in das Dachstübchen dieser Schmutzbärte zu schauen zwingen . « Indessen hatte Larkens den erforderlichen Apparat aus seinem Hause holen lassen ; der Diener brachte ein braunes Kästchen , worin das Zaubergeräte verschlossen war ; zugleich zog der Schauspieler ein Manuskript hervor , blätterte und sagte : » In Absicht auf die Art und Weise , wie die Tableaux den Text begleiten , versteht sich von selbst , daß der Schauplatz zuweilen , wiewohl nur selten , leer bleiben wird , daß für den Maler nicht jede Szene gleich brauchbar sein konnte , daß er von einer Szene meist nur einen Moment , eine hervorstechende Gruppe darstellen konnte , daß jedoch so viel Varietät als nur immer möglich in die Bilder gebracht wurde . Nun hab ich nur noch eine Bitte , den Vortrag des Dialogs betreffend . Ich werde zwar sämtliche männliche Personen aus meinem Munde mit abwechselnder Stimme unter sich sprechen lassen , für die weiblichen aber und für die Kinderkehlen sollte mir doch eins und das andre der Fräulein zur Seite stehen und mit mir aus der Rolle lesen . Welche von den Damen würde wohl die Gefälligkeit haben ? Sie , Fräulein von R. und von G. erfreuten uns schon auf dem Liebhabertheater , an Sie richt ich meine Bitte im Namen aller . « Die Schönen mußten sich ' s gefallen lassen , sie traten mit dem dargereichten Hefte beiseit , es vorläufig zu durchsehen , während Larkens sich von der Gräfin einen geheizten Saal mit weißen Wänden ausbat und seine Einrichtung traf . Nach kurzer Zeit ertönte sein Glöckchen , das die Gesellschaft hinüber lud in den verdunkelten Saal . Hinter einer spanischen Wand , die nach einer Seite offen war , befanden sich Larkens und seine Gehülfinnen neben der magischen Laterne , welche inzwischen nur einen runden hellen Schein an die Zimmerdecke warf . Man nahm im Halbkreise Platz , und Nolten hatte sich so gesetzt , daß er Constanzen ins Auge fassen konnte . Nachdem alles stille geworden , begann hinter der Gardine eine einleitende Symphonie auf dem Klavier von einem Mitgliede der Gesellschaft gespielt und von Larkens mit dem Violoncello begleitet . Unter den letzten Akkorden erschien an der breitesten , völlig freien Wandseite des Saales in bedeutender Größe die Ansicht einer fremdartigen Stadt und Burg , im Mondschein , vom See bespült , links im Vorgrund drei sitzende Personen und der Dialog nahm seinen Anfang . Wir bedenken uns nicht , den Leser an dem Spiele teilnehmen zu lassen , da es nachher in den Gang unserer Geschichte einschlägt und die wichtigsten Folgen hat . Zugleich mag es einen lebhaften Begriff von dem inneren Leben jenes Schauspielers geben , welcher bereits unsere Aufmerksamkeit erregte und noch mehr künftig unsere Teilnahme gewinnen wird . Der letzte König von Orplid Ein phantasmagorisches Zwischenspiel Erste Szene Anblick der Stadt Orplid mit dem Schlosse ; vorn noch ein Teil vom See . Es wird eben Nacht . Drei Einwohner sitzen vor einem Haus der unteren Stadt auf einer Bank im Gespräch . Suntrard , der Fischer , mit seinem Knaben , und Löwener , der Schmied . SUNTRARD . Lasset uns hieher sitzen , so werden wir nach einer kleinen Weile den Mond dort zwischen den zwei Dächern heraufkommen sehen . KNABE . Vater , haben denn vor alters in all den vielen Häusern dort hinauf auch Menschen gewohnt ? SUNTRARD . Jawohl . Als unsere Väter , vom Meersturm verschlagen , vor sechzig Jahren zufälligerweise an dem Ufer dieser Insel , was das Einhorn heißt , anlangten , und tiefer landeinwärts dringend sich rings umschauten , da trafen sie nur eine leere steinerne Stadt an ; das Volk und das Menschengeschlecht , welches diese Wohnungen und Keller für sich gebauet , ist wohl schon bald tausend Jahr ausgestorben , durch ein besonderes Gerichte der Götter , meint man , denn weder Hungersnot noch allzu schwere Krankheit entsteht auf dieser Insel . LÖWENER . Tausend Jahr , sagst du , Suntrard ? Gedenk ich so an diese alten Einwohner , so wird mir ' s , mein Seel , nicht anders , als wie wenn man das Klingen kriegt im linken Ohr . SUNTRARD . Mein Vater erzählt , wie er , ein Knabe damals noch , mit wenigen Leuten , fünfundsiebzig an der Zahl , auf einem zerbrochenen Schiffe angelangt , und wie er sich mit den Genossen verwunderte über eine solche Schönheit von Gebirgen , Tälern , Flüssen und Wachstum , wie sie darauf fünf , sechs Tage herumgezogen , bis von ferne sich auf einem blanken , spiegelklaren See etwas Dunkeles gezeigt , welches etwan ausgesehen , wie ein steinernes Wundergewächs , oder auch wie die Krone der grauen Zackenblume . Als sie aber mit zweien Kähnen darauf zugefahren , war es eine felsige Stadt von fremder und großer Bauart . KNABE . Eine Stadt , Vater ? SUNTRARD . Wie fragst du , Kind ? Ebendiese , in der du wohnest . - Des erschraken sie nicht wenig , vermeinend , man käme übel an ; lagen auch die ganze Nacht , wo es in einem fort regnete , vor den Mauern ruhig , denn sie getrauten sich nicht . Nun es aber gegen Morgen dämmerte , kam sie beinahe noch ein ärger Grauen an ; es kräheten keine Hähne , kein Wagen ließ sich hören , kein Bäcker schlug den Laden auf , es stieg kein Rauch aus dem Schornstein . Es brauchte dazumal jemand das Gleichnis , der Himmel habe über der Stadt gelegen , wie eine graue Augbraun über einem erstarrten und toten Auge . Endlich traten sie alle durch die Wölbung der offenen Tore ; man vernahm keinen Sterbenslaut als den des eigenen Fußtritts und den Regen , der von den Dächern niederstrollte , obgleich nunmehr die Sonne schon hell und goldig in den Straßen lag . Nichts regte sich auch im Innern der Häuser . KNABE . Nicht einmal Mäuse ? SUNTRARD . Nun , Mäuse wohl vielleicht , mein Kind . Er küßt den Knaben . LÖWENER . Ja , aber Nachbar , ich bin zwar , wie du , geboren hier und groß geworden , allein es wird einem doch alleweil noch sonderlich zumut , wenn man so des Nachts noch durch eine von den leeren Gassen geht und es tut , als klopfte man an hohle Fässer an . KNABE . Aber warum doch wohnen wir neuen Leute fast alle wie ein Häuflein so am Ende der Stadt und nicht oben in den weitläuftigen schönen Gebäuden ? SUNTRARD . Weiß selber nicht so recht ; ist so herkommen von unsern Eltern . Auch wäre dort nicht so vertraut zusammennisten . LÖWENER . Wo wir wohnen , das heißt die untere Stadt , hier waren vor alters wahrscheinlich die Buden der Krämer und Handwerker . Die ganze Stadt aber beträgt wohl sechs Stunden im Ring . SUNTRARD . Wenn der Mond vollends oben ist , laßt uns noch eine Strecke aufwärts gehen , bis wo die Sonnenkeile1 ist . Nachbar , als ein kleiner Junge , wenn wir Buben noch abends spät durch die unheimlichen Plätze streiften bis zur Sonnenkeile , so trieb und plagte mich ' s immer , den Stein mit dem Finger zu berühren , weil ein Glauben in mir war , daß er den warmen Strahl der Sonne angeschluckt , wie ein Schwamm , und Funken fahren lasse , welches im Mondschein so wunderlich aussehen müsse . LÖWENER . Hört , was weiß man denn auch neuerdings von dem Königsgespenst , das an der Nordküste umgeht ? SUNTRARD . Kein Gespenst ! wie ich dir schon oft versicherte . Es ist der tausendjährige König , welcher dieser Insel einst Gesetze gab . Der Tod ging ihn vorbei ; man sagt , die Götter wollten ihn in dieser langen Probezeit und Einsamkeit geschickt machen , daß er nachher ihrer einer würde , wegen seiner sonstigen großen Tugend und Tapferkeit . Ich weiß das nicht ; doch er ist Fleisch und Bein , wie wir . LÖWENER . Glaub das nicht , Fischer . SUNTRARD . Ich hab es sicher und gewiß , daß ihn der Kollmer , der Richter ist in Elnedorf , jeweilig insgeheim besucht ; sonst sieht ihn kein sterblicher Mensch . KNABE . Gelt , Vater , er trägt einen Mantel und trägt ein eisern spitzig Krönlein in den Haaren ? SUNTRARD . Ganz recht , und seine Locken sind noch braun , sie welken nicht . LÖWENER . Laßt ' s gut sein ! ist schon spät . Das Licht dort in der äußersten Ecke vom Schloß ist auch schon aus . Dort wohnt Herr Harry , der bleibt am längsten auf . Will noch eine Weile in die Schenke . Gut Nacht ! SUNTRARD . Schlaf wohl , Freund Löwener . Komm Knabe , gehen zur Mutter . Zweite Szene Öder Strand . Im Norden . KOLLMER allein . Hier pflegt er umzugehn , dies ist der Strand . Den er einförmig mit den Schritten mißt . Mich wundert , wo er bleiben mag . Vielleicht Trieb ihn sein irrer Sinn auf andre Pfade , Denn oft konnt ich gewahren , daß sein Geist Und Körper auf verschiedner Fährte gehn . O wunderbar ! mich jammert sein Geschick , Denk ich daran , was doch kaum glaublich scheint , Daß die Natur in einem Sterblichen Sich um Jahrhunderte selbst überlebt - Wie ? tausend Jahre ? - tausend - ja nun wird mir Zum ersten Male plötzlich angst und enge , Als müßt ich ' s zählen auf der Stell , durchleben In einem Atemzug - Hinweg ! man wird zum Narren ! Hm , tausend Jahr ; ein König einst ! - o eine Zeit So langsam , als man sagt , daß Steine wachsen . Vergangenheit und Gegenwart und Zukunft - Gäb es für die Vernunft ein drittes noch , So müßt er dort verweilen in Gedanken . Sind ' s aber einmal tausend , ja , so können Unzählige noch kommen ; sagt man nicht Daß auch ein Ball , geworfen über die Grenze Der Luft , bis wo der Erde Atem nicht mehr hinreicht , Nicht wieder rückwärts fallen könne , nein Er müsse kreisen , ewig , wie ein Stern . So , fürcht ich , ist es hier . Auch spricht man von der Inselgöttin Weyla , Daß sie ein Blümlein liebgewann von seltner Und nie gesehner Art , ein einzig Wunder , Dies schloß die Göttin in das klare Wasser Des härtsten Diamants ein , daß es daure Mit Farben und Gestalt ; wahrhaftig nein , Ich möchte so geliebt nicht sein von Weyla , Doch diesem König hat sie ' s angetan . Oft ahnte mir , er selber sei ein Gott , So anmutsvoll ist sein verfinstert Antlitz ; Das ist sein größtes Unglück , darum ward , Wie ich wohl deutlich merke , eine Fee Von heißer Liebe gegen ihn entzündet , Und er kann ihrem Dienste nicht entgehn , Sie hat die Macht schon über ihn , daß er , Sooft sich ihr Gedanke nach ihm sehnt , Tag oder Nacht , und aus der fernsten Gegend , Nach ihrem Wohnsitz plötzlich eilen muß . Wenn dieser Ruf an ihn ergeht , so reißt Der Faden seines jetzigen Gedankens Auf einmal voneinander , ganz verändert Erscheint sein Wesen , hellres Licht durchwittert Des Geistes Nacht , der längst verschüttete Brunn Der rauhen und gedämpften Rede klingt Mit einmal hell und sanft , sogar die Miene Scheint jugendlicher , doch auch schmerzlicher : Denn greulich ist verhaßter Liebe Qual . Drum sinnt er sicherlich in schwerem Gram , Wie er sich ledig mache dieser Pein ; Dahin auch deut ich jene Worte mir , Die er einst fallenlassen gegen mich : » Willst du mir dienstbar sein , so gehe hin Zur Stadt , dort liegt in einem unerforschten Winkel Ein längst verloren Buch von seltner Schrill , Das ist geschrieben auf die breiten Blätter Der Thranuspflanze , so man göttlich nennt , Das suche du ohn Unterlaß , und bring es . « Drauf lächelt ' er mitleidig , gleich als hätt er Unmögliches verlangt , und redete Zeither auch weiter nicht davon . Nun aber Kam mir zufällig jüngst etwas zu Ohren Von ein paar schmutzigen , unwissenden Burschen , Die hätten der Art einen alten Schatz Bestäubt und ungebraucht im Hause liegen . Vielleicht , es träfe sich ; so will ich denn Vom König nähere Bezeichnung hören ; Doch aber zweifl ' ich , zweifle sehr - Horch ! ja , dort kommt er Den Hügel vor . O trauervoller Anblick ! Sein Gang ist müde . Horch , er spricht mit sich . KÖNIG . O Meer ! Du der Sonne Grüner Palast mit goldenen Zinnen ! Wo hinab zu deiner kühlen Treppe ? KOLLMER . ( Ob ich es wagen darf , ihn anzurufen ? ) Mein teurer König ! KÖNIG . Wer warf meinen Schlüssel in die See ? KOLLMER . Mein hoher Herr , vergönnt - KÖNIG ihn erblickend . Was willst du hier ? Wer bist du ? Fort ! Hinweg ! Fort ! willst du nicht fort ? Fluch auf dich ! KOLLMER . Kennst du mich nicht mehr ? dem du manches Mal Dein gnädig Antlitz zugewendet hast ? KÖNIG . Du bist ' s , ich kenne dich . So sag mir an , Wovon die Rede zwischen uns gewesen Das letztemal . Mein Kopf ist alt und krank . KOLLMER . Nach jenem Buche hießest du mich suchen . KÖNIG . Wohl , wohl , mein Knecht . Doch suchet man umsonst , Was Weyla hat verscharrt , die kluge Jungfrau , Nicht wahr ? KOLLMER . Gewiß , wenn nicht ihr Finger selbst Mich führt ; wir aber hoffen das , mein König . Für jetzt entdeck mir mehr vom heilgen Buche . KÖNIG . Mehr noch , mein Knecht ? das kann schon sein , kann sein , Will mich bedenken ; wart , ich weiß sehr gut - - Wär vor der Stirn die Wolke nicht ! merkst du ? Elend ! Elend ! hier , hier , merkst du ? die Zeit Hat mein Gehirn mit zäher Haut bezogen . Manchmal doch hab ich gutes Licht ... KOLLMER . Ach Armer ! Laß , laß es nur , sei ruhig ! Herr , was seh ich ? Was wirfst du deine Arme so gen Himmel , Ballst ihm die Fäust ins Angesicht ? Mir graut . KÖNIG . Ha ! mein Gebet ! meine Morgenandacht ! Was ? Willst einen König lehren , er soll knien ? Seit hundert Jahren sind ihm wund die Kniee - Was hundert - ? o ich bin ein Kind ! Komm her , Und lehr mich zählen - Alte Finger ! Pfui ! Auf , Sklave , auf ! Ruf deine Brüder all ! Sag an , wie man der Götter Wohnung stürmt ! Sei mir was nütze , feiger Schurke du ! Die Hölle laß uns stürmen , und den Tod , Das faule Scheusal , das die Zeit verschläft , Herauf zur Erde zerren ans Geschäft ! Es leben noch viel Menschen ; Narre du , Mir ist es auch um dich ! willst doch nicht ewig Am schalen Lichte saugen ? KOLLMER . Weh ! er raset . KÖNIG . Still , still ! Ich sinne was . Es tut nicht gut , Daß man die Götter schmähe . Sag , mein Bursch , Ist dir bekannt , was , wie die Weisen meinen , Am meisten ist verhaßt den sel ' gen Göttern ? KOLLMER . Lehr mich ' s , o König . KÖNIG . Das verhüte Weyla , Daß meine Zunge nennt was auch zu denken Schon Fluch kann bringen . - Hast du wohl ein Schwert ? KOLLMER . Ich habe eins . KÖNIG . So schone deines Lebens , Und laß uns allezeit die Götter fürchten ! - Was hülf es auch , zu trotzen ? Das Geschick Liegt festgebunden in der Weissagung , So deins wie meines . Nun - wohlan , wie lautet Der alte Götterspruch ? ein Priester sang Ihn an der Wiege mir , und drauf am Tag Der Krönung wieder . KOLLMER . Gleich sollst du ihn hören ; Du selber hast ihn neulich mir vertraut . Ein Mensch lebt seiner Jahre Zahl : Ulmon allein wird sehen Den Sommer kommen und gehen Zehnhundertmal . Einst eine schwarze Weide blüht , Ein Kindlein muß sie fällen , Dann rauschen die Todeswellen , Drin Ulmons Herz verglüht . Auf Weylas Mondenstrahl Sich Ulmon soll erheben , Sein Götterleib dann schweben Zum blauen Saal . KÖNIG . Du sagst es recht , mein Mann ; ein süßer Spruch ! Mich dünkt , die wen ' gen Worte sättigen rings Die irdische Luft mit Weylas Veilchenhauch . KOLLMER . Ergründest du der Worte Sinn , o Herr ? KÖNIG . Ein König , ist er nicht ein Priester auch ? Still , meine heil ' ge Seele kräuselt sich , Dem Meere gleich , bevor der Sturm erscheint , Und wie ein Seher möcht ich Wunder künden , So rege wird der Geist in mir . - Freilich , zu trüb , zu trüb ist noch mein Aug - Ha , Sklave , schaff das Buch ! mein lieber Sklave ! KOLLMER . Beschreib es mir erst besser . KÖNIG . Nur Geduld . Ich sah es nie und kein gemeiner Mensch . Von Priesterhand verzeichnet steht darin , Was Götter einst Geweihten offenbarten , Zukünftger Dinge Wachstum und Verknüpfung ; Auch wie der Knoten meines armen Daseins Dereinst entwirrt soll werden , deutet es . ( Laß mich vollenden , weil die Rede fließt - ) Im Tempel Nidru-Haddin hütete Die weise Schlange solches Heiligtum , Bis daß die große Zeit erfüllet war , Und alle Menschen starben ; sieh , da nahm Die Göttin jenes Buch , und trug es weg An andern Ort , wer wollte den erkunden ? Auch meinen Schlüssel nahmen sie hinweg , Die Himmlischen , und warfen ihn ins Meer . KOLLMER . Herr , welchen Schlüssel ? KÖNIG . Der zum Grabe führt Der Könige . KOLLMER . Was zitterst du ? erbleichst ? KÖNIG . Die Zaubrin lockt - Thereile reißt an mir - Leb wohl ! Ich muß - Beide nach verschiedenen Seiten ab . Dritte Szene Nacht . Ein offener , grüner Platz an einem sanften Waldabhang beim Schmettenberg , ohnweit des Flusses Weyla . Thereile , eine junge Feenfürstin . Kleine Feen um sie her . König an der Seite , mehr im Vorgrund . THEREILE . Seid ihr alle da ? MORRY . Zähl nur , Schwester , ja ! THEREILE . Ein , zwei , drei , vier , fünf , sechs , sieben . Silpelitt ist ausgeblieben ! Hat doch stets besondre Nester ! Nun , so sucht , ihr faulen Dinger , Steckt euch Lichtlein an die Finger ! Kinder eilen davon . MORRY die heimlich zurückbleibt , leise . Weithe ! WEITHE . Was ? MORRY . Siehst du nicht dort Ihren Buhlen bei der Schwester ? Darum schickt sie uns nun fort , Dieses hat was zu bedeuten . WEITHE . Ei , sie mag ihn gar nicht leiden . MORRY . Bleibe doch ! und laß uns lauschen , Wie sie wieder Küsse tauschen . Guck , wie spröd sie tut zum Scheine , Trutzig ihre Zöpfe flicht ! Sie nur immer ist die Feine , Unsereins besieht man nicht . WEITHE . Aber wir sind auch noch kleine . MORRY . Nun , so sag , ist dieses Paar Nicht so dumm wie eines war ? Darf sich süße Feenbrut Einem Sterblichen wohl gatten ? Beide zwar sind Fleisch und Blut Doch die Braut wirft keinen Schatten . WEITHE . Ja , das ist doch unanständig . MORRY . Aber stets war sie unbändig . WEITHE . Morry , laß uns lieber fort ! Mir wird angst an diesem Ort MORRY . Wie sich wohl dies Spiel noch endet ! Beide stehen abgewendet ; Wahrlich , wie im tiefsten Schlummer Steht der König , unbeweglich . WEITHE . Ach , wie traurig scheint der Mann ! Liebe Schwester , ist ' s nur möglich , Daß man so betrübt sein kann ? MORRY . Seine Stirne , voller Kummer , Seine Arme sind gesenkt ! WEITHE . Was nur unsre Schwester denkt ! MORRY . Wär er mir wie ihr so gut , Ich ließ mich küssen wohlgemut . WEITHE . Bitte , komm und laß uns gehn ! Wollen nach dem Walde sehn , Ob die holden Nachtigallen Bald in unsre Netze fallen . Beide ab . Vierte Szene König und Thereile allein . KÖNIG für sich . Still , sachte nur , mein Geist ; gib dich zur Ruhe ! Lagst mir so lang in ungestörter Dumpfheit , Hinträumend allgemach ins Nichts dahin , Was weckt dich wieder aus so gutem Schlummer ? Lieg stille nur ein Weilchen noch ! Umsonst ! umsonst ! es schwingt das alte Rad Der glühenden Gedanken unerbittlich Sich vor dem armen Haupte mir ! Will das nicht enden ? mußt du staunend immer Aufs neue dich erkennen ? mußt dich fragen , Was leb ich noch ? was bin ich ? und was war Vor dieser Zeit mit mir ? - Ein König einst , Ulmon mein Name ; Orplid hieß die Insel ; Wohl , wohl , mein Geist , das hast du schlau behalten ; Und doch mißtrau ich dir ; Ulmon - Orplid - Ich kenne diese Worte kaum , ich staune Dem Klange dieser Worte - Unergründlich Klafft ' s da hinab - O wehe , schwindle nicht ! Ein Fürst war ich ? So sei getrost und glaub es . Die edle Kraft der Rückerinnerung Ermattete nur in dem tiefen Sand Des langen Weges , den ich hab durchmessen ; Kaum daß manchmal durch seltne Wolkenrisse Ein flüchtges Blitzen mir den alten Schauplatz Versunkner Tage wundersam erleuchtet . Dann seh ich auf dem Throne einen Mann Von meinem Ansehn , doch er ist mir fremd , Ein glänzend Weib bei ihm , es ist mein Weib . Halt an , o mein Gedächtnis , halt ein wenig ! Es tut mir wohl , das schöne Bild begleitet Den König durch die Stadt und zu den Schiffen . Ja , ja , so war ' s ; doch jetzt wird wieder Nacht . - Seltsam ! durch diese schwanken Luftgestalten Winkt stets der Turm von einem alten Schlosse , Ganz so , wie jener , der sich wirklich dort Gen Himmel hebt . - - Vielleicht ist alles Trug Und Einbildung und ich bin selber Schein . Er sinkt in Nachdenken ; blickt dann wieder auf . Horch ! auf der Erde feuchtem Bauch gelegen Arbeitet schwer die Nacht der Dämmerung entgegen , Indessen dort , in blauer Luft gezogen , Die Fäden leicht , kaum hörbar fließen , Und hin und wieder mit gestähltem Bogen Die lustgen Sterne goldne Pfeile schießen . THEREILE noch immer in einiger Entfernung . Wie süß der Nachtwind nun die Wiese streift , Und klingend jetzt den jungen Hain durchläuft ! Da noch der freche Tag verstummt , Hört man der Erdenkräfte flüsterndes Gedränge , Das aufwärts in die zärtlichen Gesänge Der reingestimmten Lüfte summt . KÖNIG . Vernehm ich doch die wunderbarsten Stimmen Vom lauen Wind wollüstig hingeschleift , Indes mit ungewissem Licht gestreift Der Himmel selber scheinet hinzuschwimmen . THEREILE . Wie ein Gewebe zuckt die Luft manchmal , Durchsichtiger und heller aufzuwehen , Dazwischen hört man weiche Töne gehen Von sel ' gen Elfen , die im blauen Saal Zum Sphärenklang , Und fleißig mit Gesang , Silberne Spindeln hin und wieder drehen . KÖNIG . O holde Nacht , du gehst mit leisem Tritt Auf schwarzem Samt , der nur am Tage grünet , Und luftig schwirrender Musik bedienet Sich nun dein Fuß zum leichten Schritt , Womit du Stund um Stunde missest , Dich lieblich in dir selbst vergissest - Du schwärmst , es schwärmt der Schöpfung Seele mit ! Thereile legt sich auf einen Rasen , das Auge sehnsüchtig nach dem Könige gerichtet . Er fährt fort , mit sich selbst zu reden . Im Schoß der Erd , im Hain und auf der Flur Wie wühlt es jetzo rings in der Natur Von nimmersatter Kräfte Gärung ! Und welche Ruhe doch , und welch ein Wohlbedacht ! Dadurch in unsrer eignen Brust erwacht Ein gleiches Widerspiel von Fülle und Entbehrung . In meiner Brust , die kämpft und ruht , Welch eine Ebbe , welche Flut ! Pause . Almissa - - ! Wie ? Wer flüstert mir den Namen , Den langvergeßnen , zu ? Hieß nicht mein Weib Almissa ? Warum kommt mir ' s jetzt in Sinn ? Die heilge Nacht , gebückt auf ihre Harfe , Stieß träumend mit dem Finger an die Saiten , Da gab es diesen Ton . Vielleicht genoß ich In solcher Stunde einst der Liebe Glück - - Langes Schweigen . Aufschauend endlich gewahrt er Thereilen , die sich ihm liebevoll genähert hat . Ha ! bin ich noch hier ? Stehst du immer da ? So tief versank ich in die stummen Täler , Die mir Erinnrung grub in mein Gehirn , Daß mir jetzt ist , ich säh zum erstenmal Dich , die verhafte Zeugin meiner Qual . O warf ein Gott mich aus der Menschheit Schranken , Damit mich deine fluchenswerte Gunst Gefesselt hält in seligem Erkranken , Mich sättigend mit schwülem Zauberdunst , Mir zeigend aller Liebesreize Kunst , Indes du dich in stillem Gram verzehrst Um den Genuß , den du dir selbst verwehrst ? Denn dieser Leib , trotz deinen Mitteln allen , Ist noch dem Blut , das ihn gezeugt , verfallen ; Umsonst , daß ich den deinen an mich drücke , Vergebens diese durstig schöne Brust , So bleiben unsre Küsse , unsre Blicke Fruchtlose Boten unbegrenzter Lust ! Für sich . Weh ! muß ich eitle Liebesklage heucheln , Mir Mitleid und Erlösung zu erschmeicheln ? - Darum , unsterblich Weib , ich bitte sehr , Verkenne dich und mich nicht länger mehr ! Verbanne mich aus deinem Angesicht , So endigst du dies jammervolle Schwanken , Mein unwert Bildnis trage länger nicht Im goldnen Netze liebender Gedanken ! THEREILE . Ganz recht ! was ungleich ist , wer kann es paaren ? Wann wäre Hochzeit zwischen Hund und Katze ? Und doch , sie sind sich gleich bis auf die Tatze . Wie soll , obwohl er Flossen hat , der Pfeil Alsbald , dem Fische gleich , den See befahren ? Hat ja ein jedes Ding sein zugemessen Teil ; Doch weiß ich nichts , das wie des Menschen Mund So viel verschiedne Dienste je bestund . Ei , der kann alles trennen und vereinen , Kann essen , küssen , lachen oder weinen , Nicht selten spricht er , wenn er küssen soll ; Muß aber einmal doch gesprochen sein , So ist es Wahrheit , sollt ich meinen , Schön Dank ! da ist er aller Lügen voll . Denn sieh , mit welcher Stirn wirfst du mir ein , Wir glichen uns nur halb , und nur zum Schein ? Kann der von Bitter sagen oder Süß Den ich den Rand noch nicht des Bechers kosten ließ ? Still , still ! ich will nichts hören , nicht ein Wort ! So wenig lohnt es sich mit dir zu rechten , Als wollt ich einem Bären Zöpfe flechten . Tu , was du magst . Geh , trolle dich nur fort ! Ich bin des Schnickeschnackens müde . KÖNIG . Ist es dein Ernst ? THEREILE . Ernst ? o behüte ! Jetzt überfällt mich erst die wahre Lust , Dir zum Verdruß dich recht zu lieben . Komm , laß uns tanzen ! Komm , mein Freund , du mußt ! Sie fängt an zu tanzen . KÖNIG für sich . Wie haß ich sie ! und doch , wie schön ist sie ! Hinweg ! mir wird auf einmal angst und bange Bei dieser kleinen golden-grünen Schlange . Von ihren roten Lippen träuft Ein Lächeln , wie drei Tropfen süßes Gift , Das in dem Kuß mit halbem Tode trifft . Ha ! wie sie Kreise zieht , Anmut auf Anmut häuft ! Doch stößt ' s mich ab von ihr , ich weiß nicht wie . Es ruft etwas entfernt : » Thereile ! Ach Thereile ! « KÖNIG . Horch ! THEREILE . Die Kinder kommen : welch Geschrei ! Fünfte Szene Die Vorigen und die Kinder mit Silpelitt . THEREILE . Was habt ihr denn ? was ist geschehn ? sprich , Malwy ! Talpe , oder du ! MALWY . Ach Schwester ! THEREILE . Nun ! Der Atem steht euch still . Wo habt ihr Silpelitt ? SILPELITT hervortretend . Hie bin ich . MALWY . Als wir Silpelitt suchten , konnten wir sie gar nicht finden . Wir rannten wohl neun Elfenmeilen , darfst glauben , und stöberten in dem Schilf herum , wo sie zu sitzen pflegt , wenn sie sich verlaufen hat . Auf einmal an dem Fels , wo das Gras aus den mauligen Löchern wächst , steht Talpe still und sagt : » Hört ihr nicht Silpelitts Stimme , sie redet mit jemand und lacht . « Da löschten wir die Laternlein aus und liefen zu . Ach du mein ! Thereile , da ist ein großer , grausam starker Mann gewesen , dem saß Silpelitt auf dem Stiefel und ließ sich schaukeln . Er lachte auch dazu , aber mit