neu beseelt in mir . Gottlob ! es ist so geblieben . Ich bin auf meinem Platz . Von da aus sieht es sich klarer , bestimmter auf die Gegenstände hin , welche unsere Welt bilden . Ich glaube , des Oheims Auge hat auch erst einen Blick für mich gewonnen . Er betrachtet mich nicht mehr so prüfend . Wenn er mich ansieht , lese ich Vertrauen und wohlwollende Güte in seiner Miene . Es giebt nichts Einfacheres , aber auch nichts Friedlicheres , als unser Leben . Und wissen Sie wohl , wer zumeist den stillen Geist hineingetragen hat ? Jene schöne , liebe Frau , deren erster Anblick auf mich bei weitem nicht den beschwichtigenden Eindruck machte , den sie jetzt nach jeder Zusammenkunft in mir zurückläßt . Von dieser Leichtigkeit des Umganges , dieser Seele und Wärme in jedem Worte , können Sie sich keinen Begriff machen . Oft überrascht mich ihre Art und Weise so , daß ich sie staunend ansehe , ohne zu wissen , wie ich das Unwillkührliche dieses fessellosen Innern mit der steten Berücksichtigung alles dessen , was andere betrifft , vereinen soll . Sie sieht mich dann wieder an , und die Miene , mit der sie fragt : » Was ist Ihnen , Liebe ? « hat solchen Zauber kindlicher Neugier , daß jeder Gedanke an Absicht oder Künstelei davor verschwindet . Seit mich des Oheims Kränklichkeit im Schlosse fesselt , ist sie täglich , wenigstens auf ein paar Stunden hier . Sie kommt und geht wie ein anmuthiges Feenkind , das durch allerlei Zaubereien die alltägliche Gegenwart umher verwandelt . Immer hat sie etwas zu erzählen . Wie unbedeutend das auch sein mag , sie weiß es so eigenthümlich vorzutragen , daß es nie ohne Interesse bleibt . Der Kranke vergißt Schmerz und Unbequemlichkeit , wenn er sie nur sieht . Vorzüglich unterhält es ihn , wenn er Hugo mit ihr in Streit verwickeln kann . Das geschieht , so oft von der Gesellschaft in Ulmenstein die Rede ist , zu deren Gunsten Elise mancherlei anführt , was jener mit Witz und Laune widerspricht . Sie endet häufig damit , ihn über sein nichtiges , abweisendes Benehmen gegen Fremde , die er weder kennt noch kennen lernen will , auszuschelten , und ihm Stolz oder Trägheit vorzuwerfen . Der Comthur stimmt hierin mit ein . Er reizt und neckt den Neffen . Dieser giebt sich willig her , lacht , widerspricht ohne sich zu rechtfertigen , erzählt dann schnell ein paar Jagdabentheuer , schiebt irgend ein fremdes , anziehendes Bild hinein , wodurch er die Theilnahme seiner Gegner anders lenkt und ihnen entschlüpft . Elise bemerkt seine List zu spät . Es ärgert sie , doch weiß sie auch dieser Empfindung Grazie zu leihen . Sie ist allerliebst , wenn sie zankt . Ihr Eifer , mit dem es ihr in solchen Augenblicken ganzer Ernst ist , trägt ein eigenes Gepräge von Natur und Wahrheit . Ich glaube , sie erscheint vorzüglich deshalb so unendlich liebenswürdig . Der Oheim nannte gestern ihren Unwillen gefährlich . Er warnte Hugo , ihn zu reizen . Ich weiß nicht , wie es kam , daß gerade in diesem Moment Hugo ' s Blick dem meinigen begegnete . Es lag etwas Gezwungenes in seinem Lächeln . Ich ward unwillkührlich wie mit Blut übergossen . Es war wohl die Erinnerung meiner frühern Schwäche , die mich beschämte , allein Hugo ? Hat er mich schon damals errathen ? Die unbefangene Elise blieb sich gleich . Sie ist zu großartig , um dergleichen heimliche Regungen vorauszusetzen . Bald darauf nahm sie , ohne alle weitere Rücksicht , Hugo ' s Arm , und hieß ihn , sie zur Strafe , daß er sie so lange durch unnütze Worte aufgehalten habe , den Berg hinab zu ihren Wagen führen . » Mein armer , kleiner Georg , « setzte sie , fast erschrocken über die Erinnerung an diesen , hinzu , » wird gewiß schon recht ungeduldig über mein Aussenbleiben geworden sein . « » Wie , « entgegnete ich überrascht , » der Kleine begleitete Sie , und Sie ließen ihn die ganze Zeit draussen in der naßkalten Herbstluft ? « » Ganz so arg , « lächelte sie sorglos , » habe ich es nicht gemacht . Das Kind ist mir mit sammt dem Wagen späterhin gefolgt . Ich bin den Fußpfad durch den Wald gegangen , meine Absicht war blos , nach dem Befinden unsers Kranken zu fragen , und dann den Rückweg mit einer Spatzierfahrt zu verbinden . Ich habe mich einmal wieder hier vergessen , « fügte sie achselzuckend hinzu . » Aber nun auch keine Minute länger ! « Sie grüßte flüchtig . Ehe ich ihr Lebewohl sagen konnte , war sie mit Hugo die Treppe hinunter , zum Schlosse hinaus ? Ich trat ans Fenster . Es dunkelte schon . Mir schien es gewagt , sie und das Kind noch so spät der Gefahr des Umwerfens auszusetzen . Ich sprach das gegen den Oheim aus . Er erwiederte nichts . Als ich vom Fenster zurück trat , und wieder neben ihm niedersaß , fand ich ihn , den Kopf in die Hand gelehnt , vor sich hinsehend . Sein plötzliches Schweigen fiel mir auf , ja es ängstigte mich . Litt er körperlich , oder war etwas geschehen , das ihm mißfiel ? Mein fragender Blick drückte wohl aus , was ich dachte . Er richtete den Kopf in die Höhe , doch ohne sich weiter zu erklären , sagte er zerstreut und durch Anderes beschäftigt : » Ja , ja , Sie haben ganz recht , es ist zu spät ! « - Nachher besann er sich , wir redeten über Mancherlei , doch unsrer Nachbarin gedachte er weiter nicht , es kam mir sogar vor , als vermeide er alles , was auf sie Bezug hatte . Weshalb das ? glaubt er mich unfähig , den Werth der seltenen Frau zu empfinden ? und hat ihn die flüchtige Aeußerung über sie , aus meinem Munde , verdrossen ? - Ich dachte seitdem oft darüber nach . Auch würde ich glauben , hierin nicht zu irren , machte er es gegen Hugo anders . Als dieser nach mehreren Stunden zurück kam , fragte der Oheim weder nach dem , was ihn außerhalb beschäftigte , noch wie und wo er seine Dame verlassen habe ? Seine Dame ! Es ist doch eigentlich seltsam , wie die kleinen Lebensverhältnisse eine Frau augenblicklich in Beziehung zu einem Manne setzen . Dieser kann ihr nicht den Arm bieten , ohne sich für ihren Beschützer zu erklären , was immer gegenseitige Verpflichtung bedingt . Wie mir dies gerade hierbei auffällt ? Ich schäme mich , es einzugestehen . Allein ich glaube , es sind noch dumpfe Nachklänge des ersten , unreinen Tones , den Elisens Erscheinen in mir weckte . Ich werde darauf nicht wieder hören . Ich verspreche es Ihnen . Ueber Eins möchte ich doch Ihre Meinung wissen . In einem unserer kleinen Abendzirkel war von einem Buche die Rede , das Hugo sehr lebhaft gegen die Angriffe unserer Nachbarin in Schutz nahm . Diese nannte es hinreißend schön , doch abirrend für die Phantasie , welche das Gebiet melancholischer Schattenbilder vor allem Andern zu meiden habe . » Das unbefriedigte Innere , « sagte sie lebhaft , » versinkt ohnehin allzu leicht in jene krankhafte Unbestimmtheit , die den Besitz des Daseins erschüttert , alle schöne Gaben desselben bleicht , und das Herz mit nichtzustillender Wehmuth füllt . « Hugo lächelte , indem sich die tiefe Falte auf seiner Stirne finster zusammenzog . » Ist , wie Sie es sagen , « entgegnete er , » dies die unbezwingliche Neigung der Menschenbrust , lockt uns so Vieles , und am meisten das eigene Gefühl in den dunklen Strom unbegriffener Ahndungen hinüber , was sperren wir uns gegen den Andrang der Wogen , wenn sie uns einmal bis zum Herzen steigen ? Was büßen wir Großes dabei ein , wenn nun auch wirklich Alles um uns und in uns in flüchtige Atome zerflösse ? Hat das Farbenspiel des Tages die ernsten Schatten der Nacht zu fürchten , dürfen wir es bedauern , wenn das Unbeständige erbleicht ? wer beklagt den Verlust eingebildeter Güter ? ? « » Wie , « unterbrach ihn Elise , » zum trügerischen Gaukelspiel entadeln Sie mir die frische , blühende , kräftige Welt , in der ich athme , und mich wirklich fühle ? « - » Und dennoch , « versetzte Hugo mit neckender Zuversicht , indem er das besprochene Buch vom Tische nehmend , es gewichtig auf der flachen Hand ruhen ließ ; » Und dennoch geben Sie Ihre Wirklichkeit für solche Träume hin . Ich weiß gewiß , « fuhr er lächelnd fort , » Sie vergaßen alles Andere , während Sie lasen . « Elise erröthete in sichtlicher Verwirrung . » Von jeher , « nahm Hugo das Wort , » flüchtete der Mensch mit seinen Gefühlen in eine andere Heimath , als die ihm angewiesene . Da war er Herr und Schöpfer einer unermeßlichen Welt . In ihr hatte und besaß er , was die vergängliche ihm versagte . Aus höherer Naturmystik nannten die Alten die Nacht , Mutter der Dinge . Erst wenn sie , die Königin , im geheimnißvollen Dunkel heraufzieht , am Saume ihres Mantels duftige Träume spielen , und Schlaf und Tod aus den schwarzen Falten hervor treten , erst dann gestaltet sich ein Dasein , das uns gehört , dessen Herrscher der träumende Gedanke ist . « Er sagte das Letzte mit seltsam erschütternder Melancholie in Ton und Miene . Im Sessel zurückgelehnt , die Arme über einander geschlagen , wandte er nur das Auge zu seiner Nachbarin , die ihn überrascht , wie es schien , ungewiß betrachtete . » Man wirft so oft den Christen vor , « unterbrach ich die augenblickliche Stille , » daß sie sich den Genuß des Lebens verkümmern , die Schöpfung , durch trübe Betrachtungen über den Wechsel der Dinge , ihres Reizes entkleiden , ja das Gemüth durch Abtödtung in unerfreuliches Entsagen zwingen ; doch so unbarmherzig in das schwankende Grau der Nacht verweisen sie die geängstete Seele nicht , wie jene Heiden , deren Du erwähnst , Hugo . Sage doch , welche andere , als traurige , unbestimmte Bilder können der Phantasie in solchen Nebeldünsten entsteigen ? « » Mein liebes Kind , « entgegnete er etwas trocken , » es ist hier nicht von Glaubenssätzen verschiedener Religionsansichten die Rede , sondern von allgemein menschlichen Naturzuständen , die sich in ihren Bedingungen , wie in ihren Anforderungen , von jeher auf ein Haar glichen . Immer wollte das Herz , was es nicht hat , immer suchte es sich im Unermeßlichen zu genügen . Die Formen , in welche das mannichfach abgeschattete Streben sich wechselnd kleidete , thun zur Sache wenig . « » Ich meine doch , « entgegnete ich , » der Christ denkt nicht allein , er fühlt auch anders , wie der Heide . « Hugo schwieg . Des Oheims Blicke ruhten auf Elisen . Sie schien in sich das Gehörte zu erwägen . » Wir sollten , « hub jener nach einer Pause an , » den wüsten Sturm einer Gigantenbrust nicht zum Maaßstabe unsrer Empfindungen machen wollen . Dort ist der Drang des Schrankenlosen in die ringende Verwirrung des Lebens gegeben . Der Fluß sucht erst sein Bett . Das Gefühl hat keine Worte . Große Natursymbole werden ihr unwillkührlicher Ausdruck . Für uns sind das verbrauchte Spielereien . Wir gefallen uns darin , weil es so tönend klingt , und über die Ungenügsamkeit verwöhnter Herzen täuscht . Wir schwärmen aus Schwäche , und träumen aus Trägheit . Schwermuth ist der trübe Schatten entflohener Lebenskraft . « An Hugo ' s Lippen zuckte ein zweideutiges Lächeln . Er öffnete sie , als wolle er etwas sagen , doch unterließ er es . » Deshalb , « fuhr der Oheim fort , » stimme ich dem Urtheil unserer Freundin bei , welches Schriften , die dem kranken Zuge der Seele Vorschub leihen , abirrend nennt . « » Und somit , « entgegnete Hugo , bedacht und leise , » somit wären alle Fäden zerschnitten , durch die unser Sein mit höherer Ahndung zusammen hängt , und diese selbst zum schwerfälligen Phantom dickblütiger Fieberphantasie herabgesunken ! Lieber Onkel , « fuhr er , näher sich zu ihm wendend , die Hand freundlich auf seinen Arm gelegt , fort , » Sie fühlen es anders . Sie haben die Einsamkeit lieb . Sie kennen die Stunden wohl , wo der Blick nichts sieht , nichts sucht , wie in einem Abgrund versinkt , die Brust immer voller wird , der Wunsch stockt , die Sehnsucht das All umfaßt , unbezwingliche Traurigkeit uns fest umklammert , wir uns fühlen und nicht fühlen ! dann plötzlich reißt der Geist sich aus den Banden los , wir glühen , eine , nur eine That zu thun , die das heiße Streben stille . Nein ! O nein ! Melancholie ist nicht die Ausgeburt schlaffer Trägheit , sie ist die trauernde Gefährtin des Menschen , der , ein stets erneuerter Prometheus , sich und seine Schöpferkraft in Ketten geschlagen fühlt . « Des Comthurs Schmerzen kehrten hier heftiger wieder . Er hielt zuckend die Hand gegen den leidenden Fuß , indem er mit Anstrengung sagte : » Ich verstehe wohl , wie Du es meinst , allein auch Prometheus war aus seiner Bahn gewichen , und wenn auch göttlicher Wahnsinn , so ist Wahnsinn immer Krankheit . Uebrigens täuschen wir uns gern mit prometheischer Schöpferkraft , wenn uns das Nächste zu schlecht dünkt , oder zu mühsam , es anzufassen . « » Ja wohl , « rief Elise , indem sie mit komischem Eifer von ihrem Stuhle aufsprang und an des Comthurs Lager eilte . » Während wir hier um des Kaisers Bart streiten , versäumen wir , Ihnen die Kissen zurecht zu legen . Es ist da etwas , das Sie drückt . Wir hätten es gewiß längst bemerkt , wären wir nicht so unverzeihlich mit uns selbst beschäftigt gewesen . « » Da haben Sie die Moral von der Fabel , « sagte sie , gegen Hugo gewendet . » Das gesunde Auge wird blind , wenn man durch Künstliche sieht . « Der Oheim küßte ihr die Hand , die sich auf leichte und gefällige Weise um ihn zu thun machte . Schaffte sie ihm wirklich Erleichterung , oder war der unbequeme Anfall rasch vorüber gegangen ? Genug , er fand seine frohe Stimmung sogleich wieder , er scherzte , lachte Hugo aus , während er dessen Gegnerin , in der klugen Nutzanwendung des Streites , lobte . Diesen hatte man fallen lassen . Es blieb , soviel mir klar ward , Alles unentschieden . Auch bei mir . Deshalb wünschte ich Ihre Ansicht darüber zu hören . Elise war , sie mochte sich dagegen immer sträuben , nicht sowohl durch die Süßigkeit ahndungsvoller Wehmuth in sich zurückgezogen , als sie vielmehr Hugo ' s düstere Begeisterung überraschte ! Sie fand sich in einer unheimlichen und doch fesselnden Region . Der Oheim hat immer viel Kraft und Selbstüberwindung von sich und Andern gefordert . Hierin setzt er den ganzen Werth des Mannes . In Opfern aller Art zeichnete er sich aus . Ja , man erzählt , er warf alle Lebensansprüche hin , zerriß eine Verbindung , die , im Begriff vollzogen zu werden , seinem Herzen das schönste Glück verhieß , weihete sich stillem Entsagen , suchte und fand Trost in der Thätigkeit für Andre . Dem Fehlgriffe seines Bruders hatte er die ganze Strenge gesetzlicher Vollkraft entgegen gestellt , sich selbst dafür zu strafen , das Mißverhältniß auszugleichen , ward er Geistlicher . In diesem Bewußtsein betrachtet er das Leben , wie ein Feld streitender Kräfte , auf dem Niemand müde werden darf . Am wenigsten kann er das Vonsichdrängen des Kampfes , das Flüchten in die Labyrinthe müßiger Betrachtungen , dulden . Er will immer Gewappnete um sich sehen , überzeugt , daß jeder Augenblick eine That mit sich heraufträgt . Genuß kennt er nicht , in sofern dieser Rast und Ruhe bedingt . Sehen Sie , ehrwürdiger Herr , so gesinnt , dünken ihm Hugo ' s Aeußerungen lauter Mißtöne . Ich finde gleichwohl Harmonie darin . Geht doch alles in einen Grundton seiner Seele über ! diese füllt heißer , ungestillter Durst nach dem , was die Welt nicht hat . Oft denke ich mir , Gott habe den geliebten Mann durch seine ganze Natur zum Priesterstande bestimmt . Er würde sich in den heiligen Abgrund des Geheimnisses versenkt , aus dem verborgenen Quell geschöpft haben . Und doch , finden wir nicht auch unter den Gläubigen dunkle Seher ? Ist der tiefe Blick nicht oft der trübe ? Bleibt die Sonne darum weniger sie selbst , weil sie hinter dunkeln Wolken weilt ? Und eben so , ist Finsterniß darum wirklich Finsterniß , weil wir das Licht nicht sehen ? Ich kann mir in einem Menschen alles anders denken , als er nach Außen erscheint . Hugo ist mir in manchen Augenblicken so verständlich , ich traure nur mit ihm . Ein Glück , daß die heitre Elise so viel duftige Farben über das Leben zu verbreiten weiß ! ihre Nähe ist uns Allen gewiß recht wohlthätig . Irre ich in meiner Ansicht , geehrter Freund , so lassen Sie mich recht bald in Ihrer gütigen Antwort den Irrthum einsehen . Elise an Sophie Mit Befremden werden Sie an dem Ortszeichen dieses Briefes meinen verlängerten Aufenthalt auf dem Lande sehen . Die vorgerückte Jahrszeit fand mich niemals hier . Es wäre auch jetzt nicht der Fall , hielt eine unvorhergesehene Geschäftsreise Eduard nicht von uns entfernt , wodurch ich Freiheit gewinne , über mein Gehen und Bleiben zu bestimmen . Sie wissen , liebste Sophie , ich reiße mich immer schwer von dem Orte los , wo ich eben bin . Im Frühling möchte ich die Stadt , im Herbst den lieben , wohnlichen Gartensaal mit seinem Kamine , die Blumen und Fruchtkörbe nicht verlassen . Ich kann Ihnen sagen , mir ist recht innerlich wohl , so hier zu sitzen , als brauche ich gar nicht aufzustehen , weder von Einpacken , noch Fortschicken der Wagen , noch von Reisen sprechen zu hören , und Stunden und Tage gehen zu lassen , ohne der Zukunft zu gedenken ! Dazu nehmen Sie noch , daß ich im mindesten nichts an fröhlicher Gesellschaft einbüße . Meine Nachbarn folgen meinem Beispiel . Die Eine aus Nothwendigkeit , die Andere aus Grille . Auf der Burg hält das Podagra den Comthur , die Pflicht ihn zu pflegen , die jungen Leute , zurück ; in Ulmenstein erinnerte sich die Gräfin , daß man in England immer erst spät nach der Stadt zurückkehrt ; zudem ist es pikant , sich erwarten zu lassen . Diesen Triumph vorzubereiten , bietet sie jedes Mittel auf , dem Rufe ihres Hauses noch an Glanz und erhöheter Fröhlichkeit das Wünschenswertheste hinzuzusetzen . Man jagt in ihrem Park , spielt Comödie , stellt lebende Bilder dar , sitzt in großen Kreisen und am gastlichen Kamin , und erzählt schauerliche Geistergeschichten bis in die Nacht hinein . Von fern und nahe strömen müßige , neugierige , oft lebensfrohe Genossen herzu . Es ist , ich versichere Sie , ein sonderbares , konfuses Treiben dort , das eben , in seiner Anarchie , etwas Berauschendes hat , und dem ich mich zu Zeiten gern überlasse . Einen seltsamern Contrast giebt es nicht , als wenn nun Einzelne , des ewigen Wirrwarrs müde , nach der ernsten Burg , oder mit dessen Bewohnern , hierher zu mir flüchten , wir zu zweien oder vieren in einem kleinen , geschlossenen Kabinet sitzen , die Welt drüben ganz vergessen , nichts wollen , als stilles Genügen im Beisammensein , ruhigen Gesprächs , warme , beseelende Mittheilung . Und wie sich die Brust dann plötzlich erweitert , ein rascher Blitz das Gemüth trifft , und schnell ein Funke den andern faßt , bis alles hell und durchsichtig um uns ist ! - O Liebe ! - Oft noch spät , nach einem durchschwärmten Tage kommen wir Abends so zusammen . Dann ist es , als haben die wechselnden Berührungen von Aussen die Saiten in uns nur angeschlagen , damit ein lang verhaltenes , geheimnißvolles Echo die Töne schwer , aber tief zurückgebe , und so das Mißgestimmte in Akkorden zusammenfließe . Vor Kurzem wohnten wir zu Ulmenstein einer Vorstellung des schwarzen Mannes von * * * bei . Eines von jenen Theaterstücken , die am häufigsten auf Privat-Bühnen gegeben werden , und viel zu schwer für die augenblickliche Belustigung sind . Der junge Leontin , Sohn des Baron Wildenau , machte die Rolle des spleenkranken Engländers . Agathe hatte man zu seiner Gattin erwählt . Sie spielte maniirt , war mehr mit ihrer kleinen Person , als mit dem Charakter derjenigen beschäftigt , die sie vorstellen sollte , kurz sie war , was die meisten Püppchen , die man so figuriren läßt , zu sein pflegen . Dies stach auffallend , und nicht zum Nachtheile Leontins , gegen dessen düsteres Spiel ab . Es lag erschütternde Wahrheit darin , und wenn er auch , wie nicht zu läugnen , den Ort , den Zweck , ja vielleicht den Gedanken des kleinen Drama ein wenig aus der Acht ließ , so weckte er auch dafür Empfindungen , die weit über den flüchtigen Zeitvertreib hinausgingen . Ich sah mir den Mann zum erstenmale genauer an . Er hatte sich uns früher mit nachläßiger Hingebung angeschlossen , doch meist nur den stummen Zuhörer bei unserer Unterhaltung abgegeben . Sein Wesen deutet auf Leerheit oder Zurückgezogenheit . Ich schwankte in meinem Urtheile , doch war ich geneigt , von Beiden etwas anzunehmen . Jetzt , auf den Brettern , schien er plötzlich den Ausdruck seines verhüllten Selbsts gefunden zu haben . Ich ward aufmerksam auf ihn . Den folgenden Abend trafen wir auf der Burg zusammen . Er hatte seinen schwarzen Rock nicht mehr an . Der hellfarbige Frack , nach englischer Sitte , mit weit über die Handknöchel hervorgezogenem Hemde , die künstlich gelegte , steife Cravatte , das bauschige Jabot , erinnerten an viele unserer maniirten Anglomen , und rief mir es zurück , daß man ihn allgemein in diese Cathegorie setze . Ich hasse ein für allemal jede Copie . Er mußte indeß die fremde Manier gut aufgefaßt haben , wenn in seinem Spiel nicht eigenthümlicher Charakter lag . Ich brachte das Gespräch darauf . Hugo persiflirte das Stück . Wir sind selten einer Meinung . Ich wollte doch tiefere Anklänge darin finden . Leontin sagte wie gewöhnlich nichts . Als nun aber mein ewiger Widersacher mit vieler Laune einwarf , dieser Engländer sei , wie die meisten Figuren der Art auf unserer Bühne , eine Puppe , nach todten Formen gebildet , mit abgerissenen Lappen , schlecht abstrahirten Raisonnements ausgestopft , ein Ding , das sein Pensum hersage , und zuletzt durch eine unmodivirte Catastrophe zu einem stillen , guten Manne aus der bürgerlichen Welt gemacht werde : da wandte ich mich ärgerlich gegen Leontin , und rief ihn auf , ein Geschöpf der Phantasie zu vertheidigen , in das er sich so vollkommen hinein gedacht , das er verwirklicht habe . Er blickte ein wenig finster auf , indem er ruhig erwiederte : » Nun , mein Gott , der schwarze Mann ist ein Sceptiker , der eine Seele hat , ohne sie zu fühlen , und plötzlich eine andere findet , durch die er zu sich selber kommt . « Es war augenscheinlich , Hugo überraschte die Antwort . Er sah mich lächelnd an . War es nun , um Recht zu behalten , oder wollte er Leontin leise verspotten , er fragte , ob er dem Schreckschuß zu guterletzt die Gewalt zutraue , eine , auf Grundsätzen basirte Sinnesart so mit einemmale , wie Spreu , zu zerstäuben ? Er , seiner Seits , wittre hinter dem Knall und Dampf ein Leichenfeld aller Gefühle , und den wahren Tod , den man zum Scheintod habe machen wollen . Leontin entgegnete mit mehr jugendlicher Wärme , als ich ihm zugetraut hätte : » Das Leben eines Menschen ist am Ende kein Pappenstiel ! um es bei einem geliebten Wesen aufs Spiel gesetzt zu sehen , kann wohl erschüttern , und auf Gedanken bringen , die man früher nicht hatte . « Er erzählte hierauf , nach einer kleinen Pause , wie er im nördlichen England einem Manne begegnet sei , welcher durch völlige Entäußerung alles selbstbestimmten Handelns , den Anstrich des Wahnsinnes bekommen habe , ob er gleich , in jeder andern Beziehung , einen klaren , folgerechten Geist bewährte . » Dieser Sonderling , « fuhr der Baron fort , » kam und ging wie Jemand , der ohne Zweck des Daseins lebt . Er verlangte weder Speise , Trank noch Ruhestätte , genoß indeß , was man ihm bot , ohne Widerstand , wie ohne Verlangen . Im Mittelstande geboren , hatte er sich früher als Rechtsgelehrter sehr ausgezeichnet , doch irrte er schon lange geschäftslos umher . Die welke Hingebung seines Wesens , der nachläßige Anzug , das Willenlose bis in die geringste Lebensanforderungen , bildete einen räthselhaften Contrast mit dem großen , feurigen Auge , einer blühenden Gesichtsfarbe , und raschen , oft launigen Ergüssen des Witzes . Man war verlegen , ob man den Mann für krank , oder absichtlich maniirt halten sollte ? Allein , weder von dem Einen noch dem Andern ließ sich eine Spur entdecken . Ich ward , « setzte der Baron seine Erzählung fort , » durch diese originelle Erscheinung an der Wirthstafel eines kleinen Städtchens lebhaft angezogen . Täglich sah man hier den Gegenstand so mancher unstatthaften Vermuthungen , in Gesellschaft eines , ihm auf Leib und Leben ergebenen Freundes , wiederkehren . Denn Letzterm schien daran gelegen , seinen Schützling allmählig in mannigfachen Beziehungen einzuspinnen , woraus er ein Gewebe unbestimmter Anregungen , in Gedanken entstehen und den trüben Wahn des Gemüthskranken schwinden sah . Er ließ dies mehr durch sein Benehmen , als durch unmittelbare Aeusserungen abnehmen . Er vermied im Gegentheil alles fremde Zudringen . Man hörte ihn immer nur ausweichend über den Freund reden . Was er indeß auch hoffte , und wie er die Erfüllung vorbereitete , es sollte anders kommen . Eines Tages , als die Tischgenossen länger wie gewöhnlich beisammen blieben , viel erzählt und viel getrunken ward , ohne gerade sonderlich auf ein starkes Gewitter zu achten , das über den Ort hinzog , fuhr plötzlich der Blitz nieder , und zündete in seinem unzuberechnenden Laufe an zwei Stellen des leicht , aus Fachwerk erbauten Hauses . Dampf und Geschrei , das Brausen der Flamme , so wie die Furcht vor ihrer Annäherung , jagten die Sorglosen von ihren Plätzen auf . Es stürzten alle durch einander hin . Man ergriff , faßte , was zu retten stand , mindestens sich selbst , da bald jeder Einzelne hier bedroht war . Den Advokaten hatte man im ersten Wirrwarr gleich vermißt . Sein Freund glaubte jedoch ihn an seiner Seite zum Hause hinausgehend , gesehen zu haben . Er rief ihn deshalb mit lauter Stimme ; da jener aber keine Antwort gab , wandte sich der Erschrockene wiederum nach der Brandstätte . Hier prallte er vor der Gluth des zusammenstürzenden Gebäudes zurück . Das ganze Haus lag in schwarze Rauchwirbel verhüllt , zwischen denen Funken und Flammen in wilder Wuth prasselten . Ein kürzlich vollendeter Anbau von massivem Mauerwerk , in welchem sich das Eßzimmer befand , war freilich durch davorstehende Bäume geschützt , und bis jetzt ziemlich außer Gefahr geblieben . Allein , den Weg von Innen dahin zu betreten , lag außer dem Bereich denkbarer Möglichkeit ; denn ward auch allenfalls durch den Garten der schmale Hof erreicht , in welchen die Fenster des neuen Flügels hinausgingen , so durchdrang die innere , wachsende Hitze doch den engen Raum schon in solchem Maaße , daß der Vorrath aufgestapelten Brennholzes , welcher sich hier befand , durch ein inneres Knistern und Dampfen , das nahe Losbrechen der Flamme nur allzu furchtbar verkündete , weshalb sich denn auch Niemand mehr mit Löschgeräth hierher wagte , aus Furcht , in dem Dunste zu ersticken . Alles dieses hielt indeß den treuen Freund nicht zurück . Mit einer niedern Gartenleiter versehen , drang er glücklich bis zu der Fensterbrüstung des Gemaches , in welchem er den Vermißten zu finden hoffte . Die Mauer glühete wie eine Feueresse , alle Scheiben waren bereits gesprungen . Der heldenmüthige Mann glaubte mitten in Flammen zu stehen . Dem ungeachtet gelang es ihm , jedem Hindernisse zu trotzen . Er war jetzt mitten im Saale . Seiner kaum noch bewußt , fiel gleichwohl sein erster Blick auf den ruhig dasitzenden Advokaten , der ihn verwundert anstarrte . Um Gottes Willen , rief der Eintretende , was machst Du hier ? Geschwind , besinne Dich nicht lange ! Folge mir , sonst sind wir beide verloren ! Der Andere winkte abwehrend mit der Hand . Geh ! bat er , ohne sich von der Stelle zu rühren , geh ! ehe es zu spät wird ! Mich laß hier , setzte er hinzu . Ich entfliehe dem Verderben nicht , glaube mir , am wenigsten , wenn ich dabei thätig sein wollte . Thorheiten ! « versetzte jener , ist es jetzt Zeit , albernen Grillen Raum zu geben ? Mit diesen Worten umschlang er den willenlosen Träumer , riß ihn vom Stuhle auf , schleppte ihn zum