation werden kann , dessen Charakter eine kalte , folgerechte Verknüpfung von Lüge und Selbstsucht war , und dieser Mißgriff konnte von einem Volke gethan werden , welches zu Grundzügen seines Wesens Treue , Anhänglichkeit , Wahrheit und Liebe hat . Zwar der Götze ist gestürzt , doch es fehlt nicht an neuen Ausgeburten eines kranken